Unser Gottesdienst - Advent-Verlag Lüneburg

Unser Gottesdienst - Advent-Verlag Lüneburg
Ausgabe   Nr.   01/2020   |   Januar    |   www.adventisten-heute.de                    |   ISSN   2190-0825




adventisten                                                                         &
                                                Die Zeitschrift der
                               S i e b e n t e n - Ta g s - A d v e n t i s t e n   heute
 Es ist wieder gut!
 Seite 7

 Restaurieren oder
 modernisieren?
 Seite 17

 Religions-
 unterricht
 bringt‘s
 Seite 21




                  Unser Gottesdienst
                                                                                            ab Seite 8
Unser Gottesdienst - Advent-Verlag Lüneburg
N e u e          B ü c h e r           d e s         A d v e n t - Ve r l a g s                       L ü n e b u r g

Impulse für praktisches Christsein
Stich ins Herz                                                                           Darold Bigger
                                                                                         Stich ins Herz

W    as würdest du tun, wenn du erfährst, dass                                           Das Ringen um Vergebung
     deine Tochter ermordet wurde und über                                               nach einer unfassbaren Tat
                                                                                         ca. 256 Seiten,
4000 Kilometer entfernt in einem Leichenschau-                                           Paperback, 14 x 21 cm
haus liegt?                                                                              20,00 Euro (17,00 Euro für
Wo war Gott, als sich der Mörder in ihr Apartment                                        Leserkreismitglieder),
schlich und sie überfiel?                                                                Art.-Nr. 1979.
Ehrlich und schonungslos stellt sich der Famili-
envater und Seelsorger Darold Bigger diesen und
                                                                                                    *
weiteren bohrenden Fragen. Dieses Buch – teils
biografisches Erlebnis, teils Ratgeber – zeigt die
tiefschürfenden Antworten, zu denen sich der
Autor durchrang.




                                                                                                                         * Weitere Infos wie Inhaltsverzeichnis oder Leseproben sind auf www.advent-verlag.de abrufbar.
Jahresgeschenk für
Leserkreismitglieder
A   uf 100 Doppelseiten mit inspirierenden
    Bildern warten ermutigende und heraus-
fordernde Zitate von Jesus Christus darauf,




                                                                                                                         Der QR-Code führt Smartphones direkt zur Internetseite des Buches.
entdeckt, durchdacht und mit dem eigenen Le-
ben verknüpft zu werden. Auf den jeweils da-
zugehörigen Seiten gibt es Platz, um aufzu-
schreiben, was dir dabei wichtig geworden ist.
Zusammen mit weiteren Kurzbeiträgen und Gebe-
ten kann dieses etwas andere Tagebuch zu einer
persönlichen Entdeckungsreise mit viel Offenheit
und Weite werden.
                                                     Meine Worte werden bleiben          Jesuszitate-Postkarten
Jesuszitate-Postkarten                               Das andere Tagebuch
                                                     272 Seiten, Paperback, 17 x 24 cm
                                                                                         Preis für das Set (7 Karten):
                                                                                         3,50 Euro

F  ür das Buch Meine Worte werden bleiben haben
   elf Personen ihre 100 wichtigsten Jesusworte
aufgelistet und gewichtet. Diese Kartenserie ent-
                                                     Subskriptionspreis 20,00 Euro,
                                                     ab 1.1.2020 25,00 Euro.
                                                     (Leserkreismitglieder
                                                                                         Art-Nr. 5685

                                                                                                    *
hält sieben der am häufigsten genannten Zitate       bekommen es als Geschenk),
                                                     Art.-Nr. 1981.
verbunden mit ansprechenden, zeitgemäßen Mo-
tiven. Eine inspirierende Geschenkidee!                        *

Bestellmöglichkeiten                                                                             Leserkreis-
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Unser Gottesdienst - Advent-Verlag Lüneburg
editor ial | i nhal t

                                    Das Potenzial erschließen                                                                               aktuell | Report
                            Viele Menschen suchen nach Heimat, Identität,
                            Geborgenheit und liebevollen Beziehungen. Sie                                                                  4 STA-Kurznachrichten / 70 Jahre Seminar Schloss
                            möchten in dieser unübersichtlichen Welt echte                                                                    Bogenhofen
                            Freundschaft erfahren und Gemeinschaft erleben,                                                                5 EUD-Präsident Mário Brito: „Wir müssen
                            wie Untersuchungen immer wieder belegen. Und                                                                      aufeinander achten.“
                            genau das können sie in unseren Ortsgemeinden                                                                  6 Report: Filme für Millionen – YouTuber beim
                            finden – so zumindest unser Anspruch. Mehr noch:                                                                  Media Day
                            Hier bekommen Suchende Antworten auf existen-
                            zielle Sinnfragen, auf die Frage nach dem Warum                                                                 Kolumne
und Hoffnung über den Tod hinaus. Und im wöchentlichen Gottesdienst soll
das zumindest teilweise erkennbar sein. Warum rennen uns die Menschen dann                                                                 7 Es ist wieder gut! (Winfried Vogel)
nicht die Gemeindetüren ein, um an dieser Erfahrung teilhaben zu können?
Und warum bleiben selbst unsere eigenen Mitglieder immer häufiger unseren
Versammlungen fern? Haben wir (noch) den Eindruck, im Gottesdienst etwas                                                                    Thema des Monats:
zu erfahren, das wir für unser Leben dringend brauchen?                                                                                     Unser Gottesdienst
   Wir sind ganzheitliche Wesen aus Leib, Seele und Geist. All diese Dimen-
sionen unseres Menschseins benötigen geeignete Nahrung und Pflege, damit                                                                   8 Miteinander Gott begegnen (Andreas Pfeifer)
sie sich gesund entwickeln können – und wir Menschen halten instinktiv da-                                                                10 W
                                                                                                                                              ie die Blätter einer Blüte (Rolf Pöhler)
nach Ausschau. Ein adventistischer Gottesdienst besitzt ein großes Potenzial,                                                             12 Ein Gesetz der Trägheit (Johannes Hartlapp)
auf diese Bedürfnisse adäquat einzugehen. Durch gemeinsamen Lobpreis und                                                                  14 Unser gemeinsamer Gottesdienst
Gebetsgemeinschaften können wir unsere Liebe zu Gott bekennen – Nahrung                                                                       (Juliane Schmidt)
für die Seele. Im Bibelgespräch tauschen wir unsere Einsichten und Gedanken
aus und in der Predigt erhalten wir Impulse und Inspirationen für das Leben                                                                 Adventgemeinde aktuell
– Nahrung für den Geist. Durch die (Tisch-)Gemeinschaft beim Potluck nähren
wir Körper und Seele zugleich. Und weil all dies ausdrücklich zur Ehre Gottes                                                             15 In Memoriam – Ricardo Abos-Padilla
geschieht, stärkt es unsere Beziehung zu ihm.                                                                                             16 Lesermeinungen
   Dieses Ideal funktioniert leider nicht immer in der Wirklichkeit. Denn man
kann alles zerreden oder „blutleer“ gestalten. Bibelgespräche bleiben an der
Oberfläche, der Lobpreis ist eher ein Lückenfüller als eine Herzensangelegen-
                                                                                                                                            Adventist World
heit, die Predigt verliert sich in Nebensächlichkeiten und das Potluck findet
erst gar nicht statt. Hinzu kommen Debatten um das „richtige“ Studienheft,
die „richtige“ Musik, die „richtige“ Ernährungsweise …                                                                                                                                    01/2020

                                                                                                                                                                                          Heiliges
                                                                                                                                                                                          verstehen
                                                                                                                                                                                          Seite 10




   Wie gesagt: Das Grundgerüst des adventistischen Gottesdienstes hat enor-
                                                                                                                                                                                          Licht, Salz,
                                                                                                                                                                                          und Wasser
                                                                                                                                                                                          Seite 20

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                                                                                                                                                                                          ter“ unter




mes Potenzial, das erschlossen und gelebt werden will. Die Beiträge zum Thema
                                                                                                                                                                                          den „Heiden“
                                                                                                                                                                                          Seite 24



                                                                                                                                                einfache
                                                                                                                                                nuancierte
dieses Monats wollen uns darin bestärken, indem sie an den eigentlichen Sinn                                                                    informierte
                                                                                                                                           Eine glaubenstreue Lesart der Bibel
                                                                                                                                                historische
und Zweck des Gottesdienstes erinnern.                                                                                                          kritische
                                                                                                                                                akademische

                                Thomas Lobitz, Chefredakteur Adventisten heute
                                                                                                                                                                       Die Gemeinde, zu




                                                                                                                                                                                                         Die weltweite Zeit-
                                                                                                                                                                       der ich gehören
                                                                                                                                                                       möchte, ist …




