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Analysen und Konzepte
LebensWerte Kommune | Ausgabe 5 | 2020
Jetzt Alle?!
Digitale Souveränität von Älteren
Eine Befragung zu digitalen Kompetenzen
Tobias Bürger, Regina SidelInhalt | Analysen und Konzepte 5 | 2020
Inhalt
1. Einleitung 4
2. Nutzung digitaler Technologien bei Älteren
stagniert 4
2.1 Digitale Gräben 5
2.2 Digitale Kompetenzen 5
3. Ergebnisse der Befragung 6
3.1 Kenntnisse im Bereich digitaler Technologien 6
3.2 Sicherheit im Umgang mit digitalen Endgeräten 6
3.3 Unterstützung bei der Nutzung digitaler
Technologien 9
3.4 Anwendungen digitaler Technologien im Alter 10
3.5 Informiertheit zu technologischen Entwicklungen 11
3.6 Relevanz digitaler Technologien heute und in
Zukunft 12
4. Fazit und Handlungsempfehlungen 13
4.1 Was können wir tun? 15
4.2 Methodensteckbrief 16
5. Bereitstellung der Umfrageergebnisse als
Open Data 16
Literaturverzeichnis 16
Mission 17
Ausblick 18
Impressum 18
3Analysen und Konzepte 5 | 2020 | Einleitung
vor Ausbruch der Pandemie durch das Meinungs-
1. Einleitung forschungsinstitut KANTAR im Auftrag der Ber-
telsmann Stiftung durchgeführt und untersucht
Die Chancen gesellschaftlicher Teilhabe durch verschiedene grundlegende Aspekte digitaler Sou-
digitale Technologien sind für viele Menschen veränität im Altersvergleich.
in der aktuellen Situation greifbar gewor-
den. Sprunghaft ist die Nutzung von Videokon-
ferenz-Diensten für die Kommunikation mit
Kolleg:innen, Freund:innen und Familie gestie- 2. Nutzung digitaler
gen, Einkäufe werden verstärkt online getätigt,
Technologien bei Älteren
kommunale Verwaltungen bieten Dienstleistun-
gen vermehrt online an. Die Corona-Pandemie hat stagniert
die hohe Relevanz der digitalen Technologien für
Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft sicht- In unserer digitalen Gesellschaft sind die Chan-
bar gemacht. cen auf ein aktives selbstbestimmtes Leben und
gesellschaftliche Teilhabe – sozial und digital –
Die Digitalisierung garantiert dabei für viele ein nicht gleichmäßig verteilt. Diese Ungleichheit
Mindestmaß an individueller Handlungsfähig- äußert sich auch beim Zugang zum Internet. Zwar
keit, Mobilität und Partizipation. In der Corona- nutzen ältere Personen verstärkt das Internet,
Pandemie gilt dies gerade auch für ältere Men- doch noch immer existiert eine digitale Kluft zwi-
schen. Zwei von fünf Bundesbürger:innen über schen jüngeren und älteren Internetnutzer:innen.
65 Jahren stehen der Digitalisierung nun positiver Während 2019 fast jeder 14- bis 19-Jährige täg-
gegenüber als vor der Corona-Pandemie, so eine lich online war, trifft dies nur auf rund die Hälfte
Umfrage des Branchenverbandes Bitkom (2020). der 60- bis 69-Jährigen und nur rund jeden Drit-
Mehr als die Hälfte gibt an, mit dem Internet die ten über 70-Jährigen zu. Immer noch nutzen rund
Herausforderungen während der Pandemie besser 15 Prozent der 60- bis 69-Jährigen das Internet gar
bewältigen zu können. Rund ein Drittel der über nicht, bei den über 70-Jährigen liegt dieser Anteil
65-Jährigen will die Kenntnisse und Fähigkeiten sogar bei 42 Prozent (Beisch, Koch und Schäfer
des Internets auch weiterhin nutzen. 2019: 375).
Damit digitale Technologien zu einer Verbes- In Deutschland nutzten im Jahr 2019/20 rund
serung der Lebensverhältnisse beitragen, müs- neun von zehn Bürger:innen das Internet, doch
sen sie von den Nutzer:innen angenommen und stieg unter diesen Nutzer:innen die Gruppe älte-
digitale Kompetenzen erlernt werden. Im Achten rer Personen mit einem niedrigen Bildungsab-
Altersbericht der Bundesregierung wird deshalb schluss zuletzt kaum, stellt die Initiative D21 in
neben der stärkeren Einbindung älterer Menschen ihrem jährlichen Digital-Index fest (Initiative D21
in die Gestaltung der Digitalisierung ebenfalls e.V. 2020). Dabei können Ältere in vielerlei Hin-
eine Stärkung ihrer digitalen Souveränität gefor- sicht von digitalen Technologien profitieren, sei es
dert, worunter die „selbstbestimmte, informierte, durch die Nutzung von Gesundheitstechnologien
sichere und verantwortungsvolle Aneignung und oder Kontakthalten mit Freund:innen und Ver-
Nutzung digitaler Technologien“ (Berner, Endter wandten über digitale Kommunikationstechnolo-
und Hagen 2020: 44) verstanden wird. gien wie E-Mail oder Messenger-Dienste (Quan-
Haase, Mo und Wellman 2017).
Wie verhält es sich mit der digitalen Souveräni-
tät älterer Menschen in Deutschland? Die vor-
liegende Befragung wurde im Mai 2019 deutlich
4Nutzung digitaler Technologien bei Älteren stagniert | Analysen und Konzepte 5 | 2020
2.1 Digitale Gräben
Digitale Souveränität
Die Teilnahme an der Gesellschaft und die Mög-
lichkeit, sich in dieser zu engagieren, werden Die gesellschaftlichen Debatten rund um die Chancen und
heute verstärkt durch das Internet ermöglicht. Risiken digitaler Technologien werden aktuell maßgeblich
Insbesondere in Zeiten, in denen der physische von der ethischen und rechtlichen Legitimität von künstli-
Kontakt eingeschränkt ist, stellt das Internet die cher Intelligenz, Big Data und Datensicherheit dominiert.
