Neutrons for Research, Engineering and Medicine in Germany - Status and Scientific Use of the Triga Research Reactor The DIW Paper on "Expensive ...

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                                                                                10

                                                   Neutrons for Research,
                                                   Engineering and
                                                   ­Medicine in Germany

                                                   Status and Scientific Use
                                                   of the ­Triga ­Research Reactor

                                                   The DIW Paper on „Expensive
                                                   and Dangerous“ Nuclear Energy
                                                   under Review
ISSN · 1431-5254
24.–  €

                   Save the Date: 5 – 6 May 2020
atw Vol. 64 (2019) | Issue 10 ı October

Das DIW-Papier über die „teure und

                                                                                                                                                                             469
gefährliche“ Kernenergie auf dem
­Prüfstand

                                                                                                                                                                             E N E R G Y P O L I C Y, E C O N O M Y A N D L A W
Anna Veronika Wendland und Björn Peters

Abstract Ende Juli 2019 veröffentlichte eine Wissenschaftlergruppe des DIW Berlin ein weithin beachtetes Papier,
das davor warnt, die Kernenergie als Instrument zur Senkung der CO2-Emissionen in der Energiewirtschaft zu nutzen.
[1] Zu teuer und zu gefährlich sei die Nutzung von Kernkraftwerken. Der wahre Grund für die Nutzung der Kernenergie
sei ihr militärisches Potenzial. Mit seinem Papier reagierte das DIW auf die neuerdings auflebende Kontroverse um die
Krise der Energiewende, die Folgen des deutschen Atomausstiegs und die Rolle der Kernenergie in einer weltweiten
Klimastrategie.

In diesem Beitrag werden die                     gebauten 674 Atomkraftwerke zeigt,                              beschrieben wird? Die DIW-Experten
­Argumente der DIW-Studie einer                  dass privatwirtschaftliche Motive von                           beantworten diese Frage, ganz
 ­kritischen Prüfung unterzogen und              Anfang an keine Rolle gespielt haben,                           ­konform mit der Politik der Bundes­
  sowohl die Berechnungen untersucht             sondern militärische Interessen.“ [3]                            regierung, mit Nein. Ihre Argumente:
  als auch die wirtschafts- und technik-            Mit diesem Papier reagiert das DIW                            Erstens sei Kernenergienutzung viel
  historischen Annahmen des DIW                  nach eigenen Angaben [4] auf die neu-                            zu teuer. Zweitens sei die Kernenergie
  ­sowie seine Aussagen zur Reaktor­            erdings intensiver geführte Diskussion                            überhaupt nur in der Welt, weil
   sicherheit geprüft. Im Ergebnis ist          um die Krise der Energiewende und                                 ­militärische Motive Staaten dazu
   festzustellen, dass das DIW-Papier in        um die Rolle der ­Kernenergie in einer                             ­bewogen hätten, Kernkraftwerke
   diesen zentralen Punkten gegen die           weltweiten ­Klimastrategie. Politiker,                              ­wider jeden ökonomischen Sachver-
   Standards guten wissenschaftlichen           Medien und Atomgegner zitieren                             stand zu betreiben. Und drittens seien
   Arbeitens verstößt. Die Autoren              die DIW-­Publikation nun als ab­                           Kernkraftwerke zu gefährlich.
   ­können ihr Ergebnis nur erzielen, weil      schließendes wissenschaftliches Ver-                                   Lediglich für das erste Argument –
    Forschungsdaten und Forschungs­             dikt über die Kernenergie – allerdings                     das betriebs- und energiewirtschaft­
    literatur selektiv aufbereitet, aktuelle    ungeprüft. Besonders die Behauptung                        liche Argument zu den Kosten der
    Forschungsstände nicht rezipiert und        des DIW, es habe „alle Atomkraft­                          Kernenergie – besitzt das DIW Haus-
    Sachverhalte fehlerhaft dargestellt         werke“ einer genauen Analyse unter-                        expertise und wartet mit eigenen
    wurden. In wesentlichen inhaltlichen        zogen, wird als innovatives Argument                       ­Berechnungen auf. In den Bereichen
    Punkten und in der Wortwahl folgt           ­wahrgenommen. [5]                                          Kernenergiegeschichte, Reaktor- und
    das DIW unkritisch den Narrativen               Gleichwohl erinnert bereits die                         Proliferationssicherheit sowie Strah­
    der Anti-Atom-Bewegung.                      apodiktische und alarmistische Titel-                      len­biologie, den Gegenstandsbe­
        An die Stelle eines solchen aktivis-   wahl der Autoren mehr an die Diktion                         reichen des zweiten und dritten
    tischen Ansatzes sollte eine evidenz-      der Anti-Atom-Bewegung als an jene                           ­Arguments, betreiben die Autoren
    basierte, technologieneutrale inter­       der nüchternen Wissenschaft. Der                              ausweislich ihrer Publikationslisten
    nationale Diskussion über die Instru-      ­hohe Ton der Anti-Atom-Demonstra-                            [9] keine eigene Forschung und
    mente einer guten Klimastrategie            tionen kennzeichnet auch ein vom                             ­beschränken sich daher auf das
    ­treten. Diese sollte die Kernenergie       DIW publiziertes Interview mit dem                            ­Zitieren von Forschungsliteratur und
     einschließen, so wie es auch der Welt-     Studien-Mitautor       Christian     von                       anderen Publikationen.
     klimarat IPCC tut.                         Hirschhausen. [6] Es besteht daher                                     Die Aufgabe einer sachlich-­
                                                Grund zu der Annahme, dass das                                 kritischen Überprüfung ist folglich,
Einleitung:                                     DIW-Papier keineswegs unvorein­                                die DIW-Berechnungen für das
Gegenstand und Vorgehen                         genommen vorgeht. Taugt es also als                            ­Argument 1 auf Methodik und
Ende Juli 2019 veröffentlichte eine             Referenz in einer evidenzbasierten                              ­Plausibilität zu prüfen sowie im Falle
Autorengruppe des Deutschen Insti-              Diskussion über einen klimafreund­                               der sekundärliteratur-basierten Argu-
tuts für Wirtschaftsforschung e. V.             lichen Energiemix? Um diese Frage                              mente 2 und 3 zu untersuchen, auf
(DIW Berlin) ein Papier, das davor              zu beantworten, muss das Papier                                welchem Wege die Autoren des
warnt, die Kernenergie als Instrument           einer Prüfung nach wissenschaft­                               Papiers zu ihren Aussagen kommen
zur Senkung der CO2-Emissionen in               lichen Kriterien unterzogen werden.                            und ob diese durch den Forschungs-
der Energiewirtschaft zu nutzen. „Zu                Im Zentrum des DIW-Textes, der                             stand gut begründet sind. Das ist
teuer und gefährlich“ sei der Betrieb           sich selber mal als „betriebswirt-                             der Gegenstand der Abschnitte 1 bis 3.
von Kernkraftwerken. [2]                        schaftliche und wirtschaftshistorische                         Im Abschnitt 4 folgt eine generelle
   „Die Ergebnisse zeigen, dass Atom-           Analyse“, mal als „Studie“ präsentiert                         Einordnung und Kritik des DIW-­
kraft aufgrund radioaktiver Strahlung           [7], stehen eine Frage, eine Antwort                           Ansatzes im systemischen Kontext
für über eine Millionen Jahre mit­              und drei Argumente. Die Frage lautet:                          von Energiewirtschaften. Im fünften
nichten als „sauber“ bezeichnet ­werden         Sollte die Kernenergienutzung eine                             Abschnitt folgt ein Fazit.
kann, sondern für Mensch und Umwelt             Rolle bei der Dekarbonisierung unse-
gefährlich ist. Zudem ­    fallen hohe          rer Industriegesellschaft spielen, so                      1      „Atomkraft ist zu teuer“
Risiken bezüglich Proliferation an.
­                                               wie es auch in den IPCC-Szenarien für                      In der Einleitung zum Papier behaup-
Eine empirische Erhebung aller jemals           die Erreichung von Klimazielen [8]                         ten die DIW-Autoren, sie hätten „eine

                                                                                                                             Energy Policy, Economy and Law
                                                 Das DIW-Papier über die „teure und gefährliche“ Kernenergie auf dem P­ rüfstand ı Anna Veronika Wendland und Björn Peters
atw Vol. 64 (2019) | Issue 10 ı October

                                                        empirische Erhebung aller jemals                                   über konkret geflossene staatliche                welchen Ertrag in Form von ver-
                                                        ­gebauten 674 Atomkraftwerke“ durch-                               Fördersummen, Stromgestehungskos-            kaufter Energie (Strom, Wärme)
470

                                                         geführt, die zeige, „dass privatwirt-                         ten oder Jahresvolllaststunden –                 sie in Relation zu den Investitions­
                                                         schaftliche Motive von Anfang an                              Daten, die man eigentlich bräuchte,              kosten einbringt. Wenn ein Kraft-
                                                         ­keine Rolle gespielt haben, sondern                          um dem Anspruch einer wie behaup-                werk also viel Energie verkauft,
                                                          militärische Interessen.“ [10] Es folgt                      tet umfassenden historischen „empiri-            rechnet sich auch eine hohe Inves-
E N E R G Y P O L I C Y, E C O N O M Y A N D L A W

