75 Jahre DSO - Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
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1946–1956 Liebe Konzertbesucherinnen und -besucher,
RIAS-Symphonie-Orchester liebe Freundinnen und Freunde des
Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin,
1956–1993
Radio-Symphonie-Orchester Berlin in der Saison 2021/2022 feiern wir das 75. Jubiläum
unseres Orchesters nach seiner Gründung 1946 –
seit 1993
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin mit einem Geburtstagsprogramm unter der Leitung
von Chefdirigent Robin Ticciati im November und mit
Schlüsselwerken der Orchestergeschichte, die wie
Wegmarken die Konzerte dieser Spielzeit durchziehen.
Alle Informationen hierzu finden Sie in unserem sepa-
raten Saisonprogramm mit roter Titelseite.
In der vorliegenden Broschüre nehmen wir Sie mit
auf einen Streifzug durch die Jahrzehnte – mit Schlag
lichtern auf das, was das DSO schon immer ausge-
macht hat: kreative Vermittlungsformen, Begeisterung
für mediale Innovationen, Flexibilität und Überlebens
willen, hochkaratige Verbündete, vor allem aber groß
artige Musik! Wir folgen diesen Spuren bis in die
Gegenwart und Zukunft.
Unser ausdrücklicher Dank gilt dabei den vier Gesell-
schaftern der ROC – Deutschlandradio, Bundesrepu-
blik Deutschland, Land Berlin und Rundfunk Berlin-
Brandenburg –, ohne deren großzügige Zuwendungen
unsere Arbeit nicht möglich wäre.
Wir laden Sie ein zu einer Reise durch die Orchester-
geschichte. Feiern Sie mit uns und kommen Sie ins
Konzert. Wir freuen uns auf Sie!
Ihr Deutsches Symphonie-Orchester BerlinInnovation
16 Wegmarken
28 Neue Musik
Erleben
42 Musikvermittlung
52 Berlin braucht Musik!
Menschen
66 Beziehungen
90 Orchester, Akademie und Management
Spirit
98 Eine Spurensuche
Geschichte
108 Ein Berliner Leben
Vision
124 Genie des Augenblicks
135 ROC
136 Förderkreis
138 Impressum
146 Informationsangebote
147 Besucherservice
InhaltInnovation entstand beim DSO immer aus dem Mo-
ment heraus, aus dem kreativen Umgang mit Chancen,
selbst in Krisenzeiten. Aktuelle Entwicklungen wurden
erkannt, zukunftsweisende Strömungen aufgegriffen
und unbekanntes Terrain beschritten. In den 75 Jah-
ren seiner Geschichte bewegte sich das DSO dicht am
Puls der Zeit. Das folgende Kapitel erkundet innovative
Wegmarken aus der Orchestergeschichte und wid-
Innovation
met sich zugleich dem Thema, um das sich das DSO
wie kaum ein anderer Klangkörper verdient gemacht
hat – der neuen Musik. Mit weit über 400 Ur- und Erst-
aufführungen gehört das DSO zu den profiliertesten
Fürsprechern der Avantgarde, die mit ungewöhnlichen
Ideen, innovativen Spielweisen und einer immerwäh-
renden Offenheit für neue künstlerische Gedanken und
Ausdrucksformen der Gegenwart die Musikwelt der
vergangenen Jahrzehnte geprägt hat.Warum um alles in der Welt sollte man Leiter der RIAS-Musikabteilung, am Kulturförderung gehört hierzulande, den Unterstützung von Publikum und
hier und jetzt ein Orchester gründen? 7. September 1947 im Titania-Palast auch wenn das immer wieder infrage Öffentlichkeit, das Vorhaben einer
In Berlin, wo es doch an Klangkörpern an der Schloßstraße in Steglitz. Sein gestellt wird, zur ureigensten Aufgabe Fusion des DSO mit dem Kollegenor-
nicht mangelt. In den Ruinen einer Programm – mit Beethovens Zweiter von Politik und Gemeinwesen. In den chester in der ROC abzuschmettern.
ausgebombten Stadt, von der noch Symphonie, dem 1930 komponierten USA ist das traditionell anders. Umso Und auch die Pandemie, die ab Früh-
kurz zuvor unaussprechliches Leid in Klavierkonzert für die linke Hand von erstaunlicher, dass der amerikanische jahr 2020 das Konzertleben vor Pub-
die Welt getragen wurde. Und zu einer Ravel (mit der Solistin Alberte Brun) Steuerzahler mit dem RIAS in Berlin likum verunmöglicht, lehrt das DSO
Zeit, die nach Kohlenmangel und Le- und der Deutschen Erstaufführung über mehrere Jahre hinweg ein ganzes neue Fähigkeiten: Statt Jahre im Vo-
bensmittelknappheit als »Hungerwin- der Symphonie Nr. 1 von Richard Mo- Orchester finanziert. Als das schließ- raus zu planen, gilt nun Spontaneität
ter« in die Geschichte eingehen sollte. haupt, die 1940 im amerikanischen Exil lich doch zum Politikum wird, geht es als Gebot der Stunde. Binnen Tagen
Tatsächlich sind es ganz handfeste entstanden war – steht beispielhaft plötzlich ganz schnell: Um keinen Prä- entstehen Programme und Formate,
Gründe, und unmittelbar politische, für den kulturellen Neuanfang und die zedenzfall zu schaffen, fordert man die so innovativ und radikal, wie man sie
die dazu führen, dass sich im Winter Ausrichtung des Orchesters. Auf Basis Entlassung aller Musiker*innen – und langfristig nie konzipiert hätte, ob
1946/1947 ein paar Musiker »in einem der lebendigen Musiktradition des stürzt das Orchester in eine exis- live für das Radio, als Podcast fürs
kleinen, ungeheizten Raum im dritten 19. und dem Aufbruchsgeist des frü- tenzielle Krise, die nur den Anfang Internet oder als Videoproduktion mit
Stock eines Hauses in der Kleiststra- hen 20. Jahrhunderts. Mit Musik, die eines jahrzehntelangen Ringens um einer Bildsprache, die, stets das Neue
ße« (Heinz Hoefs) zu ersten Proben während der Zeit des Nationalsozia finanzielle Stabilität markieren sollte. suchend, das nur abgefilmte Konzert
einfinden. Schon bald nach dem Ende lismus verboten, deren Komponist- Zugleich ist sie aber auch der Beginn ganz alt aussehen lässt. Die Krise
des Zweiten Weltkriegs brechen die und Interpret*innen verfemt, ins Exil einer beachtlichen Erfolgsgeschichte, als Chance – für das DSO ist das seit
ideologischen Konflikte zwischen den getrieben oder ermordet wurden. Mit die im Stillen die künstlerische beglei- 75 Jahren mehr als eine Plattitüde.
