Oktober 2020 - Exkursionsbericht Lammertal Bergeidechsen als Nestlingsnahrung Allochthone Schildkröten in Österreich Pathogene Pilze auch bei ...
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Nr. 56 Oktober 2020
Exkursionsbericht Lammertal
Bergeidechsen als Nestlingsnahrung
Allochthone Schildkröten in Österreich
Pathogene Pilze auch bei Schlangen
P-ISSN 1605-9344, E-ISSN 1605-8208ÖGH-Vorstand
Präsident: Dr. Andreas MAletzky: andreas.maletzky@sbg.ac.at
Vizepräsidentin: Dr. Silke Schweiger: silke.schweiger@nhm-wien.ac.at
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Schatzmeister: georg gASSNer: georg.gassner@nhm-wien.ac.at
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Schriftleitung Stellvertreter (Ögh-Aktuell): richard geMel: richard.gemel@nhm-wien.ac.at
Beirat (reptilien): Dipl.ing. thomas BADer: thomas.bader@herpetofauna.at
Beirat (Amphibien): thomas wAMPulA: t.wampula@zoovienna.at
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Beirätin (Arten- und Naturschutz): Mag. Maria SchiNDler:
maria.schindler@sumpfschildkroete.at
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titelbild: Steinrötel (Monticola saxatilis) mit Bergeidechse, Foto: leANDer khil
Seite 3: Bergeidechse (Zootoca vivipara) - Niederösterreich, Foto: gerald OchSeNhOFer
rückseite: laubfrosch (Hyla arborea) - Salzburg, Foto: gerald OchSeNhOFer
2 ÖGH-Aktuell Nr. 56 Oktober 2020Inhaltsverzeichnis
Johannes HILL: Vorwort
Leander KHIL: Bergeidechsen als Nestlingsnahrung des Steinrötels
04
Andreas MALETZKY: Ögh-exkursion an die lammer
05
Richard GEMEL & Maria SCHINDLER: Bemerkenswerte wandlung des zeichnungs
09
musters einer wildlebenden, adulten weiblichen europäischen Sumpfschildkröte im
13
Nationalpark Donauauen.
Richard GEMEL & Günther WÖSS: Neue bemerkenswerte Beobachtungen zu alloch-
thonen Schildkröten in Österreich
16
Silke SCHWEIGER: Pathogene Pilze auch bei Schlangen nachgewiesen
Patrick LEMELL & Christian BEISSER: Die wiener turtlegroup - 40 Jahre Studien
21
über die Nahrungsaufnahme von Amphibien und reptilien an der universität wien
23
(teil 1)
ÖGH-Aktuell Nr. 56 Oktober 2020 3der vermehrte Stickstoffeintrag aus der luft in
den Boden als grund für den Bestandsein-
Liebe ÖGH-Mitglieder!
bruch zu nennen. Dadurch verkrauten und ver-
filzen bodennahe Schichten und beeinflussen
Als Beirat für Feldherpetologie möchte
so das Mikroklima, was sich negativ auf den
diese Gelegenheit nutzen, um über unsere
reproduktionserfolg auswirken dürfte.
Aktivitäten innerhalb der Arbeitsgruppe zu
berichten.
Seit dem Jahr 2007 wählen wir in Bedingt durch die Maßnahmen im
freundschaftlicher kooperation mit der Deut- rahmen der coronakrise wird die zaunei-
schen gesellschaft für herpetologie (Dght) dechse ausnahmsweise auch 2021 „reptil des
das Amphib oder reptil des Jahres. wurde Jahres“ bleiben. Somit wird es voraussichtlich
diese initiative anfänglich auch innerhalb des erst 2022 wieder ein tier des Jahres geben und
Vorstandes der Ögh mit etwas Skepsis be- –so viel kann schon verraten werden – es wird
trachtet, so hat diese sich seither als wichtiges wieder eine Art sein, die in der jüngsten Ver-
Aushängeschild unserer gesellschaft etabliert. gangenheit von starken rückgängen betroffen
Meine intention ist es, den jeweiligen Öster- ist. Als Fachgruppe Feldherpetologie veran-
reich-Beitrag in der diese Aktion begleitenden stalten wir regelmäßige treffen, die in der
Publikation von einer mit dieser Art vertrauten regel ende Oktober und vor der Jahrestagung
und mit ihr arbeitenden Person schreiben zu im Jänner stattfinden. unsere themen be-
lassen. Vordergründiges ziel ist es, einer brei- schäftigen sich mit vielen Aspekten der erfor-
ten Öffentlichkeit jeweils eine Art vorzustel- schung der heimischen Amphibien- und
len, auf ihre lebensgewohnheiten einzugehen reptilienfauna und deren Schutz. resultat un-
sowie gefährdung und Schutzmaßnahmen serer treffen waren in den letzten Jahren ei-
aufzuzeigen. So ist in diesem Jahr die zaunei- nige Publikationen, u. a. zum Amphibien-
dechse – ein Beispiel für eine in Österreich schutz an Straßen und empfehlungen zum
weit verbreitet und in der Bevölkerung gut be- Monitoring von Amphibien- und reptilienar-
kannt Art –, die allerdings wie keine andere ten der Fauna-Flora-habitat-richtlinie in
heimische reptilienart von massiven Be- Österreich. Nachgelesen werden können die
standseinbrüchen betroffen ist. während ei- einzelnen Artikel auf unserer homepage in den
nige wärmeliebenden und in Österreich als entsprechenden Ausgaben von Ögh-Aktuell.
stark gefährdet eingestufte Arten wie Sma-
ragdeidechse, Äskulapnatter oder würfelnatter ein wichtiges ziel unserer gruppe ist
eindeutige und gut dokumentierte Ausbrei- es gegenwärtig, Mindeststandards für die
tungstendenzen zeigen, ist die „Allerweltsart“ quantitative erfassung von Amphibien und
zauneidechse das aktuelle Sorgenkind unter reptilien zu formulieren. Vor allem bei größe-
unseren reptilien. ren Bauprojekten fällt oftmals auf, dass erhe-
bungen von wenig qualifizierten Personen
Als gebürtiger weinviertler (Nieder- ohne einschlägige kenntnisse und zu ungüns-
österreich) war sie das erste reptil, das ich tigen Jahreszeiten durchgeführt werden. Die
rund um mein elternhaus regelmäßig beobach- Aussagen lassen daher dann auch nur unbefrie-
ten konnte und bei Ausflügen mit meiner Fa- digende rückschlüsse auf die jeweilige Situa-
milie so gut wie immer fand. während der tion der Bestände zu und führen oftmals zu
letzten 20 Jahre hat sich diese Situation aller- einer falschen einschätzung. eine entspre-
dings massiv verändert. Dort wo ich in meiner chende Publikation zu diesem heiklen thema
kindheit und Jugend noch innerhalb kurzer ist von uns angedacht und soll in der nächsten
zeit 50 bis 100 individuen antraf, sind heute, zeit erscheinen.
falls überhaupt, nur mehr einzelne tiere zu fin-
den. Bedenklich ist dies vor allem in seit da- in diesem Sinne wünsche ich ihnen alles gute
mals weitestgehend unveränderten lebens- in diesen schwierigen zeiten,
räumen.
herzliche grüße,
Die ursachen des rückganges sind
vielfältig und oft nur zu vermuten. Neben der
immer höheren Anzahl an hauskatzen ist auch johannes.hill@herpetofauna.at
Hannes HILL
4 ÖGH-Aktuell Nr. 56 - Oktober 2020Bergeidechsen als Nestlingsnahrung des Steinrötels
leANDer khil
Text und Bilder
Bei der Beobachtung eines Brutpaares von
Steinröteln (Monticola saxatilis) oberhalb
von Anras, Osttirol gelang ein interessanter
Einblick zur Rolle der Bergeidechse (Zoo-
toca vivipara) als Nestlingsnahrung dieses
Fliegenschäpperverwandten.