                                                                                                                                                               BIBELTREU
                                                       tl@adventisten-heute.de                                                                                                                           schrift der Siebenten-
                                                                                                                                                                                                         Tags-­Adventisten

IMPRESSUM
adventisten heute | ISSN 2190-0825
                                                                                                                                            Freikirche aktuell
Herausgeber: Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten (119. Jahrgang)
Verlag: Advent-Verlag GmbH, Pulverweg 6, 21337 Lüneburg,                                                                                  17 Restaurieren oder modernisieren?
E-Mail: info@advent-verlag.de,                                                                                                            18 Offenes Forum und freier Gedankenaustausch
Internet: www.advent-verlag.de; www.facebook.com/adventverlag
Redaktion: Thomas Lobitz (Chefredakteur, tl), Jessica Schultka (js),                                                                      19 Bergheim Mühlenrahmede: Eine Ära geht zu Ende
                                                                                                                                          20 Anzeigen
                                                                                                   © Viktoria Kurpas – shutterstock.com




Nicole Spöhr (nsp), Daniel Wildemann (dw). Adresse: siehe Verlag;
Tel. 04131 9835-521. E-Mail: info@adventisten-heute.de,                                                                                   21 Religionsunterricht bringt’s
Internet: www.adventisten-heute.de
Anzeigen: Dorothee Schildt-Westphal, Tel. 04131 9835-521,                                                                                 22 Bibeltelefone erreichen Menschen
Fax 04131 9835-502, E-Mail: anzeigen@adventisten-heute.de                                                                                 23 Der Lightnight-Gottesdienst in Hannover
Bezug: Kostenlos bei Bezug über den Büchertisch der örtlichen                                                                             24 Begegnungstage – Gemeinschaft leben
Adventgemeinde in Deutschland sowie online (zum Herunterladen,
Speichern und Drucken) im Internet: www.adventisten-heute.de                                                                              26 Notizbrett: Termine / Gebet für missionarische
Gestaltung: Ingo Engel, München                                                                                                               Anliegen / Bibeltelefone / Pfadfinder pflanzen
Titelgestaltung: Julia Klaushardt, Hope Media                                                                                                 Bäume für Klimaschutz in Dubai
Produktion/Druck: Strube Druck & Medien OHG, 34587 Felsberg              Unser Gottesdienst:
Spendenkonto: Freikirche der STA, IBAN: DE14 6009 0100 0227 3850 04,     gemeinsam gestalten und                                          27 Anzeigen
BIC: VOBADESSXXX, Verwendungszweck: Aheu-Finanzierung                    gemeinsam erleben.                                               30 ADRA heute



                                                                                                                                                                    adventisten heute | Januar 2020 | 3
Unser Gottesdienst - Advent-Verlag Lüneburg
a ktu e l l Na c h r ic h t e n


       Kurznachrichten                              Ein prägender Ort
                                                    70 Jahre Seminar Schloss Bogenhofen
n Australien: ADRA unterstützt Betroffene
der verheerenden Brände                             Vom 15. bis 17. November hat das Seminar Schloss Bogenhofen (Österreich)
Zahlreiche Buschfeuer haben in Australien gan-      Mitarbeiter der Schulbehörden, ehemalige Studenten und Studentinnen, Nach-
ze Landstriche erfasst und verwüstet. Wie die       barn sowie Interessierte zu einem Festwochenende anlässlich seines 70-jäh-
Gemeindezeitschrift Adventist Record, mitteilte,    rigen Bestehens eingeladen. Das Seminar wurde 1949 gegründet und ist eine
stünden Häuser der Adventgemeinden den ört-         Bildungseinrichtung in Trägerschaft der Siebenten-Tags-Adventisten in Öster-
lichen Behörden als Evakuierungszentren zur         reich und der Deutschschweiz.
Verfügung und beherbergten bzw. versorgten             Am 15. November eröffneten Stephan Sigg, Präsident der Adventisten in
gemeinsam mit lokalen Ortsgruppen des Hilfs-        der Schweiz sowie Reinhard Schwab, Präsident der Adventisten in Österreich,
werks ADRA Menschen, die durch die Brände           gemeinsam mit Robert Wimmer, Bürgermeister von St. Peter am Hart, mit ei-
vertrieben worden seien mit Wasser, Nahrungs-       nem Grußwort die Feierstunde. In der Festansprache beschrieb Dr. Hans Heinz,
mitteln, Kleidung und Haushaltsartikeln.            Student des ersten Schuljahrs, langjähriger Theologiedozent und Schulleiter der
   ADRA Australien arbeitet mit lokalen ad-         Jahre 1963 bis 1970, eindrücklich, unter welch schwierigen Bedingungen die
ventistischen Kirchgemeinden im ganzen Land         ersten Jahre des Schulbetriebs nach dem Krieg aufgenommen wurden und wie
zusammen, um bedürftigen Familien zu helfen.        sich die Schule in den nächsten Jahrzehnten weiterentwickelte und vergrößerte.
Derzeit können Adventgemeinden innerhalb               Im ersten Teil des Gottesdienstes am 16. November diskutierten in einer Po-
der Feuerzonen, die ihre Kommune aktiv un-          diumsdiskussion sechs ehemalige und aktuelle Verantwortungsträger über die
terstützen, an ADRA einen Antrag auf jeweils        christliche Kultur des Erinnerns und über Stärken, Schwächen und das Potenzial
umgerechnet 1230 Euro stellen, um ihre Be-          der Schule Bogenhofen. In der Predigt zeigte Dr. Gerhard Pfandl, 1977 bis 1989
mühungen zu unterstützen. Bei Bedarf können         Dekan des Theologischen Seminars in Bogenhofen, anhand biblischer und histo-
auch mehr Mittel bereitgestellt werden. ADRA        rischer Beispiele sowie aktueller Statistiken zum Schulwerk der Kirche auf, wel-
hat eine landesweite Spendenaktion gestartet.      che Bedeutung christlich-adventistischer Bildung in der Gegenwart zukommt.
(APD/tl)                                               Im Nachmittags- und Abendprogramm kamen der Gründer der Schulindustrie
                                                    (heute „Optimo“ – Schlafsysteme), Adolf Kinder, sowie alle noch lebenden ehe-
n Bekannte Adventgemeinde in Nebraska               maligen Schulleiter mit persönlichen Resümees zu Wort: Horst Herrnstein, Dr.
bittet Farbige um Vergebung                         Klaus Zachhuber, Mag. Franz Nusime, Dr. Winfried Vogel und Dr. Christoph Berger.
Anlässlich der 125-Jahr-Feier der College View         Am Sonntagvormittag klang das Festwochenende mit Erfahrungen weiterer
Church in Lincoln, Nebraska/USA, wurde ein          Jubiläumsgäste sowie mit einem Rück- und Ausblick „Bogenhofen früher und
nachdenklicher Rückblick in die Geschichte          heute“ durch Dr. René Gehring, Schulleiter, und Mag. Heinz Schaidinger, Theo-
dieser zur adventistischen Hochschule Union         logiedozent, aus. Es wurde auch eine 24-seitige Festbroschüre herausgegeben.
College gehörenden Adventgemeinde ­
­                                        präsen-       Auf dem Campus des Seminars Schloss Bogenhofen in der Nähe der deut-
tiert.                                              schen Grenze studieren derzeit 154 Schüler und Studenten in vier Abteilungen:
    Gemäß Outlook, dem adventistischen Mit-         Oberstufenrealgymnasium (92 Schüler), Theologisches Seminar (34 Studen-
teilungsblatt für die Region des mittleren Wes-     ten), School of Education (17 Studenten) und Sprachinstitut (11 Studenten).
tens der USA, sagte Kirchenvorstand Dr. Linda                                                                                APD/tl
Becker: „In der Vergangenheit hat die College
View Church Farbige nicht so behandelt, wie wir
es hätten tun sollen. Sie wurden gebeten, auf
der Galerie zu sitzen oder wurden sogar an der
Eingangstür wieder weggeschickt … Heute bit-
ten wir unsere farbigen Freunde um Vergebung
für das, was euch die vorherigen Generationen
angetan haben. Es tut uns leid, dass wir euch
nicht ebenso als Gottes Kinder gesehen haben,
                                                                                                                                        © Seminar Schloss Bogenhofen




wie uns selbst …“
    Anschließend wurden die Teilnehmenden an
der Feier eingeladen, im Wechsel mit der Got-
tesdienstleitung an einem speziell für diesen
Anlass formulierten Gebet teilzunehmen.
    Erklärung der adventistischen Weltkirchen-
leitung zu Rassismus vom 27.6.1985:                 Podiumsdiskussion mit aktuellen und ehemaligen Verantwortungsträgern (v.li.):
    Auf Deutsch: http://bit.ly/2OCPjCG; englische   René Gehring (Schulleiter), Martin Pröbstle (Dekan Theologie), Winfried Vogel
Originalfassung: http://bit.ly/2QFWg8X (APD/tl)     (ehem. Schulleiter), Heinz Schaidinger (Direktor Gymnasium), Christoph Berger
                                                    (ehem. Schulleiter) und Paul Wright (Pastor in der Schweiz und ehem. Heimleiter).



