Stellenwert der Opioide zur Therapie chronischer Schmerzen

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Stellenwert der Opioide zur Therapie chronischer Schmerzen
CME-FORTBILDUNG                                                                                                  medizinonline.ch

Pharmakologische Schmerztherapie

Stellenwert der Opioide zur Therapie
chronischer Schmerzen
Emmanuel Coradi, Konrad Maurer, Zürich

Opioide | Schmerztherapie | nicht-tumorbedingte Schmerzen

                    ■ Der Begriff Opioide ist dem Griechischen entnom-     hilft im klinischen Alltag, die zu erwartende Wirkung
                    men und meint «dem Opium ähnlich». Die Opioide         eines bestimmten Opioids abschätzen zu können.
                    bilden eine pharmakologisch heterogene Gruppe von
                    synthetischen, halbsynthetischen und natürlichen       Epidemiologie
                    Wirkstoffen, deren gemeinsames Merkmal die Bin-        In der schweizerischen Gesundheitsbefragung von
                    dung an Opioidrezeptoren ist. Opioidrezeptoren         2017 zeigte sich, dass in der Schweiz um 2,5 Mio. Men-
                    finden sich sowohl im peripheren als auch zentralen    schen unter chronischen Schmerzen leiden. Ungefähr
                    Nervensystem. Bezüglich der Entfaltung analgeti-       0,6 Mio. der Betroffenen leiden unter moderaten bis
                    scher Effekte sind die Opioidrezeptoren im zentralen   schweren Schmerzzuständen, die limitierende Aus-
                    Nervensystem entscheidend. Durch die Aktivierung       wirkungen auf die Aktivität und die Lebensqualität
                    präsynaptischer Opioidrezeptoren im Hinterhorn des     haben. Frauen geben häufiger an, unter chronischen
                    Rückenmarkes, wird die Weiterleitung von Schmerz-      Schmerzen zu leiden [2].
                    impulsen gehemmt. Eine durch Opioide hervorgeru-           Obwohl es verschiedene therapeutische Ansätze
                    fene Aktivierung von Opioidrezeptoren in gewissen      zur Behandlung von Schmerzen gibt, werden auch in
                    Regionen des Hirnstamms bewirkt eine zusätzliche       der Schweiz immer häufiger Opioide verordnet. Der
                    Stimulation von absteigenden, inhibitorischen Ner-     Einsatz von Opioiden ist für die Behandlung schwe-
                    venbahnen. Dadurch wird die Weiterleitung von im       rer akuter Schmerzen, z.B. im perioperativen Setting,
                    Hinterhorn eintreffenden Schmerzsignalen gehemmt.      bestens anerkannt und meist sehr sinnvoll. Auch zur
                    In subkortikalen Regionen des limbischen Systems       Behandlung tumorbedingter Schmerzen stellen Opio-
                    führt die Aktivierung von Opioidrezeptoren zu einer    ide oft eine unverzichtbare und weltweit anerkannte
                    Dämpfung der emotional-affektiven Komponente der       Therapieoption dar [3]. Chronische nicht-krebsbe-
                    Wahrnehmung einer Schmerzsensation [1].                dingte Schmerzen stellen im Gegensatz dazu meist
                        Der menschliche Körper stellt selbst endogene      eine weniger gute Indikation für eine längerfristige
                    Opioide her, die im Rahmen von Stressreaktionen        Behandlung mit Opioiden dar. Es ist unklar, ob der
                    ausgeschüttet werden und zur Unterdrückung von         Einsatz hochpotenter Opioide mittel- bis langfristig in
                    Schmerzen und Hungergefühl führen. In der medi-        einer Verbesserung der Kontrolle chronischer nicht-
                    zinischen Praxis werden grundsätzlich synthetische     krebsbedingter Schmerzen führt [4].
                    Opioide eingesetzt. Pharmakodynamische Differenzen         Gerade deshalb ist es bedenklich, dass heute 85%
                    zwischen den verschiedenen Opioiden zeigen sich in     aller verschriebenen Opioide zur Behandlung nicht-
                    der unterschiedlichen Affinität zu Opioidrezeptoren    krebsbedingter Schmerzen eingesetzt werden [5].
                    bzw. zu einzelnen Rezeptor-Subtypen. Die genaue        Ungefähr 25% der betroffenen Patienten erhalten die
                    Kenntnis dieser pharmakodynamischen Unterschiede       verschriebenen Opioide während einer Dauer von >90
                                                                           Tagen. Eine Langzeitanwendung über Jahre hinweg ist
                                                                           häufig die Folge.
                                      Dr. med. Emmanuel Coradi
                                                                           Taxonomie der Schmerzmechanismen
                                      Institut für interventionelle
                                                                           Eine adäquate und wirksame pharmakologische
                                      ­Schmerzmedizin Zürich – IISZ
                                                                           Schmerztherapie kann am zuverlässigsten erreicht
                                       Pfingstweidstrasse 60B
                                       8005 Zürich                         werden, wenn die Mechanismen der Schmerzentste-
                                       coradi.iisz@hin.ch                  hung möglichst gut eingegrenzt werden. Eine detail-
                                                                           lierte Anamnese und eine fokussierte klinische Un-

