Saiten Weiter denken.

Saiten Weiter denken.
Saiten




Weiter denken.
                 Ostschweizer Kulturmagazin
                   Nr. 251, Dezember 2015
Saiten Weiter denken.
Saiten Weiter denken.
Ein Heft über und
mit Refugees.
Und mit weiten Aus­
blicken auf die
postmigrantische
Gesellschaft.
Ausserdem: Freies
Theater. Offene
Töne.Weltläufige
Bücher. Und
ein geschenktes
Manifest.
Saiten Weiter denken.
Saiten Weiter denken.
EDITOR I A L


Nein, dieses Heft ist keine Antwort             Gewinn an Farbe. Gegen all dies, muss
auf die grauenhaften Anschläge von Paris        man annehmen, richtet sich der Terror der
vom 13. November. Antworten darauf              Fanatiker. Klar ist, dass solcher Fana­
werden anderswo gesucht, hilflos und frag­      tismus seine Ursachen auch in der Unge­
würdig allesamt: militärische, pazifis­         rechtigkeit der sozialen und ökonomischen
tische, diplomatische, emotionale, sprach­      Verhältnisse hat. Ein Beispiel dafür sind
lose Antworten. Zum Zeitpunkt der               die katastrophalen Arbeitsbedingungen
Anschläge war diese Saitenausgabe im            von Immigranten auf den Plantagen Anda­
Endspurt. Den Plan, im Dezember ein Heft        lusiens, auf denen unser Gemüse wächst.
zur Lage der Refugees hier und anders­          Die Landarbeitergewerkschaft, die sich
wo zu machen, hatten wir bereits Monate         für sie einsetzt, erhält dafür in diesen Tagen
zuvor gefasst. Inklusive den festen Vor­        den Menschenrechtspreis der St.Galler
satz, vor allem Asylsuchende in der Ost­        Grüninger Stiftung.
schweiz selber zu Wort kommen zu lassen.             In der Mitte dieses Hefts liegt ein Bo­
     In diesem Sinn ist dieses Heft viel­       gen Weihnachtspapier und auf ihm:
leicht doch eine Antwort. Es will Flüchtlin­    das nomadische Manifest von Saiten. Wir
gen eine Stimme geben. Viele haben im           freuen uns, wenn Sie es zum Geschenk­
St.Galler Solidaritätshaus ihre Anlaufstelle    Verpacken brauchen und damit nomadisch
gefunden. Sie reden hier von den                weitergeben. Oder an die Wand kleben.
Schwierigkeiten, die sie im Alltag, beim        Es ist aus der Überzeugung geschrieben: In
Deutschlernen, bei der Arbeitssuche             Zeiten wie diesen kann es nur darum
erleben, und davon, wie und warum sie in        gehen, die Welt und die Ostschweiz weiter
die Schweiz gekommen sind. Einige               statt enger zu machen – mit allen Risiken.
haben für Saiten ihre Geschichte aufge­         Und mit aller Neugier.
schrieben, in der fremden hiesigen              Saiten

und in ihrer eigenen Sprache.
     Sie sind hier, und sie sind Teil einer
Gesellschaft, die sich immer noch
weitherum einbildet, Migration sei ein vor­
übergehendes Ungemach. Dass dem
nicht so ist, erklärt der Publizist und Mig­
rationsforscher Kijan Espahangizi in
seinem Essay «Im Wartesaal der Integrati­
on». Der Fotograf Georg Gatsas arbeitet
an einem Projekt, das gleichfalls auf
die dringend notwendige Korrektur in den
Köpfen abzielt: auf die Einsicht, dass
wir längst in der post­migrantischen Ge­
sellschaft leben. Genaue poetische
Worte dafür findet die junge Autorin Claire
Plassard.
     Die post­migrantische Gesellschaft
zeichnet sich aus durch Mobilität,
durch Vielfalt, Durchlässigkeit, durch den
Verlust von Zugehörigkeiten und den
Saiten Weiter denken.
Saiten Ostschweizer Kulturmagazin             Sekretariat:Kristina Hofstetter,                Vertrieb: 8 days a week, Rubel Vetsch
251. Ausgabe, Dezember 2015,                  sekretariat@saiten.ch                           Druck: Niedermann Druck AG, St.Gallen
22. Jahrgang, erscheint monatlich             Kalender: Michael Felix Grieder,                Auflage: 6000 Ex.
Herausgeber: Verein Saiten, Verlag,           kalender@saiten.ch                              Anzeigentarife: siehe Mediadaten 2014/15
Schmiedgasse 15, Postfach 556,                Gestaltung: Samuel Bänziger, Larissa Kasper,    Saiten bestellen: Standardbeitrag Fr. 70.–,
9004 St.Gallen, Tel. 071 222 30 66            Rosario Florio, Lauryn Hill, grafik@saiten.ch   Unterstützungsbeitrag Fr. 100.–, Gönner­
Redaktion: Corinne Riedener, Peter Surber,    Korrektur: Esther Hungerbühler,                 beitrag Fr. 280.–, Tel. 071 222 30 66,
Urs­Peter Zwingli, redaktion@saiten.ch        Samuel Werinos                                  sekretariat@saiten.ch
Verlag/Anzeigen: Marc Jenny, Philip Stuber,   Vereinsvorstand: Lorenz Bühler, Zora            Internet: www.saiten.ch
verlag@saiten.ch                              Debrunner, Heidi Eisenhut, Christine Enz,
                                              Peter Olibet, Christoph Schäpper,
                                              Hanspeter Spörri (Präsident), Rubel Vetsch


                  POSITIONEN                                                             TITEL


8     Reaktionen
9     Blickwinkel                             17          Keine Zeit, um Kind zu sein
VON MARCO KAMBER                              Ein Besuch bei den UMA im Thurhof.
                                              VON URS-PETER ZWINGLI
10    Redeplatz
MIT GABI BERNETTA
                                              19      «Wenn ich nicht in die Schule kann … »
11    Gebremst – Juriert                      Schülerinnen und Schüler des Integra­Deutschkurses
13    Stadtpunkt                              schreiben über sich.
VON DANI FELS                                 VON TENZIN NGODUP, B., KHALID, SELOMUN ZERIHUN, MEERA, M.A., DAI SUAN MUNG,
                                              M.T., N.N. SERDAR UND CORINNE RIEDENER



                                              22                                      Glossar

                                              23 Den (Post­)Migrantinnen gehört die Zukunft.
                                              VON GEORG GATSAS



                                              26                 2850 Franken
                                              Aman ist 2008 aus Eritrea geflüchtet.
                                              Heute putzt er SBB­Waggons.
                                              NOTIERT VON PHILIPP BÜRKLER



                                              27            Arbeit wäre genug da, aber …
                                              Solihaus und Solinetz St.Gallen leisten
                                              Integrationsarbeit. Und reiben sich an den
                                              st.gallischen Asylstrukturen.
                                              VON PETER SURBER



                                              31          Im Wartesaal der Integration
                                              Die Schweiz ist längst angekommen in der
                                              postmigrantischen Realität – sie will es
                                              nur nicht wahrhaben.
                                              VON KIJAN ESPAHANGIZI



                                              36    «Die Immigranten sind das letzte Glied»
                                              Die Gewerkschaftsarbeit in den Gemüseplantagen
                                              Andalusiens wird mit dem St.Galler Grüninger­Preis
                                              ausgezeichnet.
                                              VON ERICH HACKL
Titelbild: Zurückgelassene Kleider an
der Küste, Cabo de Gata, Spanien 2008.
Bild: Christophe Chammartin
Fotos im Titel von Georg Gatsas
                                              40                      ihnen meine handschuhe
und Nader Afshar                              VON CLAIRE PLASSARD

6      INHALTSVERZEICHNIS                                                                                                       SA ITEN 12/2015
An dieser Ausgabe haben mitgearbeitet:         Keller, Khalid, Meera, Martin Mühlegg,       © 2015:Verein Saiten, St.Gallen. Alle Rechte
Nader Afshar, M.A., Aman, B., Kurt             Rolf Müller, Dai Suan Mung, Tenzin Ngodup,   vorbehalten. Nachdruck, auch auszugs­
Bracharz, Philipp Bürkler, Pascal Büsser,      N.N., Lika Nüssli, Charles Pfahlbauer jr.,   weise, nur mit Genehmigung. Die Urheber­
Christophe Chammartin, Tine Edel,              Claire Plassard, Anna Rosenwasser,           rechte der Beiträge und Anzeigenentwürfe
Kijan Espahangizi, Dani Fels, Pius Frey,       Marianne Sax, Leonie Schwendimann,           bleiben beim Verlag. Keine Gewähr für
Georg Gatsas, Yonas Gebrehiwet,                Serdar, Wolfgang Steiger, M.T.,              unverlangt eingesandte Manuskripte, Fotos
Erich Hackl, Maja Hess, René Hornung,          Brigitte Vuilleumier Lüthi, Ines Welte,      und Illustrationen.
Marco Kamber, Charlotte Kehl, Stefan           Selomun Zerihun




                  PERSPEKTIVEN                                    KULTUR                                     K ALENDER


42     Flaschenpost                            47     Wenn jeder kaputt geht                56    Dezember­Kalender
VON MAJA HESS AUS KURDISTAN                    Der türkische Film Köpek ist ein             76    Kiosk
                                               Dokument der Krise
44     Schaffhausen
                                               VON URS-PETER ZWINGLI
45     Thurgau                                                                                               ABGESA NG
                                               48   Im Bett mit Hope Sandoval
45     Vorarlberg                                                                           79    Kellers Geschichten
                                               Neue Alben von Bit­Tuner und
46     Rapperswil­Jona                                                                      81    Charles Pfahlbauer jr.
                                               Augenwasser.
46     Stimmrecht                              VON CORINNE RIEDENER                         83    Boulevard
VON YONAS GEBREHIWET
                                               49     Hundekot und Quallen
                                                         am Traumstrand
                                               Knuts Koffer transportiert Vinyl
                                               im Doppel.
                                               VON MARTIN MÜHLEGG

                                               50 Zeichnen gegen die Repression
                                               Bericht von der Egypt Comix Week
                                               in Kairo.
                                               VON LIKA NÜSSLI

                                               52    Irritationen seit 30 Jahren
                                               Bücher als Kunstwerke:
                                               Ein Glückwunsch an den Vexer Verlag.
                                               VON WOLFGANG STEIGER

                                               53         Laute Bescherung
                                               Das freie Theater blüht. Aber nicht
                                               genug, findet Michael Finger.
                                               VON PETER SURBER
In der Heftmitte: Zuhause ist man da, wo man
hindurchgeht. (Ein nomadisches Manifest)
                                               54     Bücher, die zu unserer
                                                           Zeit reden
                                               Neuerscheinungen, empfohlen von
                                               Buchhändlerinnen und Buchhändlern.