4 | adventisten heute | Januar 2020
Unser Gottesdienst - Advent-Verlag Lüneburg
akt uel l Nac h r i c ht en

„Wir müssen aufeinander achten“
EUD-Präsident ruft dazu auf, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren

In seiner Ansprache vor dem Exekutiv-
ausschuss der Intereuropäischen Division
(EUD) der Siebenten-Tags-Adventisten hob
Divisionspräsident Mário Brito den Auftrag
der Kirche hervor und erinnerte Leiter und
Gemeindeglieder, dabei konsequent zu
sein und sich auf das zu konzentrieren,
was die Kirche verbindet. Britos Aussagen
waren Teil seines Jahresberichts an die
Delegierten während des EUD-Jahresend-
treffens, das in Lyon (Frankreich) vom 30.
Oktober bis 4. November 2019 stattfand.
   Während seiner Präsentation rief Brito
Leiter und Mitglieder dazu auf, sich nach
außen zu richten, um andere Menschen
zu erreichen. „Wir haben keinen Erfolg,
                                                © Corrado Cozzi




wenn wir nicht auf die Bedürfnisse der
Gesellschaft achten, die uns umgibt“,
sagte er zu Beginn seines Berichts. „Wir
müssen darauf achten, wie wir die Herzen                          Das Vorstandsteam der Intereuropäischen Division (v. li.): Barna Magyarosi (Generalsekretär),
der Menschen erreichen, mit denen wir in                          Mário Brito (Präsident), Norbert Zens (Finanzvorstand).
Kontakt treten. Einige sind nicht offen für
die Botschaft, während andere beunru-                             sei nicht der richtige Weg, betonte Brito.      zu empfangen“, fügte er in Bezug auf die
higt und auf der Suche nach der Wahrheit                          „Wenn wir uns nur auf uns selbst, unsere        Vorstellung hinzu, die das Ausgießen des
sind.“ Brito ermutigte dazu, konkrete Ant-                        Gründe, unsere Argumente konzentrieren,         Heiligen Geistes mit saisonalen Regenfäl-
worten zu geben.                                                  gehen wir nirgendwo hin“, sagte Brito.          len vergleicht.
                                                                  „Wir müssen aufeinander achten, auf den
Vereint bleiben                                                   Umgang mit unseren Unterschieden ach-           EUD-Finanzvorstand Norbert Zens
Im zweiten Teil seines Berichts verwies                           ten und die Meinungen der anderen res-          ordiniert
Brito auf einige der in den letzten Jahren                        pektieren. Einheit ist keine Uniformität.“      Im Rahmen der Jahresendsitzungen des
heiß diskutierten Themen.                                            Brito sagte, dass Gott „das Anderssein       EUD-Exekutivausschusses wurde Finanz-
    „Es ist wichtig, dass wir vereint blei-                       geschaffen hat, damit wir uns gegenseitig       vorstand Norbert Zens für den weltweiten
ben“, sagte Brito als Reaktion auf solche                         ergänzen. Die Menschen wurden unter-            kirchlichen Dienst ordiniert. Er war u. a.
Diskussionen. „Wir dürfen nicht verges-                           schiedlich, aber komplementär geschaf-          als Geschäftsführer des Seminars Schloss
sen, dass es das Werk des Heiligen Geistes                        fen, und in dieser Perspektive können wir       Bogenhofen und als stellvertretender Lei-
ist, nicht unseres. Wenn wir erfolgreich                          akzeptieren, dass wir einander brauchen;        ter der internen Buchprüfung (Auditing
sein wollen, müssen wir mit ihm zusam-                            wir können vom anderen lernen.“                 Service) der Kirche tätig. Bei der General-
menarbeiten.“                                                        „Als Kirche sollten wir uns als Orches-      konferenz-Vollversammlung 2010 wurde er
    Die Zusammenarbeit mit dem Heiligen                           ter verstehen“, so Brito. „Ein Orchester        von den EUD-Delegierten zum Finanzvor-
Geist, betonte Brito, sei viel mehr, als für-                     schafft es, verschiedene Instrumente zu         stand der Division gewählt.
einander zu beten, sich bei angenehmen                            harmonisieren.“ In diesem Zusammenhang               „Ändert diese Ordination etwas für
Gelegenheiten zu treffen oder an wunder-                          rief er jedes Gemeindeglied auf, es dem         mich? Ja und nein. Nein, denn ich weiß,
baren Projekten zu arbeiten. Es ist die Er-                       Heiligen Geist zuzugestehen, dass er auch       dass Gott mich in diesen Dienst berufen
fahrung einer Haltung der Einheit.                                bei Meinungsverschiedenheiten wirke.            hat, und deshalb ist diese Berufung nicht
    „Nicht alles ist einfach“, räumte Brito                          „Mein Traum ist es, zu sehen, wie            von der Ordination abhängig. Ja, … weil
ein. „Wir haben Diskussionen über einige                          der Heilige Geist Männer und Frauen ge-         es eine Bestätigung der Kirche für diese
Themen, aber wir sind vereint.“ Und er                            braucht, die auf Gott vertrauen“, sagte Bri-    Berufung ist, und ich bin sehr dankbar da-
fügte hinzu: „Wir sind uns bewusst, dass                          to. „Wenn wir in der Reife wachsen, einan-      für“, so Norbert Zens. „Ehrlich gesagt wür-
wir nicht in allem die gleiche Meinung                            der respektieren, lieben, darauf vertrauen,     de ich mir wünschen, dass wir all denen,
vertreten. Wir versuchen aber, aufeinan-                          dass der Heilige Geist in meinem Bruder         die von Gott berufen wurden, ihr Leben
der zu hören.“ Leider scheine das Klima in                        oder meiner Schwester wirken kann, auch         seiner Sache zu widmen, diese Bestätigung
der Kirche manchmal die Polarisierungen                           wenn sie anders denken, dann werden wir         geben könnten.“
in der Gesellschaft widerzuspiegeln. Das                          bereit sein, den versprochenen Spätregen                                  Corrado Cozzi / tl



                                                                                                                      adventisten heute | Januar 2020 | 5
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Re po r t



Filme für Millionen
                                                Einblicke in die YouTube-Welt
                                                beim Media Day in Alsbach-Hähnlein