                                      PD Dr. med. Konrad Maurer

                                      Institut für interventionelle
                                      ­Schmerzmedizin Zürich – IISZ
                                       Pfingstweidstrasse 60B
                                       8005 Zürich                         > Fortbildungsfragen auf Seite XX
                                       maurer.iisz@hin.ch

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Stellenwert der Opioide zur Therapie chronischer Schmerzen
InFo SCHMERZ & GERIATRIE 2021; Vol. 3, Nr. 1                                                             CME-FORTBILDUNG

tersuchung sind grundlegend zur Erkennung eines
Schmerz-Entstehungsmechanismus. Situativ, im Falle
spezifischer Fragestellungen, sind radiologische, la-
borchemische und andere Zusatzuntersuchungen hilf-
reich. Folgende Schmerzmechanismen müssen dabei
identifiziert oder ausgeschlossen werden:
Nozizeptive Schmerzen: Dieser Mechanismus ist
verantwortlich für die Aufrechterhaltung der kör-
perlichen Integrität und wird auch als «normale, üb-
liche» Schmerzempfindung verstanden. Nozizeptive
Schmerzsignale helfen, Verletzungen zu verhindern.
Die Schmerzen sind Stimulus-abhängig, in der Regel
von kurzer Dauer und das stimulierte Gewebe bleibt
dabei intakt. Bei fortdauerndem nozizeptiven Stimulus
kann es zu neuronalen Veränderungen im Bereich des