Infrastruktur für Dienste bereit, durch die sich Die aktive und selbstbestimmte digitale Teilhabe setzt dabei
alltägliche Aufgaben, wie beispielsweise Video- ein Mindestmaß an digitaler Souveränität voraus. Was ver-
telefonate oder Einkäufe, erledigen lassen. Doch stehen wir unter digitaler Souveränität? Digitale Souveräni-
bereits seit Mitte der 90er-Jahre spricht man im tät enthält alle Kompetenzen, die Menschen für ein selbstbe-
Zusammenhang mit dem Zugang und der Nutzung stimmtes Handeln in einer Gesellschaft benötigen.
des Internets von einem „digitalen Graben“ oder
einer „digitalen Spaltung“. Digitale Souveränität kann in sechs Teilbereiche unterschie-
den werden, die in individueller, gesellschaftlicher und tech-
Früh konnte gezeigt werden, dass sich (fehlende) nologischer Verantwortung liegen und weiterentwickelt
Internetnutzung durch soziodemografische Fak- werden:
toren wie Bildung, Geschlecht oder Alter erklä- • digitale Kompetenz
ren lassen (Norris 2001). Der digitale Graben teilt • Zugang zu digitaler Bildung
die Gesellschaft demnach in zwei Gruppen: Men- • soziales Miteinander
schen mit und solche ohne Internetzugang. Men- • Datensicherheit und Vertrauen
schen ohne Internetzugang haben somit auch • Infrastruktur und Wettbewerbsfähigkeit
einen geringen Zugang zu Informationen, was in • Usability und Produktvielfalt
der Informationsgesellschaft eine starke Benach-
teiligung darstellt.
Zwar konnte in den letzten Jahren der digitale Ein Internetanschluss ist somit noch kein Garant
Graben in Bezug auf die Nutzung des Internets in dafür, dass Nutzer:innen das Internet tatsächlich
vielen Regionen der Welt verringert werden, doch auch souverän nutzen können. Neben diesen Fak-
allein der Zugang zum Internet ermöglicht keine toren haben auch die individuellen Fähigkeiten
Teilhabe, er stellt lediglich die Eintrittskarte in die einen großen Einfluss auf die Nutzung digitaler
digitale Gesellschaft dar. Es gibt viele verschie- Technologien. Fehlende digitale Kompetenzen im
dene Gründe dafür, warum Menschen das Inter- Umgang mit Technologien wie dem Internet wer-
net nicht nutzen. So hat beispielweise in länd- den deshalb mitunter als „zweiter digitalen Gra-
lichen Gebieten die soziale Vernetztheit einer ben“ oder generell als „weitere digitale Gräben“
Person Einfluss darauf, ob und wie das Internet bezeichnet (Courtois und Verdegem 2016).
genutzt wird (Boase 2010). Soziale und ökonomi-
sche Faktoren wie Einkommen, Alter, Bildung,
gesellschaftliche Segregation oder die Komple- 2.2 Digitale Kompetenzen
xität der Informationstechnologie beeinflussen
die Internetnutzung ebenfalls nachweislich und Digitale Gräben zu schließen und den digita-
können bestehende soziale Unterschiede in der len Wandel aktiv gestalten erfordert von den
Gesellschaft verstärken – anstatt diese aufzuhe- Nutzer:innen eine umfassende Orientierungs-
ben (Goedhart et al. 2019; Mossberger et al. 2012; und Gestaltungskompetenz, um aktuelle Entwick-
Matthews, Nazroo und Marshall 2018). lungen einordnen und das eigene Handeln reflek-
tieren zu können. Unter dem Begriff „digitale
5Analysen und Konzepte 5 | 2020 | Ergebnisse der Befragung
Souveränität“ verstehen wir deshalb all die digi-
talen Kompetenzen, die für ein selbstbestimm- 3. Ergebnisse der Befragung
tes Leben im Alter notwendig sind (siehe Kasten
„Digitale Souveränität“). Für die vorliegende Studie wurden 1.007 Perso-
nen ab 14 Jahren in Deutschland im Zeitraum vom
Die vorliegende Befragung schließt an die von 26. April bis 3. Mai 2019 zu ihrem Umgang und
der Bertelsmann Stiftung veröffentlichte Studie ihren Einstellungen zu digitalen Technologien
„Digital souverän? Kompetenzen für ein selbst- befragt (siehe Kapitel 4.2 Methodensteckbrief).
bestimmtes Leben im Alter“ (2019b) an, in der ein Digitale Souveränität konnte in der telefonisch
Expertenteam die Chancen und Risiken der Digi- durchgeführten Befragung im Wesentlichen durch
talisierung für Senior:innen untersucht hat. Ziel drei Fragen gemessen werden: 1. zu den eigenen
dieser Studie war es, den digitalen Wandel mit Kenntnissen im Umgang mit digitalen Techno-
Schwerpunkt auf den künftigen Herausforderun- logien, 2. zur erlebten Sicherheit im Internet und
gen insbesondere für die ältere Bevölkerung zu beim Umgang mit technischen Geräten, und 3. zur
untersuchen (siehe Kasten „Handlungsempfeh- Informiertheit über digitale Technologien.
lungen“).
3.1 Kenntnisse im Bereich digitaler
Technologien
Handlungsempfehlungen
Die Befragten wurden zu Beginn um eine allge-
Im Rahmen der Studie „Digital souverän? Kompetenzen für meine Einschätzung ihrer Kenntnisse im Bereich
ein selbstbestimmtes Leben im Alter“ (2019b) wurden die digitale Technologien und des Internets gebeten.
folgenden Handlungsempfehlungen für digitale Souveräni- Während nur 16 Prozent aller Befragten ihre eige-
tät erarbeitet. nen Kenntnisse als „sehr gut“ einschätzen, geben
• Digitale Souveränität bedeutet, Individuum, Gesellschaft 48 Prozent diese als „gut“ und 34 Prozent als „eher
und Technik gemeinsam zu denken. schlecht“ bis „sehr schlecht“ an (Abbildung 1).
• Digitale Souveränität benötigt die Gestaltung auf ver- Bei der Einschätzung der eigenen Kenntnisse im
schiedenen politischen Ebenen. Bereich digitaler Technologien zeigt sich der Ein-
• Digitale Souveränität muss von älteren Menschen mitge- fluss des Faktors Bildung. Denn die Kenntnisse
staltet werden. im Umgang mit der Technik sind bei Befragten
• Ein neues Paradigma für die technische Gestaltung der mit mittlerem und höherem Bildungsabschluss
Mensch-Technik-Interaktion ist zu fordern und umzuset- im Schnitt um rund ein Drittel (64 zu 34 Prozent)
zen. höher als bei solchen mit Volks- oder Hauptschul-
• Kriterien gelingender Partizipation müssen entwickelt abschluss (Abbildung 2). Schüler:innen schätzen
werden. ihre Kenntnisse mit 86 Prozent am höchsten ein.