                                               55         Weiss auf schwarz




SA ITEN 12/2015                                                                                              INHALTSVERZEICHNIS        7
R EA KT ION EN


                                                  Umfrage ausgefüllt? Ja? Dann sind Sie in bester Gesellschaft. Die Umfrage in der letzten
                                                  Nummer, der 250. in der Saiten­Geschichte, hat höchst erfreuliche Resonanz gefunden. Die
                                                  Kiste mit den zurückgeschickten oder zurückgemailten Umfragebögen ist voll und schwer,
                                                  und bis jetzt wissen wir unter anderem dies von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser:

                                                          – dass Sie keine Abneigung gegen die Post haben. Die weitaus grösste Zahl
                                                            der Antworten ist im Briefkasten und im Postfach gelandet. Elektronisch war
                                                            der Rücklauf weniger stark.
                                                          – dass Sie sich erfreulich intensiv mit dem Heft beschäftigen und es offensichtlich
                                                            genau lesen – was man sich als Macher natürlich immer erhofft, aber nicht
                                                            so genau weiss.
                                                          – dass die weiss­auf­schwarzen Kulturseiten weiterhin nicht nur Freunde haben
                                                          – dass wir viel Zeit brauchen, um Ihre Antworten sorgfältig auszuwerten.

                                                  Deshalb gibt es hier noch kein Fazit, das sparen wir uns für die Januarnummer auf. Übrigens:
                                                  Umfrage noch nicht ausgefüllt? Dann bleibt noch Zeit bis Anfang Dezember. Den Umfrage­
                                                  bogen gibt es auch hier: saiten.ch/umfrage2015/

                                                  Vorerst hier einige willkürlich ausgewählte Kommentare:

                                                  Schönes Layout, Einblicke in Themen, die ich sonst nicht so kenne, Humor. Voll gutes Jazz­Heft.
Saiten Nr. 250, November 2015                     Teilweise zu punkig.
                                                  Unabhängiger Journalismus, kein Mainstream, politisch dezidiert. Aber manchmal doch etwas zu sehr
                                                  auf die Ostschweiz konzentriert (Rest der Welt … ?)
                                                  Gefällt mir alles.
                                                  Könnte etwas lebendiger werden, wirkt oft zu müde in der Aufmachung.
                                                  Ab und an könnten Ansagen ruhig noch pointierter sein.
                                                  Positiv: … eure Unverfrorenheit.
                                                  Negativ: … euer Klüngelwesen, eure Feindbildpflege
                                                  Aufpassen, dass ihr nicht zu einem rechthaberischen Klüngelfilz werdet.
                                                  Mir gefällt die Auswahl an Themen, die Tiefe der Reportagen, die Nischen für Kultur. Mir gefällt nicht …
                                                  ich weiss grad nicht, ausser dass es mir manchmal lange vorkommt bis zur nächsten Nummer.


                                                  Voila, hier ist sie, die nächste Nummer. Und vielen Dank fürs erste für die kritische Anteil­
                                                  nahme an Heft und Onlineplattform.



    Währendessen auf saiten.ch

Zugegeben: Wir haben ganz schön gelacht,          Weggeschaut hat auch der Deutsche Staats­             Hochreutener las: «Hochreuteners Arbeit ist
als bekannt wurde, was wirklich auf dem an­       chutz – wenn es um die Nazis in der Rechts­           von unserer Beobachtungsstelle und vom
geblichen Kinderporno­Video im Grossa­            rockszene geht. Der Journalist Thomas Ku­             Solinetz immer wieder kritisch beurteilt
cker zu sehen war: Zwei Jungs beim Trocken­       ban hat sich sechs Jahre lang undercover im           worden. Sie ist nur allzu oft auf den äusseren
üben. Keine bösen Erwachsenen, kein Sex           braunen Sumpf bewegt und sich – nach jahre­           Schein und nicht auf das Wohl der Betroffe­
und so gut wie keine nackte Haut. Ob das          langer, vergeblicher Suche nach einer Film­           nen ausgerichtet. Dass er jetzt über den Kan­
nun «schlimm» oder «normales Doktorspie­          finanzierung – mit Peter Ohlendorf zusam­             ton schimpft und sich als Spezialist emp­
len» war, wollen wir nicht beurteilen, aber       mengetan, der aus seinen Recherchen den               fiehlt: Ich kann es kaum fassen.» So begann
der Vorfall sagt einiges aus über die «Naivität   Dokfilm Blut muss fliessen gemacht hat. Un­           sie ihrerseits das Interview mit Saiten. Das
und Überforderung unserer Erwachsenen­            sere Vorschau samt Interview (saiten.ch/              ganze Gespräch gibts auf: saiten.ch/eine­
welt mit dem kindlichen Treiben in sozialen       undercover­unter­nazis) wurde gut geklickt            oeffentliche­keine­private­aufgabe. Und mehr
Netzwerken». So jedenfalls hat es Felix Mätzler   – noch besser aber wurde die Filmvorfüh­              zum Thema hier im Heft.
auf saiten.ch formuliert. Und weiter: «Kommt      rung im Palace besucht. Erfreulich erfreu­
dazu noch die Unbedarftheit, mit welcher          lich.
die Medien die Geschichte kolportieren,                  Nicht wirklich erfreut war Hannelore
wird’s fast schon ärgerlich.» Nachzulesen auf:    Fuchs, als sie das Interview im «Tagblatt»
saiten.ch/und­die­erwachsenen­schauen­weg.        vom 7. November mit VSGP­Präsident Peter




                                                  Sie ärgern sich? Sie freuen sich? Kommentieren Sie unser Magazin und unsere Texte auf
                                                  saiten.ch oder schreiben Sie uns einen Leserbrief an redaktion@saiten.ch.

8      POSITIONEN                                                                                                                           SA ITEN 12/2015
BLICK W IN K EL VON M A RCO K A M BER

Spätnachts in Küchen: Ne me quitte pas




SA ITEN 12/2015                                                                  POSITIONEN   9
R EDEPLATZ


           «Je mehr Akteure, desto besser für
               den Theaterplatz St.Gallen»
Die Stadt soll ein Festival für Kinder­ und Jugendtheater
erhalten – Initiantin Gabi Bernetta erklärt, warum.
INTERVIEW: PETER SUR BER, FOTOGR A FIE: TINE EDEL




Gabi Bernetta, im März 2018 soll erstmals in St.Gallen ein                     gend­Sparte, weil sich der neue Intendant andere Ziele
Theaterfestival für ein junges Publikum stattfinden – das Gesuch               setzt. In Leistungsvereinbarungen mit Theatern werden Pro­
liegt beim Lotteriefonds. Was ist der Anstoss dazu?                            duktionen für ein junges Publikum zwar gewünscht, aber zu
        Den Anstoss gab die schwierige Situation des Kinder­ und               wenig eingefordert.
        Jugendtheaters in der Schweiz. Es gibt tolle Truppen, aber
        sie haben immer weniger gute Auftrittsmöglichkeiten, und        Das ist erstaunlich, weil Kulturvermittlung für Kinder und
        vor allem gibt es kein Festival mit internationaler Ausstrah­   Jugendliche sonst ganz oben auf den Förderprioritäten steht.
        lung mehr. Den Theaterschaffenden fehlt damit eine wichti­      Die Ostschweiz hat dafür mit kklick eine eigene Plattform.
        ge Plattform.                                                          Das ist auch richtig, denn Kinder sind das künftige Publi­
                                                                               kum. Jedes Kind hat Anrecht auf kulturelle Bildung – so
Früher gab es in Zürich das Festival Blickfelder.                              steht es auch in der Kinderrechtskonvention der UNO. Ge­
      Blickfelder war ein renommiertes Festival, das weit ausge­               rade bildungsferne Kinder müssen über die Schulen diesen
      strahlt hat. Heute heisst es «Festival der Künste» und be­               Zugang bekommen. Es reicht aber nicht, Kinder in Erwach­
      dient alle Sparten. Daneben gab es SPOT, das Festival der                senenproduktionen zu schicken. Entscheidend ist, dass
      Astej, der Vereinigung des Theaters für Kinder und Jugend­               Theater für Kinder gut gemacht ist und dass es gesellschaft­
      liche. Es ging letztmals 2012 in Biel über die Bühne, 2014 hat           lich wichtige Themen altersgerecht umsetzt.
      sich die Astej als Assitej neu formiert und wird ein wichtiger
      Partner für das geplante Festival. Ich selber bin im Kinder­      In der Ostschweiz tun das schon viele: das Theater St.Gallen,
      und Jugendtheater gross geworden, ab 1990 beim KITZ Jun­          freie Gruppen wie Momoll, Theater Bilitz, U21 und andere.
      ges Theater Zürich. Damals hat die Stadt ihr eigenes Kinder­             Ja, das stimmt. Aber der Szene fehlt eine gemeinsame Platt­
      und Jugendtheater unterhalten, mit festem Ensemble. Bis                  form, und eine solche soll das geplante Festival bieten. Neben
      weit in die 90er­Jahre hat die deutschsprachige Theatersze­              Aufführungen soll es auch Workshops geben und Aus­
      ne die Schweiz als vorbildlich bewundert in Sachen Kinder­               tauschmöglichkeiten für Theaterschaffende.
      und Jugendtheater.
                                                                        Was für Stücke sind geplant?
Heute nicht mehr? Woran liegt das?                                            Zum einen ist es ein Premierenfestival; das macht es auch
      Am Beispiel Zürich gesagt: Die Gessnerallee, das Haus der               für die Veranstalter interessant. Weiter soll es eine interna­
      freien Szene, verzichtet heute ganz auf die Kinder­ und Ju­             tionale Koproduktion und Gastspiele geben – wobei die
10     POSITIONEN                                                                                                              SA ITEN 12/2015
Details natürlich von der Finanzierung abhängen. Ideal wäre            Gebremst
       ein Festival von zehn Tagen, das zwei Wochenenden umfasst.

