NATURSCHUTZ in NRW - NABU VOR ORT Biologische Vielfalt in Siegen-Wittgenstein - NABU NRW

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NATURSCHUTZ in NRW - NABU VOR ORT Biologische Vielfalt in Siegen-Wittgenstein - NABU NRW
NATURSCHUTZ
Nordrhein-Westfalen

                      in NRW  4/2017

NATUR ERLEBEN          NABU VOR ORT              ARTPORTRÄT
Comeback des Uhu       Biologische Vielfalt in   Der Seeadler
                       Siegen-Wittgenstein
NATURSCHUTZ in NRW - NABU VOR ORT Biologische Vielfalt in Siegen-Wittgenstein - NABU NRW
Inhalt

                                                                                  Editorial

                                                                                                                             B. Schaller
                                                                                  Liebe Leserinnen
                             2         Editorial                                  und Leser,

                             3         Nachrichten aus NRW                        am 30. Juni hat der neue Ministerpräsi-    gend nach dem Prinzip „Wer viel Fläche
                                                                                  dent von Nordrhein-Westfalen, Armin        hat, bekommt auch viel Geld“. Das muss
                             4–6       Natur erleben                              Laschet, sein Kabinett vorgestellt. Zwar   sich in der nächsten EU-Förderperiode,
                             	Der Uhu in                                         sind die berühmten 100 Tage Schon-         die ab 2021 beginnt, ändern. Der NABU
                                       Nordrhein-Westfalen                        frist mittlerweile vorüber, es scheint     fordert eine am gesellschaftlichen Ge-
                                                                                  aber dennoch zu früh für eine erste        samtwohl orientierte Förderung, die
                             7 	Naturschutzstation                               Zwischenbilanz. Die bisherigen Kon-        konkrete Erfolge für den Schutz der
                                 Niederrhein                                      takte, insbesondere zur Umwelt- und        Biodiversität finanziell honoriert – und
                             	Wildgänse am Niederrhein                           Agrarministerin Christina Schulze          die neue Landesregierung dazu auf, sich
                                                                                  Föcking und ihrem Staatssekretär Dr.       sowohl auf Landesebene als auch im
                             8–9       Spendenaufruf                              Heinrich Bottermann, verliefen durch-      Bundesrat für eine nachhaltigere, um-
                             	Gemeinsam unsere letzten                           aus ermutigend und ergaben ein res-        weltverträglichere und zukunftsfähige
                               Refugien retten                                    pektables Maß an Übereinstimmung           Agrarpolitik einzusetzen.
                                                                                  hinsichtlich der grundsätzlichen Ziele.
                             10–11 Thema                                          Erste negative Entscheidungen bei der      Im August hat das „Netzwerk Streu-
                                                                                  Umsetzung des Koalitionsvertrags, wie      obstschutz NRW“ seine Arbeit aufge-
                             	Weidetiere und Wölfe
                                                                                  die Abschaltung des Online-Zugangs         nommen – eine gute Nachricht für die
                                       Braunkohle gefährdet                       zu Immissionsschutz-Genehmigungs-          biologische Vielfalt, schließlich gehören
                                       Klimaschutzziele
                                                                                  verfahren oder der neue Windkraft­         Streuobstwiesen zu den artenreichsten
                             12–15 NABU vor Ort                                   erlass, waren leider zu erwarten. Jetzt    Lebensräumen in Mitteleuropa. Hier
                               Erfolgreiches Konzept                              ist es langsam an der Zeit für die neue    werden Vertreter aus Landwirtschaft
                             	Ausbildung zum Naturtrainer                        Landesregierung, Taten sprechen zu         und Naturschutz gemeinsam dafür
                               Wiesen in Köln                                     lassen, mit denen die Biodiversität und    sorgen, die Streuobstwiesen in NRW
                               Handys für den Naturschutz                         das Klima geschützt werden.                zu erhalten und deren ökologische Be-
                                                                                                                             deutung einer breiten Öffentlichkeit
                             16–17 NATZ, die jungen Seiten                        Die Fülle der Aufgaben duldet keinen       nahezubringen. Eine beispielhafte Ko-
                                                                                  Aufschub. Das betrifft vor allem den       operation für den Naturschutz – ebenso
                             18        Artporträt
                                                                                  Agrarbereich, wo eine immer intensiver     wie die über fünfjährige Zusammenar-
                                       Der Seeadler                               werdende Landwirtschaft die Lebens-        beit des NABU mit der RAG Montan
                                                                                  räume zahlreicher Arten bedroht und        Immobilien zur naturnahen Umgestal-
                             19        Querbeet
                                                                                  das Grundwasser vielerorts massiv          tung ehemaliger Bergbauflächen, deren
                             20        Zu guter Letzt                             mit Nitrat belastet. Die Bestände von      Weiterführung seit August beschlossene
                                                                                  Feldvogelarten und Insekten gehen teil-    Sache ist.
                                                                                  weise dramatisch zurück. Betroffen ist
    IMPRESSUM:
    Herausgeber: Naturschutzbund Deutschland, Landesverband Nordrhein-            jedoch nicht allein die Natur, sondern     Ihr Josef Tumbrinck
    Westfalen, ­Völklinger Straße 7-9, 40219 Düsseldorf, Tel. 0211 / ­159251-0,   sind auch immer mehr Bäuerinnen und
    Fax 0211 / 159251-15
    Vorsitzender: Josef Tumbrinck; Geschäftsführer: Bernhard Kamp                 Bauern, die ihre Höfe aufgeben, weil
    Redaktion: Bernd Pieper, Birgit Königs; Mail: b.koenigs@nabu-nrw.de           sie das Wettrennen um die niedrigsten
    Redaktionsbeirat: Monika Hachtel, Bernhard Kamp, Heinz Kowalski,
    Stefan Wenzel                                                                 Preise nur verlieren können.
    V.i.S.d.P.: Birgit Königs, Katharina Glaum (NATZ – die jungen Seiten)
    Anzeigen: Anne Schönhofen, Tel. 0228-7667211,                                 Verantwortlich für diese Fehlentwick-
    Mail: media.agentur@nabu.de                                                   lungen ist insbesondere die Gemeinsa-
    Layout, Satz: Demmedia GmbH, 46414 Rhede
    Druck: Dierichs Druck + Media GmbH, Kassel; Auflage: 59.700 Ex.               me Agrarpolitik der EU (GAP). Derzeit
    Titel: Junger Uhu, Foto: Olaf Kerber                                          fließen rund 40 Prozent des EU-Haus-
    Redaktionsschluss für Ausgabe 1/2018: 10.12.2017
    Gedruckt auf 100% Recyclingpapier                                             haltes, jährlich etwa 60 Milliarden
                                                                                  Euro, in die Landwirtschaft, überwie-
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      NATURSCHUTZ in NRW 4/2017
NATURSCHUTZ in NRW - NABU VOR ORT Biologische Vielfalt in Siegen-Wittgenstein - NABU NRW
Nachrichten aus NRW
                                                                        VERLÄNGERT

                                                                        Kooperation mit RAG Montan Immobilien
                                                                        wird fortgesetzt
                                                                        Am 31. August haben der NABU
                                                                        NRW und die RAG Montan Im-
                                                                        mobilien (RAG MI) ihre erfolg-
F. Derer

                                                                        reiche Kooperation zur ökologi-
                                                                        schen Neugestaltung ehemaliger
Leckerer Apfel von einer Streuobstwiese                                 Bergbauflächen verlängert. In
                                                                        den vergangenen fünf Jahren
GEMEINSCHAFTSPROJEKT                                                    wurde mehrere Projekte initi-
„Netzwerk Streuobstwiesenschutz.NRW“                                    iert, darunter das Bienennetz-
                                                                        werk Ruhr, eine Wanderkarte

                                                                                                           S. Conrad
Streuobstwiesen haben einen          obstwiesenschutz.NRW“ nun          zum Naturführer Zollverein,
hohen Wert für den Erhalt der        seine Arbeit aufgenommen. Das      der GEO-Tag der Natur 2017 in
biologischen Vielfalt. Sie sind      Netzwerk will die landesweiten     Essen oder die Ansiedlung von      Josef Tumbrinck (v.l.), Landes-
Lebensraum für mehr als 5000         Maßnahmen aller beteiligten        Fledermäusen in einem alten        vorsitzender des NABU NRW und
                                                                                                           Prof. Dr. Hans-Peter Noll (v.r.),
Tier- und Pflanzenarten – und        Akteure zum Schutz der Streu-      Sprengstoffbunker in Hamm.         Vorsitzender der Geschäftsfüh-
sie sind in ihrem Fortbestand        obstwiesen sowie zur Förderung     Im März 2013 hatte die NABU-       rung der RAG Montan Immobilien
gefährdet: Rodungen für Sied-        von Neuanpflanzungen mit den       Regionalstelle Ruhrgebiet in       besiegeln im Beisein von Jutta
                                                                                                           Eckenbach (MdB), Ina Schar-
lungsfläche, Überalterung und        jeweiligen Akteuren vor Ort ko-    unmittelbarer Nähe der RAG         renbach, Ministerin für Heimat,
Verfall, Nutzungsaufgabe und         ordinieren, den Wert von Streu-    Montan Immobilien ihren neu-       Kommunales, Bau und Gleich-
fehlende Neuanlage lassen die        obstwiesen in der Öffentlichkeit   en Hauptsitz auf dem Kokerei-      stellung des Landes NRW, Tho-
                                                                                                           mas Kufen, Oberbürgermeis-
Fläche der Streuobstwiesen           verankern und zukünftig als        areal des UNESCO-Welterbes         ter der Stadt Essen, und Fabian
auch in NRW kontinuierlich           zentrale Anlaufstelle für Fragen   Zollverein bezogen. Eine ver-      Schrumpf (MdL) die Verlänge-
schrumpfen. Um diesen Trend          rund um den Streuobstwiesen-       gleichbare Kooperation zwi-        rung der Kooperation.

