EUROPA UND NORDAMERIKA - Klimareport 2014 ...

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                                                           Lettland           Russische
                                                                              Föderation

                      Großbritannien                     Polen
                                               Tschechische
                                                 Republik
                                  Frankreich
                                                         Ungarn
                                                 Kroatien

                                                                  Bulgarien
                                               Italien
                            Spanien
 Vereinigte                                                           Georgien
                                        Serbien
Staaten von                                                           Armenien
  Amerika                               Kosovo
                                                         Griechenland Aserbaidschan
                                        Mazedonien

              E U R O PA U N D N
                               ­ ORDAMERIKA
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     EUROPÄISCHE UNION

     Eva Majewski                                               bezüglich der Festsetzung der Ziele: Wie viele seien
                                                                notwendig, welche Prioritäten müssen bestehen? Eine
     Die europäische Klimapolitik hat in den vergangenen        häufig aus Beobachterkreisen vorgebrachte Argumen-
     Jahren immens an Bedeutung gewonnen. Zahlreiche            tation: Wenn der Klimaschutz oberstes Ziel sei, ist
     Regulierungsaktivitäten werden dabei vor allem mit         es dann sinnvoll, genaue Ziele für den (wirtschaftli-
     den besorgniserregenden Erkenntnissen der Klima-           chen) Ausbau erneuerbarer Energien festzulegen? Wo
     forschung begründet. Hierbei bilden vor allem die          können zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten der
     Umweltschäden als Folge der Erderwärmung eine zen-         EU mitunter unbeabsichtigte und gegenläufige Effekte
     trale Rolle. Es werden weiterhin genannt: Erwärmung        entstehen?
     der Ozeane, Schmelzen der Eisschilder in Grönland
     und in der Antarktis, Abnahme der Ausdehnung des           Die Ukraine-Krise stellt einmal mehr die Notwendig-
     arktisches Meereises und der Schneebedeckung in            keit einer verminderten Energieabhängigkeit der EU
     der Nordhemisphäre. Die Ozeane würden versauern.           und ihrer Nachbarn heraus; die Staats- und Regie-
     Dies ist Anlass für die Europäische Union, sich mit der    rungschefs erteilen zunehmend klare und genaue
     Zukunft des Klimas zu befassen. Klima- und energie-        Arbeitsaufträge an die Kommission. Das Thema
     politische Rahmenbedingungen für 2030 werden ent-          nimmt eine immer wichtigere Position auf der Agenda
     scheidend sein, um die Wettbewerbsfähigkeit Europas        des Europäischen Rates an; ein Energiebinnenmarkt
     zu bewahren und weiterzuentwickeln. Bedeutend dafür        müsse geschaffen werden. Ein Bericht des Brüsseler
     ist es, Europa aus der Business-as-usual-Haltung her-      Thinktanks, European Policy Centre unterstreicht diese
     auszuführen und die gegenwärtige Abhängigkeit von          Notwendigkeit. Hier wird jedoch Energieeffizienz als
     importierten fossilen Brennstoffen zu mindern. Parallel    bedeutendes Ziel für alle Mitgliedstaaten betont. Die
     dazu muss Europa emissionsärmer zu wirtschaften            entstehenden Kosten sollen dabei aus langfristiger
     lernen. Dieses wird für viele Branchen und Regionen        und damit vorteilsbringender Perspektive betrachtet
     erhebliche Veränderungen mit sich bringen.                 werden. Gesundheit der Bürger und Erderwärmung
                                                                werden als Hauptargumente genannt. Die Schaffung
     Laut einer Übersicht im Handlungsrahmen für die            des Energiebinnenmarktes scheitert jedoch bislang
     zukünftige Energie- und Klimapolitik Europas sollen        vor allem an den nicht existenten Stromnetzen,
     CO2-Emissionen nicht nur um 20 Prozent, sondern            deren Ausbau zu langsam – und seltenst grenzüber-
     um 40 Prozent reduziert werden. Diese Zielsetzung          schreitend – stattfindet. Viele Mitgliedstaaten der EU
     hat Befürworter, nach deren Einschätzung in der            beziehen nur zehn Prozent ihrer Energie von benach-
     Vergangenheit mit zu wenig Motivation der Mitglieds-       barten Energieproduzenten.
     länder der Europäischen Union auf die Erreichung
     hingearbeitet wurde. Dieses Ziel soll zukünftig für alle   Sicherheit ist ein weiterer Punkt nicht nur der Energie-
     EU-Mitgliedstaaten bindend sein, wenn es nach der          versorgung, sondern auch der Energiegewinnung. Am
     Europäischen Kommission geht. Für die Energie- und         Beispiel der Schiefergasförderung wird dies deutlich.
     Klimapolitik 2030 wurden bislang keine bindenden           Während einige Mitgliedsländer der EU wie Polen diese
     Regularien verabschiedet. Doch sollte es langfristig       nutzen wollen, um die angestrebten Klimaziele zu
     eine klare gemeinsame Vision sowie abgesicherte            erreichen, betrachten andere Mitgliedstaaten die För-
     Handlungsmaßnahmen geben. Darüber hinaus ist               derung von Schiefergas als zu riskant und die poten-
     es für die Verminderung der Treibhausgasemissi-            ziellen Umweltschäden als zu hoch. Nachgedacht wird
     onen nötig, den Anteil an erneuerbaren Energien am         über die möglichen Lösungen intensiv: so bekennt der
     Gesamtverbrauch europaweit zu steigern. Hier wird          polnische Europaabgeordnete Jerzy Buzek beispiels-
     eine Steigerung von 2020 bis 2030 um 27 Prozent            weise, dass die Gewinnung von Schiefergas auf der
     vorgegeben. Dieses Vorhaben soll ebenso für die            einen Seite als Mehrwert zum Energie-Mix gesehen
     gesamte EU gelten, doch nationale Vorgaben werden          werden müsse, auf der anderen Seite sei dies aber
     dafür nicht gemacht werden.                                keine langfristige Lösung.

     Strittig sind die ‚Wege zum Ziel‛ zwischen der Euro-       Das Werben für die Notwendigkeit der gemeinsamen
     päischen Kommission, dem Europäischen Parlament            Ziele darf unterdes nicht als beendet erklärt werden.
     und den Staats- und Regierungschefs der EU-28.             Volkswirtschaften, die noch stark von Kohle abhängig
     Während zwar Konsens besteht, dass Ziele notwendig         sind – neben Polen vor allem Bulgarien und Rumä-
     seien, so liegen die einzelnen Parteien in Zwietracht      nien –, sträuben sich gegen jegliche klimapolitische
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                                                              sich in wenigen Punkten zusammenfassen: Effizienz-
                                                              steigerungen in bestehenden Verfahren, Wechsel von
                                                              Brennstoffen, als auch der Einsatz so genannter Emis-
                                                              sionssenken und die Veränderung eigener Produkti-
                                                              onsverfahren.