Und die regionalen Theaterschaffenden?
      Sie gehören unbedingt auch dazu, sei es Bilitz, sei es Sgara­
                                                                           Baulobby vs. Volk
      musch aus Schaffhausen oder andere. Angedacht ist auch               Mitte November sagten die Stimmberech­
      eine Zusammenarbeit mit dem TAK in Schaan. Aber der                  tigten im Kanton St.Gallen klar Nein zur
      Blick geht über die Region hinaus: Nicht nur St.Gallen, son­         Richtplankompetenz des Kantonsrates. Das
      dern die Schweiz braucht ein solches Festival.                       mochte als unwichtiges Gerangel erschei­
                                                                           nen – doch das Nein ist weit mehr: Es ist ein
Ein Festival trägt zur Belebung bei – aber es konkurrenziert               klares Zeichen gegen die weitere Zersiede­
auch das bereits Vorhandene. Nicht zuletzt finanziell: Es bindet           lung und eine Absage an die Baulobby.
Gelder, die sonst freien Produktionen zur Verfügung ständen.                       Rückblende: Im März 2013 wurde
       Es ist immer ein Abwägen. Unterstützt man hier, fehlt es            über die Revision des eidgenössischen
       dort, mit dieser Problematik lebt die freie Szene seit jeher.       Raumplanungsgesetzes abgestimmt. St.Gal­
       Ein Festival lockt in der Regel Publikum an, das sonst eher         len stimmte – im Einklang mit dem Gesamt­
       selten ins Theater geht. Zudem ist die mediale Aufmerksam­          resultat – mit einem Ja­Anteil von 64,3 Pro­
       keit gross. Je mehr Akteure vor Ort in Erscheinung treten,          zent ab. Die Folge: Die Kantone müssen ihre
       umso vielfältiger wird die Szene auch wahrgenommen. Ich             Richtpläne revidieren. Bauzonen dürfen
       sehe das Festival weniger als Konkurrenz, sondern als Be­           nur so gross sein, dass sie dem erwarteten
       reicherung und als Chance, die freie Szene zu stärken.              Bevölkerungswachstum der nächsten 15
                                                                           Jahre entsprechen. Doch wer legt diese Zah­
Ein anderer Einwand gegen Festivals lautet: Einmal im Jahr ein             len fest? Im St.Galler Kantonsrat brachten
«Chlapf» statt kontinuierlicher Arbeit, das ist nicht nachhaltig.          SVP und FDP in einem Hau­Ruck­Verfahren
      Vorerst bedeutet ein solches Festival sehr viel Aufbauarbeit,        durch, dass künftig nicht mehr die Regie­
      im Austausch mit Schulen und anderen Akteuren auf die­               rung, sondern der Kantonsrat diese Zahl
      sem Gebiet, und das kommt wiederum allen zugute. Wenn                bestimme, denn die Baulobby will mög­
      sich zeigt, dass das Bedürfnis für gutes Kinder­ und Jugend­         lichst grosse Bauzonen.
      theater da ist, dann wirkt sich dies auch unter dem Jahr aus.                Eine Allianz von SP, Grünliberalen,
      Bis jetzt spricht man in diesem Zusammenhang kaum von                Grünen und EVP, unterstützt von Heimat­
      St.Gallen als Theaterplatz. Aber das kann sich ändern.               schutz, Pro Natura, WWF, Mieterverband,
                                                                           VCS und Hausverein, ergriff das Referen­
Konkurrenz herrscht im Kindertheater­Bereich auch, weil die                dum. Der Regierungsrat, der damit seine
subventionierten Theater Schulproduktionen günstiger anbieten              bisherige Kompetenz verloren hätte, melde­
können als die Freien.                                                     te sich im Abstimmungskampf nicht zu
      Generell sind die Gagen in der Szene eine Misere. Sie sind           Wort. Man wolle Zurückhaltung üben, man
      in den vergangenen 25 Jahren kaum gestiegen. Trotz der               sei ja direkt betroffen, so die kuschende
      neu festgelegten Richtgagen durch act, den Berufsverband             Antwort.
      der freien Theaterschaffenden, sind viele Veranstalter nicht                 Weniger zurückhaltend waren einige
      in der Lage, diese zu bezahlen. Subventionierte Häuser und           Gemeindepräsidenten und der St.Galler
      Gruppen haben hier klare Vorteile.                                   Stadtrat. Ihnen war klar: Wenn der Kantons­
                                                                           rat über Bauzonen diskutiert, haben die
Wie steht es um das Verhältnis Stadttheater – freie Szene generell?        Streitereien kein Ende. Die lokale Planung
       Die Abgrenzung zwischen festen Häusern und der freien               wäre auf Jahre hinaus blockiert. Das war die
       Szene ist viel durchlässiger geworden. Mit der Wahl von             Sicht der Behörden. Die umweltbewussten
       Jonas Knecht zum neuen Schauspieldirektor wird dies auch            Gegner argumentierten gegen die weitere
       in St.Gallen in Zukunft mehr der Fall sein. Das Festival wird       Zersiedelung. Der Unterschied zwischen
       jedoch als eigenständige Institution in St.Gallen auftreten.        den verschiedenen Bevölkerungsszenarien
       Die Inhalte bestimmt eine Programmgruppe. Die Assitej               liegt nämlich bei rund einer Million Quad­
       Schweiz, das Figurentheater St.Gallen und das Theater               ratmetern, die zusätzlich hätten eingezont
       St.Gallen sind drei der wichtigsten Partner. Das Festival ist       werden können. Als sich auch noch ein bür­
       ganz klar eine Plattform der freien Szene im Bereich des            gerliches Komitee gegen die übertriebenen
       jungen Theaters.                                                    Forderungen wehrte, war klar: Jetzt dürfte
                                                                           es für die Baulobby knapp werden. Tatsäch­
Gabi Bernetta, 1962, aufgewachsen in Chur, ist seit 1995 selbständig als   lich. Die Stimmberechtigten erteilten ihr
Produktionsleiterin für verschiedene freie Ensembles, u.a. für TRIAD
Theatercompany, Theater Konstellationen/Jonas Knecht, Thom Luz, Plasma,
                                                                           am 15. November mit 60 Prozent Nein­
Jürg Kienberger, Trainingslager Zürich.                                    Stimmenanteil die Quittung: Die Richtpla­
Anfang Dezember entscheidet der St.Galler Kantonsrat über einen            nung bleibt Sache der Regierung.
Lotteriefondsbeitrag an das Festival­Projekt.                                      Und wie reagieren die Baulöwen?
                                                                           Die FDP wiegelt ab: Materiell habe der Ent­
                                                                           scheid «keine grosse Auswirkungen», da
                                                                           sich Regierung und Kantonsrat in ihren Po­
                                                                           sitionen angenähert hätten. Dass FDP und
                                                                           SVP unbedingt das höchste Bevölkerungs­
                                                                           wachstums­Szenario durchsetzen wollten,
SA ITEN 12/2015                                                                                      POSITIONEN       11
POSIT ION EN                                                               STA DT PUN KT


wurde im Nachhinein schlicht verschwiegen. Hät­                                        Im Archiv
ten die Hardliner von Anfang etwas nachgegeben,
wäre die Volksabstimmung unnötig gewesen. Die
Obersparer im Parlament haben mit der von ihnen
provozierten Abstimmung schlicht Geld aus der
Kantonskasse zum Fenster hinausgeworfen.
        Das Thema ist trotzdem noch lange nicht er­
ledigt. Noch läuft die Unterschriftensammlung der
Jungen Grünen für ihre Zersiedlungsinitiative. Sie
verlangt, dass für Bauzonen das gleiche gelte wie
im Wald: Wird ein Gebiet neu eingezont, muss an­
dernorts eine gleichwertige Fläche ausgezont wer­        «Das wachsende Interesse der Bürger an allen Fragen der Gestaltung ihrer Um­
den. Je mehr Kantone mit der Umsetzung des               welt und das Unbehagen über die nicht immer befriedigenden Planungsergeb­
Raumplanungsgesetzes so schlampen, wie es in             nisse der letzten Jahre haben nicht nur in St.Gallen zur Frage geführt, wie der
St.Gallen versucht wurde, desto rascher sind die         Kontakt mit dem Bürger verbessert werden könnte. Oft genug werden Abstim­
Unterschriften für die Zersiedlungsinitiative zu­        mungsvorlagen nach zeitraubender und kostspieliger Planungsarbeit vom Bür­
sammen.                                                  ger an der Urne abgelehnt und damit Behörden und Verwaltung vor einen Scher­
                                                         benhaufen gestellt. Den Planern bleibt dann die schwierige, wenn nicht unlösbare
René Hornung                                             Aufgabe, den Volkswillen zu interpretieren und neue Vorlagen auszuarbeiten.»
                                                                 Jetzt kommt der schon wieder mit dem Marktplatz, werden Sie sich
                                                         denken, wenn Sie die einleitenden Sätze lesen. Ich kann Sie beruhigen (oder