                                                          eine eigene Berechnung des Netto­                            schen Analyse“ zu genügen. Lediglich             tition. Andererseits kann ein Kraft-
                                                          barwerts von KKW-Investitionen, die                          für heute geplante oder im Bau                   werk trotz eines optisch niedrigen
                                                          man durch Eingabe von Variablen in                           ­befindliche Anlagen nennt das DIW               Anlagenpreises unrentabel sein,
                                                          ein Monte-Carlo-Analyseprogramm                               detailliertere Angaben zu „aktuellen            nämlich wenn es nur wenig oder
                                                          erzeugt hat. Alle Kombinationen                               Kostenschätzungen“ und gibt dazu                im Extremfall gar keine Energie
                                                          ­dieser Variablen ergeben laut DIW                            auch weiterführende Literatur an.               verkauft.
                                                           deutlich negative Nettobarwerte                              [16]                                            Um diesen Wert, die spezifischen
                                                           ­zwischen den Extremwerten 1,5 bis                                    Die eigentliche Berechnung, die das    Investitionskosten, zu ermitteln,
                                                            8,9 Milliarden Euro Verlust. [11] Es ist                  DIW selbst durchführt, beruht daher               dividiert man die Gesamtin­
                                                            ­diese anspruchsvoll klingende Kom­                       gar nicht auf historischen Primärdaten            vestition durch die Anzahl der
                                                             bination von historischer Empirie,                       aus der zitierten Datensammlung,                  ­erwartbar während eines Jahres
                                                             ­Berechnung von Neuinvestitionen                         ­sondern aus selbst – und teil­weise will­         abgesetzter Kilowattstunden (die
                                                              und stochastischer Methode, die bei                     kürlich – angesetzten Parametern, die              sogenannte „Jahresarbeits­stunde“)
                                                              fachlich nicht vorgebildeten Lesern                     in das Monte-Carlo-­Programm einge-                und erhält eine Angabe in EUR/
                                                              den Eindruck erzeugt, hier werde                          geben werden. Gleichwohl suggerieren             (kWh·a). Dazu muss man die
                                                              ­erstmals die globale Kernenergiewirt-                    die Autoren, diese Parameter seien               ­Auslastung der Anlage („Volllast-
                                                               schaft in Vergangenheit und Gegen-                       ­empirisch und historisch wohl be­                stunden“) kennen, angegeben in
                                                               wart mit wissenschaftlicher Methodik                      gründet und hätten etwas mit der                 MWh/MW oder kurz in h/a, also
                                                               auf Herz und Nieren geprüft.                              Datensammlung zu tun.                            die insgesamt ins Stromnetz
                                                                       Die Autoren stützen sich dabei auf                        Allerdings lassen die vom DIW            ­eingespeiste Energie eines Jahres
                                                               das empirische Material einer „Data                         ­gewählten Verfahren grundsätzliche             dividiert durch die Kapazität der
                                                               Documentation“ des DIW von 2018                              Zweifel aufkommen, ob dort die                 Anlage.
                                                               über Kernkraftwerke weltweit, an der                         ­Methoden der Investitionsrechnung             Ausgerechnet dieser für die Inves­
                                                               zwei der jetzigen Autoren mitge­                              in der Energiewirtschaft beherrscht           titionsrechnung jedes Kraftwerks
                                                               arbeitet haben. [12] Flankiert wird                           werden, was sich an vielen Einzelhei-         wesentliche Parameter der Aus­
                                                               dieser Argumentationskern von Refe-                       ten zeigt. Dazu haben wir eine Investi-           lastung fehlt jedoch im DIW-­
                                                               renzen auf Fach- und andere Literatur.                    tionsrechnung erstellt, um die Ergeb-             Papier. Dies lässt befürchten, dass
                                                               Hier fällt ein hoher Anteil atom­                         nisse des DIW zu reproduzieren. Als               das DIW über keine hinreichenden
                                                               kritischer Quellen auf, darunter auch                     Vorlage diente ein Muster, das einer              Kenntnisse und Erfahrungen in
                                                               nichtwissenschaftliche Publikationen                      der Verfasser [17] in der Praxis häufig           ­Investitionsrechnung für alle Arten
                                                               aus der Anti-Atom-Szene. [13] Die                             eingesetzt hat und das vielfach von            von Erzeugungsanlagen für elek­
                                                               DIW-Aussage „Weitere Studien haben                            Wirtschaftsprüfern testiert ist. Die           trische Energie verfügt.
                                                               in jüngerer Zeit die mangelnde Wett-                          Frage ist nun: Wenn die Regeln der pp Das DIW ermittelt die Wirtschaft­
                                                               bewerbsfähigkeit der Atomenergie                              Berechnung der Wirtschaftlichkeit              lichkeit einer Investition in Kern­
                                                               ­bestätigt“ wird jedoch mit zwei                              (z. B. der IAS [18]) berücksichtigt            kraftwerke anhand des Nettobar­
                                                                ­Literaturbelegen versehen, die diesen                       werden, welche Annahmen müssen                 werts (net present value, NPV
                                                                 Schluss überhaupt nicht zulassen.                           dann getroffen werden, um die Ergeb-           [20]). Als wichtigste Erfolgskenn-
                                                                 [14]                                                    nisse des DIW zu reproduzieren?                    zahl dient in der Investitionsrech-
                                                                       Als empirische Hauptquelle nutzen                 ­Dieses Verfahren nennt sich Reverse               nung indes nicht der Nettobarwert,
                                                                 die Autoren die DIW-eigene Daten-                        Engineering und wird häufig ange-                 sondern die interne Verzinsung des
                                                                 sammlung. Sie ist, abgesehen von                         wandt bei der Due Diligence von Unter-            eingesetzten Kapitals (interner
                                                                 einem Überblick über Diffusions­                         nehmen, also bei dessen sorg­fältiger             Zinsfuß, internal rate of return,
                                                                 phasen und -typen der Kernenergie-                       Überprüfung vor Kauf oder vor der                 IRR [21]). Diese Kennzahl erwähnt
                                                                 technik, ein unspektakuläres Werk.                       Gründung von Gemeinschaftsunter-                  das DIW nicht. Der Nettobarwert
                                                                 Sie gibt, nach Ländern geordnet, Aus-                    nehmen. Wir untersuchen also im                   bedarf zur Berechnung der IRR
                                                                 kunft über Standorte, Reaktortypen,                      ­Folgenden die Sinnhaftigkeit der vom             eines zusätzlichen Zinsparameters,
                                                                 Blockleistung, Laufzeiten, die mit                        DIW getroffenen Annahmen. Dort, wo               der willkürlich gewählt werden
                                                                 ­Informationen über die Entwicklung                       das DIW keine Aussagen über not­                 muss, und den das DIW ebenfalls
                                                                  der einzelnen Atomwirtschaften                           wendige Annahmen macht, treffen                  simuliert: die gewichteten Kapital­
                                                                  ange­reichert werden. Diese Daten                        wir eigene auf Basis von Industrie-              kosten oder WACC (Weighted
                                                                  ­beziehen die Autoren nicht aus Pri-                     standards.                                       ­Average Cost of Capital). In der Tat
                                                                   märquellen, sondern aus Überblicks-                           Vorab einige grundlegende Bemer-            treffen Firmen Investitionsent­
                                                                   darstellungen anderer Autoren sowie                     kungen über die Methodik des DIW.                 scheidungen durch den Vergleich
                                                                   statistischen Angaben von Organisa-                 pp Als relevanten Parameter zur                       des IRR einer spezifischen Investi-
                                                                   tionen wie der IAEA. Es wurden                                ­Darstellung der Investitionskosten         tion mit ihren Kapitalkosten. Der
                                                                   keine einzelnen Anlagen einer ­tieferen                        setzt das DIW den Anlagenpreis an.         NPV ist dabei nur eine unterge­
                                                                   Analyse unterzogen, etwa auf Grund-                            Ob ein Kraftwerk als „teuer“ oder          ordnete Hilfsgröße.
                                                                   lage von Geschäftsberichten. Wir                               „billig“ anzusehen ist, lässt sich pp Mehrere zentrale Berechnungs­
                                                                   ­finden in der Publikation nur für sehr                        ­aber nicht allein am Anlagenpreis         parameter werden vom DIW
                                                                    wenige Anlagen Informationen über                              ablesen. Entscheidend ist, wie sich       nicht angegeben. Die fehlende An-
                                                                    Bau­kosten [15], und keine Angaben                             die getätigte Investition rentiert,  gabe über die Anzahl der

                                                     Energy Policy, Economy and Law
                                                     Das DIW-Papier über die „teure und gefährliche“ Kernenergie auf dem P­ rüfstand ı Anna Veronika Wendland und Björn Peters
atw Vol. 64 (2019) | Issue 10 ı October

    Volllaststunden wurde bereits er-          30–35 Prozent Wirkungsgrad, ca.          eine Laufzeit von 60 Jahren aus-
    wähnt. Von zentraler Bedeutung             100–140 EUR/MWh Gestehungs-              gelegt, auch hier mit der Option

                                                                                                                                                                       471
    für die Berechnung des Nettobar­           kosten) den Hauptteil der Strom­         auf ­Verlängerung. [29] Die längere
    werts oder des IRR einer Investi-          versorgung übernehmen in allen           Laufzeit spielt für die Wirtschaft­
    tion sind auch Annahmen über               Jahresstunden, in denen Solar- und       lichkeit vor allem dann eine
    a. die allgemeine                          Windenergie nicht genügend Strom         wesent­liche Rolle, wenn Preis-