                                                              Zwischenzeitlich gibt es in der EU zwar verbindliche
                                                              Vorgaben, etwa Effizienzstandards für Produkte, die
Der Windpark Schneebergerhof in Rheinland-Pfalz ist bereits   zu erfüllen sind. Doch verbleiben manche marktba-
seit 1996 am Netz. Seitdem wurde auch Fotovoltaikkapazität    sierte Instrumente nach wie vor verfügbar. Neben
mit Dünnschichtsolarzellen ergänzt.
                                                              dem bereits genannten Emissionshandel trifft dies
                                                              so auf Förderansätze für benötigte Innovationen zu.
                                                              Zu beobachten bleibt, dass multinationale, natio-
Veränderungen und wünschen eine größere und                   nale und lokale Anforderungen zunehmen und sehr
gerechtere Lastenverteilung.                                  unterschiedlich innerhalb der EU ausgeprägt sind. Der
                                                              Regulationsmechanismus als solcher verändert sich
Das EU-Parlament fordert derweil eine sichere Ver-            beständig.
sorgung, bei gleichzeitiger Identifizierung der tat-
sächlichen Nachfrage und möglicher Stimulierung aus
entfernter Produktion und Nachfrage. Beim Klimagipfel         LITERATUR
sahen die Teilnehmer die Stellung Europas im globalen
Wettbewerb um Energieressourcen als künftige Kern-            QQ   Annika Ahtonen, The 2030 framework on climate
aufgabe. Erneut wurde über den Energiebinnenmarkt                  and energy – Getting Europe on the right track?,
diskutiert, dieser könne die Effizienz steigern. Wegen             http://epc.eu/pub_details.php?cat_id=4&pub_
des steigenden Bedarfs müssten sich die EU-Staaten                 id=4117 [28.07.2014].
besonders für mehr Energieeffizienz einsetzen, so             QQ   Mike Scott, Cami Geert: „Europe’s energy o
                                                                                                            ­ utlook:
der EU-Kommissar für Energie, Günther Oettinger.                   Heading in the right direction?‟, http://bit.ly/1pAk
Darüber hinaus betont dieser die Bedeutung einer                   Fo3 [28.07.2014].
übergreifenden Versorgungssicherheit.                         QQ   Christian Egenhofer, Lorna Schrefler, Fabio Genoese,
                                                                   Julian Wieczorkiewicz, Lorenzo Colantoni, Wijnand
Weiter scheitert der Energiebinnenmarkt durch Hin-                 Stoefs und Jacopo Timini, Composition and Drivers
dernisse beim Emissionshandel. Damit zukünftig ein                 of Energy Prices and Costs in Energy-Intensive
nachhaltiges funktionierendes System auf suprana-                  ­Industries: The Case of the Ceramics Industry –
tionaler Ebene im Bereich Energie generiert werden                 Bricks and Roof Tiles, 30.01.2014, http://ceps.be/
kann, bedarf es nach der Auffassung vieler Stake-                  book/composition-and-drivers-energy-prices-and-
holder der Reform des EU-ETS. Es müsse reformiert                  costs-energy-intensive-industries-case-ceramics-
und weiter implementiert werden. Denn dieses                       indus [28.07.2014].
steigere nicht nur die Effizienz des Marktes für ener-        QQ   IPCC, 2014: „Der Fünfte IPCC-Sachstandsbericht‟,
gieintensive Unternehmen sowie die Transparenz und                 http://de-ipcc.de/de/200.php [28.07.2014].
Informationsdichte, sondern trage auch die monetären          QQ   WWF Deutschland und Carbon Disclosure Project
Ressourcen für weitere Klimainitiativen bei.                       (CDP), 02 / 2014: Grundlagen für ein einheitliches
                                                                   Emissions- und Klimastrategieberichtswesen,
In einer weiteren Studie zur Energiepreisentwicklung               http://klimareporting.de/wp-content/uploads/
wurden Energiepreis-Niveaus (Auswirkungen auf                      2014/02/Klimareporting_Vom_Emissionsbericht_
Produktionskosten der Industrie) und Energieeffizienz              zur_Klimastrategie_2014_02_20.pdf [28.07.2014].
gegenübergestellt. Treibhausgasemissionen sollten
möglichst umfassend verringert werden. Aufgrund
einer engen Verflechtung weltweiter Wertschöpfungs-
ketten wirkten sich die steigenden Emissionen auch
auf Bereiche aus, deren direkte Treibhausgasemis-
sionen sehr gering seien. Daher solle verstärkt ein
Augenmerk auch auf indirekte Emissionen gelegt
werden. Ferner ist der Flugverkehr ein wichtiges
Thema innerhalb der EU. Die unternehmerischen
Möglichkeiten zur Reduzierung der Emissionen lassen
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     BULGARIEN

     Ruslan Stefanov | Marco Arndt                                      verabschiedet.1 Er sieht vor, dass Bulgarien die
                                                                        verbindlichen EU-Klimaziele durch aktive Maßnahmen
     D E R K L I M AWA N D E L W I R D I N D E R B U L G A R I -        im Wert von über fünf Milliarden Euro im Zeitraum von
     S C H E N Ö F F E N T L I C H K E I T K A U M D I S K U T I E RT   2013 bis 2020 erreicht. Der Plan wurde mit norwe-
                                                                        gischer Unterstützung erarbeitet und beinhaltet eine
     Der Klimawandel und seine Folgen werden in Bul-                    detaillierte Analyse der Situation in Bulgarien sowie
     garien nur sehr eingeschränkt wahrgenommen und                     Maßnahmen zur Erreichung der Klimawandelziele. Er
     rezipiert. Die Diskussionen finden meistens in kleinen             basiert allerdings nicht auf einer umfassenden Mach-
     Zirkeln statt. Die Medien berichten wenig und selten               barkeitsstudie und einer Evaluation von bereits getrof-
     über das Thema. Detaillierte Aufsätze erscheinen nur               fenen Maßnahmen, aus denen die im Plan vorgeschla-
     in spezialisierten Fachmedien. In der Politik hat keine            genen Maßnahmen abgeleitet wurden. So besteht
     ernsthafte Debatte stattgefunden, weder über die                   das Risiko, dass die geplanten Maßnahmen schwer
     Position Bulgariens zum Klimawandel, noch über den                 umsetzbar sind und so auf dem Papier bleiben. Das
     Einfluss der Klimapolitik auf das Land.                            Dokument kann aber als Teil des wichtigen Lernpro-
                                                                        zesses, den die Regierung und ihre zivilgesellschaftli-
     Die zwei klimawandelbezogenen Themen, die die                      chen Partner durchmachen, interpretiert werden.
     jeweilige Regierung in den letzten zehn Jahren in den
     Mittelpunkt stellte, waren:                                        Das Ministerium für Umwelt und Wasser führt die
                                                                        Klimapolitik Bulgariens durch, indem es die inter-
     1.	 Der Beitrag der europäischen CO2-Preise hinsicht-              nationalen Positionen berücksichtigt. Im Grunde
          lich ihrer Auswirkungen auf die Steigerung der                genommen hat Bulgarien keine besondere Klimapolitik
          Kohlenpreise. Dieses Argument wurde genutzt,                  und / oder Positionen im Bereich Klimaschutz, die von
          um den Bau eines zweiten Kernkraftwerks zu be-                der Position der EU abweichen, d. h. Bulgarien ist bis
          gründen. Die Atomenergie sollte die Energiepreise             jetzt immer den EU-Vorgaben gefolgt.
          niedrig halten.
                                                                        Vor kurzem gab es allerdings Widerstände gegen die
     2.	 Die Möglichkeit, dass Bulgarien mehr seiner Emis-              Durchsetzung ambitionierter Klimaschutzziele. Höchst-
          sionsrechte verkauft, um die Defizite im Energie-             wahrscheinlich wird Bulgarien sowohl in der EU- als
          sektor zu decken. So hat die bulgarische Regie-               auch in der VN-Debatte die Seite der kohleintensiven
          rung im Zuge der Haushaltskonsolidierung 2013                 osteuropäischen Mitgliedstaaten einnehmen. Es ist
          versprochen, doppelt so viele Emissionsrechte wie             kaum zu erwarten, dass Bulgarien eigene Initiativen
          bisher zu verkaufen.                                          entwickelt. Die bulgarischen Behörden werden wohl
                                                                        eine abwartende Strategie verfolgen.
     Außerhalb dieser zwei Themen wurde die Debatte in
     einem kleinen, sich aber ständig erweiternden Kreis                DIE EUROPÄISCHE KLIMAPOLITIK UND
     von Umwelt-NGOs geführt, die versuchen, Bulgarien                  DIE DEUTSCHE ENERGIEWENDE SIND KAUM
     zu bewegen, mit der internationalen Debatte schritt-               ­B E K A N N T
     zuhalten. Diese Diskussionen konzentrieren sich auf
     Initiativen im Bereich der EU-Umweltpolitik und auf                Das Bewusstsein von und die Kenntnis über die Euro-
     die Verwendung der EU-Fördergelder für Umwelt-                     päische Energiepolitik und insbesondere die deutsche
     schutzmaßnahmen.                                                   Energiewende sind begrenzt. Die öffentliche Debatte
                                                                        fokussiert sich auf den stufenweisen Ausbau der
     BULGARIEN IST AN EINEM ANSCHLUSS AN DIE                            erneuerbaren Energiequellen und dessen Auswirkung
     I N T E R N AT I O N A L E D E B ATT E I N T E R E S S I E RT      auf die Strompreise. Der Großteil der Bevölkerung und
                                                                        viele Medien sehen im Klimawandel einen Vorwand
     Obwohl keine öffentliche Debatte zum Klimawandel                   zur Subventionierung ausländischer Unternehmen im
     stattfindet, hat Bulgarien seine Arbeit an der Entwick-            bulgarischen Markt. Diese Überlegungen scheinen in
     lung einer diesbezüglichen Politik verstärkt. Diese
     wurde im Rahmen der EU-Politik erarbeitet. Nach fünf
     Jahren ohne politisches Leitdokument hat die bulgari-              1|    Republik Bulgarien, „3. Nationaler Aktionsplan zur Be-
                                                                              kämpfung der Klimawandelkonsequenzen‟, http://www3.
     sche Regierung 2012 den dritten nationalen Aktions-                      moew.government.bg/files/file/Press/aktualno/2012/
     plan zur Bekämpfung der Klimawandelkonsequenzen                          mart/NAPCC_20_03_2012.pdf [28.07.2014].
EUROPA UND NORDAMERIKA - Klimareport 2014 ...
19

