Vielfalt gibb intern / Dezember 2021 Das Magazin der Berufsfachschule Bern
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«Queer – Vielfalt ist unsere Natur»
heisst die S
onderausstellung im
Naturhistorischen Museum, in der die
eindrücklichen Fotografien in diesem
Heft entstanden sind. Im Beitrag auf
Seite 18 umreissen Fabienne Deppeler
und Nathalie Jakobi den museums
pädagogischen Rahmen der Aus
stellung und schildern die Eindrücke
einer ABU-Klasse, mit der sie im Okto
ber auf «Entdeckungsreise» waren.
Die Ausstellung wurde im November
mit dem Prix Expo 2021 als beste
naturwissenschaftliche Ausstellung
ausgezeichnet. Aufgrund des
grossen Publikumsinteresses und
der Auszeichnung wird «Queer» bis
am 19. März 2023 verlängert.gibb intern / Dezember 2021 3
Editorial
Bereicherung durch Vielfalt
Sonja Morgenegg-Marti, Direktorin gibb
In dieser Ausgabe erfahren Sie, dass dies leider
nicht überall so gesehen wird. Junge Frauen, die
auf dem Bau arbeiten, müssen sich auch heute
noch stark als Fachpersonen bewähren, damit sie
nicht in erster Linie als Frauen oder gar nicht wahr-
genommen werden. Diese Erfahrung kann mit der
Zeit belastend sein und kostet Kraft.
Wie rekrutieren wir heute neue Mitarbeitende?
Stellen Sie sich vor, dass Bewerbungsdossiers ano-
nym eingereicht werden dürfen, so dass Sie weder
den Namen noch das Alter oder das Geschlecht der
Person kennen, die dahintersteckt; Sie könnten sich
nur auf die Qualifikationen abstützen. Welche Aus-
wirkungen würde das wohl haben?
Auch unsere Lernenden müssen vielfältige He
rausforderungen meistern. Was bedeutet es, wenn
für eine ganze Familie nur ein Computer zur Ver
fügung steht und drei Lernende gleichzeitig am
Liebe Leserinnen und Leser Fernunterricht teilnehmen sollten? Wie lebt es sich
Vielfalt ist mehr als ein angesagter Trend und zeigt in der Schweiz, wenn man aus einem Land flüch-
sich nicht nur in gemischten Teams. Im Unterschied ten musste und kaum deutsch sprechen kann?
steckt eines der wichtigsten Prinzipien erfolgreicher Wie läuft die Integration in eine Klasse, wenn man
Teams: Vielfalt fordert uns heraus, man muss sich stottert? Oder wie fühlt sich eine junge Frau auf
aufeinander einlassen, offen sein und respektieren, dem Weg zur Erkenntnis, dass sie sich zu Frauen
dass andere anders sind. Viele dieser Unterschiede hingezogen fühlt? Erfahren Sie mehr darüber, wie
werden uns in die Wiege gelegt. Alles, was uns sich diese unterschiedlichen Voraussetzungen auf
einzigartig macht, gehört zu dieser Definition von die Persönlichkeit und den Bildungserfolg unserer
Vielfalt. Eingliederung bedeutet, diese unterschied- Lernenden auswirken.
lichen Kräfte und Ressourcen nutzbar zu machen, Es ist so, wie eine unserer Gastautorinnen
im Sinne einer Bereicherung durch Vielfalt. schreibt: Vielfalt klingt nett, in der Realität ist es
Für das Zusammenleben und -arbeiten in Ge- aber anstrengend, mit ihr umzugehen. Bestehendes
meinschaften reicht es nicht, über Unterschiede wird in Frage gestellt, ein Perspektivenwechsel
hinwegzusehen. Im Gegenteil: Eine für Vielfalt offe- gefordert. Die Autorin zeigt zugleich auf, dass sich
ne Unternehmenskultur ist ein wichtiger Treiber für diese Anstrengung für uns als Individuum und als
Innovation und erfolgreiche Zusammenarbeit. Ge- Gesellschaft lohnt und uns weiterbringt.
mischte Teams erzielen bessere Ergebnisse. Auch Die gibb will ein Umfeld bieten, das von Engage-
angesichts der demografischen Entwicklung ist ment, Respekt und Verbundenheit geprägt ist – wo
Vielfalt entscheidend. Mit einer diversen und inklu- der Reichtum an Ideen, Lebensumständen und
siven Kultur meistern wir anstehende Herausforde- Perspektiven genutzt wird, um beruflichen und ge-
rungen und fördern die Chancengleichheit aller. sellschaftlichen Wert für alle zu schaffen.4 gibb intern / Dezember 2021
Inhalt
Gut zu wissen Impressum
gibb intern
5 Lernendenmanagementsystem (LEMA)
Magazin der Berufsfachschule Bern
Hans Hofer
5 Neue Personalassistentin Herausgeberin
Lara Krattinger gibb Berufsfachschule Bern
6 Neuer Hausdienstleister Campus Lorrainestrasse 1
Carol Calmes Postfach 248
6 Digitale Transformation im Kanton 3000 Bern 22
Pascal Willfratt Telefon 031 335 91 11
6 Ressort Nachhaltigkeit Fax 031 335 91 60
Eduard Wyss direktion@gibb.ch
Redaktionsteam
Vielfalt Sonja Morgenegg-Marti
Hans Hofer
9 Das Grosse im Kleinen Sabine Beyeler
Nicola von Greyerz Bernhard Roten
10 Offenes Menschenhaus Nicole Berner
Ursula Stoll
12 Bildungsbenachteiligungen und Corona Grafik und Layout
Inés Mateos www.kommapr.ch
14 Wir sind anders! – Wir sind divers! www.eigenartlayout.ch
Olivier Hirschi und Meret Bürki Umsetzung
18 Eine Anregung zum Museumsbesuch www.bueroz.ch
Nathalie Jakobi und Fabienne Deppeler
19 Die Hände, die Magie machen Fotografie
Manuela Irina Hostettler Alain Bucher, Bern
20 Mut zur Vielfalt Die Fotografien entstanden in der
Esther Gygax Sonderausstellung «Queer – Vielfalt
21 «Du kannst eh keinen Schacht öffnen!» ist unsere Natur» mit freundlicher
Interview von Franca Demarmels Genehmigung des Naturhistorischen
27 Wozu gendern? Museums. Wir bedanken uns beim
Franca Demarmels und Martin Lehmann NMBE für die Gastfreundschaft.
28 Sieben wertvolle Tools
Simon Wegmüller Monika Stock (Seite 10)
29 «Wo ist meine Heimat?» Olivier Messerli (Seite 12)
Interview von Nathalie Jakobi Simon Zeltner (Seite 19)
30 A DiM lesson learnt Lenka Reichelt (Seite 20)
Jelena Lenggenhager Christoph Sidler (Seite 14, 30)
33 «Ich bat darum, nicht verschont zu werden» Weitere Fotos wurden von
Interview von Martin Lehmann den Autorinnen und Autoren
34 «Ich habe gedacht, weil ich Frauen mag, zur Verfügung gestellt.
sei etwas schlecht mit mir» Wir danken dafür.