Alliierten wieder auf, manifestieren neuer Musik und Werken der jüngsten tet und den Charakter des Orchesters Der Geist, der daraus erwuchs, ist
sich ganz direkt im Alltag der besetz- Vergangenheit, die oft erstmals in entscheidend prägt: eine Geschichte bis heute lebendig.
ten Stadt. Als Gegenmodell zum sow- Berlin zu hören sind. Diesem Anspruch von Überlebenswillen, Unabhängigkeit
jetisch kontrollierten Berliner Rund- ist das RIAS-Symphonie-Orchester, und enormer Flexibilität. Im Juli 1953
funk entsteht 1946 unter US-Ägide der das später Radio-Symphonie-Orches- nehmen die Musiker*innen das Heft
zunächst über das Telefonnetz (›Draht- ter Berlin und heute Deutsches Sym selbst in die Hand, gründen eine GbR,
funk‹, DIAS), bald darauf drahtlos phonie-Orchester Berlin heißt, bis generieren durch Plattenverträge
verbreitete ›Rundfunk im amerikani- heute verpflichtet. regelmäßige Einnahmen. Der RIAS und
schen Sektor‹ (RIAS). Der neue Sender ab 1956 auch der Sender Freies Berlin
hat kein eigenes Archiv, aber Ambi- (SFB) werden als Produktionspart-
tionen und Musikbedarf, und so wird ner gewonnen, der Bund und Berlin
am 15. November 1946 die Gründung springen helfend bei. Man heißt nun
eines eigenen Orchesters beschlos- Radio-Symphonie-Orchester Berlin
sen. Rasch beginnt man zu proben, und ist eine unabhängige GmbH, doch
zunächst mit kleiner Besetzung und immer wieder muss um den Erhalt
hoher Personalfluktuation, doch nur gekämpft, in Bonn vorgesprochen,
ein halbes Jahr später hat das RIAS- nach Verbündeten gesucht werden.
Symphonie-Orchester erste Gestalt Nach der politischen Wende bringt die
angenommen. Die Stellen »beim Ame- Integration dreier weiterer Ensembles
rikaner« sind begehrt, auch für Musi- unter dem Dach der nunmehr Rund-
kerinnen und Musiker aus dem Ostteil funk-Orchester und -Chöre (ROC)
der Stadt, und das liegt nicht nur an genannten Gesellschaft 1993 zwar in-
der warmen Mahlzeit, die zusätzlich stitutionelle Stabilität, birgt aber neue
zum Gehalt gereicht wird. Das erste Plakat zum ersten öffentlichen Konzert des DSO Herausforderungen. 2009 gelingt es ›Das Orchester, das nicht sterben will‹, Artikel in
Konzert dirigiert Walter Sieber, der am 7. September 1947 dem Orchester mit der überwältigen- der Zeitschrift ›Radio-Revue‹ vom Januar 1957
15.11.1946 1.7.1953
Kultureller Neubeginn Die Krise als Chance
16 Wegmarken Wegmarken 17Als 1958 die ersten Stereo-Schallplat- neue Fernsehkonkurrenz zumindest Niemand hätte wohl gedacht, dass mann (1986), Leonidas Kavakos und
ten auf den Markt kommen, ist das akustisch abgehängt. Erst zur Funk- dieses ungewöhnliche Konzert, das Evgeny Kissin (1987), Isabelle Faust
DSO sofort dabei, unter anderem mit ausstellung 1981 zieht das ZDF nach, an einem Dienstag Anfang November und Cecilia Bartoli (1988), Daniel Hope
Strawinskys ›Feuervogel‹-Suite mit und auch dieses Mal ist das DSO dabei, 1959 im gerade erst wiedereröffneten (1993), Sakari Oramo (1996), Renaud
Lorin Maazel bei Decca (USA, 1958) gibt bei einer Liveübertragung aus dem Sendesaal im Haus des Rundfunks Capuçon (2000), Martin Helmchen und
oder Mozarts ›Don Giovanni‹ unter Theater des Westens das erste Ste- stattfindet, so lange nachwirken Baiba Skride (2003), Johannes Moser
Ferenc Fricsay bei der Deutschen reokonzert im deutschen Fernsehen. würde. Auf dem Programm gleich drei (2004), Antoine Tamestit (2005) und
Grammophon (Deutschland, 1959). Christoph von Dohnányi dirigiert die Solokonzerte: das B-Dur-Cellokonzert Jakub Hrůša (2007). Mit ihnen darf das
Das ist so weit nicht ungewöhnlich, Achte Symphonie von Dvořák, und im von Boccherini, das Erste Klavier- DSO auf seiner Bühne die Stars von
die gesamte Musikwelt bedient sich Ersten Klavierkonzert von Liszt kann konzert von Brahms, das Erste Vio- morgen kennenlernen, mit vielen von
rasch der neuen Technologie, die der man die große Martha Argerich erst- linkonzert von Paganini und danach ihnen entwickeln sich langjährige Part-
Tonaufzeichnung erstmals räumliche mals gemeinsam mit dem Orchester die Symphonische Dichtung ›Der nerschaften. Mit David Robertson
Dimension verleiht. Im Radio hat es erleben. Technologisch passiert danach Zauberlehrling‹ von Dukas. Auf der (1983), François Leleux (1993), Gautier
der Wunderklang zunächst schwer. einiges: Die digitale Revolution bringt Bühne, neben dem DSO: Leslie Par- Capuçon (2001), dem ehemaligen
Der Sender Freies Berlin (SFB), der 1982 die CD, Rauschfreiheit und eine nas (Violoncello), Anton Kuerti (Kla- DSO-Chefdirigenten Tugan Sokhiev
das frisch renovierte Haus des Rund- Flut von Veröffentlichungen. Surround- vier), Uto Ughi (Violine) und Christoph (2003) und Lise de la Salle (2006)
funks mit neuester Technik ausstatten Sound in den 90er- und 3D-Fernsehen Stepp – drei Solisten und ein Dirigent, sind auch in der Jubiläumssaison
kann, leistet hierzulande Pionierarbeit in den 2010er-Jahren werden gehypt die keiner kennt. Doch man wird sie 2021/2022 Ehemalige der Reihe beim
und strahlt ab 1958 Testsendungen und wieder fallen gelassen. Musikhören kennenlernen, denn das ist die Idee Orchester zu Gast. Und die nächsten
aus. Das Verfahren wirkt heute kuri- ist für viele inzwischen ein mobiles Ver- hinter der Reihe ›RIAS stellt vor‹, die Debüts sind bereits geplant.