E
      s sind die neuen Helden der Kinder-       hen regelmäßig die Videos ihrer teils hals-      daraus Tipps für Nachwuchs- YouTuber ab,
      zimmer: YouTuber wie Julian Bam,          brecherischen Projekte: den Flug mit einer       um mehr Abonnenten und dadurch Werbe-
      Rezo, Alman, Bibi oder Julia Beautix.     Badewanne zur Bäckerei; als menschliche          einnahmen zu gewinnen – beispielsweise,
Erwachsene über 30 werden viele Namen           Drohne oder mit einem selbstgebaute Heiß-        indem man Videos von allgemeinem Inte-
nicht kennen und vielleicht rätselhaft          luftballon aus Alufolie fliegen; ein Rennen      resse dreht, originelle Filmtitel formuliert
finden. Doch Kinder und Jugendliche ver-        zwischen einem Bobby-Car mit Elektromo-          und ansprechende Vorschaubilder (Thumb-
bringen viel Zeit mit dem Ansehen ihrer         tor und einem Auto sowie Abenteuerbe-            nails) kreiert. Inzwischen werden die „Real
Filme, die sie auf der Internetplattform        richte über extrem kostengünstige Reisen         Life Guys“ durch eine Agentur vermarktet
YouTube veröffentlichen. Einige von ihnen       per Autostopp oder Fahrrad. Begonnen hat-        und beschäftigen als Arbeitgeber einen
haben Millionen Abonnenten. Manche sin-         ten sie mit Naturvideos, in denen sie z. B.      Kameramann und einen Cutter – alles fi-
gen selbstkomponierte Lieder oder machen        einen Eisvogel bei der Fischjagd gefilmt ha-     nanziert durch die Werbeeinnahmen.
aus bekannten Popsongs völlig neue Wer-         ben. Ihr Abitur legten sie am Schulzentrum
ke, andere zeigen Streiche und Sketche,         Marienhöhe in Darmstadt ab.                      Einsiedler aus Schweden gewinnt
wieder andere geben Schminktipps oder              Ursprünglich wollten Philipp und Jo-          Media-Day-Preis
zeigen Life Hacks – Kniffe, mit denen man       hannes Mickenbecker mit ihren Videos             Auch in diesem Jahr gab es einen „Project
Gebrauchsgegenstände auf kreative Art           kein Geld verdienen, sondern produzier-          Slam“, in dem zehn Teilnehmende in Bei-
effizienter oder auch ganz anders nutzen        ten sie für ihre Freunde. Als ihre Filme         trägen von jeweils zehn Minuten Dauer ihre
kann, als ursprünglich gedacht. So hat          immer häufiger vom YouTube-Algorithmus           Projekte vorstellten. Etliche dieser Projekte
sich im Laufe der letzten Jahre ein medi-       den Nutzern der Plattform zum Ansehen            verfolgen das Anliegen, im Medienzeital-
ales Paralleluniversum entwickelt, in dem       „vorgeschlagen“ wurden, entschlossen sie         ter die gute Nachricht von Jesus Christus
sich Jugendliche mehr zu Hause fühlen,          sich, ihr Hobby zum Beruf zu machen.             auf eine Weise zu verbreiten, die säkulare
als im klassischen TV oder bei Printmedien.     Durch Werbeeinnahmen, die YouTube                Menschen erreicht. Auch kircheneigene Me-
                                                durch geschaltete Werbung kassiert und           dienunternehmen wie Hope Media und der
Vom Hobby zum Beruf                             anteilig an die YouTuber auszahlt, sowie         Advent-Verlag, Lüneburg, stellten ihre Plä-
Grund genug für das Hope Media Center           durch Produktplacement, lässt sich im            ne vor – unter anderem das Hope Magazin
in Alsbach-Hähnlein, jemanden aus der           günstigsten Fall der Lebensunterhalt fi-         als länder- und institutionenübergreifendes
YouTuber-Szene als Hauptsprecher zum            nanzieren. Einige YouTuber sind dadurch          Projekt (s. Dezemberausgabe 2019, S. 4).
diesjährigen Media Day einzuladen. So kam       sogar ziemlich wohlhabend geworden. Phi-            Mit dem Media-Day-Preis wurde der
man auf Philipp Mickenbecker, der gemein-       lipp Mickenbecker erzählte die ungeplante        YouTube-Kanal „My Northern Story“ von
sam mit seinem Zwillingsbruder Johannes         Erfolgsstory der „Real Life Guys“ (Motto:        Johannes Likar ausgezeichnet. Der Öster-
den YouTube-Kanal „The Real Life Guys“          „Do something“ – in die Natur gehen und          reicher lebt seit Sommer 2019 für ein Jahr
betreibt. Über eine Million Abonnenten se-      dort etwas Originelles machen) und leitete       allein in einem Zelt auf einer kleinen Insel
                                                                                                 in Schweden, dreht dort Videos über seine
                                                                                                 Erlebnisse und reflektiert darüber. Die Vor-
                                                                                                 jahressiegerin Darleen Besmann verzeich-
                                                                                                 net auf ihrem YouTube-Kanal „MultiMOMs“
                                                                                                 mittlerweile über 10.000 Abonnenten –
                                                                                                 jenseits dieser Grenze schaltet YouTube au-
                                                                                                 tomatisch Werbung und es fließen Gelder.
                                                                                                    Am Tag darauf trafen sich – wie jedes
                                                                                                 Jahr – Vertreter der adventistischen Ver-
                                                                                                 lage aus den deutschsprachigen Ländern
                                       1                                                    2    und Hope Media, um sich auszutauschen
1 Philipp Mickenbecker von den „Real Life Guys“, im Hintergrund einer der selbstgebastelten      und gemeinsame Projekte zu verabreden.
Konstrukte, die in den YouTube-Videos eine zentrale Rolle spielen. 2 Johannes Likar freut sich   Die Medienlandschaft bleibt in Bewegung.
über seinen Media Day Preis, neben ihm Melina Godina, die durch die Veranstaltung führte.                                      Thomas Lobitz



6 | adventisten heute | Januar 2020
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Ko l u m n e



Es ist wieder gut!
                                                        Ein unverhofftes Stück
                                                        Himmel auf Erden


I
    ch war schon einige Jahre nicht mehr in dieser      Umfeld und wie ihn der
    Gemeinde gewesen, die immerhin 260 Kilome-          Wunsch nach Provoka-
    ter von meinem Wohnort entfernt ist. Dass ich       tion gepackt habe. Es
an diesem Sabbat dort die Predigt halten soll, ist      erstaunt und erschreckt
reiner Zufall, da mir diese Gemeinde im Rahmen ei-      mich immer wieder, wie
ner konzertierten Aktion von Hope Media zugeteilt       genau Menschen sich
worden ist. Eigentlich war jemand anders dafür          Sätze merken, die ich
vorgesehen, der Plan wurde ein paar Mal geändert.       ihnen gegenüber geäu-
Doch nun finde ich mich dort wieder.                    ßert habe, an die ich
   Am Freitagabend gehe ich die paar Schritte von       mich selbst aber nicht



                                                                                © Dan Meyers – unsplash.com
meiner Unterkunft zum Gemeindehaus und stelle           mehr erinnern kann.
fest, dass das niedrige Gebäude aus der Nachkriegs-     Nach 22 Jahren werde
zeit inzwischen wie eingekeilt zwischen neuen           ich mit meinem eige-
Hochhäusern steht, fast als wollte die kleine Ad-       nen Zitat konfrontiert:
ventgemeinde sich ducken, um nicht erschlagen zu        „Du passt hier nicht
werden.                                                 mehr rein, wir müssen
   Da ahne ich noch nicht, welches Glück mir am         getrennte Wege gehen.“
nächsten Morgen in diesem bescheidenen Haus                Habe ich das wirklich gesagt? Habe ich damals                                                 Gott rückt manches
begegnen wird. Es ist gerade Pause nach dem Bi-         tatsächlich wirklich nicht den Menschen und sein                                                 wieder zurecht – eine
belgespräch, ich stehe hinten und warte auf mei-        Potenzial gesehen, sondern ihn nur nach seinem                                                   befreiende Erkenntnis.
nen Einsatz für die Predigt. Plötzlich steht ein        Momentverhalten beurteilt? Ich entscheide mich
Mann vor mir, ungefähr in seinen Vierzigern, und        im Bruchteil einer Sekunde für offene Verletz-
sieht mich an: „Kennst du mich noch?“ Da mein           lichkeit. Keine Rechtfertigung, keine Ausflüchte.
Gesichts­gedächtnis wesentlich besser ist als mein      Stattdessen: „Es tut mir leid, heute sehe ich man-
Namensgedächtnis, dämmert mir langsam, dass ich         ches anders.“
ihm schon einmal begegnet bin. Doch ich geste-             Später endet meine Predigt mit der Beschrei-
he: „Du musst mir helfen, ich weiß es nicht.“ Als       bung einer Szene, die ich vor Kurzem in einem
er seinen Namen nennt und den Ort, wo wir uns           Kommentar zu Lukas 15 gefunden habe: Der Vater
zum ersten Mal gesehen haben, ist mir sofort klar,      läuft seinem Sohn sehnsüchtig entgegen, legt sei-
dass unsere letzte Begegnung tatsächlich 22 Jahre       nen Arm um ihn und führt ihn sicher durch das
zurückliegt. Ich war gerade Leiter eines Schulzen-      Dorf zu seinem Haus, um ihn vor dem Lynchmob
trums geworden, er studierte dort Theologie und         zu schützen, der den Heimkehrer sonst umbrin-
verdiente sich die Studiengebühren unter anderem        gen würde, weil er es gewagt hat, das Erbe seines
damit, dass er an dem Häuschen mitbaute, das ich        Vaters einzufordern. Das sei genauso, als wünsch-
mit meiner Familie beziehen sollte. Und jetzt steht     te er seinen Tod, ein absolutes Tabu in dieser se-
er vor mir, zeigt auf seine Familie und erzählt, dass   mitischen Gesellschaft. Was für ein Gott, der uns
                                                                                                                         © Gerald Förster – Hope Media




er als Wirtschaftsfachmann in einer Kanzlei arbei-      in unserer verletzlichsten Stunde seinen Schutz
tet und viel international unterwegs ist.               gewährt.
   Ich spüre, dass er etwas auf dem Herzen hat.            Am Ausgang kommt der junge Mann von da-
„Weißt du noch, wie ihr mich damals rausge-             mals wieder auf mich zu: „Es ist alles gut“, sagt
schmissen habt?“ Verzweifelt versuche ich, auf          er lächelnd zu mir, „ich kann es abschließen.“ Wir
meiner inneren Festplatte den Ordner von 1997 zu        schauen uns in die Augen und wissen beide, dass
finden, aber es gelingt mir nicht. Ich entschließe      uns in dieser alten Nachkriegskapelle ein Glück                                                  Dr. Winfried Vogel
mich, es direkt anzusprechen: „Warum haben wir          widerfahren ist, das allein der Fügung Gottes und                                                ist Redakteur und Pro-
das getan?“ Bereitwillig erzählt er mir von seinem      seiner Liebe geschuldet ist. Das kann nur ein Vor-                                               duzent bei Hope Media
Drang nach Freiheit in einem allzu reglementierten      geschmack auf den Himmel sein. ■                                                                 in Alsbach-Hähnlein.