umzukehren, haben Vertreter          schutz in NRW dienen. Finan-       schen RAG Montan Immobilien
aus Landwirtschaft und Na-           ziert wird das Projekt durch das   und dem NABU gibt es seit 2013
turschutz gemeinsam mit dem          Ministerium für Umwelt, Land-      auch im Saarland.
Land NRW Ende vergangenen            wirtschaft, Natur- und Verbrau-
Jahres eine Kooperationsverein-      cherschutz des Landes NRW zu-      FLAGGE ZEIGEN
barung geschlossen. Im August        nächst bis Ende Juli 2020.
                                                                        Auf zur Agrardemo 2018 in Berlin
2017 hat das „Netzwerk Streu-        BKö
                                                                        Am 20. Januar 2018 wird in
                                                                        Berlin bereits zum siebten Mal
KOMPROMISS                                                              unter dem Motto „Wir haben es
Streit um Windpark Sinnigen beigelegt                                   satt“ eine Großdemonstration
                                                                        für eine tiergerechte, umwelt-
Das in unmittelbarer Nähe zum                                           und sozialverträgliche Land-
Naturschutzgebiet „Haver­forths                                         wirtschaft stattfinden. Auch der
Wiesen“ liegende Sinninger Feld                                         NABU hat sich jedes Jahr mit
                                                                                                           NABU Herford

gehört im Kreis Steinfurt zu den                                        einem großen Aufgebot daran
wichtigen Rückzugsräumen für                                            beteiligt, aus NRW war bislang
gefährdete Vogelarten wie Kie-                                          lediglich die NABU-Gruppe aus
bitz, Großer Brachvogel und                                             Herford dabei. Die wird auch
                                     NABU/N. Meyer

                                                                                                           Der NABU Herford zeigt Flagge
Feldlerche. Nachdem der Kreis                                           2018 wieder nach Berlin fahren     in Berlin.

Steinfurt der Windpool Sinnin-                                          und wünscht sich eine rege Be-
gen GmbH & Co. KG die Ge-                                               teiligung weiterer NABU-Grup-      zeigte sich 2017 „überrascht,
nehmigung zur Errichtung von         Großer Brachvogel                  pen – mit guten Argumenten.        dass so viel junge Menschen
sechs Windenergieanlagen in                                             So waren Annegret Fleer und        zur Demo gekommen sind. Da
diesem Landschaftsraum erteilt       gen Landwirte, außergericht-       Paul Scheding 2017 vor allem       wächst hoffentlich eine andere
hatte, erhob der NABU NRW            lich ein gemeinsam getragenes      vom Engagement der Bauern          Generation ran, die mir Mut
Einspruch. Das Verwaltungs-          Schutzkonzept für Wiesenvögel.     beeindruckt, die mit ihren gro-    macht, dass sich etwas zum Po-
gericht Münster gab dem Ein-         In dessen Rahmen sollen dort,      ßen und kleinen Schleppern aus     sitiven ändert. Bauern und Na-
spruch des NABU statt. Darauf-       wo die genannten Vogelarten        dem gesamten norddeutschen         turschutzverbände auf ein und
hin entwickelten alle Beteiligten,   brüten, Nistschutzzonen einge-     Raum nach Berlin gekommen          derselben Demo, wo gibt es so-
darunter auch die vor Ort täti-      richtet werden.                    waren. Und Marion Lübeck           was sonst noch?“
                                                                                                                                                      3
Weitere ausführliche Nachrichten gibt es unter www.nrw.nabu.de                                                            NATURSCHUTZ in NRW 4/2017
NATURSCHUTZ in NRW - NABU VOR ORT Biologische Vielfalt in Siegen-Wittgenstein - NABU NRW
Natur erleben
A. Schüring

              Ein eleganter Flieger

              Erfolgreiche Rückkehr
              Der Uhu in Nordrhein-Westfalen

              E
                     inst galt die größte europäische        verschwunden. Anfang der 1960er-Jahre be-
                     Eulenart als Unglücksvogel, war im      gannen dann verschiedene Uhu-Schutzpro-
                     Mittelalter sogar als todbringender     jekte, wie die „Aktion zur Wiedereinbürge-
              „Vogel des Teufels“ verschrien. Noch bis ins   rung des Uhus“ (AzWU) und die Nachfolge-
              19. Jahrhundert wurden Uhus an Scheu-          organisation „Europäische Gesellschaft zur
              nentore und Haustüren genagelt, um bösen       Erhaltung der Eulen“ (EGE), für die Rück-
              Zauber und Blitzschlag abzuwenden.             kehr des Uhus zu kämpfen.

              Wie auf anderes „Raubzeug“ auch wurde          Erfolgreiche Wiederansiedlung
              auf den Uhu ein Kopfgeld ausgesetzt, nur als   Nachzuchten bildeten die Basis für ein um-
              Erfüllungsgehilfe bei der sogenannten „Hüt-    fangreiches Wiederansiedlungsprogramm
              tenjagd“ auf Rabenvögel und andere Greife      in NRW, das 1968 begann und bis weit in
              war der Vogel gern gesehen. Dafür wurden       die 1980er-Jahre andauerte. Anfang der
              junge Uhus aus den Nestern geraubt und         1970er-Jahre wurden die ersten Jungtiere
                                                                                                              I. Mogge

              wehrlos an einen Pflock gebunden. Krähen       freigelassen, vor allem in der Eifel, in der
              und kleinere Greifvögel, sonst die Beute des   Senne und im Sauerland. 1975 kam es in
              Uhu, versuchten den Feind mit vereinten        der Eifel zu einer erfolgreichen Brut, der bis   Ein junger Uhu versteckt sich hinter
              Kräften zu vertreiben – und wurden so zur      heute viele weitere im gesamten Bundesland       einer Tanne.
              leichten Jagdbeute.                            folgten.
              1934 lebten in Deutschland weniger als 100     Bundesweit gehen Experten derzeit von            setzt. Heute ist der Uhu fast überall in NRW
              Uhupaare. Trotz eines Jagdverbots gingen       rund 2.500 Brutpaaren aus. In Nordrhein-         anzutreffen. Die Verbreitungsschwerpunkte
              die Bestände weiter zurück, in weiten Teilen   Westfalen waren 2016 rund 570 Uhureviere         liegen im Hochsauerlandkreis, in der ­Eifel,
              Mitteleuropas war der Uhu bis 1965 völlig      mit Paaren oder einzelnen Männchen be-           im Wiehengebirge und im Teutoburger
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                NATURSCHUTZ in NRW 4/2017
NATURSCHUTZ in NRW - NABU VOR ORT Biologische Vielfalt in Siegen-Wittgenstein - NABU NRW
Natur erleben
Wald. In der aktuellen Roten Liste der Brut-
vögel Deutschlands und auch in der Roten
Liste der gefährdeten Brutvögel Nordrhein-
Westfalens wird der Uhu als „ungefährdet“
aufgeführt.
Die einzige wirkliche Gefährdungsursache
für den Uhu ist der Mensch. Vor allem die
Störungen – häufig durch Kletterer – an den
im Fels gebauten Nistplätzen führen mit-
unter zum Verlust der Brut. Ausgewachsene
Uhus sterben an Windrädern und unge-
sicherten Strommasten oder fliegen gegen
Stromleitungen. Manchmal fällt die große          A. Schüring