os: SFB 1 überträgt den linken, SFB 2 gnügen, das Streamingangebot wich- hier ihre Geburtsstunde erlebt. Junge,
den rechten Kanal, und wer den vollen tiger als Equipment oder High-Fidelity. spannende Künstlerpersönlichkeiten,
Effekt genießen will, muss sich zwei Manche mögen das bedauern. Doch mit die gerade erste Wettbewerbe ge-
Radioapparate aufstellen. Zur Eröff- seinen Onlineformaten, Konzertfilmen wonnen und mit einer eigenen Stimme
nung des renovierten Sendesaals am und flexiblen Hörangeboten hat das auf sich aufmerksam gemacht haben,
28. September 1959 gestaltet das DSO DSO neue Möglichkeiten für den Aus- sind zum Berliner Debüt geladen und
das bundesweit erste stereophone tausch mit seinem Publikum gefunden. können bei freier Repertoirewahl
Livekonzert; Ferenc Fricsay dirigiert Und Livemusik ist schließlich durch gleich ganz oben einsteigen – an der
Mozarts Große c-Moll-Messe und Ko- nichts zu ersetzen! Seite eines hervorragenden Orches-
dálys ›Psalmus Hungaricus‹. Einfacher ters, auf großer Bühne und vor noch
wird es zur Funkausstellung 1963, als größerem (Radio-)Publikum. In über
die FM-Stereophonie, die nur noch ei- 150 Konzerten hat die Reihe, die später
nen Empfänger benötigt, die Radiozu- ›Debüt im Deutschlandradio‹ heißt
kunft einläutet. Während die Industrie und heute als ›Debüt im Deutschland-
in den Messehallen ihre Geräte präsen- funk Kultur‹ firmiert, eine beachtliche
tiert, sendet der SFB von der anderen Leistungsschau des künstlerischen
Straßenseite. Zu den Highlights gehört Nachwuchses geliefert; dazu zählen
das erste Livekonzert nach dem neuen unter anderem Rudolf Buchbinder
Verfahren am 30. August – wieder mit (1962), Gerd Albrecht, Jacqueline
dem DSO, mit Wolfgang Sawallisch, du Pré und Daniel Barenboim (1963),
der Sopranistin Grace Bumbry und Maurice André (1964), Jessye Norman
Opernarien sowie Strauss’ ›Don Juan‹ (1969), Simon Rattle (1977), Thomas
und Schumanns Vierter Symphonie. Zehetmair (1978), Kolja Blacher (1980),
Programmheft zum ersten Stereo-Konzert im Gerd Albrecht und die Cellistin Jacqueline du Pré
Bereits zwei Jahre später sendet man deutschen Fernsehen vom 13. September 1981 mit Håkan Hardenberger (1981), Franz beim ›Debüt‹-Konzert am 5. März 1963 im Haus
durchgängig stereo und hat damit die Christoph von Dohnányi und Martha Argerich Welser-Möst (1984), Tabea Zimmer- des Rundfunks
28.9.1959 3.11.1959
Raumklang am Puls der Zeit Stars von morgen
18 Wegmarken Wegmarken 19Es ist eine aufregende, farbenprächtige Moderne, sind die Innovationen und »Wir haben für das Projekt nur Kolle- Früchte. Vieles ist seitdem selbstver-
und längst vergessene Welt, die sich individuellen Wege der von den Nazis ginnen und Kollegen eingeteilt, die als ständlich geworden. Ein ›Branden-
hier neugierigen Ohren präsentiert. verfolgten Komponisten kaum mehr zu wagemutig bekannt waren«, erinnert burgisches Konzert‹ spielt man schon
Musik von Franz Schreker ist am An- hören; in den 80er- und 90er-Jahren sich ein Musiker, der am 30. März 1986 lange nicht mehr mit Bruckner-Beset-
fang des Konzerts mit Erich Leinsdorf werden sie wiederentdeckt, gemeinsam dabei war. Mit Nikolaus Harnoncourt zung. Und auch die Musikerinnen und
am 24. September 1978 zu hören: Zwei mit Partnern beim Radio und der Ton- steht bei einem Mozart-Programm Musiker lernen die unterschiedlichs-
lyrische Gesänge nach Walt Whitman trägerindustrie. Vor allem Gerd Albrecht erstmals ein Protagonist jener Bewe- ten Spielweisen oft bereits im Studi-
und das ›Vorspiel zu einem Drama‹, die und Lothar Zagrosek, aber auch Ric- gung am Pult des DSO, die sich mit um kennen. Historisch informiert zu
Konzertfassung der Ouvertüre zur Oper cardo Chailly, Vladimir Ashkenazy und historischen Besetzungen, Instrumen- spielen, ist beim DSO inzwischen auch
›Die Gezeichneten‹ von 1913. Diese Peter Ruzicka erkunden in zahlreichen ten und Stimmungen, Tempofragen, Chefsache: Robin Ticciati lässt 2018
wundersam schillernde Fin-de-Siècle- DSO-Konzerten das unbekannte Re- rhythmischen Besonderheiten und das Orchester in Händels ›Messias‹
Musik bildet den Auftakt zu einer ein- pertoire, erschaffen mit Einspielungen Klangfarben auseinandersetzt. War erstmals und seitdem immer wieder
zigartigen Bewegung, an deren Spitze von Opern wie Schrekers ›Der ferne die historisch informierte Auffüh- auf Darmsaiten und mit historischen
das DSO steht. Sie hat sich der Wieder- Klang‹, Walter Braunfels’ ›Die Vögel‹, rungspraxis bislang nur von Spezialen- Blechblasinstrumenten musizieren. Mit
entdeckung lange vergessener Kompo- Berthold Goldschmidts ›Der gewaltige sembles gepflegt und von Spöttern als ihm wagt sich das Orchester sogar ans
nisten verschrieben, die vor allem von Hahnrei‹ oder Korngolds ›Das Wunder »Müsli-Musik« geschmäht worden, so Improvisieren. Auch das ist historisch!