Interview von Nathalie Jakobi
36 «Es gibt keine schlechte Religion, Druck
sondern nur schlechte Menschen!» Ast & Fischer AG, Wabern
Meret Bürki Dezember 2021
37 Zahlen erzählen lassen
Olivier Hirschi
40 Miniaturen
Atem holen
46 Reenactment
Cornelia Burkhardtgibb intern / Dezember 2021 5
Gut zu wissen
Lernendenmanagement Das Projektteam arbeitet inten- Für mich ging es nach dem
system (LEMA) siv daran, die Bedürfnisse auf Kauffrau EFZ-Abschluss gleich
zunehmen, zu verarbeiten und ins nächste Abenteuer. Ich habe
Ein anspruchsvolles die definitive Einführung so gut mich an der gibb immer sehr
Projekt wie möglich vorzubereiten. Es wohlgefühlt und deshalb keine
wird aber – wie bei solchen Pro- Sekunde gezögert, Ja zu sagen,
Im Rahmen des Projekts Infor- jekten vielfach der Fall – für die als mir eine Stelle angeboten
matik 4.0 hat die IET ein Lernen- gibb einen Initialaufwand be wurde. In der Personaladmi
denmanagementsystem auf deuten. Wir sind überzeugt, dass nistration bin ich sowohl für die
gebaut, das wichtige Daten, die uns das Tool nach eingelaufe- Stellvertretungen als auch für
für den Unterricht gebraucht nem Betrieb entlasten und ent- einen Teil der festangestellten
werden, elektronisch und über- sprechend Freude bereiten wird. Lehrpersonen zuständig. Kein
sichtlich darstellt. Darin einge- Tag ist wie der andere und
baut ist die Absenzenerfassung Hans Hofer, Stv. Direktor genau das macht meinen Job
inkl. elektronischem Entschuldi- so abwechslungsreich.
gungsprozess. Vor zwei Jahren Neben meiner KV-Lehre habe
hat die Schulleitung entschieden, ich im Jahr 2017 bereits eine
LEMA auf die ganze gibb aus Lehre als Detailhandelsfach-
zurollen. Einzelne Abteilungen frau EFZ im Globus Westside
arbeiten bereits im Herbst (Kinderabteilung) absolviert.
semester 2021/22 in allen Klas- Nach dieser Lehrzeit hatte ich
sen mit dem Tool, andere Ab die Möglichkeit, beim Globus
teilungen sind mit Pilotklassen Westside als Detailhandelsfach-
im Sommer 2021 eingestiegen. frau meine erste Stelle anzu
Das Ziel ist, dass ab Februar treten. In diesem Jahr wurde
2022 weitere Pilotklassen dazu- mir schnell klar, dass ich mich
kommen und ab August 2022 in eine ganz andere Richtung
die ganze gibb LEMA einsetzen weiterbilden möchte. Deshalb
kann. Der angelaufene Rollout Neue Personalassistentin habe ich mich entschieden,
bringt aufgrund der heterogenen Von der Ausbildung noch eine Zweitlehre als Kauf-
Bedürfnisse in den Abteilungen frau EFZ zu starten. Heute bin
einige Herausforderungen mit
ins Berufsleben ich sehr froh, dass ich diesen
sich: Der Modulunterricht in der Schritt gegangen bin.
IET ist beispielsweise anders Im Juli 2021 habe ich die Aus Aufgrund meiner im August
organisiert als Klassen im Team- bildung zur Kauffrau EFZ erfolg- 2021 angetretenen Stelle in der
teaching in der AVK. Oder: In der reich abgeschlossen. In meiner Personaladministration habe
BMS1 hat es Lernende aus ande- dreijährigen Ausbildung zur ich die Möglichkeit, mich auf
ren Berufsfachschulen, die über Kauffrau EFZ war ich in diversen diesem Gebiet weiterzubilden.
ein eigenes Absenzensystem Abteilungen der gibb tätig. Ich Die Weiterbildung zur Personal
verfügen. Zudem ist es nicht ein- durfte Einblick in die verschiede- assistentin hat anfangs Novem-
fach, dass sich alle Lehrbetriebe nen Abteilungssekretariate, in ber gestartet. Auf die kommende
und gesetzlichen Vertretungen die Personaladministration Zeit in der Weiterbildung wie
registrieren und sich im Falle und in die Finanzbuchhaltung auch in der gibb bin ich sehr ge-
einer Absenz einloggen und die erhalten. Diese vielseitigen Ein- spannt. Ich freue mich auf neue
Lektionen entschuldigen können. blicke haben meine Lehre sehr Herausforderungen, spannende
Verbunden damit sind viele spannend und abwechslungs- Gespräche und neue Bekannt-
Anfragen in den Sekretariaten reich gemacht. schaften.
und im Informatik-Support.
Lara Krattinger, Personalassistentin6 gibb intern / Dezember 2021
pflege den Kontakt mit meiner Der Kick-off des Projekts auf
Familie und Freunden. Stufe gibb fand nach den Herbst
Meiner grossen Leidenschaft ferien statt. In diesem Schuljahr
für das Eishockey folgend, habe sind elf Innovationen, welche
ich in diesem Jahr den Kurs sich verschiedenen Aspekten
zum «J & S Eishockeyleiter» ab- des digitalen Unterrichts wid-
solviert und trainiere derzeit die men, Teil davon. Ferner trifft sich
U11-Mannschaft bei Bern 96, die kantonale Gruppe im Novem-
in der auch mein 9-jähriger Sohn ber mit den Scouts. Die digitale
spielt. Es bereitet mir Freude, Transformation geht weiter und
Wissen und Erfahrungen weiter- wir gestalten sie mit.
zugeben und aktiv zu bleiben.
Neuer Hausdienstleister Pascal Willfratt,
Campus Carol Calmes, Stv. Abteilungsleiter BMS
In Bewegung Hausdienstleiter Campus
Als gelernter Mechaniker habe
ich im Jahr 2010 entschieden, Ressort Nachhaltigkeit
mich neu zu orientieren, und Digitale Transformation Erster Ressourcen
im Kanton
bin in den Beruf des Hauswarts tag zum Thema
eingestiegen. Wenn ich jetzt die Unterrichtsinno «Foodwaste»
Leitung der Hausdienste Cam- vationen aufspüren
pus übernehme, schliesst sich Das Ressort Nachhaltigkeit der
ein Kreis: Ich habe die Weiterbil- Seit Schuljahresbeginn läuft gibb hat ein neues Angebot für
dung zum eidg. dipl. Hauswart das kantonale Projekt «Digitale unsere Lernenden konzipiert.
nämlich an der gibb absolviert. Unterrichtsinnovationen». Es Jährlich wird in der Kalender
Das Areal und die Gebäude sind hat zum Ziel, digitale Unterrichts woche neun mit sämtlichen
mir bestens bekannt. Es ist an- innovationen, welche in den Klassen der ersten Lehrjahre ein
genehm, mich wieder in dieser letzten Jahren von vielen Lehr- aktuelles Nachhaltigkeitsthema
vertrauten Umgebung bewegen personen an Schulen gemacht im Unterricht aufgegriffen.
zu dürfen, und ich freue mich wurden, aufzuspüren, sichtbar Dieser Ressourcentag wird
darauf, diese spannende neue zu machen und auszutauschen. das erste Mal 2022 für über
Herausforderung anzugehen. Eine kantonale Gruppe mit 2000 Lernende zum Thema
Meine bisherigen Berufs Vertretern aus den Gymnasien, «Foodwaste» durchgeführt. Unser
erfahrungen werden mir an der den kaufmännischen sowie den Ziel ist es, die Lernenden für
gibb nützlich sein. In den elf Berufsfachschulen baut dazu dieses Thema zu sensibilisieren
vergangenen Jahren konnte ich eine Struktur auf, die den Aus- und Lösungen aufzuzeigen.
im Schul- und Hochschulbetrieb tausch zwischen den Schulen Das Ressort bietet für diese
der PHBern, der Berner Fach- ermöglichen soll. Woche eine Ideenbroschüre für
hochschule und der Volkschule, Innerhalb der Schulen sind Lehrpersonen an, die eine Unter-
also in einem lebhaften, vielsei Innovations-Scouts dafür zu- richtseinheit entwickeln möch-
tigen und spannenden Umfeld, ständig, digitale Unterrichtsinno- ten. Auch externe Angebote
viele Erfahrungen sammeln. vationen ausfindig zu machen organisieren wir. Aktuell sind an
Auch privat schätze ich es, in und diese so aufzubereiten, verschiedenen Standorten eine
Bewegung zu sein. Meine Freizeit dass ein Austausch mit anderen Ausstellung, ein Stadtrundgang
gestalte ich sehr abwechslungs- Schulen ermöglicht wird. Ausser oder Workshops geplant.
reich, mit sportlichen Aktivitäten, dem funktionieren die Scouts
ruhigen Spaziergängen, liebe- als Verbindung zu der kantona- Eduard Wyss,
voll zubereitetem Essen, und ich len Gruppe. Ressortleiter NachhaltigkeitVielfalt gibb intern / Dezember 2021 9
Vielfalt
«Ist es nicht fast schwieriger,
die kleinen Unterschiede zu
akzeptieren, als im Grossen
iversität und Vielfalt zu leben?»