Eule mit dem dicken Kopf, den sichtbaren
Federohren und den charakteristischen
orangegelben Augen auch dem Straßen-
oder Schienenverkehr zum Opfer. Der               Uhu in der Stadt
NABU wählte den Uhu 2005 zum „Vogel
des Jahres“, um eine breitere Öffentlichkeit      braucherschutz (LANUV) in einem Beitrag       Kiesgruben und Schutthalden werden eben-
für diese Probleme zu sensibilisieren. Aktu-      für den Jahresbericht 2016 der AG Wander-     falls besiedelt, und mittlerweile taucht der
ell sind es immer häufiger Drohnen, die zur       falkenschutz im NABU NRW: „Untersu-           Uhu zunehmend in der Nähe des Menschen
Aufgabe der Brut führen.                          chungen von Beuteresten in Uhu-Revieren       auf, wie Bruten an Autobahnbrücken, Fern-
                                                  in NRW zeigen, dass meist Ubiquisten wie      sehtürmen und auf Flachdächern belegen.
Anpassungsfähig                                   Rabenkrähen, Ringeltauben, Brief- und         So hat in diesem Jahr ein Uhupärchen in
Ursprünglich bevorzugt der Uhu felsige            Straßentauben, Stockenten, Igel, Wanderrat-   Herten auf dem Gelände der stillgelegten
Bruthabitate wie Steilhänge oder Steinbrü-        ten, Feldmäuse und Kaninchen geschlagen       Zeche Ewald in einer Fensternische des
che. Er kommt grundsätzlich überall dort          werden. Daneben werden je nach Verfüg-        „Malakowturms“ erfolgreich gebrütet. Die
zurecht, wo ihm halboffene Landschaften           barkeit auch Schleiereulen, Waldohreulen,     drei Jungtiere zeigten nur wenig Scheu und
mit vielfältigen Strukturen ein ausreichen-       Waldkäuze und Mäusebussarde erbeutet.         hielten sich gerne auf dem Boden in der
des Nahrungsangebot zur Verfügung stel-           (…) Im urbanen Lebensraum stellen Wan-        Nähe eines Biergartens auf. Um den Uhu-
len. Die Jagdgebiete haben eine Größe von         derratten und Igel eine bevorzugte und        Nachwuchs – und auch die Besucher der
bis zu 40 Quadratkilometern und können            reich verfügbare Nahrungsquelle dar.“         Zeche – nicht zu gefährden, wurden die
bis zu fünf Kilometer vom Brutplatz ent-                                                        jungen Uhus in Auswilderungsstationen
fernt liegen.                                     Neue Lebensräume                              auf das wilde Leben vorbereitet. Ähnlich er-
Der Uhu ist ein Nahrungsopportunist und           In den letzten Jahren hat der Uhu die Pa-     ging es den beiden Uhu-Waisen, die auf der
frisst in der Regel die Beutetiere, die in sei-   lette seiner Lebensräume erweitert. Er ist    Halde Lohberg in Dinslaken gefunden und
ner Umgebung am häufigsten vorkommen,             jetzt auch im Tiefland zu finden, gerne in    anschließend in der Greifvogelstation auf
schreibt der Uhu-Experte Michael Jöbges           Gewässernähe, in lichten Wäldern oder in      dem Gelände der ehemaligen Schill-Kaser-
vom Landesamt für Natur, Umwelt und Ver-          der Nähe von landwirtschaftlichen Flächen.    ne in Wesel aufgepäppelt wurden. Anfang
                                                                                                Mai dieses Jahres wurden sie in die Freiheit
                                                                                                entlassen.

                                                                                                Konflikte und Konkurrenz
                                                                                                Ebenso wie der Uhu brütet auch der Wan-
                                                                                                derfalke gerne auf Felsen und in Steinbrü-
                                                                                                chen. Das funktioniert jedoch schlecht,
                                                                                                wenn der ungleich größere Konkurrent alle
                                                                                                geeigneten Plätze besetzt, zumal der Uhu
                                                                                                ohne Probleme auch junge Wanderfalken
                                                                                                erbeutet. „Der Uhu ist gegenüber dem Brut-
                                                                                                platzkonkurrenten Wanderfalke im Fels und
                                                                                                an technischen Bauwerken eindeutig die do-
                                                                                                minante Vogelart“, schreibt Michael Jöbges.
                                                                                                Nachdem sich die Brutergebnisse der Wan-
                                                                                                derfalken im Siedlungsbereich zuletzt auf ei-
A. Schüring

                                                                                                nem guten Niveau stabilisiert haben, nimmt
                                                                                                der Uhu jetzt auch diese urbanen Räume zu-
                                                                                                nehmend für sich in Anspruch. Wie Michael
Uhu mit Brut                                                                                    Jöbges feststellt, werden regelmäßig Brut-
                                                                                                                                                5
                                                                                                                NATURSCHUTZ in NRW 4/2017
NATURSCHUTZ in NRW - NABU VOR ORT Biologische Vielfalt in Siegen-Wittgenstein - NABU NRW
Natur erleben
                                                           Gute Aussichten                                also den Beziehungen beider Arten zu ihren
                                                           Für Michael Jöbges kann die Rückkehr           Lebensräumen und weiteren Umweltfak-
                                                           von Wanderfalke und Uhu „insgesamt als         toren, zu leisten und das Monitoring zur
                                                           Erfolgsgeschichte des Arten- und Vogel-        Bestandsentwicklung von Uhu und Wan-
                                                           schutzes in NRW bezeichnet werden“. Den-       derfalke fortzusetzen. Ein langfristiges Ziel
                                                           noch bleibe es abzuwarten, wie sich beide      müsse sicherlich sein, die klassischen Brut-
                                                           Arten nebeneinander entwickeln und ob          plätze am Felsen für den Wanderfalken zu
                                                           der Uhu zukünftig erheblich den Bestand        sichern.
                                                           des Wanderfalken beeinflussen wird. „Der       Bernd Pieper
                                                           Uhu ist ins Tiefland
                                                           gewandert, ist dort
I. Mogge

                                                           erfolgreich und das
                                                           Nahrungsangebot
           Junguhu auf der ehemaligen Schachtanlage        scheint groß genug
           Lohberg
                                                           zu sein“, betont der
                                                           LANUV-Experte.
           platzkonflikte registriert, etwa in Petersha-   Löbges plädiert da-
           gen im Kreis Minden-Lübbecke, wo seit           für, Aufklärungsar-
           Jahren ein Wanderfalkenpärchen nistete:         beit zur Autökologie,
           „Nach Besiedlung des Kraftwerk­standortes
           durch den Uhu verschwanden die Wander-                                    A. Schüring
           falken.“ Allerdings gebe es auch Beispiele,
           wo beide Arten in geringem Abstand erfolg-      Ein Uhu hat eine Taube
                                                           geschlagen.
           reich gebrütet hätten.

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           mit Herz und
            Schnauze
                   Was tut ein Lateinlehrer namens Karl,
              wenn er einen Maulwurf namens Otto in seinem
            Garten entdeckt? Besser gefragt: Wie kommt Otto mit
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             von Maulwürfen und von Lateinlehrern.

                                                                                                   NEU!

                      Im Buchhandel ISBN 978-3-9818152-0-7                  1390    Euro
                     oder beim Verlag: www.fohrmann-verlag.de
                           E-mail: pf@fohrmann-verlag.de

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             NATURSCHUTZ in NRW 4/2017
NATURSCHUTZ in NRW - NABU VOR ORT Biologische Vielfalt in Siegen-Wittgenstein - NABU NRW
Fotos: U. Frömming
                                                          Naturschutzstation Niederrhein

Bläss- und Saatgänse

Winterliches Spektakel                                                                           Gänsesafaris 2017/18
                                                                                                 Die Exkursionen zu den Gänsen in einem kom-
Wildgänse am Niederrhein                                                                         fortablen Reisebus starten zwischen dem 12. No-
                                                                                                 vember und dem 18. Februar jeden Sonntag ab 13

W
            enn Anfang Oktober lautes         den werden. Stattdessen kann man die Gänse         Uhr in Kleve. Während der etwa 2,5-stündigen
            Trompeten am Niederrhein          gut während eines Spaziergangs auf dem             Fahrt wird nicht nur viel Wissenswertes über die
            erschallt, beginnt wieder ein     Drususdeich im Naturschutzgebiet Rindern-          gefiederten Gäste aus dem hohen Norden, sondern
beeindruckendes Naturschauspiel. Jahr für     sche Kolken beobachten, ohne sie zu stören.“       auch über die besondere Kulturlandschaft in der
Jahr überwintern zwischen 150.000 und         Auch ein Blick bei Düffelward über den Alt-        Düffel vermittelt.
230.000 arktische Wildgänse im Vogel-         rhein lohne immer: „Die Gänse halten sich          Die Mitfahrt ist nur mit Anmeldung möglich: Tel.
schutzgebiet „Unterer Niederrhein“. Der       hier in einem störungssicheren Abstand auf.“       02826-91876-00 oder über die Homepage www.
Großteil davon sind Blässgänse, bis zu 30     Seit dem Winter 1992/93 bietet die NABU-           nabu-naturschutzstation.de/de/wildgaense/gaen-
Prozent des gesamten westeuropäischen         Naturschutzstation Niederrhein sogenannte          seexkursionen. Hier gibt es weitere Infos zu den
Bestandes. Doch auch Weißwangengän-           „Gänsesafaris“ an. Dabei werden die Tiere          Exkursionen sowie über die verschiedenen Gänse-
se, Saatgänse und weitere Arten nutzen die    nicht gestört, wenn sie aus sicherer Ent-          arten. Auch private Gruppentouren an frei wähl-
milden Winter zwischen Duisburg und dem       fernung mit dem Fernglas aus einem Bus             baren Terminen sowie spezielle Fotoexkursionen
niederländischen Nijmegen.                    beobachtet werden. Im letzten Winter, zum          in kleinen Gruppen sind möglich.
                                              25-jährigen Jubiläum, nutzten 1.425 Natur-         Preis: Erwachsene 16 Euro; Schüler, Studenten,
Bis zu 6.000 Kilometer liegen hinter den      freunde dieses Angebot. Rund 96 Prozent            Freiwilligendienstleistende und Kinder ab elf Jah-
Gänsen, wenn sie ihre lange und kräftezeh-    der dazu befragten Besucher der Natur-             ren 12 Euro; Kinder bis zehn Jahre 8 Euro. Kinder
rende Tour aus ihren Brutgebieten in Russ-    schutzstation würden die Tour zu den Gän-          bis sechs Jahre kostenfrei
land geschafft haben. Der Höhepunkt des       sen weiterempfehlen.
Gänsezugs liegt im Dezember und Januar.       Die Exkursionen sind ein Erlebnis für alle
Dann halten sich rund 20.000 Tiere in der     Generationen. 2016/17 war die jüngste Teil-
deutsch-niederländischen Kulturlandschaft     nehmerin anderthalb Jahre, der älteste 94
„Düffel“ auf.                                 Jahre alt. Speziell für Flüchtlinge gab es zwei
Die Gänse sollen nach Möglichkeit nicht       Exkursionen, in denen diese selbst in einfa-
gestört werden, da durch ein Auffliegen un-   chem Deutsch und verschiedenen Sprachen
nötige Energie verschwendet wird, erzählt     Wissenswertes über die Gänse und den Nie-
die Gänseexpertin Nicole Feige von der        derrhein vermittelten. Insgesamt nahmen in
NABU-Naturschutzstation Niederrhein:          den letzten 25 Jahren mehr als 45.000 Men-
„Ein abruptes Halten mit dem Auto und das     schen an den „Gänsesafaris“ teil.
Aussteigen sollten daher unbedingt vermie-    Ulrike Waschau                                    Immer die Gänse im Blick
                                                                                                                                                7
                                                                                                                 NATURSCHUTZ in NRW 4/2017
NATURSCHUTZ in NRW - NABU VOR ORT Biologische Vielfalt in Siegen-Wittgenstein - NABU NRW
Hilfe für die heimische Natur
Gemeinsam unsere letzten Refugien retten
Unser schönes Bundesland hat mehr reizvolle Naturlandschaften als manch
einem bekannt ist. Von den bewaldeten Mittelgebirgen bis in die großen Tiefebe-
nen im Rheinland und in Westfalen finden sich auch heute noch Flächen, die als
Rückzugsorte Lebensraum bieten für seltene Tiere und Pflanzen. Lassen Sie uns
gemeinsam dafür einsetzen, dass diese letzten Refugien erhalten bleiben und
zerstörte Naturoasen zu neuem Leben erweckt werden!