      Juriert
                                                         möglicherweise erst recht beunruhigen), denn das Zitat stammt aus einer
                                                         Rede*, die alt Stadtrat Werner Pillmeier im November 1978 an einem Kolloqui­
                                                         um des Europarats in Stuttgart gehalten hat. An der Veranstaltung ging es um

Kunst ohne
                                                         «La participation des citoyens à l'aménagement de l’environnement», also Bürger­
                                                         beteiligung in der Umweltplanung. Wenn der Text nicht bloss männliche Formen

Kontroverse?
                                                         verwenden würde («der Bürger», «die Planer»), könnte man annehmen, dass er
                                                         tatsächlich ganz aktuell sei.
                                                                 Werner Pillmeier hat damals in Stuttgart über den Versuch der offenen
Am 10. Dezember öffnen die Kunst­Hallen, Mitte           Planung am Beispiel des Dammquartiers (Moosbrugg – Damm – Gallusplatz –
November wurden die Namen publik: Alle drei Jah­         Südumfahrung) gesprochen, und das in sehr reflektierter Weise. Er hat aufge­
re findet die Werkschau des Ostschweizer Kunst­          zeigt, worauf es beim partizipativen Vorgehen ankam und wo die Risiken lagen.
schaffens namens Heimspiel statt. Die Ostschweiz                 Was nun erstaunt, ist der Umstand, dass aufbauend auf diesen Erfah­
ist dabei gross gedacht: Vorarlberg und Liechten­        rungen in St.Gallen nicht weiter mit partizipativen Methoden experimentiert
stein sind dabei, und Vaduz ist dieses Jahr erstmals     wurde. Vielleicht, weil der offenen Planung aus Fachverbänden Widerstand
neben St.Gallen als zweiter Ausstellungsort im           erwachsen war (Zitat: «Wir wollen nicht mit Hausfrauen diskutieren»), viel­
Spiel. Die dreiköpfige Jury hat in zwei Runden ins­      leicht weil einige der beteiligten Gruppen sich nicht auf den vorgegebenen
gesamt rund 450 Eingaben beurteilt und davon 76          Perimeter beschränken mochten und mit einer gewissen Sturheit ihre Interes­
ausgewählt. Die Jüngsten mit Jahrgang 1989 sind          sen verfolgten. So zog sich beispielsweise die SP unter dem Vorwurf, die Bau­
die Innerrhoderin Roswitha Gobbo, der Ausserrho­         verwaltung würde den Prozess manipulieren, aus dem Kontaktgremium zurück,
der Fridolin Schoch und die St.Gallerin Salome           in dem Verbände, Parteien und die Klosterviertelgesellschaft organisiert waren.
Schmuki. Senior des Jahrgangs 2015 ist, wie schon                «Der Ruf nach der offenen Planung hat seine Ursache letztlich in Zwei­
vor drei Jahren, der inzwischen 92­jährige St.Galler     feln, unsere Entscheidungsspielregeln funktionierten nicht mehr in allen Be­
Ernst Bonda.                                             langen», wie Werner Pillmeier vor dem Europarat richtig feststellte. Wenn nun
        Vor drei Jahren gab es zum Heimspiel das         die Erkenntnisse aus den 70er­Jahren Anlass gewesen wären, sich nicht durch
«Spiel»: eine Mini­Gegenausstellung abgelehnter          die Animositäten von Verbänden und Parteien irritieren zu lassen und mutig
Künstlerinnen und Künstler im damals schon bau­          mit weiteren offenen Planungen weiterzumachen, hätten wir heute vermutlich
fälligen Hotel Ekkehard. Und die Brüder Riklin pro­      eine blühende Partizipationskultur in dieser Stadt.
pagierten auf Weltformat­Plakaten ihr eigenes jury­              Nun nehmen wir halt die damals ausgelegten Fäden wieder auf, in der
freies Ausstellungsprojekt. Ob sich dieses Mal           Hoffnung, dass das Interesse, über den eigenen Horizont hinaus zu blicken,
wieder Proteste erheben, wird man sehen. Das Sys­        heute grösser ist. Wenn das die Ausgangslage wird, dann kommt es gut.
tem «Jurierte Werkschau» hat sich in der Ostschweiz
etabliert – bringt es aber mit sich, dass eine Minder­   * Dieser Schatz aus dem privaten Archiv eines damals Beteiligten wurde mir zur
                                                         Verfügung gestellt, als während der vergangenen Wochen das Thema Partizipation in
heit glücklich und eine Mehrheit enttäuscht ist. Vor­    den lokalen Medien erfreulich viel Platz erhielt.
läufig hört man Kritik erst hinter vorgehaltener
                                                         Dani Fels, 1961, ist Dozent an der FHS St.Gallen und Fotograf. Er schreibt monatlich
Hand: Für Kunstmuseum und Kunsthalle St.Gallen           die Stadtkolumne in Saiten.
biete das regionale Heimspiel ein willkommenes
Alibi, sich übers Jahr umso weniger um die einhei­
mischen Künstlerinnen und Künstler zu kümmern.

Peter Surber




SA ITEN 12/2015                                                                                                               POSITIONEN        13
SA ITEN 12/2015   Weiter denken.
                             WEITER DENK EN   15
M. A. aus Eritrea (deutscher Text Seite 21)




16   WEITER DENK EN                                                 SA ITEN 12/2015
Keine Zeit, um Kind zu sein
Immer mehr minderjährige Asylsuchende reisen allein
in die Schweiz ein. Hier leben sie in derzeit über­
belegten Heimen. Ein Besuch im Thurhof Oberbüren.
TEXT: URS-PETER ZWINGLI