Teilen gerechtfertigt, denn Bulgarien ist das Land mit
den höchsten Strompreisen in Europa, wenn man sie
mit der Kaufkraft der Bevölkerung vergleicht. Dieser
Umstand wird verschärft durch die Tatsache, dass die
meisten Haushalte mit Strom heizen. Diese direkte
finanzielle Folge hat die komplexere Debatte über den
Klimawandel und die europäische Politik zur Bekämp-
fung des Klimawandels überschattet, verstärkt durch
populistische Politiker. Möglicherweise ist die in letzter
Zeit sinkende Popularität Europas in Bulgarien auf die
ununterbrochene Ausbeutung des Preisthemas durch
jene zurückzuführen.

B U L G A R I E N S E T Z T A U F K O H L E U N D ATO M K R A F T

2012, das letzte vollständige Jahr, für das Daten
verfügbar sind, hat Bulgarien 47.000 Gigawatt Strom                 Das Kohlekraftwerk in Galabovo in der Oberthrakischen
produziert. Fast die Hälfte davon – 48 Prozent – wurde              Tiefebene ist Teil des Maritza Iztok-Komplexes, dem größten
                                                                    Kraftwerksverbund Südosteuropas. Die Braunkohle stammt
in Kohlekraftwerken hergestellt, 33,4 Prozent im ein-
                                                                    aus dem nahen Tagebaurevier im Sakar-Gebirge.
zigen Kernkraftwerk des Landes, Kosloduji. Der Rest
wurde in Gaskraftwerken (fünf Prozent), mit Wasser­
energie (8,4 Prozent), Windenergie (2,6 Prozent),
Fotovoltaik (1,7 Prozent) und Biomasse (0,1 Prozent)                zu politischen Verwerfungen im Land und zu einer
produziert. Als Folge des reduzierten Energiever-                   Schadenersatzklage des russischen Ausrüstungsher-
brauchs nach der Erhöhung der Strompreise 2012                      stellers vor dem Internationalen Schiedsgerichtshof in
und der andauernden Wirtschaftskrise berichtete das                 Paris im Wert von über einer Milliarde Euro, die in den
Nationale Statistische Institut, dass der Anteil der                Sommermonaten 2014 entschieden werden soll.
erneuerbaren Energien (einschl. Wasser) im Gesamt-
energieverbrauch 16,3 Prozent beträgt – damit wurde                 POLITIKUM STROMPREIS
das durch die EU für Bulgarien bis 2020 festgelegte
Ziel übererfüllt. Nach der Einführung der 20 Prozent-               Parallel zu den dramatischen Entwicklungen in Zusam-
Gebühr für neue erneuerbare Energien (Wind und                      menhang mit Belene entwickelte sich im Zeitraum
Fotovoltaik) 2013 / 2014 ist nicht klar, ob Bulgarien               von 2008 bis 2012 eine andere Krise – die Einführung
dieses Ziel erreichen kann, wenn der Stromverbrauch                 erneuerbarer Energien (Windkraft und Fotovoltaik).
mit der Erholung der Wirtschaft wieder steigen sollte.              Der EU-Regelung entsprechend führte Bulgarien
                                                                    großzügige Einspeisetarife ein, was zu einem explosi-
Überzogene Prognosen der Nationalen Elektrizitätsge-                onsartigen Wachstum des Investoreninteresses führte.
sellschaft aus den frühen 2000er Jahren gingen von                  2011 erreichten die Investitionsvorhaben für den Bau
einer bedeutenden Erhöhung des Stromverbrauchs                      neuer Anlagen 18 Gigawatt, was bei der bulgarischen
aus. Grundlage für diese Annahme war die vorzeitige                 Regierung starke Bedenken wegen der möglichen
Stilllegung kleinerer Blöcke des Kernkraftwerks in                  Konsequenzen steigender Energiepreise hervorrief.
Kosloduji unter dem Druck der EU im Jahr 2006 und                   Obwohl die Regulierungsbehörde 2011 administrative
sehr günstige Prognosen zum Wirtschaftswachstum.                    Einschränkungen für die neuen erneuerbaren Ener-
So entschied sich Bulgarien, ein zweites Kernkraftwerk              gien einführte, ist es ihr nicht gelungen, die Preise zu
in Belene mit zwei (russischen) Blöcken zu bauen. Die               beeinflussen. So hat Bulgarien im Jahr 2012 bereits
Arbeiten an diesem Kernkraftwerk wurden 2006 nach                   eine Fotovoltaikkapazität von mehr als einem Giga-
einem unfairen Vergabeverfahren, das nur Hersteller                 watt installiert – etwa das Dreifache der für das Jahr
russischer Technologien in Betracht zog, in Auftrag                 2020 unter früheren Regierungen geplanten Kapazität.
gegeben. Die Wirtschaftskrise von 2008 führte aber zu               Die Regulierungsbehörde hatte die Preise um mehr
einer Senkung des Stromverbrauchs, sowohl in Bulga-                 als 13 Prozent im Jahr 2012 erhöht, damit sie, unter
rien als auch in der Region, so dass das neue Kern-                 anderem, für die Subventionen der neuen Produ-
kraftwerk immer weniger attraktiv wurde. Darüber                    zenten erneuerbarer Energie aufkommen konnte. Vor
hinaus kam es zu Enthüllungen über weitverbreitete                  dem Hintergrund der sinkenden Kaufkraft, insbeson-
Misswirtschaft und Korruption im Kernkraftwerkpro-                  dere unter den Ärmsten der Bevölkerung, verursachte
jekt. Diese Entwicklung zwang die bulgarische Regie-                die Preiserhöhung Anfang 2013 allgemeine Proteste,
rung, im Jahr 2012 Belene aufzugeben. Das führte                    die schließlich zum vorzeitigen Rücktritt der bürger-
20

     lichen Regierung führten. Den populistischen Reakti-     Haushalte mehr Strom als Gas. Ein Teil der Gründe
     onen vieler Politiker folgend, richteten die Bulgaren    liegt in den sehr hohen Erdgaspreisen, die für die
     ihre Wut wegen steigender Preise auf die erneuer-        Haushalte unerschwinglich sind und die sie veran-
     baren Energien. Dies veranlasste die neue sozialisti-    lassen, mit Strom, Kohle oder Holz zu heizen. Der
     sche Regierung, die Transparenz in der Strompreisge-     Erdgaspreis in Bulgarien gehört zu den fünf höchsten
     staltung zu verringern und die Ziele für Grüne Energie   in Europa, weil Bulgarien von den russischen Importen
     von der Stromrechnung verschwinden zu lassen. 2013       abhängig ist. Die bulgarischen Politiker behalten aber
     wurde eine Netz-Konnektivitäts-Gebühr in Höhe von        bisher den Status quo trotz der steigenden Risiken für
     20 Prozent für die erneuerbaren Energien eingeführt.     die Energiesicherheit des Landes bei, in der Hoffnung,
                                                              dass neues Wirtschaftswachstum die Empfindlichkeit
     Die Regierungen haben wenig getan, um in Bulgarien       der Menschen gegenüber höheren Strompreisen senkt
     den Stromverbrauch zu senken. Im Gegensatz zu den        und den Bau neuer und großer Produktionskapazitäten
     europäischen Haushalten verwenden die bulgarischen       erlauben wird.