• Künstliche Intelligenz sollte zur Bewältigung kommunaler
Herausforderungen eingesetzt werden.
3.2 Sicherheit im Umgang mit
digitalen Endgeräten
Neben eigenen Kenntnissen zum Umgang mit
digitalen Technologien ist die Sicherheit, mit der
Nutzer:innen diese anwenden, ein weiterer, wich-
tiger Faktor für die souveräne Anwendung. Rund
jede:r fünfte Befragte gibt an, mit Geräten wie
6Ergebnisse der Befragung | Analysen und Konzepte 5 | 2020
ABBILDUNG 1 Eigene Kenntnisse im Bereich digitaler Technologien nach Altersgruppe
14- bis 29-Jährige 34 % 55 % 10 %
30- bis 39-Jährige 16 % 68 % 15 %
40- bis 49-Jährige 23 % 46 % 24 % 6%
50- bis 59-Jährige 10 % 44 % 36 % 8% 2%
60+ Jahre 4% 38 % 36 % 17 % 5%
Insgesamt 16 % 48 % 26 % 8% 2%
0% 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 100 %
sehr gut eher gut eher schlecht sehr schlecht keine Angaben
Quelle: Eigene Darstellung
ABBILDUNG 2 Eigene Kenntnisse im Bereich digitaler Technologien nach Schulbildung, summiert
noch Schule 86 % 14 %
Abitur, Universität 77 % 23 %
mittl. Bildungsabschluss 76 % 22 % 2%
Volks-/Hauptschulabschluss 40 % 56 % 4%
Insgesamt 64 % 34 % 2%
0% 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 100 %
bessere Kenntnisse schlechtere Kenntnisse keine Angaben
Quelle: Eigene Darstellung
Smartphone, Tablet oder Computer „sehr sicher“ „Digitale Souveränität setzt den verantwortungsvollen
umgehen zu können. 44 Prozent der Befragten Umgang mit digitalen Technologien voraus: sich
fühlen sich „eher sicher“. Doch mehr als jede:r Kompetenzen anzueignen und Risiken einzuschätzen.
Dritte (35 Prozent) gibt an, sehr unsicher oder teil- Dazu sind Unterstützungsangebote erforderlich, die
weise unsicher bei der Bedienung digitaler Endge- Menschen qualifizieren, ihnen bei Problemen Hilfestellung
räte zu sein (Abbildung 3). bieten und zugleich das Selbstvertrauen in die eigenen
Fähigkeiten stärken.“
Jutta Croll, Vorstandsvorsitzende der Stiftung Digitale Chancen
7Analysen und Konzepte 5 | 2020 | Ergebnisse der Befragung
ABBILDUNG 3 Sicherheit im Internet beim Umgang mit Geräten wie Smartphone, Tablet und PC, nach Altersgruppe
14- bis 29-Jährige 28 % 51 % 21 %
30- bis 39-Jährige 32 % 49 % 18 %
40- bis 49-Jährige 26 % 44 % 22 % 8%
50- bis 59-Jährige 11 % 52 % 27 % 7% 2%
60+ Jahre 7% 32 % 35 % 20 % 6%
Insgesamt 18 % 44 % 26 % 9% 2%
0% 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 100 %
sehr sicher eher sicher eher unsicher völlig unsicher keine Angaben
Quelle: Eigene Darstellung
ABBILDUNG 4 Sicherheit im Internet beim Umgang mit Geräten wie Smartphone, Tablet und PC, nach Altersgruppe,
Mittelwert (von 1 = sehr sicher bis 4 = völlig unsicher)
3,0
2,5 2,8
2,4
2,0 2,3
1,9
1,5
1,0
0,5
0,0
Insgesamt 14- bis unter 45-Jährige 45- bis unter 65-Jährige Über-65-Jährige
Quelle: Eigene Darstellung
Die größte Unsicherheit im Umgang mit diesen digitalen Endgeräten im Durchschnitt um etwa
Geräten zeigen die über 65-Jährigen, deren durch- ein Fünftel, sobald ein Volks- oder Hauptschul-
schnittliches Sicherheitsempfinden auf einer abschluss vorliegt. Dieses Ergebnis deckt sich mit
Skala von 0 bis 4 mit rund 2,8 am oberen Ende den Befunden des Achten Altenberichts, der eben-
liegt (Abbildung 4). Gleichzeitig schwankt dieser falls eine Schere zwischen älteren Nutzer:innen
Wert innerhalb dieser Altersgruppe am stärksten, aufgrund unterschiedlicher Bildungsstände fest-
was auf die unterschiedliche Verteilung von per- stellt und deshalb vor einer Pauschalisierung von
sönlichen Ressourcen hindeutet. Wie in der vor- älteren Nutzer:innen warnt (Berner, Endter und
herigen Frage sinkt die Sicherheit im Umgang mit Hagen 2020). Folgt man dieser Argumentation,
8Ergebnisse der Befragung | Analysen und Konzepte 5 | 2020
dann ergibt sich hieraus die Notwendigkeit, Bil- Bei der Frage, welches Hilfsangebot wahrgenom-
dungsangebote für ältere Anwender:innen stär- men wird, spielen sowohl die Selbsteinschätzung
ker bedarfsorientiert anzubieten. der eigenen Kenntnisse über digitale Technologien
als auch die Sicherheit im Umgang mit dem Inter-
net und technischen Geräten eine Rolle. Befragte,
3.3 Unterstützung bei der Nutzung die ihre eigenen Kenntnisse zu digitalen Tech-
digitaler Technologien nologien als sehr gut einschätzen, suchen eher
selbstständig nach Lösungen im Internet, wäh-
Genauso wichtig wie die Frage nach den eige- rend Befragte mit eher schlechten Kenntnissen
nen Kenntnissen und der Sicherheit im Umgang sich deutlich häufiger an Freunde, Bekannte und
mit den gängigen digitalen Technologien ist die Familienmitglieder wenden. Wer sich im Umgang
Verfügbarkeit von Ansprechpartner:innen, wenn mit dem Internet und technischen Geräten sehr
Fragen zur Nutzung, zu den Einstellungen oder sicher fühlt, der sucht ebenfalls eher selbst online
Änderungswünschen aufkommen. Der überwie- nach Lösungen. Das Alter hat auch Einfluss auf
gende Anteil der Befragten lebt in Ein- bis Zwei- die Nutzung bestimmter Hilfsangebote. So suchen
Personen-Haushalten (68 Prozent), d. h. allein beispielsweise jüngere Nutzer:innen stärker selbst
oder mit einer weiteren Person. Von allen Befrag- im Internet, ältere hingegen wenden sich bei Fra-
ten können etwa zehn Prozent aufkommende gen eher an Freunde und Bekannte.