     Liebe Naturfreundin,
     lieber Naturfreund!
     Seit über 50 Jahren setzt sich der NABU-Landesverband für diese Oasen heimischer
     Natur ein, mit praktischen Maßnahmen und Fachkenntnis, mit Aufklärung und Bil-
     dungsangeboten und auch im Dialog mit Politik und Wirtschaft.

     Durch dieses Engagement konnten einige Entwicklungen in jüngster Zeit zum Positi-
     ven gewendet werden: Der Wanderfalke brütet heute wieder erfolgreich in weiten Tei-
     len des Landes, auch der Weißstorch ist in Nordrhein-Westfalen in den vergangenen
     Jahren im Aufwind und selbst der einst ausgerottete Fischotter scheint über das Müns-
     terland langsam in unsere Heimat zurückzukehren. Trotz dieser guten Nachrichten
     können wir die Hände keineswegs in den Schoß legen. Der ungebremste Ausbau
     des Straßennetzes, neue Gewerbe- und Wohngebiete auf der grünen Wiese und nicht
     zuletzt die immer intensivere Landwirtschaft sorgen für Dauerstress bei Mutter Natur.

     Die Erfolge geben uns aber Recht und sie machen Mut: Lassen Sie uns gemeinsam die
     Herausforderung annehmen und uns stark machen für eine Heimat mit einer in-
     takten Natur und einer großen Vielfalt an wilden Tier- und Pflanzenarten. Mit Ihrer
     Spende können wir gemeinsam unsere erfolgreichen Artenschutzprojekte fortführen,
     wertvolle Flächen für den Naturschutz erwerben, um sie so dauerhaft für kommende
     Generation zu sichern, oder als Anwalt für den Schutz seltener Biotope und Lebensräu-
     me die Stimme erheben.
     Für Ihre Unterstützung und Treue möchte ich mich schon jetzt ganz herzlich bedan-
     ken!

     Ihr Josef Tumbrinck
     NABU-Landesvorsitzender
NATURSCHUTZ in NRW - NABU VOR ORT Biologische Vielfalt in Siegen-Wittgenstein - NABU NRW
Vielfältige Obstwiesen: Für 10 bis 30
                                                                                                    Euro können wir einem
                                                              hochstämmigen Obstbaum einen Pfl
                                                                                                    egeschnitt gönnen.

                                                   unsere
                         rund 50 Euro können wir
Wanderfalkenschutz: Mit                       ber ingen und
                          rüsten, um Tiere zu
Wanderfalkenschützer aus
                         en.
sie regelmäßig zu betreu

                                                                 Rückkehr des Wolfes: Für
                                                                                           etwa 300 Euro können wir
                                                                 elektrischen Weidezaun                                einen
                                                                                         anschaffen, den wir Sch
                                                                 Nutztierhaltern unbürok                         äfe  rn und
                                                                                         ratisch zur Verfügung ste
                                                                                                                   llen.

      Unser Spendenkonto finden Sie bei der
      Bank für Sozialwirtschaft
      IBAN: DE78 3702 0500 0001 1212 12
      BIC-Code: BFSWDE33XXX
      Stichwort: Bedrohte Natur in NRW

  Fotos: Dietmar Deifuß, Fleer, Michael Korn, Thomas Pusch
NATURSCHUTZ in NRW - NABU VOR ORT Biologische Vielfalt in Siegen-Wittgenstein - NABU NRW
Thema

                 Weidetiere und Wölfe

                                                                                                                                              K. Stenglein
                 Eckpunkte für ein konfliktarmes Miteinander
                                                                                                Der Wolf ist nach nationalem und internationalem

     D
                                                                                                Recht streng geschützt.
               er Wolf ist zurück in Deutsch-      Die extensive Weidetierhaltung, eine be-
               land. Und obwohl sich bei uns       sonders naturverträgliche Form der Land-
               noch kein Rudel angesiedelt hat,    nutzung, steht unabhängig von der Wolfs-     das Eckpunktepapier „Weidetierhaltung
     gilt NRW nach regelmäßigen Wolfssich-         debatte vor großen Herausforderungen.        und Wolf in Deutschland“ erarbeitet.
     tungen in den letzten Jahren als Wolfser-     Allerdings müssen zusätzliche Belastungen    Mit Blick auf die nordrhein-westfälische
     wartungsland. So groß die Freude bei          durch die Rückkehr des Wolfes vermieden      Ausrichtung im Umgang mit dem Rückkeh-
     Naturschützern und dem Großteil der Be-       oder aufgefangen werden. Dazu haben der      rer Wolf und bereits existierende Regelun-
     völkerung darüber ist, so klar ist es auch,   NABU, der Bundesverband Berufsschäfer,       gen zur Prävention und Kompensation von
     dass die Rückkehr des Wolfes vor Ort zu       der BUND, der Deutsche Grünlandverband,      Wolfsrissen haben der Bundes- und der
     Konflikten führen kann, die von allen Be-     der Deutscher Tierschutzbund, der Interna-   Landesverband Berufsschäfer, die Gesell-
     teiligten die Bereitschaft zu Kompromissen    tional Fund for Animal Welfare, der Ökolo-   schaft zum Schutz der Wölfe und der NABU
     erfordern.                                    gische Jagdverband und WWF Deutschland       NRW diese Eckpunkte für NRW spezifi-
                                                                                                ziert. Nach Ansicht des NABU-Landes-
                                                                                                vorsitzenden Josef Tumbrinck sollten der
                                                                                                Managementplan und die Förderrichtlinie
                                                                                                zum Wolf in NRW so überarbeitet werden,
                                                                                                dass Präventionsmaßnahmen auch vor der
                                                                                                dauerhaften Rückkehr der Wölfe – also der
                                                                                                Bildung von Rudeln – gefördert werden.
                                                                                                „Einen Herdenschutzhund in eine Herde
                                                                                                zu integrieren, ihn auszubilden, ihn prüfen
                                                                                                zu lassen und nicht zuletzt auch den Schä-
                                                                                                fer für diese Hunde zu schulen, dauert in
                                                                                                der Regel zwei Jahre“, sagt Thomas Golz,
                                                                                                stellvertretender Sprecher des Bundesver-
                                                                                                bands Berufsschäfer in NRW. Beginne die
                                                                                                geförderte Prävention erst nach dem Auftre-
                                                                                                ten eines territorialen Wolfes oder Rudels,
     K. Karkow

                                                                                                Ein Herdenschutzhund ist eine wirksame Maßnah-
                                                                                                me gegen Wolfsrisse.
10
             NATURSCHUTZ in NRW 4/2017
Thema
führe diese Zeitverzögerung zu vermehr-
ten Rissen, einem Lerneffekt der Wölfe und
nicht zuletzt zu Unmut bei den betroffenen
Weidetierhaltern.
Die beteiligten Verbände wollen sich künftig
regelmäßig austauschen. Vor allem soll es
darum gehen, die Situation der extensiven
Weidetierhalter grundsätzlich zu verbes-
sern. Auch der Schafzüchterverband NRW
wird an diesen Gesprächen teilnehmen, um
„trotz bestehender Meinungsunterschie-
de auf der Basis vorhandener Schnittmen-
gen gemeinschaftlich mit vielen Beteiligten    K. Stenglein