     FRANKREICH

     Norbert Wagner

     Schon vor dem Kyoto-Protokoll hatte Frankreich
     Maßnahmen ergriffen, um den Ausstoß von Treibh-
     ausgasen zu reduzieren. Mit der Unterzeichnung des
     Protokolls und der darin enthaltenen Verpflichtungen
     wurden neue und zusätzliche Maßnahmen ergriffen,
     um den Treibhausgasausstoß im Jahr 2010 auf dem
     Niveau des Jahres 1990 zu stabilisieren.

     Im Jahr 2000 hat Frankreich deshalb den Natio-
     nalen Plan des Kampfs gegen den Klimawandel (Plan        Das Kernkraftwerk Superphénix an der Rhône: Der S­ chnelle
     National de Lutte contre le Changement Climatique,       Brüter war knapp 13 Jahre am Netz. Nach zahlreichen
                                                              ­Unregelmäßigkeiten wurde das Experiment 1998 beendet.
     PNLCC) in Kraft gesetzt. Dieser Plan wurde im Jahr
     2004 durch den „Plan Climat‟ ersetzt, der die zahl-
     reichen Maßnahmen in allen Wirtschaftssektoren mit
     dem Ziel zusammenfasste, den Treibhausgasausstoß
     im Jahr 2010 auf dem Niveau des Jahres 1990 zu           bewegen werden, nachhaltig und tiefgreifend ändern
     stabilisieren.                                           wird. Diese Wende geht weit über die nationalen
                                                              Grenzen hinaus, denn sie hat zum Ziel, gegen den
     Langfristig hat sich Frankreich zum Ziel gesetzt, die    weltweiten Klimawandel anzukämpfen.
     Emissionen bis zum Jahr 2050 auf ein Viertel ihres
     heutigen Niveaus zu reduzieren. Um dieses ambitiöse      Im Kern geht es aber bei diesem Ansatz der fran-
     Ziel zu erreichen, sind drastische Maßnahmen und         zösischen Klimapolitik vor allem auch um das Wohl
     große Anstrengungen zu ihrer Umsetzung erforderlich.     der Franzosen, die Wettbewerbsfähigkeit der franzö-
                                                              sischen Unternehmen und die Souveränität Frank-
     Motto der französischen Klimapolitik ist: Frankreich     reichs – heute und in Zukunft.
     zu einem Land der „Excellence Environnementale‟
     (Umwelt-Exzellenz) zu machen. Im September 2012          Frankreich war immer ein Vorreiter der Politik der
     hat Präsident Hollande auf der ersten Umweltkonfe-       Energieeffizienz und des Kampfes gegen den Kli-
     renz Ziel und Richtung vorgegeben. Innerhalb eines       mawandel: Schon im Jahr 1982 wurde die Agence
     Jahres hat daraufhin die französische Regierung eine     française pour la maitrise de l’énergie eingerichtet.
     ambitiöse ökologische Wende auf den Weg gebracht,        Und bereits im Jahr 2001 wurde der Kampf gegen den
     welche die Art und Weise, in welcher die Franzosen       Klimawandel per Gesetz zu einer nationalen Priorität
     zukünftig produzieren, konsumieren, wohnen und sich      erklärt.
21

Im Jahr 2003 hat sich Frankreich verpflichtet, bis zum          Energiewende. Im Rahmen dieses Gesetzes wird
Jahre 2050 den Ausstoß der Treibhausgase auf ein                die Reorganisation des „Energiemixes‟ in Frankreich
Viertel ihres Niveaus des Jahres 1990 zu reduzieren.            geplant werden. Im Rahmen dieses Energiemixes
Frankreich ging mit dieser Zielsetzung über die Ver-            soll den erneuerbaren Energien Vorrang eingeräumt
pflichtungen aus dem Kyoto-Protokoll hinaus.                    und der Anteil an Kernkraft an der Energieproduktion
                                                                reduziert werden.
Die französische Regierung verteidigt diese ambitiösen
Zielsetzungen auch gegenüber ihren europäischen                 Wenn diese Ziele und Vorhaben auch umgesetzt
Partnern, damit auch die Europäische Union an der               werden können, könnte Frankreich zu einem vorbild-
Spitze des Kampfs gegen den Klimawandel bleibt. Aus             lichen Land, was den Klimaschutz und die Energie-
diesem Grund hat der französische Präsident vorge-              wende betrifft, werden.
schlagen, dass die Europäische Union sich das Ziel
setzen möge, von heute bis zum Jahr 2030 den Aus-               Vor dem Hintergrund dieser Prinzipien und selbst
stoß von Treibhausgasen um 40 Prozent zu reduzieren             auferlegten Verpflichtungen hat der französische
und gar um 60 Prozent bis zum Jahr 2040.                        Präsident vorgeschlagen, dass Frankreich den inter-
                                                                nationalen Klimagipfel im Jahre 2015 in Frankreich
Die Regierung hat zahlreiche Maßnahmen ergriffen,               ausrichtet. Anlässlich dieses Gipfels müssen neue
die dazu beitragen sollen, diese ambitiösen Zielset-            Verpflichtungen zur Reduzierung des Ausstoßes von
zungen auch zu erreichen:                                       Treibhausgasen nach 2020 eingegangen werden.

QQ   500.000 Wohnungen sollen jährlich energetisch sa-          Die französische Regierung ist fest davon über-
     niert werden mit dem Ziel, im Wohnungssektor den           zeugt, dass die ökologische Wende ein gemeinsames
     Energieverbrauch von heute bis zum Jahr 2020 um            Zukunftsprojekt ist, nicht nur für Frankreich alleine,
     38 Prozent zu reduzieren und damit auch gleich-            sondern auch für den europäischen Kontinent, ja für
     zeitig die Energierechnungen für die französischen         den ganzen Planeten. Mit seinen eigenen Anstren-
     Haushalte zu reduzieren;                                   gungen auf diesem Felde und mit der Abhaltung des
QQ   in Einklang mit den Verpflichtungen, welche der            Klimagipfels 2015 möchte Frankreich seine Vorreiter-
     französische Präsident erklärt hat, ist der Abbau          rolle aufs Neue unter Beweis stellen.
     von Schiefergas in Frankreich seit September 2012
     untersagt;                                                 Die französische Debatte zur Klimapolitik und Ener-
QQ   Kampf gegen die Klimaerwärmung bedeutet auch               giewende wird natürlich durch den beschlossenen Aus-
     Verringerung der Abhängigkeit von fossilen Brenn-          stieg aus der Nuklearenergie und die Energiewende in
     stoffen. Deshalb wurden die Entwicklung und der            Deutschland beeinflusst. Anfänglich waren die Reak-
     Einsatz erneuerbarer Energien verstärkt, beispiels-        tionen in Frankreich vor allem durch Unverständnis
     weise indem die Vorschriften für die Errichtung von        geprägt. Kritisiert wurde auch, dass der Beschluss
     Windkrafträdern vereinfacht wurden;                        ohne vorherige Konsultation mit Frankreich gefasst
QQ   generelles Ziel ist es, bis zum Jahr 2020 den Anteil       wurde. In einer zweiten Phase waren die Reaktionen
     erneuerbarer Energien auf 23 Prozent des Ver-              in Frankreich eher durch Unverständnis geprägt.
     brauchs zu erhöhen;                                        Wieso Deutschland eine sichere und kostengünstige
QQ   um die ökologische Wende auch zu realisieren, soll         Art der Energieproduktion aufgebe. Darunter mischte
     bis zum Jahr 2016 ein neuer Plan mit Zukunftsin-           sich auch Kritik an der deutschen Entscheidung, denn
     vestitionen auf den Weg gebracht werden. Geplant           man befürchtete, dass der Atomausstieg in Deutsch-
     ist, 2,3 Milliarden Euro speziell in Projekte zur Beför-   land auch eine entsprechende Debatte in Frankreich
     derung der Energiewende zu investieren.                    lostreten könnte.