D
Szenen des Alltags
Das Grosse im Kleinen
Vor einigen Jahren, als ich noch in einem anderen ging joggen. Warum hat sich meine Laune so
Mietshaus wohnte, habe ich eine interessante Beob- schlagartig geändert, fragte ich mich, als ich durch
achtung gemacht – an mir selbst. An einem frühen den Wald lief.
Sonntagmorgen wurde ich von einem wummern-
den Bass geweckt. Die Musik kam aus irgendeiner Abstufungen der Grosszügigkeit
Nicola von Greyerz, Wohnung in meinem Haus, ich konnte sie aber nicht Wir alle reagieren auf gewisse Situationen ganz
Wissenschafts genau lokalisieren. Ich habe ihr nachgelauscht und unterschiedlich. Das hat sicher auch mit der eige-
kommunikatorin und mir das junge Pärchen in der Wohnung einen Stock nen momentanen Laune oder Befindlichkeit zu tun.
Kulturmanagerin Uni
höher vorgestellt, wie sie, eben vom Ausgang zu- Aber nicht nur. Es hat auch damit zu tun, wer an
versität Bern, Mitglied
rückgekommen, in der Küche sitzen, eine Zigarette der jeweiligen Situation beteiligt ist und in welchem
im gibb-Schulrat
rauchen und darauf warten, müde genug zu werden, Verhältnis man zu dieser Person steht. Unsere
um ins Bett zu gehen. Dieser Gedanke zauberte Grosszügigkeit kennt verschiedene Stufen, unsere
mir ein Lächeln aufs Gesicht und erinnerte mich Toleranz hat unterschiedliche Grenzen. Je nach-
daran, wie es war, als ich selber noch die Nächte dem, mit wem wir es zu tun haben, sind wir eher
durchtanzte und auf dem Heimweg bei der Bäckerei bereit, Dinge oder Verhaltensweisen zu tolerieren,
frische Gipfeli holte, um sie gemeinsam mit meiner die uns bei andern stören und verärgern.
damaligen Wohnpartnerin in unserer kleinen ge Ich kannte das Pärchen in der Wohnung über
mütlichen Küche zu verspeisen. mir. Wir unterhielten uns im Treppenhaus, gossen
Kurze Zeit später stand ich auf, um in der Küche uns gegenseitig die Blumen und tranken ab und an
ein Glas Wasser zu trinken. Da stellte ich fest, dass einen Kaffee zusammen. Den Mann neben mir
die Musik nicht aus der Wohnung oberhalb, son- kannte ich nicht. Und so konnte ich ihn einfach in
dern aus der direkt neben mir kam. Da wohnte seit die Schublade des rücksichtslosen Typen stecken,
einigen Wochen ein junger Typ, der im Treppenhaus der nach Lust und Laune seine Schuhe herumliegen
kaum grüsste und auf dem gemeinsamen Treppen- lässt und das Haus mit seiner bescheuerten Musik
absatz dauernd seine Turnschuhe so liegen liess, beschallt.
dass ich auf dem Weg zur Arbeit auch schon mal
fast darüber gestolpert wäre. Und weg war das Der englische Rasen und die Magerwiese
Lächeln. Ärger stieg in mir hoch. Ärger über diesen Uns ist allen bewusst, dass Vielfalt und Unter
rücksichtslosen Menschen, der wohl zu besoffen schiedlichkeiten das Leben bereichern. Da müssen
war, um zu merken, dass er mit seinem Gewummer wir unseren Blick nur von einem englischen Rasen
das halbe Haus weckte. An Schlaf war nicht mehr hin zu einer blütenreichen Magerwiese schweifen
zu denken. So zog ich selbst Turnschuhe an und lassen und uns darin verlieren. Oder uns an ver10 gibb intern / Dezember 2021 Vielfalt
gangene Reisen erinnern. Vielfalt ist bereichernd Im Kleinen beginnen
und schön, Unterschiedlichkeiten sind spannend Vielfalt akzeptieren beschränkt sich eben nicht
und abwechslungsreich. Wir finden es auf Reisen nur darauf, unterschiedlichen kulturellen Hinter
spannend, neue Gerüche zu entdecken und un gründen Akzeptanz entgegenzubringen, sondern
bekannte Landschaften zu erkunden. Wir lieben es, umfasst auch, unserem alltäglichen sozialen Mit
in andere Lebenswelten einzutauchen und uns un- einander, anderen Lebenssituationen und Denk
bekannten Traditionen hinzugeben. Und kaum sind weisen mit der nötigen Grosszügigkeit zu begeg-
wir wieder zu Hause, ärgern wir uns über unordent- nen. Aber gerade da suchen wir häufig dann doch
lich hingeworfene Turnschuhe. lieber das Gewohnte und Vertraute. Da sind wir viel
Erst einige Wochen später lernte ich meinen offener und aufgeschlossener, wenn wir etwas
Nachbarn zufällig in der Waschküche kennen und kennen und es unseren Vorstellungen (oder eigenen
erfuhr, dass er bei der Post Nachtschichten in einem Erinnerungen, wie bei mir) entspricht. Das gibt uns
Paketverarbeitungszentrum schob und an dem be- Sicherheit.
sagten Sonntag wohl gerade von einer solchen Ist es nicht manchmal fast schwieriger, im all
heimgekommen war. Dass das sein momentaner täglichen Zusammenleben die kleinen Unterschiede
Zwischenjob war, bis er seine Ausbildung zum So- zu akzeptieren und Toleranz zu zeigen, als im Gros
zialtherapeuten beginnen konnte, und dass diese sen Diversität und Vielfalt zu leben? Braucht es
Wohnung seine erste war und er noch nicht genau nicht grössere Kraftaufwendungen, im Kleinen
wusste, wie die Waschmaschine zu bedienen ist. weniger kleinlich als im Grossen grosszügig zu
So wurde dieser «Typ» zu einem Menschen, der in sein? Wir sollten uns immer wieder darum be
einer komplett anderen Lebenssituation steckte und mühen, im Kleinen, Alltäglichen zu beginnen, gross-
sich in dieser auch erst noch etwas zurechtfinden zügig zu sein und unserem Gegenüber – wer immer
musste. Er entschuldigte sich für den Lärm und es ist – freundlich und zuvorkommend zu begeg-
mir war es auf einmal sehr peinlich, dass ich ihm nen. Es macht unser Leben schöner und bereichert
in den ersten Minuten in der Waschküche eher den Alltag.
argwöhnisch und abweisend b egegnet war.
