200 Jahre Zoologische Sammlung Marburg

 
 
200 Jahre Zoologische Sammlung Marburg
200 Jahre
Zoologische Sammlung
              Marburg
          Wunderkammer und
      wissenschaftliches Archiv


                  Festschrift zur Tagung
                 22.-23. September 2018


   Lothar A. Beck & Juliane Rö der (Hrsg.)
200 Jahre Zoologische Sammlung Marburg
Zoologische Sammlung
Fachbereich Biologie
Philipps-Universität Marburg
Karl-von-Frisch-Str. 8
35032 Marburg


Die Zoologische Sammlung Marburg ist am Fachbereich Biologie auf dem Campus
Lahnberge der Philipps-Universität Marburg untergebracht. Seit 2018 ist Dr. Martin
Brändle der Ansprechpartner für die Sammlung. Führungen durch die Sammlung werden.

Ansprechpartner
Dr. Martin Brändle, Tel. 06421 2826607, E-Mail: braendle@biologie.uni-marburg.de
Prof. Dr. Lothar A. Beck, i. R., Tel. 06421 2823418, E-Mail: beck@biologie.uni-marburg.de

Webseite
https://www.uni-marburg.de/de/fb17/fachbereich/infrastruktur/sammlungen/zoologische-sammlung

Datenbank
sesam.senckenberg.de



Festschrift zur Tagung 200 Jahre Zoologische Sammlung Marburg

Herausgeber
Lothar A. Beck & Juliane Röder

Coverdesign, Layout und Lektorat
Juliane Röder

Druck
Hausdruckerei Philipps-Universität Marburg



© 2020 Philipps-Universität Marburg

ISBN 978-3-8185-0553-0

Deckblatt

Das Skelett des Indischen Elefantenbullen Jack thront im Nordfoyer des Fachbereichs
Biologie der Philipps-Universität Marburg (© Beck/Zoologische Sammlung Marburg).
Kleinere Bilder von oben nach unten: Kolibris, Perückenbock, Käfersammlung Riehl,
Conchyliensammlung, Sammlungskatalog, Plumplori (alle © Beitz/Zoologische
Sammlung Marburg), Mumienschädel (© Harbort/Zoologische Sammlung Marburg).
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                       Das Paradies auf Erden:
    Entdeckung eines seltenen Hybrid-Paradiesvogels im Staatlichen
             Naturhistorischen Museum Braunschweig1




                                 Dr. André Koch

                                 Zoologisches Forschungsmuseum Alexander Koenig,
                                 Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere, Adenauerallee
                                 160, 53113 Bonn
                 © Förster/ZSM   andrepascalkoch@web.de



Abstract

The discovery of a rare specimen of Maria s hybrid bird of paradise Paradisaea maria
Reichenow, 1894) in the ornithological collection of the Staatliches Naturhistorisches
Museum in Braunschweig (SNMB) is reported. Until today only six male specimens
(deposited in the natural history museums in Berlin and New York) and presumably one
female have been identified in collections world-wide. The male specimen in
Braunschweig corresponds well in its plumage colouration with an historical illustration
and photographs of the original type specimen from the 19th century housed at the Berlin
collection. It shows intermediate characteristics between both parental species, viz. the
Emperor Bird of Paradise (P. guilielmi) and the Raggiana Bird of Paradise (P. raggiana
augustaevictoriae). In addition, we try to elucidate the circumstances how this rare
specimen of hybrid origin, which formerly belonged to the natural history collection of
the factory owner Walter Behrens from Bad Harzburg, came to the SNMB. Our unexpected
discovery highlights the importance to maintain, support and study also smaller private
natural history collections, since they may house historical voucher specimens of high
scientific value.




1Es handelt sich um eine korrigierte Übersetzung der Originalpublikation von A. Koch (2018):
Discovery of a rare hybrid specimen known as Maria s bird of paradise at the Staatliches
Naturhistorisches Museum in Braunschweig. Zoosystematics and Evolution 94(2): 315–324.
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200 Jahre Zoologische Sammlung Marburg
Koch – Das Paradies auf Erden


Zusammenfassung

Es wird über die Entdeckung eines seltenen Exemplars des Hybrid-Paradiesvogels
Paradisaea maria Reichenow, 1894, in der ornithologischen Sammlung des Staatlichen
Naturhistorischen Museums in Braunschweig (SNMB) berichtet. Bis heute sind lediglich
sechs männliche und vermutlich ein weibliches Exemplar in internationalen
Naturkundesammlungen bekannt geworden. Das männliche Exemplar aus Braunschweig
entspricht in seiner Gefiederfärbung einer historischen Abbildung und Fotos des
ursprünglichen Typusexemplars aus dem 19. Jahrhundert, das sich im Berliner Museum
befindet. Es zeigt deutlich intermediäre Merkmalsausprägungen zwischen den beiden
Elternarten, dem Kaiserparadiesvogel (P. guilielmi) und dem Raggi-Paradiesvogel (P.
raggiana augustaevictoriae). Die Umstände, wie dieser seltene Hybrid-Paradiesvogel, der
ehemals zur ornithologischen Sammlung des Überseemuseums in Bremen gehörte und
später Teil der Privatsammlung des Fabrikanten Walter Behrens aus Bad Harzburg
wurde, in die SNMB-Sammlung gelangte, werden erläutert. Diese unerwartete
Entdeckung unterstreicht die Wichtigkeit, auch kleinere private naturkundliche
Sammlungen zu bewahren, zu erhalten und zu erforschen, da sie historische
Belegexemplare von hoher wissenschaftlicher Bedeutung enthalten können.




                                                      Abbildung 2.1.
                                                      Tafel des männlichen Hybrid-
                                                      Paradiesvogels Paradisaea maria
                                                      aus      Reichenow        (1897).
                                                      Reproduziert        aus       der
                                                      Biodiversity heritage library
                                                      http://biodiversitylibrary.com/).