Die französische Regierung hat darüber hinaus eine              Seit geraumer Zeit interessiert man sich in Frankreich
nationale Debatte über die Energiewende in Gang                 aber zunehmend für die Entwicklung der Energie-
gesetzt. Diese Debatte, die bereits im Jahr 2013 lan-           wende in Deutschland. Denn es könnte sich dabei ja
ciert wurde, umfasst Vertreter der Unternehmen, der             auch ein Bereich für eine intensivere bilaterale Zusam-
Gewerkschaften, der privaten Vereine sowie Parla-               menarbeit eröffnen.
mentarier und Vertreter der Gebietskörperschaften.
Zum ersten Mal wurde in Frankreich ein solcher Dialog           So waren viele Beobachter überrascht, als Frankreichs
zwischen verschiedenen Interessengruppen zu diesem              Präsident François Hollande bei seiner Neujahrspres-
Thema organisiert. Die Ergebnisse dieser Debatte                sekonferenz nicht nur für eine engere Kooperation in
werden einfließen in das geplante Gesetz über die               verteidigungspolitischen Fragen und für eine steu-
22

     erpolitische Annäherung zwischen Deutschland und         rung von Energie und Energienetzen können wir
     Frankreich warb, sondern auch für ein deutsch-franzö-    zeigen, dass wir zur Avantgarde gehören.‟
     sisches Unternehmen nach dem Vorbild von Airbus zur
     Vorbereitung der energiepolitischen Wende.               Die Reaktion aus Deutschland zu diesem Vorstoß war
                                                              verhalten. Die deutsch-französische Debatte über die
     „Deutschland hat einen Vorsprung bei der Entwicklung     zukünftige Klimapolitik und die Energiewende könnte
     erneuerbarer Energien‟, sagte er. „Bei der Speiche-      dadurch aber belebt werden.

     GRIECHENLAND

     Susanna Vogt | Maria Kottari | Iakovos D
                                            ­ imitriou        schuldungs- und Wirtschafskrise im Land – eher auf
                                                              die Themen Energiesicherheit und strategische Ener-
     Im letzten Jahrzehnt haben sich in Griechenland die      giepolitik konzentriert. Dabei ist vor allem die mög-
     politischen und medialen Diskurse in zunehmend sys-      liche Partnerschaft mit Israel und Zypern von großem
     tematischer und kohärenter Weise mit den Einflüssen      Interesse für Griechenland.
     des Klimawandels auf Wirtschaft und Gesellschaft
     sowie der Frage eines angemessenen Klimaschutzes         In Griechenland finden sich zahlreiche Umweltschutz-
     auseinandergesetzt.                                      vereine und zivilgesellschaftliche Bewegungen, die
                                                              sich national und lokal für eine Erhaltung der Flora
     Die Regierung Papandreou (2009 bis 2011) gab dabei       und Fauna sowie der maritimen Lebensräume enga-
     mit ihrem Modell einer „Grünen Entwicklung‟ einen        gieren. Das Ausmaß und die globale Bedeutung der
     wichtigen Anstoß für die Diskussion über Klimaein-       Klimaveränderungen gaben außerdem Anlass zu einer
     flüsse. Zwei ehrgeizige Projekte namens „Zukunft         Reihe wichtiger Studien (WWF Hellas, Bank of Greece,
     gestalten‟ und „Sparen im Haushalt‟ hatten das Ziel,     Nationales Observatorium Athen, Institut für Umwelt-
     durch eine energieeffiziente Gebäudesanierung den        forschung und Nachhaltige Entwicklung), in denen die
     EU-weit unübertroffenen Energieverbrauch der grie-       Einflüsse des Klimawandels auf Umwelt und Gesell-
     chischen Haushalte und damit auch die Energiekosten      schaft analysiert wurden. Griechische Internetseiten
     für Geringverdiener zu reduzieren. Außerdem stellt die   zum Thema Energie (www.energia.gr, www.energyp-
     Gründung eines Ministeriums für Energie, Umwelt und      ress.gr, www.econews.gr) nehmen sich vermehrt der
     Klimawandel einen wichtigen Meilenstein dar. Damit       Klimaproblematik an, wodurch sie den öffentlichen
     sollte ein integrierter Ansatz ermöglicht werden, der    Dialog bereichern und die Allgemeinheit für Kli-
     Energiepolitik, Umweltschutz und Klimawandel als         mafragen sensibilisieren wollen. Die Hellenic Foun­
     miteinander verflochtene Problematiken ansah und         dation for European and Foreign Policy rief in Koope-
     mit einem holistischen Ansatz behandeln wollte.          ration mit dem European Centre for Environmental
     Der Klimaschutz sollte dabei zu einem wesentlichen       Training and Research an der Panteion-Universität
     Bestandteil der griechischen Energiepolitik werden.      Athen und der Griechischen Gesellschaft für Umwelt
     Seit dem Auftreten der Verschuldungskrise Griechen-      und Kulturerbe eine Initiative mit dem Titel „Über-
     lands 2010 leiden jedoch auch die Themen Umwelt-         gang zu einem Grünen Griechenland 2010 – 2020‟ ins
     und Energiepolitik an der mangelnden politischen         Leben, die durch einen offenen, internetgestützten
     Gestaltungsfähigkeit und -kapazität, da alle Kräfte      Dialog zwischen Akademikern, Kommunalpolitikern,
     von der Krisenbewältigung absorbiert wurden und bis      NGOs und Wirtschaftsvertretern Vorschläge für ein
     heute werden.                                            Grünes Wachstum hervorbringen soll.1

     Zusammen mit der zuständigen Ministerin wollte           Die Auswirkungen des Klimawandels sind in Griechen-
     Papandreou den Umweltschutz mit einem neuen              land bereits sichtbar. Der voraussichtliche Tempera-
     Wachstumsmodell verbinden, das Treibhausgasmin-          turanstieg wird die bereits jetzt schwierigen Lebens-
     derung, nachhaltige Ressourcennutzung, die Schaf-        bedingungen vieler Bewohner von Städten noch
     fung von Arbeitsplätzen und eine Verbesserung der
     Lebensqualität vereinte. Damit wurde zumindest das
                                                              1|   Initiative „Übergang zu einem Grünen G­ riechenland
     Thema politisch auf die Agenda gehoben, auch wenn             2010 – 2020‟, http://diavouleusi.eliamep.gr
     sich die Debatte seitdem – auch im Kontext der Ver-           [28.07.2014].
23