                                                                                                              adventisten heute | Januar 2020 | 7
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T he m a d e s M o na ts



Miteinander Gott
begegnen                                              Wozu wir Gottesdienst
                                                      feiern


                        A
                               ls ich in den 1980er-Jahren als Jugendlicher     sich in der Bibel kein Hinweis darauf, dass diese
                               im adventistischen Umfeld aufwuchs, gehör-       Worte in gesungener Form am Ende jedes gottge-
                               te es zum Standard, dass in fast jeder (west-)   fälligen Gottesdienstes stehen müssten. Überhaupt
                        deutschen Adventgemeinde immer das gleiche Lied         liefert uns das Neue Testament nur äußerst spär-
                        zum Abschluss des Gottesdienstes gesungen wurde:        liche Hinweise über den Ablauf eines christlichen
                        „Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi“ (Wir loben       Gottesdienstes, ganz zu schweigen von einer festen
                        Gott, Nr. 400, siehe ghs Nr. 224). Es wurden in jener   Liturgie.
                        Zeit die ersten Versuche unternommen, andere Lie-           Die Art und Weise wie wir heute Gottesdienst
                        der an das Ende des Gottesdienstes zu stellen. Ob-      feiern, ist mindestens genauso stark von kirchen-
                        wohl ich damals keinen tiefen Ein- und Überblick        geschichtlichen und kulturellen Einflüssen ge-
                        in die adventistische Gemeindelandschaft hatte,         prägt, wie von biblischen Grundgedanken. Deshalb
                        erinnere ich mich, dass diese alternativen Schluss-     sollte der Frage nach dem Wie des Gottesdienstes
                        lieder zuweilen für Irritationen und Diskussionen       immer die Frage nach dem Wozu vorangehen? Erst
                        sorgten. Einige waren besorgt darüber, dass man         wenn wir uns im Klaren sind, was Sinn und Zweck
                        die „heilige Ordnung“ des Gottesdienstes verlassen      eines christlichen Gottesdienstes sein sollte, kön-
                        könnte – und tatsächlich gibt es bis zum heutigen       nen wir uns überlegen, welche Gottesdienstformen
                        Tag Gemeinden, in denen ausschließlich „Die Gna-        wir wählen, um den Sinn des Gottesdienstes am
                        de“ als Abschlusslied gesungen wird.                    besten zu transportieren.

Einander begegnen –     In der Bibel kaum Hinweise auf eine christliche         Mehr als eine Veranstaltung
ein Teil des Gottes­    Liturgie                                                Zunächst einmal macht Paulus deutlich, dass „Got-
dienstes oder eher      Obwohl es sich bei diesem Lied um die Vertonung         tesdienst“ primär keine Veranstaltung sondern viel
Nachprogramm?           eines Bibeltextes (2 Kor. 13,13) handelt, findet        mehr eine Lebenshaltung der Hingabe an Gott ist
                                                                                                   (Röm 12,1–2). Diese Lebenshal-
                                                                                                   tung prägte das gesamte Leben
                                                                                                   und damit natürlich auch die
                                                                                                   Zusammenkünfte der ersten
                                                                                                   Christen. In Apostelgeschichte
                                                                                                   2,42–47 wird beschrieben, dass
                                                                                                   es zu ihrem Lebensstil gehörte,
                                                                                                   das Leben miteinander zu tei-
                                                                                                   len. Sie lobten Gott gemeinsam
                                                                                                   (V. 47), waren füreinander da,
                                                                                                   auch in materieller Hinsicht
                                                                                                   (V. 45), staunten miteinander
                                                                                                   über die Wunder, die Gott voll-
                                                                                                   brachte (V. 43), beschäftigten
                                                                                                   sich gemeinsam mit der Bot-
                                                                                                   schaft des Evangeliums (V. 42),
                                                                                                   feierten mit überschwänglicher
                                                                                                 © rawpixel – shutterstock.com




                                                                                                   Freude (wörtlich: mit Jubelru-
                                                                                                   fen!) das Abendmahl und pfleg-
                                                                                                   ten intensive Tischgemeinschaft
                                                                                                   (V. 46). Entsprechend dieser
                                                                                                   Grundhaltung, mit Gott und mit-
                                                                                                   einander zu leben, waren sie



8 | adventisten heute | Januar 2020
Unser Gottesdienst - Advent-Verlag Lüneburg
Unser Gott e sd i ens t

jeden Tag beieinander, im Tempel in größeren
Gruppen und in den Häusern in kleineren Grup-
pen (V. 46). Durch ihre gelebte Liebe unterein-
                                                         Leserstimmen zum Thema
ander spiegelten sie den Charakter Gottes wider          In der Oktoberausgabe stellten wir euch, liebe Leserinnen und Leser, zwei Fra-
(Joh 13,35; Gal 5,22–23). Ganz offensichtlich            gen zum Thema Gottesdienst, die per Post, E-Mail oder über Facebook beant-
brauchten sie kein vorgefertigtes Programm für           wortet werden konnten. Vielen Dank für die rege Beteiligung! Antworten, die
ihre Zusammenkünfte. Sie wussten, dass Jesus le-         so oder ähnlich besonders häufig genannt wurden, dokumentieren wir hier.
bendig in ihrer Mitte war, wenn sie sich trafen (Mt      1. Aus welchem Grund gehst du zum Gottesdienst? Häufigste Antworten:
18,20) und dass er durch die Gaben des Heiligen          Um Gottes Nähe zu suchen, um geistlich gestärkt/ermutigt/inspiriert zu
Geist durch jeden von ihnen wirkte (1 Kor 12,7).         werden, um Gott anzubeten/zu loben, um innezuhalten, um Gemeinschaft
Und so waren die Gottesdienste davon geprägt,            zu pflegen.
dass jeder gemäß seinen Gaben etwas beitrug              2. Welche zwei Elemente (außer der Predigt) dürfen für dich im Got-
(1 Kor 14,26). Der Gottesdienstleiter war der Hei-       tesdienst nicht fehlen? Häufigste Antworten: Bibelgespräch (wurde sehr
lige Geist!                                              häufig genannt, aber zuweilen darauf hingewiesen, dass es oft nicht zu
                                                         einem echten, tiefgehenden Austausch kommt), Lebendige Gemeinde (von
Gegenseitig stärken                                      Erfahrungen und Anliegen berichten), Potluck, gemeinsamer Lobpreis, Ge-
In Hebräer 10,19–25 werden Sinn und Zweck der            betszeiten, Kindermoment.
Gottesdienstversammlungen gut dargestellt. Zu-              Folgende Anregungen wurden genannt: Gottesdienst am Nachmittag, um
nächst wird Bezug genommen auf das himmlische            den Tag ohne Zeitdruck beginnen zu können, mehr Lobpreis und Musik,
Heiligtum, zu dem jeder Gläubige durch das Blut          regelmäßige Zeit für Begegnung (Kirchenkaffee o. ä nach dem Gottesdienst,
Jesu freien Zugang hat (V. 19–21). Folgerichtig          wenn kein Potluck stattfindet).
wird in Vers 22 die gottesdienstliche Grundhaltung
folgendermaßen beschrieben: „Deshalb wollen wir
mit ungeteilter Hingabe und voller Vertrauen und      braucht, um seine Gegenwart greifbar zu machen.
Zuversicht vor Gott treten. Wir sind ja in unserem    Gott will jeden durch die Gaben des Heiligen Geis-
Innersten mit dem Blut Jesu besprengt und da-         tes dazu gebrauchen, andere zu stärken, zu ermu-
durch von unserem schuldbeladenen Gewissen be-        tigen und aufzubauen und er kann und will durch
freit; wir sind – bildlich gesprochen – am ganzen     uns Menschen kleine oder große Wunder tun. Wir
Körper mit reinem Wasser gewaschen.“ (NGÜ) Got-       dürfen also mit einer erwartungsvollen Grundhal-
tesdienst heißt also, durch Jesus mit Zuversicht,     tung zum Gottesdienst kommen und beten: „Herr,
Vertrauen und gutem Gewissen in die unverhüll-        heute will ich dir gemeinsam mit meinen Glaubens-
te Gegenwart Gottes zu treten und uns von dieser      geschwistern ganz konkret begegnen. Zeige mir,
Begegnung prägen zu lassen (vgl. 2 Kor 3,12–18).      wie du mich gebrauchen willst. Wem ich ein Lä-
Diese lebendige Hoffnung ist so wertvoll, dass        cheln schenken oder durch ein liebes Wort Mut ma-
wir daran mit Entschlossenheit festhalten sollen,     chen kann. Lass deinen Heiligen Geist durch mich
denn es gibt in unserem Leben immer auch Kräf-        wirken und lass mich dazu beitragen, dass sich
te, die das Bewusstsein dieser Hoffnung vernebeln     in diesem Gottesdienst dein liebevoller Charakter
(Hbr 10,23). Aus diesem Grund brauchen wir den        widerspiegelt.“
gemeinsamen Gottesdienst und werden ermutigt,
uns dadurch gegenseitig zu stärken: „Und weil wir     Zum Nachdenken und für ein Gespräch
auch füreinander verantwortlich sind, wollen wir      Aus den oben dargestellten Prinzipien können fol-
uns gegenseitig dazu anspornen, einander Liebe zu     gende praktische Fragen zum Reflektieren und Dis-
erweisen und Gutes zu tun. Deshalb ist es wichtig,    kutieren anregen:
dass wir unseren Zusammenkünften nicht fernblei-      •   
                                                         Wie greifbar ist Gottes Gegenwart für dich im
ben, wie einige sich das angewöhnt haben, son-           Gottesdienst?
dern dass wir einander ermutigen, und das umso        •   Mit welcher Grundhaltung komme ich zum Gottes-
mehr, als – wie ihr selbst feststellen könnt – der       dienst? Stufe dich auf einer Skala von 1 bis 10 ein.
Tag näher rückt, an dem der Herr wiederkommt.“           1 = Konsumerwartung, 10 = Hingabe und Dienst
(Hbr 10,24–25, NGÜ)                                   •   Auf welche Weise spiegelt unser Gottesdienst den
   Kurz zusammengefasst, könnte man sagen, Got-          liebevollen Charakter Gottes wider?
tesdienst heißt Begegnung. Wir begegnen Gott          •   Wie kann der Gottesdienst so gestaltet werden,
und wir begegnen einander. Dadurch empfangen             dass möglichst alle beteiligt sind?                    Andreas Pfeifer
wir Hoffnung, Kraft und Zuversicht, wachsen in        •   Wie kann im Bibelgespräch auch Raum für per-         Pastor, Referent für
der Liebe, und werden motiviert, Gutes in unserem        sönlichen Austausch, Fürbitte und Ermutigung           Gemeindeentwicklung,
Umfeld zu bewirken und die Hoffnungsbotschaft            entstehen?                                             Gemeindeaufbau
Gottes weiterzugeben. Ein sehr interessanter und      •   Sollte gemeinsames Essen nicht stets zum Gottes-     und Evangelisation der
wichtiger Aspekt ist, dass Gott Menschen ge-             dienst gehören wie Predigt und Bibelgespräch? ■        Bayerischen Vereinigung



