Globale terrestrische geodätische Referenzrahmen als Grundlage der Erdsystembeobachtung - HENRY
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Article, Published Version Glaser, Susanne; Schuh, Harald Globale terrestrische geodätische Referenzrahmen als Grundlage der Erdsystembeobachtung Hydrographische Nachrichten Verfügbar unter/Available at: https://hdl.handle.net/20.500.11970/107819 Vorgeschlagene Zitierweise/Suggested citation: Glaser, Susanne; Schuh, Harald (2020): Globale terrestrische geodätische Referenzrahmen als Grundlage der Erdsystembeobachtung. In: Hydrographische Nachrichten 115. Rostock: Deutsche Hydrographische Gesellschaft e.V.. S. 28-33. https://doi.org/10.23784/HN115-04. Standardnutzungsbedingungen/Terms of Use: Die Dokumente in HENRY stehen unter der Creative Commons Lizenz CC BY 4.0, sofern keine abweichenden Nutzungsbedingungen getroffen wurden. Damit ist sowohl die kommerzielle Nutzung als auch das Teilen, die Weiterbearbeitung und Speicherung erlaubt. Das Verwenden und das Bearbeiten stehen unter der Bedingung der Namensnennung. Im Einzelfall kann eine restriktivere Lizenz gelten; dann gelten abweichend von den obigen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Documents in HENRY are made available under the Creative Commons License CC BY 4.0, if no other license is applicable. Under CC BY 4.0 commercial use and sharing, remixing, transforming, and building upon the material of the work is permitted. In some cases a different, more restrictive license may apply; if applicable the terms of the restrictive license will be binding.
Erdsystembeobachtung DOI: 10.23784/HN115-04
Globale terrestrische geodätische
Referenzrahmen als Grundlage der
Erdsystembeobachtung
Ein Beitrag von SUSANNE GLASER und HARALD SCHUH
Die Bereitstellung geeigneter globaler terrestrischer geodätischer Referenzrahmen
ist von hoher gesellschaftlicher Relevanz und von ausschlaggebender Bedeutung
für ein tiefgreifendes Verständnis des Systems Erde. Dies wird deutlich, wenn es
um eine genaue und zuverlässige Quantifizierung und Prognose des globalen Mee-
resspiegelanstiegs geht. Die Unsicherheiten im Referenzrahmen sind eine Haupt-
fehlerquelle bei der Bestimmung des globalen Meeresspiegels. Daher will man die
genauigkeitslimitierenden Effekte in der Bestimmung von Referenzrahmen aufde-
cken und minimieren. Simulationen von Referenzrahmen sind dafür ein nützliches
Hilfsmittel.
Referenzrahmen | GGOS | GNSS | SLR | VLBI | DORIS | Simulationen
reference frame | GGOS | GNSS | SLR | VLBI | DORIS | simulations
The provision of suitable global terrestrial geodetic reference frames is of high social relevance and of
crucial importance for a profound understanding of the Earth’s system. It is evident for an accurate and
reliable quantification and prediction of global sea-level rise. The uncertainties in the reference frames are
a major error source in the determination of global sea-level rise. Therefore, the accuracy limiting effects
in the determination of reference frames have to be detected and minimised. Simulations of reference
frames are a useful tool for this purpose.
Autoren 1 Einleitung fügbaren globalen Referenzrahmen limitiert ist.
Dr.-Ing. Susanne Glaser ist wis- Globale terrestrische geodätische Referenzrahmen Laut Sachstandsbericht des Weltklimarates (Inter-
senschaftliche Mitarbeiterin stellen die Realisierung von Referenzsystemen dar. governmental Panel on Climate Change – IPCC) ist
am Helmholtz-Zentrum Diese können als dreidimensionale kartesische Ko- der Meeresspiegel im globalen Mittel um 3,1 mm
Potsdam – Deutsches Geo- ordinatensysteme der Erde verstanden werden. pro Jahr gestiegen (WCRP Global Sea Level Budget
ForschungsZentrum GFZ. Terrestrische Referenzrahmen werden durch Posi- Group 2018; IPCC 2019; Oppenheimer et al. 2019).