Fragen zum Digitalen selbstständig lösen. Rund
die Hälfte der Befragten kann bei Bedarf auf
Ansprechpartner:innen aus privaten Kontakten
zurückgreifen oder Fragen mittels einer Recherche
im Internet bzw. über Angebote einer Einrichtung
oder Institution klären. Jede dritte Person verfügt
über bis zu zwei Ansprechpartner:innen. Nur etwa
fünf Prozent bleiben ohne Rat und wenden sich
auch nicht an Dritte (Abbildung 5).
ABBILDUNG 5 „Wenn Sie Fragen zur Nutzung, den Einstellungen Ihres Smartphones, Tablets oder Computers oder wie
man diese verändert haben, an wen wenden Sie sich da?“, in Prozent
Ich wende mich an keinen, kann etwaige Fragen
4,8
aber auch nicht lösen oder Nichts davon
ein:e Ansprechpartner:In (aus privaten Kontakten,
52,7
Recherche im Internet und Einrichtungen/Institutionen)
zwei Ansprechpartner:innen (aus privaten Kontakten,
29,6
Recherche im Internet und Einrichtungen/Institutionen)
drei Ansprechpartner:innen (sowohl private Kontakte,
2,3
Recherche im Internet und Einrichtungen/Institutionen)
Ich habe genug Wissen und habe keine Fragen 9,3
0% 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 %
Quelle: Eigene Darstellung
9Analysen und Konzepte 5 | 2020 | Ergebnisse der Befragung
ABBILDUNG 6 Anwendungsbereiche digitaler Technologien im Alter, ausgewählte Antworten, Ø in Prozent, summiert
„Wenn Sie an Ihr Leben im Alter denken, welche Anwednungen könnten für Sie hilfreich sein?“
Altersgerechte häusliche Assistenzsysteme etwa durch
84
Einbau von Bewegungssensoren oder eines Notrufs
Internetplattformen zum Ankauf, Mieten oder Teilen
69
von Waren oder Dienstleistungen
Digitale Patientenakten, die eine bessere Krankheitsdiagnose/
64
-therapie ermöglichen
Assistenzroboter 58
Die Vernetzung von Haustechnik und Haushaltsgeräten 57
Die Nutzung eines selbstfahrenden Autos 52
Eine Onlinesprechstunde oder medizinische Ferndiagnose,
44
etwa durch einen Arzt
0% 20 % 40 % 60 % 80 % 100 %
Quelle: Eigene Darstellung
3.4 Anwendungen digitaler eröffnet jedoch Möglichkeiten, analoge Termine
Technologien im Alter und digitales Wissensmanagement zum Vorteil
älterer Patient:innen zu nutzen, was 64 Prozent
Die Anwendungsbereiche digitaler Technologien der Befragten mit Blick auf die Zukunft hilfreich
werden immer vielfältiger und entwickeln sich finden.
ständig weiter. Insbesondere für ältere Menschen
können sie Möglichkeiten bieten, das eigene Leben Bei einer ähnlichen Umfrage, der im Rahmen der
selbstbestimmter zu führen. Beispielsweise kön- Studie „Digital Souverän“ (2019b) durchgeführten
nen digitale Technologien das souveräne Leben in Onlinebefragung von in der Weiterbildung älte-
den eigenen vier Wänden im Alter sicherer gestal- rer Menschen arbeitendem bzw. sich dort enga-
ten. Gefragt nach speziellen Anwendungsmög- gierendem Fachpersonal, gingen rund 65 Prozent
lichkeiten favorisieren 84 Prozent der Befrag- von einer Zunahme des Einflusses von Sprachas-
ten altersgerechte Assistenzsysteme in ihrem sistenzsystemen in den nächsten Jahren aus. 44
Zuhause, etwa in Form von Bewegungssenso- Prozent gaben an, dass E-Health-Verfahren in
ren, die Stürze erkennen und im Ernstfall einen Zukunft einen stärkeren Einfluss auf das Leben
Notruf auslösen können (Abbildung 6). Internet- älterer Menschen haben würden. Autonomes Fah-
plattformen zum Einkaufen, Mieten oder Teilen ren jedoch hielt nur jede:r Dritte für relevant,
von Waren oder Dienstleistungen für den Alltags- Smart-Home-Technologien erhielten immerhin
gebrauch werden nach Meinung von 69 Prozent 44 Prozent Zustimmung. Andere Technologien wie
der Befragten zukünftig das selbstständige Leben Assistenzroboter, die Vernetzung von Haushalts-
im Alter erleichtern. Medizinische Angebote wie technik und die Nutzung selbstfahrender Autos
Onlinesprechstunden jedoch werden noch von erhielten Zustimmung zwischen 50 bis 60 Prozent
mehr als der Hälfte der Befragten abgelehnt (44 (Abbildung 7).