Aufgedrehte Jugendliche rennen durch die         eine zweijährige Ausbildung zum Autome­        «Ich träume von meiner Mutter, von meiner
Betongänge, es wird gelacht und geschrien,       chaniker gemacht. «Ich würde hier gerne        Familie, jeden Tag. Sie mussten zurückblei­
viele kleben an ihren Handys. Dazwischen         weiter in dem Beruf arbeiten und ein Prakti­   ben. Und doch will ich in der Schweiz blei­
ein paar Betreuer, die sich immer wieder ein­    kum oder eine Lehre machen.» Haras hat,        ben, hier arbeiten und leben.» Ein erster
schalten, Ruhe fordern und mit den Jugend­       wie auch Madar, einen F­Ausweis als vorläu­    Schritt dazu ist gemacht: Madar hat in ei­
lichen reden: Die chaotische, aber gute Stim­    fig aufgenommener Flüchtling erhalten, darf    nem Ostschweizer Industriebetrieb eine
mung im Thurhof erinnert fast an ein             damit also bis auf weiteres in der Schweiz     Lehrstelle gefunden, wie er stolz erzählt.
Skilager. Aber eben, wer will über Monate bis    bleiben und auch arbeiten. Nathaniel, seit             Der Eritreer Nathaniel, scheu, still,
Jahre im Skilager sein?                          fünf Monaten im Thurhof, hat einen N­Aus­      dünne Stimme, ist seit fünf Monaten in der
        Das kantonale Zentrum für Asylsu­        weis und wartet also noch auf einen Asylent­   Schweiz und sagt, er wolle «arbeiten, egal
chende Thurhof in Oberbüren ist überbe­          scheid.                                        als was». Kontakt mit Menschen ausserhalb
legt: 121 unbegleitete asylsuchende Minder­              Ein Afghane, ein Somalier und ein      des Thurhofs und der GBS hatte er bisher
jährige (UMA) leben beim Saiten­Besuch           Eritreer an einem Tisch: Was hier gut geht,    wenig, konkrete Vorstellungen, was er in
Mitte November in den zwei Gebäuden an           kann sonst im Heim für Konflikte sorgen.       der Schweiz für Möglichkeiten hat oder
der Thur, dazu kommen knapp 60 Erwach­           «Oft gibt es einfach darum Streit, weil sich   eben nicht hat, scheinen ihm zu fehlen. Und
sene. Ursprünglich war das Zentrum für 127       die Leute gegenseitig nicht verständigen       alle drei träumen natürlich von einer B­Be­
Personen gedacht. Wöchentlich kommen             können», sagt Madar. Und weil gleich viele     willigung, für die sie nach fünf Jahren in der
ausserdem vier bis acht neue UMAs dazu.          Angestellte sich um immer mehr Menschen        Schweiz ein sogenanntes Härtefallgesuch
Und so muss improvisiert werden: Rund 30         kümmern müssen, können die Betreuer            stellen können. Dazu braucht es, das wissen
Erwachsene schlafen mittlerweile in der          nicht überall schlichten. «Unsere Betreuer     die drei, in erster Linie einen Job und eine
Turnhalle, in den Zimmern wurden zusätz­         machen es eigentlich gut, sie haben aber zu    unbescholtene Lebensführung. Sie wieder­
liche Notbetten aufgestellt.                     viel zu tun mit den vielen Menschen, kön­      holen immer wieder, dass sie arbeiten wol­
        Wo es eng ist, kann es schnell knal­     nen sich um vieles nicht kümmern», sagt        len, die Schweiz ein guter Ort sei, es wirkt
len: Am Abend unseres Besuchs haben ein          Haras. Im Moment pendelt das Betreuungs­       fast wie ein Mantra.
paar Jugendliche verbotenerweise Bier ge­        verhältnis im Thurhof irgendwo zwischen 1              Aber fünf Jahre sind weit weg. Die
trunken und machen Radau, die Stimmung           zu 12 und 1 zu 20 – je nach Tageszeit.         jungen Männer leben im Moment, und in
droht zu kippen, bis die Betreuer die Grup­                                                     dem ist nebst dem Platz auch das Geld
pe trennen und ein Machtwort sprechen.                    Keine Kinder mehr                     knapp: Drei Franken Taschengeld pro Tag
Nach kurzer Aufregung wenden sich die                                                           erhält jeder Jugendliche, macht etwas mehr
anderen Jugendlichen wieder ihrem Nacht­         Im Gespräch geht schnell vergessen, dass die   als 90 im Monat. Mit kleinen Arbeiten im
essen zu.                                        drei UMAs minderjährig sind: Das sind kei­     Heim – etwa Veloflicken oder Nähen – ver­
        «Zu Reibereien kommt es im Mo­           ne Teenager mit dem Kopf in den Wolken,        dienen sich die Jugendlichen etwas dazu,
ment regelmässig», sagt der 16­jährige Ha­       sondern Männer, von der Art her wie sie re­    20 Franken pro Monat gehen für das Zugti­
ras* aus Afghanistan. Er sitzt gemeinsam         den, argumentieren und sich geben. Zu kom­     cket nach St.Gallen drauf. Alle drei sagen,
mit Nathaniel* (17) aus Eritrea und Madar*       pliziert sind die Fragen, die sie umtreiben,   ihnen würden Winterkleider fehlen. Am
(17), einem Somalier aus Äthiopien, im           lang und oft auch gefährlich waren ihre Rei­   Wochenende, wenn sie frei haben und es im
Thurhof­Schulzimmer um einen Pult. Haras         sen: Da bleibt wenig Zeit, um Kind zu sein.    Thurhof keine Tagesstruktur gibt, fahren
besucht nach einer ersten Schulphase im          «Wir gehen davon aus, dass vier von fünf       die jungen Männer mit ihren ÖV­Abos
Thurhof nun wie alle UMAs viermal pro Wo­        UMAs traumatisiert sind», sagt dazu Manue­     manchmal nach Gossau oder St.Gallen, be­
che einen halbtägigen Sprachkurs an der          la Rasmussen, Leiterin des Jugendpro­          suchen Kollegen in anderen Asylunterkünf­
Gewerblichen Berufsschule (GBS) in St.Gal­       gramms im Thurhof. Einzelne besonders          ten. «Ich habe auch einen guten Freund in
len – so führen wir das Gespräch in einem        schwere Fälle würden von Fachleuten der        Schweden, aber besuchen kann ich ihn halt
zwar holprigen Deutsch, das aber gut funk­       Kinder­ und Jugendpsychiatrischen Dienste      nicht», sagt Madar. Er weiss: Ohne Geld
tioniert.                                        behandelt. Haras erzählt irgendwann äusser­    kein Ticket und mit F­Ausweis die nächsten
                                                 lich unbewegt in einem knappen Satz, dass      paar Jahre keine Ausreise aus der Schweiz.
        «Ich finde keine Ruhe»                   sein Vater bei der Überfahrt von der Türkei    «Aber ich weiss, dass ich vor allem eines
                                                 nach Griechenland ertrunken sei.               brauche und auch habe: Viel Geduld und
Für die Reibereien machen die drei Jugend­               Über ihr Leben, bevor sie in die       einen starken Willen», sagt Madar mit der
lichen vor allem die Platzverhältnisse verant­   Schweiz kamen, über ihre Reisen durch Af­      festen Stimme eines Mannes.
wortlich: Es sei in den letzten Monaten eng      rika, die Türkei, Europa, befrage ich Haras,
geworden im Thurhof. «Will ich meine Haus­       Madar und Nathaniel nicht – das ist eine       *Alle Namen geändert.
aufgaben machen und für die Schule lernen,       Vorgabe der Zentrumsleitung: Belastende        Urs­Peter Zwingli, 1984, ist Saiten­Redaktor
finde ich kaum einen ruhigen Platz», sagt        Erinnerungen sollen nicht unnötig aufge­
Haras. Dabei müsse er unbedingt besser           wühlt werden, die Jugendlichen müssten
Deutsch können, um eine Ausbildung zu ma­        sich auf die Zukunft konzentrieren. Auf die
chen. Haras hat, wie er sagt, in Afghanistan     Frage, ob er einen Traum habe, sagt Madar:
SA ITEN 12/2015                                                                                                          WEITER DENK EN        17
M. T. aus Afghanistan (deutscher Text Seite 21)




18   WEITER DENK EN                                                     SA ITEN 12/2015
«Wenn ich nicht in die Schule kann,
                         weiss ich kaum, was ich tun soll»
Wir haben uns in der Integra­Schule in St.Fiden
umgesehen und die Schülerinnen und Schüler
dort gefragt: Wie bist du in die Schweiz gekommen?
Was machst du hier für Erfahrungen im Alltag?
Warum lernst du Deutsch? Und: Wie stellst du dir
dein Leben in zwei Jahren vor?
TEXT: COR INNE R IEDENER