Prof. Dr. Dr. h.c. Harald Schuh tionen und Geschwindigkeiten global verteilter Angesichts dessen wird gefordert, dass globale
ist dort Direktor am Beobachtungstationen angegeben. Eine integrier- Referenzrahmen mindestens eine Größenordnung
Department 1 »Geodäsie«. te Erdsystembeobachtung auf Basis von verschie- genauer sind. Auf dieser Grundlage sind die kon-
denen geodätischen Beobachtungen bedingt ge- kreten Forderungen des Globalen Geodätischen
susanne.glaser@gfz-potsdam.de naue und konsistente Referenzrahmen, da sie eine Beobachtungssystems (GGOS) der Internationalen
absolute Referenz für die zunächst nur relativen Assoziation für Geodäsie (IAG) entstanden: Ein Re-
Messgrößen, wie Satellitenbeobachtungen des ferenzrahmen soll eine Genauigkeit von mindes-
Globalen Positionierungssystems GPS, gewährleis- tens einem Millimeter und eine Langzeitstabilität
ten. Gegenwärtig, insbesondere in Zeiten des Kli- von einem Millimeter pro Dekade aufweisen.
mawandels und der Bedrohung der Bevölkerung Die aktuelle offizielle Realisierung ITRF2014
durch Naturgefahren, bilden hochgenaue Refe- (International Terrestrial Reference Frame 2014)
renzrahmen eine ganz entscheidende Grundlage (Altamimi et al. 2016) erreicht diese geforderte
für die erforderliche Erfassung von Prozessen im Genauigkeit und Langzeitstabilität bisher aller-
System Erde. Unsicherheiten im Referenzrahmen dings nicht. Es wird in der Geodäsie international
spiegeln sich in gleicher Weise in den geodäti- intensiv an der Erstellung hochgenauer Referenz-
schen, geophysikalischen und ozeanographischen rahmen gearbeitet (Abschnitt 2), um ein genaues
Größen wider, die auf Basis des Referenzrahmens und zuverlässiges Monitoring verschiedener Erd-
bestimmt werden. Es wird angenommen, dass systemprozesse, vor allem des Meeresspiegelan-
die Genauigkeit in der Bestimmung des globalen stieges, zu ermöglichen (Abschnitt 3). Geplante
Meeresspiegelanstieges zu einem beträchtlichen Entwicklungen in der Referenzrahmenbestim-
Maße durch die Unsicherheiten im derzeitig ver- mung können dabei fundiert mittels geeigneter
28 Hydrographische NachrichtenErdsystembeobachtung
Simulationen (Abschnitt 4) abgeschätzt und be- ermöglicht eine sehr stabile Realisierung des Netz-
wertet werden. maßstabes bei der Bestimmung des Referenzrah-
mens.
2 Erstellung hochgenauer Allerdings ist VLBI nicht sensitiv für den Massen-
Referenzrahmen mittelpunkt der Erde. SLR ist durch das relativ ein-
Für einen möglichst genauen und stabilen Refe- fache Messprinzip (siehe Abb. 1, rechts) mit einer
renzrahmen werden vier geodätische Weltraum- weniger komplexen Modellierung der Beobach-
verfahren in geeigneter Weise kombiniert, da tungen sehr gut zur Realisierung des Ursprungs
jedes Verfahren individuelle Stärken und Schwä- des Referenzrahmens geeignet. Die beiden Ver-
chen aufweist. Zu den Weltraumverfahren zählen fahren SLR und VLBI haben jedoch ein weniger
die Globalen Navigationssatellitensysteme (Global gut ausgebautes und ungleichmäßig verteiltes
Navigation Satellite Systems – GNSS), einschließ- Stationsnetz als GNSS und DORIS, die wesentlich
lich des vielen bekannten amerikanischen Globa- zur Verdichtung des Referenzrahmens beitragen.