verschärfen, was auch Konsequenzen im Gesund-
heitswesen zeitigen dürfte. Eine verstärkte Klimati-
sierung von Gebäuden in städtischen und touristi-
schen Gebieten könnte in Zukunft zu Engpässen und
Überlastungen im Stromnetz führen. Sichtbar wurde
das Szenario im August 2013 als auf Santorini, einem
beliebten Reiseziel, nach einem Unfall im örtlichen
Elektrizitätswerk vier Tage lang der Strom ausfiel.
Unmittelbar betroffen war die Wasserversorgung, da
die Entsalzungsanlage den Betrieb einstellen musste.
Darüber hinaus wird Griechenland im Sommer immer
wieder von großen Waldbränden heimgesucht. Diese
sind, in Verbindung mit rückläufigen Niederschlägen
und vermehrt auftretenden, extremen Wetterereig-
nissen wie Überschwemmungen, eine Belastung für
die ländlichen Regionen und schmälern die Erträge der
Landwirtschaft. Auch wird der Anstieg des Meeresspie-    Die installierte Windkraftleistung hat sich in Griechenland
gels nicht ohne Folgen für die ausgedehnten Küsten       seit 2008 mehr als verdoppelt. 2006 ging der mit 40 Anlagen
                                                         größte Windpark des Landes im Panachaiko-Gebirge ans Netz.
Griechenlands bleiben. Viele Küstengebiete und Inseln
würden überschwemmt, und es wäre mit Küstenero-
sion zu rechnen. Beide Phänomene hätten deutliche
Konsequenzen für den Lebensunterhalt der lokalen         2008 / 99 / EC) zur Stärkung des Umweltschutzes durch
Bevölkerungen und den Küstentourismus, der allein        das Strafrecht erweitert die Eingriffsmöglichkeiten des
15 – 18 Prozent des griechischen BIP ausmacht.           Staates, indem es effektive Umweltschutzmaßnahmen
                                                         aufzeigt und implementiert sowie die strafrechtliche
Griechenland ist hochgradig abhängig von impor-          Ahndung umweltschädlicher Handlungen ermöglicht.
tierten Energieträgern, und der massive Einsatz          Teile der Bestimmungen des Gesetzes – Rechtsrahmen
fossiler Brennstoffe gefährdet die Umwelt. Aufgrund      zur Abfallerzeugung und -beseitigung (Umsetzung der
der begrenzten bisher erschlossenen Bodenschätze         Richtlinie 2008 / 98 / EC) – regeln das Abfallmanage-
ist Griechenland sich der großen Bedeutung guter         ment zum Schutz der allgemeinen Gesundheit und der
Beziehungen zu den Lieferantenländern, allen voran       Umwelt und fördern gleichzeitig das Recycling. Neben
Russland, bewusst, um einen günstigen Zugang zu          der Einführung der ausgedehnten Erzeugerverant-
Energieressourcen zu erhalten. Gleichzeitig versucht     wortung wurde ein nationaler Abfallmanagementplan
Griechenland sein Potenzial als Transitland zu nutzen,   beschlossen. Dennoch bleiben sicherlich große Poten-
um die Abhängigkeit von Importen fossiler Energie-       ziale der Energiegewinnung aus sinnvoll sortiertem
träger auszugleichen. Der Bau der Transadriatischen      Abfall nicht ausgeschöpft.
Pipeline (TAP) gibt Griechenland die Chance, eine der
wichtigsten Transitrouten für aserbaidschanisches        Entsprechend den verbindlichen Regeln der EU zur
Erdgas in europäische Märkte im Land zu verankern,       Erreichung der 20-20-20-Ziele fördert Griechenland
wodurch Griechenland selbst und auch die EU ihre         die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energie-
Abhängigkeit von russischem Gas mindern könnten.         quellen (Gesetz 4062 / 2012, Umsetzung der Richtlinie
Jedoch könnte sich diese Situation ändern: Die           2009 / 28 / EC). Griechenland ist reich an Möglichkeiten
jüngsten Entdeckungen großer Erdgaslagerstätten vor      zur regenerativen Energiegewinnung in allen drei
den Küsten Israels und Zyperns machen den östlichen      Bereichen Wasserkraft, Windkraft und Solar, und ein
Mittelmeerraum zu einer vielversprechenden Erdgas-       Ausbau dieser Sektoren würde der Wirtschaft ebenso
förderregion und Griechenland zu einem wichtigen         zugutekommen wie Gesellschaft und Umwelt. Den-
Bindeglied auf dem Transportweg in die EU-Märkte.        noch werden diese Quellen bisher nicht ausreichend
Das Potenzial zur Förderung von Gas in der Region        genutzt, und trotz staatlicher Investitionsanreize
Kreta und im Ionischen Meer hat international Inter-     erfreut sich der Sektor der erneuerbaren Energien
esse geweckt.                                            bisher fast ausschließlich bei ausländischen Investoren
                                                         einer ausgeprägten Beliebtheit. Die Nutzung erneuer-
Griechenland hat innerhalb der EU-Rahmenpolitik          barer Energien brächte dem Land zahlreiche Vorteile –
und Strategie für Klima- und Umweltschutz konkrete       unter anderem die inländische Erzeugung sauberen
Gesetze und Maßnahmen auf den Weg gebracht.              Stroms ohne CO2-Emissionen, weniger Abhängig-
Das Gesetz 4042 / 2012 (Umsetzung der Richtlinie         keit von fossilen Energieträgern, eine Verbesserung
24

     der Energiesicherheit der griechischen Inseln, eine       bereits in dem genannten Zeitraum beginnenden Wirt-
     Dezentralisierung der Stromproduktion sowie Mehrein-      schaftskrise wider. Betrachtet man die Treibhausgas-
     nahmen für die Kommunen.                                  emissionen pro BIP-Einheit, so bildet Griechenland das
                                                               Schlusslicht der EU (0,61 Kilogramm CO2-Äquivalent
     Zwar konnte der Anteil erneuerbarer Energien am           je BIP-Einheit), wenngleich auch gegenüber 1990 eine
     griechischen Energiemix in den letzten zehn Jahren        erhebliche Verbesserung zu verzeichnen ist.
     erhöht werden. Die weitere Entwicklung dieses Sek-
     tors steht jedoch vor diversen Hindernissen. Trotz        Die Fakten zeigen, dass Griechenland auf dem Weg
     deutlicher Fortschritte ist das Investitionsumfeld        zum Klimaschutz bereits wichtige Schritte zurückge-
     im Bereich erneuerbarer Energien in Griechenland          legt und konkrete Maßnahmen ergriffen hat. Für einen
     weiterhin instabil. Die steuerlichen und gesetzlichen     Großteil der griechischen Bürger ist Klimawandel aber
     Rahmenbedingungen sind nach wie vor ständiger             weiterhin ein vager Begriff. Das wachsende Interesse
     Veränderung unterworfen. Die seit kurzem rückwir-         an Umwelt- und Klimaschutz geht hauptsächlich auf
     kend erhobene „Solidaritätssteuer‟ auf erneuerbare        Akteure des zivilen und privaten Sektors zurück. Der
     Energien (Windkraft und Fotovoltaik) hat das Investiti-   griechische Energiemix weist immer noch eine hohe
     onsklima weiter beeinträchtigt und bisherige Anstren-     Abhängigkeit von importierten fossilen Energieträgern
     gungen, die bürokratischen Hemmnisse abzubauen,           auf, und die Energiepolitik wird vom Gedanken der
     blieben weitgehend erfolglos.                             Versorgungssicherheit dominiert. Die Wirtschaftskrise
                                                               behindert maßgeblich die Förderung erneuerbarer
     Das über lange Zeit, auch gemeinsam mit Partnern in       Energien und erleichtert umweltschädliche Aktivitäten
     Deutschland, diskutierte ehrgeizige Projekt HELIOS        wie z. B. den massiven Einsatz von Kaminheizungen in
     sollte Griechenland zum EU-weit ersten Großexpor-         den Städten im Winter und die daraus resultierende
     teur erneuerbarer Energien machen. HELIOS verband         Smogbildung oder auch die intensivierte Nutzung von
     energiepolitische, umweltpolitische und ökonomische       Braunkohle zur kostengünstigen Stromerzeugung
     Elemente: Dekarbonisierung, Nutzung nationaler Res-       durch den staatlichen Energiekonzern.
     sourcen, Schaffung von Arbeitsplätzen und Teilhabe
     privater Investoren am griechischen Strommarkt.
     Diese disparaten Ziele, Fragen der marktkonformen
     Stromerzeugung und -abnahme sowie die technischen
     und finanziellen Einschränkungen verhinderten jedoch
     die Umsetzung des Projektes, in das sicherlich von
     Beginn an zu hohe Erwartungen gesteckt wurden.
     Der Reaktorunfall von Fukushima im Jahr 2011 wurde
     in den griechischen Medien zwar ausführlich the-
     matisiert, was Umweltzerstörung und Klimawandel
     kurzzeitig zum allgegenwärtigen Gegenstand der
     öffentlichen Debatte machte. Allgemein ist Atomkraft
     in Griechenland kein Thema, das Land hat kein Atom-
     kraftwerk und verfügt lediglich über einen Forschungs-
     reaktor nahe Athen. Man ist sich jedoch der umlie-
     genden Gefahren bewusst – auch im Nachgang der
     Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, von der Grie-
     chenland betroffen war. Die Möglichkeit eines Unfalls
     im bulgarischen AKW Kosloduj oder in der geplanten
     Anlage in der türkischen Provinz Mersin an der südli-
     chen Mittelmeerküste gibt Grund zur Besorgnis.