Wien aus die Musikwelt der 1910er- der Heliane‹ Referenzaufnahmen, die hält sie nun auch bei einigen Sympho-
und 1920er-Jahre im Sturm eroberten den Stücken ihren Weg zurück auf nieorchestern Einzug. Das Experiment
und zur musikalischen Avantgarde ihrer die Bühnen bahnen und neben etlichen gelingt, die neuen Ideen verfangen
Zeit zählten. Neben Schreker – mit Orchesterwerken in der Reihe ›Entartete beim DSO. Weil sie einen frischen
Richard Strauss der damals meistge- Musik‹ des Labels Decca international Blick auf das Repertoire erlauben und
spielte Opernkomponist im deutsch- für Furore sorgen. Auch die Jubiläums ein schlankes, transparentes Klang-
sprachigen Raum – gehören dazu unter saison verheißt zahlreiche Begegnungen: bild produzieren, setzen sie rasch
anderem Erich Wolfgang Korngold und Von Korngold, Zemlinsky und Pavel willkommene neue Akzente in den
Alexander Zemlinsky, aber auch Erwin Haas erklingt Kammermusik; in der Phil- Spielplänen: Ton Koopman erkundet
Schulhoff – der sich früh von Jazz und harmonie ist die Ouvertüre für kleines mit dem Orchester Musik von Bach,
Dada inspirieren ließ – und der ebenfalls Orchester von Krása zu hören, ein Kon Händel, Haydn oder Rameau, Sir Roger
aus Prag stammende Hans Krása. Doch zert widmet sich Filmmusik und der Norrington dirigiert Symphonien von
als ihre Musik von den Nationalsozia- Rückkehr Korngolds zur Symphonie, Mozart, eröffnet mit seinem vibrato
listen als »jüdisch«, »dekadent« oder und Zemlinskys ›Seejungfrau‹ gehört freien »pure tone« aber auch neue
»entartet« verboten wurde, fielen sie fast schon zu den Dauerbrennern im Blickwinkel auf Beethoven und Berlioz
bald dem Vergessen anheim. Schreker Programm des DSO. oder gar auf Werke des 20. Jahrhun-
starb 1934, Zemlinsky 1938 im New derts, wie er mit seinen gefeierten
Yorker Exil, Krása und Schulhoff wur- Zyklen der Symphonien von Vaug-
den in Konzentrationslagern ermordet. han Williams und Martinů beweist.
Korngold erfand in Hollywood die Film- Barockspezialist*innen der jüngeren
musik neu, konnte aber nach dem Krieg Generation kommen regelmäßig hinzu.
im Konzertsaal nicht wieder Fuß fassen. Die harte Schule der neuen Musik, die
Serialismus und elektronische Musik eben nicht nur das Publikum, sondern
waren nun die neuste Mode, die als auch ihre Interpret*innen stets mit
spätromantischer Schwulst geschmäh- Ungewohntem und Ungewöhnlichem
ten Relikte der Vorkriegszeit kehrten fordert, hat das DSO von Anfang an
nicht auf die Spielpläne zurück. Über durchlaufen. Sie lehrte es, offen und
CD-Cover der Einspielung von Korngolds Oper Barocktrompeten bei den Aufnahmen zum Film
vier Jahrzehnte lang ist die sinnliche, ›Das Wunder der Heliane‹, die 1992 in der Decca- flexibel zu sein, und genau das trägt ›Im Exil – von Göttern und Menschen‹ in der
rauschhafte Zaubermusik der Wiener Reihe ›Entartete Musik‹ veröffentlicht wurde nun auch bei den alten Klangwelten Friedrichswerderschen Kirche im Herbst 2020
24.9.1978 30.3.1986
Renaissance der Vergessenen Historische Klangwelten
20 Wegmarken Wegmarken 21Ein riesiger Kosmos an Musik steht heu- können Paul Hindemith und Arnold
te jedem zur Verfügung, der sich dafür Schönberg stehen. Vor ihrer Emigra-
interessiert – in Konzerten, Noten, auf tion hatten beide in Berlin wichtige
Bild- und Tonträgern, Servern und Strea- Positionen als Kompositionslehrer inne,
mingplattformen des weltweiten Net- Hindemith leitete außerdem die Rund-
zes. Fast alles ist potenziell gegenwärtig, funkversuchsstelle an der Musikhoch-
unabhängig davon, wann es entstand. schule. Das DSO spielte seine Werke,
Was heißt in dieser virtuellen Omniprä- er selbst dirigierte drei Konzerte. Musik
senz der Epochen eigentlich: »neu«? von Schönberg steht seit dem 7. März
Das, was ich nicht kenne? Oder gibt 1948, als die Erste Kammersymphonie im
es Übergreifendes, das vielleicht alle Steglitzer Titania-Palast erklang, in lo-
angehen und viele ansprechen kann? Mit ckerer Kontinuität auf Programmen des
Robin Ticciati sucht und gibt das DSO Orchesters. In dosierter Auswahl wurde
auf die allgemeinen Fragen konkrete sie teils Repertoire, teils Ausnahme
Antworten; sie sind durch die Pandemie ereignis wie die monumentalen ›Gurre-
noch dringlicher geworden. Gewohnte Lieder‹ oder das Oratorienfragment
Konzert-, Darstellungs-, Vermittlungs- ›Die Jakobsleiter‹; dessen Aufführungen
und Kooperationsformen kommen auf durch Kent Nagano (2001 zur Eröffnung
den Prüfstand, neue werden erprobt. des Jüdischen Museums) und Ingo Metz-
Musik heutiger Komponist*innen nimmt macher (zum Musikfest Berlin 2015)
in Ticciatis Überlegungen einen festen zählen zu den denkwürdigen Ereignissen
Platz ein. Er kann auf Leistungen seiner der Orchesterhistorie. Ein markantes
Vorgänger aufbauen, und er kann sich Datum in der Frühgeschichte des DSO
auf ein Orchester verlassen, zu dessen war der 28. Februar 1951 mit der Deut-
Das DSO und die neue Musik DNA die Vermittlung neu komponierter schen Erstaufführung des Violinkonzerts
Architektur
Werke und das Verlangen nach frischen von Alban Berg, dem 1935 verstorbenen
ästhetischen Erfahrungen gehören. Freund und Schüler Schönbergs.
Unterbrochene Traditionen Berliner Töne
Für ein Ensemble, das eineinhalb Jahre Regelmäßig stellte das DSO Werke
des künst-
nach Shoah und Krieg gegründet wurde, von Komponisten vor, die in Berlin vor
um einen kulturellen Neubeginn mitzu- allem als Hochschullehrer wirkten.
tragen, war diese genetische Program- Damit wurde die Vernetzung der Kul-
mierung notwendig. Als modern galt turinstitutionen in der Stadt neu belebt.
