SAISON VORSCHAU - Magazin #1.19/20 - Schauspielhaus Wien
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ENSEMBLE 19/20
VORWORT
Liebe Freund*innen des Schauspielhauses,
liebes Publikum,
Wir begrüßen Sie herzlich zu unserer fünften Spielzeit ziehung geht ebenfalls weiter: Miroslava Svolikova, die
am Schauspielhaus! Eine beglückende Saison 18/19 mit »Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der
liegt hinter uns, die uns nicht nur überaus erfreulichen Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt«
Publikumszuspruch und die bisher höchste Auslastung die Gewinnerin unseres Hans-Gratzer-Stipendiums 2016
von 85 Prozent, sondern auch eine Vielzahl von No- war, startet für ihr neues Stück eine absurd-komödian-
minierungen und Einladungen zu wichtigen Festivals tische Expedition an den »Rand«. Vom Rand des Uni-
brachte: Im Mai und Juni gastierten wir beim Festival versums, dem Rand des Vorstellbaren denkt sie über
radikal jung in München, bei den Mülheimer Theater- alle möglichen Szenarien von Grenzziehungen nach.
tagen, beim Dramatiker*innen-Festival Graz und bei Sprechende Tetris-Steine kommen aber auch vor. Mit
den Autorentheatertagen am Deutschen Theater Berlin. Wilke Weermann (»Angstbeißer«) und Mario Wurmitzer
Enis Maci wurde außerdem für ihr am Schauspielhaus ent- (»Das Optimum«) kommen zwei sehr vielversprechende
wickeltes Stück »AUTOS« in der Kritiker*innen-Umfrage Autoren neu an unser Haus.
von Theater heute zur Nachwuchsautorin des Jahres
2019 gewählt. Wir werden unsere Produktionen weiterhin blockweise
Es ist uns gelungen, für das Schauspielhaus ein weit im En-suite-System zeigen, dennoch konnten wir es
über Wien hinaus erkennbares und schlagkräftiges aufgrund der erfreulich hohen Nachfrage nach vielen
Profil zu entwickeln. unserer Produktionen glücklicherweise ermöglichen,
mehrere Arbeiten nochmals zu zeigen: anlässlich des
Die letzte Spielzeit war geprägt von politisch engagier- 100. Geburtstags von Maria Lassnig nehmen wir »Schla-
Inhalt tem Autor*innentheater, mit dem wir viele relevante fende Männer« wieder auf und feiern außerdem nach
Konfliktfelder der Gegenwart reflektiert haben: Die einer restlos ausverkauften ersten Vorstellungsserie mit
Saisonübersicht 19/20 S. 4 Erosion des Europäischen Einigungsnarrativs in der »Vernon Subutex« weiter. Im Oktober zeigen wir – wie
»Hauptstadt«, die immer weiter um sich greifenden üblich zum letzten Mal – unseren Klassiker: Jan-Chris-
F FOR FACTORY S. 6 sozialen Abstiegsängste als Dünger des Rechtsrucks toph Gockels Kracht-Adaption »Imperium«, die uns nun-
in »Vernon Subutex«, eine von gewalttätigen Exklu- mehr im fünften Jahr begleitet. Im Frühjahr werden wir
ERÖFFNUNGSFESTIVAL S. 8 sionsmechanismen durchzogene Gesellschaft in Enis zwei Arbeiten wieder in den Spielplan nehmen, die sich
Macis »AUTOS« und die Frage nach der Zukunft der explizit mit der politischen Gegenwart beschäftigen:
IM HERZEN DER GEWALT S.10 Partizipation in FUX’ »Was Ihr wollt: Der Film«. Unser FUX’ »Was Ihr wollt: Der Film« und »Die Hauptstadt«.
Anna Hirschmann Ensemble und unsere Regieteams haben sich diesen
Themen in sehr unterschiedlichen Theatersprachen an- Über vier Jahre war ein vollkommen unverändertes
IM HERZEN DER GEWALT
»Jede Form von Männlichkeit ist gefährlich« S. 11
genähert, aber immer sinnliche, humorvolle und doch Ensemble das Herz und das Gesicht unseres Theaters
Édouard Louis im Gespräch mit Tobias Schuster
ernsthafte Zugänge gewählt. Dass dieser ästhetische – nun gibt es erstmals personelle Veränderungen.
»Was bedeutet es, wenn deine Geschichte
Kurs kontinuierlich immer mehr Zuspruch erfährt, macht Wir freuen wir uns auf zwei neue Kolleg*innen: Clara
von anderen gestohlen wird?« S. 12
uns sehr glücklich. Wir setzen diese Linie deswegen in Liepsch, Absolventin der Münchner Theaterakademie
Christoph Laimer der neuen Spielzeit fort mit Projekten wie »Im Herzen August Everding, war schon in »Vernon Subutex« zu
NOV
»Stadt, Land, Krise?« S. 16 der Gewalt« – mit dem wir Édouard Louis, den Shoo- sehen und stößt nun fest zu uns. Til Schindler kommt
tingstar der französischen Literatur, erstmals in Wien von der UdK Berlin und wird erstmals in »Kudlich in
Wiederaufnahmen S. 18
SCHLAFENDE MÄNNER
präsentieren. Sein Roman kreist um Themen wie Ras- Amerika« zu erleben sein. Vassilissa Reznikoff ist an das
sismus, Homophobie und die Frage, welche Strukturen Nationaltheater Mannheim gewechselt und Steffen Link
SCHLAFENDE MÄNNER S. 18 von Gewalt in unserer Gesellschaft wirken. In gewissem verlässt uns im Frühjahr 2020 in Richtung des Münch-
Antonia Hoerschelmann Sinne daran anknüpfend fragen Ewelina Benbenek und ner Volkstheaters – beiden danken wir von Herzen für
OKT/NOV
»Maria Lassnig ›Ich bin die Frau Picasso, Florian Fischer in der nächsten Ausgabe des Arbeits- die gemeinsame Zeit und wünschen ihnen das Beste
fange Bilder mit dem Lasso …‹« S. 19 ateliers gemeinsam nach der Repräsentation des Post- für die Zukunft.
migrantischen auf dem Theater. Sie untersuchen nicht
Ausblick 2020 S. 22 zuletzt blinde Flecken und Defizite unserer Institution. Wir freuen uns auf ein weiteres Jahr mit Ihnen!
Specials/Kooperationen S. 24
Kurz vor Ende der Sommerpause erreichte uns eine Viel Spaß!
DAS OPTIMUM
DAS OPTIMUM S. 26 traurige Nachricht: Aus gesundheitlichen Gründen muss
OKT/NOV
Johanna Hähner die geplante Produktion von Vegard Vinge & Ida Müller
»Teurer Schlaf« S. 28 leider auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Wir
sind aber gleichermaßen gespannt auf »F FOR FACTORY
Sonderveranstaltungen S. 30 – eine Aktion von Maximilian Brauer, Leonard Neumann
und Ensemble«, mit der wir an unsere Beschäftigung
Julia Jost mit Aktionskunst fortsetzen werden.
»Erinnerungen einer Prinzess*in« S. 32
Pünktlich zum beginnenden amerikanischen Wahlkampf
Gerhild Steinbuch lässt Thomas Köck seinen früheren Protagonisten Hans
»MUTATIS MUTANDIS« S. 34 Kudlich, immerhin bewährter politischer Agitator, in die
Wir sind viele – Erklärung der Vielen S. 36 USA reisen. Erneut inszeniert das Erfolgsduo Elsa-Sophie Tomas Schweigen Tobias Schuster
Jach &Thomas Köck (»Die Zukunft reicht uns nicht (klagt, Künstlerischer Leiter Leitender Dramaturg
Autor*innenförderung S. 38 kinder, klagt!)«). Wir freuen uns sehr über diese konti- & Geschäftsführer
Schauspielhaus-Team S. 39 nuierliche Verbindung. Eine weitere lange Arbeitsbe-
Rückblick: Spielzeit 18/19 S. 41
Service S. 51
3Wieder- S. 21 S. 22
S. 6 aufnahme
SPIELPLAN 19/20
SPIELPLAN 19/20
S. 10
KUDLICH IN
AMERIKA
von Thomas Köck
URAUFFÜHRUNG
Regie Elsa-Sophie Jach & Thomas Köck
11.1.-12.2.20
F FOR FACTORY
eine Aktion von Maximilian Brauer,
Leonard Neumann & Ensemble
IMPERIUM S. 22
nach Christian Kracht
URAUFFÜHRUNG
2.10.-19.10.19 IM HERZEN ÖSTERREICHISCHE ERSTAUFFÜHRUNG
Regie Jan-Christoph Gockel ANGST-
DER GEWALT 22. & 23.10.19 BEISSER
von Wilke Weermann
von Édouard Louis
S. 23 URAUFFÜHRUNG
S. 26 ÖSTERREICHISCHE ERSTAUFFÜHRUNG Regie Anna Marboe
Regie Tomas Schweigen
27.2.-21.3.20
13.11.-23.11.19
S. 18
TRAGÖDIEN-
BASTARD
(AT)
von Ewelina Benbenek
URAUFFÜHRUNG
Regie Florian Fischer Wieder-
aufnahme
SCHLAFENDE 4.-18.4.20
RAND
DAS OPTIMUM MÄNNER
Wieder-
aufnahme S. 23 von Miroslava Svolikova
von Mario Wurmitzer URAUFFÜHRUNG
von Martin Crimp
URAUFFÜHRUNG Regie Tomas Schweigen
ÖSTERREICHISCHE ERSTAUFFÜHRUNG
Regie Maria Sendlhofer 30.4.-14.5.20
Regie Tomas Schweigen
Ab 31.10.19 30.10.-2.11.19 Wieder- WAS IHR WOLLT:
aufnahme
DER FILM
Eine Produktion des Theater KOSMOS Bregenz
DIE HAUPTSTADT
in Kooperation mit dem Schauspielhaus Wien.