     Auf internationaler Ebene hat Griechenland als
     Unterzeichnerstaat des Kyoto-Protokolls das verbind-
     liche Ziel, den Anstieg der Treibhausgasemissionen
     zwischen dem Vergleichsjahr (1990) und der Periode
     2008 bis 2012 auf 25 Prozent zu begrenzen, bereits
     übertroffen. Im Jahr 2010 waren die Emissionen um
     10,6 Prozent gegenüber dem Basisjahr angestiegen
     und mithin im Zielbereich. Dies spiegelt jedoch auch
     den Rückgang wirtschaftlicher Aktivität im Zuge der
25

G R O S S B R I TA N N I E N
Hans-Hartwig Blomeier | Stephan Brandenburger                hilfe bei den jüngsten Überflutungen erneut in die
                                                             Kritik.5
Der Jahreswechsel 2013 / 14 war in weiten Teilen der
Küstenregionen Südwestenglands von rekordartigen             Im Zuge der notwendigen Haushaltskonsolidierungen
Überflutungen gekennzeichnet. Heftige Regenfälle             hatte die britische Regierung die Mittel für den
und Stürme führten durch ihre außergewöhnliche               Hochwasserschutz seit 2010 um jährlich fünf Prozent
Dauer zur niederschlagsreichsten Dezember- und               zusammengestrichen. Flüsse und Bäche beispiels-
Januar­periode seit Beginn der Wetteraufzeichnungen          weise, die das zusätzliche Wasser hätten aufnehmen
in Großbritannien.1 In den betroffenen Gebieten –            können, wurden nicht mehr ausgebaggert.6 Der
vor allem in den Grafschaften Cornwall, Devon und            Premierminister allerdings beurteilte sein Verhalten als
Somerset – richteten die Unwetter immense Schäden            angemessen: „Wir haben von Anfang alles getan, um
an Infrastruktur, Landwirtschaft und privaten Haus-          den Menschen zu helfen. Als mehr Pumpen benötigt
halten an.2                                                  wurden, haben wir mehr Pumpen eingesetzt. Wir
                                                             haben mehr Mittel bereit gestellt und Soldaten in
Die aktuelle Studie des Genfer IPCC vom 31. März             Marsch gesetzt.‟7
2014 bestätigte die vielerorts geäußerte Befürchtung,
dass Großbritannien in den kommenden Jahren immer            In jedem Fall haben die aktuellen Überschwemmungen
mehr solcher Stürme und Niederschläge erleben                das Thema Klimawandel wieder mehr in den Fokus der
werde. Als Ursache hierfür sehen die Autoren des             gesellschaftspolitischen Diskussion in Großbritannien
Berichts den Klimawandel. Durch die Auswirkungen             gerückt. Zwischen Conservatives, Labour und Liberal
der Erderwärmung auf die Höhe des Meeresspiegels             Democrats herrscht inzwischen Konsens darüber, dass
gehören die britischen Inseln ohnehin zu den Län-            den Auswirkungen des Klimawandels durch staatliche
dern Europas mit der größten Hochwassergefahr.               Programme begegnet werden muss. Einigkeit besteht
Bis 2080 werden laut der Studie zwischen 250.000             auch darin, dass für einen nachhaltigen Erfolg natio-
und 400.000 Menschen in Europa von Überschwem-               nale Anstrengungen allein nicht ausreichen, sondern
mungen betroffen sein – insbesondere im Norden des           internationale Klimaabkommen notwendig sind. Bei
Kontinents.3 Professor Samuel Fankhauser von der             seinem Amtsantritt im Mai 2010 hatte Premierminister
London School of Economics betont die Notwendig-             David Cameron noch angekündigt, sein neues Kabinett
keit für Großbritannien und Nordeuropa, sich mehr            werde die „grünste‟ britische Regierung aller Zeiten
mit den wachsenden Bedrohungen der Küsten- und               werden.
Festlandüberschwemmungen auseinanderzusetzen.4
Doch auch nach dem 2008 erschienenen „Pitt Review‟,          Trotz parteiübergreifender Einigkeit über die Förde-
der von der britischen Regierung unter Premiermi-            rung erneuerbarer Energien scheinen die Prioritäten
nister Gordon Brown als Folge des unzureichenden             bezüglich On- und Offshore-Windkraftanlagen unter-
Katastrophenschutzes nach den letzten verheerenden           schiedlich gelagert zu sein. Denn seit April dieses
Überflutungen vor sieben Jahren in Auftrag gegeben           Jahres sorgt ein Vorstoß des Premierministers und
wurde, gerieten das Krisenmanagement der Regierung           seines Schatzkanzlers George Osborne über ein
Cameron und die zu spät einsetzende Katastrophen-            geplantes Moratorium für Onshore-Windkraftanlagen
                                                             für eine kontroverse Debatte. Es wird darüber speku-
                                                             liert, dass dies lediglich ein parteitaktisches Manöver
                                                             Camerons im Zuge der 2015 stattfindenden Unter-
                                                             hauswahlen sei, um Kritiker seiner Klimapolitik

1|   Met Office, Centre for Ecology & Hydrology, „The
     Recent Storms and Floods in the UK‟, 02 / 2014,
     http://metoffice.gov.uk/media/pdf/1/2/Recent_Storms_
     Briefing_Final_SLR_20140211.pdf [28.07.2014].
2|   „Schwere Stürme in Großbritannien und Frankreich‟,
      Die Welt, 08.02.2014,                                  5|   Jochen Buchsteiner, „Hochwasser macht Politik‟,
     http://welt.de/article124659002.html [28.07.2014].           ­Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.02.2014,
3|   IPCC, „Summary for policymakers‟, in: C. B. Field et          http://faz.net/-gup-7m9wc [28.07.2014].
     al., Climate Change 2014: Impacts, Adaptation, and      6|   Oliver Bennett, „Flood defence spending in England‟,
     ­Vulnerability, 2014, http://ipcc-wg2.gov/AR5/images/         Mitteilung SN/SC/5755, 12.02.2014,
      uploads/WG2AR5_SPM_FINAL.pdf [28.07.2014].                   http://www.parliament.uk/briefing-papers/sn05755.pdf
4|   The London School of Economics and Political Science,         [28.07.2014].
      Grantham Research Institute on Climate Chang and       7|   Jens-Peter Marquardt, „Die EU soll schuld sein an der
      the Environment, http://lse.ac.uk/GranthamInstitute          Flut‟, Tagesschau, 11.02.2014, http://tagesschau.de/
      [28.07.2014].                                                ausland/flut-briten100.html [28.07.2014].
26

     aus den eigenen Reihen zu besänftigen.8 Führende              Während des London-Besuchs von Bundeskanzlerin
     Politiker der Liberal Democrats, dem Koalitionspartner        Angela Merkel im Februar dieses Jahres zeigte sich,
     der Konservativen, ließen bereits durchblicken, dass          dass sowohl Deutschland als auch Großbritannien
     sie dieses Vorhaben in einer gemeinsamen Regierung            klimapolitisch ähnliche Ziele verfolgen. Angela Merkel
     nach 2015 nicht unterstützen würden. Derzeit gibt es          favorisiert eine Reduktion des CO2-Ausstoßes inner-
     in Großbritannien rund 4.000 Onshore-Windräder, die           halb der EU bis 2030 um 40 Prozent, ihr Amtskollege
     fünf Prozent des Stroms produzieren. Weitere 3.000            Cameron sogar um 50 Prozent im Rahmen eines
     Windräder sind in Planung. Laut einer Umfrage, die            VN-Abkommens.13 Dieser Vorschlag basiert auf einer
     der Guardian9 zitiert, unterstützt eine Mehrheit der          Anfang 2014 veröffentlichten Analyse des britischen
     Briten die Förderung erneuerbarer Energien. Maf               Umweltministeriums, wonach dieses Vorhaben mit
     Smith vom Verband Renewable UK zeigt sich deshalb             einer Investition von gerade einmal 0,59 Prozent des
     von Camerons Ideen enttäuscht. Onshore-Windräder              BIPs erreicht werden könne und zugleich der Wirt-
     seien wesentlich günstiger und zuverlässiger als              schaft des Landes nütze.
     Offshore-Windanlagen oder gar Atomkraftwerke
     und müssten deshalb weiterhin gefördert werden.               Durch einen Rückgang des Bedarfs fossiler Brennstoffe
     Außerdem sorge die Ankündigung eines Morato-                  aus dem Ausland seien EU-weite Einsparungen von bis
     riums für Unsicherheit bei potenziellen Investoren, so        zu 110 Milliarden Euro möglich.14
     Smith. 10