Die GEWA und die Integration
Offenes Menschenhaus
Jedes Individuum hat eine eigene Vorstellung von Angebote zur beruflichen Integration
der Normalität. Haben Sie schon einmal versucht, Diversität zeigt sich zum Beispiel in der sexuellen
Normalität zu beschreiben? Ist es Ihnen gelungen, und religiösen Identität. Im Deutschen wird oft der
klar und verständlich zu umfassen, was «normal» Begriff «Vielfalt» verwendet anstelle von «Diversi-
ist? Dann darf ich Ihnen gratulieren! tät». Gemeint ist die soziale Vielfalt, die sich unter
Ursula Stoll Zum Beispiel: «Ist Ihr Blutdruck normal?» Bereits
diese Frage ist eine Wissenschaft. Je nach Alter
und Geschlecht ist ganz unterschiedlich, welcher Ursula Stoll ist 1987 in Bern geboren. Sie ist
Blutdruck normal ist, und diese Frage bezieht sich Kauffrau und hat einen Bachelor of Science
einzig auf zwei Aspekte. Das Leben eines Menschen BFH in Sozialer Arbeit sowie einen Master of
ist jedoch viel umfassender und vielschichtiger als Advanced Studies BFH in Integrativem Ma
nur Alter und Geschlecht. nagement. Seit über zehn Jahren ist sie in der
beruflichen Integration unterwegs. Aktuell ist
sie Leiterin der Abteilung Berufliche Integration,
Bildung und Innovation in der GEWA.Vielfalt gibb intern / Dezember 2021 11
anderem in der Kultur, Gesundheit oder Krankheit, Alle sind eingebunden
familiären Lebenssituation sowie im wirtschaftli- Der GEWA ist es wichtig, dass Diversität nicht ein-
chen Status niederschlägt. zig eine Managementaufgabe ist und die Führungs-
Die GEWA ist ein sozialwirtschaftliches Unter kräfte dafür verantwortlich sind. Nein, die GEWA
nehmen, das Menschen, die psychisch besonders strebt danach, dass die gesamte Belegschaft in
he rausgefordert sind, beruflich integriert. Ihr Verantwortungsbereiche, Projekte, Strategiepro
Kernanliegen ist es, Menschen zu befähigen, ihren zesse etc. eingebunden ist. Eine aktive Beteiligung
Platz in der Arbeitswelt zu finden. Um diese Aufgabe wird angestrebt. Je nach Aufgabenstellung ist für
wahrzunehmen, bietet sie Angebote zur berufli- die Personen die Mitwirkung in verschiedenen Grup-
chen Integration und wirtschaftliche Dienstleis pen möglich. Die Bestrebungen sind klar: Vielfalt
tungen mit eigenen Betrieben in verschiedenen darf und muss Platz haben und ist wichtig.
Branchen an. Oft wird in der GEWA auch vom «Menschen-
Die GEWA ist nicht homogen ausgerichtet, son- haus» gesprochen. Dies drückt sich besonders in
dern stellt sich in vielfältiger Weise der Unter der Vision und den Werten der GEWA aus. Im Leit-
schiedlichkeit. Beispielsweise setzt sich ein Team bild der GEWA steht: «Jeder Mensch ist gleichwertig
aus Fach- und Führungskräften, Menschen mit und und unabhängig von seiner Leistung wertvoll. Wir
ohne IV-Rente sowie Menschen in einem Eingliede- gehen mit unseren Mitmenschen so um, wie wir
rungsprogramm zusammen. Zudem sind die Teams möchten, dass sie mit uns umgehen: Wir leben
alters- und geschlechtsdurchmischt. Unterschiedli- Wertschätzung und haben eine zutrauende Haltung.
che Kulturen, Religionszugehörigkeiten, Bildungs- Damit schaffen wir die Voraussetzung, um Selbst-
hintergründe etc. zeichnen die Teams aus. Ein wirksamkeit aufzubauen, Talente zu entdecken, ge-
gemeinsames Ziel und ein gemeinsamer Kunden- zielt zu fördern und zur Entfaltung zu bringen. Dabei
auftrag stellen die Verbindung in der Gruppe her. So streben wir ein gesundes Mass an Herausforderung
vielseitig, wie die Menschen sind, so bunt sind die an. Die gesamte Belegschaft aller Funktionsstufen
Teams. Führt dies nicht zu ständigen Konflikten? sind gleichwertige Partner, die das Unternehmen
mitgestalten und auf das Erreichen der GEWA-Vision
So gestalten wir Diversität in der GEWA hinarbeiten. Wir sind mutig, stehen zu unseren
Vielfalt klingt zwar nett, aber es ist in der Realität Fehlern und lernen daraus. In unserem Alltag leben
eine Anstrengung, mit ihr umzugehen. In der Tat: Mit wir die GEWA-Werte: wertschätzend, grosszügig,
den Programmen in der beruflichen Integration ist ehrlich und zuverlässig, mutig, vertrauenswürdig,
die Gruppe durch eine hohe Fluktuation heraus kompetent, kreativ, zufrieden».
gefordert. Es ist ein ständiger Prozess, sich wö-
chentlich auf neue Gruppenkonstellationen einzu-
lassen. Mit der Unterschiedlichkeit umzugehen,
stellt daher eine tägliche Herausforderung dar. Un-
terschiede auszuhalten kann als Stress empfunden GEWA steht für «Gemeinsam Wagen»
werden. Die G EWA ist ein sozialwirtschaftliches Unter-
Dennoch bringt die Vielfalt auch viel Positives nehmen. Ihr Kernanliegen ist es, Menschen
mit sich: Die Vielseitigkeit beflügelt Entwicklung zu befähigen, ihren Platz in der Arbeitswelt zu
neu, Bestehendes wird in Frage gestellt und lässt finden. Um diese Aufgabe wahrzunehmen, bie-
eine Horizonterweiterung und einen Perspektiven- tet sie Angebote zur beruflichen Integration und
wechsel zu. Zudem ermöglicht die Vielfalt produk wirtschaftliche Dienstleistungen mit eigenen
tive Ideen, welche das Unternehmen vorwärts Betrieben in verschiedenen Branchen.
bringen. Sie versteht sich als Spezialistin im Umgang
mit Menschen, die aus psychischen Gründen
besonders herausgefordert sind.
Seit August 2020 besuchen die GEWA-
Lernenden der praktischen Ausbildung nach
INSOS den ABU-Unterricht an der gibb.12 gibb intern / Dezember 2021 Vielfalt
Am besten gelingt gelebte Vielfältigkeit, wenn Vor- Probieren Sie es aus
urteile abgebaut werden. Dazu bedarf es einer Sen- Einander auf Augenhöhe zu begegnen und Unter-
sibilisierung für das Thema und eine Offenheit zur schiede als Chance zu sehen, sind nicht einfach und
Selbstreflexion. Unterstützend sind auch Acht bleiben eine Daueraufgabe. Dennoch: Es lohnt sich,
samkeitstrainings, welche das Bewusstsein schär- sich auf das Gegenüber einzulassen und sich von
fen und einen wertschätzenden Umgang mit Di ihm inspirieren zu lassen.
versität fördern. Ein weiterer Schlüssel liegt in der Wagen Sie es, sich immer wieder neu auf die
Kommunikation. Aufeinander zuzugehen, Unter- Unterschiedlichkeit der Menschen einzulassen?
schiede anzusprechen und die Absicht, sich gegen- GEmeinsam WAgen: Als GEWA wollen wir uns der
seitig verstehen zu wollen, helfen in der Annahme Unterschiedlichkeit immer wieder stellen, voneinan-
der Vielfalt. der lernen und ein offenes Menschenhaus haben.
Schulschliessungen und Chancengleichheit
Bildungsbenachteiligungen und Corona
Zu Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020 schie- ist das schon viel. Er erzählt von einem weiteren
nen Schulschliessungen unumgänglich. Die Folgen Jugendlichen, der sich für den Unterricht einen Platz
für den Bildungserfolg von Kindern und Jugend in der Bahnhofsunterführung sucht, weil es da ei-
lichen, aber auch für das Bildungssystem selbst nen Internetzugang gibt, den er zuhause nicht hat.
waren nicht absehbar. Nun wissen wir: Es gibt Martin fühlt sich angesichts dieser Verhältnisse
Inés Mateos erhebliche Bildungslücken. Getroffen wurden die ohnmächtig.