Wieder- von FUX
S. 21 URAUFFÜHRUNG
nach dem Roman von Robert Menasse
aufnahme ÖSTERREICHISCHE ERSTAUFFÜHRUNG
Regie Nele Stuhler & Falk Rößler (FUX) Regie Lucia Bihler
S. 28 Wiederaufnahme im Juni 2020 Wiederaufnahme in Planung
Gefördert im Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes.
SPECIALS
THE SMALLEST THEATRE WAS IHR WOLLT: [.............…]
von FUX
IN THE WORLD URAUFFÜHRUNG
ein Projekt von Jesse Inman Regie Nele Stuhler & Falk Rößler (FUX)
DAS LEBEN DES Realisation Jesse Inman
Ab Jänner 2020
Gastspiel Juni 2020
OH SCHIMMI
Ein Gastspiel des Theater Oberhausen. Gefördert im Fonds Doppelpass
VERNON SUBUTEX
Eine Produktion von Jesse Inman in Koproduktion mit dem Schauspielhaus Wien. der Kulturstiftung des Bundes.
von Teresa Präauer DER SPRECHER UND
1+2 URAUFFÜHRUNG SCHLAGZEUG
nach den Romanen von Virginie Despentes von FUX DIE SOUFFLEUSE
Regie Anna Marboe URAUFFÜHRUNG von Miroslava Svolikova
ÖSTERREICHISCHE ERSTAUFFÜHRUNG
Regie Tomas Schweigen Wieder-
Ab 17.10.19 Regie Nele Stuhler & Falk Rößler (FUX)
Gastspiel 1. & 2.2.20
URAUFFÜHRUNG
Regie Pedro Martins Beja
Gefördert im Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes. 17.12.-20.12.19
4 29.11.-12.12.19 aufnahme Eine Produktion des Theater am Lend Graz im Rahmen der Theaterallianz.
5SEBASTIAN SCHINDEGGER
eine Aktion von Maximilian Brauer, Ein Tag im Leben des Fabrikarbeiters Warhola in seinem Wiener Büro. Al-
Leonard Neumann & Ensemble les beginnt, als Warhola am frühen Morgen mehrere Amphetamintablet-
ten schluckt, und endet 24 Stunden später in Konfusion und Erschöpfung:
URAUFFÜHRUNG eine unglaubliche Reise ans Andy der Nacht und plötzlich scheint alles
möglich … Keine Spielregeln, dafür Spiegelfolie!
Von & mit Franz Beil, Maximilian
Brauer, Vera von Gunten, Doch nun zur Sache: Der aus den fernen Karpaten stammende Fabrikarbeiter
Jesse Inman, Leonard Neumann,
Warhola ist in seinem Beruf in einer Würstel-Fabrik in Wien vollkommen
Sebastian Schindegger und Gästen
unglücklich und betreibt neben seiner Werktätigkeit die erfolglose Künst-
Premiere am 2. Oktober 2019 leragentur »Factory«. Seine Stars: eine einbeinige Stepptänzerin, ein stot-
ternder Bauchredner, ein Luftballonfigurenfalterduo und der ambitionierte
Fäkaliencollagist Mühl. Seine besondere Aufmerksamkeit gilt jedoch dem
heruntergekommenen Schnulzensänger Lou Carola Reed, der ungeahnt
durch eine Nostalgiewelle zu Ruhm gelangt. Warhola verschafft ihm einen
Auftritt vor bedeutenden österreichischen Produzenten, doch Lou weigert
sich aufzutreten, falls nicht seine heimliche doch längst verschwundene
Geliebte Brigid beim Konzert dabei sein sollte. Warhola macht sich auf
den Weg, Brigid zu finden und wird dabei in Mafia-Kreise hineingezogen
… Nimmt nun das Unglück seinen Lauf? Kann die Situation noch geret-
tet werden? Zu allem Überfluss stiehlt Mühl eine Blutdruckmaschine und
liegt im Krankenhaus, Lou Carola Reed kostümiert sich für einen Abend
im Teenager-Bordell und Ingrid Superstar Wiener findet ihren Schatz im
Silverscreen! Ausgerechnet am Abend von Lous Konzert klingelt es an
Warholas Tür und Brigid steht vor ihm …
Je mehr die Personen vor sich selbst davonlaufen, desto mehr geben
sie sich preis. Wenn eine Enzyklopädie eine verdichtete Sammlung des
menschlichen Wissens ist, dann sind diese neun Abende ihr Gegenteil: In
einem Kondensat aus Probe und Repertoire-Vorstellung versucht die Ak-
tion, die totale Erfahrung des täglichen Lebens zu fassen, die sich durch
extreme Charaktere zu einem fieberhaften Grad von Brillanz, Vagheit und
Einsicht steigert. Eine Materialaktion im Boulevard-Badewännchen mit im-
mer neuen Gästen. Neunmal die Erprobung eines neuen Verfahrens durch
seine Schöpfer an sich selbst. Eine Utopie, in der alle Elemente ihre ei-
gene Autonomie erhalten. Eine Polaroidkamera wird selbstverständlich
eingesetzt.
26.9.-27.10.18
Oh, Factory.
Ach, Factory.
VINGE
Dein Andy!
6 7gebenedeit sei die wut deines leibes
ERÖFFNUNGSFESTIVAL
VERA VON GUNTEN
festival: lectures | lesungen | performances | musik
4. und 5. oktober 2019, jeweils 20 uhr, schauspielhaus wien
kuratiert von fritz ostermayer (künstlerischer leiter der schule für dichtung)
nach »lachen« und »weinen« widmen wir uns heuer der politisch prekärsten aller gefühlswallungen: der wut.
und ihrem nächsten affektiven verwandten: dem zorn.
»die wut des zeitalters ist tief« – so steht es in heimito von doderers roman »die merowinger oder die totale
familie«, in dem der autor groteske und – so doderer – »völlig überzeichnete wut-therapien« beschreibt, die
heute allerdings längst gängige praxis amerikanischer therapeuten sind. inklusive sogenannter wutmärsche
mit der lizenz zum zerdreschen von geschirr und vasen. wir wollen all den ›besorgten wutbürgern‹ zornige au-
tor*innen zur seite stellen, die vielleicht erklären können, wie deren erregung und hassausbrüche instrumen-
talisiert und stets in die falsche richtung kanalisiert werden. man darf die wut nicht denen überlassen, die sie
einem menschenverachtenden nationalismus zuführen wollen. literatur und musik können wut und zorn zum
thema machen, sie können selbst ausdruck von wut und zorn sein, sind aber auch medien, die beides hinter-
fragbar, sichtbar und analysierbar werden lassen. in unserem fall tun dies diese großartigen autor*innen und
musiker*innen:
johannes ullmaier – seit dem ersten sfd-festival von 2014 zum x-ten »tod des autors« verdichtet der mainzer
literaturwissenschaftler und letzte universalgelehrte unseres vertrauens die jeweilige thematik zu grandiosen
einführungsvorträgen. sollte es diesmal dem zorn- und zeit-diagnostiker peter sloterdijk an den kragen gehen,
würde uns das auch nicht wundern.
stefanie sargnagel – wer könnte werner kofler – diesen angriffslustigsten unter den heimischen autoren – bes-
ser zum vortrag bringen als die angrifflustigste unter den heimischen komödiantinnen? gegeben wird eine
lesung als »best of prominenten-beschimpfung«, bei der die verbalen watschen nur so kleschen. eigentlich
beziehungsweise uneigentlich, sicher jedoch mit grimmigem humor wird hergezogen über: michael jeannee,
udo jürgens, nicki lauda, peter turrini, »die grazer dichtertrottel«, den »kriegstreiber mock« und oswald wiener.
kabinetttheater – 4 wut-dramolette. prinzipalin julia reichert und ihr team inszenieren übellaunige mikro-dra-
men, entstanden in der von antonio fian geleiteten sfd-klasse »die wut des zeitalters ist tief« (dramolette von:
harald jöllinger, beate mayr-kniescheck, neutro/anna neuwirth & martin troger, mario schlembach). wir sind
gespannt, ob die im kabinetttheater zum einsatz kommenden unbelebten objekte und figuren auch als kathar-
tische blitzableiter unserer erhitzten affekte taugen.