damals alles, was die NS-Doktrinen Besondere Bedeutung kam dabei Boris
lerischen
überwand, und das war ein weites Spek- Blacher zu, dem langjährigen Hochschul-
trum. Bei der Werkauswahl ergänzten direktor, und seinen Schülern, unter
sich zwei Blickrichtungen: die nationale, ihnen Gottfried von Einem (über dessen
nach innen gewandte, und die internatio- Oper ›Dantons Tod‹ Ferenc Fricsay zum
nale, weltorientierte. Unter den Weltbür- DSO kam), Aribert Reimann, dessen
Bewusst-
gern neuer Musik erhielt Igor Strawinsky Zusammenarbeit mit dem DSO seit 1960
den Spitzenplatz kurz vor Bartók. Im andauert, Isang Yun, dessen Laufbahn
ersten Vierteljahrhundert der DSO-Ge- in Deutschland durch eine gewaltsa-
schichte wurden seine Werke in 77 Kon- me Entführung unterbrochen wurde,
zerten gespielt, sechs davon waren reine und manch anderer, der heute nur noch
Strawinsky-Programme; drei dirigierte wenigen bekannt ist. Frank Michael
seins
Ferenc Fricsay, je eines der Komponist Beyer, der seine Jugend im Exil und vor
selbst, sein langjähriger Assistent Robert den Nazis versteckt zubrachte, Schüler
Craft und der Schweizer Musikmäzen Ernst Peppings, war mit seinen Werken
Paul Sacher. Als Beispiele für das An- ab 1958 immer wieder vertreten. Dazu
knüpfen an unterbrochene Traditionen kam Werner Egk, Blachers Vorgänger
Neue Musik 29als Hochschuldirektor; er konnte seine Gegenwartsmusik Oper ›Dionysos‹ bei den Salzburger gegenüber. Unter Kent Nagano rückte
Aktivitäten während der NS-Zeit später Die Förderung neuer Musik war im Festspielen 2010 unter Ingo Metzma- neue Musik weit in den Vordergrund.
lange verdeckt halten und damit auch Bildungsauftrag der Rundfunkanstalten chers Leitung. Pierre Boulez, Vinko Er initiierte mit Deutschlandradio und
international so manchen täuschen. verankert; auch darin wirkten kulturpo- Globokar, Sofia Gubaidulina, György dem Arnold Schönberg Center Wien den
Die Uraufführung seiner Rameau-Suite litische Maximen der 1920er-Jahre wei- Kurtág, Helmut Lachenmann, Luigi Arnold-Schönberg-Preis, der von 2001
dirigierte Fricsay am 31. Januar 1950 in ter. Nachdem Karl Amadeus Hartmann Nono, Arvo Pärt, Krzysztof Penderecki, bis 2008 an Komponist*innen verge-
einem Konzert mit ›Werken deutscher in München 1945 die ›Musica viva‹ ini- Dieter Schnebel, Alfred Schnittke, ben wurde und mit einer Residenz beim
zeitgenössischer Komponisten‹ zusam- tiiert hatte, die 1948 in die Trägerschaft Iannis Xenakis – die Liste renommierter DSO verbunden war. George Benjamin,
men mit von Einems Serenade op. 10, des Bayerischen Rundfunks überging, Namen lässt sich lange fortsetzen. Vom Unsuk Chin, Aribert Reimann und Jörg
Blachers Erstem Klavierkonzert op. 28 richtete der 1945 von den Westalliierten DSO wurden sie meist gespielt, bevor Widmann konnte man so in der Breite
und Ausschnitten aus Orffs ›Carmina eingesetzte Nordwestdeutsche Rund- sie breitere Bekanntheit erlangten. Eini- ihres Schaffens genauer kennenlernen.
burana‹ – das Programm enthält die gan- funk (NWDR) 1951 im Kölner Funkhaus ge standen selbst als Dirigenten am Pult Mit Messiaens großen Werken, mit der
ze Problematik einer Komponistengene- die Reihe ›Musik der Zeit‹, in Hamburg des Orchesters, so Michael Gielen, La- Pariser Uraufführung von John Adams’
ration, deren prägende Jahre in die Zeit ›Das neue Werk‹ ein. Der Sender Freies dislav Kupkovič, Bruno Maderna, Karl- ›El Niño‹ setzten Nagano und das DSO
des Nationalsozialismus fielen. Berlin (SFB), 1954 aus dem NWDR her- Heinz Stockhausen und Hans Zender. Zeichen der Modernität weit über das
vorgegangen, wählte für seine Initiative Berliner Musikleben hinaus. Sein Nach-
Im internationalen Repertoire kon- den Titel einer Konzertreihe, die 1936 In der Ära von Riccardo Chailly und folger Ingo Metzmacher erlangte gar sein
zentrierte sich das damalige RIAS- bis 1938 in Wien von Künstlern aus dem Peter Ruzicka kamen zwei wichtige Initi- Renommee als Interpret neuer Musik. In
Symphonie-Orchester zunächst auf Schönbergkreis geleitet wurde: ativen hinzu: Neuentdeckungen wurden der Berliner Erstaufführung von Helmut
Komponisten aus den USA, Frankreich ›Musik der Gegenwart‹ startete 1955; durch Wiederentdeckungen ergänzt. Oehrings ›Blaumeer‹ und mit ›Aufbruch
und Großbritannien, den westlichen bis heute haben in dieser Reihe rund 1986 eröffnete Gerd Albrecht, als Diri- 1909‹ als Themenschwerpunkt seiner
Gewährsmächten. Bedeutsam bleiben 230 Konzerte stattgefunden. Nachdem gent dem DSO lange verbunden, die zweiten Saison lagen seine herausragen-
Sergiu Celibidaches Einstand mit einem die Trägerschaft für das DSO 1956 neu Reihe ›Wege zur Neuen Musik‹. Im Ge- den Bekenntnisse neuer Musik. Robin
Gershwin-Programm (Oktober 1948) geregelt war, beteiligte sich das Or- spräch mit den Komponist*innen und Ticciati hat sich die unterschiedlichsten
und ein Sonderkonzert, das Samuel chester regelmäßig daran, erstmals am mit Klangbeispielen führte er in ein Werk Kooperationen mit jungen Kreativen
Barber mit eigenen Werken bestritt 4. Dezember 1958. Mit Werken von Bo- ein, das er abschließend ganz dirigierte. auf die Fahnen geschrieben. Er lenkte
(21. Februar 1951). Französisches Reper ris Blacher, seinem Schüler Heimo Erb- Die Veranstaltungen wurden aufgezeich- das DSO in einen Dialog mit innovativen
toire wurde bis in die jüngere Zeit nicht se, dem exilierten Ernst Toch und Rudolf net, fernsehgerecht aufbereitet und vom Geistern der Clubszene, machte Helen
so oft und vielfältig gespielt wie im Hartung knüpfte es an die bisherige SFB ausgestrahlt. Ihre Idee wirkt bis Grime, die britische Komponistin, und
ersten Jahrzehnt des DSO. Mit Benjamin Repertoirepolitik an. Avancierteres kam heute weiter in den Educationprogram- Ondřej Adámek, den Wahlberliner aus
Britten, Michael Tippett, Ralph Vaughan sukzessive in die Programme; in den men, die inzwischen jedes Orchester Prag, dem hauptstädtischen Publikum
Williams und William Walton wurden Hochzeiten der Avantgarde bestimmte auflegt, und in den moderierten Casual näher bekannt.