Die beiden Altvögel fütterten am
18. und 19. Juli 2020 vier, höchstens eine
woche alte küken auf 2270 m Seehöhe. Der
Neststandort war ein mit Felsbändern durch-
setzter, südexponierter grashang. Die Nest-
mulde lag in einer gut geschützten, kleinen
höhle deren eingang von der Vegetation
stark verdeckt war (Abb. 1-2). zur Jagd wur-
den die direkte Nestumgebung (Abb. 3),
Abb. 1: Nestlinge des Steinrötels in der Brutnische
aber auch zumindest etwa 50 höhenmeter
tiefer liegende, sanftere und weniger stei- wurden nicht zerkleinert, sondern lediglich
nige grasfluren genutzt. Die nahrungssu- auf Felsen in der Nähe des Nests totgeschla-
chenden und fütternden Vögel wurden am gen (Abb. 4-6) und dann in die Brutnische
Vor- und Nachmittag beider tage, zusam- gebracht. einerseits scheint erstaunlich, dass
men mit M. & r. Bateman, aus einer Distanz die küken diese großen Beutetiere verschlu-
von 50-200 m mit Fernglas und Spektiv (8x cken können. zum anderen überrascht die
bzw. 25x Vergrößerung) beobachtet. Bei ins- Dominanz der Bergeidechse im Nahrungs-
gesamt mindestens sieben notierten Fütte- spektrum während der (kurzen) Beobach-
rungen, sowohl des Männchens als auch des tungszeit und der offensichtlich hohe
weibchens, wurden ausschließlich einzelne Jagderfolg der Steinrötel. Mit Ausnahme der
Bergeidechsen eingetragen. Die eidechsen von den Vögeln erbeuteten wurden keine ei-
Abb. 2: Der Nesteingang liegt knapp oberhalb der rechten rhododendron-Blüten
ÖGH-Aktuell Nr. 56 - Oktober 2020 5Abb. 3: Steinrötel, Männchen auf der Nahrungssuche in der umgebung des Nests
dechsen wahrgenommen. es konnte aber (2007) geben als Nahrung auch bis zu 10 cm
auch keine Jagd in der Nestumgebung beob- lange eidechsen, darunter auch die Bergei-
achtet werden. Möglicherweise wurden die dechse an. Angaben zum Aktionsradius füt-
Bergeidechsen also in größerer entfernung ternder Altvögel finden sich ebendort:
erbeutet. Demnach kann Nahrung aus bis zu einem
kilometer entfernung vom Nest herbeige-
Vergleichbare Angaben sind in der schafft werden, wobei mitunter große hö-
literatur spärlich. glutz VON BlOtzheiM & henunterschiede überwunden werden. Das
BAuer (1988) führen als Nahrung (auch für Beobachtungsdatum erscheint für so kleine
die Nestlinge) “vorwiegend bodenlebende Nestlinge recht spät. S chÖNeNBerger &
oder nicht fliegende insekten”, sowie tau- BAuer (2002) weisen aber darauf hin, dass
sendfüßer, Schnecken, verschiedene eidech- fütternde Steinrötel zwischen Mitte Juli und
senarten (nicht aber die Bergeidechse), Anfang August in alpinen lagen Vorarlbergs
kleine Amphibien sowie Früchte an. eidech- nicht ungewöhnlich seien. Ob diese späten
sen sollen bisweilen auch zerteilt in zwei Bruten tatsächlich zweitbruten, auf erfolg-
Stücken ins Nest gebracht werden. Diese lose Brutversuche folgende Nachgelege oder
Praxis konnte beim gegenständlichen Paar gar späte erstbruten sind, lassen die Autoren
nicht beobachtet werden. MAuMAry et al. offen. (Alle Fotos: 19. Juli 2020)
6 ÖGH-Aktuell Nr. 56 - Oktober 2020Abb. 4: Steinrötel, Männchen mit erbeuteter Bergeidechse
Abb. 5: Steinrötel, weibchen schlägt Bergeidechse auf Fels
ÖGH-Aktuell Nr. 56 - Oktober 2020 7Abb. 6: Steinrötel, weibchen mit erbeuteter Bergeidechse
Literatur:
glutz VON BlOtzheiM, u. & k. BAuer (1988): handbuch der Vögel Mitteleuropas. Band 11/i
Passeriformes (2. teil). Aula-Verlag, wiesbaden.
SchÖNeNBerger, A. & h.-g. BAuer (2002): Bruthabitat und -phänologie des Steinrötels Mon-
ticola saxatilis im Bregenzerwald (Vorarlberg, Österreich) - Vogelwelt 123: 1-7.
MAuMAry, l., l. VAllOttON & P. kNAuS (2007): Die Vögel der Schweiz. Schweizerische Vo-
gelwarte, Sempach, und Nos Oiseaux, Montmollin.
www.leanderkhil.com
Leander KHIL, MSc
8 ÖGH-Aktuell Nr. 56 - Oktober 2020An die Lammer nach dem Lockdown: die Exkursion der ÖGH und der
HerpAG zum Reptil des Jahres 2020
Andreas MAletzky
dung in die Salzach konnten wir innerhalb we-
niger Minuten zahlreiche reptilienbeobach-
Aus den allen wohl bekannten Gründen
tungen dokumentieren. Schnell war der
konnte der Großteil der ÖGH-Exkursionen
entschluss gefasst, die Salzburger exkursion
im Frühjahr 2020 leider nicht stattfinden.
zum reptil des Jahres 2020 hierhin, entlang
Unter anderem wäre das Reptil des Jahres
der lammer, zu organisieren.
2020 (KLEPSCH 2020) die Zauneidechse (La-
certa agilis) Zielart zahlreicher Outdoor-
Als wenige tage vor dem exkursi-
Veranstaltungen der ÖGH und Ihrer
onsdatum klar wurde, dass gemäß der locke-
Partnerorganisationen gewesen. Umso
rung der corona-Verordnungen eine
mehr freute es uns, dass die dritte gemein-
Durchführung möglich sein würde und immer
same Exkursion von ÖGH und Herpetolo-
mehr Anmeldungen eintrudelten, war klar,
gischer AG am Haus der Natur Salzburg
dass zahlreiche naturinteressierte Personen
am 6. Juni 2020 wie geplant stattfinden
schon äußerst exkursionshungrig waren. Der
konnte. Man kann durchaus behaupten:
Parkplatz am treffpunkt an der B162 lammer-
Das Warten hat sich gelohnt!
