Welche besonderen Bedarfe haben ältere Gefangene? Ergebnisse der "AIBA-Studie"
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Welche besonderen Bedarfe haben ältere Gefangene?
Ergebnisse der „AIBA- Studie“
Vortrag bei der Fachtagung „Altern im Strafvollzug“
Die Herausforderungen des demografischen Wandels für
den Strafvollzug und die Straffälligenhilfe
Berlin, 18.11.2016
Prof. Dr. Josefine Heusinger
Institut für Gerontologische Forschung e.V., Berlin
AIBA – Ältere Inhaftierte: Besondere Bedarfe – besondere Angebote?
2016Gliederung
• Zahlen und Fakten
• Männer im Alter
• Männer in Pflegeeinrichtungen
• Besondere Situation älterer Inhaftierter
• Hintergrund des Forschungsprojekts AIBA
• Das Projekt AIBA
• Schlussfolgerungen
2016Zahlen und Fakten
• Umstrittene Altersgrenze bei Inhaftierten: ab 62 Jahre („Seniorenknast“ Singen),
ab Ü 60 (Laubenthal 2015), ab Ü 55 (AIBA-Projekt) oder ab Ü 50 (Meyer 2016)
• Sicher ist: Forschungen belegen eine durchschnittlich 7- 10 Jahre schnellere
Alterung in Haft als draußen (Abner 2006: 9)
• Es gibt kaum belastbare Untersuchungen in der BRD, aktuell eine Erhebung
2012/13 zum Gesundheitszustand in Rheinland-Pfalz (Meyer 2016)
• Zahl älterer Inhaftierter steigt kontinuierlich: Verdoppelung Inhaftierter Ü 60
von 2005 – 2013 (2005: 1767, 2013: 2214), 2013 bundesweit 13,7 %
Inhaftierte Ü 50 (Meyer 2016: 37), Tendenz weiter steigend
2016Zahlen und Fakten: Anstieg Zahl über 60-Jähriger Menschen im
Strafvollzug
Laubenthal 2015: 133
2016Männer im Alter
• Männer haben eine geringere Lebenserwartung als Frauen, vor allem wegen
Gewalt, Unfällen, Herz- und Krebserkrankungen vor dem 65. Lebensjahr (RKI
2014: 214)
• Achten weniger auf ihre Gesundheit, eher funktionales Verhältnis zum Körper,
nehmen Angebote der Gesundheitsförderung weniger in Anspruch
• Erkenntnis der Gesundheitsförderung für Männer: Die Herausforderung liegt
in der „kontinuierlichen Überprüfung der wissenschaftlichen Evidenz und
Wirksamkeit der Angebote, in der Einbeziehung einzelner Gruppen in die
Maßnahmengestaltung und in der Berücksichtigung männerspezifischer
Präferenzen und Bedürfnisse bei der Ansprache und Organisation.“ (RKI 2014 :
219)
• Verbreitete Einstellung alt = krank = schwach
2016Zahlen und Fakten: Multimorbidität
• 55-59-Jährige Männer in Haft Prävalenz v. Mehrfacherkrankungen bei
Männern 55-69 intra-/extramural
haben wesentlich häufiger
mehrere Erkrankungen als die
draußen
• Bei Ü 60-Jährigen noch
ausgeprägter
Meyer 2016: 37
2016Männer im Alter in Pflegeeinrichtungen
• Pflegeeinrichtungen sind (bei allen Unterschieden) so wie
Justizvollzugsanstalten totale Institutionen
• Männer sind in Pflegeeinrichtungen eine Minderheit
• Männer sind sehr verschieden – Vorsicht vor Klischees!
• Typisch: eher zurückgezogen lebend, weniger interessiert an anderen, wenig
Interesse an Angeboten
Was hilft:
Anknüpfen an biografische, berufliche u. Alltags-Erfahrungen, Interessen
Möglichkeit bieten, neue Kompetenzen zu erwerben/auszubauen, andere
anzuleiten
Motivation durch Wettbewerb, Erfolgserlebnisse
Männer an der Angebotsentwicklung beteiligen
Bei Gebrechlichkeit und Demenz Wettbewerbs- und Konkurrenzsituationen
vermeiden, Dabeisein ermöglichen (Heusinger/Kammerer 2013)
2016Besondere Situation älterer Inhaftierter
• Zwangsverhältnis im Vollzug erfordert Aufgabe von Eigeninitiative
der Inhaftierten
• Alle Entscheidungen, die im Gefängnis getroffen werden, haben
(zumindest potentiell) mit Zwang zu tun.
• Auch bei Angeboten kann der Zwang in Furcht vor negativer
Prognose bestehen. Einfluss auf Entscheidung, an „Angeboten“
teilzunehmen
• Bei Entlassung und ihrer Vorbereitung ist aber Initiative gefordert.