                                                                                                                                                                       E N E R G Y P O L I C Y, E C O N O M Y A N D L A W
            ­Preissteigerungsrate,             liefern.                                 steigerungsraten im Rahmen der
    b. die Bauzeit und                         Nach unseren Simulationen betrifft       allgemeinen Inflationserwartung
             den Baufortschritt,               dies selbst bei rechnerischer Voll-      eingerechnet werden, und wenn
         c. Abschreibungsregeln und            versorgung aus Sonne und Wind            niedrige Abzinsungsfaktoren für
         d. die Unternehmensbesteuerung.       etwa 6.000 der insgesamt 8.760           künftige Zahlungsströme ange­
pp Zusätzlich ist betriebswirtschaft-          Jahresstunden. In der weit über-         nommen werden.
    lich relevant, ob und wie ein Kraft-       wiegenden Zeit des Jahres wären Die oben genannten Punkte doku-
    werksbetreiber neben eigenem               damit die Gaskraftwerke preis­ mentieren, dass das DIW Verfahren
    Geld („Eigenkapital“) auch Fremd-          setzend. Alle seriösen Schätzungen verwendet, die fern von der energie-
    kapital in Form von Bankdarlehen           für einen Strompreis ab Mitte der wirtschaftlichen Praxis sind.
    oder Unternehmensanleihen zur              2020er-Jahre gehen daher von             Um nun die Methodik des DIW zu
    Finanzierung der Investitionen             mittleren Strompreisen von 80– überprüfen, haben wir den einzigen
    einsetzt. Dieser Faktor wurde von          120 EUR/MWh aus. Hierin noch Fixpunkt in den DIW-Berechnungen
    den DIW-Autoren ignoriert.                 nicht eingerechnet sind die Kosten als Vergleich herangezogen. Dies ist
Im Detail wurden die vom DIW ange-             künftiger CO2-Besteuerung oder der Nettobarwert (NPV) von minus
gebenen und gewählten Parameter in             CO2-Emissionshandels, die je nach 1,5 Milliarden Euro als „bestes“ Ergeb-
einigen Fällen sehr willkürlich und            politischer Strategie weitere 20– nis der DIW-Simulation, das sich
ohne Bezug zur heutigen Investitions-          150 EUR/MWh an Zusatzkosten ­ergibt bei genannten Investitionspara-
praxis, aber auch ohne historische             verursachen können.                   metern von vier Milliarden Euro
Kontextualisierung gewählt.                 2. Die DIW-Autoren berücksichtigen ­Errichtungskosten für ein Kernkraft-
1. Der Parameterbereich für die                weder Rückbau- noch End- werk mit 1.000 MW elektrischer
   ­Simulation des Ertrags je Mega-            lagerungskosten, was unüblich ist. ­Leistung, 80 Euro je Megawattstunde
    wattstunde des KKW-Betreibers              Diese sind gesetzlich während der Verkaufserlös und 4 Prozent an
    beginnt bei 20 EUR/MWh und                 gesamten Betriebszeit in Form von ­gewichteten Kapitalkosten (WACC)
    ­endet bei 80 EUR/MWh. Dies ist            Rücklagen aufzubauen und stehen für das Betreiberunternehmen. [30]
     zwar eine historisch korrekte, aber       für keine anderen Zwecke zur             Neben den von den DIW-Autoren
     praxisferne Angabe. Marktteil­            Verfügung.                            genannten       Investitionsparametern
     nehmer wissen, dass die Unter- 3. Kein Kernkraftwerk darf ohne eine sind für die Investitionsrechnung
     grenze, ab der andere thermische          ausreichende Vorsorge für die ­jedoch weitere Parameter relevant, die
     Kraftwerke profitabel werden, bei         Erfüllung gesetzlicher Schadens­ die Autoren nicht nennen. Im ­Rahmen
     etwa 50 EUR/MWh beginnt. [24]             ersatzverpflichtungen (Deckungs­ von Reverse Engineering ­haben wir für
     Dies gilt für Kohlekraftwerke;­           vor­sorge) in Schadensverläufen, diese Parameter An­nahmen getroffen,
     Gas- und Ölkraftwerke liegen noch         die ein Kernkraftwerk durchlaufen die so gewählt sind, dass sie mit den
     deutlich teurer, und CO2-Preise           kann, betrieben werden. [25] Die quantitativen Angaben des DIW-
         sind hierin noch nicht eingerech-     DIW-Autoren       behaupten      das Papiers übereinstimmen. Mit allge-
     net. Dass Großhandelspreise unter         Gegenteil [26], führen dafür je- mein gängigen ­Methoden der Investi-
     20 EUR/MWh vor zwanzig Jahren             doch keine wissenschaftlichen tionsrechnung haben wir das DIW-­
     nicht zur Insolvenz der Energie­          Quellen an, sondern ein von der Ergebnis repro­duziert und dazu
     versorger führten, liegt daran, dass      Erneuerbaren-Lobby in Auftrag ­diejenigen Para­meter errechnet, die
     die Gestehungskosten damaliger            gegebenes Gutachten. Dieses ver- die DIW-Studie nicht explizit nennt,
     Kohle- und Kernkraftwerke deut­           wendet Schadensszenarien weit aber notwen­diger­weise in die Model-
     lich niedriger lagen als heute.           jenseits dessen, was in der seriösen lierung des Nettobarwerts einfließen
     Die obere Ertragsgrenze für Grund-        Literatur angenommen wird, und müssen. Um zum gleichen Ergebnis
     laststrom wird von den DIW-Auto-          kommt dadurch hypothetisch zu wie die DIW-Autoren zu kommen,
     ren unterschätzt. Gerade in               exorbitant hohen Versicherungs­ ­ergaben sich für diese Parameter
     Deutschland würden bei einem              kosten, die in der Praxis irrelevant ­jedoch Werte, die in der Investitions-
     ­weiteren Ausbau der Solar- und           sind. [27]                            praxis irrelevant sind.
      Windenergie und nach einem               Gegen die energietechnische Kom-         Im Folgenden nennen wir für
      ­gelungenen Kohleausstieg als zuver-     petenz der DIW-Autoren spricht, ­sieben Parameter, für die die DIW-­
       lässige Stromerzeuger im wesent­        dass sie als Laufzeit eines Lei­s­ Studie keine Angaben macht, jeweils
       lichen nur Gaskraftwerke übrig blei-    tungs­kernreaktors 40 Jahre zu- die Werte, die diese Parameter
       ben, um den Zusammenbruch der           grunde legen. [28] Erfahrungs- ­annehmen müssen, um zum DIW-­
       Stromversorgung zu ­vermeiden. Da       gemäß lassen sich Kernkraftwerke Ergebnis zu führen. Die DIW-Autoren
       die sehr effizienten Gas- und Dampf-    jedoch weit länger sicher betrei- werden bei ihrer Simulation folglich
       kraftwerke (GuD, bis zu 60 Prozent      ben. Ein aus­reichendes Niveau an explizit oder implizit mit diesen von
       Wirkungsgrad, ca. 60 bis 80 EUR/        Wartungs- und Reinvestitions- uns vermuteten Parameterwerten
       MWh Gestehungskosten) nicht             budgets vorausgesetzt, können sie ­gearbeitet haben. Dem stellen wir
       ­flexibel genug auf Lastän­derungen     durch­aus 20 – 40 Jahre längere ­jeweils die üblichen Parameterwerte
        reagieren können, müssten viel         Betriebs­dauern erreichen. Neuere aus der Praxis gegenüber.
        ­weniger effiziente Gasmotoren-        Reaktormodelle wie beispielsweise pp Bauzeit: Kernkraftwerke können
         oder Gasturbinenkraftwerke (ca.       der EPR sind von vornherein für          zwar in sechs Jahren errichtet

                                                                                                                       Energy Policy, Economy and Law
                                           Das DIW-Papier über die „teure und gefährliche“ Kernenergie auf dem P­ rüfstand ı Anna Veronika Wendland und Björn Peters
atw Vol. 64 (2019) | Issue 10 ı October

                                                           werden, zumal wenn die Standar-           globalen Praxis werden Kernkraft-                                                 und Zinsen entspricht. Diesen
                                                           disierung bei Errichtung und Auf-       werke so eingesetzt, dass sie im                                                    Steuersatz übernehmen wir, auch
472

                                                           sichtswesen hoch ist und die Betei-     Durchschnitt 6.000 bis 7.000 Voll-                                                  wenn er am oberen Ende in Europa
                                                           ligten routinisierte Formen der Zu-     laststunden erreichen. [31]                                                         liegt. Außerdem modellieren wir
                                                           sammenarbeit entwickeln. Wir ge- pp Wärmeverkauf: Kernkraftwerke                                                            mit einer Abschreibungsdauer von
                                                           hen aber davon aus, dass das DIW        werden in vielen Ländern dazu                                                       40 Jahren, ohne auf die unter-
E N E R G Y P O L I C Y, E C O N O M Y A N D L A W