GEWALT – bandname sowie dessen dringliche großschreibung verheißen nichts gutes. »der name musste et-
was sein, das keine ausreden zulässt«, sagt bandgründer patrick wagner, »wenn man GEWALT heißt, kann man
unmöglich mediokre musik machen.« in diesem sinn tobt das berliner trio – wagner (voc, git), helen henfling
(git), rabea erradi (bg) – mit existentialistischer negation gegen die verheerende arschlöchrigkeit der welt. stur,
giftig und böse – weil: »in mir wütet eine große zerstörungskraft.« recht so!
heidi kastner – die berühmte psychiaterin und forensische gerichtsgutachterin (unter anderem im fall fritzl)
verteidigt in ihrem buch »wut. plädoyer für ein verpöntes gefühl« diese normalerweise negativ konnotierte ba-
sisemotion, deren unterdrückung auf dauer mehr schaden anrichtet als das ›ausleben‹ dieser. fritz ostermayer
spricht mit heidi kastner über kontrollierte und nicht mehr kontrollierbare formen unseres umgangs mit ag-
gression.
lydia haider – wenn ein buch wahrlich »fuck you du sau, bist du komplett zugeschissen in deinem leib drin«
heißt, dann schreit das geradezu nach einer performance seiner autorin bei unserem festival. lydia haider ist
die meisterin zeitgenössischer wutdichtung in der großen tradition österreichischer schimpf- und spottlitera-
tur. alttestamentarische verfluchungen gegen gott und die welt, das patriachat und flip-flops, vorgetragen in
einem schon grotesk hehren predigerduktus, zeugen vom gerechten zorn der autorin, ebenso wie von ihrem
suprig bösen humor. uns bleibt zumindest homerisches kichern.
oswald wiener – nichts geringeres als eine sensation! der sich längst von der literatur verabschiedet habende
bewusstseinsforscher, selbstbeobachter und denkmaschinist mimt auf unser inständiges betteln noch EINMAL
den avantgarde-dichter und avantgarden-zertrümmerer und liest aus seinem alles-andere-als-ein-roman-ro-
man »die verbesserung von mitteleuropa« und daraus das kapitel »purim. ein fest«, einer wüsten, heimito von
doderer gewidmeten schimpf- und verdreschorgie der schamlosesten art. danach bleiben nur noch wutgebrüll
und hassfrequenzen – mit:
natascha gangl/maja osojnik – ein auftragswerk des festivals an zwei großartige künstlerinnen, deren dichte-
risches und musikalisches schaffen immer wieder aufs schönste in rage und furor ausartet. die gebürtige stei-
rerin gangl zetert eine verflucht poetische philippika (= straf-, angriffs-, brand- oder kampfrede), die gebürtige
slowenin osojnik gebietet dabei über ein arsenal verdammt gemeiner tonerzeuger. mehr wissen wir auch noch
nicht, freuen uns aber sehr über ein paar was-auch-immer hinter die ohren. ARRRGH!
denn noch immer gilt: »anger is an energy« (john lydon vormals johnny rotten)
8 9Anna Hirschmann
»Jede Form von Männlichkeit ist gefährlich«1
Sexuelle Gewalt und Männlichkeit
»Sexualisierte Gewalt ist nicht vom zu sein, die sie nicht wollten; happens if you don’t do the job your
patriarchalen Geschlechterverhältnis zu - 8,9 % der Frauen und 2,0 % der Män- story says is yours. What happens
trennen.«2 Um das zu verstehen, muss ner, dass jemand versuchte, ›gegen mei- is that you’re less than nobody.«6
man sich mit der Kategorie Gender nen Willen in meinen Körper einzudrin- John Stoltenberg verglich die Rede von
auseinandersetzen und damit, dass es gen oder mich zum Geschlechtsverkehr einer ›gesunden Männlichkeit‹ mit der
kein biologisches Faktum ist, welchem zu nötigen. Es kam aber nicht dazu‹. Rede von ›gesundem Krebs‹.7 Männ-
Geschlecht mensch gesellschaftlich - 7,0 % der Frauen und 1,3 % der Män- lichkeit, also Überlegenheit, werde
zugeordnet wird. Geschlechter werden ner, dass jemand ›gegen meinen Willen behauptet und bewiesen durch die An-
immer noch hauptsächlich in männ- mit einem Penis oder etwas anderem wendung von Gewalt, egal in welcher
lich und weiblich unterschieden, auch in meinen Körper eingedrungen ist.‹«4 Form. Die Beweisführung sichere dem
wenn diesen Sommer das erste X in Eine andere der wenigen deutschspra- Täter* die Zugehörigkeit zur dominan-
einen österreichischen Pass eingetra- chigen Studien5 schreibt im Vorwort: ten Gruppe, zur Gruppe der Sieger, egal
gen worden ist. Thomas Schlingmann, »Bestimmte Gewaltformen sind so welche biologische Zufälligkeit sich
Traumaberater und Mitgründer von normal im Männerleben, dass sie nicht zwischen seinen* Beinen befindet.
Tauwetter, einer Berliner Anlaufstel- als Gewalt wahrgenommen werden und »Regardless of the gender of vic-
le für Männer*, die in ihrer Kindheit dadurch auch nur begrenzt erinnert tims, the acts that effect the harm
oder Jugend sexualisierter Gewalt werden. (…) Andere Gewaltformen sind and humiliation of sexual harass-
ausgesetzt waren, schreibt dazu: »Fakt so tabuisiert, dass sie entweder nicht ment are gendering for the per-
ist, die Mehrheit der Täter bei sexua- erinnerbar sind oder die betroffenen petrator, for they assert his domi-
lisierter Gewalt ist männlich. Das gilt Männer nicht über sie berichten. Bei- nance – over anyone he wants.«8
auch bei sexualisierter Gewalt gegen spiele für den tabuisierten, ›unmänn-
Jungen – und höchstwahrscheinlich lichen‹ Bereich finden sich insbeson- Diese Überlegenheit muss immer
auch bei sexualisierter Gewalt gegen dere bei der sexualisierten Gewalt.«5 wieder bewiesen werden – auf dem
Männer. Die Mehrheit der Betroffenen Schulhof, im Bundesheer, am Arbeits-
wiederum ist weiblich. Das ist aller- Eine These, warum es für Männer* platz, in der Beziehung, beim Sex –,
Weihnachten in Paris. Gegen vier Uhr morgens lernt Édouard auf dem dings nichts Biologisches, sondern ein schwer sein kann, sich mit dem Thema weil Männlichkeit eben keine Be-
Rückweg von einem Abendessen den jungen Reda kennen. Spontan Ausdruck gesellschaftlicher Verhält- zu beschäftigen – unabhängig aus wel- schreibung einer biologischen oder
gehen sie zu Édouard nach Hause. Sie unterhalten sich über die Kind- nisse und Geschlechtskonstruktionen.«2 cher Perspektive –, findet sich bei John zufälligen Gegebenheit ist, sondern
heit und Reda erzählt, wie sein Vater aus Algerien nach Frankreich ge- Diesen Konstruktionen entsprechende Stoltenberg. Der feministische Autor eine Einordnung ins soziale System.
flohen ist. Sie kommen sich näher und haben Sex. Gegen sechs Uhr Rollenvorstellungen besagen gerne, plädiert für einen radikalen Bruch mit Das patriarchale Geschlechterverhält-
entdeckt Édouard sein Smartphone in Redas Tasche. Als er ihn darauf dass Mann stark und unverletzlich der Zuschreibung männlich, weil sich nis ist dadurch definiert, dass mensch
anspricht, kippt die Situation: Reda bedroht Édouard mit einer Waffe sei, immer (heterosexuellen) Sex Männlichkeit und Gewalt im binären entweder zur überlegenen Gruppe
und vergewaltigt ihn schließlich. Tief traumatisiert bleibt Édouard haben könne und wolle, und Notfälle System der gesellschaftlichen Ge- gehört oder zu einer diffus definierten
zurück. Unfähig, auf dieses Erlebnis zu reagieren, flieht er zu seiner zur Not mit Muskelkraft regele. Und schlechterkonstruktion bedingen wür- und meistens unsichtbaren Gruppe
Schwester und berichtet ihr davon … also folglich kein Opfer sein könne. den. In Stoltenbergs Analyse speist sich der anderen. Das kann auch temporär
Édouard Louis erzählt eine hochkomplexe Geschichte über sexuelle Ge- Dem ist nicht so, auch wenn sexuelle das Identitätsmerkmal Männlichkeit gelten und über die Unterwerfung eines
walt und kulturelle Identität. Er wählt dabei einen literarischen Kunst- Gewalt gegen Männer* in der Öffent- hauptsächlich aus der Anforderung: SEI Gegenübers aufgrund seiner sozia-
griff, der dem Roman seine spezifische Theatralität verleiht: Er schildert lichkeit selten Thema ist.3 Aktuelle ÜBERLEGEN. Das heißt, wer Mann sein len oder ethnischen Herkunft, seines
das Erlebnis über weite Strecken aus der Perspektive seiner Schwester, Zahlen zur Gewalt an Frauen und will oder soll, muss diese Überlegenheit Alters oder Aussehens passieren.