Am heimweg unserer vorjährigen talstraße bei griesau war schon einige Minuten
exkursion zum Ameisensee (MAletzky 2019) vor der vereinbarten zeit überfüllt. Schluss-
im Bundesland Salzburg machten wir einen endlich starteten 50 teilnehmerinnen und teil-
kurzen zwischenhalt an der unteren lammer nehmer, darunter zahlreiche Nachwuchs-
bei unterscheffau am tennengebirge (Bezirk herpetologinnen, am rechten lammerufer in
hallein). wenige kilometer vor deren Mün- richtung Osten (Abb. 1).
Abb. 1: Die exkursionsroute vom 06. Juni 2020
ÖGH-Aktuell Nr. 56 - Oktober 2020 9Foto: Andreas Maletzky
Abb. 2: Blick auf die lammer bei Oberscheffau in richtung westen
Die lammer, ein rund 41 kilometer langer im wesentlichen war das ziel der exkursion,
rechter Nebenfluss der Salzach, entspringt auf die fünf in diesem Naturraum vorkommenden
der Südseite des tennengebirges, fließt in reptilienarten und ihre lebensräume vorstel-
einem großen Bogen östlich um diesen kalk- len zu können. erfahrungsgemäß genügt es,
gebirgssstock herum und mündet bei golling die ufer- bzw. waldrandstukturen entlang des
in die Salzach. Auf den letzten Flusskilome- Fußgänger- und radweges abzusuchen. Das
tern, im gemeindegebiet von Scheffau am wetter meinte es gut mit uns, die Sonne kam
tennengebirge, verringert sich das gefälle am Beginn der exkursion zum Vorschein und
deutlich, der Fluss ist hier breit, weist teils na- so konnten wir bereits nach wenigen Metern
turnahe ufer und ausgedehnte Schotterbänke auf Baumstümpfen am Flussufer die ersten
auf (Abb. 2). So brütet in diesem Bereich unter drei sich sonnenden ringelnattern (Natrix na-
anderem der Flussuferläufer (Actitis hypole- trix) bestaunen (Abb. 3). ein exemplar wurde
cos) regelmäßig. Auch der umgebende Natur- gefangen und näher in Bezug auf Bestim-
raum ist vergleichsweise naturnah und mungsmerkmale und Biologie erläutert. Diese
strukturreich ausgeprägt (Buchen-Mischwäl- Art sollte uns im zuge der wanderung noch
der, Magerwiesen, strukturreiche gärten, mehrmals begegnen.
Fischteiche, Steinbrüche).
in Bezug auf reptilienvorkommen
sind die talbereiche an der lammer im ge-
meindegebiet von Scheffau gut untersucht.
Fünf von sieben im Bundesland Salzburg vor-
kommenden autochthonen Arten konnten dort
bislang, in zum teil großen Dichten, nachge-
Foto: Andreas Maletzky
wiesen werden. es handelt sich nicht nur um
den südlichsten Bereich des geschlossenen
Verbreitungsareals der Äskulapnatter in Salz-
burg (hArtwig 2012, MitterlehNer 2012; es
bestehen noch einige isolierte einzelfunde in-
nergebirg), sondern auch um ein gebiet mit
stellenweise sehr individuenreichen Beständen Abb. 3: ringelnatter (Natrix natrix) in situ auf Baum-
der zauneidechse. stumpf sonnend neben der Brücke in griesau
10 ÖGH-Aktuell Nr. 56 - Oktober 2020Am weiteren weg flußaufwärts konnten wir war nicht von erfolg gekrönt. um auch noch
bald die ersten exemplare des reptils des Jah- Amphibien vorstellen zu können, überquerten
res, der zauneidechse (Lacerta agilis), aufspü- wir die lammer richtung kuchlbach und such-
ren (Abb. 4). ein Männchen wurde gefangen, ten ein kleines Stillgewässer am hangfuss auf,
bestaunt und von den kindern im wahrsten wo zahlreiche larven des Feuersalamanders ge-
Sinne des wortes vorsichtig begriffen. Auch die sichtet werden konnten. wiederum wurde ein
erste westliche Blindschleiche (Anguis fragilis) exemplar gefangen, stellvertretend vorgestellt
ließ nicht lange auf sich warten. unser etappen- und daraufhin wieder zurückgesetzt.
ziel auf dieser Seite der lammer war ein lager-
platz mit zahlreichen holzstapeln, wo in den
vergangenen Jahren immer wieder Äskulapnat-
tern (Zamenis longissimus) gefunden wurden.
Diesmal hatten wir leider kein glück. Die holz-
stapel waren sehr frisch und für Schlangen nicht
ideal abgedeckt.
So wanderten wir zurück in richtung
Foto: Andreas Maletzky
Parkplatz, diesmal mit der nunmehr besonnten
Nordseite des weges und den angrenzenden
Böschungen im Fokus. weitere zauneidechsen
ließen sich geduldig beobachten. unweit des
Parkplatzes wurden wir mit der ersten stattli-
chen Äskulapnatter belohnt (Abb. 5). lediglich
die intensive Suche nach der Schlingnatter (Co- Abb. 6: gestreifte Quelljungfer (Cordulegaster
ronella austriaca) an einem bekannten Fundort bidentata) am waldrand am linken lammerufer
Foto: Andreas Maletzky
Foto: Peter kaufmann
Abb. 4: Das reptil des Jahres
Abb. 5: Adulte Äskulapnatter (Zamenis longissimus)
ÖGH-Aktuell Nr. 56 - Oktober 2020 11hoch zufrieden gingen wir in richtung unseres ein schöner Abschluss einer durchwegs erfreu-
Ausgangspunktes zurück, nicht ohne direkt am lichen Ögh-Veranstaltung. wir freuen uns
wegesrand in der Strauchschicht noch eine schon auf die exkursionen im kommenden Jahr,
große Äskulapnatter auf Augenhöhe und die die dann hoffentlich wieder ohne einschränkun-
seltene gestreifte Quelljungfer (Cordulegaster gen stattfinden können.
bidentata), eine auf sehr kleine Fließgewässer
spezialisierte libellenart beobachten zu können
(Abb. 6). andreas.maletzky@sbg.ac.at
Andreas MALETZKY
Foto: Peter kaufmann
Abb. 7: Die exkursionsteilnehmer bestaunen das reptil des Jahres
Literatur:
hArtwig, S. (2012): radiotelemetrische untersuchungen zu lebensraumnutzung und kartierung der Äs-
kulapnatter (Zamenis longissimus laurenti, 1768) im Salzachtal zwischen Salzburg-Süd und kuchl (Bun-
desland Salzburg). – unveröffentlichte Masterarbeit, universität Salzburg, 133 S.
klePSch, r. (2020): reptil des Jahres 2020. Die zauneidechse in Österreich. – Ögh-Aktuell 55: 22–25.
MAletzky, A. (2019): zum Ameisensee: eine fast länderübergreifende exkursion der Ögh und der herpAg
zum lurch des Jahres 2019. – Ögh-Aktuell 52: 32–39.