                                                                                                adventisten heute | Januar 2020 | 9
Unser Gottesdienst - Advent-Verlag Lüneburg
T he m a d e s M o na ts



Wie die Blätter
einer Blüte                                                 Was mich am Gottesdienst
                                                            fasziniert


                        W
                                 ährend ich diesen Beitrag                                                              erhalten, dass Gottes Liebe das Leben
                                 schreibe,     wandern                                                                       mit all seinen Höhe- und Tiefpunk-
                                 meine Gedanken im-                                                                            ten sicher trägt und hält. Doch –
                        mer wieder zurück zu der                                                                                  sollte dies nur bei besonderen
                        Veranstaltung, von der ich                                                                                 Anlässen möglich sein, dass
                        gerade komme. Der Saal                                                                                     wir Gottes Gegenwart sowie
                        ist bis auf den letzten                                                                                      die Nähe von Menschen als
                        Platz besetzt, einige                                                                                         unglaublich wohltuend er-
                        Gäste müssen stehen.                                                                                         leben und uns darin gebor-
                        Eine feierliche Atmo-                                                                                        gen wissen? Ist das nicht
                        sphäre erfüllt den                                                                                          auch das Anliegen jedes
                        Raum. Kerzen verströmen                                                                                   „normalen“ Gottesdienstes?
                        Wärme und Licht. Alle
                        spüren die Besonderheit des                                                                                Gott ist gegenwärtig
                        Augenblicks. Alles, was gesagt                                                                          Gerhard von Tersteegen hat es
                        wird, hat Bedeutung und                                                                                       in einem seiner beliebten
                        Sinn: überlegte, von Herzen                                                                                   Lieder auf den Punkt ge-
                        kommende Worte, die                                                                                         bracht: „Gott ist gegenwär-
                        tief berühren. Orgel und Die Summe der Blätter                                                         tig – Gott ist in der Mitten.“ (ghs
                        Lobpreisgruppe bringen macht die Schönheit der                                                    Nr. 37) Jesus Christus – das Zentrum
                        das Innere zum Klingen, Blüte aus.                                                           der Geschichte und der Anker in der Zeit
                        setzen Gefühle frei, ver-                                                                (Albert Frey, ghs Nr. 543) – ist auch der Mit-
                        einen die Anwesenden                                                                    telpunkt all dessen, was wir „Gottesdienst“
                        im gemeinsamen Lob.                                                                    nennen: Gottes Dienst an uns und (als Antwort
                        Klänge, die umarmen.                                                                                    darauf) unser Dienst für Gott.
                        Der Gesang wird zum                                                                                        Könnte es etwas Bedeutungs-
                        Bekenntnis, zur Bitte,                                                                                       volleres im Leben geben, als
                        zum Gebet. Die Ansprache ist                                                                                   ihm persönlich zu begeg-
                        persönlich und geisterfüllt. Die                                                                                  nen und mit anderen
                        Hörer sind berührt, niemand schaut                                                                                  seine Gegenwart zu
                        auf die Uhr. Das Programm strukturiert die Zeit,                                                                      erleben? Genau zu
                        weckt Erwartungen, die nicht enttäuscht werden.                                        diesem Zweck hatte Gott einst Mose beauftragt,
                        Nach knapp zwei Stunden ist es zu Ende – doch es                                      ihm ein Heiligtum zu bauen, „dass ich unter ih-
                        geht weiter: Gespräche, Umarmungen, Weinen und                                        nen wohne“ (2 Mo 25,8), denn „daselbst will ich
                        Lachen, Essen und Trinken. Diese Veranstaltung                                        den Israeliten begegnen“ (2 Mo 29,42–46).
                        wird noch lange in mir nachklingen; ich bin froh,                                        Um es gleich zu sagen: Ein Heiligtum wie den
                        dass ich sie nicht verpasst habe …                                                    Tempel im Alten Bund kennt die Gemeinde Jesu
                           Dass dies kein üblicher Sabbatgottesdienst war,                                    nicht. Das Neue Testament kennt überhaupt kei-
                        dürfte klargeworden sein. Denn so etwas erlebe                                        ne heiligen Räume mehr (Joh 4,20–24) – wohl
                        ich dort eher selten. Es war auch kein normaler                                      aber eine heilige Zeit. Jeder Ort ist geheiligt, wo
                                                                             © Ian2010 – shutterstock.com




                        Gottesdienst, sondern eine Trauerfeier anlässlich                                    Gott erlebt wird. Kirchen und Kapellen mögen
                        des plötzlichen Todes eines allseits geschätzten                                     unser religiöses Empfinden stärker berühren als
                        Gemeindeglieds. Diejenigen, die gekommen wa-                                         Küchen und Keller, doch heiliger sind sie deshalb
                        ren, wussten, warum, wollten Anteilnahme zei-                                        nicht. Entscheidend ist vielmehr, was geschieht,
                        gen, trösten und getröstet werden, Fragen und                                        wo immer Gott uns begegnet. Dann wird der Bo-
                        Zweifel vor Gott bringen und die Vergewisserung                                     den unter unseren Füßen zum „heiligen Land“,