Prozent). Der Trend zur digitalen Patientenakte
10Ergebnisse der Befragung | Analysen und Konzepte 5 | 2020
ABBILDUNG 7 Vergleichsergebnisse: Relevante Technologien im Alter, ausgewählte Antworten, Ø in Prozent
„Welche drei digitalen Technologien werden in Zukunft das Leben älterer Menschen am stärksten beeinflussen?“
persönliche Assistenzsysteme (z. B. Sprachassistenzsysteme) 65
Smart-Home-Technolgien 44
E-Health (z. B. Big Data-Analysen medizinischer Daten) 44
Autonomes Fahren 34
Serviceroboter 34
bereits heute bei älteren Menschen etablierte digitale Technolgien 17
Internet der Dinge 13
0% 20 % 40 % 60 % 80 % 100 %
Quelle: Bertelsmann Stiftung 2019b: 27
3.5 Informiertheit zu techno
logischen Entwicklungen „Digitale Souveränität erfordert, offen für Neues zu sein
und den Mut zu zeigen, auch mal Fehler zu machen. Die
84 Prozent der Befragten sehen altersgerechte Leitbilder, die in digitale Technologien eingeschrieben
Assistenzsysteme als sehr hilfreich an (Abbildung sind, müssen dieser Haltung gerecht werden: weg von
6). Auf die Frage allerdings, wie gut sie sich über Nutzern, die möglichst nichts mitkriegen sollen, hin zu
aktuelle Entwicklungen in diesem Bereich infor- informierten, aktiv entscheidenden Nutzenden.“
miert fühlen, zeigt sich an dieser Stelle eine Dis- Philipp Otto, Direktor des Think Tanks iRights.Lab GmbH
krepanz: Fast 60 Prozent fühlen sich zu altersge-
rechten Assistenzsystemen schlecht informiert
(Abbildung 8). Insbesondere in den Bereichen, die
für die Zukunft und für den Alltag im Alter als sehr Technologien als besonders hoch einschätzen.
hilfreich erachtet werden, fühlen sich die Befrag- Je geringer die eigenen Kenntnisse eingeschätzt
ten schlecht informiert. Dies betrifft ebenso die werden, desto geringer ist auch die wahrgenom-
Vernetzung von Haustechnik (Smart Home), wo mene Informiertheit. Für die digitale Souverä-
51 Prozent Informationsdefizite bemängelten, wie nität Älterer bedeutet dies, dass verschiedene
die Nutzung eines selbstfahrenden Autos (55 Pro- Faktoren, wie die eigenen Kenntnisse sowie die
zent) und digitale Patientenakten in den Gesund- gefühlte Sicherheit im Umgang mit diesen Tech-
heitssystemen (70 %). nologien, zusammen gedacht werden müssen,
um bedarfsgerechte Lösungen für Senior:innen
Auch hier spielt das Alter der Befragten eine zu entwerfen. Angebote zur Vermittlung digi-
Rolle, denn Jüngere fühlen sich besser informiert taler Kompetenzen sind eine wichtige Grund-
als Ältere. Besser informiert fühlen sich zudem lage, die Motivation aufseiten der Nutzer:innen,
Befragte, die ihre eigenen Kenntnisse zu digitalen Neues zu lernen und sich zu aktuellen Entwick-
11Analysen und Konzepte 5 | 2020 | Ergebnisse der Befragung
ABBILDUNG 8 Informiertheit über die aktuellen Entwicklungen in diesen verschiedenen Bereichen, summiert
Digitale Kommunikationskanäle und Soziale Medien 72 27
Internetplattformen für Dienstleistungen und Waren des Alltags,
zum Leihen/Mieten/Kaufen 62 36
Schutzprogramme für persönliche Daten 61 37
Vernetzung von Haustechnik und Haushaltsgeräten 48 51
Selbstfahrendende Autos 44 55
Altersgerechte Assistenzsysteme 41 57
Digitale Patientenakte 29 70
Onlinesprechstunde 28 70
Assistenzroboter 28 70
0% 20 % 40 % 60 % 80 % 100 %
bessere Kenntnisse schlechtere Kenntnisse keine Angaben
Quelle: Eigene Darstellung
lungen zu informieren. Ältere Menschen benöti- behördliche Angelegenheiten angewiesen oder
gen demnach sowohl Trainings-, als auch Infor- nutzen gesundheitsbezogene Anwendungen.
mationsangebote.
Ein Blick in die Zukunft zeigt jedoch, dass die
Befragten von einem starken Anstieg der Bedeu-
3.6 Relevanz digitaler Technologien tung des Internets und digitaler Technologien in
heute und in Zukunft vielen genannten Bereichen ausgehen. Den größ-
ten Bedeutungszuwachs sehen die Befragten bei
Themenübergreifend geht der Durchschnitt der der Nutzung digitaler Technologien im Rahmen
Befragten von einem deutlichen Bedeutungszu- behördlicher Angebote und in der Gesundheits-
wachs digitaler Technologien aus. Für die heu- vorsorge. Bei den sogenannten Profinutzer:innen
tige Nutzung ist dabei die Informationsbeschaf- (stufen ihr eigenes Kompetenzniveau in Bezug auf
fung im Internet ausschlaggebend und auch mit digitale Technologien als „sehr gut“ ein), lässt
Blick auf die Zukunft ist dies für die Befragten der sich dieser positive Trend besonders gut beobach-
wichtigste Anwendungsbereich (Abbildung 9). ten (Abbildung 10).
Einen weiteren, wichtigen Bereich stellt für gut
zwei Drittel der Nutzer:innen die Kommunika- An erster Stelle rangieren mit über 90 Prozent auf
tion mit dem sozialen Umfeld dar. Mehr als die einem ähnlich hohen Niveau die Themen Infor-
Hälfte der Befragten nutzt digitale Technologien mationsbeschaffung und Kommunikation. In den
zur Unterhaltung, knapp die Hälfte für Online- weiteren Bereichen können die digitalen Techno-
banking, mobilitätsbezogene Anwendungen, am logien ihren Einfluss überall moderat ausbauen.
Arbeitsplatz oder zum Einkaufen und Bestel- Lediglich Anwendungsbereiche in der öffentli-
len von Produkten. Weniger als ein Drittel der chen Verwaltung und beim Gesundheitsmanage-
Nutzer:innen sind im heutigen Alltag online auf ment nehmen überproportional zu. Hierfür kann
12Fazit und Handlungsempfehlungen | Analysen und Konzepte 5 | 2020
ABBILDUNG 9 Wichtige Anwendungsbereiche digitaler Technologien heute und in Zukunft, Ø in Prozent
76
Bei der Suche nach Informationen 78
68
Bei der Kommunikation mit Freunden, Bekannten oder Familienmitgliedern 74
54
Zur Unterhaltung durch Musik, Videos, Filme und Spiele 64
48
Im Bereich Finanzen, Online-Banking, Bezahlung 67
47
Bei Mobilität, Reisen und Transport 62
43
Am Arbeitsplatz 57
41
Zum Einkaufen und Bestellen von Produkten und Dienstleistungen 61
27
Bei behördlichen Angelegenheiten 62
22
Im Bereich Gesundheit, Gesundheitsvorsorge 59
0% 20 % 40 % 60 % 80 % 100 %
heute in Zukunft (in 10, 20 Jahren)
Quelle: Eigene Darstellung
es zwei Erklärungsansätze geben: Vieles spricht digitale Technologien ein. Gleiches gilt für die
dafür, dass die hohen Quoten bei der zukünftigen eigenen Kenntnisse digitaler Technologien. Je
Anwendung stellvertretend für einen grundsätz- höher diese eingeschätzt werden, desto höher ist
lichen Digitalisierungstrend in allen Lebensberei- auch die Einschätzung des Angewiesenseins auf
chen stehen und die Befragten im Bereich der Ver- Technologien – sowohl heute als auch in Zukunft.