                                                                                                                                              Abbildung: IISZ
Hinterhorns des Rückenmarks kommen. Diese Verän-
derungen sind in der Regel kurzzeitig und bilden sich
zurück. Persistierende Schmerz-Sensibilisierungsphä-
nomene werden nicht erwartet.                              Abb. 1: Für eine adäquate Schmerztherapie ist Erkennung von Schmerzmechanis-
Nozizeptiv-inflammatorische Schmerzen: Bei bereits         men zentral. In diesem Zusammenhang kann der Einsatz apparativer/interventio-
eingetretenem Gewebeschaden treten akut bis subakut        neller diagnostischer Mittel oft sehr hilfreich sein.
Schmerzen auf. Trigger sind freigesetzte Entzündungs-
mediatoren (z.B. Interleukine). Einerseits kommt es
zur direkten Aktivierung von peripheren Schmerzfa-         zeptiver Schmerzzustände eine normale Funktion des
serendigungen, andererseits werden im Rahmen die-          somatosensorischen Systems besteht, während genau
ses Prozesses neue, bis anhin inaktive Schmerzfasern       dieses bei neuropathischen Schmerzzuständen ge-
rekrutiert und zusätzlich sensibilisiert. Gesamthaft be-   schädigt ist. Viele Patienten mit chronischen Schmer-
trachtet kommt es zu einer Senkung der elektrophy-         zen lassen sich keiner dieser Entitäten zweifelsfrei
siologischen Erregbarkeitsschwelle. Dadurch wird die       zuordnen [7]. Bei diesen Patienten kann weder eine
Bildung von peripheren Sensibilisierungsphänomenen         Aktivierung von Nozizeptoren noch eine Läsion des
möglich.                                                   somatosensorischen Systems angenommen werden.
Neuropathische Schmerzen: Neuropathische Schmer-           In solchen Fällen liegt eine noziplastische Schmerz-
zen treten ebenfalls akut oder subakut auf. Ursache        problematik vor. Eine grosse Gruppe von Patienten
des Schmerzsignals ist hier jedoch nicht das umlie-        ist davon betroffen: Unspezifische Rückenschmerzen,
gende Gewebe, sondern das somatosensorische Sys-           unspezifische Schmerzen in peripheren Gelenken, Fib-
tem selbst [6]. Die Schädigung von Nervenzellen selbst     romyalgie, Complex Regional Pain Syndrome (CRPS)
bildet die Grundlage für neuropathische Schmerzen.         Typ 1.
Praktisch immer kommt es dabei zur Entstehung von          Überlagerung von Schmerzmechanismen/«Mixed
peripheren und zentralen Sensibilisierungsphänome-         Pain»: Sehr häufig kann bei Patienten mit chronischen
nen. In der Regel können «positive» und/oder «nega-        Schmerzen eine Überlagerung der oben erwähnten
tive» Sensibilisierungsphänomene dokumentiert wer-         Schmerzmechanismen festgestellt/angenommen wer-
den. Häufig besteht eine grosse Diskrepanz zwischen        den. Bei «Mixed Pain» sind häufig sämtliche der oben
der vom Patienten beklagten Schmerzintensität, der         beschriebenen Mechanismen an der Entstehung, res-
Ausdehnung des von Schmerzen betroffenen Areals            pektive Modulierung des Schmerzsignales beteiligt. In
und den objektiven Befunden, die durch den Untersu-
cher festgestellt werden können.
    Ein wichtiges Sensibilisierungsphänomen ist die
Hyperalgesie. Sie tritt sowohl bei neuropathisch als       TAKE-HOME-MESSAGES
auch inflammatorisch bedingten Schmerzzuständen            ― Vor Beginn einer pharmakologischen Schmerztherapie im Allgemeinen und
auf. Die Hyperalgesie kann als Zustand definiert             einer Behandlung mit Opioiden im Speziellen, muss der zugrunde liegende
werden, während welchem ein normalerweise leicht             Schmerzmechanismus eingegrenzt werden.
schmerzhafter Reiz als übermässig schmerzhaft emp-         ― Opioide sind für die Behandlung schwerer akuter und tumorbedingter
funden wird (z.B. Pieksen mit Zahnstocher). Die              Schmerzen oft Mittel der Wahl.
Allodynie ist ein weiteres «positives» Sensibilisie-
                                                           ― Eine Langzeittherapie von nicht-tumorbedingten chronischen Schmerzen
rungsphänomen und stellt eine Steigerungsform der
                                                             soll im Gegensatz dazu nur im Ausnahmefall erfolgen und, wenn immer
Hyperalgesie dar. In einem von Allodynie betroffe-
                                                             möglich, mit nicht-medikamentösen Massnahmen kombiniert werden.
nen Hautareal, wird ein eigentlich schmerzloser Sti-
mulus als schmerzhaft empfunden (z.B. Berührung            ― Eine Langzeittherapie mit Opioiden muss sich an messbaren Zielen orien-
mit ­Pinsel).                                                tieren. Werden diese Ziele nicht erreicht, soll die Opioid-Behandlung sistiert
Noziplastische Schmerzen: Nozizeptive/Inflammato-            werden.
rische Schmerzen und neuropathische Schmerzen              ― Im Rahmen einer Langzeittherapie mit Opioiden entwickelt sich immer eine
sind letztlich mechanistisch definierte Entitäten. Der       körperliche Abhängigkeit, die teilweise von einer psychischen Komponente,
entscheidende Unterschied ist, dass im Rahmen nozi-          im Sinne einer Sucht, begleitet wird.