                                                                   Die deutsche Energiewende, die von der Bundesregie-
     Mit dem „London Array‟ steht an der Themse-Mün-               rung seit der Reaktorkatastrophe von Fukushima im
     dung immerhin der weltweit größte Offshore-Wind-              März 2011 mit Nachdruck vorangetrieben wird, wurde
     park. Zudem steuert Großbritannien rund 55 Prozent            in den vergangenen beiden Jahren durch den Eco-
     der europaweiten Offshore-Windenergie bei und ist             nomist kontinuierlich beobachtet. Die Ziele Deutsch-
     damit Spitzenreiter.11 Doch innerhalb der britischen          lands, seine Treibhausgasemissionen bis 2050 im
     Bevölkerung herrscht Unmut über gestiegene Preise             Vergleich zu 1990 um 80 Prozent zu reduzieren – und
     für Strom und Gas. Verantwortlich dafür sollen die            das ohne den Beitrag von Atomkraft – hat in Groß-
     „Big Six‟, die sechs größten Energie-Versorger in             britannien zu geteilten Reaktionen geführt: Einerseits
     Großbritannien, sein: British Gas, EDF Energy, E.ON           wird der Ehrgeiz der Deutschen bewundert, anderer-
     UK, npower, Scottish Power und SSE. Eine Mehr-                seits besteht die Annahme, dass die deutsche Wett-
     heit der Briten meint, dass diese nicht im Sinne der          bewerbsfähigkeit durch diesen radikalen Umbruch in
     Verbraucher handeln und die Preise bewusst auf                Mitleidenschaft gezogen werden könnte.15
     hohem Niveau halten. In diesem Zusammenhang hat
     Labour-Chef Ed Miliband für den Fall einer Regierungs-        Der Economist verweist dabei auf die komplexen
     übernahme nach den nächsten Unterhauswahlen eine              Herausforderungen hinsichtlich Lagerung und Trans-
     Strompreisbremse angekündigt. Diesen Vorschlag                port, um diesen ambitionierten Plan zu verwirklichen
     wiesen Regierungsvertreter entschieden zurück. Er sei         und sieht einen möglichen Erfolg der deutschen
     unseriös und zudem rechtlich kaum durchsetzbar.        12
                                                                   Energiewende durch interne Streitigkeiten zwischen
                                                                   den politischen Lagern und Zuständigkeitsbereichen
                                                                   gefährdet.16

                                                                   13 | Sophie Yeo, „Merkel: UK and Germany have ‚com-
                                                                        mon ground‛ on climate strategy‟, Responding to Climate
                                                                        Change (RTCC), 28.02.2014, http://rtcc.org/2014/
                                                                          02/28/merkel-uk-and-germany-have-common-ground-
                                                                          on-climate-strategy [28.07.2014].
                                                                   14 | Department of Energy & Climate Change, P  ­ olicy
                                                                        ­summary of UK analysis on EU 2030 targets,
                                                                         27.02.2014, https://gov.uk/government/uploads/
     8|   Rowena Mason, „Tories plan new attack on windfarms‟,            system/uploads/attachment_data/file/285533/
          The Guardian, 01.04.2014, http://gu.com/p/3z4aj                policy_summary_uk_analysis_eu_2030_targets.pdf
          [28.07.2014].                                                  [28.07.2014].
     9 | Ebd.                                                      15 | „Germany’s energy transformation. Energiewende‟,
     10 | Ebd.                                                           The Economist, 28.07.2012, http://economist.com/
     11 | Matthias Thibaut, „London nimmt Klimaziele zurück‟,            node/21559667 [28.07.2014].
          Der Tagesspiegel, 05.06.2012, http://tagesspiegel.de/    16 | „Germany’s energy reform. Troubled turn‟, The
          politik/6710112.html [28.07.2014].                             ­Economist, 07.02.2013, http://economist.com/news/
     12 | Guy Chazan und Jim Pickard, „Political uncertainty              europe/21571440-germanys-national-energy-project-
          ­becalms wind plans‟, The Financial Times, 07.04.2014.          becoming-cause-disunion-troubled-turn [28.07.2014].
27

Im 2013 erschienenen Oxford Energy Comment
kritisiert Professor John Rhys den deutschen Atom-
Ausstieg von 2011 in aller Deutlichkeit. Deutschland,
so Rhys, verfüge über die sichersten und modernsten
Atomkraftwerke der Welt und habe sich nach der
Fukushima-Katastrophe 2011 im Gegensatz zu Groß-
britannien ohne nachvollziehbare Gründe von dieser
zuverlässigen, dem Klimaschutz nützlichen Ener-
giequelle verabschiedet. Als Konsequenz daraus sei
Deutschland mehr denn je auf die Nutzung von Kohle
angewiesen – ein Widerspruch gegenüber den eigenen
Ansprüchen und den Klimazielen der EU.17 Doch
Deutschland ist auch abhängig von russischem Gas.
Diese Konstellation birgt in der aktuellen Ukraine-Krise
eine besondere Brisanz.

Atompolitisch gehen die Briten ganz andere Wege. Im            Großbritannien steuert rund 55 Prozent der europaweiten
März vergangenen Jahres genehmigte Energieminister             Offshore-Leistung bei. Der Windpark „London Array‟ an der
                                                               Themse-Mündung ist weltweit der größte seiner Art.
Ed Davey den Bau eines neuen Kernkraftwerks im
südenglischen Somerset. Es soll nach seiner Inbe-
triebnahme in etwa zehn Jahren sieben Prozent des
britischen Stroms produzieren.18                               Seit 2012 versucht die britische Regierung mit dem
                                                               so genannten Green Deal, private Haushalte zu mehr
In seiner EU-Grundsatzrede vom 23. Januar 2013                 Energieeffizienz anzuhalten. Dahinter steckt ein
erwähnte Premierminister Cameron die Klima- und                großangelegtes Anreizprogramm, um 14 Millionen
Umweltpolitik als einen Bereich, der nach seinem               Hausbesitzer bis zum Jahr 2020 dazu zu bewegen,
Willen lieber eine nationale anstelle einer EU-Kompe-          Maßnahmen wie isolierte Mauern, moderne Fenster
tenz sein solle. Dies würde seinem Land erlauben, ein          und effiziente Heizungsanlagen auszuführen. Nicht
besseres Gleichgewicht zwischen ökonomischer Wett-             die Hausbesitzer, sondern Einzelhändler und Strom-
bewerbsfähigkeit und notwendigen Maßnahmen im                  versorger sind es, die zunächst für die Sanierung
Klima- und Umweltschutz vorzunehmen. Im Regent′s               zahlen werden. Für Eigentümer erfolgt danach die
Report 2013 wird ausgeführt, dass Großbritannien               Rückzahlung über die monatliche Stromrechnung. Die
seine CO2-Emissionen zwischen 1990 und 2010 um                 Einsparungen, die durch die Sanierung erzielt werden,
rund 23,5 Prozent gesenkt hat und damit knapp vor              dürfen hierbei allerdings nicht durch die monatlichen
Deutschland (21,7 Prozent) und deutlich vor Frank-             Rückzahlungen überschritten werden.20
reich (8,6 Prozent) und Italien (8,2 Prozent) liegt.19
                                                               Seit dem Amtsantritt der Regierung Cameron im Mai
                                                               2010 hat sich Großbritannien klima- und energie-
                                                               politisch also zweifelsohne weiterentwickelt, doch
                                                               Vorstöße wie das geplante Moratorium für Onshore-
                                                               Windanlagen erscheinen in diesem Zusammenhang
                                                               widersprüchlich.

17 | John Rhys, „Current German Energy Policy – the
     ‚Energiewende‛: A UK and climate change ­perspective‟,
     http://oxfordenergy.org/wpcms/wp-content/uploads/
     2013/04/Current-German-Energy-Policy-A-UK-and-
     climate-concern-perspective.pdf [28.07.2014].
18 | „Großbritannien will neues Kernkraftwerk bauen‟,
     Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.03.2013,
     http://faz.net/-h00-77sbk [28.07.2014].
19 | John Drew und Martyn Bond (Hrsg.), The UK & Europe:       20 | „Ein Green Deal setzt in Großbritannien ganz neue
     Costs, Benefits, Options. The Regent’s Report 2013,            ­Anreize‟, FAZjob.NET, Frankfurter Allgemeine Zeitung,
     Regent’s University London, http://regents.ac.uk/files/         http://fazjob.net/ratgeber-und-service/beruf-und-
     regentsreport2013.pdf [28.07.2014].                             chance/umwelttechnik/120641.html [28.07.2014].
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