len Positionierungssystems (GPS), des russischen Die vier Techniken haben ebenfalls unterschied-
GLONASS-, des chinesischen Beidou- sowie des liche Sensitivitäten bei der Bestimmung der Erd-
europäischen Galileo-Systems. Weitere wichtige orientierungsparameter. Diese sind unerlässlich
geodätische Verfahren sind die Laserentfernungs- für die Transformation zwischen terrestrischem
messungen zu Satelliten (Satellite Laser Ranging (erdfestem) und zälestischem (himmelsfestem)
– SLR), die Radiointerferometrie auf sehr langen Referenzrahmen, was Voraussetzung für die Navi-
Basislinien (Very Long Baseline Interferometry – gation auf der Erde und im Weltraum ist. VLBI ist
VLBI) sowie das französische Dopplermessverfah- die einzige Technik, die die Orientierung der Erde
ren (Doppler Orbitography and Radiopositioning bezüglich des Nullmeridians (UT1-UTC) absolut
Integrated by Satellite – DORIS). bestimmen kann. Dagegen können die Koordi-
Es tragen nicht alle dieser Verfahren gleicherma- naten des terrestrischen Pols mit GNSS aufgrund
ßen zum terrestrischen Referenzrahmen bei. Ein des global besser verteilten Stationsnetzes genau-
Referenzrahmen wird üblicherweise durch sieben er bestimmt werden. Es wird damit deutlich, dass
definierende Parameter angeben: drei Translatio- eine konsistente Kombination zwingend erforder-
nen des Ursprungs in X-, Y- und Z-Koordinatenrich- lich ist, um geodätische Schlüsselparameter, wie
tung, drei Rotationen um die X-, Y- und Z-Achse Referenzrahmen und Erdorientierungsparameter,
sowie ein Maßstabsfaktor für das globale Stations- bestmöglich bestimmen zu können.
netz. VLBI realisiert zusammen mit SLR den Netz- Im Abstand weniger Jahre wird regelmäßig eine
maßstab. VLBI hat eine sehr lange Beobachtungs- aktualisierte Version des offiziellen Referenzrah-
historie zurück bis ins Jahr 1979 und ist weiterhin mens veröffentlicht. Die erste Realisierung, die aus
durch ein stabiles Raumsegment charakterisiert, einer Kombination verschiedener Verfahren be-
das durch jeweils zwei raumfeste Himmelskoordi- stimmt wurde, ist das BTS84 (Bureau International
naten von extragalaktischen Radioquellen, meist de l’Heure Terrestrial System aus dem Jahre 1984)
Quasaren, gegeben ist. Das Grundprinzip des (Petit und Luzum 2010). Spätere Referenzrahmen
Messverfahrens ist in Abb. 1 (links) dargestellt. Das seit der Gründung des Internationalen Dienstes
Quelle der linken Abbildung: Schuh und Behrend (2012)
Abb. 1: Messprinzip der geodätischen Weltraumverfahren. Links: Radiointerferometrie auf sehr langen Basislinien (Very Long
Baseline Interferometry – VLBI); rechts: Laserentfernungsmessungen zu Satelliten (Satellite Laser Ranging – SLR)
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für Erdrotation und Referenzsysteme (IERS – Inter- zwischen ITRF2014 und DTRF2014 (Seitz et al. 2015;
national Earth Rotation and Reference Systems Abbondanza et al. 2017; Bloßfeld et al. 2018). Es ist
Service) tragen den Namen ITRF, angefangen von Gegenstand aktueller Forschung, die signifikanten
ITRF88 bis ITRF2014, mit insgesamt 13 Versionen Unterschiede zwischen den verschiedenen Refe-
bis heute. Während dieser Zeit ist die Erstellung renzrahmen zu verstehen.
der Referenzrahmen mit stetigen Verbesserungen Bevor eine neue Version eines Referenzrahmens
einhergegangen. Der aktuelle Referenzrahmen berechnet wird, stellen die Technikzentren jedes
ITRF2014 weist eine Genauigkeit von 3 mm und geodätischen Verfahrens auf der Grundlage der
eine Stabilität von 0,2 mm/Jahr zur Referenzepo- Ergebnisse der einzelnen Analysezentren Einzel-
che 2010.0 für den Ursprung in Bezug auf die vor- techniklösungen bereit. Diese werden dann an
herige Realisierung ITRF2008 (Altamimi et al. 2011) den drei Kombinationszentren (IGN, DGFI-TUM,
