Warum brauchen Kinder Freunde?

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Warum brauchen Kinder Freunde?
K i n d e r Fr e u n d e ?
                          Warum brauchen

                                               Wie sieht es eigentlich mit dem grundlegenden Wert und der Bedeutung
                                               von Freundschaft zwischen Kindern aus. Warum brauchen Kinder über-
                                               haupt Freunde und warum sind Peer Groups in der
                                               Puber­tät so wichtig?
                                                Flummi hat bei Melina Wendlandt-Schott,
Foto: Ulrich H. M. Wolf

                                                Leiterin der Evangelischen Familien­bildung im
                                                Dekanat Wiesbaden, nachgefragt.

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Warum brauchen Kinder Freunde?
Frau Wendlandt-Schott, vorweg: Inwieweit haben Kinder             ihre Freundschaften aus (dies nicht mehr nur im Klassenver-
eine andere Vorstellung als Erwachsene davon, was „beste          band). In der Pubertät wird das Aussuchen der Freunde noch
Freunde“ sind, wie erleben Sie das in Ihrer Berufspraxis?         einmal anders. Fragen wie: wer bin ich, wie will ich sein, sind
Freundschaften sind für Kinder oft viel bedingungsloser, als      unbewusste – der Wunsch nach Autonomie hingegen sehr be-
bei uns Erwachsenen. Kinder haben einfach „den Freund, die        wusste und wichtige Entwicklungsbausteine, um die ureigene
Freundin“. Kurzzeitig ist es dann „nie wieder mein Freund“,       Persönlichkeit zu entdecken. Da ist es für die Jugendlichen fast
nach drei Minuten ist alles vergessen. Zudem bestimmen            existenziell Freunde zu haben und „dazuzugehören“.
Wohnsitz und Kita zunächst noch die Verbindungen. Erst ein-
mal sind potenzielle Freunde „einfach da“. Das differenziertere   Warum sind Peer Groups in der Pubertät so wichtig?
Aussuchen von Freunden und das Hinterfragen von Beziehun-         Kinder, die zu Erwachsenen werden möchten sich in der Regel
gen kommt erst viel später.                                       von Zuhause abgrenzen. Der familiäre Rahmen wird verlassen.
                                                                  Gleichzeitig wächst der Wunsch individuell zu sein und damit
Man sagt, Kinder brauchen den Austausch gerade mit                gesehen zu werden, denn Anerkennung ist grundsätzlich ein
Gleichaltrigen, die kognitiv und motorisch in einer ähnli-        starkes Bedürfnis, in diesem Alter aber noch wichtiger als sonst.
chen Situation sind. Können Sie das näher ausführen?              Die Peer Group ist da ein „neuer“ Rahmen, in dem die Jugend-
Kinder lernen und entwickeln sich durchs Spielen. In diesen       lichen Sicherheit und Anerkennung suchen.
„Erwachsenen freien Zeiten“, in denen sie mit ihren Freunden
in Phantasiewelten tauchen, lassen sich in der Interaktion so­    Heute werden Treffen mit Gleichaltrigen oft etwa per
ziale Kompetenzen erwerben. Freude, Spaß, aber auch Riva­         WhatsApp vereinbart. Früher ging man raus und fand ir-
li­tät und Streit werden hier erlebt und/oder nachgespielt.       gendjemanden zum Spielen, ganz ohne Verabredung. Stu-
Kinder erleben mit Gleichaltrigen ein wichtiges gleichberech-     dien zeigen, Kinder, die sich sehr viel in der digitalen Welt
tigtes und regulatives Gegenüber. So werden im Spiel Verhal-      aufhalten sind mitunter eher einsam und auch depressiv.
tensweisen (Streitschlichten oder Essen zubereiten) von Eltern    Der direkte Kontakt mit Freunden hingegen wirke da wie
nachgemacht. Dadurch bringt ein Kind dem anderen eine neue        ein Schutzfaktor. Wie bewerten Sie das und was haben Sie
Lebenswelt und somit eine neue soziale Kompetenz bei. So          in Ihrer Berufspraxis für Erfahrungen hiermit gemacht?
lernen die Kinder voneinander, um nur ein Beispiel zu nennen.     Das ist nicht so einfach für mich zu beantworten. WhatsApp
                                                                  und Co gehören einfach heutzutage zur Sozialisation der
Wie entwickelt sich die Bedeutung von Freundschaft bei            jungen Menschen dazu. Dadurch können mitunter auch
Kindern im Verlauf der Jahre, also etwa bis zur Pubertät?         (virtuelle) Treffen arrangiert werden, die sogar förderlich sind
Freunde sind Wegbegleiter in der Persönlichkeitsentwicklung.      und Teenager verbinden (siehe Corona und Familienisolation).
Freundschaften werden außerhalb der Kernfamilie gelebt und        Was ich viel schwieriger finde sind die Auswirkungen auf
bilden ein sehr wichtiges gesellschaftliches Regulativ ab. An-    das Schönheitsideal der Kids (etwa durch Fotofilter) und der
fangs, in der Kita sind Freundschaften eher noch strukturell      aus meiner Sicht daraus entstehende Druck „perfekt“ sein
vorgegeben. Kinder suchen sich im Schulalter dann schon eher      zu müssen.