Buudai Enkhbat steht am Kopierer. Am Platz neben der Tür sitzt           «Bildung für alle» wirbt, 615 Franken, inklusive Schulmaterial.
Mahmout und tippt etwas in sein Smartphone, weiter hinten disku­         «Vom Kanton SG unterstützt», heisst es bei der Preisinfo. «Indivi­
tieren Meera und Hassan, daneben sucht Dai Suan Mung, ein stiller        duelle Integrationsbeiträge sind möglich.» Damit sind die Pau­
junger Mann aus Myanmar, seine Stifte. Um ihn herum fliegen die          schalen für die Integrationsmassnahmen gemeint, die der Bund
Hände, sie gestikulieren, sie begrüssen sich, ziehen Blätter aus         den Kantonen überweist, die diese wiederum auf die Gemeinden
Schulmappen und werfen Jacken über die wenigen noch freien Stüh­         verteilen: Für die ersten 40 Deutschlektionen zahlt die öffentliche
le. Gleich beginnt die Deutschlektion. Draussen auf dem Gang tobt        Hand «unabhängig von der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des
für einen kurzen Moment noch das Leben, doch pünktlich um 16 Uhr         Deutschkursteilnehmenden» einen Unterstützungsbeitrag von 10
schliesst sich auch die letzte Tür.                                      Franken pro Lektion, heisst es in den St.Galler Richtlinien. Danach
        In den drei Unterrichtsräumen der Integra­Schule im ers­         wird der Unterricht einkommensabhängig vergünstigt. Laut Tarif­
ten Stock der alten Scuola Italiana in St.Fiden sitzen je etwa 15 Leu­   system des Kantons St.Gallen und der Vereinigung der St.Galler
te, hochkonzentriert. In unserem schreibt Marianne Stuber «Will­         Gemeindepräsidentinnen und ­präsidenten (VSGP) werden bei ei­
kommen zur heutigen Deutschlektion» an die Wandtafel. Und:               ner Einzelperson für allfällige weitere Deutschlektionen zwischen
«Hallo Saiten!» Wir sind hier, weil wir ein Heft nicht nur über, son­    vier und maximal zehn Franken übernommen, ab 55’000 Franken
dern auch mit Refugees machen wollen.                                    steuerbarem Jahreseinkommen verfällt jeglicher Anspruch. Das
                                                                         gilt allerdings nur für Leute mit einer B­ oder einer F­Bewilligung.
                   Die Wartezeit verkürzen                               Personen, die sich noch in einem Asylverfahren befinden (N­Aus­
                                                                         weis) oder solche, die einen Nichteintretensentscheid erhalten ha­
«Bildung für alle» ist das Motto der Integra. Die autonome Schule ist    ben (NEE) – und davon gibt es einige in der Integra – haben keinen
Teil des Ostschweizer Solidaritätsnetzes und momentan regelrecht         Anspruch auf vergünstigte Deutschkurse.
überfüllt: Bereits letztes Jahr hatte die Schule ihre Kapazität ausge­
reizt und musste einen Aufnahmestopp verhängen, im Februar die­                      Auf der Suche nach Beschäftigung
ses Jahres folgte der zweite (siehe: saiten.ch/integration­die­der­
staat­nicht­will).                                                       Ali* beispielsweise ist im Oktober 2014 über die Balkanroute aus
        Entstanden ist das Projekt an einem Mittagstisch im Soli­        dem Iran in die Schweiz gekommen. Alleine. Er ist 17 und das, was
haus, treibende Kraft waren die Migrantinnen und Migranten sel­          die Behörden einen UMA nennen, einen Unbegleiteten minderjähri­
ber: Sie wollten die Wartezeit während des Asylverfahrens nutzen.        gen Asylsuchenden. Seine Eltern habe er zurücklassen müssen, weil
Diesen Februar feierte die Integra ihr fünfjähriges Bestehen. In den     die Reise zu dritt zu gefährlich gewesen wäre, erklärt er in ziemlich
ersten Lektionen sassen noch bescheidene 20 Schüler in den Bän­          einwandfreiem Deutsch. «Mutter ist krank und Vater wollte bei ihr
ken, heute sind es etwa 250. Unterrichtet werden sie von mittler­        bleiben.»
weile fast 50 Freiwilligen; Refugees wie zum Beispiel Buudai, von                Jetzt lebt Ali mit vier anderen Asylsuchenden in einem klei­
pensionierten Lehrerinnen, Aktivisten, Studentinnen, Kulturschaf­        nen Haus im Appenzellischen, alles Erwachsene, und langweilt
fenden. Zusammen geben sie rund 45 Kurse pro Woche für Anfän­            sich zu Tode. So jedenfalls klingt es, wenn er von seinem Alltag
ger und Fortgeschrittene, seit 2012 gehören auch Kurse zur Vorbe­        spricht: «Ständig suche ich nach einer Beschäftigung. Wenn ich
reitung auf die Sprachdiplome der Niveaus A2 und B1 dazu. Geld           nicht in die Schule kann, weiss ich kaum, was ich tun soll. Manch­
verlangen sie dafür keines, abgesehen von einem kleinen Unkos­           mal gehe ich spazieren, bei schlechtem Wetter schaue ich fern, ko­
tenbeitrag ans Schulmaterial.                                            che oder skype mit meinen Eltern. Zum Glück habe ich in der Inte­
        Finanziert wird die Integra von Privaten und Spenden aus         gra ein paar gute Freunde gefunden.» Sein Asylverfahren laufe
dem Solidaritätsnetz. Ihre Schülerinnen und Schüler kommen aus           noch, erklärt er und zückt den dunkelblauen N­Ausweis. «Die Inte­
über 60 Gemeinden in St.Gallen und den beiden Appenzell. Zug­            gra ist das einzige, was ich habe. Eine richtige Ausbildung, zum
und Bustickets bedeuten für die Schule deshalb den grössten finan­       Beispiel als Automechaniker, kann ich erst machen, wenn ich auch
ziellen Aufwand: 70’000 bis 90’000 Franken pro Jahr. Es gibt Ge­         wirklich hier bleiben darf.»
meinden, die den Integra­Schülern den Schulweg bezahlen, Ror­                    Ali ist sich bewusst, dass das gut und gerne noch zwei, drei
schacherberg zum Beispiel, Untereggen, Wittenbach, Arbon und             weitere Jahre dauern kann, wenn überhaupt. «Ich hoffe, dass ich
auch viele Ausserrhoder Gemeinden. Dazu verpflichtet sind sie            bis dahin nicht allzu viel versäume», meint er nachdenklich, als wir
nicht.                                                                   zusammen die vier Fragen besprechen, die vor ihm liegen:
        Zum Vergleich: 39 Lektionen «Deutsch Anfänger/innen»
kosten bei der Migros Klubschule, die ebenfalls mit dem Slogan
SA ITEN 12/2015                                                                                                        WEITER DENK EN       19
• Wie bist du in die Schweiz gekommen?                          mein Land hat eine ungewisse Zukunft. Früher habe ich
        • Was machst du hier für Erfahrungen im Alltag?                 als Lehrer gearbeitet, sechs Jahre lang, und ich
        • Warum lernst du Deutsch?                                      wollte noch an der Universität studieren, aber das war
        • Wie stellst du dir dein Leben in zwei Jahren vor?             verboten. Die Polizei machte uns viele Probleme.
                                                                                   Ich bin seit einem Jahr und sechs Monaten
All das wollen wir von den Integra­Schülerinnen und ­schülern aus       in der Schweiz. Der Alltag ist immer gleich, weil
Alis Klasse wissen. Und sie sollen es uns nicht einfach erzählen, da­   ich keine Schule mehr geben kann und keine Arbeit
mit wir es anschliessend aufschreiben können. Sie sollen es selber      habe. Vielleicht wird es in zwei Jahren besser sein...
aufschreiben, in eigenen Worten. Und wer mag, soll das Geschriebe­      Deutsch lerne ich, weil ich jetzt hier lebe und mit den
ne gleich noch in seine oder ihre Muttersprache übersetzen (siehe       Leuten sprechen muss. Ich muss einen Beruf lernen
Seiten 16, 18, 33, 39 und 41).                                          und Arbeit suchen, deshalb wünsche ich mir, dass ich
                                                                        bald besser Deutsch kann. Und ich hoffe, dass ich
              Übersetzen mit dem Smartphone                             hier auch bald viele Freunde habe und französisch
                                                                        sprechen lerne. Aber vor allem wünsche ich mir, dass
Manchmal wünscht man sich den «Übersetzungsfisch» von Douglas           in meiner Heimat alles gut wird, weil ich Eritrea
Adams’ Hitchhicker’s Guide through the Galaxy im Ohr. Klar ist aber     vermisse. Meine Familie, meine Freundin – alle.
auch: 2015 ist die allseitige Verständigung weniger mühsam als noch
vor einigen Jahren. Die meisten haben Smartphones und darauf            Khalid, 27, stammt aus Eritrea und war Primarlehrer.
Übersetzungs­Tools für alle möglichen Sprachen: persisch, kur­
disch, burmesisch, Tigrinya und so weiter. Das ist auch gut so, denn
zu erzählen gibt es jede Menge. 90 Minuten lang ist der Saal voll mit   Ich bin von Äthiopien mit dem Auto in den Sudan, mit
Lebensgeschichten aus aller Welt, mit teilweise ähnlichen und trotz­    dem Flugzeug nach Europa und mit dem Zug nach
dem ganz unterschiedlichen, mit Ängsten, Freuden und Wünschen.          Kreuzlingen gekommen. Ich hatte grosse Probleme mit
Und überall ruft wieder jemand: «Wie schreibt man alleinerzie­          der Regierung. Bis jetzt gibt es einen Diktator und
hend?», «Was heisst Airplane auf Deutsch?», «Muss ich meinen vol­       keine Demokratie und keine Freiheit. Jeden Tag gehen
len Namen nennen?»                                                      viele Leute ins Gefängnis, zum Beispiel Blogger
       Die sprachlichen Niveaus sind recht unterschiedlich.             und Journalisten. Ich spreche Amharisch, aber die Re­
Manchmal ist unsere Hilfe kaum mehr nötig, bei anderen suchen           gierung Tigrinya. Demokratische Rechte haben
wir gemeinsam die buchstäblich richtigen Worte. Später in der Re­       nur Leute, die Tigrinya sprechen. Wir haben alle vier
daktion werden wir uns fragen, wie wir die Texte am besten anpa­        Jahre Wahlen, doch jedes Mal gewinnen meine
cken sollen: Gar nichts redigieren, damit sie möglichst authentisch     Gegner. Der Diktator tut alles dafür.
bleiben? Eingreifen, auch auf die Gefahr hin, dass wir die Texte zu                Ich lebe seit drei Jahren in der Schweiz.
stark verbiegen, ergänzen, präzisieren? Oder nur Grammatik und          Die Schweiz ist super. Am Wochenende gehe ich in die
Orthografie korrigieren? – Wir haben uns für letzteres entschieden.     Kirche im Dorf, bete und spreche mit den Leuten.
                                                                        Ich habe guten Kontakt und habe bis vor einem Jahr
                                                                        bei einer Firma gearbeitet. Im Moment habe ich
                                                                        keine Arbeit. Für mich ist das schwierig.
                                                                                   Ich wünsche mir, dass ich bis in zwei Jahren
                                                                        eine gute Ausbildung machen kann, zum Beispiel als
Ich bin mit dem Flugzeug von Nepal in die Schweiz ge­                   Automechaniker.
kommen. In meinem Land hatte ich viele Probleme
mit den Chinesen. Ich gehe seit drei Jahren regelmässig                 Selomun Zerihun, 34, aus Äthiopien, ist Schreiner und Verkäu­
                                                                        fer. Er ist verheiratet und hat drei Töchter. Die älteste ist acht
in den Deutschkurs. Als Ausländer geht es mir gut in                    und lebt bei seinem Schwager in Äthiopien. Die beiden jüngeren,
der Schweiz. Weil ich hier lebe, lerne ich Deutsch. Das                 zwei­ und dreijährig, sind in der Schweiz geboren.
ist wichtig. In zwei Jahren möchte ich die Sprache
noch besser können und eine Arbeit haben.
                                                                        Ich komme aus Indien und bin mit meinem Ehemann
Tenzin Ngodup, 45, stammt aus Tibet und ist Kochhilfe. Er hat           im Mai 2003 in die Schweiz gekommen. Mittler­
zwei Brüder und eine Schwester.
                                                                        weile sind wir getrennt, er war gewalttätig und hat mir
                                                                        den Kontakt zu meinen Verwandten verboten. Und
Ich bin von Spanien in die Schweiz geflogen. Dort                       er hat mir nicht erlaubt, Deutsch zu lernen.
habe ich vorher einige Jahre gewohnt. Weil ich dort ar­                            Der Alltag in der Schweiz ist für mich ein
beitslos wurde, suche ich jetzt hier ein neues Leben. Die               bisschen schwierig, weil ich meine Ziele nicht erreicht
Leute in der Schweiz erlebe ich als aufgeschlossen                      habe. Ich bin eine alleinerziehende Mutter und habe
und freundlich. Ich lerne Deutsch für die Kommunika­                    keine feste Stelle. Erste Priorität hat für mich die Kom­
tion und für die Arbeit. In zwei Jahren will ich                        munikation, denn ich verstehe, dass es die Sprache
wieder im Krankenhaus oder als Verkäuferin arbeiten.                    unbedingt braucht. Zum Beispiel am Elterngespräch
                                                                        oder um Arbeit zu finden oder wichtige Briefe und
B., 35, kam von der Elfenbeinküste nach Europa. Sie ist                 Gespräche zu verstehen usw.
Krankenschwester.
                                                                                   Ich hoffe, dass ich in zwei Jahren den SRK­
                                                                        Kurs vom Roten Kreuz besuchen kann und eine Arbeit
Ich bin mit verschiedenen Verkehrsmitteln nach                          finde, damit ich ein normales Leben wie die anderen
St.Gallen gekommen. Eritrea habe ich verlassen, weil                    führen kann, ausserhalb der Sozialhilfe.
ich mit der Regierungspolitik nicht einverstanden bin.
Ich musste lange «National Service» leisten, und                        Meera, 40, stammt aus Indien.