                                                           zehn Jahre angenommen hat und           eingesetzt, die lokale Bevölkerung                                                  schiedlichen Abschreibungsdau-
                                                           die Baukosten gleichmäßig auf die       mit Nah- und Fernwärme zu ver-                                                      ern verschiedener Komponenten
                                                           Jahre der Bauphase verteilt hat.        sorgen. Wir gehen davon aus, dass                                                   wie Bauwerke, technische Anlagen
                                                           Tatsächlich verteilen sich die Bau-     das DIW diese Tatsache nicht                                                        und Schaltelektronik einzugehen.
                                                           kosten in der Praxis ungleich über      berücksichtigt und das aus dem                                                      Beide Parameter sind notwendig
                                                           die Jahre; die letzten ­Zahlungen       Wärmeverkauf resultierende zu­                                                      für die Modellierung, werden im
                                                           bei Kraftwerksneu­bauten fallen in      sätzliche Einnahmepotential außer                                                   DIW-Papier aber nicht angegeben.
                                                           der Regel erst ­einige Zeit nach Be-    Acht gelassen hat. Wärme kann                                                 pp Technische Lebensdauer: Das
                                                           triebsbeginn an. Wir gehen zudem        typischerweise mit 10–15 EUR/                                                       DIW nimmt 40 Jahre als tech­nische
                                                           davon aus, dass auch das DIW an-        MWh verkauft werden. Werden in-                                                     Lebensdauer von Kernkraftwerken
                                                           genommen hat, dass eventuell an-        dustrielle Wärmekunden bedient,                                                     an. Wir modellieren sie mit 60
                                                           fallende Bauzeit­zinsen (im Fall der    kann durch den Wärmeverkauf in                                                      Jahren und haben dies oben be-
                                                           teilweisen Fremdfinanzierung der        der Regel zusätzlich so viel zu­                                                    gründet.
                                                           Investition) aktiviert werden, d. h.    sätzlich erlöst werden, wie etwa                                                Bei einigen weiteren Parametern
                                                           nach und nach abgeschrieben wer-        der Hälfte des Absatzes an elek-                                                ­halten wir die Annahmen des DIW für
                                                           den.                                    trischer Energie entspricht. Weil                                                realistisch und haben sie in unser
                                                        pp Preissteigerungsrate: Wir gehen         elektrische Energie viel höher­                                                  eigenes Modell übernommen:
                                                           davon aus, dass das DIW eine            wertiger ist und höher vergütet                                                     Für Wartung und Instandhaltung
                                                           Preis­steigerungsrate von null          wird, spielt Wärmeverkauf aber                                                nimmt das DIW 90 Euro je Kilowatt
                                                           ­modelliert hat. Tatsächlich ist ein    nur eine untergeordnete Rolle                                                 und Jahr an, mithin 90 Mio. Euro jähr-
                                                            Erwartungswert für die Teuerungs-      beim Umsatz.                                                                  lich, was wir als zutreffend ein­
                                                            rate von 1 bis 2 Prozent üblich. pp Fremdfinanzierung: Üblicherwei-                                                  schätzen. Dies entspricht 2,25 Prozent
                                                            Je höher sie liegt, desto stärker      se werden Kraftwerke zum größer-                                              der Bausumme von mindestens 4 Mrd.
                                                            steigen die Umsatzerlöse aus dem       en Teil mit Fremdkapital ­finanziert                                          Euro. In der Praxis gilt ein Erfahrungs-
                                                            Stromverkauf, und desto leichter       (zu ca. 50 bis 70 Prozent). Dies                                              wert von 2,50 Prozent der Bausumme
                                                            fällt es, eventuell eingesetztes       scheint das DIW außer Acht ge­                                                als Richtwert, hier hat das DIW den
                                                            Fremdkapital zurückzuzahlen. Aus       lassen zu haben. Aus volks­                                                   Wert nicht zu eigenen Gunsten aus­
                                                            der Praxis empfehlen wir, als Preis-   wirtschaftlicher Sicht könnte man                                             gereizt.
                                                            steigerungsrate 1,5 Prozent anzu-      das sogar zurecht tun, denn                                                         Als Betriebs- und Kernbrenn-
                                                            setzen.                                während die teilweise Fremd­                                                  stoffkosten nimmt das DIW etwa
                                                        pp Volllaststunden: Kernkraftwerke         finanzierung zwar aus betriebs­                                               12 Euro je Megawattstunde an. Dies
                                                            laufen typischerweise in der           wirt­schaftlicher Sicht ein wesent­                                           ist ein Wert, der die hohen Fixkosten-
                                                            Grund­last und erreichen leicht        liches Mittel zur Gewinnsteigerung                                            anteile Personal und Versicherung mit
                                                            7.500 und mehr Volllaststunden         ist, verteilt sie volkswirtschaftlich                                         einschließt. Tatsächlich sollte der
                                                            pro Jahr (h/a, das Jahr hat 8.760      gesehen doch nur die Gewinne                                                  Wert bei steigender Anzahl von Voll­
                                                            Stunden). Werden Kernkraftwerke        ­einer Unternehmung ungleich auf                                              laststunden degressiv verlaufen, da
                                                            im Lastfolgebetrieb eingesetzt,         die verschiedenen Finanzierer. Die                                           die Brennstoffkosten selbst nur eine
                                                            ­erreichen sie nur ca. 6.000 h/a,       DIW-Studie hat allerdings den                                                untergeordnete Rolle spielen. Wir
                                                             können dann aber ihre elektrische      Anspruch, zu ergründen, welchen                                              ­halten den Wert, der sich bei einer
                                                             Energie teurer verkaufen. Dem­         Gewinn oder Verlust ein Kernkraft-                                            realistisch angesetzten Anzahl von
                                                             gegenüber dürfte das DIW die An-       werksprojekt für den Auftraggeber                                             Volllaststunden (6.000 h/a) mit
                                                             zahl der Volllaststunden mit nur       erzielen wird. Ist dieser ein privates                                        72 Mio. Euro jährlich errechnet, für
                                                             etwa 3.400 h/a angesetzt haben.        Unternehmen, ist die betriebs­                                                übertrieben hoch, haben diesen aber
                                                             Dies entspricht dem Erwartungs­        wirtschaftliche Perspektive maß­                                              dennoch konservativ übernommen
                                                             wert des deutschen Kraftwerks­         geblich. Daher modellieren wir mit                                            und begründen das weiter unten.
                                                             parks als Ganzem, wie wir aus          60 Prozent Fremdfinanzierung,                                                      Die Variation des Nettobarwerts,
                                                             ­eigenen Berechnungen wissen.          ­lassen die Bauzeitzinsen aber vom                                            des IRR und des LCoE (Levelized Cost
                                                              Dieser niedrige Wert ergibt sich vor   Eigenkapitalgeber finanzieren. Zu­                                           of Electricity) gibt die folgende
                                                              allem aus der Tatsache, dass Wind-     dem kalkulieren wir marktüblich                                              ­Tabelle für den besten Fall, den das
                                                              und Solarkraftwerke tageszeit-         mit einem Zinssatz von 2,5 Pro­zent                                           DIW berechnet hat, an (80 EUR/MWh
                                                              und wetterbedingt nur eine ver-        [32], einer Laufzeit von 35 Jahren,                                           Verkaufserlös je Megawattstunde, vier
                                                              gleichsweise geringe Anzahl von        gerechnet ab Betriebsbeginn, einer                                            Prozent WACC und 4.000 Euro je kW
                                                              Volllaststunden beitragen können       Auszahlung parallel mit dem Eigen­                                            Errichtungskosten).
                                                              – eine Einschränkung, der Kern­        kapital und einer gleichmäßigen                                                   Durch Anpassung der Parameter
                                                              kraftwerke nicht unterworfen sind.     Tilgung über die gesamte Laufzeit.                                            der DIW-Investitionsrechnung auf
                                                              Die Wahl des Parameters Voll­ pp Steuern und Abschreibungen:                                                         branchenübliche Werte steigt der
                                                              laststunden des DIW steht im           Wir gehen davon aus, dass das DIW                                             Netto­barwert einer Investition in ein
                                                              Übrigen im Widerspruch zum vom         Steuern mit 30 Prozent des steuer-                                            Kernkraftwerk für den berechneten
                                                              DIW selbstformulierten Anspruch,       lichen Ergebnisses modelliert                                                 Fall also um fast fünf Milliarden Euro.
                                                              ­historische und internationale        hat, was Umsatzerlösen minus                                                      Allerdings werden die Betriebs­
                                                               ­Daten verwendet zu haben. In der     Betriebs­kosten, Abschreibungen                                               kosten vom DIW wie oben erwähnt

                                                     Energy Policy, Economy and Law
                                                     Das DIW-Papier über die „teure und gefährliche“ Kernenergie auf dem P­ rüfstand ı Anna Veronika Wendland und Björn Peters
atw Vol. 64 (2019) | Issue 10 ı October

 Parameter                       Einheit           DIW-Wert                 Realistischer                 Beitrag               Neu ­berechneter      IRR                                anf. LCOE
                                                                               Wert                      zum NPV                      NPV        (in Prozent)                          in EUR/MWh

                                                                                                                                                                                                     473
                                                                                                       (in Mio. EUR)
 Nettobarwert DIW                Mio. EUR         Ausgangswert                                               -1.503                                                  1,30                 86,91
 Bauzeit                         Jahre                   10                           6                           57                    -1.446                       1,42                 86,91
 Preissteigerungsrate            Prozent                  0                           1,5                       460                        -986                      2,45                 86,91