die im Dorf von Édouards Jugend geblieben ist, aus dem er als Jugend- Männern in Österreich sind von 2011.4 demonstrieren. Zum Beispiel kämpfen –
licher so schnell wie möglich fliehen wollte. Nun belauscht Édouard, und gewinnen. Wer kein Sieger ist, sei Auch Thomas Schlingmann stellt fest,
wie sie ihrem Mann schildert, was er ihr soeben erzählt hat. Durch »Drei Viertel der Frauen (74,2 %) und nämlich nicht nur ein schwacher oder dass es bei sexualisierter Gewalt im
diese Perspektive wird der Roman auch zum Porträt einer entfremde- ein Viertel der Männer (27,2 %) wur- halber Mann, sondern ein Niemand. Kern um Macht geht. Und »sie hat
ten Familie, zweier Geschwister, die sich in ihren Identitäten und Bio- den im Erwachsenenalter schon einmal »Because your story is about who you deshalb so eine massive Auswirkung,
grafien völlig unterschiedlich entwickelt haben. Er untersucht eine von sexuell belästigt. Über sexuelle Gewalt must be and must not be in an either/ weil seit der bürgerlichen Revolution
Rassismus und Homophobie durchzogene Gesellschaft. berichten 29,5 % der Frauen und 8,8 or identity system. You’re supposed das Geschlecht und darin die eigene
nach dem Roman von Édouard Louis % der Männer. Im Detail widerfuhr es to grow up to be a man, a real man, a Sexualität ein zentraler Baustein der
in einer Bühnenfassung von Édouard Louis, 1992 in Hallencourt als Eddy Bellegueule geboren, stu- - 25,7 % der Frauen und 8,0 % der man who knows he’s a man and a man Selbstdefinition geworden ist.«2
Tomas Schweigen & Tobias Schuster dierte in Paris bei Didier Eribon Soziologie und lehrt seit 2016 selbst, u. a. Männer, dass sie von jemandem everybody takes to be a man. (…) And
am Dartmouth College in den USA. Sein autobiografischer Debütroman ›intim berührt oder gestreichelt‹ if you don’t cut it, if you don’t measure
ÖSTERREICHISCHE ERSTAUFFÜHRUNG »Das Ende von Eddy«, in dem er von seiner Kindheit als homosexuel- wurden, obwohl sie sagten oder up, if you fail to leave absolutely no
ler Junge in einem nordfranzösischen Dorf und der Flucht aus prekä- zeigten, dass sie das nicht wollten; doubt in your own mind and in the
IM HERZEN DER GEWALT
Regie Tomas Schweigen ren Verhältnissen erzählt, sorgte 2015 für großes Aufsehen. Das Buch - 13,5 % der Frauen und 8,0 % der mind of everyone else, then you’re not
Bühne Stephan Weber wurde zu einem internationalen Bestseller und machte Louis zum lite- Männer, von jemandem ›zu sexuel- only not a real man. You’re not just a
Kostüme Anne Buffetrille rarischen Shootingstar. Sein zweiter Roman »Im Herzen der Gewalt« len Handlungen genötigt‹ worden wannabe man. (…) No, that’s not what
Musik Jacob Suske erschien 2016. Im Rahmen der Samuel-Fischer-Gastprofessur an der
Dramaturgie Tobias Schuster Freien Universität Berlin prägte er für sein autobiografisches Schrei- Anna Hirschmann studierte bilden-
ben den Begriff der ›konfrontativen Literatur‹. Zuletzt analysierte er de Kunst in Hamburg und Wien und
13.-23.11.19
1
https://www.vice.com/de_at/article/zmk3ej/je- 5
Aus: Gewalt gegen Männer“, Pilotstudie im Auftrag des Bundesmi-
Premiere am 13. November 2019 in seinem Essay »Wer hat meinen Vater umgebracht?« den Bruch mit de-form-von-mannlichkeit-ist-gefahrlich
2
Aus: https://taz.de/Sexuelle-Gewalt-gegen-Maenner/!5462531/
nisteriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin 2004
https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/studie--gewalt-ge-
stellt momentan ihren ersten langen
seinem Vater und befragte damit auch den Gegensatz von Stadt- und 3
Aus: https://genderequalitymedia.org/medien-wir-mues-
sen-reden-ueber-sexualisierte-gewalt-gegen-maenner-media-
gen-maenner/84660?view=DEFAULT
6
aus https://www.linkedin.com/pulse/whats-sex-bi-
Dokumentarfilm fertig. Seit 2019 ist
Mit Clara Liepsch, Steffen Link, Landbevölkerung und die sich immer weiter verschärfenden Konflikte screening-sexuelle-gewalterfahrungen-von-maennern/ nary-got-do-rape-john-stoltenberg/ sie als Dramaturgin / Produkionslei-
4
Aus: Österreichische Prävalenzstudie zur Gewalt an Frauen und Männern 7
https://www.feministcurrent.com/2013/08/09/why-talking-ab-
Josef Mohamed innerhalb der französischen Gesellschaft. Bundesministerium für Wirtschaft, Familie und Jugend, Wien 2011. out-healthy-masculinity-is-like-talking-about-healthy-cancer/ terin am Schauspielhaus Wien.
https://www.gewaltinfo.at/uploads/pdf/bmwfj_gewaltpraevalenz-2011.pdf 8
aus http://www.publicseminar.org/2018/01/sexual-harassment-and-mentoo/
10 11Tobias Schuster im Gespräch mit Édouard Louis ist das natürlich auch naiv. Ich hasse diese Geschichte nicht wieder und eine literarische und eine politische
diese bourgeoise Erzählung von der wieder erzählen müssen. Deswegen Kraft, die wir gerade erst entdecken.
Kraft der Kultur, vom Theater, das ir- sagte ich der Polizei, dass ich meine Es gibt momentan eine ganz neue und
gendwelche Brücken baut zwischen den Aussage und die Anzeige zurückzie- ernsthafte Untersuchung des Poten-
»Was bedeutet es, wenn deine Geschichte Menschen, zwischen der Welt und dem
All. Theater hat meine Mutter nicht
gerettet und das Theater hat meinen
hen wolle. Die Polizisten entgegneten
aber, Vergewaltigung sei ein Offizial-
delikt und dass damit meine Geschichte
zials von autobiografischem Schrei-
ben, etwa in der Literatur von Didier
Eribon, mit dem was Ocean Vuong
von anderen gestohlen wird?« Vater nicht gerettet – aber für mich war
es ein erster Ausweg. Ein Notausgang.
nicht mehr mir gehöre, sondern dem
Staat und der Justiz. Sie eigneten sich
meine Geschichte an. Wenn wir über
oder was Swetlana Alexijewitsch
schreibt. Ich versuche wirklich bei
dem zu bleiben, was passiert ist.
Theater und die sogenannte ›Hoch- Theater und Literatur sprechen, glaube
kultur‹ wird oft auch als Mittel ich nicht, dass nur eine homosexuelle Natürlich wählst du dennoch
der Distinktion beschrieben … Person berechtigt ist, meine Figur zu aus und zeigst eine kuratier-
spielen. Ich bin aber der Meinung, dass te Version der Wirklichkeit.