Lösungsansätze für die Schafhaltung zu
finden“.
Nicht zuletzt vor dem Hintergrund die-
ser gemeinsamen Anstrengungen hält der         Aufmerksam und lernfähig
NABU NRW die vom Westfälisch-Lippi-
schen Landwirtschaftsverband (WLV) und         des Wolfes. „Der Wolf ist nach nationalem     Nordrhein-Westfalen wissen“, betonte Josef
den Jägern befeuerte öffentliche Debat-        und internationalem Recht streng geschützt.   Tumbrinck.
te zur Aufweichung des Schutzstatus von        In Deutschland kann es für ihn derzeit        BKö/Bernd Pieper
Wölfen für unnötig und fordert von der         überhaupt keine Abschussquote geben,          Weitere Informationen unter
Politik ein klares Bekenntnis zum Schutz       das sollten auch der WLV und die Jäger in     http://nrw.nabu.de/willkommenwolf

D                                              Abschalten
          eutschland sieht sich selbst gerne
          als Klimaschutz-Weltmeister und
          hat das Thema folgerichtig zum
Schwerpunkt seiner G20-Präsidentschaft         Braunkohle gefährdet Klimaschutzziele
im Jahr 2017 erklärt. Die nationalen Ziele
sind durchaus ambitioniert: Die Treibhaus-
gas-Emissionen sollen bis zum Jahr 2020        der klimaschädlichen Braunkohle. Vor die-     werks Frimmersdorf bei Grevenbroich in
um 40 Prozent und langfristig um 80 bis 95     sem Hintergrund erscheint es geradezu ab-     die so genannte „Sicherheitsbereitschaft"
Prozent gegenüber dem Jahr 1990 gesenkt        surd, dass vier Bundesländer, darunter auch   gingen und abgeschaltet wurden. Nach Be-
werden. Dazu hat die Bundesregierung be-       NRW, von der Bundesregierung rechtliche       rechnungen des BUND-Landesverbands
reits im November 2016 den „Klimaschutz-       Schritte gegen verschärfte EU-Auflagen für    werden der Atmosphäre damit mehr als 4
plan 2050“ beschlossen. Darin werden erst-     Kohlekraftwerke fordern. Diese beruhten       Millionen Tonnen Treibhausgase jährlich
mals Zielkorridore für einzelne Bereiche       angeblich auf falschen oder unverhältnis-     erspart. Da diese beiden Blöcke aus den Jah-
bis zum Jahr 2030 formuliert. So sollen im     mäßigen Grenzwerten und würden im Falle       ren 1966 beziehungsweise 1970 stammen,
Gebäudesektor 67 Prozent, im Verkehr 42        der Umsetzung enorme wirtschaftliche und      hätten sie allerdings ohnehin bald abge-
Prozent, in der Industrie 51 Prozent und       soziale Auswirkungen haben.                   schaltet werden müssen. Von einem subs-
in der Landwirtschaft 34 Prozent der CO2-      Für den NABU ist eine solche Haltung nicht    tanziellen Beitrag zum Klimaschutz kann
Emissionen gegenüber 1990 eingespart           akzeptabel. Die deutsche Politik mache sich   also kaum die Rede sein.
werden.                                        beim Klimaschutz zum „Papiertiger“, so        Bernd Pieper
                                               NABU-Bundesgeschäftsführer Leif Miller        Weitere Informationen unter https://nrw.nabu.de/
In den Augen vieler Kritiker reichen diese     – eine Blamage angesichts der bevorstehen-    umwelt-und-ressourcen/klima/
Zielvorgaben nicht aus. Und aktuelle Zahlen    den Weltklimakonferenz im November in
bestätigen diese negative Prognose: So sind    Bonn. Deshalb hatte der NABU auch den
die CO2-Emissionen in Deutschland nach         Aufruf zu einer Menschenkette gegen den
Berechnungen der Initiative „Agora Ener-       geplanten weiteren Braunkohleabbau im
giewende“ im ersten Halbjahr 2017 gegen-       Hambacher Wald unterstützt, dem am 26.
über dem Vorjahreszeitraum um 1,2 Pro-         August rund 3.000 Klimaschützer folgten
zent auf 428 Millionen Tonnen angestiegen.     und eine zwei Kilometer lange Menschen-
Dafür ist vor allem der Verkehrssektor mit     kette gegen die Pläne des Energiekonzerns
                                                                                             J. Farys/BUND

einem Plus von 4,6 Millionen Tonnen CO2        RWE bildeten.
verantwortlich.                                Vor diesem Hintergrund ist es eine positive
Ein weiterer Knackpunkt beim Klimaschutz       Nachricht, dass zum 1. Oktober die letzten
ist das fehlende Tempo beim Ausstieg aus       beiden Blöcke des RWE-Braunkohlenkraft-       Bunter Protest gegen den Braunkohleabbau

                                                                                                                                                11
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NABU vor Ort

                       Erfolgreiches Konzept
                       1. Tag der Biologischen Vielfalt in Siegen-Wittgenstein
Fotos: Klaudia Witte

                       Vierbeinige Naturschützer

                       A
                                m 16. Juli 2017 fand der 1. Tag der    das letzte verbliebene Brutgebiet für die Hei-   ten, war sehr erfolgreich. Der Tag der Bio-
                                Biologischen Vielfalt in Siegen-       delerche in Siegen-Wittgenstein.                 logischen Vielfalt soll in dieser Form in den
                                Wittgenstein auf der Trupbacher                                                         nächsten Jahren jährlich an verschiedenen
                       Heide statt. Die Besucher konnten auf ei-       Vielfältiges Programm                            Standorten und Lebensräumen mit unter-
                       nem sechs Kilometer langen Wanderweg            Am Tag der Biologischen Vielfalt durf-           schiedlichen Schwerpunktthemen angebo-
                       den Lebensraum der Trupbacher Heide             ten sich Kinder bei einer Rallye austoben.       ten werden. Ziel ist es, den Menschen ihre
                       unter die Lupe nehmen und sich an Infor-        Als Preis erhielten die jungen Naturfor-         Naturschätze vor Ort zu zeigen und ihnen
                       mationsständen entlang des Wanderweges          scher eine Urkunde und konnten über eine         hierzu interessante Informationen zu prä-
                       über die Tiere und Pflanzen, den Natur-         Verlosung einen Buchpreis gewinnen. Für          sentieren. Denn nur wer Tier- und Pflanzen-
                       schutz und Pflegemaßnahmen zur Trupba-          Nachtschwärmer wurde eine Fledermausex-          arten und ihre Lebensräume kennt, wird sie
                       cher Heide informieren.                         kursion von der Biologischen Station Siegen-     schätzen lernen und sich für ihren Schutz
                                                                       Wittgenstein angeboten. Hierbei konnten          einsetzen.
                       Die Trupbacher Heide hat eine bewegte           Zwergfledermäuse bei der Insektenjagd be-        Initiiert wurde diese Veranstaltung von
                       Geschichte hinter sich. Nachdem die Bel-        obachtet werden.                                 Prof. Dr. Klaudia Witte und ihrem Team
                       gier die rund 300 Hektar große Fläche ab        Am Vormittag gab es in der Universität           vom Institut für Biologie der Universität Sie-
                       1994 nicht mehr als Truppenübungsplatz          Siegen und der Trupbacher Heide Vorträge         gen. Kooperationspartner waren die NRW-
                       benötigten, plante die Stadt hier ein großes    rund um das Thema Biologische Vielfalt so-       Stiftung Naturschutz, Heimat- und Kultur-
                       Gewerbegebiet. Es entbrannte ein jahr-          wie eine von Studierenden organisierte Aus-      pflege, der NABU Siegen-Wittgenstein, die
                       zehntelanger Kampf zwischen der Stadt,          stellung zur Natur des Jahres 2017, also zu      Biologische Station Siegen-Wittgenstein,
                       engagierten Bürgern, einer eigens gegrün-       den durch verschiedene Organisationen ge-        der Bundesforst, die Stadt Siegen, der Kreis
                       deten Bürgerinitiative sowie dem NABU           kürten „Jahreswesen“, wie etwa Haselmaus,        Siegen-Wittgenstein sowie der BUND. Eva
                       um den Erhalt dieser wertvollen offenen         Waldkauz und Fichte. statt. Ergänzt wurde        Lisges nahm stellvertretend für den NABU
                       Heideflächen.                                   das Programm durch eine Ausstellung zum          Siegen-Wittgenstein eine Förderung der
                                                                       Thema „Vielfalt Obst“ und ein Gewässerla-        NRW Stiftung in Höhe von 2.500 Euro für
                       Naturschutz statt Gewerbegebiet                 bor. Ein Shuttlebus fuhr die Besucher dann       den Tag der Biologischen Vielfalt entgegen.
                       Nachdem 2003 sogar das EU-Parlament             am Nachmittag zur Trupbacher Heide.              Auch die Abteilung Umwelt der Stadt Siegen
                       die Pläne der Stadt Siegen kritisierte hatte,   Entlang des Wanderweges wurden zehn              stellte 500 Euro zur Verfügung.
                       wurden rund 85 Hektar der Fläche als FFH-       Infostationen zu verschiedenen Themen            Klaudia Witte
                       Gebiet ausgewiesen. In den Jahren 2003 und      angeboten: Die ehemalige Bürgerinitiative        Weitere Informationen unter
                       2004 entstanden hier die Naturschutzgebie-      erläuterte die geschichtlichen Hintergrün-       https://biovielfalter.wixsite.com/biovielfalt-siwi.
                       te „Heiden und Magerrasen bei Trupbach“         de zum heutigen Naturschutzgebiet. An
                       und „Kirrberg“, die seitdem von ehrenamt-       einer anderen Station lernten die Wanderer
                       lichen Naturschützern, NABU-Mitgliedern         die vielseitigen Pflegemaßnahmen kennen,
                       und von Weidetieren gepflegt werden.            die für den Erhalt der Offenflächen und des
                       2016 wurde die NRW-Stiftung Eigentü-            Heidecharakters notwendig sind. Der Schä-
                       merin der Trupbacher Heide. Hier findet         fer Armin Küthe war mit seinen Tieren vor
                       man Borstgrasrasen und Besenheide, die ab       Ort und erläuterte die wichtige Rolle der
                       Mitte August den typischen Heidecharak-         Schafe für den Naturschutz.
                       ter unterstreicht. Magerwiesen und -weiden,
                       Niederwald und offene temporäre Gewässer        Ausblick
                       sind durch die regelmäßigen Panzermanö-         Das Konzept, Informationsstände entlang
                       ver entstanden. Die Trupbacher Heide ist        eines vorhandenen Wanderweges anzubie-           Vielfältiges Angebot für Jung und Alt
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                        NATURSCHUTZ in NRW 4/2017
NABU vor Ort