                                                                                                                                                                                                     E N E R G Y P O L I C Y, E C O N O M Y A N D L A W
 Anzahl Volllaststunden          h/a                 3600                       6000                          2.319                      1.333                       5,72                 65,11
                                                                             ja, 2000 h/a
 Abverkauf Wärme                                        Nein                                                    287                      1.620                       6,05                 62,78
                                                                           zu 10 EUR/MWh
 Laufzeit                        Jahre                   40                         60                        1.140                      2.760                       6,61                 62,78
 Eigenkapitalquote*              Prozent               100                          40                          498                      3.258                       8,94                 61,29

  *) Fremdkapital für 35 Jahre Laufzeit, gleichmäßige Tilgung und zu 2,5 % Zinssatz

vermutlich zu hoch angesetzt.                            nicht für militärische Zwecke, wie das                           von 2018 ein differenziertes Bild ab-
Anderer­seits hat das DIW die ver-                       DIW durch eine unklare Wortwahl                             leiten – keineswegs das einer aus-
pflichtende Bildung von Rücklagen                        sug­geriert.                                                schließlich militärisch motivierten
für den Rückbau nicht berücksichtigt,                         Informationen über die Kern­                           globalen Kernenergiewirtschaft.
was die zu hoch angenommenen                             energie-­Diskussionen innerhalb der                                 Betrachtet man darüber hinaus
­Betriebskosten teilkompensiert. Ins-                    jeweiligen Länder, die Aufschluss über                      einzelne Beispielfälle im Detail – d. h.
 gesamt wollen wir den Betriebskosten­                   militärische und andere Motive hätten                       mit Kenntnis der nationalen Diskus-
 ansatz daher nicht in Frage stellen,                    geben können, gibt es weder in der                          sionen und Entscheidungsprozesse
 sind uns aber sicher, dass mit diesen                   DIW-Publikation selbst noch in der                          über die Kerntechnik –, so stellt sich
 Kostenansätzen der Rückbau so ge-                       „Data Documentation“. Dafür finden                          rasch heraus, dass die Darstellung des
 leistet werden kann, dass keine                         sich aber in der „Data Documenta-                           DIW-Papiers auf einer sehr oberfläch-
 ­weiteren Kosten auf die Allgemeinheit                tion“ physikalisch-technikhistorische                         lichen und selektiven Rezeption von
  zukommen. Über Investitionen wird                    Eigentore wie die Behauptung, in                              Quellen und Fachliteratur beruht.
  in der Praxis schließlich unter Berück-              ­grafitmoderierten Reaktoren werde                            Grundlegende Arbeiten und Fach­
  sichtigung aller Chancen und Risiken                  aus Grafit durch Neutronenbeschuss                           aufsätze, die reiche Auskunft über
  entschieden. Das bedeutet, auch an-                   Plutonium [38], die Verwechslung                             außermilitärische Faktoren in der
  dere Strompreisszenarien ins Kalkül                  von Containment (Sicherheitsbe­                               Kerntechnikgeschichte geben könn-
  zu ziehen, beispielsweise solche mit                 hälter) mit Reaktordruckbehälter                              ten, wurden erst gar nicht wahr­
  hoher CO2-Bepreisung.                                 [39] oder die ­visuelle Darstellung der                      genommen. [42] Das Ergebnis ist eine
                                                       Implemen­tierung der Kernenergie                              schablonenhafte, pauschale Darstel-
2	„Atomkraft war nie                                   in der west­lichen Sowjetunion als                           lung.
            auf die kommerzielle                        Technologietransfer von der Sowjet-                                  Nehmen wir das Beispiel der
            Stromerzeugung                              union in die Ukraine. [40]                                   Sowjet­union und ihrer Nachfolge­
            ­ausgelegt, sondern auf                           Die einzig valide Information über                     staaten. Deren Kernenergiewirt­
             Atomwaffen“ [33]                            den Zusammenhang von ziviler und                            schaften sind – aufgrund ihrer Gene­
Die DIW-Autoren behaupten, ihre                          militärischer Kerntechnik, welche die                       alogie im sowjetischen Atomwaffen-
­empirische Untersuchung zeige, dass                     DIW-Datensammlung gibt, ist keine                           programm – für das DIW ein klarer
 „militärische Interessen“ das Haupt-                    neue Erkenntnis: Insbesondere in der                        Fall; es ordnet diese Fälle in sein
 motiv zur Errichtung der „aller                         frühen Kerntechnikgeschichte domi-                          ­Schema militärischer Motivierung
 jemals gebauten 674 Atomkraftwerke“                    nierten die militärischen Atompro-                            ein. Das heutige Russland wird als
 ­gewesen seien. Später sprechen sie                    gramme weniger Staaten und die                                ­Paradebeispiel für die These ange-
  ­jedoch nur noch vage von „politischen                ­daraus erwachsenen Reaktorkon­                                führt, nur in staatsdominierten, „nicht
   und institutionellen Rahmenbe­                        zepte. In der Kerntechnik der Atom-                           marktbestimmten“ Atomwirtschaften
   dingungen … militärischer Natur“,                     waffenstaaten berühren sich militäri-                         werde heute noch in Kernenergie
   was aber für die Qualifizierung von                   sche und zivile Nutzungen an be-                              ­investiert. [43]
   674 Reaktoranlagen als militärisch                    stimmten Schnittstellen wie der                                     Doch der historische Befund sieht
   motiviert unzureichend ist. [34] Auch                 Wieder­aufarbeitung, seltener in Zwei-                           anders aus. Selbst in der Sowjetunion
     für diese Aussage stützen sie sich auf              zweck-Reaktoranlagen. Aber es gibt                               stand nicht in erster Linie die mili­
     die bereits erwähnte „Data Documen­                 auch viele Beispiele für Kernener­                               tärische Option an der Wiege der Leis-
     tation“ von 2018. [35] Diese liefert                giewirtschaften, die nicht aus                                 tungskernkraftwerke, denn für die
   aber außer allgemeinen Angaben zur                    einer ­militärischen Vorgeschichte er­                         Produktion von Waffenplutonium
   ­ursprünglich militärischen Herkunft                   wuchsen, z. B. die kanadische, die                            ­hatte man spezielle Anlagen. Einige
    ­bestimmter Leistungsreaktorkonzepte                  ­japanische, die südkoreanische, die                           davon waren Zweizweck-Reaktoren
   [36] nur sehr sporadische Informatio-                   finnische und die schweizerische,                             und lieferten Strom für den Eigen­
   nen über die militärische Nutzung                       oder solche, in denen mit der militäri-                       bedarf der Militärbetriebe und der
   oder Kontextualisierung einzelner zi-                 schen Option geliebäugelt wurde, sie                            ­zugehörigen geheimgehaltenen, von
   viler Anlagen und erst recht nicht für                aber fallengelassen wurde, bevor sie                             der Außenwelt isolierten Werks­
   „alle 674“. [37] Und zwar nicht, weil                 sich in stabilen nationalen Reaktor­                             siedlungen. [44] Doch Leistungs­
     man diese Informationen ignoriert                   linien hätte manifestieren können –                         reaktoren für das öffentliche Netz
     hätte, ­sondern weil es sie in der Mehr-            Beispiele sind die Bundesrepublik                           wurden völlig neu konzipiert, und die
   heit der Fälle nicht gibt, weil diese                 Deutschland und Schweden. [41]                              sowjetische Atomlobby aus Wissen-
   kon­kreten Anlagen eben für die                       ­Insgesamt kann man also bereits aus                             schaftlern und Reaktorkonstruk­
   Strom­produktion geplant wurden und                    der DIW-eigenen Datensammlung                                   teuren hatte in den 1960er Jahren

                                                                                                                                       Energy Policy, Economy and Law
                                                           Das DIW-Papier über die „teure und gefährliche“ Kernenergie auf dem P­ rüfstand ı Anna Veronika Wendland und Björn Peters
atw Vol. 64 (2019) | Issue 10 ı October

                                                        erhebliche Probleme, der knauserigen                             dass in dem in ihm enthaltenen Pluto-                          der gesamten anthropogenen Treib-
                                                        Staatsplanbehörde die Kernenergie                             nium die ­An­teile unerwünschter                                  hausgas-Emissionen verantwortlich.
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                                                        schmackhaft zu ­machen. Daher                                 Plutonium-­Isotope, vor allem Pu-240,                             Das DIW möchte die CO2-arme Kern-
                                                        ­suchte man nach Möglichkeiten öko-                           zu hoch sind, um RBMK-Brennstoff                                  stromproduktion aus dem Portfolio
                                                         nomischer Optimierung. [45]                                  ­attraktiv für militärische Zwecke zu                             der weltweiten Klimamaßnahmen
                                                                  Die Entwicklung der zivilen sow­                     machen. [50]                                                     ausschließen und stellt sich damit
E N E R G Y P O L I C Y, E C O N O M Y A N D L A W