auf. Im realisierten Maßstab gibt es eine Differenz JPL) analysiert und letztendlich wird ein Referenz-
zwischen den beiden Techniken SLR und VLBI von rahmen wie der ITRF2014, DTRF2014 und JTRF2014
1,37 ppb und 0,02 ppb/Jahr zur Epoche 2010.0, als Kombination der Einzeltechniklösungen be-
was auf der Erdoberfläche ungefähr 8,7 mm und stimmt. Die einzelnen Analysezentren sind inter-
0,13 mm/Jahr entspricht. Hinsichtlich der geforder- nationalen wissenschaftlichen Diensten (Services)
ten Genauigkeit von 1 mm ist dies als kritisch zu er- für eine optimale Koordination innerhalb des IERS
achten, und es bestehen intensive Bemühungen, zugeordnet. Zum Beispiel betreibt das Helmholtz-
diese Differenz zu reduzieren. Die Ursachen liegen Zentrum Potsdam – Deutsches GeoForschungs-
zum einen in einer unzureichenden Modellierung Zentrum (GFZ) im Department 1 »Geodäsie« in
der Einzeltechniklösungen und zum anderen in der Sektion 1.1 »Geodätische Weltraumverfahren«
der Kombinationsstrategie. Es ist zu erwarten, dass jeweils ein Analysezentrum des International GNSS
in der nächsten Realisierung ITRF2020 die Diffe- Service (IGS) (Johnston et al. 2017) und des Inter-
renz deutlich minimiert werden kann. national VLBI Service (IVS, assoziiert) (Schuh und
Die offizielle Realisierung, der ITRF, wird am Behrend 2012; Nothnagel et al. 2015), in Sektion
Institut National de l’Information Géographique 1.2 »Globales Geomonitoring und Schwerefeld«
et Forestière (IGN) in Paris, Frankreich, als einem jeweils ein Analysezentrum des International Laser
von weltweit drei Kombinationszentren des IERS Ranging Service (ILRS) (Pearlman et al. 2002) und
gerechnet. Weitere Kombinationszentren mit des International DORIS Service (IDS, assoziiert)
den entsprechenden aktuellen Realisierungen (Willis et al. 2010).
DTRF2014 (Seitz et al. 2016) und JTRF2014 (Abbon- Vom IERS werden außerdem festgelegte Stan-
danza et al. 2017) sind das Deutsche Geodätische dards in sogenannten Conventions, wie den IERS
Forschungsinstitut der Technischen Universität Conventions 2010 (Petit und Luzum 2010) veröf-
München (DGFI-TUM) sowie das Jet Propulsion fentlicht, die einer konsistenten Auswertung der
Laboratory (JPL) der NASA, Pasadena, USA. Alle verfahrensspezifischen Beobachtungen in den
drei Realisierungen stimmen im Bereich weniger verschiedenen Analysezentren aller Dienste welt-
Millimeter überein; allerdings gibt es bezüglich weit dienen.
des Netzmaßstabes Differenzen, hauptsächlich
3 Referenzrahmen und Meeresspiegel
Obwohl die Definition und Realisierung von Re-
ferenzrahmen dem Bereich der geodätischen
Grundlagenforschung zugeordnet werden kann,
ist die Bereitstellung geeigneter Referenzrahmen
von hoher gesellschaftlicher Relevanz und für
ein tiefgreifendes Verständnis des Systems Erde
von ausschlaggebender Bedeutung. Dies wird
vor allem deutlich für eine genaue und zuverläs-
sige Quantifizierung und Prognose des globalen
Meeresspiegelanstiegs. Die Unsicherheiten im Re-
ferenzrahmen werden als eine Hauptfehlerquelle
Quelle der Abbildung: Plag (2006), S. 32
bei der Bestimmung des globalen Meeresspiegels
angenommen (Blewitt et al. 2010; Beckley et al.
2017).
Zum Beispiel zeigen die Unterschiede zwischen
zwei Referenzrahmen – dem IGSb00, angepasst
an ITRF2000, und dem nur aus GNSS-Beobach-
tungen bestimmten IGS PPP – Unsicherheiten im
Abb. 2: Der Unterschied von zwei verschiedenen Referenzrahmen des IGS
(IGSb00, angepasst an ITRF2000, vs. IGS PPP) führt zu Unsicherheiten in der Meeresspiegelanstieg im Bereich von –3 bis +3 mm/
Abschätzung des Meeresspiegelanstieges im Bereich von –3 bis +3 mm/Jahr Jahr (Abb. 2). Der globale Meeresspiegelanstieg
selbst wird dabei mit 3,1 mm/Jahr seit 1993 auf
30 Hydrographische NachrichtenErdsystembeobachtung
der Grundlage von Altimeterdaten angegeben der Kombination der verschiedenen Verfahren.