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CME-FORTBILDUNG                                                                                                                        medizinonline.ch

                                                                                                    weisen darauf hin, dass Opioide zur Therapie chro-
                                                                                                    nischer nicht-krebsbedingter Schmerzen nicht wirk-
                                                                                                    samer sind als andere Analgetika.
                                                                                                –   Bevor eine Schmerztherapie mit Opioiden überlegt
                                                                                                    wird, sollten daher verschiedene andere therapeuti-
                                                                                                    sche Massnahmen bereits ergriffen oder zumindest
                                                                                                    probiert worden sein (physikalisch, physiothera-
                                                                                                    peutisch, medikamentös, interventionell, psycholo-
                                                                                                    gisch).
                                                                                                –   Zusammen mit dem Patienten sollen sinnvolle und
                                                                                                    erreichbare Therapieziele erarbeitet werden. Im Fo-
                                                                                                    kus sollten dabei Ziele wie eine Schmerzreduktion
    Abbildung: IISZ

                                                                                                    um mindestens 30%, die Arbeitswiederaufnahme
                                                                                                    oder auch die Erledigung alltäglicher Aufgaben, z.B.
                                                                                                    im Haushalt, stehen.
                      Abb. 2: Ist unklar, ob eine Langzeittherapie mit einem Opioid indiziert   –   Patienten sollten detailliert auf die möglichen Ge-
                      ist oder nicht, kann der i.v.-Opioid-Test als Wegweiser dienen.               fahren hingewiesen werden, die im Rahmen einer
                                                                                                    Langzeittherapie mit Opioiden auftreten können.
                                                                                                    Nebst den bekannten Nebenwirkungen wie Obs-
                                   der Regel steht der eine oder andere Schmerzmecha-               tipation, Mundtrockenheit, Nausea, Unwohlsein,
                                   nismus im Vordergrund.                                           Verwirrtheitszuständen, Stürze soll auch auf eine
                                       Opioide spielen eine wichtige Rolle in der Behand-           potenziell lebensgefährliche Atemdepression als
                                   lung nozizeptiver Schmerzen, können aber auch bei                Folge von Fehl-/Überdosierungen hingewiesen wer-
                                   neuropathischen Schmerzen zu einer guten Schmerz-                den.
                                   kontrolle beitragen. Im Falle noziplastisch bedingter        –   Die Patienten müssen darüber informiert werden,
                                   Schmerzzustände ist der therapeutische Wert von Opi-             dass es durch eine Therapie mit einem Opioid in der
                                   oiden meist nicht vorhanden.                                     Regel zu einer körperlichen Abhängigkeit kommt.
                                                                                                –   Während der ersten 1–2 Wochen einer Therapie,
                                   Die 4 Säulen der Analgesie                                       in der Einstellungsphase, bei einer Dosiserhöhung
                                   Zur Erreichung einer möglichst zufriedenstellenden               oder beim Wechsel auf ein anderes Opioid muss auf
                                   analgetischen Behandlung, ist das Erkennen der oben              das Autofahren bzw. das Bedienen von Maschinen
                                   vorgestellten Schmerz- und Sensibilisierungsmecha-               verzichtet werden. Während dieser Zeit sind Ne-
                                   nismen zentral. Unabhängig von der therapeutischen               benwirkungen häufig, welche die Reaktionsfähig-
                                   Modalität beruht eine zielgerichtete Therapie von                keit einschränken.
                                   Schmerzzuständen, bzw. das Erreichen einer «An-
                                   algesie» demzufolge auf den folgenden vier Säulen:           Wann kann eine Langzeittherapie >120 Tage
                                   «Antinozizeption», «Antiinflammation», «Antihyper-           mit Opioiden in Erwägung gezogen werden?
                                   algesie» und «Antineuropathie» [8].                          Es gilt der Grundsatz, dass Opioide zur Langzeit­
                                       Im Rahmen einer pharmakologischen analgeti-              therapie (>120 Tage) eines chronischen Schmerz-
                                   schen Therapie ist es also entscheidend, Medikamente         zustandes nur eingesetzt werden sollen, falls der be-
                                   einer oder mehrerer Stoffklassen einzusetzen, die            troffene Patient während einer 4- bis 12-wöchigen
                                   möglichst das gesamte Spektrum der diagnostizierten          probatorischen Therapie eine für ihn bedeutsame
                                   Schmerzmechanismen abdecken können.                          Schmerzreduktion und/oder Verbesserung seines All-
                                                                                                gemeinzustandes verzeichnen konnte. Zusätzlich soll-
                                   Empfohlene Massnahmen vor Beginn                             ten national und international geltende Richtlinien
                                   einer Schmerztherapie mit einem Opioid                       in die Überlegungen rund um eine Indikationsstel-
                                   Ob ein Behandlungsversuch mit einem Opioid-An-               lung mit einbezogen werden. Eine empfehlenswerte
                                   algetikum sinnvoll ist oder nicht, bedarf einer sorg-        Ressource stellt z.B. die Richtlinie zur «Langzeitan-
                                   fältigen gemeinsamen Abwägung zwischen Arzt und              wendung von Opioiden bei chronischen nicht tumor-
                                   Patient. Ob schwach- oder starkwirksame Opioide              bedingten Schmerzen (LONTS)» [9] der Deutschen
                                   eingesetzt werden sollen, spielt eine untergeordnete         Schmerzgesellschaft dar. Aktuell ist eine Langzeit-
                                   Rolle. Folgende Punkte sollten speziell berücksichtigt       therapie mit einem Opioid nur beim Vorliegen einer
                                   werden [9]:                                                  schmerzhaften diabetischen Polyneuropathie empfoh-
                                   – Die der Schmerzproblematik zugrunde liegenden              len. Im Gegensatz dazu wird im Falle verschiedener
                                      Entstehungsmechanismen müssen gezielt gesucht             anderer chronischer Schmerzleiden sogar konkret von
                                      und identifiziert werden.                                 einer Langzeittherapie mit Opioiden abgeraten (siehe
                                   – Es ist empfehlenswert, eine genauere psychosoziale         auch Tabelle 1).
                                      Anamnese und ein Screening auf das Vorliegen psy-
                                      chisch bedingter Einflüsse auf die Schmerzproble-         Im Zweifelsfall: Der i.v. Opioid-Test als Wegweiser
                                      matik durchzuführen.                                      Falls Unsicherheit darüber besteht, ob eine Schmerz-
                                   – Chronische nicht-krebsbedingte Schmerzen sollten           therapie mit Opioiden länger als 12 Wochen weiter-
                                      nach Möglichkeit niemals ausschliesslich mit Opi-         geführt werden soll, kann ein ambulant durchgeführ-
                                      oiden behandelt werden. Wissenschaftliche Daten           ter intravenöser (i.v.) Opioid-Test hilfreich sein [10]