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Koch – Das Paradies auf Erden


Einleitung
Marias Paradiesvogel

Kaum eine andere Tiergruppe hat seit ihrer Entdeckung die Phantasie der Menschen so
sehr beflügelt wie die Paradiesvögel Neuguineas. Aufgrund ihres farbenfrohen und
auffälligen Gefieders wurden die Mitglieder der Familie Paradisaeidae zur begehrten
Ware seit dem beginnenden 16. Jahrhundert. So wurden sie von den frühen
Weltumseglern der europäischen Kolonialmächte während ihrer abenteuerlichen Reisen
zu den sagenumwobenen Gewürzinseln des Malaiischen Archipels speziell für den Bedarf
an Exotika der Kuriositätenkabinette von Adeligen und Gelehrten gesammelt
(Stresemann 1954, Swadling 1996). Obwohl sie lange vor der konsistenten Einführung
der binären Nomenklatur Mitte des . Jahrhunderts bekannt waren Mužinić et al.        ,
war der Große Paradiesvogel (Paradisaea apoda) die erste Art, die formal von Carl von
Linné beschrieben wurde (Linnaeus 1758). Dabei wählte er das lateinische Artepitheton
apoda (= beinlos oder ohne Beine), um dieses vermeintliche Charakteristikum der
außergewöhnlichen Vögel hervorzuheben. Denn den Bälgen, welche die Seeleute von den
Einheimischen im Tausch oder als Geschenk erhielten, waren zuvor die Beine (und
teilweise sogar die Flügel) entfernt worden. Daher glaubten die Menschen in Europa,
diese himmlischen Wesen verbrachten ihr gesamtes Leben in den Lüften, hoch oben, wo
sich nach damaliger Weltanschauung das Paradies befand (Wallace 1869).

       In den folgenden Jahrzehnten wurden mehr und mehr Angehörige dieser
faszinierenden Vogelfamilie entdeckt und wissenschaftlich beschrieben. So beschrieb
Anton Reichenow (1847–1941), der damalige Ornithologe und stellvertretende Direktor
des Museums für Naturkunde in Berlin, 1894 eine neue Art, welche er seiner Frau Maria
widmete: Paradisaea maria. Das einzige zugrunde liegende männliche Exemplar stammte
aus dem Finisterre-Gebirge der Huon-Halbinsel im Nordosten Neuguineas (Reichenow
1894). Drei Jahre später veröffentlichte Reichenow (1897, Abb. V) eine kunstvolle
Farbtafel von Marias Paradiesvogel (Abbildung 2.1). Einige Jahre zuvor hatte Jean Louis
Cabanis (1816–1906), der damalige Direktor des Museums für Naturkunde in Berlin (und
Vater von Maria Reichenow), zwei neue Paradiesvogelarten zu Ehren des Deutschen
Kaisers und Königs von Preußen, Wilhelm II (1859–1941), und seiner Gemahlin Auguste
Victoria von Schleswig-Holstein (1858–1921) benannt (Cabanis 1888). Illustrationen der
prächtigen Paradisaea guilielmi (so die lateinische Übersetzung von Wilhelm) und P.
augustaevictoriae wurden im folgenden Jahr in Band 37, Tafeln 1 und 2 des Journal für
Ornithologie herausgegeben (Abbildung 2.2 a, b).

       Während der Raggi-Paradiesvogel (P. raggiana), von dem das Taxon
augustaevictoriae heute als geographische Unterart angesehen wird, im Süden und
Nordosten von Papua-Neuguinea weit verbreitet ist, kommt der Kaiserparadiesvogel (P.
guilielmi) nur auf der Huon-Halbinsel (die ehemals Teil von Kaiser-Wilhelms-Land war,
das nach Wilhelm I [1797–1888], dem Großvater von Wilhelm II, benannt wurde) vor, wo
er die tieferen und mittleren Gebirgslagen von circa 450 bis 1500 Metern bewohnt. Im
Osten seines Verbreitungsgebiets wird P. guilielmi unterhalb dieser Höhenlagen von dem

                                                                                     25
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Raggi-Paradiesvogel (P. raggiana) abgelöst. In der gemeinsamen Kontaktzone kommt es
zu sympatrischen Vorkommen beider Arten und gelegentlich zu Hybridisierung
(Frith & Beehler 1998).




Abbildung 2.2. Tafeln von Paradisaea guilielmi (A) und P. raggiana augustaevictoriae (B),
der mutmaßlichen Elternarten von P. maria, zu den Originalbeschreibungen von Cabanis
(1888). Reproduziert aus der Biodiversity heritage library
(http://biodiversitylibrary.com/).


Hybridisierung bei Paradiesvögeln

Hybridisierung zwischen verschiedenen Vogelarten ist ein relativ verbreitetes
Phänomen. Bis heute sind etwa 4000 Kombinationen hybridogenen Ursprungs
identifiziert worden. Etwa die Hälfte davon betrifft Kreuzungen in Gefangenschaft (Mc
Charty 2006). Da Hybride jedoch meist schwer zu identifizieren sind, ist davon
auszugehen, dass die Gesamtzahl von Kreuzungen bei Vögeln wesentlich höher ist. Für
die Familie der Paradiesvögel mit gegenwärtig 42 anerkannten Mitgliedern (die letzte Art
wurde 1992 beschrieben), sind bisher 25 Hybrid-Kombinationen identifiziert worden
(Tabelle 2.1). Die meisten davon wurden in der Vergangenheit als eigene Arten
beschrieben (Fuller 1995, Frith & Beehler 1998, Lepage 2015). Basierend auf dem
phylogenetischen Artkonzept wurden sogar bis zu 90 verschiedene Paradiesvogelarten
postuliert (Cracraft 1992), doch dieser konzeptionelle Ansatz ist gegenwärtig nicht
akzeptiert (Lepage 2015). In dieser Hinsicht nahm Ernst Mayr (1945, 1963) an, dass eines
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von 20000 Exemplaren von Paradiesvögeln in der Natur ein Hybrid sei (d.h. 0,005 %),
während er für Vögel generell von lediglich einem unter 60000 Individuen ausging
(0,002 %). Frith & Beehler (1998) konnten Mayrs Vermutung jedoch nicht bestätigen.
Unter nahezu 5000 Belegexemplaren von Paradiesvögeln, die sie untersuchten, fanden sie
mehr als 88 männliche, aber nur drei weibliche Hybride (also ca. 2 %, siehe Tabelle 2.1).