(WCRP Global Sea Level Budget Group 2018). Eine Dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten, die
Unsicherheit von einem Zentimeter im realisierten Verfahren miteinander zu verbinden. Gewöhnlich
Ursprung des Referenzrahmens führt zu einer Un- erfolgt die Kombination am Boden an sogenann-
sicherheit von bis zu –1,2 mm im mittleren Meeres- ten Kolokationsstationen, wo Beobachtungen zu
spiegel, abgeleitet aus Satellitenaltimetermessun- mindestens zwei verschiedenen Verfahren durch-
gen (Morel und Willis 2005). geführt werden können. Differenzvektoren (local
Die Vereinten Nationen haben in einer ersten Re- ties) zwischen den Markern der Empfänger der Ver-
solution zur Geodäsie die Relevanz sehr genauer fahren werden mittels klassisch vermessungstech-
Referenzrahmen für das Monitoring des Systems nischer Methoden bestimmt und in die Kombina-
Erde hervorgehoben, die im Februar 2015 unter tion als zusätzliche Beobachtungen eingeführt.
dem Titel »A global geodetic reference frame Diese Differenzvektoren zeigen Unterschiede zu
for sustainable development« (A/RES/69/266, den Positionen, wie sie aus den Weltraumverfah-
www.unggrf.org) verabschiedet wurde. ren abgeleitet werden, von bis zu wenigen Zenti-
metern (Glaser et al. 2015b; Altamimi et al. 2016),
4 Simulationsstudien was zu Unsicherheiten im Referenzrahmen führt.
Es besteht demnach ein großes Interesse in der Verschiedene Simulationsszenarien mit den local
geodätischen Gemeinschaft, die genauigkeits- ties, die somit die Rolle von Schlüsselparametern
limitierenden Effekte in der Bestimmung von Re- in der Kombination spielen, wurden ebenfalls um-
ferenzrahmen aufzudecken und zu minimieren. fangreich analysiert (Glaser et al. 2019a). Um einen
Zu erwartende Genauigkeitssteigerungen durch Referenzrahmen zu erhalten, der die GGOS-An-
zukünftige Entwicklungen für die nächsten Refe- forderungen erfüllt, müssen die local ties genauer
renzrahmen können mit Simulationen zuverlässig als auf einen Zentimeter vorliegen. Die Simulation
bewertet werden (Schuh et al. 2015). Dazu zählen systematisch verfälschter local ties bestätigte, dass
zum Beispiel der Ausbau der Stationsnetze durch GPS für die Verbindung der Verfahren essenziell ist.
neue Beobachtungsstationen und eine Verbesse- Außerdem kann die kombinierte Lösung als robust
rung der Genauigkeit und Verfügbarkeit geodäti- gegen einzelne verfälschte local ties angenom-
scher Beobachtungen. Innerhalb verschiedener men werden.
Projekte am GFZ wurde eine Simulationsumge- Die Kombination kann ebenfalls über Parame-
bung für die geodätischen Weltraumverfahren zur ter erfolgen, die aus allen Weltraumverfahren ge-
Bestimmung von Referenzrahmen im Hinblick auf meinsam bestimmt werden können. Dazu zählen
die oben genannten Ziele von GGOS geschaffen. zum Beispiel die Erdrotationsparameter, die dann
Die simulierten Stationsnetze sind in Abb. 3 dar- als global ties (Seitz et al. 2012; Glaser et al. 2015a;
gestellt. Dabei hat man sich an den realen Stations- 2017) bezeichnet werden, oder die Troposphären-
netzen des Referenzrahmens ITRF orientiert, aller- parameter als atmospheric ties (Krügel et al. 2007;
dings wurde die Anzahl an Stationen begrenzt, Balidakis et al. 2019; Heinkelmann et al. 2019).
um den Rechenaufwand zu minimieren. Diese SLR ist das einzige der vier Verfahren, das auf
bestehenden Stationsnetze wurden dann um zu- Wellen im optischen Bereich und nicht auf Mikro-
sätzliche geplante Stationen ergänzt und deren
Einfluss mittels der Simulationen untersucht.
Die Simulationsstudien wurden mit VLBI-Be-
obachtungen aktueller Stationsnetze begonnen
und es wurden verschiedene Modelle des Mess-
rauschens angesetzt. Dabei konnte festgestellt
werden, dass die simulierten Beobachtungen, die
auf den Genauigkeiten und Verfügbarkeiten realer
Beobachtungen basieren, der offiziellen Realisie-
rung ITRF am nächsten kommen, allerdings noch
zu optimistisch sind (Glaser et al. 2016).