führende britische Tonsetzer jener Jahre es das Bild. Johann Friedrich Hasse, der Concerts, die Ingo Metzmacher 2007
bekannt gemacht. Den europäischen treibenden Kraft beim Sender, gelang es einführte – ohne explizit pädagogischen Ticciati führt damit die Tradition des
Horizont weitete Musik schwedischer, 1964, die zweite und damit die Deutsche Anspruch. Der Tendenz zu festivalar- Orchesters fort, die Offenheit für neue
italienischer und spanischer Komponis- Erstaufführung von Gustav Mahlers tigen Konzeptionen in der neuen Musik künstlerische Gedanken und Ausdrucks-
ten. Schostakowitsch, in den USA um- Zehnter Symphonie in der Ergänzung folgen Deutschlandradio und SFB (bald formen der Gegenwart mit dem neugieri-
stritten, aber anerkannt, wurde erstmals von Deryck Cooke und Berthold rbb) seit 1999 mit dem Festival ›Ultra- gen Blick in die Vergangenheit zu verbin-
im März 1961 gespielt. Denkwürdig auch Goldschmidt nach Berlin zu holen. Gold- schall Berlin‹, in das die Reihe ›Musik den und damit als Klangkörper relevant
ein Konzert im Vorfeld des 20. Grün- schmidt dirigierte – fast 30 Jahre nach der Gegenwart‹ einging. zu bleiben, ohne sich kurzlebigen Moden
dungsjubiläums: Lukas Foss, 1922 in seiner Emigration aus Deutschland, und zu verpflichten. Wie geht es weiter?
Berlin als Lukas Fuchs geboren, 1933 über 20 Jahre, ehe seine eigenen Werke Innovation als Chefsache Neuen Ideen sind keine Grenzen gesetzt.
in die USA emigriert, dirigierte eigene hier wieder Beachtung fanden. Neue(re) Musik und Neubewertungen Wir brauchen sie heute, in und hoffent-
Werke, Schönberg, Xenakis, Haydn und des tradierten Repertoires waren immer lich bald nach einer Krisenzeit dringender
die Deutsche Erstaufführung von Schos- Zusammen mit den Abonnements- und auch Chefsache, bei Fricsay, bei Maazel, denn je. Krisenzeit ist auch Gründungs-
takowitschs Zweitem Violoncellokon- Sonderkonzerten bildete ›Musik der bei Chailly und bei ihren Nachfolgern. zeit – für eine neue Architektur unseres
zert mit dem Widmungsträger Mstislaw Gegenwart‹ ein duales System, in dem Vladimir Ashkenazy, der zur (Post-) künstlerischen Bewusstseins.
Rostropowitsch – eine Demonstration das DSO viele Ur- und Erstaufführungen Avantgarde eher Distanz hielt, stell-
gegen den Kalten Krieg. Entscheidende leistete. Von Wolfgang Rihm wurden te in der Reihe ›Open Windows‹ je ein HABAKUK TRABER
Akzente aber setzte schon Ferenc wiederholt neue Werke vorgestellt, ein Solokonzert aus dem 20. Jahrhundert
Fricsay mit Werken Béla Bartóks. Höhepunkt war die Uraufführung seiner einem klassisch-romantischen Werk
30 Neue Musik Neue Musik 31Mit weit über 400 Ur- und Erstaufführungen von 274 Komponist*innen
in 75 Jahren spielten Musik der Gegenwart und mitunter auch historische
Neuentdeckungen eine prägende Rolle im Repertoire des DSO.
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Die Namensgröße illustriert die Häufigkeit von Premieren der Komponist*innen beim DSO.
32 Neue Musik Neue Musik 33Das Erleben von Musik ist etwas Existenzielles. Dass
sich dabei durch Wissen und Verstehen ganz neue Ho-
rizonte öffnen, ist Daseinsgrundlage und Erkenntnis
dessen, was wir heute als »Musikvermittlung« ken-
nen. Das Wort vereint in sich verschiedene, mal mehr,
mal weniger modische Begriffe, von »Konzertpäda-
gogik« über »Education« und »Outreach« bis »Au-
dience Development«. Musikvermittlung beschreibt
eine Vielzahl von Aktivitäten, die heute fest zum
Angebot eines Symphonieorchesters gehören. Ihre
Adressat*innen und Spielfelder sind mannigfaltig, sie
Erleben
richtet sich an Kinder und Erwachsene, an Unerfah-
rene und »alte Hasen«, sie kann als Vortrag auftreten
oder als Gesprächskonzert, als Probenbesuch, als Ein-
ladung zum Zuhören, zum Teilhaben, zum Mitmachen
oder selbst Musizieren. Barrieren einreißen, Neugier-
de wecken und Wissen vermitteln, kurz: Menschen für
Musik zu begeistern und in ihrem Namen zusammen
zubringen, gehörte von Anfang an zu den Anliegen
des DSO und ist in den unterschiedlichsten Formaten
immer Teil seiner 75-jährigen Geschichte gewesen.
In diesem Kapitel stellen wir sie vor. Was Musik mit
uns Menschen macht, und warum das Erleben von
Musik so wichtig ist, untersucht im Anschluss der Text
›Berlin braucht Musik!‹ aus physiologischer und anth-
ropologischer Perspektive.Ferenc Fricsay, der legendäre erste
Chefdirigent des DSO, erkannte schon
früh das große Potenzial der medialen
Verbreitung von Musik. Über das Radio
und den Schallplattenmarkt erlangten
er und sein Orchester Weltgeltung, und
auch die Möglichkeiten des noch jun-
Repertoire entdecken
gen Fernsehens wusste er zu nutzen.
Für eine Sendereihe des SFB ließ er
Die ›Werkstatt‹-Reihe
sich und das DSO 1961 bei der Proben-
arbeit begleiten und gewährte dem
Publikum dabei großartige Einblicke in
den Arbeitsprozess eines Orchesters
und das Entstehen einer Interpretation.