                                                             jetischen Kernenergie gründete vor                             Ähnliche Nuancen und Interessen-                            auch gegen die Sachstandsberichte
                                                             ­allem auf strategischen energiewirt-                     konflikte kann man für viele Kern-                               und Szenarien des IPCC, die sich zur
                                                         schaftsgeografischen         Erwägungen.                      energiewirtschaften darstellen –                                 Kernenergie zwar nicht euphorisch
                                                         Die enormen Wasserkraftressourcen                             wenn man sich mit den Einzelheiten                               äußern, ihr aber eine wichtige Rolle in
                                                         im asiatischen Teil des Landes hätten                         beschäftigt, statt sich aufgrund eines                           einer erfolgreichen Klimastrategie
                                                         nur unter großen Leitungsverlusten an                         prinzipiellen Vorbehaltes von vorn­                              ­zuweisen. [54] Das DIW begründet
                                                         die Industriezentren der west­lichen                          herein für eine bestimmte Interpreta-                              seine Position mit der Behauptung,
                                                         Sowjetunion angebunden ­werden                                tionslinie zu entscheiden. Das betrifft                            Kernenergie sei „gefährlich“ bzw.
                                                         können. Die harten osteuropäischen                            auch das deutsche Beispiel: Gerade                                 „nicht sauber“ [55], womit es drei
                                                         Winter sorgten immer ­wieder für                              dieses zeigt die Brechungen und                                    Sachverhalte umschreibt: Erstens sei
                                                         Transportprobleme in der traditionel-                         ­Wendungen in der Geschichte einer                                 die Kernenergie gar nicht so CO2-arm
                                                         len, kohlebasierten Energie­wirtschaft.                        zivilen Kernenergiewirtschaft, die                                wie behauptet. Zweitens seien radio-
                                                         Schließlich spielten auch Umwelt­                              sich nicht auf das DIW-Narrativ von                      aktive Immissionen von KKW – insbe-
                                                         erwägungen wie die enorme Luftver-                             der Atombombe als Mutter aller Kern-                     sondere Niedrigdosis-Expositionen
                                                         schmutzung durch Kohleverstromung                              kraftwerke reduzieren lässt. In                          aus Normalbetrieb und Unfällen – ge-
                                                         eine Rolle. Das bewog die sowjetische                          Deutschland übernahm die Elektrizi-                      sundheitsschädlich oder gar tödlich.
                                                         Führung, die Elektrizitätswirtschaft                           tätswirtschaft früh die Diskurshege-                     Drittens fördere die zivile Kernener-
                                                         insbesondere in der westlichen Sow-                            monie in der Kerntechnik, was zuerst                     gienutzung die Proliferation.
                                                         jetunion auf Kernenergie umzustellen.                          zu einer ökonomisch motivierten                                      Anders als in den anderen Ab-
                                                         [46] Ideologische Begründungen von                             Pfadentscheidung für Druckwasser­                        schnitten bemüht sich die Autoren-
                                                         der Kernenergie als fortschrittlichster                        reaktoranlagen mit hoher Einzel-                         gruppe hier gar nicht mehr, eine
                                                         Produktivkraft im Kommunismus tra-                             blockleistung führte, später zu einer                    ­seriöse Forschungsdiskussion zu
                                                         ten hinzu, außerdem zeichnete sich ab                          reservierten Haltung gegenüber der                        ­führen. Ihre Ausführungen sind
                                                         den 1970er Jahren eine neue Arbeits-                           teuren Wiederaufbereitung. Gerade                          ­plakativ, ihre Literaturauswahl spär-
                                                         teilung ab, in der Kernenergie für                             das belegt das Desinteresse an militä-                      lich; größtenteils beruht sie auf
                                                         ­heimische Zwecke genutzt werden                               rischen Nutzungsformen. [51] Der                            ­Werken dezidierter Atomkritiker und
                                                          sollte, Öl und Gas jedoch vor allem                            Technikhistoriker Joachim Radkau                            NGO-Vertreter. Der Uranabbau in
                                                          für den Export gefördert wurden, um                            sieht in den früh „verdrängten Alter-                       ­Afrika und in der DDR wird als
                                                          ­Devisen zu erwirtschaften.                                   nativen der Kerntechnik“ einen Grund                          ­Beispiel für die Gesundheitsschäd­
                                                                  Selbst im Falle des sowjetischen                      für die nukleare Kontroverse in                                lichkeit des Uranbergbaus erwähnt
                                                           Nationalreaktors, des grafitmode­                            Deutschland, doch das DIW zitiert ihn                          – doch Literatur zur DDR oder gene-
                                                           rierten        Druckröhren-Siedewasser­                      nur selektiv als Gewährsmann für die                           relle Fachliteratur zur Gefahrenbe-
                                                           reaktors RBMK, den selbst Fachleute                          eigene Aussage, es sei „bereits Ende                           wertung fehlt. [56] Als Beleg für rela-
                                                           gerne als Zweizweck-Reaktor be­                              der 1950er Jahre klar“ gewesen, dass                           tiv hohe CO2-­Emissionen der Kern­
                                                           zeichnen [47], dominierten in der                            „Atomkraft keine Chancen auf ökono-                               energie in ihrer gesamten Wertschöp-
                                                           ­sowjetischen Diskussion ökonomische                         mische Wettbewerbsfähigkeit hatte“.                            fungskette wird eine einzige Publi­
                                                            Motive und Begründungen für die                             [52] Tatsächlich sicherte der Staat aus                        kation zitiert [57], die einen sehr
                                                            Wahl und Auslegung eben dieses                               diesem Grunde die frühe Entwicklung                             ­hohen Wert angibt. Die Autoren igno-
                                                            ­Reaktortyps. Seine Komponenten                              der Kernkraftwerke mit Risikobürg-                            rieren sämtliche Literatur, welche
                                                             konnte der herkömm­liche Energiean-                        schaften und Forschungsförderung                               ­diese Aussagen widerlegt, auch die
                                                           lagenbau leicht fertigen und war dazu                        ab. Doch gleichzeitig gab es in dieser                          des IPCC. [58]
                                                           nicht auf eine ­aufwendige Druck­                            Zeit in Deutschland und anderen                                      Als Beleg für die angeblich ge­sund­
                                                        behälterproduktion angewiesen. Ob-                              ­Ländern gar keine freien Strom­                                  heitsschädliche Wirkung von KKW-­
                                                           wohl der RBMK ­konzeptuell tatsäch-                           märkte, auf denen die KKW (aber                                  Emissionen zitiert das DIW eine
                                                           lich von den ­Plutoniumreaktoren der                          auch ihre fossile Konkurrenz) sich                               Kinderkrebsstudie, die eine Kausal­
                                                           1940er Jahre abstammte, wurde er                              hätten beweisen müssen, sondern nur                              beziehung nach Aussage ihrer Auto-
                                                           explizit als Leistungsreaktor geplant                         die Gebietsmonopole staatlicher oder                           ren eben gerade nicht belegt, weil die
                                                           und genutzt; sein technologisches                             quasi-staatlicher     Elektrizitätsver­                        Dosis der Zivilbevölkerung aus KKW-­
                                                           Potenzial als ­Plutoniumreaktor wurde                         sorger. Nach der Liberalisierung des                           Emissionen nur einen Bruchteil der
                                                           beiseite­geschoben. [48] Denn die An-                         europäischen Strommarktes konnten                              Effektivdosis aus natürlichen Strah-
                                                           forderungen einer ökonomischen                                die Energieunternehmen, schon bevor                            lenquellen beträgt [59]; die Ergebnis-
                                                           Stromproduktion vertragen sich nicht                          die Anlagen abgeschrieben waren, mit                           se beruhten vermutlich auf statis­
                                                           mit den ­geringen Abbrandtiefen für                           KKW hohe Gewinne einfahren. [53]                               tischem Zufall. [60] Im Falle der
                                                           die Extraktion von waffengrädigem                                                                                            drei großen kerntechnischen Unfälle
                                                           Plutonium. Zudem bringen Kern­                             3	„Atomkraft                                                     Three Mile Island-2 (Harrisburg),
                                                           auslegung und -abmessungen des                                      ist gefährlich“                                          Tschernobyl-4        und    Fukushima-­
                                                           RBMK eine für militärische Zwecke                          In der Klimadebatte geht es vor allem                             Daiichi-1-4, welchen das DIW alle-
                                                           ungünstige Neutronenflussverteilung                        um die Frage, wie eine möglichst                                  samt „katastrophale“ Folgen beschei-
                                                           mit sich, die sich im Plutoniumvektor                      ­effiziente Dekarbonisierung der                                  nigt [61], sind die Auswirkungen in
                                                           des abgebrannten RBMK-Kernbrenn-                            ­Energiewirtschaft zu erreichen ist,                               zwei von drei Fällen nicht katastro-
                                                           stoffs abbildet. [49] Das bedeutet,                          ist diese doch für knapp die Hälfte                             phal; in TMI kam niemand zu

                                                     Energy Policy, Economy and Law
                                                     Das DIW-Papier über die „teure und gefährliche“ Kernenergie auf dem P­ rüfstand ı Anna Veronika Wendland und Björn Peters
atw Vol. 64 (2019) | Issue 10 ı October

 Schaden, in Fukushima gibt es ledig-        verfügt, sondern sind von umfang­                             moderner Nationalstaaten und ins­
 lich einen Fall einer tödlich verlaufe-     reichen      Modernisierungsprogram-                          besondere in ihren Kernenergiewirt-

                                                                                                                                                                           475
 nen Lungenkrebserkrankung, die be-          men begleitet. Dazu gehört auch das                         schaften ein „rein betriebswirtschaft-
 hördlich als Folge der aufgenomme-          in Osteuropa praktizierte Wieder­                           liches“ [70] Handeln in einem freien
 nen Dosis anerkannt wurde. [62] Für         holungsglühen der Reaktordruck­                             Markt, der vom Staat nicht beeinflusst
 Tschernobyl liegen die Opferzahlen          behälter, das die Versprödung redu-                         wurde, überhaupt je möglich war und