MitterlehNer, B. (2012): radiotelemetrie und Populationsstruktur der Äskulapnatter (Zamenis longissimus
laurenti, 1768) im untersuchungsgebiet Salzburg Süd bis kuchl. - unveröffentlichte Masterarbeit, uni-
versität Salzburg, 129 S.
12 ÖGH-Aktuell Nr. 56 - Oktober 2020Bemerkenswerte Wandlung des Zeichnungsmusters einer wildlebenden,
adulten weiblichen Europäischen Sumpfschildkröte im
Nationalpark Donauauen
richard geMel & Maria SchiNDler
ben radiär verlaufenden Strich- und Punktrei-
hen sechs Jahre später deutlich intensiver her-
Langjährige Fotodokumentation und Mar-
vortreten. es wäre vielmehr zu erwarten, dass
kierung von Europäischen Sumpfschildkrö-
Färbung und zeichnung mit zunehmendem
ten im Nationalpark Donauauen
Alter verblassen und sich merklich verdüstern,
ermöglichen die Identifizierung von einzel-
wie das auch bei anderen adulten weibchen
nen Individuen selbst nach mehreren Jah-
dieser Population festgestellt werden konnte.
ren. Die Identifizierung eines Individuums
Als Beispiel dafür und zum Vergleich haben
erfolgt mit Hilfe verschiedener individueller
wir die Fotodokumente des weibchens 119
Eigenheiten, die sich vor allem an den
ausgewählt: Abb. 3 aus dem Jahr 2008 und
Hornschilden erkennen lassen, teilweise zu-
Abb. 4 aus dem Jahr 2020. Deutlich sind bei
sätzlich auch durch Einkerbungen des Pan-
diesem tier die vermehrten, durch Algenbe-
zers im Zuge früherer Markierungen.
wuchs verursachten korrosionsspuren auf dem
Dieser Umstand ermöglicht neben der Do-
ehemals glatten Panzer zu erkennen, sowie ein
kumentation und Erforschung der Brutbio-
im laufe der zwölf Jahre praktisch komplett
logie weitere interessante Beobachtungen.
eine solche Beobachtung konnte un- verblasstes gelbes Strahlenmuster.
längst bei einem adulten weibchen gemacht
werden. es wies im Jahr 2013 ein weniger in- wie kann man sich diesen besonde-
tensives zeichnungsmuster auf (Abb. 1) als ren umstand erklären? Alte Schildkröten ten-
sechs Jahre später bei einer kontrolle 2019 dieren dazu, entweder Altersmelanismus zu
(Abb. 2). Da das weibchen bereits 2013 ein zeigen (hauptsächlich bei Männchen zu beob-
hohes Alter erreicht hatte, ist es erstaunlich, achten) oder in einzelnen Fällen auch Alters-
dass die schwarzen Pigmente wie auch die gel- flavismus. Dieses Phänomen kann bei
Fotos: Maria Schindler. (l.), heinrich Frötscher (r.)
Abb. 1: erstaufnahme des weibchens 390 am 3. Juli 2013 Abb. 2: weibchen 390 am 1. Juli 2019 in eckartsau
ÖGH-Aktuell Nr. 56 - Oktober 2020 13Fotos: Maria Schindler
Abb. 3: weibchen 119 am 30. Mai 2008 in eckartsau Abb. 4: weibchen 119 am 10. Juni 2020 in eckartsau
manchen Schildkrötenarten regelmäßig auftre- kröten sind von der Struktur her wie die horn-
ten, bei anderen kaum oder gar nicht. Abgese- schuppen der übrigen reptilien zu betrachten
hen davon ist der Panzer von wasser lebenden und werden von der epidermis gebildet, die
Schildkröten oft mit Algen überzogen. in den sich zwischen dem knochenpanzer und den
Donauauen können etliche Schildkröten al- hornschilden befindet. in dieser Schicht sind
leine nach der Ausbreitung der Algen auf dem Malpighische zellen enthalten, die sich am
Panzer individuell wiedererkannt werden. in rand der hornschilde fortpflanzen, wodurch
anderen gewässern können die Panzer dieser der knochenpanzer stets von hornschilden be-
anpassungsfähigen Art (zusätzlich zum Algen- deckt ist. Auch die Dicke der hornschilde
aufwuchs) von mineralischen Ausfällungen, nimmt im laufe des wachstums zu, denn die
etwa auch kalksinter, überzogen sein und da- hornschilde wachsen durch graduelle Ablage-
durch eine Fremdfärbung erhalten. rung von neuem hornmaterial über die ge-
samte unterseite der hornplatten.
ein weiteres Phänomen, auf das hier
nicht näher eingegangen werden muss, ist das Bei manchen Schildkröten, vor allem
„Paarungskleid“ einzelner Schildkrötenarten, in regionen mit kalten wintermonaten, gibt es
etwa der männlichen südasiatischen Batagur- wachstumszyklen, die sich in wachstumsrin-
Schildkröten. Dieser Vorgang, hervorgerufen gen an den hornschilden niederschlagen.
durch chromatophoren und deren Verteilung, Somit kann vor allem bei jungen individuen,
ist bereits untersucht und trifft in der weise für wo die ringe noch deutlich sichtbar sind, auf
die europäische Sumpfschildkröte nicht zu. das Alter geschlossen werden. Bei etlichen
aquatischen Schildkröten lösen sich teile oder
kann die Abschuppung der grund für sogar ganze hornschilde im zuge des wachs-
die leuchtendere Färbung sein? Frisch gehäu- tums einfach ab. Solche Abschuppungen sind
tete echsen und Schlangen erstrahlen förmlich etwa bei Schmuckschildkröten zu finden,
in ihren Farben. Die hornschilde der Schild- wobei sich von der mehrlagigen hornschicht
14 ÖGH-Aktuell Nr. 56 - Oktober 2020die oberste ablöst. in einem solchen Fall tritt im Schlamm zusammen mit mechanischer Ab-
dann die Färbung deutlicher hervor. Bei weni- reibung während der winterstarre bewirkt, dass
gen Arten tritt sogar die so genannte Oblitera- auf dem Panzer Algen und korrosionsspuren
tion auf, etwa bei den genannten der Algen zurückgehen oder verschwinden. Vo-
Batagur-Schildkröten und der tabasco-Schild- raussetzung dazu ist, dass die beiden weibchen
kröte („Tortuga blanca“ - die weiße Schild- an verschiedenen Stellen überwintert haben.
kröte), wo die hornschicht so dünn ist, dass Das „Peeling“ der oberen hornschicht lässt
man den darunterliegenden knochenpanzer dann die Pigmente deutlicher hervortreten.
sieht. eine weitere ursache könnte im verschiedenen
Sonnenbadverhalten liegen, indem die Algen
wir schließen es aus, dass das oben absterben, wenn sich das weibchen entspre-
genannte weibchen der europäischen Sumpf- chend lange sonnt; so könnten sich die Algen
schildkröte durch Abschuppung die kräftigeren bei weibchen 390 nur an der hinteren Panzer-
und kontrastreicheren Farben erlangt hat. hälfte erhalten haben, da sich dieser teil des
kaum jemals konnte das gleichmäßige, kom- Panzers beim Sonnen stets im wasser befunden
plette Abschuppen der hornschilde bei gesun- haben könnte. eine wissenschaftliche erklä-
den tieren dieser Art beobachtet werden, auch rung ist das freilich nicht, da entsprechende
finden wir bei dem genannten weibchen (390) untersuchungen dazu fehlen, aber immerhin ist
keine Anhaltspunkte, die diesen Vorgang als es eine Spekulation.
möglich erscheinen lassen.