Schwächsten. Benachteiligungen aufheben und Yolanda und Martin 2021: Fast ein Jahr später
Chancengleichheit herstellen darf gerade in der Kri- erzählen beide von Bildungslücken bei vielen Kin-
se nicht aus den Augen verloren werden. dern und Jugendlichen. Sie sagt: «Ein Junge, der
vor dem Lockdown gut unterwegs war, hinkt jetzt
Erinnerungen an 2020 masslos hinterher. Er hat zuhause niemanden, der
April 2020: Alle Schulen in der Schweiz sind seit ihn unterstützen kann. Das ist fast nicht mehr
Mitte März geschlossen: Yolanda D., Primarlehrerin aufzuholen und frustrierend.» Er meint: «Die sozia-
und Heilpädagogin in Kleinbasel, erzählt von Fami- len Verhältnisse der Familie sind ohnehin aus
lien und deren Kindern, die wochenlang nicht er- schlaggebend für den Bildungserfolg – auch vor
reichbar sind. Sie und ihre Kolleg*innen haben den Corona war das so.» Mit geschlossenen Schulen
Schüler*innen die Aufgaben nach Hause gebracht, und Fernunterricht verstärkt sich dieses Problem
um sicherzustellen, dass die Kinder mit Schulma extrem. Für die betroffenen Jugendlichen wird es
terial versorgt sind und auch «um den Kontakt zu noch mehr ein Lauf gegen die Zeit. Sie sind nur noch
halten», wie sie sagt. Es geht teilweise um Kinder, am Aufholen.
die auch ohne Corona in psychosozial herausfor-
dernden Verhältnissen aufwachsen müssen. Yolan-
da macht sich Sorgen. Inés Mateos ist freischaffende Fachexpertin,
Martin F., Berufsschullehrer in Bern, erzählt von Moderatorin und Dozentin zu gesellschaftlichen
einem lernmotivierten Jugendlichen mit Fluchtge- Themen rund um Bildungs- und Diversitäts
schichte, der sich nicht zu jeder Unterrichtsstunde fragen. Die Partizipation und Anerkennung von
einloggen kann. Er teilt den Familiencomputer mit Bürger*innen mit Migrationsgeschichte als Teil
zwei weiteren Geschwistern, die alle auch fern der Schweiz ist der Grundsatz, der ihre Arbeit
unterrichtet werden; wenn jedes der Kinder pro Tag leitet. Sie ist Gründungsmitglied des Institut
zwei Stunden im Fernunterricht dabei sein kann, Neue Schweiz (INES) und Mitglied der Eidge-
nössischen Migrationskommission (EKM).Vielfalt gibb intern / Dezember 2021 13
Es trifft schwächere Familien allen Haushalten steht ein Drucker oder unein-
Im Sommer 2020 warnte das Kinderhilfswerk geschränkter Internetzugang zur Verfügung.
UNICEF eindringlich vor einer internationalen Bil- 4. Unterstützung: Die Unterstützung durch die
dungskrise aufgrund der Schulschliessungen. In Eltern bei Schulschliessungen ist vor allem bei
der Schweiz äusserten schon im Frühjahr 2020, als jüngeren Schüler*innen absolut zentral. Wenn
rund eine Million Schüler*innen im Fernunterricht die Anleitung für den Schulunterricht durch
sassen, Lehrpersonen und Lehrbetriebe, Schullei die Lehrpersonen wegfällt und die Eltern diese
ter*innen und Bildungsexpert*innen die Befürch- Begleitung nicht wahrnehmen können, sind die
tung, die Reduktion auf Fernunterricht könnte die Kinder schnell orientierungslos. Aber auch bei
im Schweizer Bildungsbereich ohnehin existieren- älteren Schüler*innen sind die abverlangte tägli-
den Benachteiligungen verschärfen. Dabei sind che Disziplin vor dem Bildschirm und die hohe
keineswegs nur Kinder und Jugendliche aus Migra- intrinsische Motivation nicht einfach gegeben;
tionsfamilien betroffen, vielmehr trifft es alle sozio- insbesondere dann, wenn die Welt draussen still
ökonomisch schwächer gestellten Familien, ganz zu stehen scheint und nicht absehbar ist, wann
besonders jene mit tiefem Bildungsniveau. Präsenzunterricht wieder möglich wird. Wenn
Das ist nichts Neues. Auch ohne Schulschlies keine Erwachsenen in dieser unsicheren Situa
sungen und digitalisierten Fernunterricht besitzt tion geeignete Begleitung anbieten können, die
das Schweizer Bildungssystem eine beträchtliche für die Jugendlichen einen geregelten und moti-
soziale Selektivität: Je gebildeter die Eltern und je vierenden Zugang zum Fernunterricht schafft,
vermögender sie sind, desto bessere Bildungschan- verkommt der Unterricht zuhause für viele
cen haben in der Schweiz ihre Kinder. Kinder und Jugendliche zu einem erschreckend
unstrukturierten Raum. Sich darin sinnvoll
Facetten des Schulerfolges Schulstoff aneignen zu können, wird zur Un-
Aus den bisherigen Untersuchungen und Studien möglichkeit; den verpassten Schulstoff danach
lassen sich Herausforderungen für betroffene aufzuholen, birgt hohes Frustpotenzial und wird
Schüler*innen auf unterschiedlichen Ebenen fin- für viele zum Lauf gegen die Zeit.
den. Dabei spielen neben der für den Schulerfolg 5. Lesekompetenz: Die Fähigkeit, schriftliche
entscheidenden Begleitung durch die Eltern und Texte zu verstehen, wird beim Fernunterricht zur
der ausschlaggebenden Lesekompetenz auch Zeit, Grundvoraussetzung, um überhaupt Arbeits
Raum und materielle Ressourcen eine wichtige anweisungen verstehen und dem Distanzunter-
Rolle. Schauen wir uns diese Aspekte genauer an: richt folgen zu können. Lesekompetenz wird so
1. Zeit: Grundsätzlich reduziert sich die Bildungs- zur Schlüsselkompetenz für alle Fächer. Hin
zeit von Schüler*innen aus bildungsfernen und gegen können Schwierigkeiten darin zur Motiva-
sozioökonomisch schwachen Familien durch tionsbremse und im schlimmsten Fall zum Ab-
Schulschliessungen erheblich. Auf die Formel schusskriterium für Bildungsfortschritte werden.
gebracht bedeutet dies: Jede Stunde, welche Dass Eltern mit höherem Bildungsstand auch
diese Schüler*innen nicht in der Schule verbrin- mit Sprach- und Medienkompetenz ihre Kinder
gen, ist für deren Bildungsfortschritt in vielen besser unterstützen können, liegt auf der Hand,
Fällen eine verlorene Stunde. vergrössert aber gleichzeitig die Kluft für jene,
2. Raum: Nicht alle Kinder und Jugendlichen ver welche keine Unterstützung bekommen können.
fügen über ein eigenes oder geeignetes Zimmer,
das ihnen die Ruhe garantiert, die sinnvoller Gravierende Herausforderung:
Fernunterricht voraussetzt. soziale Selektivität
3. Material: Die digitale Ausstattung in den Familien Für Schüler*innen aus fremdsprachigen Familien
ist sehr unterschiedlich. Nicht alle erfüllen die kommt eine weitere gravierende Herausforderung
Anforderungen, die der Übermittlung von Lern- hinzu: Migrant*innen, welche der deutschen Spra-
inhalten und der Fernkommunikation genügen. che erst eingeschränkt mächtig sind, haben bei
So besitzen nicht alle Jugendlichen automa- Schulschliessungen noch eine zusätzliche Barriere
tisch einen eigenen Computer. Und nicht in zu bewältigen. Dass dies in vielen Fällen zu Über14 gibb intern / Dezember 2021 Vielfalt
forderung, Verzweiflung und Motivationsverlust können, weil ihre psychosoziale Situation grund
führt, wie es die grösste Langzeit-Bildungsstudie sätzlich unstabil ist …), zeigt sich dieser Bildungs
in Deutschland zeigt, ist nachvollziehbar. In der verlust deutlich.
Schweiz verhält es sich ähnlich. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass
Bildungsexpert*innen und Forscher*innen sind Schulschliessungen eine massive Wirkung auf die
sich durchgehend einig: Die Schulschliessungen Chancengleichheit unseres Bildungssystems ha-
im Jahr 2020 bewirkten Bildungslücken, die sich ben. Die soziale Selektivität – ohnehin das grosse
nur schwer schliessen lassen. Bei Schüler*innen, Hinkebein des Schweizer Bildungssystems – wird
deren Eltern die didaktisch-pädagogische Be dadurch empfindlich verstärkt. Die negativen Ef
gleitung nicht ersetzen konnten (weil sie auch im fekte auf den Bildungsverlust über alle Schulstufen
Lockdown zur systemrelevanten Arbeit gehen hinweg, aber auch auf die Übergänge in die Berufs-
mussten, weil sie selbst wenig Bildung genossen bildung drohen zuzunehmen.
haben, weil sie der deutschen Sprache nicht mäch- Anmerkung: Dieser Text ist in einer erweiterten Version
tig sind, weil sie alleinerziehend nicht neben dem in «terra cognita», Schweizer Zeitschrift zu Integration
Homeoffice auch noch Schulunterricht ersetzen und Migration, im Frühling 2021 erschienen.