Natürlich. Ich wollte genau einen es ein Problem ist, gar keine schwulen
Ort finden, an dem ich mich abgren- oder queeren Personen auf der Bühne Man wählt aus, natürlich, aber man
zen konnte. Von meiner Kindheit als zu haben. Es geht nicht darum, dass wählt aus, weil man etwas Bestimm-
schwuler Junge in der Arbeiterschicht. eine schwule Figur von einem Schwulen tes demonstrieren möchte. Es gibt
Ich galt als Loser. Ich versagte auf dem gespielt werden muss. Für mich geht eine Wahrheit, die du zeigen möch-
Gebiet der Männlichkeit – und im Thea- es darum, wahrhaftig zu versuchen, test. Dafür brauchst du verschiedene
ter fand ich einen Ort, an dem ich ein queeres Leben insgesamt sichtbar zu Ebenen der Realität. Ich will Menschen
paar kleine Fähigkeiten hatte, die an- machen. Die Frage ist, ob das jeman- damit konfrontieren. Ich möchte, dass
dere nicht hatten. Natürlich hat Theater dem hilft. Oder kreiert man einen Menschen sich mit dem konfrontieren,
mit Distinktion zu tun, aber die ist dort Diskurs, der Minderheiten wieder un- was ich erzähle. Für mich ist die größte
nicht so gewalttätig wie anderswo. Es sichtbar macht und beleidigt, weil er sie Gefahr der Kunstwelt und Kulturver-
ist eher ein Raum, in dem wir Unter- karikiert? Mir ist es lieber, wenn Pierre mittlung die Fähigkeit der Bourgeoisie
schiedlichkeit erforschen können und Bourdieu über Frauen spricht, als wenn zur Verdrängung, dass sie es ablehnen
in dem man sich anverwandeln kann. Margaret Thatcher über Frauen spricht. kann, sich mit dem wirklich auseinan-
Für mich ist jede Bearbeitung von »Im derzusetzen, was du sagst. Es ist fast
Das Thema der Anverwandlung im Herzen der Gewalt« eine Erleichterung. mysteriös. Du erzählst Geschichten
Theater ist momentan sehr umstritten. Diese Aneignung ist eine Befreiung, über Armut, sexuelle und rassistische
Fragen der Repräsentation und der kul-
turellen Aneignung werden im Theater
und der bildenden Kunst zunehmend
»Du isst große Portionen,
scharf diskutiert. Wer darf eigentlich nicht wie die bourgouisen
wen repräsentieren? Darf man sich die
Geschichte anderer Menschen aneig- Pussys in den Großstädten!«
nen, sich ihr anverwandeln? Wie siehst
du die Rolle der Kultur in diesem Feld? weil ich meine Geschichte nicht gewählt Gewalt und dann sitzen die berührt im
habe. Ich habe mir nicht ausgesucht, Theater, aber dann gehen sie nach Hau-
Diese Diskussionen sind extrem wich- vergewaltigt worden zu sein, ich se und wählen eine rechte Partei. Das
tig. Noch immer sehen wir fast keine habe mir nicht ausgesucht, überfallen ist wirklich ein Mysterium. Wenn du
People of Color auf der Bühne oder worden zu sein; wieso sollte ich diese dich berührt fühlst vom Leid anderer,
queere und Trans*Personen. Natür- Geschichte immer weiter mit mir rum- dann müsstest du doch politisch han-
lich ist das ein riesiges strukturelles tragen müssen und sie immer wieder deln oder Entscheidungen fällen, die
Problem. Für mich ist es eine gute erzählen? Es kann nicht sein, dass wir dieses Leid lindern. Manchmal ist das
SCHAUSPIELHAUS: In »Das Ende sein konnte, der ich bin – wo man nicht zwischen mir und dem Theater; dort Nachricht, dass diese Diskussionen dazu gezwungen werden. Wir haben sehr enttäuschend in der Kunst. Warum
von Eddy« schilderst du eine beson- peinlich fand, wie ich war. Eines Tages fand ich zum ersten Mal in meinem Le- gerade stattfinden. Es ist für mich ein unseren Schmerz ja nicht gewählt. verändert sie die Menschen nicht? Was
ders berührende Episode: Die beiden gründeten sie in der Schule diese Thea- ben einen Raum der Anerkennung. Der Kernthema von »Im Herzen der Ge- Wenn du schwul bist, wenn du schwarz für eine Kunst können wir produzieren,
Jugendlichen, die dich in der Schule tergruppe, und ich versuchte es. Thea- Applaus übertönte die Beleidigungen. walt«: Was bedeutet es, wenn deine bist, wenn du eine Frau, Araber oder um Menschen dazu zu zwingen, sich
über Jahre gequält hatten, applau- ter zu spielen fiel mir sofort leicht. Eine Das Theater war sehr wichtig für mich Geschichte von anderen gestohlen wird. Algerier bist – du hast es nicht gewählt. damit zu konfrontieren, was da auf
dierten dir bei einer Aufführung des Rolle zu spielen war schließlich genau in dieser Zeit, in der ich mich selbst und Sobald ich eine Geschichte erzähle, Aber du wirst damit konfrontiert, dass der Bühne oder in einem Buch gezeigt
Schultheaters. Es scheint fast so, als das, was ich in meiner Kindheit gelernt meine Persönlichkeit neu definierte. gehört sie nicht mehr mir. Die Polizei du darüber sprechen sollst. Ich finde wird? Es gibt eine Szene, die ich oft
markiere dieses Erlebnis eine bio- hatte. Als schwules Kind musste ich erzählt sie neu. Die Ärzte, die ich be- es eine schöne Sache, da jemanden an beschreibe, weil sie eine gute Versinn-
grafische Zäsur, die die Grundlage für suchen muss, erzählen ihre Version der meiner Stelle zu haben. Ich gebe meine bildlichung dessen ist: Es war in den
deine folgende Emanzipation von der »Ich bin Schauspieler Geschichte. Wenn sie sie erzählen, ist Geschichte jetzt jemand anderem, ich 1990ern, als Jean-Luc Godard einen
Welt deiner Familie legt. Welche Be- es nicht mehr meine Geschichte – sie schreibe sie auf und gebe sie weg. Preis bei der Césars-Zeremonie gewann.
deutung hat das Theater für dich? seit ich drei bin.« erzählen sie mit ihrem Vokabular, in Er wurde auf die Bühne gerufen und
ihrer spezifischen Weise zu denken und Ein sehr unerwarteter Aspekt in deinem bekam den César. Er sollte eine Rede
ÉDOUARD LOUIS: Als schwuler Ju- ständig vorgeben, jemand zu sein, der Hat das Theater noch heu- zu sprechen. Als die Polizei den Bericht Werk scheint mir der, wo du erzählst, halten. Und Jean-Luc Godard dankte
IM HERZEN DER GEWALT
gendlicher suchte ich verzweifelt nach ich nicht war. Ich versuchte, maskuliner te eine Bedeutung für dich? meiner Aussage ausdruckte, erkannte dass dein Vater einst auch überlegte, nicht etwa seiner Mutter und seinem
einem Ort, wo ich mich wertgeschätzt, zu wirken als ich bin, ich musste so tun, ich gar nicht wieder, was ich vorher mit seinem Umfeld zu brechen und Drehbuchautor, sondern er dankte den
geliebt fühlen konnte. In der Schule als ob ich Mädchen liebte. Ich denke, Ja, ich gehe sehr gerne und oft ins gesagt hatte. Ihre Sichtweisen und ihre in Südfrankreich ein neues Leben zu Putzfrauen. Als er das sagte, lachte das
hatte ich kaum Freunde. Meine Eltern das ist ein ziemlich übliches Muster bei Theater. Ich fühle mich dort noch im- Sprache verzerrten meine Geschichte: beginnen. Warum hast du die Pas- Publikum, als ob das ein Witz wäre.
schämten sich für mich, mein Vater hat Homosexuellen. Unmittelbar nach der mer sehr wohl. Wenn ich mit Theater- Ich konnte ihre rassistische Behörden- sage für dein Buch ausgewählt? Jean-Luc Godard macht ein Statement:
jedes Mal, wenn ich mit ihm sprechen Geburt lernst du, eine Rolle zu spielen. menschen zusammen bin, gibt mir das sprache nicht akzeptieren. Ich wollte Wenn du Kino machst, wenn du Kunst
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wollte, nur auf den Boden geschaut, Ich bin insofern Schauspieler, seit ich ein Gefühl der Sicherheit, das ich so ja eigentlich zunächst keine Anzeige Weil es so gewesen ist. Ich versuche machst, dann gibt es Leute, die hinter
weil er mich weibisch fand. Meine drei bin. Als Kind hatte ich 24 Stunden nirgendwo sonst empfinde. Nicht in erstatten, erst meine Freunde dräng- einfach, wahrheitsgemäß zu bleiben. dir herräumen, die die Toiletten putzen,
Familie sah mich als Schande an. Es gab am Tag Schauspielunterricht. Deswegen bürgerlichen Kreisen, auch nicht in der ten mich dazu. Das ist ein zentraler Ich glaube, dass autobiografisches wenn du gegangen bist. Es gibt ein
für mich keinen Ort, an dem ich der war das fast eine magische Verbindung Literaturszene. Auf der anderen Seite Aspekt in meinem Roman. Ich wollte Schreiben eine besondere Stärke hat, paar brutale Bedingungen, die Kunst
12 13ermöglichen. Wenn man das den Leuten das macht ihn gewalttätig. Natürlich heit zu verbergen. Ich war ein Produkt sich zu einer Geschichte. Was ist denn
sagt, lachen sie, als ob das Lachen eine entschuldigt das nicht, was er tat. der Scham. Für ihn muss es in gewisser Geschichte anderes als die Ansamm-
physische Strategie wäre, um das Ge- Hinsicht gewalttätig gewesen sein, lung dieser Fragmente von Gewalt
sagte zu verdrängen. Es ist, als drehtest Du sprachst von einer Geschichte mich zu sehen, weil ich so bourgeois und Scham? Vielleicht schämt sich der
du den Kopf weg, wenn du auf der Frankreichs als einer Gesell- aussah. Ich bin ein Sozialaufsteiger, ein Typ, weil er schwul ist. Er will Sex mit
Straße einem Obdachlosen begegnest. schaft der Scham. Class-Traveller wie Didier Eribon, und einem Mann, aber hasst Homosexuali-
Es gibt so viele körperliche Strategien, erinnere mich, wie es für mich als Kind tät. Er hasst seine eigene Begierde.