                                                                                                                                                                           E N E R G Y P O L I C Y, E C O N O M Y A N D L A W
 nach den Befunden seriöser For-             ziert. [69]                                                 ist. Oder anders ausgedrückt, ob das
 schung weit niedriger, als von                   In der Proliferationsfrage schließ-                    DIW hier nicht absichtlich eine
 den Anti-Atom-Narrativen behauptet.         lich ist zutreffend, dass sich etliche                      im ­spezifischen Kontext unerfüllbare
 [63] Auch die Forschungsdiskussion          heutige Atommächte unter dem Vor-                           ­Forderung formuliert hat, um sodann
zum Paradigmenwechsel bei der                wand ziviler Atomprogramme die                               die Kernkraft für inakzeptabel er­
­Bewertung der Auswirkungen von              Atomwaffe verschafft haben – aber                            klären zu können.
 Niedrigstrahlung [64] wird unter-           um Atombomben, gar die für Terroris-                             Die Antwort ist: In jeder nationalen
 schlagen, vergleichende Aussagen            ten attraktiven „schmutzigen“ Bom-                           Energiewirtschaft sowie bei der Ent-
 über die ­Gesundheitsrisiken und            ben zu bauen, ist das Betreiben ziviler                      stehung und Wahrnehmung jeden
 ­Opfer der unterschiedlichen Strom-         KKW keine notwendige Voraus­                                 energietechnischen Artefakts, ganz
  erzeugungstechnologien fehlen. [65]        setzung. Die Antwort auf diese Her-                          gleich, ob Kernreaktor oder Wind-
        Die Aussagen der DIW-Autoren zur     ausforderung kann daher nur eine                             kraftanlage, spielten immer auch
    Reaktorsicherheit sind oberflächlich     gute Nonproliferationspolitik durch                          außertechnische und außerökono­
    und alarmistisch, teilweise unrichtig.   Herstellung politischer Sicherheit                           mische Festlegungen ihre Rolle. Das
    Ihre Einlassungen über sogenannte        sein, nicht aber die Abwicklung der                          kann in Form eines Strebens nach
    Precursor-Ereignisse in Kernkraftwer-    Kernenergie. Staaten, die sich nicht                         Konsolidierung          innenpolitischer
  ken zeugen von mangelnder Kenntnis         bedroht fühlen, bauen auch keine                             Macht, Technologieführerschaft, na-
  der Definition und Rolle solcher           Atomwaffen – doch Staaten, die sich                          tionalem Prestige oder geopolitischen
  ­Ereignisse in der Reaktorsicherheits-     bedroht fühlen, werden, wie es Nord-                         Machtpositionen geschehen: „Arti-
   forschung und -praxis. Es wird fälsch-    korea und Israel taten, auch ohne                            facts have politics“ [71]. In diesen
   lich der Eindruck erzeugt, ein Per­       ­zivile Kernkraftwerke alles tun, um                          Kontext gehören auch die deutschen
   cursor-­Ereignis sei ein „Beinahe-­        sich die Nuklearwaffe zu beschaffen.                         Imagebildungen rund um technische
   Unfall“ [66]. In Wirklichkeit sind             Im Lichte dieser Auswertung der                          Artefakte der Energiewirtschaft, die
    ­Precursor-Ereignis-Bewertungen eine      Forschungsliteratur zu den vom DIW                           in Diskursen um politische Partizi­
     Sonderform probabilistischer Sicher-     angesprochenen Fragen sehen wir die                          pation eingesetzt wurden: etwa die
   heitsanalysen, bei denen ein tatsäch-      Behauptung der Autoren von der                               Propagierung „erneuerbarer“ Umge-
   lich geschehenes Ereignis den Aus-         „­gefährlichen“ Kernenergie als wider-                      bungsenergie-Anlagen als qua Tech-
   gangspunkt der Betrachtung bildet.         legt an. In Wirklichkeit ist sie auf                        nologie (und nicht qua Besitzver­
   Die Bewertung eines Ereignisses als        Basis wissenschaftlicher Evidenz als                        hältnis) demokratisch, bürgerfreund-
   Vorläuferereignis eines schweren           Niedrigrisikotechnologie einzustufen.                       lich und dezentral, oder der Kernener-
   Kernschadensunfalls ist an viele           Auch die wenigen Industrieunfälle,                          gie als Bedrohung für Bürgerrechte
   ­Voraussetzungen gebunden und dient        die es im Zusammenhang mit Uran-                            und Demokratie. [72]
    der Auffindung von Systemschwach-         bergbau und Kernkraftwerksbetrieb                               Die Kerntechnik ist ohne Zweifel
    stellen; sie ist nicht gleichbedeutend    gab, ändern nichts an diesem Befund.                         eine Polittechnik und somit nicht nur
    mit einem Beinahe-Unfall. [67]            Im Verhältnis zu anderen Tech­                               ökonomisch erklärbar. Doch das DIW
        Des Weiteren bemängelt das DIW        nologien wie Luftfahrt, Individual­                          verengt seine Sicht auf eine rein pri-
    „fehlende Sicherheitsbehälter“ einiger    mobilität, Wasserkraft und Kohlever­                        vatwirtschaftliche Perspektive [73]
    Anlagen sowjetischer Bauart in den        stromung hat sie ausweislich des                             und behauptet, die Kernenergie­
    ostmitteleuropäischen EU-Ländern,         ­aktuellen ­Forschungsstands zu viel                         nutzung sei gar nicht ökonomisch,
    fragt sich aber gar nicht, warum diese     weniger ­Todesopfern und Umwelt-                            sondern nur militärisch erklärbar. Die
    Anlagen unter den strengen EU-­            schäden ­beigetragen.                                       DIW-Autoren verkennen außerdem,
    Anforderungen trotzdem betrieben                                                                       dass die Kernenergie nicht die einzige
    werden dürfen. Richtig ist, dass die     4	Der isolierte und system-                                  Technologie ist, die sich zur politi-
    VVER-­440-Druckwasserreaktoren des                blinde Ansatz des DIW                               schen Integration oder als Identitäts-
    Typs V-213 in Ost- und Ostmittel­        Das DIW behauptet, es habe eine                              anker eignet, und die daher auch
    europa, auf die die Autoren anspielen,   gründliche        „wirtschaftshistorische                    aus außerökonomischen Erwägungen
    keine Volldruckcontainments be­          Betrachtung“ durchgeführt. Zu einer                          von Staaten gefördert und subven­
    sitzen. Doch sie verfügen über herme-    historischen Betrachtung gleich                              tioniert und von Gesellschaften
    tische Primärkreislauf-Druckräume        ­welcher Subdisziplin der Geschichts-                        ­akzeptiert wird. Russland zieht aus
    und Nasskondensationssysteme sowie        wissenschaften, ob Wirtschafts-, ob                          seiner fossilen Staats-Rohstoffwirt-
    ein Sprühsystem zum kontrollierten        Technikgeschichte, gehört jedoch die                         schaft nicht nur Exporterlöse, sondern
    Druckabbau im Falle eines Kühlmittel-     historische und systemische Kontex-                          auch das symbolische Kapital einer
    verlustunfalls, die für einen voll­       tualisierung. Technosoziale Systeme                          Selbstbeschreibung als „hydrocarbon
    ständigen Abriss einer Hauptkühl­mit­     wie die Kernenergie lassen sich daher                        superpower“ [74]. Die Raumfahrt ist
    telleitung ausgelegt sind. Diese Ein-     nie rein ökonomisch oder rein tech-                        neben der Kerntechnik ein weiteres
    richtungen übernehmen jene Funk­          nisch beschreiben. Sie müssen als                          globales Beispiel für eine Polittech­
    tionen zur Aktivitätsrück­haltung,        ­Systeme aus menschlichen Akteuren,                        nologie. [75]
    welche bei uns ein Containment er-         Wissensformen, Maschinen, Normen                               Doch ein besonders augenfälliges
    füllt. [68] Die Laufzeitverlängerungen     und Wertvorstellungen verstanden                            Beispiel außerökonomischer Treiber
 dieser Anlagen werden, anders als             werden. Damit wären wir bei der                             für Technologie-Diffusion ist Deutsch-
 vom DIW angenommen, nicht einfach             ­Frage, ob in den Energiewirtschaften                     lands „Energiewende“. Diese ist

                                                                                                                           Energy Policy, Economy and Law
                                               Das DIW-Papier über die „teure und gefährliche“ Kernenergie auf dem P­ rüfstand ı Anna Veronika Wendland und Björn Peters
atw Vol. 64 (2019) | Issue 10 ı October

                                                        keinesfalls primär ökonomisch und                               wahrgenommen, sondern als ener­                               gut entgolten. [84] Die Erneuerbaren-­
                                                        schon gar nicht privatwirtschaftlich                            getisches Instrumentarium eines                                 Betreiber wiederum verdanken ihren
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                                                        begründbar: Sie erzeugt durch den                               „neuen Gesellschaftsvertrags“, was                              hohen Anteil am deutschen Energie-
                                                        brachialen Umbau unserer Energie-                             im ­Grunde eine Paraphrase der „Ge-                           mix – und ihre derzeitigen Gewinne –
                                                        wirtschaft derzeit mehr strukturelle                          meinschaftswerk“-Interpretation der                           nicht nur dem bereits erwähnten
                                                        Probleme und Kosten als ökono­                                Bundesregierung ist. [80] Die deut-                           staatlich etablierten System aus Ein-
E N E R G Y P O L I C Y, E C O N O M Y A N D L A W