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InFo SCHMERZ & GERIATRIE 2021; Vol. 3, Nr. 1                                                                CME-FORTBILDUNG

                   Tab. 1   Die «Opioid-Ampel»: Empfehlungen für oder gegen eine Langzeittherapie mit Opioiden bezüglich ausgewählter
                            Schmerzerkrankungen
                                                                Langzeittherapie mit Opioiden NICHT empfohlen

                                                                – Primäre Kopfschmerzerkrankungen,             – Schmerzen bei chronischer Pankreatitis
                                                                  z.B. Migräne, Spannungskopfschmerz           – Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen
                                                                – Funktionelle Störungen, z.B. Fibromyalgie,   – Schmerzen als Leitsymptom psychischer
                                                                  Reizdarm- und Reizblasensyndrom                Störungen

                                                                Individuelle Therapieversuche mit Opioiden möglich

                                                                –   Postzoster-Neuralgie                       –   Arthrose
                                                                –   Phantomschmerz                             –   Chronische Rückenschmerzen
                                                                –   Nervenwurzelschmerz/Radikulopathie         –   Postop. Schmerzen (Hernien, Thorax)
                                                                –   Rheumatoide Arthritis                      –   Ischämischer Schmerz/PAVK
                                                                –   Schmerzen nach Nervenverletzung            –   Osteoporotische Frakturen