Tabelle 2.1. Zusammenfassung der bekannten Hybrid-Exemplare von Paradiesvögeln in
internationalen Museumssammlungen. In einigen wenigen Fällen wurden, basierend auf
der gleichen Elternkombination, jedoch offensichtlich mit variierendem Einfluss der
beiden involvierten Arten, unterschiedliche Hybrid-Formen zweimal identifiziert (und
wissenschaftlich beschrieben). *Ein drittes Exemplar, der Holotypus, wurde im Zweiten
Weltkrieg zerstört; #Der Hybrid-Status ist ungewiss. °Frith & Frith (2010) nennen acht
Exemplare. Daten aus Frith & Beehler (1998).

                                                                          Anzahl bekannter
  Kombinationen der Elternarten           Name der Hybridart                 Exemplare
                                                                             ♂           ♀

 Intragenerische Hybride

 Astrapia mayeri x
                                     Astrachia barnesi                      > 12
  A. stephaniae
 Paradisaea guilielmi x
                                     Paradisea maria                        > 6°        (1#)
  P. raggiana augustaevictoriae
 Paradisaea guilielmi x
                                     Paradisea duivenbodei                   1
  P. minor
 Paradisaea raggiana
                                     Paradisaea granti und
 augustaevictoriae x                                                         1
                                      P. apoda subintermedia
  P. raggiana intermedia
 Paradisaea raggiana salvadorii x
                                     Paradisea bloodi                        1
  P. rudolphi margaritae
 Paradisaea raggiana
 augustaevictoriae x                 Paradisea mixta                        >4
  P. minor finschi
                                                                          nur durch
 Paradisaea raggiana salvadorii x
                                     unbenannt                            Beobach-
  P. minor finschi                                                         tungen
 Paradisaea apoda novaeguineae x
                                     Paradisea apoda luptoni             zahlreiche
  P. raggiana salvadorii
 Cicinnurus magnificus x
                                     Diphyllodes gulielmi III               > 25
  C. regius
                                     Cicinnurus lyogyrus und
 Cicinnurus regius x C. magnificus                                          >3
                                      C. goodfellowi


                                                                                          27
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  Kombinationen der Elternarten        Name der Hybridart             Exemplare
                                                                     ♂         ♀

 Intergenerische Hybride

 Astrapia nigra x                  Epimachus astrapioides und
                                                                     1
  Epimachus f. fastuosus            Astrapimachus ellioti
 Epimachus f. fastuosus x
                                   Epimachus ellioti                 2
  Astrapia nigra
 Paradigalla carunculata x
                                   Pseudastrapia lobata              1
  Epimachus f. fastuosus
 Paradigalla carunculata x
                                   Loborhamphus nobilis              3
  Lophorina s. superba
 Epimachus fastuosus x             Epimachus fastuosus atratus x
                                                                     1
  Lophorina superba feminina       Lophorina superba feminina
 Parotia sefilata x
                                   Parotia duivenbodei               2
  Lophorina superba
 Paradigalla carunculata x
                                   Loborhamphus ptilorhis            1
  Parotia sefilata
 Lophorina superba x
                                   Lamprothorax wilhelminae          3
  Cicinnurus magnificus
 Parotia carolae x                 Lophorina superba
                                                                                1
  Lophorina superba                pseudoparotia
 Parotia l. lawesii x
                                   unbenannt                                    1
  Paradisaea rudolphi margaritae
 Ptiloris intercedens x             Paryphephorus
                                                                     2*
  Lophorina superba minor          (Craspedophora) duivenbodei
 Seleucidis melanoleuca x
                                   Paradisea mirabilis               5
  Paradisaea minor
 Ptiloris m. magnificus x
                                   Janthothorax bensbachi            1
  Paradisaea m. minor
 Seleucidis melanoleuca x          Craspedophora mantoui und C.
                                                                    > 12
  Ptiloris magnificus               bruyni
 Cicinnurus m. magnificus x
                                   Neoparadisea ruysi                1
  Paradisaea m. minor

             Gesamtanzahl bekannter Hybrid-Exemplare                > 88        3




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Koch – Das Paradies auf Erden


        Reichenow (1901) selbst war einer der ersten Autoren, die über den möglichen
hybridogenen Ursprung einer von ihm zuvor beschriebenen Art spekulierten (siehe auch
Rothschild 1898). Später vermuteten Rothschild (1910) und Stresemann (1923: 40), dass
auch P. maria eine Hybridform zwischen P. guilielmi und P. (raggiana) augustaevictoriae
ist. Letzterer Autor diskutierte über ein zweites Exemplar im Berliner Museum (ZMB
951), das angeblich von Dr. Bürgers während der deutschen Kaiserin-Augusta-Fluß-
Expedition (dem heutigen Sepik-Fluß) während der Jahre 1912-1913 gesammelt worden
sei. Im Folgenden berichtigte Stresemann (1925) jedoch, dass das Originaletikett dieses
Belegexemplars vertauscht worden war. Tatsächlich war es von H. Andechser, einem
Pflanzer aus Singana an den südlichen Hängen des Herzoggebirges, südlich der Stadt Lae
an der Basis der Huon-Halbinsel gesammelt worden. Später erwähnte Stresemann
(1930a) sogar fünf Exemplare von Marias Paradiesvogel, die er in den ornithologischen
Sammlungen in Berlin (der Holotypus ZMB 31049, Abbildung 2.3) und Tring (UK)
untersucht hatte. In den frühen 1930er Jahren wurden die vier Exemplare aus Walter
Rothschilds (1868–1937) berühmter Privatsammlung in Tring an das American Museum
of Natural History in New York verkauft (LeCroy 2014).