die wir ausgebildet haben, um sich Als ich nach Paris zog, und »Im Herzen aus der Arbeiterklasse war, eine privile- Wenn wir die Gewalt beenden wollen,
nicht damit zu beschäftigen, was vor der Gewalt« spielt genau dann, als gierte Person zu sehen. Ich habe das als müssen wir alle diese Felder der Gewalt
sich geht. Darum schreibe ich. Als ich ich gerade in Paris eingetroffen war, gewalttätig empfunden, weil ich dachte: auflösen. Das mag unmöglich sein,
»Im Herzen der Gewalt« geschrieben schämte ich mich zutiefst für mei- Diese Person hat Privilegien, die ich aber dieser Unmöglichkeit muss man
habe, war meine Frage: Wie kann ich sich stellen, weil es der einzige Weg
die Leute dazu bringen, nicht den Blick
abzuwenden? Darum geht es für mich
»Mir ist es wichtig, immer wieder ist, die Gesellschaft zu verbessern.
beim autobiografischen Schreiben. Das
emanzipatorische Moment des Schrei-
daran zu erinnern, dass Politik eine Was bedeutet das für unser
Bildungssystem?
bens ist für mich die Unterbrechung Sache von Leben und Tod ist.«
der Freiheit des anderen. Es ist ein Weg Kinder aus der Arbeiterklasse werden
zu sagen: Schau hin! Du solltest jetzt ne Kindheit und meine Familie. Ich nicht habe. Ich fand das demütigend. vom Bildungssystem ausgeschlossen.
hinschauen. Du lässt jetzt deine Frei- versuchte, meine Vergangenheit zu Und plötzlich war ich diese dominante Pierre Bourdieu sprach von einem
heit für eine Stunde beiseite und hörst idealisieren. Ich versuchte, bourgeois Person geworden, obwohl ich sie nur Paradox des Schulsystems: Dort durch die Opposition von Weiblich- engagierst du dich sehr stark politisch,
mir zu. Weil das wichtig ist. Deswegen auszusehen, ich trug eine Krawatte, performte. Das soll nicht entschuldigen, werden Fähigkeiten von dir erwartet, keit und Männlichkeit bestimmt. Als insbesondere gegen Polizeigewalt.
nenne ich meine Bücher ›Konfrontative ich war 18 Jahre alt und wann immer was in dieser Nacht passierte. Aber all die du nicht alleine aus dem Schul- Mann aus der Arbeiterklasse sitzt Kannst du über diese Arbeit berichten?
Literatur‹. Ich will, dass Bücher Leute ich zum Bäcker ging, trug ich eine diese Dinge sind Fragmente der Scham, system erwerben kannst. Man er- du nicht mit überschlagenen Beinen
zur Konfrontation mit dem Gesagten Krawatte. Alles, um meine Vergangen- Fragmente der Gewalt, und sie fügen wartet Wissen über Filme oder über wie so ein Bourgeois! Du isst große Mir ist es wichtig, immer wieder daran
bringen. Schau hin, schau nicht weg. Theater – was passiert aber, wenn Portionen, nicht wie die bourgouisen zu erinnern, dass Politik eine Sache von
deine Eltern nicht mit dir ins Theater Pussys in den Großstädten. Klassen- Leben und Tod ist. Jeden Monat wird in
Im Original heißt dein Roman gehen? Wir müssen aber auch über identität war immer Gender-Identität. Frankreich eine schwarze oder arabi-
»Histoire de la Violence« … Geschichte sche Person von der Polizei getötet – in
der Gewalt. Welche Bedeutung
hat der Begriff der ›Geschich-
»Mir ist es lieber, wenn Pierre den USA sind es Dutzende. Schwarz zu
sein bedeutet, dem Risiko ausgesetzt
te‹ in diesem Zusammenhang? Bourdieu über Frauen spricht, zu sein, dass du von der Polizei getötet
wirst. Eine Frau zu sein bedeutet, dass
Die Gewalt, die in »Im Herzen der als wenn Margaret Thatcher über du dem Risiko ausgesetzt bist, Opfer
Gewalt« vorkommt, ist das Ergebnis männlicher Gewalt zu werden. Eine
verschiedener Geschichten, die diese Frauen spricht.« LGBT-Person hat zum Beispiel eine viel
Gewalt hervorbringen. Es war mir wich- höhere Wahrscheinlichkeit, Opfer eines
tig, nicht nur die Nacht zu beschreiben, unser Bild von Männlichkeit nach- Stelle ich die Identität der Arbeiter- Gewaltverbrechens zu werden oder
in der er versuchte, mich umzubringen. denken. In meiner Kindheit galt man klasse infrage, muss ich deren Bild als Kind Selbstmord zu begehen. In
Sondern auch zu verstehen, was seine doch nur als ›richtiger Mann‹, wenn von Männlichkeit infrage stellen. Frankreich hat ein Fabrikarbeiter eine
Vorgeschichte ist und warum er das man sich gegen das Schulsystem stellte. um 50 Prozent erhöhte Wahrschein-
getan hat. Und dann gehe ich noch Es war eine Performance der Männ- Ein sehr wirkmächtiger Gedanke war lichkeit, vor dem 55. Lebensjahr zu
zurück in meine eigene Vergangenheit, lichkeit, wenn man den Lehrern nicht in den letzten Jahren auch Byun-Chul sterben. Es ist absurd, dass die Men-
um zu zeigen, dass diese Gewaltszene gehorchte, sie provozierte. Das sind Hans These, dass wir in einer ›Mü- schen in der Politik leugnen, worum es
das Resultat verschiedener Geschichten ja auch ›Geschichten‹, mit denen man digkeitsgesellschaft‹ leben, in der es eigentlich geht. Es geht in der Politik
oder Vergangenheiten ist, die mitein- als Kind umgehen muss: die Narrative ein ›Zuviel an Positivität‹ gäbe und nicht nur um Fragen oder Entschei-
ander in Konflikt geraten. Es ist auch der Männlichkeit, des Schulsystems. in der viele Menschen von einem dungen: Es geht um Leben und Tod.
eine Untersuchung der französischen vermeintlichen Übermaß an Frei- Mir geht es darum, Gewalt auf allen
Geschichte als der einer rassistischen Mir scheint allerdings, dass die Nar- heit in der Gestaltung ihrer eige- Ebenen zu kritisieren: sexuelle Ge-
Gesellschaft, einer Klassengesellschaft, rative im Hinblick darauf, wie Gender nen Biografien überfordert seien. walt, staatliche Gewalt, Polizeigewalt!
einer Gesellschaft voller Scham, in der performt werden müssen, in letzter Zeit
sich Menschen ihrer selbst schämen. Es an Dominanz verlieren. Gleichzeitig Für mich ist das schon eine ziemlich Was sind deine nächsten Pläne?
ist nicht nur eine Begegnung zwischen wird, beeinflusst durch Didier Eribon, bourgeoise Theorie. Die kleine Angst
zwei Individuen, sondern es geht um aber auch durch deine Texte, vermehrt der Bourgeoisie: Soll ich Schauspie- Ich arbeite an einem neuen Roman.
die Kollision vieler Fragmente von wieder über Klassenzugehörigkeiten ler werden oder lieber Journalist? Aber es fällt mir sehr schwer. Jeden
Geschichten, Erzählungen, Vergangen- nachgedacht. In welcher Wechsel- Soll ich auf Weltreise gehen oder erst Abend sage ich mir: Ich werde nie
heiten, die dann explodieren. Der Typ wirkung siehst du Gender und Class? mal studieren? Die Menschen in dem wieder schreiben. Und dann geht es
hat kein Geld, also klaut er von mir. Milieu meiner Bücher haben keine am nächsten Morgen von vorne los.
Genauso wie ich geklaut habe, als ich Es ist wichtig, dass wir nicht einfach Wahl in ihrem Leben. Und auch was Das ist dasselbe Lied seit Jahren.
ein Kind war. Ich klaute eine Playsta- sagen: Jetzt müssen wir wieder über Gender angeht, zeigt doch die Be-
IM HERZEN DER GEWALT
tion und solche Sachen, weil ich kein Klassen sprechen. Wir müssen ganz wegung des Feminismus, dass die Vielen Dank für das Gespräch!