Schon einiges gelernt
Ausbildung zum NABU-Naturtrainer

N
         achdem sich das Pilotprojekt
         „Naturtrainer“ des NABU NRW
         zwischen 2014 und 2016 als über-
                                                                                              umweltbildung/naturtrainer/
aus erfolgreich erwiesen hatte, startete vor
knapp einem Jahr die zweite Runde. In den
Regionen Köln, Essen/Mülheim, Müns-
terland, Paderborn/Lippe und Herford
werden Seniorinnen und Senioren in der
nachberuflichen Phase in zwölf Workshops
über 16 Monate darin geschult, sich ehren-
amtlich in der Betreuung einer Kinder-
gruppe zu verwirklichen. Dabei werden die
Teilnehmerinnen und Teilnehmer schritt-
weise an kindgerechte Arten der Wissens-
vermittlung in der Natur herangeführt.

Bereits nach dem dritten Workshop suchen
sich die angehenden Naturtrainerinnen und
                                                M. Schoch

-trainer ihre Kindertagesstätte oder ihren
eigenen Kindergarten aus und entwickeln
eigenständig Spiele und Projekte, die sie       Wildkräuterkunde gehört zur Ausbildung.
gemeinsam mit den Kindern durchführen.
Bis zum Ende des Projektzeitraumes im           machen stehen im Vordergrund. Unter der       setzen. Beim Workshop „Wildkräuterküche“
Juni 2018 erarbeiten die Naturtrainer ihr       Anleitung ausgebildeter Naturpädagogen        werden dann schon mal Brennnesselchips
eigenes Projekt und erhalten nach erfolg-       lernen die angehenden Naturtrainerinnen       hergestellt und anschließend verköstigt. Ei-
reicher Teilnahme bei den Workshops eine        und Naturtrainer neue Inhalte und legen       nige Naturtrainerinnen und Naturtrainer
Zertifizierung.                                 sich ein Repertoire an Liedern, Spielen und   konnten bereits Erfahrungen in „ihren“ Ki-
Naturfarben, Wildbienen, Wolf, Teich,           Aktivitäten zu, die sie später in den Kitas   tas sammeln, konzipierten Unterrichtsein-
Wildkräuterküche und vieles mehr: Die 59        umsetzen.                                     heiten und besorgten dafür Anschauungs-
künftigen Naturtrainerinnen und Natur-          Fleißig werden in den Gruppen Ideen ausge-    material, wie den ausgestopften Maulwurf,
trainer haben in den ersten neun Monaten        tauscht und Produkte aus Naturmaterialien     den eine Naturtrainerin von einer Grund-
ihrer Ausbildung schon einiges (kennen)ge-      hergestellt. So verbreiten sich Naturerfah-   schullehrerin ausgeliehen hatte.
lernt. Die Workshops sind praxisnah gestal-     rungsspiele wie das Zweigpuzzle, ein Rät-     Michael Schoch
tet, wobei die Theorie natürlich nicht fehlen   sel, bei dem es gilt, mehrere zerschnittene   Weitere Informationen unter https://nrw.nabu.
darf. Basteln, in die Natur gehen und selber    Zweige zu ordnen und wieder zusammen zu       de/umwelt-und-ressourcen/gesellschaft-politik/

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NABU vor Ort
     V. Unterladstetter

     Bunte Vielfalt statt monotoner Rasenflächen

     D                                               Wiesen in Köln
              ie Bedeutung von Städten für den
              Erhalt der Artenvielfalt wächst
              mit der zunehmenden Verödung
     der landwirtschaftlich übernutzten Land-        Neue Perspektiven für Tagfalter und Co.
     schaften. Doch auch in den Städten wird
     Grünland vielfach ökologisch unsachge-
     mäß oder gar nicht gepflegt. Der NABU
     Stadtverband Köln entwickelt auf Modell-        von Weidelgras, Straußgras und Schwin-          Einfache Rechnung
     flächen in Zusammenarbeit mit der Stadt-        gel wachsen nun mehr als 70 Wildgräser          Zwei Modellflächen hat der NABU in Köl-
     verwaltung neue Grünlandlebensräume,            und -kräuter auf den Projektflächen. Etwa       ner Stadtparks auf insgesamt 7.000 Quad-
     die deutlich machen: Grünpflege im öffent-      40 Pflanzenarten der Mähwiesen wurden           ratmetern angelegt, weitere sollen in den
     lichen Raum geht auch anders!                   mit zertifiziertem Regiosaatgut zurück auf      nächsten Jahren folgen. Dahinter verbirgt
                                                     die Flächen gebracht. Andere Pflanzen,          sich eine einfache Rechnung: Von den etwa
     Etwas kleines Blaues flattert von einem blü-    deren Samen noch im Boden schlummer-            2.800 Hektar Grünflächen in Köln (ohne
     henden Hornklee auf, taumelt kurz im Wind       ten oder die in der Nähe wuchsen, nutzten       städtischen Wald) wird in Parks und Grün-
     und lässt sich einen Moment später an einer     ihre Chance und eroberten sich ihren Anteil     anlagen nur ein Bruchteil von der lokalen
     anderen Pflanze nieder. Die Bläulinge sind      an den neuen Wiesen. So hat sich man-           Bevölkerung intensiv genutzt. Weite Areale
     zurückgekehrt! In Köln ist die Freude darü-     che Ruderalart unter die Wiesenblumen           dienen hingegen eher als Landschaftsku-
     ber groß, denn die zierlichen Falter besu-      gemischt, die zwar in Dauergrünland nicht       lisse oder liegen peripher beziehungsweise
     chen Flächen, die noch vor zwei Jahren aus      vorkommt, aber in den ersten Jahren den         an Verkehrsinfrastrukturen. Viele dieser
     einheitlich grünem Parkrasen bestanden.         Anblick bereichert.                             Flächen werden damit heute völlig umsonst
     Wo bis vor kurzem die städtischen Mulch-        Manche dieser Arten, wie etwa die Weg-          intensiv, mit häufiger Mahd und einem kon-
     mäher fuhren und Spuren von zermatsch-          Distel oder die Färber-Resede, erfreuen da-     stanten Einsatz von Maschinen und Perso-
     tem Grünschnitt hinter sich herzogen, wo-       bei nicht nur die Passanten, sondern locken     nal aufwändig bewirtschaftet.
     gen nun Margeriten, Moschusmalven und           auch Tagfalter und viele weitere Tiere an. In   Mit einer verringerten Mahdfrequenz kön-
     Wilde Möhren im Sommerwind.                     den folgenden Jahren werden diese Beglei-       nen diese Flächen ökologisch verträglich
                                                     ter den eigentlichen Wiesenpflanzen Platz       bewirtschaftet werden. Das würde nicht
     Artenreich und bunt                             machen. So manche Schönheit der Mähwie-         nur eine nachhaltige Aufwertung der loka-
     Die neuen „Stadtwiesen“, die der NABU           sen zeigte sich dabei schon im zweiten Jahr.    len Ökosysteme bedeuten und vielen heute
     Köln in Zusammenarbeit mit dem Kölner           Bei Schmetterlingen waren zum Beispiel die      selten gewordenen Pflanzen und Tieren des
     Amt für Landschaftspflege und Grünflächen       ersten Blüten von Acker-Witwenblume und         Offenlands neue Perspektiven bieten. Auch
     angelegt hat, zeigen sich bereits im zweiten    Aufgeblasenem Leimkraut heiß begehrt.           die Stadtbevölkerung könnte in arten- und
     Jahr deutlich artenreicher und bunter als der   Und auch die Wiesen-Flockenblume ist ein        strukturreichen Grünräumen einen deutli-
     alte Rasen. Kein Wunder: Statt Zuchtformen      beliebtes Anflugsziel.                          chen Mehrwert an Lebensqualität erfah-
14
                    NATURSCHUTZ in NRW 4/2017
NABU vor Ort
ren. Studien der letzten Jahre haben immer
wieder gezeigt, wie wohl wir Menschen uns
in einer vielfältigen und lebendigen Umge-
bung fühlen: Blühende Wiesen mit flattern-
den Schmetterlingen sind in der Lage, Stress
und seelische Belastungen abzubauen, das
soziale Miteinander zu stärken und spiritu-
elle Momente von Naturerfahrung und – ja
– Lebensglück zu ermöglichen. Mit einer
behutsamen Grünpflege in der Stadt tun wir
damit nicht zuletzt uns selbst etwas Gutes.