10 | adventisten heute | Januar 2020
Unser Gott e sd i ens t

dann brennt das göttliche Feuer und verzehrt uns       ösen Floskeln sind, sondern eine Wahrheit, die mir
doch nicht (2 Mo 3,1–5).                               ganz persönlich gilt und mich im Innersten ver-
   Wie kann es im wöchentlichen Gottesdienst zu        ändert. So hatte es der Erweckungsprediger John
einer solch tiefen spirituellen Erfahrung kommen?      Wesley erlebt, als ihm 1738 in einer Versammlung
An Gott kann es nicht liegen, denn er ist jeder-       in London das Evangelium, wie Paulus es im Römer-
zeit bereit, uns zu begegnen, wenn wir ihn suchen      brief erklärt, so unter die Haut ging, dass er von
und uns ihm öffnen. Entscheidend ist vielmehr die      diesem Tag an die Gewissheit hatte, ein erlöstes
Einstellung, mit der wir zum „Gottesdienst“ gehen.     Kind Gottes zu sein. Die Erfahrung von Erlösung,
Dabei spielen Routine und Gewohnheit keine gerin-      Vergebung und geistlichem Neuanfang bringt Heil
ge Rolle. Auch das Wiedersehen und der Austausch       und Heilung ins Leben, verwandelt Lebensangst
mit anderen haben ihren Platz. Gemeinde im Sinne       in Zukunftshoffnung, Verzweiflung in Zuversicht,
des Neuen Testaments ist wie eine große Familie, in    Hass in Liebe, Dunkelheit in Licht.
der alle willkommen sind und ihren Platz finden.
Damit erfüllt der Gottesdienst eine wichtige soziale   Die Erlösung feiern
Funktion. Doch seine Mitte liegt in der Begegnung      Wo Erlösung geschieht, Befreiung erlebt oder Ver-
zwischen Himmel und Erde, Gott und Mensch. Ein         lorenes gefunden wird, da muss gefeiert werden
solcher Gottesdienst ist wie eine Blume, deren Blü-    – fröhlich, ansteckend, begeisternd. In allen drei
ten sich zu einem wunderschönen Ganzen formen.         Gleichnissen in Lukas 15 steht die Freude über das
Ich habe mehrere solcher Blütenblätter vor Augen,      wiedergefundene Geldstück, das Schaf und den Sohn
die mich immer wieder von neuem faszinieren.           im Blickpunkt: „Freut euch mit mir!“ Manchmal
                                                       spiegeln Gottesdienste eher die Stimmung des älte-
Gott loben und danken                                  ren Bruders wider, dem das fröhliche Feiern gegen
Nichts erhebt Geist und Seele mehr als das Bewusst-    den Strich ging, da er keinen Anlass dazu sah. Ganz
sein, dass das Leben und was es beinhaltet, kein       anders dagegen die Gemeinde in Jerusalem, deren
bloßer Zufall oder eigenes Verdienst ist, sondern      Versammlungen (einschließlich des Abendmahls)
ein Geschenk unseres liebenden, fürsorgenden Got-      von „überschwänglicher Freude“ geprägt waren (Apg
tes. Gerade wenn sich negative Erfahrungen in den      2,46 NGÜ). Haben wir heute weniger Anlass, ange-
Vordergrund drängen wollen – wie in der eingangs       sichts des erfahrenen Heils zu jubeln?
beschriebenen Situation – ist es wohltuend, sich
Gott vertrauensvoll zuzuwenden und ihm für seine       Füreinander da sein
Segnungen zu danken. Loben und Danken – vor            Man kann auch für sich allein Gott loben, sein Wort
allem im Lied und im Gebet – entfernen den Sta-        lesen, dem Evangelium glauben und die Erlösung
chel der Resignation und des Zweifels. „Ich will von   feiern. Allerdings fehlt dabei etwas Wesentliches:
deiner Güte singen …“ – „Meine Seele erhebt den        die Gemeinschaft mit anderen. Sie unterscheidet
Herrn …“ – „Dein Lob soll immerdar in meinem           den Gottesdienst von der persönlichen Andacht.
Munde sein …“ – Medizin für Geist, Seele und Leib.     Von Anfang an bildeten die Jesusanhänger eine fa-
                                                       miliäre Gemeinschaft (Mt 12,46-50), die auch den
Gottes Wort hören und lesen                            Alltag prägte (Apg 2,42-47). Obwohl unsere indi­
Nicht weniger wohltuend ist es, wenn Gott uns          vi­dualisierte Gesellschaft ein anderes Lebensgefühl
anredet, das Schweigen durchbricht, das oft wie        hat, ist das Bedürfnis nach echter Gemeinschaft
eine Mauer zwischen ihm und uns steht. „Reden          ungebrochen; es ist Teil unseres Menschseins. Ge-
ist Silber, Schweigen ist Gift.“ Die Heilige Schrift   rade der Gottesdienst – ganzheitlich verstanden –
ist ein Buch, das beim aufmerksamen Hören und          bietet Gelegenheit dazu. Einander zu unterstützen,
Lesen zur Stimme Gottes wird, die mich hier und        ermutigen, trösten (ggf. auch zu ermahnen), ist
jetzt erreicht. Sie öffnet mir das Verständnis für     die Gelegenheit für jede und jeden, sich zum Wohl
„Gott und die Welt“, indem sie mir die Dinge aus       anderer einzubringen (Kol 3,16; Hbr 10,19-25).
der Perspektive Gottes zeigt und Orientierung gibt     Anderen beizustehen ist die Aufgabe des Heiligen
für den Alltag. In Bibelgespräch und Predigt wird      Geistes (Joh 14,26; 15,26; 16,7) – so wirkt Gott.
das Wort der Heiligen Schrift zum lebendigen Got-          Genau das war es, was mich heute so ange-
teswort, das seinen Willen offenbart – beides, was     sprochen hat: Menschen stehen einander in einer        Rolf Pöhler
er für uns tun und was er von uns haben will. Hier     Lebens­ krise bei, die die Herausforderungen des       Th.D., Professor für
erfahre ich Weisung, Ermutigung, Hilfe und Trost.      Alltags bei Weitem übersteigt. Sie bilden einen        Systematische Theologie
                                                       Schutzraum, teilen den Schmerz über unsagbares         an der ThH-Friedensau,
Das Evangelium annehmen                                Leid, aber auch die Gewissheit über den Sieg des       diente u.a. als Pastor,
Doch das Wichtigste und Bedeutsamste in einem          Lebens über den Tod. In der Tat – ein ganz be-         Abteilungsleiter, Ver-
Gottesdienst ist die Erfahrung, dass das Reden über    sonderer Gottesdienst. Warum eigentlich nicht an       bandspräsident. Autor
Gottes Liebe und den Glauben an Jesus keine religi-    jedem Sabbat …? ■                                      mehrerer Bücher.



                                                                                              adventisten heute | Januar 2020 | 11
T he m a d e s M o na ts



Ein Gesetz der
Trägheit                                       Gottesdienste im Wandel der Zeit
                                               und was sie geistlich widerspiegeln


                          M
                                  artin Luther sagte bei der Einweihung der                     ergänzten Beiträge von denen, die mit besonderen
                                  ersten evangelischen Kirche in Torgau über                    Geistesgaben beschenkt waren, den „traditionel-
                                  den Gottesdienst: „Und es soll geschehen,                     len“ Gottesdienstablauf.
                          wenn du in dieses Gotteshaus kommst, dass un-
                          ser Herrgott zu uns durch sein heiliges Evangelium                    Von Mitgestaltern zu Beobachtern
                          spricht und wir ihm darauf antworten mit Singen                       Doch bereits im zweiten nachchristlichen Jahrhun-
                          und Beten.“                                                           dert bekamen einzelne Dienste und Aufgaben eine
                             Im Neuen Testament lesen wir von einer Vielzahl                    herausgehobene Wertschätzung. Außerdem gab es
Verkündigung und          geistlicher Gaben, die Gott schenkte, um die Ge-                      vermehrt Zeiten der Verfolgung. Jetzt waren Bi-
Gemeinschaft – adven-     meinde stark zu machen. Das spiegelte sich auch in                    schöfe und Gemeindeleiter gefragt, welche die Ge-
tistische Campmeetings    den Gottesdiensten wider, die wahrscheinlich noch                     meinden zusammenhielten, auch zum Schutz vor
haben eine lange          deutlich den Einfluss der jüdischen Synagogen-                        abweichenden Lehrauffassungen. Der Klerus bildete
Tradition. Hier ein       Gottesdienste erkennen ließen. Jesus, seine Jünger                    sich heraus; die kleine Gruppe von Männern, die
Campmeeting 1887 in       und auch die ersten Christen kamen aus dieser Tra-                    durch ihre Ehelosigkeit ein höheres Maß an Hei-
Norwegen, mit Ellen       dition. Dort wurde aus der Heiligen Schrift vorge-                    ligkeit zu erreichen versuchten. Von nun an waren
White als Gast (sitzend   lesen; Lobpreis und Gebete bildeten einen festen                      neben den Bischöfen und Ältesten u.a. die Kan-
rechts).                  Rahmen. In den neutestamentlichen Gemeinden                           toren, Lektoren, Diakone, Türhüter wesentlich für
                                                                                                den Ablauf der Gottesdienste zuständig.
                                                                                                    Die Gemeinde verfiel immer mehr in eine passi-
                                                                                                ve Rolle. Noch feierte man gemeinsam die Gottes-
                                                                                                dienste und praktizierte gemeinsam Abendmahl,
                                                                                                Taufe, Sündenbekenntnis, Segnung, Handaufle-
                                                                                                gung usw. Das stärkte die Gemeinschaft unterein-
                                                                                                ander und bot all denen ein wirkliches Zuhause, die
                                                                                                z. B. als ehemalige Sklaven und gediente Soldaten
                                                                                                heimatlos waren. Doch die Trennung zwischen der
                                                                                                allgemeinen Gemeinde, den Laien, und den Amts-
                                                                                                trägern, dem Klerus, vertiefte sich. Je mehr die
                                                                                                gottesdienstlichen Handlungen vom Klerus vollzo-
                                                                                                gen wurden, umso stärker mussten sie den Laien
                                                                                                als besondere Handlungen, als Sakramente, er-
                                                                                                scheinen, durch die das Heil direkt vermittelt wird.
                                                                                                    Neben der Schriftlesung und der Wortverkündi-
                                                                                                gung erhielt nun die Abendmahlsfeier einen besonde-
                                                                                                ren Platz im Gottesdienst. Aus der gemeinsamen Fei-
                                                                                                er, ursprünglich in Verbindung mit dem Liebesmahl,
                                                                                                entwickelte sich eine Zeremonie, die vom Klerus vor
                                                                                                den Augen der Gemeinde zelebriert wurde. Alle wa-
                                                                                                ren einbezogen und erhielten von den Amtsträgern
                                                                                                Brot und Wein. Doch gerade beim Abendmahl, schon
                                                                                                bald als Messfeier, oder kurz als „Messe“, bezeich-
                                                                                                net, zeigte sich eine weitere Veränderung. Aus den
                                                                                                Abendmahlstischen wurden in einem längeren Pro-
                                                                               © White-Estate