20      WEITER DENK EN                                                                                                    SA ITEN 12/2015
Ich bin zu Fuss von Eritrea in den Sudan gekommen.               Ich war neu hier und wollte mit den Leuten Kontakt
Von dort aus mit dem Auto nach Libyen und mit                    aufnehmen, aber ich konnte leider sehr wenig
dem Schiff nach Italien. Von Italien in die Schweiz kam          Deutsch. Jetzt kann ich es besser. Wenn ich im Zug bin
ich mit dem Zug. Eritrea habe ich verlassen, weil                oder auf der Strasse spaziere, kann ich mich wie
ich dort keine Ruhe gefunden habe.                               ein normaler Mensch fühlen.
           Das Leben in der Schweiz ist gut. Es gefällt                    Wenn man eine Ausbildung machen will,
mir hier. Ich lerne Deutsch, weil ich es lernen muss,            muss man Deutsch können. Ich hoffe, dass ich in zwei
wenn ich eine Arbeit finden möchte. Mein grösster                Jahren meinen Traumberuf – Informatiker – lernen
Wunsch ist, dass ich bald eine B­Bewilligung habe. Im            kann und gut Deutsch und auch Schwizerdütsch spre­
Moment habe ich nur N. Irgendwann möchte ich                     che.
Automechaniker werden.
                                                                 M. T., 17, stammt aus Afghanistan. Seine Familie lebt im Iran.
M. A., 22, aus Eritrea, hat vier Brüder und vier Schwestern in
Eritrea.

                                                                 Von Tibet bis in die Schweiz war es eine lange und
Ich komme aus Myanmar und bin per Visum in die                   schwierige Reise. Ich bin zuerst von Tibet nach Nepal
Schweiz gekommen. Ich bin von Yangon mit dem Flug­               gekommen, zu Fuss und manchmal mit dem Lastwagen.
zeug nach Zürich gekommen und habe mich dann                     Es dauerte ungefähr sechs Tage. Von Nepal bin ich
im Migrationszentrum in Kreuzlingen registrieren las­            mit dem Flugzeug in ein Land in Europa gekommen.
sen. Seit einem Jahr lebe ich im Kanton St.Gallen.               Ich weiss nicht mehr, wie es heisst. Von dort bin ich mit
Mein Land habe ich verlassen, weil ich von der Regie­            dem Bus in die Schweiz gekommen. Es war auch
rung verfolgt wurde. Ich musste mich selber schützen.            eine ganz schwierige Reise und ich habe viel Angst ge­
             Ich habe viele Flüchtlinge wie mich                 habt.
getroffen. Sie sind freundlich und helfen gerne. Für                        Seit zwei Jahren und zwei Monaten lebe ich
mich ist das eine gute Erfahrung. In der Schweiz                 nun im Kanton Appenzell. Mein Land habe ich
ist die Natur sehr schön, das gefällt mir. Die Regie­            verlassen, weil ich grosse Probleme mit den Chinesen
rung, die Gesellschaft, die Schweizerinnen und                   hatte, politische Probleme. Weil wir keine Frei­
Schweizer sind nicht nur höflich, sie kommen auch                heit mehr haben, seit es die Chinesen in Tibet gibt.
gut miteinander aus. Das brauchen wir. Die Regierung                        Der Alltag in der Schweiz ist sehr schwierig
schützt uns, deshalb kann ich ohne Sorge leben.                  für mich. Oft langweile ich mich, weil ich nicht
Hier gibt es eine Gemeinschaft und die Integra­Schule            arbeiten darf. In Tibet war ich Bauer. Meistens bin ich
hilft. Sie sind wie meine Eltern. Ich danke allen dafür.         zuhause, wenn ich nicht in der Schule bin. Die meis­
             Am schwierigsten ist die Sprache. Wenn              ten Schweizer sind sehr nett und freundlich, aber
wir die Schweizer verstehen wollen, ist sie aber                 manchmal sind sie auch misstrauisch. Zum Beispiel
wichtig. Ich hoffe, dass ich in zwei Jahren eine                 im Bus, wenn sie sich nicht neben mich setzen wollen.
B­Bewilligung und eine Arbeit bei der Kirche habe,                          Mein Ziel ist es, Deutsch zu lernen, weil
als Jugendleiter. Oder eine Stelle in der Web­Ent­               ich hier bleiben möchte. Weil ich mit den Leuten gut
wicklung.                                                        reden können will und eine Arbeit finden will. Mein
                                                                 grösster Wunsch ist, dass alle Tibeterinnen und
Dai Suan Mung, 23, hat einen Bachelor in Theologie. Seine        Tibeter auf der Welt zurück nach Tibet können. Weil
Eltern und die zwei Schwestern leben in Myanmar.
                                                                 Tibet nicht China gehört. Mein zweiter Wusch ist es, in
                                                                 der Schweiz ein gutes Leben zu haben und einen
Ich erinnere mich nicht gut an meine Heimat. Aber                Beruf zu finden. Am liebsten wäre ich Krankenpfleger,
mit der Zeit habe ich verstanden, warum wir geflohen             weil ich gern Leuten helfe.
sind: Mein Vater ist ein Hazara, eine Gruppe, von
der die Taliban sagen, dass sie nicht zu ihnen gehört.           N. N., 32, aus Tibet.
Zuerst sind wir in den Iran geflohen. Dort bin ich aufge­
wachsen. Wir dachten, dass es das beste Land für
uns ist, aber wir haben uns geirrt. Auch im Iran haben           Ich bin vor drei Jahren nach St.Gallen gekommen. Als
uns die Leute nicht akzeptiert. Man hat mir verbo­               Kurde musste ich aus politischen Gründen fliehen.
ten zu studieren.                                                Meine Stadt, Gaziantep, liegt in Kurdistan.
            In die Schweiz bin ich alleine gekommen.                        In der Schweiz geht es mir gut. In meinem
Zuerst bin ich mit einem Schlepper in die Türkei                 Dorf, Staad, will ich mit Schweizer Leuten Kontakt
gefahren. Dort sind wir vier Tage geblieben. Wir waren           haben, deshalb lerne ich Deutsch. Und für die Arbeit.
etwa 100 Personen. Von Istanbul sind wir mit dem                 Ich kaufe oft im Schweizer­Laden. Ich weiss nicht,
Boot nach Griechenland gefahren. Wenn ich darüber                was ich in zwei Jahren machen werde. Ich wäre gerne
nachdenke, habe ich immer noch Angst. Zwei Monate                Tierarzt oder Laborant. Und ich will bis dann
bin ich dort geblieben. Die schwierigsten Tage in                meinen Führerschein machen.
meinem Leben habe ich zwischen Griechenland und
Ungarn verbracht. Im Oktober 2014 bin ich in                     Serdar, 26, hat zwei Brüder und Eltern, die in der Türkei leben.
Wien angekommen und habe mir ein Zugticket in die                * Name geändert
Schweiz gekauft. Ich dachte, nun sind die Probleme
gelöst und ich kann mir ein Leben aufbauen.                      Corinne Riedener, 1984, ist Saiten­Redaktorin.
            Als ich zum ersten Mal nach St.Gallen kam,
dachte ich: Darf ich in dieser schönen Stadt leben?
SA ITEN 12/2015                                                                                          WEITER DENK EN             21
Glossar