Abbildung 2.3. Der Holotypus (ZMB 31049) von Paradisaea maria Reichenow, 1894, in
dorsaler, lateraler und ventraler Aufsicht. Fotos: H. J. Goetz (Museum für Naturkunde,
Berlin).

       Ein weiteres, P. maria phänotypisch sehr ähnliches Taxon, das von Ménégaux
(1913a, b) beschrieben wurde, ist Paradisaea duivenbodei. Bis heute ist es lediglich von
einem männlichen Exemplar, dem (olotypus MN(N         im Muséum National d (istoire
Naturelle in Paris, bekannt. Es hat … brown uppertail coverts not marked with straw
yellow streaking and its flank plumes are more yellow than red … (Frith & Beehler
1998). Rothschild, der das Typusexemplar in Paris untersucht hatte, drückte
anschließend seinen Zweifel über die taxonomische Validität von P. duivenbodei

                                                                                      29
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Koch – Das Paradies auf Erden


gegenüber seinem französischen Kollegen aus. Daraufhin diskutierte Ménégaux (1913c)
erneut detailliert die geringen morphologischen Unterschiede seiner neuen Art im
Vergleich zu offensichtlich nach verwandten Paradiesvögeln wie P. maria. Er kam zu der
Schlussfolgerung, dass P. duivenbodei solange beibehalten werden sollte, bis weitere
Beweise das Gegenteil zeigen würden, da lediglich drei Exemplare von P. maria zum
damaligen Zeitpunkt bekannt waren. Auch Stresemann (1923) betrachtete das Taxon
duivenbodei als Synonym von P. maria. Heute wird es jedoch als Hybrid zwischen P.
guilielmi und P. minor finschi eingestuft (Frith & Beehler 1998, siehe Tabelle 2.1). Der
Ursprung des Holotypus ist ungewiss, da er von dem wohl bekannten Niederländer
Maarten Dirk van Renesse van Duivenbode (1804–1878) stammte, welcher seinen Sitz als
Händler von allerlei Naturalien auf Ternate (Molukken) hatte (Frodin 2007).
Bemerkenswerterweise wurden gleich drei Hybridformen von Paradiesvögeln nach ihm
benannt (Tabelle 2.1). Angeblich wurde das einzige Belegexemplar von P. duivenbodei von
einer Person namens M. Seng nahe Yaour (= Yaur; Frith & Beehler 1998 nahmen an, dass
es von der Insel Waar [Mois oder Meos] stammt) in der Geelvink-Buch (heute
Cenderawasih-Bucht, was Paradiesvogel in einer lokalen Sprach bedeutet) im
Nordwesten Neuguineas gesammelt (Ménégaux 1913a, c). Stresemann (1930a, b)
spekulierte bereits, dass es tatsächlich jedoch von der Huon-Halbinsel, dem
Verbreitungsgebiet von P. guilielmi, stammte.

       Im Zuge der Neukonzeption von Teilen der Dauerausstellung am Staatlichen
Naturhistorischen Museum in Braunschweig wurde ein beliebiger Paradiesvogel, der
zwar nicht registriert, aber laut Etikett als Paradisaea maria bestimmt war, aus der
ornithologischen Sammlung ausgewählt, um das neue Schaumagazin zu bereichern (und
anlässlich dessen die Sammlungsnummer SNMB N49068 erhielt). Dieser neue
Ausstellungsteil soll ein traditionelles Naturkundemuseum des 19. Jahrhunderts
repräsentieren, in dem noch alle Sammlungsgegenstände gezeigt wurden (erst später
erfolgte vielerorts eine räumliche und konzeptionelle Trennung zwischen den für die
Besucher zugänglichen Schausammlungen und den konservierten Präparaten für rein
wissenschaftliche Zwecke). Während der Literatursuche für die Beschriftung des
Exponats durch den Autor stellte sich schnell heraus, dass P. maria ein seltenes Hybrid-
Taxon darstellt, von dem nur wenige Exemplare weltweit bekannt sind (Frith & Beehler
1998). Deshalb ist die Intention dieses Beitrags, über die Existenz weiterer Belegexemplar
dieses Hybrid-Paradiesvogels in deutschen Naturkundesammlungen zu informieren und
den Weg nachzuverfolgen, wie eines davon letztendlich ans Naturhistorische Museum in
Braunschweig gelangte.



Material und Methoden
Um die taxonomische Bestimmung von Exemplar SNMB N49068 zu überprüfen, wurde es
mit Fotografien des ZMB-Holotypus von P. maria (ZMB 31049) und naturalistischen
Darstellungen aus Reichenow (1897) sowie von anderen, ähnlichen Paradiesvogelarten
verglichen (siehe Abbildung 2.1-2.2 sowie die in Frith & Beehler 1998).