                                                                                                                 Beste Freunde       15
Warum brauchen Kinder Freunde?
Was raten Sie Eltern, wenn diese mit der Wahl des Freun-           Machen sich Eltern heute zu viele Gedanken über die
des ihres Kindes nicht einverstanden sind? Inwieweit soll-         Freunde ihrer Kinder, oder gar nicht. Wie erleben Sie das
ten sich Eltern hier einbringen/raushalten?                        im Austausch mit Familien?
Grundsätzlich, auch bei kleineren Kindern, sollten die Eltern      Ich glaube zu viele Gedanke kann man sich nicht unbedingt
nicht zu schnell intervenieren – Streits gehen oft so schnell,     machen, aber wie schon gesagt, vielleicht nicht die passenden.
wie sie kamen (extreme Verhaltensauffälligkeiten bei Freunden,     „Da sein“ und „Vertrauen ins Kind zu haben“ ist so wichtig, ich
schließe ich hier aus). Insgesamt ist es für Eltern nicht immer    glaube das verwechseln tendenziell Eltern mit „alles machen
leicht, die Wahl der Freunde ihrer Kinder auszuhalten. Wenn        für das Kind“ oder gar selbst bester Freund, beste Freundin
uns diese „Jungs oder Mädels“ nicht passen, sollten wir als        sein wollen …
Eltern offenbleiben und uns selbst fragen, was genau gefällt
uns da nicht? Manchmal ist es „leider“ auch ein Anteil unseres     Ihr persönlicher Tipp: Was ist wesentlich für das Gelingen
Kindes, der uns nicht gefällt. Der einfache Weg ist dann, diese    einer besten Freundschaft?
Freundschaft zu unterbinden. Ich denke aber, wir sollten den       Aufrichtigkeit finde ich wichtig und Achtung vor dem Leben
Blick auf unser Kind (so wie es ist) richten und den Kontakt zu    des/der anderen zu haben. Wenn wir diese Werte bei anderen
ihm auch zu den ungeliebten Freunden eher suchen!                  und uns selbst zulassen und uns gegenseitig ins Herz schauen
Verabredungen sollten bei einem selbst zuhause stattfinden,        lassen können, dann haben wir eine sehr große Chance wun-
damit man die Freunde besser kennenlernt. Bei älteren Kindern      dervolle und langlebige Freundschaften zu erleben.
könnte man gemeinsame Abendessen einplanen, miteinander
reden, Fragen stellen, interessiert sein und als vertrauensvolle   Herzlichen Dank für das Interview!
Person für das eigene Kind und gegebenenfalls auch für die
Freunde zur Verfügung stehen. Verbindung und Vertrauen ist                                Das Interview führte Claudia Kroll-Kubin
wichtig, aber gerade bei Teenies nicht immer leicht zu leben.
Dennoch sollte der Wille bei Eltern unbedingt da sein!

                                                                                                    www.familienbildung-wi.de

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Warum brauchen Kinder Freunde? Warum brauchen Kinder Freunde?
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