Zusätzliche VLBI-Stationen der nächsten Gene-
ration des VLBI-Systems VGOS (VLBI Global Ob-
serving System) führten zu deutlichen Genauig-
keitssteigerungen, und es wurde gezeigt, welche
Stationen bei der Erstellung des Referenzrahmens
besonders wichtig sind. Bereits eine einzige zu-
sätzliche Station in entlegenen Gebieten, wie zum
Beispiel Tahiti, Französisch-Polynesien, verbessert
die geschätzten Stationspositionen im globalen Abb. 3: Übersicht über die für die Simulationsstudien verwendeten Stationsnetze der einzelnen
Mittel um bis zu 13 % (Glaser et al. 2017). geodätischen Weltraumverfahren (GPS, SLR, DORIS, VLBI) mit Anzahl an Stationen
Die Erstellung von Referenzrahmen basiert auf
HN 115 — 03/2020 31Erdsystembeobachtung
wellen basiert. Dies zieht eine Wetterabhängigkeit dere für die Realisierung des Ursprungs und des
der SLR-Beobachtungen nach sich, da Sicht ohne Netzmaßstabes. Es ergeben sich für den realisier-
Wolken zwischen Station und Satellit bestehen ten Ursprung Verbesserungen um Faktor 43 in
muss. Um realistische Simulationen für zukünftige Z-Richtung und Faktor 8 in X- und Y- Richtung in
SLR-Stationen durchführen zu können, sind erst- Bezug auf eine gewöhnliche Galileo-Konstellation
mals Informationen zur lokalen Wolkenbedeckung (Glaser et al. 2020).
aus dem numerischen Wettermodell ERA5 in die
Simulationen eingeflossen. Die Erweiterung des 5 Zusammenfassung
SLR-Netzes um 14 zum Teil bereits geplante Sta- Globale terrestrische geodätische Referenzrahmen
tionen verbessert den Ursprung des Referenzrah- stellen die Grundlage der Erdsystembeobachtung
mens um 22 % und den Netzmaßstab um 20 % dar, um Zielgrößen, wie den globalen Meeres-
(Glaser et al. 2019b). spiegel bestimmen zu können. Bisher verfügbare
Technische Weiterentwicklungen der Verfahren, Referenzrahmen erfüllen noch nicht die Genauig-
wie sie zum Beispiel für eine nächste Generation keitsanforderungen, wie sie vom Globalen Geo-
des Galileo-Systems angedacht sind, und deren dätischen Beobachtungssystem (GGOS) festgelegt
Einfluss auf geodätische Schlüsselparameter wur- wurden, im Hinblick auf eine genaue und zuver-
den ebenfalls simuliert. In Zusammenarbeit mit lässige Abschätzung des globalen Meeresspiegels.
dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt Simulationen von Referenzrahmen stellen da-
(DLR) wird der Einfluss von Inter-Satelliten-Links bei ein nützliches Hilfsmittel dar, um zum einen
und hochgenauen optischen Uhren einer vor- genauigkeitslimitierende Faktoren aufzudecken
geschlagenen »Kepler«-Konstellation (www.kep- und zum anderen den Einfluss zukünftiger Ent-
ler.global) untersucht (Günther 2018; Giorgi et al. wicklungen auf den Referenzrahmen eindeutig
2019). In dieser Konstellation werden die 24 höher bewerten zu können. Verschiedene nationale und
fliegenden Satelliten (Medium Earth Orbit – MEO) internationale Gruppen arbeiten intensiv an der
durch vier niedrig fliegende Satelliten (Low Earth Verbesserung aktueller Referenzrahmen, wie zum
Orbit – LEO) ergänzt, die zusammen mit den Inter- Beispiel in der Arbeitsgruppe PLATO (Performance
Satelliten-Links eine perfekte Synchronisation der Simulations and Architectural Trade-offs) (Männel
Satellitenuhren erlauben. Die Kepler-Konstellation et al. 2018). Es ist zu erwarten, dass die nächste
offenbart dabei ein vielversprechendes Potenzial Realisierung, der ITRF2020, eine deutliche Genau-
für die Erstellung von Referenzrahmen, insbeson- igkeitssteigerung mit sich bringen wird. //
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HN 115 – März 2020 Lars Schiller
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Journal of Applied Hydrography
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HN 115 — 03/2020 33Sie können auch lesen