30
Koch – Das Paradies auf Erden




Abbildung 2.4. Das männliche Exemplar SNMB N49068 von P. maria im Staatlichen
Naturhistorischen Museum in Braunschweig. Die Information auf der Unterseite des
Sockels in schwarzer Tinte lautet: „Paradisea maria R[ei]ch[eno]w. Neu-Guinea Köper
Docke u. Co. Bremen C. N. 3423. Weber [?] det. [?]". Das weiße Etikett mit Bleistiftschrift,
welches teilweise über die vorherige Tintenschrift geklebt war, lautet wie folgt: „Real. Kat.
13143 Paradisea maria Rchw. ♂ Deutsch-N.-G. Eing. N°               . Fotos: M. Forthuber
(SNMB).
      Verwendete Sammlungsakronyme sind wie folgt: AMNH – American Museum of
Natural History, New York, USA; MNHN – Muséum National d (istoire Naturelle, Paris,
Frankreich; SNMB – Staatliches Naturhistorisches Museum, Braunschweig, Deutschland;
ÜMB – Überseemuseum Bremen, Deutschland; ZMB – Museum für Naturkunde (ehemals
Zoologisches Museum), Berlin, Deutschland.



Ergebnisse
Neu entdeckte(s) Exemplar(e) von Marias Paradiesvogel

Die ursprüngliche wissenschaftliche Bestimmung auf dem Etikett des Braunschweiger
Exemplars als Paradisaea maria konnte vom Autor bestätigt werden (Abbildung 2.4). Der
ebenfalls angegebene deutsche Name „Karminroter Paradiesvogel ist jedoch nicht in
Gebrauch (siehe z. B. den Anhang in Apel et al. 2011) oder könnte sich auf eine Unterart

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Koch – Das Paradies auf Erden


von Paradisaea raggiana beziehen. Nur P. rubra wird als Roter Paradiesvogel bezeichnet,
unterscheidet sich jedoch morphologisch von den übrigen Arten der Gattung
(Frith & Beehler 1998).

       Bis heute sind lediglich sechs männliche und wahrscheinlich ein weibliches
Exemplar (AMNH 679107) von P. maria in Naturkundemuseen identifiziert worden
(Frith & Frith 2010 nennen acht Exemplare ohne jedoch weitere Einzelheiten
anzugeben): Zwei Exemplare in der ZMB-Sammlung in Berlin sowie vier weitere in der
AMNH-Sammlung in New York (Frith & Beehler 1998, für Details siehe oben). Sie
stammen aus/vom Sat(t)elberg in der Nähe von Finschhafen beziehungsweise dem
Finisterre Gebirge, beides auf der Huon-Halbinsel von Papua-Neuguinea gelegen.

       Das ausgestopfte Exemplar von Marias Paradiesvogel in Braunschweig ist auf
einem Ast mit hölzernem Sockel montiert und mit „Karminroter Paradiesvogel,
Männchen, Paradisaea maria, Neuguinea beschriftet. Die mit schwarzer Tinte auf die
Unterseite des Sockels geschriebenen )nformationen lauten: „Paradisea maria Rchw. Neu-
Guinea Köper Docke u. Co. Bremen C. N.          . Mit Bleistift ist „Weber det[erminiert]
vertikal an der Seite entlang eines Pfeils ergänzt, der von den letzten Worten, welche
durch einen weißen Papierzettel verdeckt sind, zur ersten Zeile mit dem Artnamen
verläuft. Auf diesem zusätzlichen Etikett steht: „Real[ia]. Kat[alog-Nummer]. 13143
Paradisea maria R[ei]ch[eno]w. ♂ [für männlich] Deutsch–N[eu].–G[uinea]. Eing[angs-].
No         Abbildung 2.4). Da das Individuum über keine N-Nummer verfügte (wie sie seit
1871 typisch sind für die Sammlungen des Braunschweiger Naturkundemuseums), als es
für die neue Dauerausstellung ausgewählt wurde, verlief die Suche nach weiteren
Informationen in den SNMB-Inventarbüchern erfolglos. Aufgrund des Hinweises auf die
Stadt Bremen auf der Unterseite des Sockels, kontaktierte der Autor das Überseemuseum
(ÜMB), um in Erfahrung zu bringen, ob besagter Paradiesvogel ehemals zu dieser
ornithologischen Sammlung gehörte. Diese Nachfrage wurde positiv beantwortet und
durch weitere Informationen aus dem Bremer Sammlungskatalog ergänzt (M. Stiller,
pers. Mittl.). Hieraus lassen sich die folgenden Umstände für Marias Paradiesvogel
rekonstruieren: Offensichtlich gehörte Exemplar SNMB N49068 einstmals der Sammlung
des Überseemuseums in Bremen an, wo es 1917 unter der Eingangsnummer 3423
gemeinsam mit einem zweiten Exemplar des gleichen Taxons und mit den gleichen
Informationen registriert wurde (Abbildung 2.5). Beide Exemplare hatten die
Katalognummern [ÜMB] 13143 und [ÜMB] 13144. Letzteres Exemplar ist ebenfalls ein
Standpräparat und befindet sich noch immer in der ÜMB-Sammlung. Es ähnelt sehr dem
Braunschweiger Paradiesvogel.