Da sich in der einschlägigen literatur
was ist der grund für die leuchtende- keine hinweise dazu finden, wären wir für die
ren Farben im Alter? zunächst mussten wir si- Mitteilung von entsprechenden Beobachtungen
chergehen, dass dieser effekt nicht durch das oder auch für erklärungen dankbar, die dazu
Abwaschen des Panzers vor dem Fotografieren gegeben werden können.
zustanden gekommen sein könnte. unsere Ver-
suche mit einzelnen tieren, die wir abgewa-
schen und danach wieder fotografiert haben
gezeigt, dass das nicht die ursache für die deut- richard.gemel@nhm-wien.ac.at
Richard GEMEL
licheren Farben gewesen sein konnte. Als er-
klärung sehen wir zunächst das spezielle
Milieu und den ph-wert, der möglicherweise maria.schindler@sumpfschildkroete.at
Maria SCHINDLER
Foto: Maria Schindler
habitat der europäischen Sumpfschildkröte im Nationalpark-Donau-Auen - Narrischer Arm bei witzelsdorf
ÖGH-Aktuell Nr. 56 - Oktober 2020 15Neue bemerkenswerte Beobachtungen zu allochthonen
Schildkröten in Österreich
richard geMel & günther wÖSS
Mit besonderer Aufmerksamkeit widmet Wien, 22. Bezirk
Das vollständige gelege einer rotwangen-
sich die Österreichische Gesellschaft für
Schmuckschildkröte (Trachemys scripta ele-
Herpetologie (ÖGH) dem Thema der al-
gans) konnte am 11. Juni 2019 in wien 22,
lochthonen Schildkröten in Österreich
Mühlgrundweg, geborgen werden. Das ge-
(GEMEL et al. 2005, KLEEWEIN & WÖSS
lege befand sich auf der südseitigen Böschung
2009, HASSL et al. 2011, KLEEWEIN 2014,
des Oberen Mühlwassers, etwa 40 Meter vom
KLEEWEIN & WÖSS 2017). Nachfolgend be-
ufer entfernt auf einem Privatgrundstück in-
richten wir von neuen Beobachtungen aus
mitten eines rasens etwa sechs Meter von der
Österreich und widmen uns den Meldun-
terrasse eines hauses entfernt. Die eiablage
gen, die über die nach wie vor häufigen Ein-
des weibchens fand am 4. Juni 2019 statt und
zelsichtungen der „üblichen“ Taxa
wurde fotografisch dokumentiert (Abb. 1). Das
hinausgehen. Mittlerweile ist die Verord-
gelege, bestehend aus zehn eiern, wurde nach
nung (EU) Nr. 1143/2014 über die Präven-
der Bergung entsprechend der oben genannten
tion und das Management der Einbringung
eu-Verordnung konserviert und der Samm-
und Ausbreitung invasiver gebietsfremder
lung des Naturhistorischen Museums wien zu-
Arten vom 22. Oktober 2014 in Kraft getre-
geführt (inventarnummer NMw 40645).
ten. In dieser ist die Buchstaben-Schmuck-
Dasselbe(?) weibchen wurde auch im Jahr
schildkröte (Trachemys scripta) als einzige
2020 auf dem genannten grundstück gesichtet
Reptilienart als „invasive Art“ gelistet und
(Abb. 2), eine eiablage konnte dabei nicht be-
damit den entsprechenden Regelungen un-
obachtet werden.
terworfen.
um dem Personen- und Datenschutz zu ent-
sprechen, können zu etlichen Meldungen keine Allochthone Arten wurden in der
näheren Angaben zu Personen und den ge- Lobau im zuge der erhebung von Schildkrö-
naueren Fundumständen (Ortsangaben) ge- tenvorkommen bereits 2012 registriert
macht werden. (SchiNDler 2012). eine genauere Analyse er-
Foto: A. uxa
Abb. 1: rotwangen-Schmuckschildkröte bei der eiablage am 4. Juni 2019 in wien 22, Mühlgrundweg
16 ÖGH-Aktuell Nr. 56 - Oktober 2020folgte dann sieben Jahre später: Mit dem Pro- abgewaschen, fotografiert (Abb. 4, 5, 6) und
jekt (SchiNDler 2019) sollte eine Beweissi- in das nahe gelegene wasser gesetzt. Die be-
cherung für die europäische Sumpfschildkröte sonderen Fundumstände lassen keinen zweifel
(Emys orbicularis) durchgeführt werden, um daran, dass es sich hierbei um eine bemerkens-
eine aktuelle einschätzung hinsichtlich Ver- werte „Naturbrut“ gehandelt haben muss.
breitung und Bestand der Art im Vorfeld der
technisch erforderlichen Maßnahmen für die
vorgesehene Dotation der Oberen lobau tref-
fen zu können. im rahmen der erhebung des
Sumpfschildkröten-Bestandes in der Oberen
lobau konnten dabei erwartungsgemäß wei-
tere Vorkommen von allochthonen Schildkrö-
ten in wiener gewässern dokumentiert
werden. Dabei wurden an sieben Begehungs-
tagen im April und Mai 2019 in den gewäs-
serabschnitten Panozzalacke, Fasangartenarm,
tischwasser sowie im Verbindungs- gewässer
tischwasser-Mühlwasser neben europäischen
Sumpfschildkröten auch rotwangen- und
gelbwangen-Schmuckschildkröten in allen
Altersstadien angetroffen. zur Überraschung
konnten unter den „exotischen“ individuen
auch zierschildkröten (Chrysemys picta) iden-
tifiziert werden (Abb. 3). Die Sichtungen er-
gaben an den Begehungstagen einen
Mindestbestand von 17 E. orbicularis und 25
allochthonen tieren (T. scripta und C. picta).
Foto: A. uxa
Am 23. April 2020 wurde im Natu-
ristenpark Lobau, geländeteil körberstraße,
ein Schlüpfling der cumberland-Schmuck-
Abb. 2: Dasselbe weibchen (?) der rotwangen-
schildkröte in einer wiese entdeckt. Das tier Schmuckschildkröte von 2019 im Jahr 2020 in
war von zahlreichen Ameisen übersät, wurde wien 22, Mühlgrundweg
Foto: kathrin heissenberger
Abb. 3: Allochthone Schildkröten in der Oberen lobau: Neben Schmuckschildkröten ist im Bild links
eine zierschildkröte zu erkennen
ÖGH-Aktuell Nr. 56 - Oktober 2020 17Fotos: gerald Becher
Abb. 4, 5, 6: Schlüpfling einer cumberland-Schmuckschildkröte, entdeckt am 23. April 2020 im Naturistenpark
lobau. Deutlich ist die eischwiele zu erkennen, ein zeichen, dass der Schlüpfling soeben das gelege verlassen hat
einem gartenteich gemeldet mit ein bis zwei
Jungtieren pro Jahr.