B­Bewilligung                                          F­Bewilligung                                           Rückschiebungsverbot /Non­Refoulement­Prinzip
Ausweis B bedeutet eine ordentliche Aufenthalts­       Vorläufig Aufgenommene erhalten eine F­Bewilli­         Das Rückschiebungsverbot ist in der Bundesver­
bewilligung mit Arbeitserlaubnis. Sie wird von den     gung. Sie wird normalerweise für ein Jahr ausge­        fassung, der Genfer Flüchtlingskonvention und
kantonalen Migrationsämtern ausgestellt und ist        stellt und kann verlängert werden, sofern die           der Europäischen Menschenrechtskonvention ver­
im Asylbereich meistens auf ein Jahr befristet mit     Gründe für die Erteilung weiterhin bestehen. Vor­       ankert. Es verbietet, Personen zur Ausreise in ein
der Möglichkeit auf Verlängerung. Eine B­Bewilli­      läufig Aufgenommene dürfen arbeiten, benötigen          Land zu zwingen, in dem sie Folter oder un­
gung kann nur bei Widerruf des Asyls entzogen          aber eine Arbeitsbewilligung. Man unterscheidet         menschlicher oder erniedrigender Behandlung
werden. Personen, deren Härtefallgesuch gutge­         vorläufig aufgenommene Ausländerinnen und               ausgesetzt sind. Verboten ist auch die Ausweisung
heissen wurde, erhalten ebenfalls eine B­Bewilli­      Ausländer von vorläufig aufgenommenen Flücht­           in ein Land, das das Rückschiebungsverbot miss­
gung.                                                  lingen; letztere haben aber einen anderen Rechts­       achtet (Verbot sogenannter Kettenrückschiebun­
                                                       status (siehe vorläufige Aufnahme).                     gen). Betroffene Personen erhalten entweder Asyl
C­Bewilligung
                                                                                                               oder eine vorläufige Aufnahme wegen Unzulässig­
                                                       Härtefallbewilligung / humanitäre Aufenthaltsbe­
Das C wird auch Niederlassungsbewilligung ge­                                                                  keit des Wegweisungsvollzugs (siehe vorläufige
                                                       willigung
nannt und stellt in der Schweiz den besten auslän­                                                             Aufnahme).
derrechtlichen Status dar. Sie kann nach zehn          Asylsuchenden und vorläufig Aufgenommenen
                                                                                                               Sonderabgabepflicht
oder in besonderen Fällen auch bereits nach fünf       kann das Staatssekretariat für Migration (SEM) auf
Jahren legalen Aufenthalts ausgestellt werden.         Antrag des Wohnkantons eine B­Bewilligung ertei­        Erwerbstätige Asylsuchende und vorläufig Aufge­
Die C­Bewilligung ist unbefristet und verleiht ihren   len, wenn ein persönlicher Härtefall vorliegt.          nommene haben gemäss Art. 86 des Asylgesetzes
Besitzern eine Rechtsstellung, die mit Schweizer       Grundbedingung ist, dass die Person seit mindes­        die Pflicht, 10 Prozent ihres Bruttolohnes (maximal
Staatsangehörigen vergleichbar ist, kann bei           tens fünf Jahren in der Schweiz lebt. Weitere Vor­      15’000 Franken) zur Deckung der den Behörden
Straffälligkeit oder dauerhafter Sozialhilfeabhän­     aussetzungen sind gute Deutschkenntnisse, der           verursachten Kosten zurückzuerstatten.
gigkeit aber wieder entzogen werden.                   Wille, am Wirtschaftsleben teilzuhaben und die
                                                                                                               Sozialhilfe
                                                       ausnahmslose Respektierung der Rechtsordnung.
Dublin­Verordnung
                                                       Auch abgewiesenen Asylsuchenden und anderen             Der Bund erstattet den Kantonen die entstehen­
Das Dublin­Assoziierungsabkommen wurde im              ausländischen Personen ohne gültige Aufenthalts­        den Sozialhilfekosten für alle Asylsuchenden und
Rahmen der Bilateralen II mit der EU abgeschlos­       papiere kann eine Härtefallbewilligung erteilt wer­     für vorläufig aufgenommene Personen, die noch
sen. Es ist seit 2008 in Kraft und besagt, dass ein    den, allerdings ist die Praxis in der Regel bedeu­      nicht seit sieben Jahren in der Schweiz leben. Die
Asylgesuch, das an der Grenze oder im Hoheitsge­       tend strenger.                                          Sozialleistungen sind im Vergleich zu jenen der
biet eines Dublin­Staates gestellt wird, nur von                                                               Schweizer Sozialhilfeempfänger etwa 20 Prozent
                                                       N­Ausweis
diesem einen Staat geprüft wird. Damit soll verhin­                                                            tiefer und betragen inklusive Kosten für Unter­
dert werden, dass man in mehreren Ländern Asyl         Wer sich in einem laufenden Asylverfahren befin­        kunft, Verpflegung, Hygiene­ und Haushaltsartikel,
beantragen kann. Ob bereits ein Gesuch in einem        det, verfügt über einen N­Ausweis, der die Person       Kleidung, Taschengeld, Gesundheitsversorgung
anderen Staat eingereicht wurde, wird mithilfe ei­     berechtigt, sich für die Dauer des Verfahrens in        und Betreuung durchschnittlich etwa 1200 Fran­
ner zentralen Datenbank (Eurodac) geprüft. Ist         einem zugewiesenen Kanton aufzuhalten. Kan­             ken pro Person und Monat.
das der Fall, wird die Person zurück in das betref­    tonswechsel, Erwerbstätigkeit oder Reisen sind
                                                                                                               Vorläufige Aufnahme
fende Land geschickt. Ausnahmen lässt das Ab­          nur sehr eingeschränkt möglich, ein Familiennach­
kommen nur wenige zu.                                  zug gar nicht. Im Fall eines Negativ­Entscheids         Personen, die die Voraussetzungen für Asyl nicht
                                                       verliert der N­Ausweis seine Gültigkeit; ist der Ent­   erfüllen, werden weggewiesen. Die Wegweisung
Erwerbstätigkeit
                                                       scheid positiv, wird eine F­ oder B­Bewilligung er­     wird aber nur dann vollzogen, wenn keine Hinder­
Für Asylsuchende gilt ein dreimonatiges Arbeits­       teilt.                                                  nisse wie Unmöglichkeit, Unzulässigkeit (siehe
verbot, das mit der Einreichung des Gesuchs zu                                                                 Non­Refoulement­Prinzip) oder Unzumutbarkeit
                                                       Nichteintretensentscheid (NEE)
laufen beginnt. Es kann vom zuständigen Kanton                                                                 (medizinische Notlage oder Kriegs­ und Gewaltsi­
um weitere drei Monate verlängert werden. Davon        Ein Nichteintretensentscheid wird erlassen, wenn        tuation im Herkunftsland) vorliegen. Ist das der
ausgeschlossen sind Asylsuchende, die an ge­           sogenannte Nichteintretensgründe vorliegen. Am          Fall, verfügt das SEM eine vorläufige Aufnahme
meinnützigen Beschäftigungsprogrammen teil­            häufigsten ist das die Unzuständigkeit aufgrund         (siehe F­Bewilligung).
nehmen oder vor der Einreichung ihres Gesuchs          der Dublin­Verordnung. Auch auf Asylgesuche aus
                                                                                                               Zwangsmassnahmen
bereits erwerbsberechtigt waren. Nach Ablauf der       rein wirtschaftlichen oder medizinischen Gründen
Frist sind die Bedingungen für die Zulassung zum       wird nicht eingetreten. In vielen Fällen findet nur     Das Ausländergesetz sieht verschiedene Zwangs­
Arbeitsmarkt restriktiv: Will jemand einen Asylsu­     eine summarische oder gar keine Prüfung der             massnahmen vor: kurzfristige Festnahmen, Ein­
chenden einstellen, muss er oder sie nachweisen,       Asylgründe statt. Gegen einen NEE muss inner­           und Ausgrenzungen sowie verschiedene Haftarten
dass kein geeigneter Schweizer oder Ausländer          halb von fünf Tagen Beschwerde beim Bundesver­          zu Sicherstellung des Wegweisungsvollzugs. Asyl­
mit F­, B­ oder C­Bewilligung für die Stelle gefun­    waltungsgericht eingereicht werden. Bereits einen       suchende dürfen bis zu 18 Monaten inhaftiert wer­
den werden konnte. Viele Firmen scheuen den zu­        Tag, nachdem ein NEE rechtskräftig wird, müssen         den. Besonders umstritten ist die sogenannte
sätzlichen Aufwand und die latente Unsicherheit,       Asylsuchende die Schweiz verlassen. Tun sie das         Durchsetzungshaft, mit der eine ausreisepflichti­
da eine Arbeitsbewilligung bei einem negativen         nicht, werden sie von der Sozialhilfe ausgeschlos­      ge Person zur Kooperation bei ihrer eigenen Aus­
Asylentscheid erlischt.                                sen und es drohen Zwangsmassnahmen.                     reise bewegt werden soll.
Familiennachzug                                        Nothilfe
Wenn kein asylrechtlicher Anspruch auf Familien­       Abgewiesene Asylsuchende erhalten seit 2008             Ausführlichere Informationen: heks.ch/asyllexikon
asyl besteht, nennt das Ausländerrecht die Vor­        keine Sozialhilfe mehr, sondern nur noch Nothilfe.
                                                                                                               Zusammenstellung: Corinne Riedener
aussetzungen für einen Familiennachzug: Der            Diese umfasst eine einfache, meist kollektive Un­
Nachzug wird gewährt, wenn die Familienangehö­         terkunft, Lebensmittel und Hygieneartikel sowie
rigen zusammenleben, eine bedarfsgerechte Woh­         medizinische Notversorgung. In der Praxis bedeu­
                                                                                                               Wie und wo kann man sich nützlich machen?
nung vorhanden ist und die Familie nach der Ein­       tet das, dass man ca. acht Franken pro Tag in Form
reise nicht auf Sozialhilfe angewiesen ist. In der     von Bargeld oder Einkaufsgutscheinen und eine           • Solidaritätsnetz Ostschweiz und Integra:
Praxis heisst das, dass die bereits in der Schweiz     Unterkunft zugewiesen bekommt, meist in einer             solidaritaetsnetz.ch
wohnhafte Person einen sehr guten Verdienst auf­       Zivilschutzanlage oder einer Baracke. Damit will        • Solidaritätshaus St.Gallen: solidaritaetshaus.ch
weisen muss, um für Familie und Wohnung aufzu­         man erreichen, dass abgewiesene Asylsuchende            • ARGE Integration Ostschweiz: integration­sg.ch
kommen. Ein Antrag auf Familiennachzug kann            möglichst rasch das Land verlassen. Viele Nothil­       • CaBi­Antirassismustreff St.Gallen: cabi­sg.ch
erst drei Jahre nach Erhalt der vorläufigen Aufnah­    febezüger leben monatelang oder gar während             • Zunder – für eine fortschrittliche
me gestellt werden. Die restriktiven Bedingungen,      Jahren unter diesen Umständen.                            Migrationspolitik: zunder­sg.ch
insbesondere die dreijährige Wartefrist, sind unter                                                            • Studierendenorganisation FHS St.Gallen:
dem Blickwinkel der Europäischen Menschen­                                                                       sosa.sg
rechtskonvention umstritten.                                                                                   • Autonome Schule Frauenfeld: asfrauenfeld.ch
                                                                                                               • Autonome Schule Zürich: bildung­fuer­alle.ch
                                                                                                               • Café Mondial Konstanz: cafe­mondial.org
                                                                                                               • Watch the med Alarmphone Schweiz:
                                                                                                                 alarmphone.ch
                                                                                                               • Jemanden bei sich aufnehmen: homeasyl.ch
                                                                                                               • Fluchthilfe: fluchthelfer.in




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