Die Stadt als Hotspot der                      P. Malzbender

Artenvielfalt
Doch warum sollen gerade Städte heute
Artenschutzbemühungen stemmen, wo sie
doch vielfachen Herausforderungen ganz         Marie Tscherner (l.) und Melissa Kiwitt entfernen regelmäßig die Akkus aus den Althandys.
anderer Art gegenüberstehen? Städte wie

                                               Handys für den Naturschutz
Köln wachsen unaufhörlich, sie platzen
förmlich aus allen Nähten. Wohnraum ist
Mangelware, ökologisch wertvolle Brachflä-
chen werden überbaut. Zugleich heizen die      Erfolgreiche Sammelaktion der NABU-Kreisgruppe Wesel
menschengemachten Strukturen aus Stein,

                                               I
Beton und Asphalt das Stadtklima immer              m Rahmen des bundesweiten                        Damit hat die NABU-Kreisgruppe Wesel
weiter an. Kann Artenschutz da nicht an-            ­NABU-Wettbewerbs „Alte Handys für               19.731,90 Euro erwirtschaftet. Dieses Geld
dernorts stattfinden, mag sich mancher fra-          die Havel“ hat der NABU Wesel seit              wird komplett für die Renaturierung der
gen. Die Antwort auf diese Frage ist so sim-   2007 stolze 7.029 Althandys gesammelt                 Unteren Havel in Brandenburg zur Ver-
pel wie ernüchternd. Sie wird deutlich, wenn   und zum Recycler geschickt. Zuvor wurden              fügung gestellt. Das NABU-Projekt ist ein
der Blick über die Stadtgrenzen hinaus auf     in der NABU-Geschäftsstelle Wesel jeweils             beispielhafter Beitrag zur Wiedergewinnung
die toten Agrarsteppen schweift.               die Akkus mühsam ausgebaut und sepa-                  der Biodiversität eines ökologisch wertvol-
Die großen Städte erweisen sich immer          riert. Die Spezial-Firma verwendet insbe-             len Flusses. Die Weseler Naturschützer freu-
mehr als Hotspots der Artenvielfalt. So        sondere die wertvollen Bauteile, die aus              en sich besonders darüber, dass zwei von ih-
wurden in Köln in den letzten Jahren bei       seltenen Erden gewonnen und produziert                nen eingeladen wurden, um sich das Projekt
intensiven Kartierarbeiten über 1.500 Pflan-   werden, um sie anschließend wieder in den             vor Ort direkt anzuschauen.
zensippen gefunden – weit mehr, als das        Produktionskreislauf zu bringen.                      Marie Tscherner
landwirtschaftliche Umland mit seinen
endlosen geometrischen Monokulturflächen
noch beherbergen kann. Doch es sind nicht      Der Schmetterlingsflieder, ein ständiger Be­          in manchen Fällen nachzuhelfen. Zum Bei-
unbedingt die indigenen Pflanzen der alten     gleiter städtischer Biotope, ist ein gutes Bei-       spiel mit Ansaaten überfall dort, wo Pflan-
Kulturlandschaften, die hier so prächtig       spiel: Zwar dienen seine violetten Röhren-            zen der Mähwiesen und Extensivweiden
gedeihen.                                      blüten vielen häufigeren Schmetterlingsarten          in der Umgebung fehlen. Es versteht sich
                                               wie dem Tagpfauenauge als Nektartankstelle.           von selbst, dass dabei mit großer Umsicht
                                               Doch gerade die auf Grünland spezialisier-            vorgegangen werden muss, damit kein Scha-
                                               ten Arten, wie Bläulinge, Widderchen oder             den entsteht. Pflanzliche Vielfalt entsteht
                                               Scheckenfalter, wird man an ihm kaum ent-             nicht von heute auf morgen, sondern benö-
                                               decken. Ein Schutz dieser Schmetterlingsar-           tigt Jahrzehnte. Da braucht es Geduld und
                                               ten benötigt daher intakte Grünlandlebens-            nachhaltige Pflegevereinbarungen.
                                               räume mit passenden Schmetterlingspflan-              Doch selbst (oder gerade?) auf jungen Wie-
                                               zen und kann nicht allein über die Anlage             sen stellt sich oft erstaunlich schnell eine
                                               von Blühstreifen oder Blühmischungen für              große faunistische Vielfalt ein. Jede dieser
                                               den Hausgarten erfolgen.                              Stadtwiesen kann einen unmittelbaren Bei-
                                                                                                     trag zur Wahrung der biologischen Vielfalt
                                               Geduld und nachhaltige Pflege                         leisten. Und wer weiß? Vielleicht fliegen
                                               Wenn altes Grünland fehlt, müssen neue                bald wieder Bläulinge durch Stadtviertel, wo
                                               Wiesen und Weiden angelegt werden. In                 sie lange nicht zu sehen waren. Heißen wir
                                               vielen Fällen sind die Verbreitungswege der           sie mit neuen Stadtwiesen willkommen!
S. Ertle

                                               Pflanzen bereits so gestört, dass sie kaum            Volker Unterladstetter
                                               von allein auf die neuen Flächen gelangen.            Weitere Informationen unter https://nabu-koeln.
Die Bläulinge kommen zurück.                   Konkreter Artenschutz bedeutet daher heute,           jimdo.com/projekte-1/wiesenprojekt/
                                                                                                                                                       15
                                                                                                                       NATURSCHUTZ in NRW 4/2017
NATZ, die jungen Seiten
                                                                                                        Tag der Artenvielfalt oder dem Straßenfest
                                                                                                        des soziokulturellen Zentrums für Aktion,

     Rechenschaft und Ausblick                                                                          Kultur und Kommunikation (ZAKK) in
                                                                                                        Düsseldorf mit mehr als 10.000 Besuchern.
                                                                                                        Dieses Engagement lohnt sich. Mit aktuell
     Die Landesvertreterversammlung der NAJU NRW
                                                                                                        rund 12.000 Mitgliedern verläuft die Ent-
                                                                                                        wicklung der NAJU NRW sehr positiv.

     D
               ie diesjährige Landesvertreterver-                                                       Vorgestellt wurde in Essen das Präventions-
               sammlung (LVV) der NAJU NRW                                                              konzept, das die NAJU NRW zusammen
               fand im Natur- und Jugendzent-                                                           mit dem Kinderschutzbund erarbeitet. Da-
     rum Vossgätters Mühle in Essen statt. Mit                                                          bei geht es um die Themen Kindeswohlge-
     der restaurierten Mühle hat ihr Trägerver-                                                         fährdung und Prävention sexueller Gewalt
     ein, zu dem auch die NAJU NRW gehört,                                                              zum Schutz von Kindern und Jugendlichen.
                                                        NAJU NRW
     einen wunderbaren Ort für Umweltbil-                                                               Ein Verhaltenskodex wird erstellt, Fortbil-
     dung geschaffen. Hier finden regelmäßig                                                            dungen zu diesem Thema sind für ehren-
     Jugendtreffen, Ferienangebote, Workshops           Der Infotisch der NAJU NRW beim ZAKK-Straßen-   und hauptamtliche Mitarbeiterinnen und
                                                        fest in Düsseldorf
     und Spielgruppen zum Thema Natur statt.                                                            Mitarbeiter künftig Pflicht.
     Es gibt viele Angebote aus Umweltbildung                                                           Die Sitzung wurde durch die Berichte aus
     und Naturschutz für Kindergärten und               Zielgruppen erreichen, etwa Jugendliche mit     den Orts- und Kreisgruppen abgerundet.
     Schulklassen.                                      Migrationshintergrund und Menschen mit          Darüber hinaus wurden einige neue Mit-
                                                        Einschränkungen.                                glieder in den Vorstand gewählt, der sich
     Der Vorstand berichtete zunächst über den          Weiter auf der Tagesordnung standen Be-         jetzt wie folgt zusammensetzt:
     Stand der Dinge. Das JugendUmweltMo-                richte über den Stand aktueller Projekte,      Landesjugendsprecher: Marvin Fehn, Fabi-
     bil (JUM), das über Jahre erfolgreich von           wie zum Beispiel „Waldwelten" und das          an Karwinkel, Jördis Stührenberg
     Carola De Marco geführt wurde, wird Ende           „Inte­grationsprojekt“. In beide Projekte       Kassenwart: Christian Volk
     2017 an den Biologen Dennis Brockmann              wird auch das von der NAJU mitgetragene         Beisitzer: Katharina Brusberg, Pia Heyn,
     übergeben. Schulen, Kindergeburtstage,             ­NABU-Projekt „Zeit der Schmetterlinge"         Thiemo Karwinkel, David Lewandowski,
     Stadtfeste und NABU-/ NAJU-Veranstal-               eingebunden. Ebenfalls berichtet wurde von     Lelaina Teichert
     tungen in ganz NRW sollen weiter bedient            der NAJU-Präsenz auf verschiedenen Ver-
     werden. Darüber hinaus soll das JUM neue            anstaltungen und Festivals, wie dem GEO-       Sandra Jedamski