Niederösterreich
Aus Amstetten werden regelmäßige Nach-
zuchten von rotwangen-Schmuckschild-
kröten in einem gartenteich gemeldet. im
Burgenland
Frühling 2020 wurde aus dem Kierling- An einer uferstelle des Neusiedler Sees wur-
bach/Klosterneuburg eine adulte Schnapp- den regelmäßig acht weibchen von Schmuck-
schildkröte (Chelydra serpentina) geborgen schildkröten beim Sonnen beobachtet. im
und dem Verein respekturtle übergeben. in heurigen Jahr (2020) wurden an dieser Stelle
Groß-Enzersdorf östlich von wien wurde zunächst drei Männchen abgefischt, davon
im Mai 2017 eine weibliche Buchstaben- eine zierschildkröte (C. picta bellii), eine
Schmuckschildkröte auf einer wiese bei der gelbwangen-Schmuckschildkröte (T. scripta
eiablage beobachtet. Den Belegfotos nach scripta) und eine rotwangen-Schmuckschild-
zu urteilen dürfte es sich um einen unterar- kröte (T. scripta elegans). zusätzlich konnten
thybriden zwischen Trachemys scripta ele- acht Schlüpflinge geborgen werden, von denen
gans und T. scripta troostii gehandelt haben. zwei Bissspuren aufwiesen, die vermutlich
leider wurde die entwicklung der eier von den Alttieren stammen, sowie weitere
nicht weiter beobachtet, sondern sie wurden Jungtiere (etwa zwei bis vier Jahre alt), die als
vermutlich entsorgt. T. scripta-hybriden identifiziert werden konn-
ten.
Oberösterreich
Aus Linz werden regelmäßige Nachzuchten
Steiermark
von rotwangen-Schmuckschildkröten in regelmäßige Nachzuchten von zierschildkrö-
18 ÖGH-Aktuell Nr. 56 - Oktober 2020ten im Freiland werden aus der Südsteiermark etwa Trachemys scripta elegans. Sie wurden
gemeldet. Nachdem bereits 2005 über die „Na- in den zoo-Abteilungen von Baumärkten als
turbrut“ von rotwangen-Schmuckschildkröten „teichbesatz“ wiederholt angeboten, darunter
in einem gartenteich im raum Leibnitz be- auch in wien 22.
richtet worden ist (geMel et al. 2005), werden
vom selben gewässer nunmehr regelmäßige
Nachzuchten von E. orbicularis und C. picta
Europäische Sumpfschildkröten
registriert. Die elterntiere verbringen das ge- zu den gebietsfremden Arten sind auch euro-
samte Jahr im teich und überwintern auch päischen Sumpfschildkröten (E. orbicularis)
darin. Die gelege bleiben über den winter im zu zählen, die von anderen Fundorten ihres
garten, die Schlüpflinge erscheinen danach im weiträumigen Verbreitungsgebietes hierher ge-
kommenden Jahr im April und Mai. Bei den bracht worden sind und seit vielen Jahren an
zierschildkröten handelt es sich um C. picta verschiedenen Stellen immer wieder ausge-
picta und um unterarthybriden von C. picta setzt wurden und werden (vgl. geMel 2001).
picta x C. picta marginata. im heurigen Jahr Sie scheinen in unserem Bericht nicht unter al-
(2020) wurden 20 Schlüpflinge beider Arten lochthonen Schildkröten auf, obwohl solche
gemeldet. tiere als gebietsfremd gelten. eine Vermi-
schung der tiere unterschiedlicher herkunft
kann Auswirkungen auf die Überlebensrate
und den Fortpflanzungserfolg der autochtho-
Vorarlberg
Am 26. August 2018 wurde ein bereits geöff- nen Bestände der europäischen Sumpfschild-
netes Schildkrötengelege am rheindamm am kröte haben (vgl. SchiNDler 2006, PÖlz et al.
rande des Naturschutzgebietes Rheindelta 2014). eine haplotypen-untersuchung zeigte,
in hard entdeckt. Nachdem die eier aus dem dass sich gerade im stadtnahen gebiet der
gelege entnommen worden waren, wurden sie lobau mehrere exemplare der europäischen
anschließend künstlich inkubiert (SchelliNg Sumpfschildkröte mit unterschiedlicher her-
2018). Aus allen neun eiern schlüpften hiero- kunft feststellen ließen (SchiNDler 2004,
glyphen-Schmuckschildkröten (Pseudemys 2012).
concinna); die Schlüpflinge wurden danach
einer Auffangstation übergeben. es handelte
sich in diesem Fall um die erste registrierte
"Sauregurkenzeit"
„Naturbrut“ der hieroglyphen-Schmuck- gebietsfremde Schildkröten schafften es wie
schildkröte in Österreich. in den vergangenen Jahren auch 2020 wieder
in der "Sauregurkenzeit" in die Boulevard-
presse, indem Behauptungen kolportiert wer-
den, die ohne ein objektives Abwägen von
Diskussion
gibt es absehbare trends? Auch wenn die Da- entsprechenden Studien ungeprüft übernom-
tenlage keine sicheren Aussagen über die ent- men und verbreitet werden (vgl. Perry & lAu-
wicklung der Bestände von allochthonen Ber 2020).
Schildkröten in Österreich zulässt, seien einige
Bemerkungen hinzugefügt: insgesamt werden So wurden konkurrenzbeziehungen
mehr Meldungen von „Naturbruten“ als in frü- zwischen E. orbicularis und T. scripta bereits
heren Jahren übermittelt, was als Folge der mehrfach untersucht – jedoch mit unterschied-
klimaerwärmung interpretiert werden könnte. lichen ergebnissen. kleeweiN (2015) befasste
Auffallend sind zudem die vermehrten Mel- sich in seiner Dissertation eingehend mit der
dungen von zierschildkröten (Chrysemys sp.), rolle der allochthonen wasserschildkröten in
etwa aus der Oberen lobau in wien, die hier Österreich – seine untersuchungen und ergeb-
von kleeweiN & wÖSS (2009) noch nicht re- nisse werden bei den kolportierten Stellung-
gistriert wurden. nahmen ebenso wenig berücksichtigt wie
z.B. eine entsprechende Studie von MAcchi et
zierschildkröten sind in der Verord- al. (2008). Doch ob Sauregurkenzeit oder
nung (eu) Nr. 1143/2014 nicht als invasive Sommerloch – immerhin zeigt dies die allge-
Arten geführt und sind ebenso wenig in der meine Beliebtheit der Panzerträger und deren
eu-VO 101/2012 im Anhang B gelistet wie unterhaltungswert.
ÖGH-Aktuell Nr. 56 - Oktober 2020 19Dank
wir danken herzlich folgenden kolleginnen
und kollegen für informationen, ohne die der
Bericht in dieser Form nicht hätte gemacht
werden können: gerald Becher, Julia eDer,
Sabine greSSler, Andreas kleeweiN, Monika richard.gemel@nhm-wien.ac.at
Richard GEMEL
MArOlt, Peter PrASchAg, Markus Putzgru-
Ber, ursula SchelliNg, Maria SchiNDler und
Andreas uxA. g.woess@gmail.com
Günther WÖSS
Literatur
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SchiNDler, M. (2012): gewässervernetzung (Neue) Donau – untere lobau (Nationalpark Donau-Auen).