                                                        mische Erfolgserlebnisse. Die Um­                             sche Industrie war in diesem Projekt                          speiseprivilegien und Strompreis­
                                                        gebungsenergie-Technologien Wind-                             nie die treibende Kraft – das haben die                       subventionierung. Sie verdanken ihn
                                                        kraft und Photovoltaik hätten sich                            Erneuerbaren also mit der Frühphase                           auch der Tatsache, dass planbare
                                                        ­ohne massive staatliche Unterstüt-                           der       Kernenergie-Einführung     in                       ­Erzeuger, unter anderem Kernkraft-
                                                         zung in Form von Einspeiseprivilegien                        Deutschland gemeinsam. Rein be-                                werke, jenes stabile Verbundnetz erst
                                                         und EEG-Umlage in Deutschland nie                            triebswirtschaftlich ist die politisch                         herstellen, in das wetterabhängige
                                                         am Markt durchsetzen können. [76]                            beschlossene und staatlich geförderte                          Stromproduzenten jederzeit ein­
                                                                   Die Energiewende vereint ein                       Implementierung der Erneuerbaren                               speisen können. Allerdings werden
                                                            ­ganzes Bündel außerökonomischer                          auf deutschem Boden bis heute nicht                            die Umgebungsenergie-Betreiber an
                                                             Motive auf sich. Sie wurde ganz                          begründbar. Selbst die erhoffte Markt-                         den Kosten teurer Systemleistungen
                                                             ­wesentlich moralisch begründet,                         führerschaft wurde den Deutschen                               nicht beteiligt – und auch nicht an den
                                                              ­worauf bereits die Umkehr-Meta­                        auf dem Gebiet von Solar- und Wind-                            Risiken der fossilen und nuklearen
                                                               phorik des Wende- Begriffs verweist.                   kraft von asiatischen Anbietern sehr                           ­Erzeuger. [85]
                                                               Das manifestiert sich nicht nur an der                 schnell wieder abgenommen. [81]                                      Folgt man nun konsequent der
                                                               Engführung der Atom-Ausstiegs-­                             Doch auch aus einem explizit ener-                         ­Kritik des DIW an der angeblich
                                                               Begründung von 2011 auf eine                           giewirtschaftlichen Grunde kann man                              ­mangelnden Versicherung von Kern-
                                                               „­ethische“ Frage, die folglich zum                    den Ansatz des DIW als kontextblind                             kraftwerken, und fordert man für alle
                                                               Gegenstand einer „Ethik-Kommis-                        zurückweisen. In der Verabsolu­                                 Stromerzeuger eine volle Internalisie-
                                                         sion“ gemacht wurde. Das zeigt sich                          tierung ihres Urteils über die Kern-                            rung externer Kosten, so müssten
                                                         auch an der Begründungslogik der                             energie als „zu teuer“ unterschlagen                            wetter­abhängige      Umgebungsener-
                                                         Energiewende selber in den ­Berichten                        die Autoren der Studie, dass nukleare                           gien, die keine gesicherte Leistung lie-
                                                         der „Ethikkommission“ [77] zum                               Stromerzeuger nicht isoliert in einem                           fern, folglich auch an künftigen
                                                               Atomausstieg und der „Kohlekommis-                     idealtypischen System arbeiten, son-                            CO2-Abgaben von fossilen Kraft­
                                                         sion“ [78] zum Kohleausstieg. ­Diese                         dern zusammengespannt mit anderen                          werken, an hypothetischen Entschä­
                                                            Begründungslogik beruht vor allem                         Erzeugern und unter den Bedingun-                          digungssummen für die Opfer von
                                                            auf dem internationalen Vorbildcha-                       gen gesetzlicher Regulierungen und                         Luftverschmutzung oder eben an den
                                                         rakter Deutschlands für den ökologi-                         öffentlicher Diskurse. Die deutsche                        erhöhten Versicherungsprämien für
                                                         schen Umbau von Industrie­gesell­                            Leistungsreaktortechnik – und somit                        Kernkraftwerke beteiligt werden –
                                                         schaften auf der ganzen Welt, d. h.                          auch ihre „steigenden Kosten“ – ist                        oder eine Netzsystemabgabe leisten,
                                                         einem weichen Faktor deutscher                               nicht nur von Technikern und Inge-                         aus der die Erzeuger gesicherter Leis-
                                                         ­nationaler Grandeur. Darüber hinaus                         nieuren geschaffen worden, sondern                              tung Kompensationen erhalten. Um-
                                                          soll die Energiewende auch nach                             auch von Aufsichtsbehörden, Gerich-                             gekehrt könnten KKW von einer
                                                          ­innen eine Art national-ökologischen                       ten, gesetzlichen Auflagen, Brenn­                              CO2-Bepreisung genauso profitieren
                                                           Kitt für eine zunehmend auseinander-                       elementsteuern, der Atomkontrover-                         wie Umgebungsenergien, was wie­
                                                           driftende Gesellschaft produzieren,                        se, der Expertenkommunikation. [82]                        derum ihre Marktposition verbessern
                                                           was sich in der Bezeichnung der Ener-                           Es fällt auf, dass das DIW nur                        könnte. In einer OECD-Studie wurden
                                                           giewende als „Gemeinschaftswerk“                           in einem einzigen Fall von einer                           verschiedene Szenarien einer CO2-­
                                                           [79] niederschlägt. Vermutlich spielte                     „­gesamtwirtschaftlichen“ Rechnung                                armen Energiewirtschaft mit unter-
                                                        gerade in dieser Gemeinschafts-                               spricht, nachdem es vorher rein                            schiedlichen Anteilen von Kernener-
                                                           werks-Motivierung auch der Wunsch                          „­privatwirtschaftlich“ die Kernener-                      gie und intermittierend einspeisenden
                                                           eine Rolle, die langjährige gesell-                        gie teuer gerechnet hat. Das ist der                       Umgebungsenergien betrachtet; sie
                                                           schaftliche Kontroverse um die Kern-                       Fall bei der Erwähnung der – seiner                        kommt zu dem Schluss, dass die
                                                           energie zu befrieden, indem man die                        Auffassung nach – mangelhaften                             ­Systemkosten solcher gemischten
                                                           angebliche Konfliktursache aus dem                         ­Haftung der KKW-Betreiber für po­                          Systeme steigen, je mehr wetterab-
                                                                                                                                                                                  ­
                                                           Spiel nahm. Das mag eine ehrenwerte                         tenzielle Atomunfälle, die im Ab-                          hängige Erzeuger einspeisen, und
                                                           Begründung sein – eine wirtschaft­                          schnitt 1 thematisiert wurde. [83]                         ­fallen, je höher der Kernenergieanteil
                                                           liche ist es nicht.                                          Auch bei dieser Gedankenoperation                          ist. Aufgabe einer guten Energie- und
                                                                   Erst in zweiter Linie wurde das                      schlagen sich die DIW-Autoren vorbe-                       Klimastrategie sei es, die bislang
                                                           Jahrhundert- und Gemeinschafts-                             haltlos auf die Seite der Atomkritik,                       ­externalisierten und ungerecht ver-
                                                           werks- Argument in ein ökonomisch                           verkennen aber, dass „gesamtwirt-                            teilten Systemkosten strukturell in das
                                                           anschlussfähiges Standortargument                           schaftliche“ Rechnungen und Forde-                           System einer funktionierenden Ener-
                                                           umgemünzt, das mit der Erwartung                            rungen nach der Internalisierung                             giewirtschaft zu integrieren. [86]
                                                           künftiger Profite und Arbeitsplätze                         ­externer Kosten keine Einbahnstraße
                                                           durch deutsche Marktführerschaft im                          sind. Die Kernenergie stellt im real                     5       Fazit
                                                           Umgebungsenergie-Sektor hantierte.                           existierenden Energiemix und Ver-                        Betrachtet man moderne Energiewirt-
                                                           Gleichzeitig wird die Umstellung auf                         bundnetz nicht nur CO2-freie, son-                       schaften integriert als soziotechnische
                                                           „erneuerbare“ Energien von den                               dern auch gesicherte und steuerbare                      Systeme, dann erkennt man, dass
                                                           ­wissenschaftlichen und politischen                          Leistung bereit, d. h. wertvolle Sys-                    ­Entscheidungen in solchen Systemen
                                                            Apologeten der Postwachstumsge­                             temleistungen. Entsprechend wird die                      nie nur von ökonomischen oder tech-
                                                            sellschaft keinesfalls als ökonomi-                         Bereitstellung von Regelenergie durch                     nischen, sondern immer auch von
                                                            sches oder technologisches Projekt                          den Lastfolgebetrieb von KKW sehr                         politischen oder gar ethischen

                                                     Energy Policy, Economy and Law
                                                     Das DIW-Papier über die „teure und gefährliche“ Kernenergie auf dem P­ rüfstand ı Anna Veronika Wendland und Björn Peters
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