                                                                Mögliche Indikationen zur Langzeittherapie mit Opioiden

                                                                – Schmerzhafte diabetische Polyneuropathie
Quelle: IISZ

               (Abb. 2). Solche Tests werden in der Schweiz durch       im Rahmen chronischer Opioidbehandlungen aber
               verschiedene schmerzmedizinische Zentren angebo-         zu Toleranzentwicklung mit konsekutiver Minderung
               ten. Durch die protokollierte i.v. Gabe eines ultra-     der analgetischen Wirkung des eingesetzten Opioids.
               kurzwirksamen Opioids ist es meist möglich herauszu-     Als Ursache wird eine Migration von Opioidrezepto-
               finden, ob ein Schmerzleiden wirkungsvoll durch ein      ren von der Zelloberfläche in das Zellinnere vermutet,
               Opioid behandelt werden kann oder nicht.                 sodass sie nicht mehr für die analgetische Wirkung zur
                                                                        Verfügung stehen. Ein weiteres Phänomen, das im Zu-
               Kurzwirksame vs. langwirksame Opioidpräparate            sammenhang mit einer Schmerzzunahme unter einer
               Zur Behandlung chronischer Schmerzen sollen mög-         laufenden Therapie mit Opioiden eintreten kann, ist
               lichst Präparate mit retardierter Galenik bzw. langer    die opioidinduzierte Hyperalgesie. Die diskutierten
               Wirkdauer eingesetzt werden. Die Einnahme sollte         Entstehungsmechanismen einer opioidinduzierten
               nach einem fixen Schema erfolgen. Erfahrungen zei-       Hyperalgesie sind vielschichtig und reichen von einer
               gen, dass so eine bessere Schmerzkontrolle und eine      Down-Regulation der Opioidrezeptoren über eine
               bessere Therapieadhärenz erreicht werden kann. Aus-      mögliche zentrale Sensibilisierung bis hin zu einer sy-
               serdem kann durch dieses Vorgehen das Risiko für         naptischen Langzeitpotenzierung.
               Komplikationen verringert werden.
                    Kurzwirksame und ultra-kurzwirksame Opioide         Unerwünschte Effekte bei Langzeitanwendung
               sollen im Rahmen der Behandlung nicht-tumorbe-           Die Langzeitanwendung von Opioiden kann folgende
               dingter chronischer Schmerzen nur in Ausnahmefällen      unerwünschten Effekte zur Folge haben:
               zum Einsatz kommen. Sie sind auch als Bedarfsmedi-       – Verlust des sexuellen Verlangens
               kation nicht zu empfehlen. Klinische Erfahrungen zei-    – Impotenz
               gen, dass kurzwirksame Opioide rasch auch zu einer       – Zyklusstörungen der Frau
               psychischen Abhängigkeit führen können. Die Folge        – Erhöhte Gesamtsterblichkeit
               ist leider oft auch eine missbräuchliche Verwendung.     – Passivität/Antriebslosigkeit
                                                                        – Merkfähigkeitsstörungen
               Outcomes einer Langzeittherapie mit Opioiden             – Erhöhte Sturzgefahr
               Die aktuell zur Verfügung stehende wissenschaftliche
               Evidenz zur Beurteilung der Effektivität einer Opo-      Wann soll eine Langzeittherapie mit Opioiden
               idtherapie >120 Tage bezüglich nicht-tumorbedingter      beendet werden?
               chronischer Schmerzen ist ungenügend. Dies impli-        Eine Langzeittherapie mit einem Opioid sollte perio-
               ziert automatisch unsichere Erfolgsaussichten [11].      disch reevaluiert werden. Ist unklar, ob die Therapie
                   Im Rahmen einer chronischen Anwendung von            mit einem Opioid eine Schmerzlinderung bewirkt,
               Opioiden kommt es nicht selten zu einer Wirkungs-        sollte auf eine Beendigung dieser Therapie hingear-
               abnahme der eingesetzten Opioidmedikation. Es gibt       beitet werden. Es wird empfohlen, eine Therapie mit
               verschiedene Differenzialdiagnosen, die diese Ent-       einem Opioid schrittweise zu beenden, wenn:
               wicklung erklären können. Auch im Falle von nicht-tu-    – In der Einstellungsphase (4 bis 12 Wochen) die in-
               morbedingten chronischen Schmerzen kann es zu einer        dividuell festgelegten Therapieziele nicht erreicht
               Krankheitsprogression kommen, die zu einer Verstär-        werden konnten und/oder bedeutsame Nebenwir-
               kung der Schmerzproblematik führt. Oft kommt es            kungen aufgetreten sind.