Diversity Management an der gibb
Wir sind anders! – Wir sind divers!
Von diesem Motto geleitet wird seit dem Winter schätzender Umgang aller Beteiligten mit diesen
2020 im Auftrag der Direktion am Projekt «Diversity Voraussetzungen.
Management gibb» (DiM gibb) gearbeitet.
Immer öfter wird in den Medien über Diversity Wir verfolgen folgende Ziele:
Management und dessen Vorteile berichtet. Das – Das Hauptziel ist die Sensibilisierung sowohl
Diversity Management will die personelle und so der Lernenden wie auch der Mitarbeitenden für
ziale Vielfalt in einer Organisation konstruktiv nut- die einzelnen Themen der Diversität. Dadurch
zen. Viele Firmen versprechen sich davon besser wollen wir unbeabsichtigte, unbewusste Aus-
funktionierende Teams, zufriedenere Mitarbei grenzungen vermeiden und die Chancengleich-
ter:innen und nicht zuletzt mehr Umsatz. Für eine heit für alle erhöhen.
öffentliche Berufsschule sind die Vorteile des Diver- – Durch gute Beispiele soll der Begriff «Vielfalt/
sity Managements etwas anders gelagert. Wenn wir Diversity» positiv besetzt werden. Wir streben
es schaffen, alle ins «Wir» einzubinden, profitieren nicht nur Toleranz, sondern Akzeptanz und
wir als Schule von höherer Motivation und Mitver- eine wertschätzende Haltung gegenüber dem
antwortung sowohl bei den Lernenden als auch Andersartigen an.
Meret Bürki und bei den Mitarbeitenden. Dieses Zugehörigkeits – Die gibb als grösste Berufsschule der Schweiz
Olivier Hirschi, gefühl zu unserer Institution fördert die Leistungs- soll eine Vorreiterrolle im Umgang mit Diversität
Co-Projektleitung bereitschaft und auch die Gesundheit. in der Schulkultur einnehmen. Die Vielfalt soll
DiM gibb
als Ressource erlebt und genutzt werden.
Dimensionen der Diversität Um diesen ambitionierten Zielen näher zu kommen,
Unsere buntgemischte Projektgruppe mit Vertre nutzen wir ganz unterschiedliche Möglichkeiten:
ter:innen aller Abteilungen und Fachrichtungen kon- – Durch die seit August 2021 laufende Kommu
zentriert sich im Moment vor allem auf die inneren nikationsoffensive auf verschiedenen Kanälen
Dimensionen der Persönlichkeit. Diese angeborenen (www.gibb.ch > Grundbildung > Erfolgs
Aspekte können vom Individuum kaum oder gar geschichten > Diversity, Facebook, Instagram)
nicht verändert werden. Umso wichtiger ist ein wert- wird die Diversität unserer Lernenden sichtbarVielfalt gibb intern / Dezember 2021 15
Aus: Modell der «4 Layers of Diversity» nach Gardenswartz/Rowe,
L. Gardenswartz und A. Rowe: Diverse Teams at Work;
Society for Human Resource Management, 2002
gemacht. Lernende erzählen offen über sich ein möglichst breites Angebot für verschiedene
und ihre Ansichten. Ein kleiner Vorgeschmack Fächer und Niveaustufen anzubieten. Diese
ist in diesem Heft zu finden. Es lohnt sich, diese werden ab Frühjahr 2022 zur Verfügung stehen.
sehr persönlichen Interviews zu lesen! – Die Projektgruppe beantragt, das Projekt
– Zum ersten Mal wurde an der gibb eine gesamt- DiM gibb im Sommer 2022 in eine Fachstelle
heitliche Umfrage zur Vielfältigkeit bei unseren zu überführen. Damit würde der Vielfalt an der
Lernenden durchgeführt. Geplant ist eine gibb weiterhin Aufmerksamkeit beigemessen.
regelmässige Befragung mit einem jährlich Der Entscheid der Schulleitung dazu steht
wechselnden Schwerpunkt. noch aus.
– Auf Diversität ausgerichtete Weiterbildungen für In diesem Heft ist ein bunter Blumenstrauss der
unsere Mitarbeitenden werden laufend geplant bisherigen Arbeit zu finden. Eine erste Auswertung
und im Kursangebot der gibb publiziert. Die der Lernendenbefragung gibt Einblick in die Diver
Auswertung der oben genannten Umfrage weist sität. Lernende und eine Lehrperson sprechen über
auf verschiedene Anknüpfungspunkte hin. persönliche Erfahrungen und den individuellen Um-
– Zum Umgang mit der gendergerechten Sprache gang mit der Vielfalt. Thematisiert werden der Ein-
ist ein Sprachleitfaden für die gibb in Arbeit. satz von technischen Hilfsmitteln im Unterricht
– Zur Sensibilisierung der Lernenden im Unter- und ein Bericht zur Ausstellung «Queer – Vielfalt ist
richt erstellen wir verschiedene Unterrichts unsere Natur». Inputs zur gendergerechten Sprache
einheiten und Unterrichtsmaterialien zuhanden und zur Diversität in Bewerbungsverfahren schlies
der Lehrpersonen der gibb. Es ist uns wichtig, sen den Reigen an Artikeln zum Thema ab.16 gibb intern / Dezember 2021 Vielfalt
Vielfalt gibb intern / Dezember 2021 17
18 gibb intern / Dezember 2021 Vielfalt
Queer – Vielfalt ist unsere Natur
Eine Anregung zum Museumsbesuch
«Queer» wird heute als positive Bezeichnung für Tipps zum Besuch
Mitglieder der LGBTIQ+ Community verwendet. Un- Während des Museumsbesuchs sollen sich die
sere Gesellschaft ist auf den ersten Blick in zwei Lernenden möglichst frei auf ihrer Reise durch die
Geschlechter kategorisiert, und dies gilt im gesell- Ausstellung bewegen und ihr Expeditionsheft aus-
schaftlichen Kontext meistens als natürlich. Aber füllen können. Aus unserer Sicht empfiehlt es sich,
gibt es wirklich nur diese zwei Geschlechter oder einen Schwerpunkt auf die Videoporträts und auf
Identitäten in der Natur und in unserer Gesellschaft? die Hör- und Videobeiträge in der Zone «Kräfte» zu
Die Sonderausstellung «Queer – Vielfalt ist unsere setzen. Hier erfährt man neben Fakten auch Schil-
Natur» im Naturhistorischen Museum Bern, die derungen von persönlichen Schicksalen.
noch bis zum 19. März 2023 dauert, gibt einen Ein- Es bietet sich an, eine Reportage, einen Bericht
blick in die Vielfalt der Geschlechter und sexuellen zum Ausstellungsbesuch bzw. zur Thematik oder
Ausrichtungen von Tier und Mensch. auch einen Kommentar über eine umstrittene Frage
Die Ausstellung ist als Entdeckungsreise kon schreiben zu lassen. Anregungen für Aufträge kön-
zipiert. Die Besuchenden gehen mit einem Expe nen Lehrpersonen bei der Projektgruppe Diversity
ditionsheft durch vier Zonen auf ihre eigene Reise. Management auf Sharepoint herunterladen.
Nathalie Jakobi und Es spielt keine Rolle, welche Vorkenntnisse vorhan- Was sollte beachtet werden, wenn man die Aus-
Fabienne Deppeler, den sind. stellung mit einer Schulklasse besucht?