waltung und der Gesundheitsvorsorge zukünftig
eine stärkere Nutzung digitaler Technologien zur
Erfüllung ihrer Aufgaben erwarten. Es kann aber
prinzipiell auch den Abbau datenschutzrechtlicher 4. Fazit und Handlungs
Bedenken und den Wunsch nach neuen Angebo-
empfehlungen
ten widerspiegeln. Hierzu sind weitere Studien
notwendig.
Souveränität im Umgang mit digitalen Technolo-
Bei der Einschätzung des Angewiesenseins auf gien wird für ein selbstbestimmtes Leben im Alter
den Einsatz digitaler Technologien heute und zunehmend wichtiger. Dies hat nicht zuletzt die
in Zukunft zeigte sich ebenfalls der Einfluss der Corona-Pandemie deutlich gemacht. Zwar besteht
eigenen Kenntnisse sowie der gefühlten Sicher- für viele die Möglichkeit, das Internet über einen
heit im Umgang mit digitalen Technologien. Je Netzzugang zu nutzen – sei es mobil oder stationär
sicherer sich die Befragten im Internet fühlen, –, doch digitale Kompetenzen stellen eine weitere
desto höher schätzen sie das Angewiesensein auf Hürde bei der souveränen Nutzung digitaler Tech-
13Analysen und Konzepte 5 | 2020 | Fazit und Handlungsempfehlungen
ABBILDUNG 10 Vergleich Anwendungsbereiche von „Profinutzer:innen“ heute und in Zukunf
„Wie stark sind Sie in den jeweiligen Lebensbereichen auf den Einsatz digitaler Technologien/das Internet angewiesen?“ (Profinutzer:innen)
92 +2
Bei der Suche nach Informationen 94
93 –2
Bei der Kommunikation mit Freunden, Bekannten oder Familienmitgliedern 91
77 +10
Zur Unterhaltung durch Musik, Videos, Filme und Spiele 87
73 +10
Im Bereich Finanzen, Online-Banking, Bezahlung 83
79 +3
Bei Mobilität, Reisen und Transport 82
76 +1
Am Arbeitsplatz 77
71 +10
Zum Einkaufen und Bestellen von Produkten und Dienstleistungen 81
35 +46
Bei behördlichen Angelegenheiten 81
33 +57
Im Bereich Gesundheit, Gesundheitsvorsorge 90
0% 20 % 40 % 60 % 80 % 100 %
heute in Zukunft (in 10, 20 Jahren)
Quelle: Eigene Darstellung
nologien dar. Die Ergebnisse der vorliegenden
Befragung zeigen, dass bei den befragten älteren „Die Digitalisierung bietet riesige Chancen die Teilhabe
Nutzer:innen schon heute Interesse für zukunft- älterer Menschen zu verbessern. Wir müssen sie aller
weisende Technologien vorhanden ist. dings dort abholen, wo sie sind. Die Neugier, was ich mit
digitalen Geräten interessegeleitet machen kann, ist dabei
Der Erfolg digitaler Technologien, beispielsweise viel motivierender, als die schiere Aneignung von Technik.“
in der Gesundheitsvorsorge, ist eines der Argu- Nicola Röhricht, Leiterin der Servicestelle „Digitalisierung und
mente, um älteren Menschen einen besseren Bildung für ältere Menschen“, BAGSO e. V.
Zugang zur selbstbestimmten Nutzung zu ermög-
lichen. Die Ergebnisse der Befragung zeigen, dass
ältere Menschen die Vorteile der Digitalisierung
anerkennen, indem sie digitalen Technologien Ein weiteres Argument dafür, die Beteiligung älte-
langfristig fast ausnahmslos eine stärkere Bedeu- rer Menschen in der digitalen Sphäre zu erhö-
tung zusprechen. Im Augenblick bleibt jedoch hen, ist die Verbesserung der eigenen Lebensqua-
offen, mit welchen Mitteln und Möglichkeiten lität. Digitale Souveränität kann ältere Menschen
denjenigen, die sich die notwendigen digita- zu mehr sozialer Souveränität verhelfen. Digi-
len Kompetenzen nicht selbst aneignen können, tale Kommunikationskanäle helfen gerade bei der
gesamtgesellschaftlich begegnet werden kann. Pflege sozialer Beziehungen. Wie die Ergebnisse
der Studie jedoch zeigen, haben Ältere oft nur
14Fazit und Handlungsempfehlungen | Analysen und Konzepte 5 | 2020
ein:e Ansprechpartner:in zur Verfügung. Zudem
hängen digitale Kompetenzen von vielen sozio- „Die Digitalisierung zwingt ältere Menschen lebenslang zu
ökonomischen Faktoren, wie etwa dem Alter und lernen. Diese Haltung muss verinnerlicht werden, damit
dem Bildungsstand, ab. Aber auch die persönli- digitale Technologien Teilhabe im Alter ermöglichen.“
che Motivation beeinflusst die individuelle digitale Dagmar Hirche, Unternehmerin und Gründerin des Vereins
Souveränität bei den über 65-Jährigen. „Wege aus der Einsamkeit“
Die Ergebnisse der Befragung zeigen, dass ältere
Menschen digitalen Technologien in Zukunft fast
ausnahmslos eine stärkere Bedeutung als heute Mitmenschen weiter gestärkt werden. Denn die
zuweisen. Wichtig ist jetzt die Frage, wie der sou- Ergebnisse der Befragung deuten darauf hin, dass
veräne Umgang mit digitalen Technologien von Ältere im direkten Vergleich zu Jüngeren einen
den Älteren, die sich für digitale Technologien größeren Bedarf bei der Aneignung digitaler Kom-
interessieren, sich diese Kompetenzen aber nicht petenzen haben. Hindernisse und digitale Grä-
selbst aneignen können, erlernt werden kann. ben beim Zugang zu digitalen Technologien, wie
dem Internet, sollten deshalb weiter reduziert und
mehr niedrigschwellige Bildungsangebote, etwa
4.1 Was können wir tun? über kommunale Infrastrukturen wie Bibliothe-
ken und Volkshochschulen, zur Stärkung der digi-
Im Rahmen der Studie „Digital Souverän?“ (2019b) talen Souveränität angeboten werden (Bertels-
wurde bereits eine Reihe von Möglichkeiten vor- mann Stiftung 2019a).