Geld hatte, aber ausgehen wollte. Er neu darüber nachdenken, wie wir Rolle der Männlichkeit und die Gewalt
macht das gleiche, was ich als Kind ge- Klassen definieren. Wenn wir dafür dieser Rollenerwartungen nach wie vor
macht habe. Damit haben wir ein erstes eine neue Sprache entwickeln, muss sehr stark ist – selbst in privilegier-
Verständnis der Klassenproblematik. ›Männlichkeit‹ im Zentrum stehen. In ten Milieus wie dem Journalismus,
Weil er eine Person of Color ist, weiß meinen Büchern ist die Analyse der dem Verlagswesen oder dem Film. Ich
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er, dass er dafür teuer bezahlen wird, Klassengesellschaft immer mit der glaube nicht, dass Regeln oder Rollen-
wenn die Polizei ihn kriegt. Er wird viel Frage nach Gender verbunden. In dem erwartungen verschwunden sind.
schärfer bestraft werden, als wenn er Arbeiterklasse-Milieu meiner Kindheit
weiß wäre. Darum gerät er in Panik, war jedes einzelne Verhaltensmuster Neben deiner literarischen Arbeit
14 15Christoph Laimer
CLARA LIEPSCH
Stadt, Land, Krise?
Das Verhältnis zwischen Stadt und zitiert eine Studie, die besagt, dass die würden das solidarisch und gemeinsam
Land ist in den letzten Jahren wieder Zahl der Menschen zwischen 25 und mit den Bewohner*innen der Banlieues
verstärkt in den Fokus der Aufmerk- 34, die übersiedeln, um einen neuen machen.
samkeit gerückt, ob durch Wahlergeb- Beruf zu beginnen oder zu finden, heu- In Österreich ist die Geografie des
nisse, Statistiken über Landflucht oder te im Vergleich zu den 1990ern um 40 Wahlverhaltens überraschend bestän-
Protestbewegungen. So klar viele der Prozent gesunken ist. Grund dafür sind dig; nur wenige Ereignisse haben in
Phänomene bei oberflächlicher Be- auch hier die hohen Lebenshaltungs- den letzten Jahrzehnten grundlegende
trachtung scheinen, so unscharf werden kosten in den urbanen Zentren, im Änderungen verursacht. Soziale und
sie bei näherer Beschäftigung. In den Speziellen natürlich die hohen Mieten, ökonomische Verhältnisse spiegeln sich
USA haben die Tea-Party-Bewegung die sich immer weniger Menschen im Wahlverhalten oft noch wider, selbst
oder die Wahl Donald Trumps dazu ge- leisten können. wenn sie in der Realität nur mehr in
führt, dass sich Wissenschaftler*innen Im deutschsprachigen Raum ist die Si- Spuren zu erkennen sind. In Österreich
und Autor*innen vermehrt die Frage tuation noch anders; die Bevölkerungs- hat das in besonderem Maße damit
gestellt haben, was mit diesen Men- zahlen von Städten nehmen, wenn auch zu tun, dass sich die Veränderung der
schen in den Flyover-Staaten eigent- nicht mehr so stark wie noch vor ein Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten
lich los ist, dass die auf einmal Stunk paar Jahren, nach wie vor zu. Steigen in der Struktur der Wahlberechtigten
machen und populistische Maniacs die Mieten in Städten jedoch in Zu- nicht repräsentativ darstellt. Öster-
in höchste Ämter wählen. Man muss kunft ungebremst weiter, ist eine Ent- reichs aktuelle Arbeiterklasse ist zu
jedoch nicht lange suchen, um dann wicklung wie im angloamerikanischen einem nicht unerheblichen Teil schlicht
auf etliche nachvollziehbare Gründe zu Raum vor allem in jenen Metropolen und einfach nicht wahlberechtigt.
stoßen, die berechtigterweise Anlass vorstellbar, die keine Gegenmaßnahmen Ein Szenario, das in vielen Weltge-
dazu geben, unzufrieden zu sein: Die setzen. genden schon heute Realität ist und
baulichen Infrastrukturen in den USA Reaktionen auf diese ökonomischen so aussieht, dass sich einem erheb-
sind in den letzten Jahren sträflich Entwicklungen zeigen sich nicht nur lichen Teil der Landbevölkerung keine
vernachlässigt worden, für finanziell an der Wahlurne, sondern auch auf Perspektive mehr bietet und sich ein
ausgehungerte Kleinstädte und Land- der Straße. Die öffentlichkeitswirk- angenehmes Leben in der Stadt nur
striche im Nirgendwo interessiert sich samste Bewegung, die auch auf den mehr Reiche leisten können, ist auch
kein Mensch, das Wort Overtourism Straßen der Städte den Frust der in unseren Breiten nicht mehr unvor-
kennt hier niemand. Die Einkommen Landbevölkerung demonstrierte, gab stellbar. An anderen politischen und
vor allem der unteren Mittelschicht es in Frankreich mit den Gelbwesten. ökonomischen Verhältnissen, die auf
sind seit den 1990er-Jahren gesunken, Gerade diese hohe Bekanntheit scheint Kooperation statt auf Konkurrenz set-
ebenso die Lebenserwartung, besonders es jedoch schwer zu machen, einen zen, führt kein Weg vorbei, wollen wir
in der Arbeiterklasse. Gut bezahlte Jobs sowohl unvoreingenommenen als auch auch künftig in einer demokratischen
verschwinden, Alkoholismus, Drogen- kenntnisreichen Blick auf das Phäno- Gesellschaft freier Individuen leben.
konsum, Selbstmorde und psychische men zu werfen. Viele Beobachter*innen
Krankheiten nehmen zu. Wie Angus scheitern daran, sich nicht von einzel-
Deaton, Nobelpreisträger 2015 für nen Aspekten ablenken zu lassen.
Ökonomie, behauptet, passiert mit der Wie im Fall von den USA und Groß-
weißen Arbeiterklasse in den USA heu- britannien stimmt es auch bei der
te das, was mit der schwarzen Arbei- Situation in Frankreich, von einer Folge
terklasse schon in den 1970er-Jahren der Disparität von Stadt und Land
geschah. Sie wird nicht mehr gebraucht. zu sprechen, und gleichzeitig stimmt
Eine in den letzten Wochen in den es auch wieder nicht. Denn wie die
US-Medien diskutierte Studie der Berliner Stadtgeografin Ilse Helbrecht
beiden Politikwissenschaftler Peter ganz richtig feststellt, »die komplexen
Ganong und Daniel Shoag weist nach, gesellschaftlichen Konstruktionsprozes-
dass eine der klassischen ökonomischen se von Räumen verbieten es, räum-
Aufstiegsmöglichkeiten für die länd- liche Grenzen als scharfe Grenzen für
liche beziehungsweise kleinstädtische unterschiedliche soziale Verhältnisse zu
Arbeiterklasse, nämlich der Umzug in vermuten«. Viele ländliche Regionen in Christoph Laimer ist Chefredakteur
eine größere Stadt, aufgrund sinkender Frankreich und anderswo wurden und von »dérive« – Zeitschrift für Stadt-
forschung, Teil der IG Nordbahnhalle,
Löhne und steigender Lebenshaltungs- werden vernachlässigt, was zur Folge
die sich für den Erhalt der Nordbahn-
kosten in den Städten keinen Sinn hat, dass sich Menschen ihr Leben halle im zweiten Bezirk engagiert
mehr ergibt. Das Ergebnis: In den USA trotz Vollzeitarbeit kaum mehr leisten und Mitglied von Bikes and Rails,
verzeichnen fast alle großen Städte können, aber das Gleiche trifft auf viele dem ersten Neubau-Hausprojekt in
Bevölkerungsrückgänge. Die Lebens- Bewohner*innen städtischer Banlieues Wien, das sich den Prinzipien des
haltungskosten sind für Menschen in oft noch viel größerem Ausmaß zu. Mietshäuser-Syndikats verschrieben
ohne Uniabschluss im Vergleich zu den Den Gelbwesten deswegen das Recht hat. Die aktuelle Ausgabe von déri-
Verdienstmöglichkeiten mittlerweile zu verwehren, für bessere Lebensver- ve widmet sich dem Thema »Stadt
Land«. Informationen: derive.at,
einfach zu hoch. hältnisse auf die Straße zu gehen, ist
urbanize.at, ig-nordbahnhalle.org,
Ganz ähnlich sind die aktuellen Ent- absurd; toll und politisch unglaub- bikesandrails.org.
wicklungen in England. Der Guardian lich interessant wäre es natürlich, sie
16 17Antonia Hoerschelmann
WIEDERAUFNAHMEN
Maria Lassnig »Ich bin die Frau Picasso,
fange Bilder mit dem Lasso…«
»Man malt, wie man ist«, stellte Maria alt zu sein, und schuf nicht nur zu des ihres damaligen Freundes zu einem
Lassnig (1919 - 2014) einmal fest, »ist diesem Thema ein kraftvolles und ein- Kärntner Kunstskandal, der ihr aber
man raffiniert, malt man raffiniert. Ist zigartiges, innovatives Alterswerk. Erst letztlich öffentliche Aufmerksamkeit
man einfach, malt man einfach.« Dem gegen Ende ihres langen Lebens, als sie und teils aber auch wichtige Anerken-
Reichtum ihres künstlerischen Œuvres schon langsam müde wurde, begann nung brachte. Und auch die »Schlafen-
entsprach ihre faszinierende Persön- sich jener Erfolg einzustellen, nach dem den Männer« von 2006 stehen in dieser
lichkeit. Ihr Wesen war einem prall sie sich so lange gesehnt hatte, fast zu Tradition. Friesartig schichten sich vier
befüllten Kaleidoskop mit sich anschei- spät, um ihn noch zu erleben und vor Männerakte in- und übereinander auf
»Jeder Satz ein Angriff. Crimps Kammerspiel als launiges Aktionismus-Spektakel.« nend endlos erneuernden Variations- allem genießen zu können. Der Goldene einer schmalen Bühne am hellen Boden.