     Ausgezeichnet                                      Dafür gab es vom NAJU-Bundesverband
                                                        ein tolles Buchpaket und Becherlupen. Die
                                                        NAJU NRW hatte sich zusätzlich etwas Be-
                                                                                                        November 2017 von Jugendgruppen in Düs-
                                                                                                        seldorf und Münster gebucht werden (www.
                                                                                                        waldwelten.nrw).
                                                        sonderes für die Gewinner aus Coesfeld aus-     Der „Erlebte Frühling" ist Deutschlands äl-
     NAJU-Gruppe Coesfeld                               gedacht und schenkte der Kindergruppe ei-       tester Kinderwettbewerb im Umweltbereich.
     siegt beim „Erlebten Frühling“                     nen naturpädagogischen Workshop aus dem         Seit 1984 beteiligen sich Jahr für Jahr Hun-
                                                        Projekt „Waldwelten“. Die Kids durften aus      derte kleiner Naturforscherinnen und Na-

     B
             eim bundesweiten NAJU-Wettbe-              verschiedenen Naturthemen auswählen, wie        turforscher mit phantasievollen Beiträgen
             werb „Erlebter Frühling“ war die           zum Beispiel Schnitzen, Kosmetik aus Na-        an dem Wettbewerb und lernen so Pflanzen
             NAJU-Gruppe aus Coesfeld 2017              turprodukten oder auch Orientierung mit         und Tiere vor ihrer eigenen Haustür kennen
     erfolgreich. Unter den insgesamt 108 Ein-          GPS/Karte und Kompass. Die „Waldwelten“-        (www.erlebter-fruehling.de).
     sendungen wurden Preise in den Kategori-           Workshops können darüber hinaus noch bis        Sandra Jedamski
     en „Kindergarten“, „Schule“, „Kindergrup-
     pe“ und „Einzeleinsendungen“ vergeben.
     Die kleinen Forscherinnen und Forscher
     aus Coesfeld errangen den 1. Platz in der
     Kategorie „Gruppe“. Über mehrere Monate
     hatte die Gruppe ein Waldkauzrevier be-
     sucht, eine Behausung gebaut, ein Kauz-
     rätsel erstellt und gemeinsam ein Buch
     gestaltet.
                                                        A. Kleinschneider

                           Erfolgreich und glücklich:
                         die NABU-Gruppe Coesfeld
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      NATURSCHUTZ in NRW 4/2017
NATZ, die jungen Seiten

Frischer
Wind
Neue Freiwillige bei der
NAJU NRW

A
         uch diesen Sommer gab es wieder
         einen Wechsel der Freiwilligen in

                                                 F. Müller
         der NAJU-Landesgeschäftsstelle.
Jetzt haben wir die Ehre, unseren Bun-
desfreiwilligendienst beziehungsweise                                                                               Stimmungsvoll trockenfallen
unser Freiwilliges Ökologisches Jahr bei
der NAJU NRW absolvieren zu dürfen.
Wir – Jonathan, Lara und Lukas – wurden
sehr freundlich empfangen und haben uns
                                                 Zu gutes                                       Nach unserem Stopp in Hoorn fuhren wir
                                                                                                hin­aus auf das Markermeer. Dort warfen wir
                                                                                                den Anker, und danach ging es ab ins küh-

                                                 Wetter
schnell eingelebt.                                                                              le Nass. Es wurde vom Schiff oder Klüver-
                                                                                                baum gesprungen, für viele ein Höhepunkt
                                                                                                der Freizeit! Einige Teilnehmerinnen und
                                                                                                Teilnehmer blieben in der klaren, kühlen
                                                 Die NAJU-Segelfreizeit 2017
                                                                                                Nacht an Deck und beobachteten die Sterne.
                                                                                                Nach einem Zwischenstopp in Stavoren ging

                                                 D
                                                           ie diesjährige neuntägige Segel-     es weiter in Richtung Wattenmeer. Auf dem
NAJU NRW

                                                           freizeit der NAJU NRW in Hol-        Weg zur Insel Terschelling bestaunten wir
                                                           land startete im Harlinger Hafen.    eine Robbenbank. Auf Terschelling absol-
Die neuen Freiwilligen: Jonathan Thorn, Lara     20 Jugendliche zwischen 13 und 17 Jahren       vierten wir dann eine Inselrallye.
Odenthal und Lukas Stemper (v.l.)
                                                 und vier Betreuer bezogen ihre kleinen,        Entweder hat man beim Segeln Wind oder
Unsere Aufgaben sind vielfältig. Wir küm-        aber feinen Zimmer für die nächsten neun       sehr sonniges Wetter und keinen Wind.
mern uns um die Ausleihe von Spielen oder        Tage. Zu Beginn schauten noch einige neu-      Nach dem Ablegen von Terschelling hatten
Materialien für die Kinder- und Jugendfrei-      gierige Eltern unter Deck, wie ihre Schütz-    wir sehr sonniges Wetter … also fuhren wir
zeiten, um die Öffentlichkeitsarbeit, die Lis-   linge wohl die nächsten Tage hausen wer-       ab hier mit Motorkraft. Sehr schade, denn
ten der Kinder- und Jugendgruppen sowie          den. Dann packten alle mit an, das Gepäck      mittlerweile war unsere Truppe richtig ein-
die Besetzung der Zentrale in der Landesge-      und zahlreiche Einkäufe wurden an Bord         gespielt beim Hissen der Segel und allen da-
schäftsstelle. Darüber hinaus betreuen wir       verstaut. Schon hier war klar, was beim Se-    zugehörigen Aufgaben.
die Infostände der NAJU und das Projekt          geln zählt: Teamarbeit!                        Weiter ging es nach Ameland, wo das Ein-
„Waldwelten“, bei dem für Kinder- und Ju-                                                       parkmanöver des 26 Meter langen Schif-
gendgruppen Workshops zum Themenge-              Familienanschluss war dieses Jahr inklu-       fes ein echtes Abenteuer war! Dort zogen
biet Wald angeboten werden.                      sive. Der Skipper Niels nahm seine Frau        wir mit der ganzen Gruppe los, um Müll zu
Mitte August kam der Umzug des Lagers in         Astrid als Matrosin und seine drei Kinder      sammeln und so der Umwelt etwas Gutes zu
den Keller hinzu, um das stark gewachsene        mit an Bord der ‚Madraque‘. Nach einer         tun. Anschließend ließen wir uns im Wat-
Sammelsurium des alten Lagers zu entwir-         Segel­einweisung ging es dann am Samstag       tenmeer trockenfallen – der perfekte Ort
ren, Platz für ein neues Büro zu schaffen        endlich auf See! Mit dem stärksten Wind        und Zeitpunkt, um Krebse und Wattwür-
und die Materialien des JugendUmwelt-            der nächsten neun Tage segelten wir nach       mer zu beobachten sowie natürlich für eine
Mobils aufzunehmen. Dabei stand auch             Enkhuizen. Wellengang und Wind machten         ausgiebige Schlammschlacht, nach der wir
eine gründliche Bestandsaufnahme auf der         einigen Teilnehmern und selbst segelerfah-     quasi das gesamte Schiff säubern mussten.
Agenda, um die neugewonnene Struktur             renen Betreuern doch mehr zu schaffen als      Später schauten wir unter Deck alle zusam-
langfristig und effizient zu nutzen.             anfangs gedacht …                              men einen Film und danach wurde, wie je-
Aufgelockert wird die Arbeit durch kleine        Am nächsten Morgen besuchten wir das           den Abend, noch die eine oder andere Run-
Kocheinheiten, für die wir vor allem im          Zuiderzeemuseum und lernten dort viel          de Werwolf gespielt.
Spätsommer und im frühen Herbst sehr             über den früheren Lebensstil der Holländer.    Am vorletzten Tag fuhren wir noch einmal
viel von unserem kleinen Acker am Rhein          Die kleinen Paddelboote waren das absolute     nach Terschelling. Abends besuchten wir
in Volmerswert ernten konnten. Von dem           Highlight – kleine Wasserschlachten inklu-     das Pfannkuchenhaus mit einer tollen Spie-
leckeren Essen profitieren nicht nur wir         sive. Später segelten wir mit ordentlicher     leecke. Nach einer teilweise durchgemachten
Freiwillige, sondern auch „zufällig“ in die      Brise in den Segeln in die schöne Hafenstadt   Nacht ging es am Sonntagmorgen wehmütig
Küche kommende Kollegen von NAJU und             Hoorn. In Hoorn war an diesem Wochen-          wieder zurück nach Harlingen, wo unsere
NABU, die dann gerne probieren dürfen.           ende Kirmes, so einige Buden kratzten am       wunderschöne Freizeit endete.
Lukas Stemper                                    Taschengeld der Jugendlichen.                  Florian Müller
                                                                                                                                                  17
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