ABU-Lehrerinnen DMG, – Zertifikatspflicht: Wer sich testen lassen muss,
DiM-Projektgruppe
Relevante Ausstellung sollte das Testergebnis bereits am Vorabend
Die Reise beginnt mit einem Film, der die Besuchen- des Museumsbesuches erhalten. So kann
den auf das bevorstehende Abenteuer vorbereitet. sichergestellt werden, dass keine positiv ge
Anschliessend folgt die erste Zone «Vielfalt» mit testeten Personen den Unterricht besuchen.
einem Fokus auf die Tierwelt, die anderen drei Zo- – Drei Schulklassen können die Ausstellung
nen konzentrieren sich auf die Vielfalt der Men- gleichzeitig besuchen. Man muss ein Besuchs-
schen. In diesen vier Zonen werden verschiedene fenster auf der Internetseite des Naturhistori-
Themenbereiche zu Geschlecht, Sexualität und schen Museums buchen.
Identität behandelt und Fragen dazu aufgeworfen. – Eine Anmeldung für einen Workshop erfolgt
Die Ausstellung bietet somit viel Diskussionsstoff mindestens zehn Tage im Voraus.
für eine Nachbereitung des Besuchs. Zur Vorbereitung auf den Museumsbesuch kön-
Warum soll die Ausstellung besucht werden? nen die folgenden Unterrichtsmaterialien bearbeitet
Gemäss dem Bundesamt für Statistik sitzen in werden:
jeder Schulklasse beispielsweise ein bis zwei homo- – Was bedeutet LGBTIQ+, Material der Projekt-
oder bisexuelle Lernende. Dazu ist eine Person von gruppe Diversity Management
200 Lernenden transgender und eine von 400 Ler- – «Mein Geschlecht und ich», Material des
nenden hat eine Variation der Geschlechtsentwick- S tapferhauses in Lenzburg zur Ausstellung
lung. Trotzdem richtet sich die Gesellschaft nach Geschlecht.
den Kategorien Frau und Mann, und hetero wird – Das zur Verfügung gestellte Unterrichtsmaterial
als «normal» bezeichnet. Doch was bedeutet «nor- des Naturhistorischen Museums.
mal»? Mit dieser und anderen Fragen beschäftigen
sich die Besuchenden in der Ausstellung.Vielfalt gibb intern / Dezember 2021 19
Überraschte Lernende positiv und die Klasse empfiehlt die Ausstellung
Die bilinguale Klasse KO2020a besuchte im ABU- anderen Lernenden weiter.
Unterricht die Ausstellung, da das Unterrichts Einige Lernende waren sehr überrascht, wie offen
thema «Ehe für alle» bereits auf grosses Interesse Menschen in dieser Ausstellung über ihre sexuelle
gestossen war. Die Lernenden schauten einzelne Ausrichtung und Geschlechtsidentität sprechen. Es
Stationen an und lösten frei ausgewählte Aufgaben zeigte sich, dass heute im Sexualkundeunterricht
aus dem didaktischen Material zur Ausstellung. Die Themen rund um LGBTIQ+ immer noch, wenn über-
Rückmeldungen der Klasse zur Ausstellung waren haupt, nur am Rande angesprochen werden.
Gelebte Vielfalt: Büro und Kunst
Die Hände, die Magie machen
Und was soll das überhaupt heissen – jemand ist niert mit subtilen Details und provokativen Elemen-
«sonderbar» und «eigenartig»? Das sind doch ten. Ich liebe es, Realistisches mit Surrealistischem
bloss Synonyme für besonders und für einzigartig. zu mixen und zu vereinen. Konzepte gibt es nur
Jemand sagt dir: «Du bist anders», dann denk selten, ich mache, was mir gefällt und wonach mir
dir für dich: Anders ist nicht falsch, ist bloss ’ne grad der Sinn steht. Mit Portraitaufträgen habe
Manuela Irina Variante von richtig!» Julia Engelmann ich begonnen, meine Kunst zu verkaufen. Später
Hostettler, designte ich Buchillustrationen, Logos und Mer-
Mitarbeiterin Finanz- Ich bin Tattoo- und Fine Art-Künstlerin. Mit Blut chandise-Artikel für Schweizer Musiker. Heute habe
und Rechnungswesen
und Seele – selbsterlernt, ohne Ausbildungen im ich ein Tattoo-Studio und bemale nebenbei Leder
gibb, Tattoo- und
bildnerisch kreativen Bereich. Meine Begeisterung jacken. Rein nach dem Motto: Der Zauber liegt in
Fine Art-Künstlerin
für die Kunst begann bereits im Kindergartenalter. der Diversität und im Unterschied.
Den Bleistift trug ich schon immer durchs Leben. Mein Berufsleben startete ich mit einer Lehre
Ich habe sämtliche Bereiche der Kunst ausprobiert als Kauffrau, ich war lange im Rechnungswesen
und praktiziert: Musik, Fotografie, Modedesign, einer öffentlichen Verwaltung tätig, obwohl ich
Haarkunst. Es hat mich aber immer wieder zu mei- meine Bestimmung an einem ganz anderen Ort
nem Ursprung – dem bildnerischen Gestalten – zu- sah, die Passion Kunst begleitete mich immer dabei.
rückgeführt. Neben meiner Teilzeitanstellung an der gibb, welche
Ich liebe die Kunst in allen Facetten und mit allem, mir einen Ausgleich zur selbstständigen Tätigkeit
was sie mit sich bringt. Ich bin stets ruhelos und gibt, bin ich seit Mitte 2019 Berufstätowiererin und
entdecke mich immer wieder neu. Was ich auch in darf auf eine erfolgreiche Karriere in diesem Busi-
meinen Bildern auslebe. Die verschiedenen Roh ness blicken. Eine B ürotätigkeit und das Ausüben
medien, die ich ausprobiere und mit denen ich ar der Tattoo-Kunst scheinen komplett unterschied-
beite, sind grenzenlos, und ich bin mir sicher, dass lich, das ist es auch und es passt nicht so richtig
es noch viel zu entdecken gibt. Mit einem minima- zusammen. Das ist aber das Schöne daran und
listischen Ansatz versuche ich, den Betrachtenden macht es doch anders.
in eine Welt der Schönheit und der Wildnis zu ent- Ich bin spezialisiert auf micro-realistische Frauen
führen. Auch kleine Dinge zu beachten, welche min- portraits, die ich gerne mit surrealistischen Elemen-
destens genauso wichtig sind. Durch die Betonung ten kombiniere, vorwiegend im Black’n’Grey-Bereich.
der Ästhetik schaffe ich Arbeiten basierend auf Was mir am Tätowieren besonders gut gefällt, ist,
inspirierenden Situationen: Visionen, Gefühle, Emo- dass es sich um ein Handwerk handelt, fernab von
tionen, magische Momente, Begegnungen, Tiere, sehr modernen Computerprogrammen. Ich darf
Menschen, Weiblichkeit und Männlichkeit, kombi- meine Hände die Magie machen lassen.20 gibb intern / Dezember 2021 Vielfalt
Eines der schönsten Erlebnisse in meinem Alltag als ich jedoch immer wieder, dass schon rein das Ge
Tätowiererin ist es, die glücklichen Gesichter zu seh- fallen einer Tätowierung Bedeutung genug ist. Zu
en, meistens mit dem Satz «es isch no viu schöner viele Bedeutungen nehmen mir oft ein wenig den
aus i mir ds ha vorgsteut» verbunden, nachdem ich Rahmen zur freien Kreativität, weil Vorstellung und
die Haut meiner Kundschaft schmücken durfte. Für Realität oft nicht zu vereinen sind. Bedeutungen
diese Momente bin ich sehr dankbar. sind oft nur für die Gesellschaft und für das Aussen
Was mir in meinen Beratungen für eine Tattoo wichtig; ein Tattoo kann aber für den Menschen
sitzung immer wieder auffällt, sind die Fragen und selbst geschaffen sein.