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SchiNDler, M. (2019): erhebung des Sumpfschildkröten-Bestandes 2019. Projekt Dotation Panozzalacke
Planung.– Magistratsabteilung 45 wiener gewässer, 14 S. unpubl. Bericht.
20 ÖGH-Aktuell Nr. 56 - Oktober 2020The times they are a changin'……….
Pathogene Pilze auch bei Schlangen nachgewiesen
Silke Schweiger
werden konnte, bedeutet aber keinesfalls, dass
er nicht schon länger für hauterkrankungen
In diesen Tagen sind wir alle mit unter-
und somit auch für todesfälle bei Schlangen
schiedlichsten Krankheitsszenarien kon-
verantwortlich war. Anhand von aufbewahrten
frontiert. Leider haben nicht nur wir
gewebeproben konnte der Pilz bereits für das
Menschen mit Viren und anderen pathoge-
Jahr 1985, anhand eines im terrarium gehal-
nen Erregern zu kämpfen. Seit Jahren sind
tenen königspythons (Python regius), nachge-
weltweit Amphibienbestände durch die
wiesen werden (Sigler et al. 2013).
Hautpilze Batrachochytrium dendrobatidis
(Froschlurche) und B. salamandrivorans
Der Pilz, der auch als "Snake fungal
(Schwanzlurche) bedroht (CRAWFORD et. al
disease" (SFD) bezeichnet wird, konnte mitt-
2010; OLSON et al. 2013, SPITZEN-VAN DER
lerweile auch bei europäischen Schlangen
SLUIJS et al. 2016). Bisher konnten patho-
nachgewiesen werden. im Jahr 2017 konnten
gene Hautpilzerkrankungen vor allem bei
Forscher den Pilz bei 24 ringelnattern (Natrix
diversen Amphibienarten beobachtet wer-
helvetica) in großbritannien sowie bei einer
den. Mit Sorgen las ich vor einigen Jahren,
exuvie einer würfelnatter (Natrix tessellata)
dass im Jahr 2009 im Osten der USA eine
in tschechien diagnostizieren (FrANkliNOS et
neuartige Pilzerkrankung bei Schlangen
al. 2017). Der keratinophile Pilz befällt vor
nachgewiesen werden konnte (RAJEEV et al.
allem die haut der Schlangen und führt zu lo-
2009, ALLENDER et al. 2015, BERG 2018).
Der "Schlangenpilz" (Ophidiomyces kalen entzündungen, er kann aber auch zu er-
ophiodiicola) wurde erstmals an einer erkrank- krankungen der Augen, Muskeln und der
ten erdnatter (Pantherophis alleghaniensis) di- lunge führen (lOrch et al. 2015). Die krank-
agnostiziert. Die tatsache, dass dieser hautpilz heitsverläufe sind extrem unterschiedlich und
im Jahr 2009 wissenschaftlich beschrieben reichen von einem milden Verlauf bis zum tod
Fotos: Marietta hengl
Beprobung einer würfelnatter (Natrix tessellata) längenmessung einer hornviper (Vipera ammodytes)
ÖGH-Aktuell Nr. 56 - Oktober 2020 21der Schlange (lOrch et al. 2015, FrANkliNOS und extra beprobt. Auch eine Beprobung der
et al. 2017). umwelteinflüsse und der gesund- Fundstelle wird vorgenommen. Nach jeder
heitszustand der einzelindividuen dürften Probennahme wurden unsere hände desinfi-
dabei eine entscheidende rolle spielen. ziert. Die Proben werden gesammelt, tiefge-
froren und später in einem amerikanischen
im Jahr 2020 wurde in kooperation labor ausgewertet.
mit der amerikanischen Studentin gaelle
BlANVillAiN (Virginia Polytechnic institute keine der bisher beprobten Schlan-
and State university) im rahmen ihrer Disser- gen zeigte eine hautläsion. wir sind auf die
tation ein "Schlangenpilz Projekt" gestartet. ergebnisse der untersuchung gespannt und
Das Projekt soll 2020 und 2021 auch in Öster- werden im nächsten Jahr über die resultate be-
reich durchgeführt werden. richten.
Bisher konnten im Bundesgebiet 21 Mein Dank gilt allen helfern im Feld,
Schlangen (4 Arten) beprobt werden. Die tiere insbesondere karin erNSt, rainer FeSSer, Mi-
werden gefangen, gewogen und abgemessen chael FrANzeN, Marietta heNgl, yurii kOrNi-
(kopf-rumpflänge und Schwanzlänge), an- leV, Markus MOSSAuer & werner StANgl.
schließend wird die körpertemperatur gemes-
sen und die Schlangen werden mit
Probestäbchen auf der körperoberseite und -
unterseite beprobt. Falls hautläsionen sichtbar
sind, werden diese fotografisch dokumentiert silke.schweiger@nhm-wien.ac.at
Silke SCHWEIGER
Literatur
AlleNDer, M. c., rAuDABAugh, D. B., gleASON, F. h.& A. N. Miller (2015): the natural history, ecology,
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lOrch, J.M., lANktON, J., werNer, k., FAleNDySz, e. A., Mccurley, k. & D. S. Blehert (2015): expe-
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rium salamandrivorans in europe. - emerging infectious diseases 22(7): 1286–1288.
22 ÖGH-Aktuell Nr. 56 - Oktober 2020Die Wiener Turtlegroup - 40 Jahre Studien über die Nahrungsaufnahme
von Amphibien und Reptilien an der Universität Wien
Teil 1
Patrick leMell & christian BeiSSer
phologie des instituts für zoologie unter der
leitung der Professoren Anneliese StreNger
Am 16.11.1849 wurde erstmals eine eigene
und heinz SPlechtNA. Josef weiSgrAM - ge-
Lehrkanzel für Zoologie an der Universität
wissermaßen die keimzelle der turtlegroup -
Wien eingerichtet (SALVINI-PLAWEN & MIZ-
war an dieser Abteilung der erste, der sich im
ZARO 1999). Im Laufe des Jahres 1982 er-
rahmen seiner Dissertation der gruppe der
folgte der Umzug vom Hauptgebäude der
Schildkröten zugewendet und die Nahrungs-
Universität am Ring in das Biologie-Zen-
aufnahme einer klappschildkrötenart, der
trum Althanstraße 14 im 9. Bezirk. Nächs-
großkopf-kreuzbrustschildkröte (Claudius
tes Jahr wird die Biologie weiterziehen in
angustatus), mittels röntgenkinematographie
die Schlachthausgasse 43, in den 3. Bezirk,
untersucht hatte (weiSgrAM, 1982 – wissen-
wodurch sich für diesen Statusbericht ein
schaftlicher Film). in weiterer Folge verglich
runder Zeitrahmen von etwa 40 Jahren der
Josef weiSgrAM in seiner Dissertation (1985)
herpetologischen Forschung am Biozen-
Vertreter aus den Familien Emydidae (Trache-
trum ergibt.