                                                                                                                                                          5
CME-FORTBILDUNG                                                                                                     medizinonline.ch

           – Im Laufe der Behandlung ein Wirkungsverlust des      Literatur:
             eingesetzten Opioids festgestellt werden muss und    1. Ossipov MH, Dussor GO, Porreca F: Central modulation of pain.
                                                                       J Clin Invest 2010; 120: 3779–3787.
             dieser durch eine moderate Anpassung der Dosis       2. Schweizerische Gesundheitsbefragung 2017, Gesundheit und
             bzw. dem Wechsel auf ein anderes Opioid nicht wei-        Geschlecht, Bundesamt für Statistik, BFS-Nummer 213–1718.
                                                                       2020.
             ter verhindert werden kann.                          3. Wertli MM, Steurer J: In Process Citation. Praxis 2015; 104(11):
           – Während der Behandlung Hinweise für einen Fehl-           541–542.
             gebrauch auftreten (selbstständige Dosiserhöhun-     4. Breivik H, Stubhaug A: Burden of disease is often aggravated by
                                                                       opioid treatment of chronic pain patients: Etiology and prevention.
             gen, Verordnung durch mehrere Ärzte).                     PAIN 2014; 155(12): 2441–2443.
                                                                  5. Wertli M, Held U, Signorell A, et al.: Analyse der Entwicklung der
           Schlussfolgerung                                            Verschreibungspraxis von Schmerz- und Schlafmedikamenten
                                                                       zwischen 2013 und 2018 in der Schweiz. Universitätsspital Bern
           Opioide stellen eine der wichtigsten Stoffklasse zur        2020.
           Behandlung von starken Schmerzen dar. Sie werden       6. Jensen T, Baron R, et al.: A new definition of neuropathic pain.
                                                                       Pain 2011; 152: 2204–2205.
           nie als Erstlinienoption eingesetzt und sollen immer   7. Trouvin AP, Perrot S.: New concepts of pain. Best Practice
           von nicht-medikamentösen Massnahmen begleitet               & Research Clinical Rheumatology 2019; 33(3).
           werden. Eine Langzeittherapie wird nur bei Thera-      8. Maurer K: Praktikable Stufentherapie für den Hausarzt. Der infor­
                                                                       mierte Arzt 2017.
           pierespondern durchgeführt, wobei der Effekt durch     9. Langzeitanwendung von Opioiden bei chronischen nicht-tumor­
           Definieren und Überwachen von Therapiezielen regel-         bedingten Schmerzen (LONTS), 2. Aktualisierung 2020; AWMF-
           mässig evaluiert werden muss. Eine nicht-funktionie-        Leitlinien-Register Nr. 145/003.
                                                                  10. Gustorff B: Intravenous opioid testing in patients with chronic non-
           rende Therapie mit Opioiden muss rechtzeitig beendet        cancer pain. Eur J Pain 2005; 9(2): 123–125.
           werden.                                                11. Chou R, Turner JA, et al.: The Effectiveness and Risks of Long-Term
                                                                       Opioid Therapy for Chronic Pain: A Systematic Review for a National
                                                                       Institutes of Health Pathways to Prevention Workshop. Ann Int
                                                                       Med 2015; doi: 10.7326/M14-2559.

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