gestellt, wie unterschiedliche Akteur:innen das
Digitalisierungsthema zukunftsbringend voran- Digitale Souveränität muss individuelle Befähi-
treiben können. Hierzu zählt beispielsweise die gungen, gesamtgesellschaftliche Zusammen-
Schaffung von Erfahrungs- und Experimentier- hänge und digitale Technologien verbinden. Die
räumen als zentrale Elemente der Vermittlung Ausrichtung an den Anforderungen älterer Men-
digitaler Teilhabemöglichkeiten. schen und deren Einbindung in Entwicklungspro-
zesse ist hierfür ein essenzieller Schritt, denn er
Damit alle Generationen die Vorteile der Digitali- ist die Grundlage für den Aufbau von Vertrauen
sierung nutzen und diese aktiv mitgestalten kön- bei zukünftigen Nutzer:innen und somit ein mög-
nen, muss die digitale Souveränität der älteren licher Garant der langfristigen Akzeptanz digita-
ler Technologien in einer altersgerechten Gesell-
schaft insgesamt. Ergebnisse und Erkenntnisse
aus der bedarfsgerechten Entwicklung solcher
Praxisbeispiel Technologien und Forschungsprojekte sollten in
Kriterien gelingender Partizipation überführt wer-
Ein gutes Beispiel für Innovationen zur Steigerung der di- den, um Innovationen zur Steigerung der digita-
gitalen Souveränität ist der Verein „Wege aus der Einsam- len Souveränität älterer Menschen zu ermögli-
keit“, der im Rahmen seines Engagements für eine bessere chen und deren langfristige Wirkung zu entfalten.
(Selbst)Wahrnehmung des Alters einsetzt. Unter dem Motto
„Wir versilbern das Netz“ erfreuen sich kostenfreie Ange- Damit eine Stärkung digitaler Souveränität älterer
bote rund um Tablets und Smartphones einer hohen Beliebt- Mitmenschen gewährleistet werden kann, soll-
heit. Der Verein macht sich ebenso für die flächendeckende ten Fördermaßnahmen von der politischen Ebene
Verfügbarkeit von kostenfreiem WLAN in Wohnanlagen und unterstützt und in langfristige strategische Ziele
Quartierstreffpunkten für Senior:innen stark. integriert werden. Dazu zählt beispielsweise die
stärkere Förderung der flächendeckenden Nut-
15Analysen und Konzepte 5 | 2020 | Methodensteckbrief
zung des Internets für die gesamte Bevölkerung
sowie die gezielte Unterstützung älterer Men- 5. Bereitstellung der
schen. Digitalisierung kann das soziale Mitein-
Umfrageergebnisse als
ander zwischen den Generationen befördern. Der
Zugang zu digitalen Technologien und die Aneig- Open Data
nung digitaler Kompetenzen sollten deshalb auch
vielseitig gedacht werden, denn auch das Fach- Die in der Publikation dargestellten Zahlen sind
personal, etwa Pflegekräfte in Einrichtungen des eine bewusste und limitierte Auswahl an Ergeb-
betreuten Wohnens, müssen ebenfalls digital sou- nissen, die im Zuge der Auswertung als beson-
verän sein. ders relevant befunden wurden. Um gezielt einer
Unterauswertung der vorliegenden Daten entge-
Die Corona-Pandemie hat die beschriebenen tech- genzuwirken und unserem eigenen Anspruch als
nologischen Entwicklungen beschleunigt. Damit gemeinnützige Organisation gerecht zu werden,
Maßnahmen langfristig erfolgreich sein können, stehen die gesamten Umfrageergebnisse als Open
müssen verlässliche Daten zum Stand digita- Data zur Verfügung. Die Bertelsmann Stiftung
ler Kompetenzen in der Bevölkerung vorliegen. möchte hierdurch andere Forscher:innen dazu
Diese Studie stellt erste Daten bereit, die zukünf- befähigen, die Daten für eigene Fragenstellungen
tig durch in regelmäßigen Abständen durchge- (bspw. für Bachelor-, Master-, Doktorarbeiten
führte Folgebefragungen aktualisiert und erwei- oder sonstige Forschungsprojekte) zu verwerten.
tert werden können.
4.2 Methodensteckbrief Literaturverzeichnis
Für die vorliegende Umfrage zum Thema Digi- Beisch, Natalie, Wolfgang Koch und Carmen
tale Souveränität wurden im Zeitraum vom 26. Schäfer (2019). „ARD/ZDF-Onlinestudie
April bis 3. Mai 2019 insgesamt 1.007 Personen 2019. Mediale Internetnutzung und Video-
ab 14 Jahren telefonisch befragt. Von den Befrag- on-Demand gewinnen weiter an Bedeutung“.
ten waren 511 weiblich und 496 männlich, ins- Media Perspektiven 9. 374–388. https://www.
gesamt 550 berufstätig. Die Personen wurden ard-werbung.de/fileadmin/user_upload/
zu ihrer Internetnutzung, zu ihren Kenntnis- media-perspektiven/pdf/2019/0919_Beisch_
sen im Bereich digitale Technologien sowie deren Koch_Schaefer.pdf (Download 9.9.2020).
Einsatz in konkreten Lebensbereichen, zu ihrer Berner, Frank, Cordula Endter und Christine
persönlichen Einschätzung über zukünftige Ent- Hagen (2020). Ältere Menschen und
wicklungen, aber auch zu ihrer Informiertheit Digitalisierung. Erkenntnisse und
über aktuelle Entwicklungen und ihrer Sicherheit Empfehlungen des Achten Altersberichts.
im Umgang mit digitalen Technologien befragt. Hrsg. Bundesministerium für Familie,
Durchgeführt wurde die repräsentative Befragung Senioren, Frauen und Jugend. Berlin. https://
als Mehrthemen-Umfrage vom Marktforschungs- www.achter-altersbericht.de/fileadmin/
institut KANTAR. altersbericht/pdf/Broschuere-Achter-
Altersbericht.pdf (Download 9.9.2020).