Sie zeigt Fricsay im Zusammenspiel mit
einem bestens disponierten DSO als
präzisen Orchesterlehrer und bild-
haften Kommunikator musikalischer
Ideen und Vorstellungen. Man sieht
einen Dirigenten, der Musik lebt und
Chefdirigent Ferenc Fricsay bei den Aufnahmen liebt, der erklärt, singt, gestikuliert und
zum Fernsehkonzert mit Kodálys ›Háry János‹- dabei sein Orchester – »Bitte, seid’s
Suite im November 1961
so lieb« – immer wieder animiert und
mitnimmt. Mit Fricsay erfährt man, wie
das Abstrakte der Partitur in einem Seltene Einblicke in den Maschinen-
lebendigen Kommunikationsprozess raum des Orchesterklangs, aber auch
klingend-konkrete Gestalt gewinnt. reizvolle musikhistorische Entdeckun-
Das war Bildungsfernsehen erster gen ermöglichten zahlreiche Werk-
Güte, ohne Dünkel und Scheuklappen, stattkonzerte, die in Zusammenarbeit
und das bundesweit zur besten Sende- mit dem RIAS in den 70er- und 80er-
zeit. Leider wurden nur zwei Folgen mit Jahren stattfanden. Sie verbanden
Kodálys ›Háry János‹-Suite und Dukas’ ›Zur Erinnerung an das Wiedertreffen alter die öffentliche Probe mit einer an-
›Der Zauberlehrling‹ im November 1961 Freunde‹ – Eintrag Yehudi Menuhins 1956 in die schließenden Aufführung, wurden von
Autogrammbücher, die der Cellist Heinrich Köhler
aufgezeichnet. Fricsay, schon damals von 1953 bis 2011 für das DSO führte Dirigenten moderiert, bisweilen auch
schwer krank, zog sich im Dezember durch Diskussionsveranstaltungen
vom Konzertleben zurück und starb, ergänzt. Der Dirigent und Musikwis-
mit nur 48 Jahren, im Februar 1963. senschaftler Peter Gülke präsentierte
dort 1979 unter anderem drei Sympho-
niefragmente von Franz Schubert erst-
mals in Berlin, 1986 die Uraufführung
einer Ergänzung des Finalfragments
von Bruckners Neunter Symphonie
durch Nicola Samale und Giuseppe
Mazzucca. Eine öffentliche Probe von
Bartóks Divertimento für Streichor-
chester leitete der große Geiger Yehudi
Menuhin, der dem Orchester seit 1949
als Solist eng verbunden war. 1978
Bildung ohne Scheuklappen stand er mit dem Werk bei einem Kon-
zert zum 15. Todestag Ferenc Fricsays
›Das Fricsay-Fernsehkonzert‹ erstmals als Dirigent am Pult des DSO.
42 Musikvermittlung Musikvermittlung 43Dass Wissen und Verstehen dem
Kunstgenuss durchaus förderlich sind,
beweist auch der große Erfolg der Kon-
zerteinführungen mit Habakuk Traber,
die für viele untrennbar zum DSO-Er-
lebnis gehören. 1995 entstand erstmals
Komponisten hautnah in Berlin die Idee, Einführungsvorträge
nicht nur zu besonderen Anlässen an-
›Wege zur Neuen Musik‹ zubieten, sondern sie zum ganz natürli-
chen Bestandteil des Konzertabends
in der Philharmonie zu machen. Mittler-
weile sind die Einführungen, die jeweils
Auf Musik der Gegenwart lag der um 19.10 Uhr im Südfoyer der Philhar-
Fokus der Fernsehreihe ›Wege zur monie das bevorstehende Konzert
Neuen Musik‹, die der Dirigent Gerd auf anregende Weise vorbereiten, zu
Albrecht, einer der Pioniere der Edu einer eigenen Institution geworden:
cation-Bewegung und über 30 Jahre In 30 Minuten verschafft Habakuk
lang dem Orchester eng verbunden, Traber, Musikwissenschaftler und
gemeinsam mit dem DSO und dem SFB Autor, mit enzyklopädischem Wissen
entwickelte. In 15 Konzerten zwischen ebenso ausgestattet wie mit Talent zu
1986 und 1995 empfing er mit Aribert ansprechender Vermittlung, Einblicke
Reimann, Krzysztof Penderecki, Hans in Form und Gehalt der gespielten
Werner Henze, Siegfried Matthus, Werke; er präsentiert Wissenswertes
György Ligeti, Mauricio Kagel, Michael und Interessantes über ihre Entstehung
Tippett, Alfred Schnittke, Sofia und Rezeption und gibt Hörbeispiele
Gubaidulina, Isang Yun, Josef Tal, Helmut am Klavier oder anhand von Tonträgern.
Lachenmann, Wolfgang Rihm, Cristóbal Zu Ur- und Erstaufführungen empfängt
Halffter und Rolf Liebermann ein wah- er bisweilen auch Komponist*innen
res »Who’s who« der zeitgenössischen oder Dirigent*innen zum anregenden
Musik auf seiner Bühne. Der Fokus und erhellenden Gespräch.
lag dabei jeweils auf einem einzigen
Werk, das im Gespräch mit seinen
Schöpfer*innen ergründet und mithilfe
klingender Analyse ausgewählter Habakuk Traber beim Einführungsgespräch
während des Festivals ›Brahms-Perspektiven‹
Orchesterpassagen erklärt wurde. im Februar 2019
Einige dieser historischen Dokumente
mit faszinierenden Einblicken in die
Welt des Gegenwartsklangs sind
inzwischen auch als DVD-Box unter
dem Titel ›Open Your Ears‹ bei Arthaus
Musik erschienen.
Gerd Albrecht bei einem Konzert der Reihe
›Wege zur Neuen Musik‹
Wissen und Kunstgenuss
Konzerteinführungen
44 Musikvermittlung Musikvermittlung 45Mit dem ›Schlauen Füchslein‹ fing es
an: Gemeinsam mit dem DSO erschuf
Kent Nagano eine Film(kurz)fassung
von Janáčeks Märchenoper, die 2003
erstmals in Berlin vorgestellt wurde. Um
den kleinen Konzertbesucher*innen ab
sechs Jahren ein altersgemäßes DSO-
Programm zu bieten, wurde im Februar
und Mai 2005 mit den Dirigenten Paavo
Järvi und George Benjamin eine Kinder-
Musik begreifen
konzertreihe begründet. Die ergänzende Das DSO macht Schule
Erfindung des ›Open House‹ lud schon
damals die jungen Gäste ein, vorher alle
Instrumente auszuprobieren, die nach-
her im Orchester zu hören sind; gemein- Junge Musikfreund*innen und sol- Mit dem Kammermusikprojekt hat sich
sames Singen, Schminken und Basteln che, die es werden wollen, können das das Angebot seit 2015 weiter diver-
gehörten ebenfalls bereits zum Auftakt- DSO auch abseits der Kinderkonzerte sifiziert. Musikerinnen und Musiker
programm. Im Herbst 2005 wurde der kennenlernen. Los ging’s 1999 mit dem des DSO betreuen dabei Kammer-
rbb mit ins Boot geholt und das Angebot Modellprojekt ›Schüler im Konzert‹, musikensembles aller Altersgruppen
weiter ausgebaut. Am Format dieser seit 2005 gehören auch Probenbesu- an mehreren Berliner Schulen, bieten
Kulturradio-, später rbbKultur-Kinder- che fest zum Education-Angebot des Unterstützung bei der Einstudierung
konzerte hat sich bis heute nichts geän- Orchesters. Hier können Kinder und von Werken, spieltechnische Hilfestel-
dert: Am Pult stehen vielversprechende Jugendliche die Musiker-, Solist- und lung, und sie ermöglichen einen inten-
Nachwuchskräfte, aber immer wieder Dirigent*innen aus nächster Nähe siven Austausch über und durch die
auch »alte Hasen« sowie die Chefdi- beobachten, meist auch neben ihrem Musik – mit dem Ziel, die Jugendlichen
rigenten des DSO, und der Moderator Lieblingsinstrument Platz nehmen, und für diese wunderbare Kommunikati-
Christian Schruff führt das junge Publi- sie erfahren dabei aus erster Hand, wie onsform zu begeistern und zu selbst-
kum durch die Sonntagsmatineen. Das ein Werk einstudiert wird und Musik ständigem Erkunden anzuregen. Mehr
Programm der mittlerweile fast 90 Kon- entsteht. Das Angebot ist kostenfrei als ein Dutzend Orchestermitglieder
zerte umfasst ein breites Spektrum, das und wird eifrig genutzt: Beinahe jede engagieren sich mittlerweile für das
Moderator Christian Schruff beim Schlussapplaus von Rameaus ›Les Indes galantes‹ bis zu Woche sind Schulklassen beim DSO zu Projekt und begleiten ihre Ensembles
eines rbbKultur-Kinderkonzerts im Großen Sende- Jörg Widmanns ›Babylon‹-Suite reicht. Gast. Oft gehen Orchestermitglieder im Idealfall über mehrere Jahre hinweg.