WIENER ZEITUNG möglichkeiten vergleichbar. Ihre künst- Löwe der Biennale von Venedig 2013 Der fünfte sitzt schräg mit dem Rücken
lerische Kreativität umfasste Denken, und die Ausstellung im PS1 in New zum Publikum und liest, in ein Buch
Fühlen und Gestaltung. Lassnig lebte York mit einer ausführlichen Bespre- vertieft. Sein heller Schatten fällt auf
im steten Widerspruch; der Titel »Ja ja chung in der New York Times im Jahr den unteren Teil der weißen Wand. Das
aber sowieso nein« auf einer Zeichnung darauf brachten ihr aber doch einen gleißende Licht einer grellen Beleuch-
aus dem Jahr 2012 verdeutlicht dieses Hauch jener ersehnten Genugtuung und tung erzeugt auf den Körpern scharfe
sich aus Gegensätzen und Widersprü- auch das Wissen, dass ihre Kunst nun Kontraste in leuchtenden Farben. Der
chen zusammensetzende Universum der endgültig auf dem Weg war, auch inter- Schein von Entspanntheit und medita-
Künstlerin. Ihre Neugierde und Wiss- nationale Anerkennung zu erlangen. tiver Kontemplation wird am schmalen
»Statt Realismus und Psychologisierung setzt Schweigen mit seiner turbulenten Show
begierde öffneten ihr die Möglichkeit, Innerhalb der Fülle an Themen, denen und steilen Bühnengrat aggressiv be-
auf drastischen Humor, harte Bandagen, subkutanen Horror und viel absurdes Theater.«
zu einem völlig neuartigen künstleri- sich Maria Lassnig zeitlebens widme- leuchtet. Die Ruhe droht – labil gewor-
KURIER
schen Weg aufzubrechen, mit dem sie te – Selbstporträt, Science-Fiction, den – zu kippen, so wie es Lassnigs
einen bedeutenden und eigenständigen die Beziehungen zu Menschen, Tieren Beziehungen taten. »Schlafende Män-
Beitrag innerhalb der internationalen und Technik, das Verhältnis zu Gewalt ner« stehen starken und unkonventio-
Kunst nach 1945 leistete. Mut und und Krieg – dominiert ihr bahnbre- nellen Frauen gegenüber; bis ins hohe
Fleiß wie auch Zweifel und Einsamkeit chender Grundgedanke, die eigenen Alter bleibt die Kreativität der Künst-
waren ihre steten Begleiter. Sie war Körperempfindungen, später als ›body lerin ungebrochen, und es entsteht
humorvoll und geistreich und zugleich awareness‹ bezeichnet, in den Arbei- eine Vielzahl neuer Bildfindungen und
misstrauisch, nachtragend, verletzlich ten sichtbar zu machen. Bereits ab Themen. Sie wollte als Maler und nicht
von Martin Crimp Was kann es Brenzligeres geben als das spontane Treffen zweier und verletzend. In den späten Jahren Ende der 1940er-Jahre machte Lassnig als Malerin im Sinne einer feministi-
Deutsch von Ulrike Syha Paare? Zwischen absurder Komödie und psychologischem Kam- wollte sie ihre Bilder gar nicht mehr den eigenen Körper zum Mittelpunkt schen ›Schublade‹ anerkannt werden.
ÖSTERREICHISCHE merspiel entwickelt Martin Crimp einen Horrortrip mit unklarem aus der Hand geben; sie waren ihr ihrer Kunst, lange bevor Körpergefühl, Sie wollte mit Rembrandt, van Gogh
ERSTAUFFÜHRUNG Ausgang. In einem nächtlichen Wortgefecht kämpfen seine Figuren die liebsten Begleiter geworden, zum Körpersprache und das Verhältnis von und Picasso auf derselben Ebene gese-
mit aller Härte um ihre Position in den Machtkonstellationen der Familienersatz – hatte sie sich doch der Mann und Frau zentrale Themen der hen werden und geschätzt sein. Heute
Regie Tomas Schweigen Generationen, der Geschlechter, der beruflich Arrivierten und der Kunst zuliebe, wie sie mehrfach be- internationalen Avantgarde wurden. ist ihr die internationale Wertschätzung
Bühne Giovanna Bolliger Aufsteiger. Martin Crimp lässt sich zum einen von Maria Lassnigs tonte, gegen Familie und Partnerschaft Sie markiert damit einen wichtigen sicher und so auch der Platz an der
Kostüme Anne Buffetrille Gemälde »Schlafende Männer« inspirieren, zum anderen vom entschieden und dasselbe von anderen, Wendepunkt in der Geschichte der Seite von Picasso.
Musik Dominik Mayr Klassiker aller Zimmerschlachten: Edward Albees »Wer hat Angst auch jüngeren Kolleg*innen und Schü- modernen Kunst, dessen Nachhall bis
Video Tim Hupfauer vor Virginia Woolf«. Virtuos spielt er mit einer Reihe von Wiener ler*innen, stets ebenso eingefordert, heute spürbar ist. Humorvoll und ernst,
Dramaturgie Tobias Schuster Referenzen aus dem Feld des Aktionismus und schafft eine rät- wenn diese das Künstler*innendasein sehnsuchtsvoll und gnadenlos bannt
selhafte Versuchsanordnung, in der es um alles geht: Liebe, Ar- ernsthaft leben wollten. die Künstlerin ihre Selbstempfindung
Mit Vera von Gunten, Alina Schaller, beit, Kunst und Leben. Sie war modisch informiert und interes- auf den Malgrund. Nicht allein was sie
Sebastian Schindegger, Anton Widauer siert; ihre öffentlichen Auftritte konn- sieht, sondern wie sie sich spürt, wird
ten eindrucksvoll inszeniert sein, das zum Bild.
belegen auch manche Fotoserien. Auf-
zufallen machte ihr in diesen Momen- Als Künstlerin und Frau hat sie sich,
ten Spaß und ermöglichte ihr gleich- ohne programmatisch eine feminis-
zeitig, sich zu verstecken. Sie wirkte tische Position zu beziehen, äußerst
beinahe schüchtern, jedenfalls sehr be- emanzipiert, selbstbewusst und auto-
MARIA 6. 9. — 1. 12. 2019 hutsam gegenüber kleinen Kindern und nom bewegt. Allein ihr Aufbruch aus
SCHLAFENDE MÄNNER
wollte diese bei einer ersten Begegnung Kärnten nach Wien zur künstlerischen
auf keinen Fall erschrecken oder ihnen Ausbildung, weiter nach Paris in den
LASSNIG
Antonia Hoerschelmann ist Kunst-
zu stürmisch nähertreten; sie liebte 60er-Jahren, dann bis zur Rückkehr historikerin und Kuratorin für Mo-
Tiere, kämpfte für die Natur und gegen nach Wien 1980 in New York lebend, derne und Zeitgenössische Kunst
den Krieg. Sie hasste leidenschaftlich macht dies deutlich. So hat sie auch an der Albertina Wien. Zahlreiche
WAYS OF BEING
30.10.-2.11.19
und mit Ausdauer. Das Alter und das Themen, die in der kunsthistorischen Ausstellungen und Publikationen,
TÄGLICH 10 BIS 18 UHR, MI & FR BIS 21 UHR so zu Edvard Munch, Anselm Kiefer,
Älterwerden thematisierte sie vorwie- Tradition mehrheitlich weiblichen
Maria Lassnig, Selbstporträt mit Stab, 1971, gend in ihren Kunstwerken und Texten, Modellen zugedacht waren, mit männ- Jim Dine, Oskar Kokoschka, Maria
Maria Lassnig Stiftung, © Maria Lassnig Stiftung
für sich selbst nahm sie in Anspruch, lichen Modellen belegt. Bereits 1946 Lassnig, Arnulf Rainer, Martha Jung-
wirth, Erwin Wurm u. a.
nie jung gewesen und somit auch nicht wurde die Präsentation eines Aktgemäl-
18 19Sie können auch lesen