Bertelsmann Stiftung (2019a). Digital Kompakt:
Assistenzinfrastrukturen. Gütersloh.
Bertelsmann Stiftung (Hrsg.) (2019b).
Digital souverän? Kompetenzen für ein
selbstbestimmtes Leben im Alter. Gütersloh.
16Mission | Analysen und Konzepte 5 | 2020
Bitkom (2020). „Seit Corona haben Senioren
ein besseres Bild von der Digitalisierung“. Mission
https://www.bitkom.org/Presse/
Presseinformation/Seit-Corona-haben- „Analysen und Konzepte“ ist eine Publikations-
Senioren-ein-besseres-Bild-von-der- reihe aus dem Programm „LebensWerte Kom-
Digitalisierung (Download 9.9.2020). mune“. Das Programm widmet sich den drei gro-
Boase, Jeffrey (2010). „The Consequences of ßen gesellschaftlichen Herausforderungen auf
Personal Networks for Internet Use in Rural kommunaler Ebene: dem demografischen Wan-
Areas“. American Behavioral Scientist (53) 9, del in seinen Ausprägungen und Auswirkungen
1257–1267. auf alle Politikfelder, der zunehmenden sozialen
Courtois, Cédric, und Pieter Verdegem (2016). Spaltung, insbesondere bei Kindern und Jugend-
„With a little help from my friends. An lichen, sowie der Haushaltskrise, die sich regio-
analysis of the role of social support in digital nal vertieft und kommunales Agieren behindert.
inequalities“. New Media & Society (18) 8, „Analysen und Konzepte“ soll Ergebnisse der Stif-
1508–1527. tungsarbeit zu diesen Themen praxisgerecht ver-
Goedhart, Nicole S., Jacqueline E. W. Broerse, mitteln und den Entscheidungsträgern relevante
Rolinka Kattouw und Christine Dedding Informationen zur Verfügung stellen.
(2019). „‘Just having a computer doesn’t
make sense’: The digital divide from the Die Bertelsmann Stiftung engagiert sich in der
perspective of mothers with a low socio- Tradition ihres Gründers Reinhard Mohn für das
economic position“. New Media & Society (21) Gemeinwohl. Sie versteht sich als Förderin des
11–12, 2347–2365. gesellschaftlichen Wandels und unterstützt das
Initiative D21 e.V. (Hrsg.) (2020). D21 Digital Ziel einer zukunftsfähigen Gesellschaft. Die Ber-
Index 19/20. Jährliches Lagebild zur Digitalen telsmann Stiftung tritt ein für die Stärkung kom-
Gesellschaft. Berlin. https://initiatived21.de/ munaler Selbstverwaltung, da auf kommunaler
app/uploads/2020/02/d21_index2019_2020. Ebene gesellschaftlichen Herausforderungen am
pdf (Download 9.9.2020). wirkungsvollsten begegnet werden kann. Die Stif-
Matthews, Katey, James Nazroo und Alan tung ist unabhängig und parteipolitisch neutral.
Marshall (2018). „Digital inclusion in later
life. Cohort changes in internet use over a
ten-year period in England“. Ageing and
Society (39) 9, 1914–1932.
Mossberger, Karen, Caroline J. Tolbert, Daniel
Bowen und Benedict Jimenez (2012).
„Unraveling Different Barriers to Internet
Use“. Urban Affairs Review (48) 6, 771–810.
Norris, Pippa (2001). Digital divide. Civic
engagement, information poverty, and the
Internet worldwide. Cambridge: Cambridge
University Press.
Quan-Haase, Anabel, Guang Y. Mo und Barry
Wellman (2017). „Connected seniors. How
older adults in East York exchange social
support online and offline“. Information,
Communication & Society (20) 7, 967–983.
17Analysen und Konzepte 5 | 2020 | Ausblick
Ausblick Impressum
Nr. 1 | 2021 Bertelsmann Stiftung 2020
Bertelsmann Stiftung
SDG-orientierte Gemeinwohlbilanz von Carl-Bertelsmann-Straße 256
Kommunen 33311 Gütersloh
Telefon +49 5241 81-0
Bei der Umsetzung von Nachhaltigkeitsstrate- www.bertelsmann-stiftung.de
gien orientieren sich immer mehr Kommunen an
der Agenda 2030 der Vereinten Nationen mit den Verantwortlich
Zielen für eine nachhaltige Entwicklung (Sustai- Dr. Tobias Bürger
nable Development Goals, SDGs). Darüber hinaus
gibt es bereits zahlreiche Kommunen, die sich mit Autoren
der Erstellung einer Gemeinwohlbilanz beschäfti- Dr. Tobias Bürger, Bertelsmann Stiftung
gen. In der nächsten Ausgabe von „Analysen und Regina Sidel, ZEFIR Zentrum für interdisziplinäre
Konzepte“ werden daher die wesentlichen Eck- Regionalforschung
punkte des Konzepts der Gemeinwohlbilanz her-
ausgearbeitet. Darüber hinaus werden die inhalt- Korrektur
lichen Beziehungen zwischen dem Konzept der Rudolf Jan Gajdacz, München
Gemeinwohlbilanz und den SDGs – insbesondere
auf lokaler Ebene – identifiziert. Schließlich wer- Grafikdesign
den Empfehlungen gegeben, wie die SDG-Orien- Nicole Meyerholz, Bielefeld
tierung einer kommunalen Gemeinwohlbilanz
verstärkt werden könnte. Bildnachweis
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Empfohlene Zitierweise: Bertelsmann Stiftung
(2020). Jetzt Alle?! Digitale Souveränität von Äl-
teren: Eine Befragung zu digitalen Kompetenzen.
Gütersloh.
ISSN 2199-7969
DOI 10.11586/2020070
18Adresse | Kontakt Bertelsmann Stiftung Carl-Bertelsmann-Straße 256 33311 Gütersloh Telefon +49 5241 81-0 Dr. Tobias Bürger Project Manager Programm LebensWerte Kommune Telefon +49 5241 81-81832 tobias.buerger@bertelsmann-stiftung.de Petra Klug Senior Project Manager Programm LebensWerte Kommune Telefon +49 5241 81-81347 petra.klug@bertelsmann-stiftung.de www.bertelsmann-stiftung.de
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