       Exemplar SNMB N49068 (Abbildung 2.4), ein männlicher Paradiesvogel mit
unbekannten Herkunfts- und Sammlerinformationen (aber siehe die Diskussion weiter
unten), zeigt intermediäre Merkmalszustände in der Gefiederfärbung zwischen beiden
Elternarten. So sind weite Teile des Kopfes und der Kehle stark irisierend dunkelgrün (vs.
die grüne Färbung dehnt sich bei P. guilielmi beinahe über den ganzen Kopf- und
Brustbereich aus, während das Grün bei P. raggiana auf die Kehlregion begrenzt ist), die
Augen sind weitgehend von der grünen Färbung eingegrenzt (vs. vollständig umgeben bei

32
Koch – Das Paradies auf Erden


P. guilielmi und lediglich anterior in Berührung bei P. raggiana). Der schmale gelbe
Kragen, der die grüne Kehle von der braunen oberen Brust bei P. raggiana trennt, fehlt
bei P. guilielmi und ist nur lateral schwach angedeutet bei P. maria. Die hellgelbe Färbung
des Hinterhaupts und Nackens dehnt sich über den Mantel sowie die kleinen
Flügeldecken aus. Die großen Flügeldecken sind nur am Rand gelb verwaschen. Die Flügel
sind mittelbraun gefärbt so wie die untere Brust und der Bauch; letzterer Bereich geht bei
P. guilielmi in ein Weiß über. Im Gegensatz dazu hat P. raggiana mittelbraune obere
Flügelfedern, während der Bauch hellbraun gefärbt ist. Das verlängerte, filamentöse
Flankengefieder ist crème-farben bis ausgewaschen hellbraun bei P. maria, während es
größtenteils weiß mit wenig gelb ventral bei P. guilielmi beziehungsweise hellbraun mit
apricot bis orange ventral bei P. raggiana ist.




Abbildung 2.5. Katalogseite aus dem Überseemuseum in Bremen mit den Einträgen der
beiden Exemplare von P. maria (Katalognummern 13143 und 13144). Das erste Exemplar
wurde, wahrscheinlich zusammen mit anderen, mit Walter Behrens am 22. Juni 1954
getauscht und befindet sich nun unter der Nummer SNMB N49068 in der Braunschweiger
Museumssammlung. Beide männlichen Exemplare wurden 1917 von der Handelsfirma
Köper, Docke u. Co. nach Bremen transportiert. Foto: M. Stiller (Überseemuseum
Bremen).



Diskussion
Möglicher Ursprung und Sammler der Belegexemplare

Die als Weber bezeichnete Person, welche gemäß des Vermerks auf der Unterseite des
Podests wahrscheinlich das Exemplar korrekt als P. maria bestimmte, war Adolf Weber
(nach Roselaar 2003 sind seine Initialen G. A.), ein ehemaliger Technischer Assistent und
spätere Inspektor der ornithologischen Sammlung des Überseemuseums (damals das
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Koch – Das Paradies auf Erden


Staatliche Museum für Naturwissenschaften, Völker- und Handelskunde) in Bremen
(Duncker 1953). Nach dem ersten Weltkrieg reorganisierte er die gesamte
Vogelbalgsammlung Abel          . Der Name „Köper, Docke & Co. bezieht sich auf eine
frühere Export-Import-Firma aus der Hansestadt, die offensichtlich beide Exemplare aus
der ehemaligen deutschen Kolonie in Nordost-Neuguinea (das sogenannte Kaiser–
Wilhelmsland, welches bis zum ersten Weltkrieg Bestand hatte) in den Hafen von Bremen
beförderte.

       Obwohl der Name des Sammlers nicht bekannt ist, scheint es wahrscheinlich, dass
beide Paradiesvögel von Hugo Schauinsland (1857–1937), dem damaligen Direktor des
Museums, gejagt oder erworben wurden. Dieser besuchte unter anderem auch Neuguinea
während seiner Reise nach Asien und dem Pazifik von 1913 bis 1914 (Backmeister-
Collacott et al. 2007). Aufgrund der logistischen Schwierigkeiten im Welthandel, welche
mit dem ersten Weltkrieg einhergingen, ist bekannt, dass manche der von Schauinsland
zusammengetragenen Übersee-Sammlungen mit mehreren Jahren Verspätung im
Museum ankamen. Obwohl sein Sammlungsmaterial für gewöhnlich kostenlos von der in
Bremen ansässigen Norddeutscher Lloyd Reederei nach Hause transportiert wurden
(Backmeister-Collacott et al. 2007), erscheint es realistisch, dass Köper, Docke & Co.
zumindest diesen Transport während der schwierigen Kriegsjahre abwickelten.

      Ein weiterer Sammler von zoologischem Material für das Bremer Museum war
Ludwig Cohn (1873–1935). Er bereiste ebenfalls Neuguinea vor dem Ausbruch des ersten
Weltkriegs und könnte auch der Sammler der beiden Paradiesvögel sein (Abel 1970).
Doch abgesehen von der Identität des Sammlers und des exakten Ursprungs der beiden
Belegexemplare bleibt die Frage, wie und wann einer dieser außergewöhnlichen Hybrid-
Paradiesvögel Teil des Naturhistorischen Museums in Braunschweig wurde.



Wie Marias Paradiesvogel in die SNMB Sammlung gelangte

Laut Katalogeintrag aus dem Überseemuseum in Bremen wurde das Exemplar mit einer
Person namens „Behrens am         . Juni    getauscht (Abbildung 2.5). Zuvor hatte
dieselbe Person dem Bremer Museum 1950 eine Sammlung von Paradiesvögeln
übergeben, doch vier Jahre später wurden alle Exemplare zusammen mit dem
betreffenden Hybrid und weiteren Bälgen zurück an Behrens gegeben (M. Stiller, pers.
Mittl. . Diesbez“glich bemerkte Duncker      , dass die Behrens sche Vogelsammlung
als Ausleihe am Überseemuseum in den frühen 1950er Jahren war. Einige dieser
Exemplare – vor allem Paradiesvögel und Arten, welche in der Museumssammlung
fehlten – wurden vom Besitzer erworben.