saal im Haus des Rundfunks
Ergänzt wird es durch Mitmachaktionen, schon im Vorfeld in die Schule, bieten Die Ergebnisse der Zusammenarbeit
die Beteiligung von Musikschulen oder eine Einführung in die Arbeitsweise werden einmal jährlich öffentlich in
Schulklassen, die in Workshops Choreo- eines Orchesters und haben zur Vor einem Kammerkonzert präsentiert.
grafien oder eigene Werke vorbereitet bereitung musikalische Aktivitäten → dso-berlin.de/kammermusikprojekt
haben, aber auch durch Gastauftritte, im Gepäck. Am Probenort gibt es dann
unter anderem des Berliner Wildtier- eine kurze Einführung und nach der
beauftragten oder eines Schauspielers Probe eine Abschlussrunde. Zudem
im Piratenkostüm. Die Highlights sind sind Schulklassen auch immer in den
später in der rbb-Sendung ›Klassik Konzerten des DSO willkommen – nach
für Kinder‹ ein weiteres Mal zu hören. Voranmeldung und zu einem überaus
→ dso-berlin.de/kinderkonzerte günstigen Preis. Auf Anfrage bietet das
DSO Schulklassen und Musikschulen
zudem maßgeschneiderte Workshops
und Schulprojekte rund um ausge-
wählte Konzerte an, die in Verbindung
mit einem aktuell gespielten Orches-
Ansprache auf Augenhöhe terwerk stehen und interdisziplinär
ausgerichtet sind.
Die rbbKultur-Kinderkonzerte → dso-berlin.de/musikvermittlung
46 Musikvermittlung Musikvermittlung 47Mit dem ›Symphonic Mob‹ ist die
interaktive DSO-Familie seit 2014
weiter gewachsen. Er versteht sich als
niedrigschwelliges Mitspielformat, bei
dem das gemeinsame Musizieren von
Laien und Profis im Mittelpunkt steht.
Nach der ersten Ausgabe beim Tag
der offenen Tür im Auswärtigen Amt
Die kleine Schwester musste sogleich mit der Mall of Berlin
ein größerer Spielort gefunden werden,
Das Abonnentenorchester an dem sich seither in jedem Herbst
bis zu 1.300 Mitwirkende versammeln.
Der ›Mob‹ des DSO ist hochattraktiv,
und zwar nicht nur für Fans aus Berlin,
»Es ist ein wirkliches Highlight, dass denn hier kann man unter der Leitung
jeder Chefdirigent des DSO schon mit von Kent Nagano oder Robin Ticciati,
uns geprobt hat«, erzählt Heinz Rad- an der Seite eines Geigenvirtuosen
zischewski. Das zeigt für ihn die Wert- wie Christian Tetzlaff oder zusammen
schätzung, die das große Orchester mit dem großartigen Rundfunkchor
der »kleinen Schwester« entgegen- Berlin musizieren. Unter dem Motto
bringt. Die Schwester – das ist das »Ihr spielt die Musik!« sind dabei alle
Abonnentenorchester, das der ehemali- eingeladen, die ein Instrument be-
ge stellvertretende Solo-Trompeter des herrschen oder gerne singen. Für die
DSO 2003 ins Leben gerufen hat. Hier optimale Vorbereitung werden die
spielen zumeist Hobbymusikerinnen 1.300 Mitwirkende unter der Leitung von Robin Originalnoten, aber auch vereinfachte
und -musiker, die sich dem DSO eng Ticciati beim ›Symphonic Mob‹ am 23. September Stimmen zum Download angeboten, es
2017 auf der Piazza der Mall of Berlin
verbunden fühlen. Unter Radzischews- gibt Playalong-Files zum Mitspielen,
kis Leitung erarbeitet das Orchester, und gemeinsame Satzproben, die DSO-
das sich unter anderem aus Ärztinnen Mitglieder im Vorfeld anbieten, sorgen
und Lehrern, Rundfunkmitarbeiterin- für den Feinschliff. Der Berliner ›Sym-
nen oder Studierenden, aber auch dem phonic Mob‹ hat inzwischen zahlreiche
einen oder anderen ehemaligen DSO- Geschwister erhalten: In Kooperation
Mitglied zusammensetzt, mehrere mit dem DSO und gefördert durch die
Programme im Jahr: Zu Weihnachten Tugan Sokhiev probt 2013 mit dem Abonnenten Kulturstiftung des Bundes wurde das
in der Jesus-Christus-Kirche, im März orchester des DSO im Großen Sendesaal im Haus Konzept deutschlandweit bislang von
des Rundfunks
im Haus des Rundfunks, im Sommer am Orchestern aus 13 Städten umgesetzt,
alten Flugplatz Gatow und im Herbst weitere kommen regelmäßig hinzu,
2021 im Konzerthaus am Gendarmen- und selbst in den Niederlanden gibt
markt. Geprobt wird montagabends im es inzwischen einen Ableger.
Probensaal des DSO, und die »große → symphonic-mob.de
Schwester« steht dem Abonnenten
orchester hilfreich zur Seite: DSO-
Mitglieder betreuen regelmäßig Satz-
proben und treten als Solist*innen in
Instrumentalkonzerten auf. »Die Ange-
bote«, so Heinz Radzischewski, »gehen
mir in den nächsten 20 Jahren nicht
aus.« Interessent*innen sind übrigens
jederzeit willkommen, insbesondere
Streicher werden immer gesucht.
Ihr spielt die Musik!
→ dso-berlin.de/aboorchester Der ›Symphonic Mob‹
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