Der Bericht bezieht sich dabei nur auf mys scripta elegans), testudinidae (Testudo
die Forschung der Arbeitsgruppe rund um hermanni) und die bereits bearbeitete Art
Josef weiSgrAM (der sogenannten turtle- Claudius angustatus aus der Familie der ki-
group) und nimmt nicht Bezug auf die Arbei- nosternidae miteinander.
ten anderer gruppen, etwa rund um walter
hÖDl. Überblicksmäßig soll somit hier über in den Anfängen dieser funktions-
die Arbeiten der turtlegroup berichtet werden, morphologischen Arbeiten war der Standort
die sich anfangs auf funktionsmorphologische wien international hoch angesehen für seine
Arbeiten über Nahrungsaufnahme-Mechanis- wirbeltierforschung in der Abteilung für Ver-
men bei Schildkröten spezialisiert hatte. in den gleichende Anatomie & Morphologie, was
letzten Jahren sind aber auch Studien über auch in der Ausrichtung einiger kongresse sei-
knochenfische, Salamander und Frösche, nen Niederschlag fand. So wurde der zweite
sowie Säuger dazugekommen, die turtlegroup große wirbeltierkongress (icVM, 1986) am
beschäftigt sich also mittlerweile mit jeder Biozentrum abgehalten, kleinere kongresse
großen wirbeltiergruppe. der führenden funktionsmorphologischen For-
scher europas (etwa der ccS – "cranio cer-
vical Systems") fanden abwechselnd in
leiden, tübingen und wien statt. Diese Ver-
Der Anfang
Den Anfang nahmen diese Studien an der Ab- bindung brachte Josef weiSgrAM auch dazu,
teilung für Vergleichende Anatomie und Mor- im Anschluss an seine Dissertation im rahmen
Fotos: J. weisgram
Abb. 1: halsberger Testudo hermanni und halswender Chelodina novaeguineae
ÖGH-Aktuell Nr. 56 - Oktober 2020 23eines erwin-Schrödinger-Auslandsstipendi- rungsaufnahmeapparates von aquatischen tie-
ums bei Professor gart zweerS zwei Jahre in ren und kamen zu dem Schluss, dass insbeson-
leiden (Niederlande) zu verbringen. Dort lag dere Schildkröten eine geeignete gruppe für
der Forschungsschwerpunkt bei der Nahrungs- derartige Studien darstellen können. So zeigen
aufnahme von Vögeln, wobei hier vor allem aquatische Formen einen gut ausgeprägten,
die halsbewegungen untersucht wurden. Josef großteils verknöcherten hyoidapparat mit ver-
weiSgrAM blieb nach seiner rückkehr 1987 gleichsweise kleiner zunge, wohingegen ter-
aber den Schildkröten treu und untersuchte als restrische Arten ein eher kleines, flexibles
Forschungsassistent von heinz SPlechtNA die zungenbein mit großer zunge aufweisen. Die
halsbewegung diverser Schildkröten (Abb. 1): typische aquatische ernährungsweise ist bei
Als Objekte dienten die Starrbrust-Pelomeduse Schildkröten vor allem das Saugschnappen
(gattung Pelomedusa) und die griechische ("Suction Feeding"). hier wird durch rasche
landschildkröte, also halswender (Pleurodira) Absenkung des hyoidapparates der Mund-
im Vergleich zu halsberger (cryptodira) raum erweitert, wodurch ein unterdruck im
(weiSgrAM & SPlechtNA 1990). 1992 wurde Mundraum entsteht und die Beute mit dem
zusätzlich auch die Neuguinea-Schlangenhals- einströmenden wasser eingesaugt wird. Je grö-
schildkröte Chelodina novaeguinaeae, eine ßer die zunge ist, desto eher kommt es zu stö-
weitere pleurodire Art, untersucht (weiSgrAM renden turbulenzen, die einen effektiven
& SPlechtNA 1992). wasserstrom behindern würden.
Das Prinzip ist im grunde ähnlich der
Nahrungsaufnahme von Fischen, der große
Die erste Diplomandengeneration
christian BeiSSer war der erste Diplomand, unterschied bei sekundär aquatischen wirbel-
der 1993 bei Josef weiSgrAM, nunmehr Assis- tieren besteht allerdings darin, dass das einge-
tenzprofessor am institut für zoologie, bzw. saugte wasser nicht wie bei den Fischen weiter
bei heinz SPlechtNA (Abteilung Anatomie hinten bei den kiemen wieder ausströmen
und Morphologie) vorstellig wurde, gefolgt kann. es liegt also ein bidirektionales System
von Patrick leMell 1995 und robert wOcheS- vor, bei dem das wasser wieder beim Maul
lÄNDer 1996. christian BeiSSerS methodi- ausgestoßen werden muss (lAuDer & ShAF-
sches interessensgebiet war die histologie und Fer 1986, 1993). Neben dem "Suction Fee-
Mikroanatomie, er untersuchte die dorsale ding" gibt es bei aquatischen Schildkröten
zungenmorphologie diverser Schildkrötenar- auch das sogenannte zustoßen ("ram Fee-
ten und die Anpassung des zungenepithels der ding"), bei dem durch rasches Ausstrecken des
einzelnen Arten an das jeweilige Medium, in halses bei gleichzeitigem Absenken des hyo-
dem der Fressakt stattfindet, also unterschiede idapparates die Beute geschnappt wird. An
zwischen aquatischer und terrestrischer Nah- land gibt es ebenso zwei Möglichkeiten der
rungsaufnahme. Nahrungsaufnahme, entweder Aufnahme der
Nahrung mit den kiefern ("Jaw Prehension"),
Patrick leMell trat in die Fußstapfen oder das Aufpicken der Nahrung mit der
von Josef weiSgrAM und beleuchtete mittels zunge ("lingual Prehension"), das bisher nur
highspeed-kinematographie in zusammenar- bei der Familie der testudinidae nachgewiesen
beit mit dem Österreichischen wissenschaftli- werden konnte.
chen Film (ÖwF) sowie mit Sektionen die
funktionelle Seite. Dafür wurden aquatisch le-
bende Schildkröten ausgewählt wurden, wäh-
Welche Methoden kamen und kommen
rend robert wOcheSlÄNDer analoge
zum Einsatz?
untersuchungen an einer terrestrischen Art einerseits wurden die Nahrungsaufnahme-Me-
vornahm. chanismen mittels lichtoptischer (anfangs mit
bis zu 3-facher zeitdehnung) und röntgen-
film-Aufnahmen (normal-frequent) dokumen-
tiert, andererseits war es auch notwendig, die
Der Forschungsansatz und die wissen-
Anatomie des Schädelbereiches mittels Sek-
schaftlichen Fragestellungen
Bereits frühere Studien (BrAMBle & wAke tionen zu erfassen. Die Methoden von damals
1985) untersuchten optimale Designs des Nah- sind immer noch Stand der technik, das heißt,
24 ÖGH-Aktuell Nr. 56 - Oktober 2020Sie können auch lesen