      Wer war also diese „Behrens genannte Person mit einem )nteresse an
Paradiesvögeln? Basierend auf der Recherche des Autors handelt es sich höchst
wahrscheinlich um Walter Behrens (1892–1964) aus Harlingerode am Nordrand des
Harzes. Behrens, der Besitzer einer Fabrik für Holzkisten war, wurde 1940 Mitglied der
Deutschen Ornithologischen Gesellschaft (DOG 1940) und besaß außerdem eine private

34
Koch – Das Paradies auf Erden


Naturkundesammlung (Knolle 2015, Knolle & Peinemann 2015). Seit den späten 1950er
Jahren wurden Teile seiner Sammlung in dem neu gegr“ndeten „(aus der Natur in Bad
Harzburg, zu dem Harlingerode administrativ seit 1972 gehört, ausgestellt (Knolle 2015).
Die übrigen Tierpräparate der Sammlung wurden auf dem Dachboden des Museums und
in Brehrens Privathaus untergebracht Anonym              .        wurden diese
Exemplare (nach Knolle waren es 1800 Exemplare) in den Besitz der Stadt Goslar
überführt, der Nachbargemeinde von Bad Harzburg. Dort wurde die Hälfte der Präparate
drei Jahre später und nur wenige Wochen vor Walter Behrens Tod am . November
1964 in dem zweiten neugegründeten, lokalen Naturkundemuseum ausgestellt (Giesecke
      . Dieses trug den Namen „(aus der Tiere – Exoten . Die andere (älfte der
verbliebenen Exemplare wurde hinter den Kulissen aufbewahrt und war dazu bestimmt
von Zeit zu Zeit mit den Schaustücken ausgetauscht zu werden. Sehr wahrscheinlich
gehörte der ausgestopfte Hybrid zu den ausgestellten Exponaten in einem der beiden
Museen, da Paradiesvögel – neben vielen anderen Tieren – als Glanzstücke der
Museumsausstellungen in verschiedenen Zeitungsartikeln genannt wurden (z. B. Anonym
1964).

        Das Museum in Bad Harzburg wurde 1975 zeitweise geschlossen und wurde mit
einem veränderten Konzept sowie neuen Ausstellungen wieder eröffnet (Hevers 2008).
Fortan wurden nur noch einheimische Tierarten aus Nord-Deutschland unter dem Titel
„Wald und Wild im Naturpark (arz gezeigt Knolle                     . Das Schicksal der
verbleibenden exotischen Exemplare aus Behrens Sammlung ist unbekannt, doch
bemerkt Hevers (2008) in dieser Hinsicht, dass die Vogel-Sammlung von Karl Fuest
(1857–1938), die ursprünglich seit 1929 in Schloß Wolfenbüttel ausgestellt und 1956
nach Bad Harzburg ins Haus der Natur transferiert wurde, 1975 dem Staatlichen
Naturhistorischen Museum in Braunschweig übergeben wurde. Eventuell waren auch
Exemplare von Walter Behrens in diese Transaktion involviert, doch dies ist nicht belegt.
Alternativ wurden sie vielleicht ins Haus der Tiere nach Goslar gebracht oder auf dem
Dachboden des Museums in Bad Harzburg eingelagert. Schon wenige Jahre später, Ende
Dezember 1982, wurde jedoch auch das Museum in Goslar aufgrund finanzieller Gründe
und geringer Besucherzahlen geschlossen (Anonym 1982). In einem weiteren
Zeitungsartikel, datiert auf den 11. Oktober 1983, wird das Schicksal der
Naturkundesammlung diskutiert (Anonym 1983). Diesem Bericht zufolge sollten 2000
Exemplare (700 Mollusken, 150 Säugetiere und 1150 Vögel) als Dauerleihgabe ans
Naturhistorische Museum in Braunschweig übergeben werden. Zugleich wird erwähnt,
dass auch das Landesmuseum in Hannover am Kauf der Sammlung interessiert war, doch
dieses Vorhaben scheiterte an der finanziellen Situation des Staates Niedersachsen
(Anonym 1983). Bereits 1961 hatte Professor Steininger, der damalige Leiter der
Naturkunde-Abteilung des Landesmuseums, den hohen Wert der Behrens schen
Sammlung betont (Anonym 1961). Offensichtlich wurde auch der Transfer nach
Braunschweig nicht oder nur teilweise realisiert, denn in den Katalogen und Archiven des
Museums existieren keine Berichte hierüber (Ahrens 2004). Auch war es nicht möglich
weitere Exemplare aus Walter Behrens ehemaliger Sammlung in Braunschweig zu
lokalisieren. Der Grund hierfür könnte dem Umstand geschuldet sein, dass (einige)

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Koch – Das Paradies auf Erden


seine(r) Exemplare keine persönlichen Sammlungsnummern und Etiketten besaßen wie
es auch im Fall des Hybrid-Paradiesvogels war, der lediglich die Informationen des
Bremer Überseemuseums aufweist.

       Es existieren jedoch einige Etiketten mit Verweis auf Walter Behrens und das Haus
der Natur in der Sammlung und dem Archiv des Landesmuseums in Hannover. Dort
befindet sich auch die Korrespondenz einer Leihanfrage zwischen Behrens und Ernst
Schäfer, dem ehemaligen Kurator des Museums (C. Schilling und A. Böhme, pers. Mittl.).
Daher erscheint es möglich, dass Marias Paradiesvogel mit dem Braunschweiger Museum
getauscht oder diesem geschenkt bzw. geliehen wurde, nachdem er von Goslar oder Bad
Harzburg nach Hannover gelangt war. Da dem Exemplar keine SNMB-
Sammlungsnummer zugeordnet wurde, als es nach Braunschweig gelangte, wurde es am
13. Oktober 2014 inventarisiert, als es für die neue Dauerausstellung ausgewählt wurde.

       Obwohl somit einige Unklarheiten bleiben, wie der Hybrid-Paradiesvogel
letztendlich in die SNMB-Sammlung gelangte, konnte der Verbleib von Walter Behrens
berühmter Naturkundesammlung zumindest teilweise durch die Untersuchungen
aufgeklärt werden. Der Autor hofft hierdurch weitere Nachforschungen über diese
vergessene private Sammlung zu stimulieren. Die weiteren Details, welche während der
Recherche zu dem vorliegenden Artikel gesammelt wurden, demonstrieren eindrücklich,
dass die private Sammlung von Walter Behrens in der Tat wertvolle und seltene
Exemplare enthielt.