                                                                                                zess Altäre, teilweise sehr kunstvoll ausgestaltet.
                                                                                                    Hier zeigt sich eine weitere Veränderung des Got-
                                                                                                tesdienstes: die verstärkte bildhafte Darstellung,



12 | adventisten heute | Januar 2020
Unser Gott e sd i ens t

die den äußeren Rahmen des Gottesdienstes stark        Neue Lebendigkeit
unterstrich. Das korrespondierte mit dem Umstand,      Das 19. Jahrhundert brachte viele Aufbrüche und
dass – zumindest in den Kirchen des Westens – der      Erweckungen in der Christenheit hervor, Mission
Gottesdienst ausschließlich in Latein abgehalten       und Dienst standen bei vielen Gottesdiensten im
wurde. Zusätzlich verlagerte sich der Ablauf des       Mittelpunkt, es war die Zeit der Freikirchen und
Gottesdienstes in den vorderen Bereich der Kirche,     Gemeinschaftsbewegungen. Neben die Predigt,
den Chorraum. Es dauerte nun nicht mehr lange und      nicht selten von Gemeindegliedern gehalten, tra-
eine so genannte Chorschranke trennte die Gemein-      ten Erfahrungsberichte und Gebetsgemeinschaf-
de vom direkten Kontakt mit dem Klerus. Aus Angst,     ten. Elemente von Hausgottesdiensten wurden zu
die Laien könnten beim Empfang des Abendmahls          festen Bestandteilen großer gemeinsamer Gottes-
etwas vom geweihten Wein verschütten, erhielten        dienste. Die meisten dieser Gottesdienste waren
sie ab dem frühen Mittelalter nur noch das Brot. Der   geprägt von vielen Liedern, die häufig ganz dem
Wein blieb dem Klerus vorbehalten. Damit war die       Empfinden der Zeit entsprachen – sowohl in Mit-
Trennung perfekt, die Gemeinde wurde im Gottes-        teleuropa als auch in den USA. Es ist erstaunlich,
dienst weitgehend zum Beobachter degradiert.           wie die Erweckungsbewegungen des ausgehenden
                                                       19. Jahrhunderts den Gottesdienst der ersten ad-
Reformation und Erstarrung                             ventistischen Gemeinden geformt haben.
Die Reformation des 16. Jahrhunderts schlug sich          Von den „Liedern der Väter“, die heute immer
auch und gerade im Gottesdienst nieder. Das Abend-     noch eine breite Anhängerschaft in unseren Ge-
mahl mit Brot und Wein für alle riss die bisherige     meinden finden, stammt die Mehrheit aus der ame-
Trennung nieder. Den Klerus gab es nun so nicht        rikanischen Heiligungsbewegung, die im letzten
mehr. Die Gemeinde kam zum Gottesdienst zusam-         Viertel des 19. Jahrhunderts ihre Blütezeit hatte.
men, um das Wort Gottes in der Muttersprache zu        In Deutschland fand sie ihren Niederschlag u. a.
hören und in der Predigt zu verstehen, was Gott für    in den übergemeindlichen Blankenburger Allianz-
die Gegenwart zu sagen hatte. Die Anzahl der Sa­       konferenzen, deren Lieder in großer Zahl im ersten
kramente wurde auf die Handlungen reduziert, die       „Zionsliederbuch“ der deutschsprachigen Advent-
Jesus seinen Jüngern gebot und für die sich Einset-    gemeinden übernommen wurden.
zungsworte in der Heiligen Schrift finden lassen.         Manchmal waren es auch die politischen Um-
   Schon bald wurden neue Gottesdienstordnungen        stände, die ihren Stempel in den Gottesdienstord-
in deutscher Sprache entworfen, u.a. von Martin        nungen hinterließen. So konnten sich beispielswei-
Bucer oder Thomas Müntzer. Martin Luther zog           se die Adventgemeinden in Deutschland zunächst
1526 nach und dichtete u.a. für die so genannte        nicht als Kirche bzw. Körperschaften des öffentli-
Deutsche Messe neue Lieder mit leichten Melodien       chen Rechts, registrieren lassen, sondern behielten
und Texten, die jeder verstand. Der Gottesdienst       bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts den Vereinssta-
rückte wieder zum Zentrum des gemeinsamen              tus. Dieser machte es notwendig, die Vereinsbe-
Lebens auf. Ja, Luther träumte sogar von einer         richte öffentlich in den Versammlungen vorlesen
„dritten Weise“ des Gottesdienstes, die man heu-       zu lassen. Daraus entwickelte sich bei allen Orts-
te als eine Form des Hausgottesdienstes oder der       gemeinden der Bibelschulbericht als unverzicht-
Hauskreise bezeichnen könnte, bei der jeder aktiv      bares Element des wöchentlichen Gottesdienstes,
einbezogen wird, mitgestaltet und wo der Gottes-       der auch nach Erlangung der Körperschaftsrechte
dienst soziale Elemente einschließt.                   teilweise noch jahrzehntelang beibehalten wurde.
   Doch der Traum konnte damals nicht verwirk-            Als in den 1970er-Jahren neue Gemeinschafts-
licht werden. Im Gegenteil, in der Zeit nach Luthers   formen wie Teestuben und Hauskreise gegründet
Tod stritt man sich in seiner Kirche über teilwei-     wurden, fanden einzelne Elemente auch Eingang in
se geringfügige theologische Lehrmeinungen. Die        die traditionellen Gottesdienste vor allem der Frei-
Predigten erstarrten zu kunstvoll vorgetragenen        kirchen, beispielsweise die „Lebendige Gemeinde“,
Lehrstreitigkeiten, in denen das Leben der Gemein-     der Lobpreisteil oder verstärkt wieder Erfahrungs-
deglieder keinen Platz hatte. So brauchte es erst      berichte, die in der Frühzeit der Adventgemeinden,
wieder eine Erweckungsbewegung, in der die Pläne       als es nur sehr wenige Pastoren gab, feste Bestand-
Luthers für einen lebendigen Gottesdienst und er-      teile jedes Gottesdienstes waren.
weckende Predigten, die zu aktivem Dienst in der          Es scheint ein Gesetz der Trägheit zu sein, dass
Gesellschaft anregen sollten, ihren Platz fanden.      im Laufe der Entwicklung, Gottesdienste immer
Persönlichkeiten des Pietismus wie Graf Zinzendorf     stärker an feste Formen gebunden werden und            Johannes Hartlapp
oder August Hermann Francke stehen für den neu-        auf diese Weise häufig an Lebendigkeit verlieren.      Dr. theol., Dozent für
en Aufbruch, der sich auch in andern Ländern, z.       Andererseits schlagen sich Erweckungen in der Ge-      Kirchengeschichte an der
B. in den Erweckungsbewegungen in England und          schichte der christlichen Kirchen stets unmittelbar    Theologischen Hochschu-
Amerika niederschlug.                                  in den Gottesdienstformen und -abläufen nieder. ■      le Friedensau.



                                                                                              adventisten heute | Januar 2020 | 13
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