Aussagen betreffend das Sujet und dessen Be In diesem Sinne: Lebt für euch, nicht für andere
deutung. Bedeutung ist immer etwas Schönes, und seid öfter mutig.
denn sie steht für eine Geschichte. Dann erwähne
Diversität in Bewerbungsverfahren
Mut zur Vielfalt
Am 23. September 2021 konnte man folgende sich dieser Problematik mit einem synchronisierten
SRF-News-Schlagzeile lesen: «Stadt Zürich setzt Fragenkatalog für alle Bewerbenden entgegen.
auf anonyme Bewerbungen». Als Leserin erfahre Auch der Ablauf von Bewerbungsverfahren wird ab-
ich weiter: Um Diskriminierungen zu verhindern, will geglichen, Entscheidungsfindungen werden mehr-
die Stadt Zürich einen mehrjährigen Pilotversuch perspektivisch diskutiert und reflektiert. Doch Hand
Esther Gygax, mit anonymisierten Bewerbungen starten. Perso- aufs Herz: Nicht selten geschehen Anstellungen an
Abteilungsleiterin AVK, nalverantwortliche sollen nur über die fachlichen der gibb im Kontext von Zeitdruck und dem Mangel
Projektbegleiterin Qualifikationen von Bewerberinnen und Bewerbern an verfügbaren Bewerbenden mit den erforderli-
Diversity Management
informiert werden, nicht aber über deren Namen, chen Kompetenzen auf dem Bewerbungsmarkt.
Geschlecht, Alter oder Herkunft. Und unter dem Diktat des Bauchgefühls.
Wie muss ich mir das vorstellen? Bewerbungen Man erlaube mir hier eine weitere ketzerische
ohne Bild und Personalien? Nicht einmal Alter oder These: Die soziokulturelle Monokultur in der Zu
Geschlecht sollen einsehbar sein? Wie soll damit sammensetzung des Kollegiums wird mit diesem
eine vernünftige Stellenbesetzung gelingen? Wir Vorgehen zusätzlich gehegt und gepflegt. Wir fah-
dürfen gespannt auf die Auswertung des Stadt ren damit in der Regel gut. Weshalb also sollten
zürcher Pilotversuchs sein. wir in Anstellungsverfahren den Faktor Diversität
bewusster miteinbeziehen?
«Culture eats recruiting for breakfast»
Eine ketzerische These lautet: Entscheide für Stel- Was wäre, wenn
lenbesetzungen fallen oft auf Basis des Bauchge- Stellen wir uns vor, die gibb übernimmt in zukünf
fühls beziehungsweise der Intuition – und werden tigen Rekrutierungsverfahren das Modell der ano
nachträglich rationalisiert und begründet. Bauch nymen Bewerbungen der Stadt Zürich. Lassen Sie
gefühle generieren sich aus unseren Erfahrungen. mich ein Phantasiebild eines solchen Verfahrens
Und unsere Erfahrungen stehen in direktem Zusam- entwerfen: Gesucht wird eine Lehrperson für den
menhang mit unserer kulturellen Prägung. So ein- allgemeinbildenden Unterricht im EBA-Programm
fach ist das. Und genauso kompliziert. für ein Pensum mit der Bandbreite von 75 bis 87,5%.
Der Leitfaden für Bewerbungsgespräche an der Nebst dem Studium zur Berufsschullehrperson für
gibb zeugt davon: An unserer Schule ist man sich den allgemeinbildenden Unterricht soll diese Per-
der Problematik der intuitiven Entscheidungsfin- son Erfahrung und Kompetenzen im Umgang mit
dung bei Stellenbesetzungen bewusst. Man stellt Lernenden mit besonderen Lernbedürfnissen mit-Vielfalt gibb intern / Dezember 2021 21
bringen. Zudem werden ausgeprägte Kompetenzen Für wen entscheiden Sie sich?
in der Umsetzung des digitalen und handlungs Was soll nun am anonymisierten Vorgehen besser
orientierten Unterrichtssettings erwartet. sein, als wenn der 33-jährige, aufstrebende Jung
Die Einreichung der Bewerbungsdossiers sollen lehrer mit schweizerischer Herkunft und in Kennt-
anonym geschehen, Angaben zu Namen, Alter, Ge- nis der hiesigen Kultur und Bildungslandschaft die
schlecht und Herkunft sollen erst beim Bewer- Stelle kriegen würde? Hinweis: Der Junglehrer wird
bungsgespräch ersichtlich werden. 36 Bewerbun- leider im Zürcher Modell bereits bei der ersten An-
gen gehen ein. Vier Bewerbende werden ausgewählt wendung der Selektionskriterien aussortiert, weil
und zum Gespräch eingeladen. In den Bewerbungs- er noch keine Berufserfahrung aufweisen kann.
gesprächen zeigen alle Personen das Potenzial, die
Herausforderungen der ausgeschriebenen Stelle Erfolgsfaktor Vielfalt
gut bewältigen zu können. Liebe Lesende, Sie haben Die Vielfalt in unserer Gesellschaft ist eine Tatsache.
die Wahl zwischen: Die Chancengleichheit leider nicht. Das ist nicht
– Lehrperson, weiblich, 54 Jahre, richtig und nicht gerecht. Lassen Sie uns mit der
Herkunft Bulgarien Unterschiedlichkeit der Menschen verantwortungs-
– Lehrperson, weiblich, 37 Jahre, voll umgehen. Die Vielfalt von Lernenden, Studie
Herkunft Deutschland renden und Mitarbeitenden ist für unsere Schule
– Lehrperson weiblich, 49 Jahre, ein Erfolgsfaktor, weil unterschiedliches Wissen
Herkunft Schweiz und verschiedene Erfahrungen zu vielfältigen Ideen
– Lehrperson männlich, 47 Jahre, und Lösungen führen.
Herkunft Schweiz.
Berufliche Gleichstellung
«Du kannst eh keinen Schacht öffnen!»
Interview: Wie ist es, 2021 als Frau in einem eher typischen Also handwerklich begabt im Gegensatz zu mir.
Franca Demarmels, Männerberuf tätig zu sein? Die Zeichnerinnen Wie sieht es denn bei dir aus, Lara?
Lehrerin Deutsch, BMS Lara Fuchser und Janine Zuber – im Sommer 2021 Lara Fuchser: Mein Name ist Lara Fuchser, ich gehe
haben beide die Lehre und die BMS erfolgreich mit Janine in dieselbe Klasse und mache die Aus
abgeschlossen – erzählen aus ihrem Berufsalltag. bildung zur Zeichnerin Fachrichtung Ingenieurbau
Dabei offenbaren sich Unterschiede, aber auch im vierten Lehrjahr. Ich bin 19. Nebst meinem eher
deutliche Parallelen bei den Erfahrungen der beiden speziellen Hobby, dem Töpfern, verstehen die we-
ehemaligen Schülerinnen. Denn dass sie Frauen nigsten, wie ich zu einem solchen «Männerberuf»
sind, bemerken sie oft erst auf der B
austelle. gekommen bin: Da die meisten meiner Familie im
Bau tätig sind und wir auch ein privates Bauunter-
Franca Demarmels: Beginnen wir doch mit dem nehmen führen, bin ich sozusagen im Baugeschäft
Wichtigsten zuerst: Stellt euch kurz vor, und zwar gross geworden und habe schon sehr früh eine
mit einem Fakt, den nur wenige von euch wissen. Faszination für das Gebaute entwickelt.
Janine Zuber: Ich bin Janine Zuber, bin 19 Jahre alt,
komme aus Lyss und mache eine Lehre zur Tief Du bist also Zeichnerin aus Überzeugung?
bauzeichnerin. Dazu besuche ich die technische Fuchser: So kann man es auch sagen. Dazu kommt,
BMS und bin im vierten Lehrjahr. Ich bin kreativ dass ich gerne zeichne, ich mag insbesondere
und in meiner Freizeit bastle ich sehr gerne mit technisches Zeichnen. Zunächst dachte ich: «Tief-
sämtlichen Materialien – von Papier über Holz, alles bau? Nie im Leben!» Aber nach einem Schnuppertag
ist möglich. hat es mir enorm gefallen, vor allem das genaueSie können auch lesen