Die Bedeutung kleiner und privater Naturkundesammlungen

Walter Behrens war ein engagierter Sammler naturkundlicher Objekte mit guten
Verbindungen zu internationalen Museen wie denen in Bremen (siehe oben) und Moskau
(Anonym 1964). Leider war es jedoch nicht möglich Aufzeichnungen oder spezifische
Publikationen von ihm selbst oder einem anderen Autor über seine Privatsammlung
ausfindig zu machen. Lediglich einige Artikel in lokalen Zeitungen von damals berichten
über ihren Umfang und nennen manche Details. So wird darin beschrieben, dass die
Sammlung unter anderem je ein Exemplar des ausgestorbenen Beutelwolfs (Thylacinus
cynocephalus) und der Wandertaube (Ectopistes migratorius) enthielt (Anonym 1961,
1964). Während überliefert ist, dass zuletzt genanntes Exemplar, welches Walter Behrens
einst von einem anscheinend ahnungslosen Tschechen für lediglich 10 Deutsche Mark
erstanden hatte, letztendlich auf einer Auktion für 22000 DM versteigert wurde (Anonym
1964), befindet sich der Beutelwolf weder in der Sammlung in Braunschweig noch in
Hannover. Während der Recherchen stellte sich jedoch bald heraus, dass dieses
aufgestellte Exemplar eines Rüden 1962 an das Naturkundemuseum in Münster verkauft
wurde, wo es noch immer neben einem zweiten Exemplar von der Universität in Münster
existiert (S. Sleightholme, pers. Mittl.). Zusätzlich erwähnt Duncker (1953) einige
Exemplare seltener oder bereits ausgestorbener Vogelarten aus der Behrens schen
Sammlung wie zum Beispiel einen Huia oder Lappenhopf (Heteralocha acutirostris) und
einen Elfenbeinspecht (Campephilus principalis).

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Koch – Das Paradies auf Erden


       Diese besonderen Exemplare zusammen mit dem unerwarteten Fund eines
seltenen Hybrid-Paradiesvogels im Staatlichen Naturhistorischen Museum in
Braunschweig heben die Bedeutung der Sammlung von Walter Behrens hervor. Sie
repräsentiert ein beinahe vergessenes Beispiel einer kleinen Naturkundesammlung und
demonstriert zugleich die Dringlichkeit solche privaten (Museums-) Sammlungen zu
unterstützen und zu bewahren, da auch sie oftmals Exemplare von hohem
wissenschaftlichem Wert für unterschiedliche Fragestellungen beherbergen
(Steinheimer 2003, Casas-Marce et al. 2012, Winker & Withrow 2013, Koch et al. 2017).
Oft sind taxonomisch gut ausgebildetes Personal sowie die finanziellen Mittel, um diese
kleinen und meist lokalen, aber dennoch wichtigen Sammlungen ausreichend zu
bewahren und zu erforschen, limitiert, so dass das langfristige Fortbestehen seltener und
kostbarer Belegexemplare gefährdet ist. Dies betrifft besonders Entwicklungs- und
Schwellenländer (Cracraft 2000, Paknia et al. 2015), doch auch in Europa, wo eine lange
und reiche Tradition naturwissenschaftlicher Sammlungen existiert (Greuter et al. 2005,
Romano et al. 2015, Beck 2018), ist dieses enorme kulturelle Erbe bisweilen aufgrund von
Vernachlässigung gefährdet und bedarf zukünftig mehr Aufmerksamkeit der Politik und
Öffentlichkeit (Kovar–Eder & Niedernostheide 2014, Andreone 2015).



Danksagung

Zu aller erst möchte ich mich bei Bettina Arcularius und Michaela Forthuber (beide
SNMB) für ihre Unterstützung bedanken, während ich in der Braunschweiger Sammlung
gearbeitet habe. Letzt genannte stellte freundlicherweise auch Fotos des Hybrid-
Exemplars zur Verfügung. Daneben danke ich Clifford Frith (Malanda, Australien) für die
Bestätigung der Bestimmung des Hybrid-Paradiesvogels sowie Sylke Frahnert und Hwa
Ja Goetz (beide Museum für Naturkunde, Berlin) für die Bereitstellung von Fotos des
Holotypus von Paradisaea maria. Außerdem teilten Michael Stiller und Nina Richelmann
(beide Überseemuseum, Bremen) sowie Christiane Schilling und Annina Böhme (beide
Landesmuseum Hannover) wertvolle Informationen über ihre jeweiligen Vogel-
Sammlungen mit mir, wofür ich Ihnen zu Dank verpflichtet bin. Friedhart Knolle
(Wernigerode), Hans-Konrad Nettmann (Universität Bremen) sowie Katrin und Frank
Glaw (Zoologische Staatssammlung Bayern, München) unterstützen meine
Untersuchungen durch Literatur und Till Töpfer (Zoologisches Forschungsmuseum
Alexander Koenig, Bonn) gewährte freundlicherweise Zugang zur ornithologischen
Bibliothek. Ferner profitierte das Manuskript von hilfreichen Kommentaren von
Dorothee Hoffmann. Schlussendlich bin ich Stephen Sleightholme (International
Tyhlacine Specimen Database, www.naturalworlds.org/thylacine/mrp/itsd/itsd_1.htm)
zu Dank verpflichtet für die Hilfe beim ausfindig machen eines besonderen Exemplars,
eines Beutelwolfs, aus Walter Behrens ehemaliger Privatsammlung.




                                                                                      37
Koch – Das Paradies auf Erden


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