„Wir sind ja hier im System (…) Strafvollzug, der sehr fremdbestimmt ist, d. h.
der Mensch bewegt sich nur auf Befehl- und Gehorsamsbasis. Er macht ja
nichts initiativ, vielleicht mal seinen Fernseher einschalten, Kaffee kochen, (…)
und jetzt kommt `n Mensch in eine Situation, jetzt muss ich initiativ werden,
d.h. ich muss zu meiner Behörde hingehen, die mir gewährt und genehmigt“.
(Exp4, 20-22)
2016Besondere Situation älterer Inhaftierter
• Ältere Inhaftierte gelten als sozialer, werden von jüngeren eher respektiert
und seltener viktimisiert (Görgen 2005: 123), `deeskalierende´ Funktion.
• Gefängnis ist eine „klassisch junge Umgebung“; Stress und Lärm belasten
viele Ältere.
• Ältere Inhaftierte ziehen sich oft zurück, Einsamkeitsproblematik.
• Arbeitspflicht endet, Arbeitsunfähigkeiten nehmen oft zu.
• psychisch und physische Gesundheitsprobleme, Multimorbidität
• Gesundheitsversorgung oft mangelhaft:
– keine freie Arztwahl;
– keine altersmedizinische Expertise beim Gesundheitspersonal;
– Grundversorgung besteht vor allem aus Medikamenten; kompliziertere Behandlungen
erfordern Verlegung ins Haftkrankenhaus
2016Besondere Situation älterer Inhaftierter hinsichtlich Entlasssung
• Soziale Anbindung drinnen und draußen (abhängig vom Gefangenen
und seinem Umfeld, vom Delikt sowie von Haftdauer) oft schlecht.
• Arbeit/Rente:
– Schlechte Chancen auf Integration in den Arbeitsmarkt
– arbeitende Gefangene zahlen keine Rentenbeiträge, Altersarmut droht nach
Entlassung
• doppelte Stigmatisierung als „alter Mensch“ und als „Straffälliger“
• Angesichts geringerer verbleibender Lebenszeit werden eigene große
Zukunftspläne unwahrscheinlicher, oft fehlen Anknüpfungspunkte.
• Nach langer Institutionalisierung fehlen alltagspraktische Fähigkeiten
und Kreativität.
• Im schlimmsten Fall haben sich ältere Gefangene so sehr an die Haft
gewöhnt, dass sie nicht mehr raus wollen.
„Wissen Sie, das Problem ist, wenn man längere Zeit drin ist, wird man einfach dazu erzogen,
nichts zu tun. (...) Man wird nicht mehr gefordert. Ich merke jetzt erstmal, was draußen
überhaupt los ist.“ (Entl4, 79-79)
2016Projekt AIBA
Ältere Inhaftierte: Besondere Bedarfe – besondere Angebote
Hintergrund der Untersuchung
• Zahl der älteren Inhaftierten steigt
• Angebote für ältere Inhaftierte der Berliner Stadtmission
• Förderung eines Pilot-Projekts durch das Bundesjustizministerium
• Laufzeit August - Dezember 2012
Fragestellung
• Untersuchung der Bedürfnisse älterer Inhaftierter und Haftentlassener
der JVA Berlin-Tegel insbesondere hinsichtlich des Haftalltags und der
Entlassung.
2016Projekt AIBA
Vorgehen
Methoden
• qualitativ-explorativ
Sample/Erhebung
• 18 Interviews: 11 professionelle Experten, 3 Inhaftierte, 4 Entlassene
• problemzentrierte, leitfadengestützte Experteninterviews
Auswertung
• Qualitative Inhaltsanalyse (Philipp Mayring)
Besonderheiten des Forschungssettings: Rahmenbedingungen der
Inhaftierung, Zugang über Gatekeeper
2016Projekt AIBA
JVA Tegel 2012
• Anzahl Inhaftierte 60+ Ende 2012: 51 (2004: 14)
Seit 2011 Angebote für ältere Inhaftierte:
• Sprechstunde, Computerangebot, Ergotherapieangebot
• Anbieter: Berliner Stadtmission Projekt „Drinnen und Draußen“,
Allbessa UG
2016Projekt AIBA
Die Sprechstunde für ältere Inhaftierte
• Angebot von Projekt „Drinnen und Draußen“ der Berliner Stadtmission
• 2x wöchentlich Zeit für Einzelgespräche
• Unterschiedliche Gesprächsbedarfe: Themen rund ums älter werden,
Wohnen/Alltagsbewältigung nach Entlassung, Kontaktaufbau zur Familie,
Perspektive, Reflektieren der Biografie
• Wichtig: Kontinuität und Verlässlichkeit
• Gute Haltequote
„Ich hab zwei schon ältere Inhaftierte über 70 und über 80 in der Beratung (…) bei
denen das Thema Beschäftigung mit dem früheren gesamten Leben oder im Endeffekt
schon fast Biografiearbeit so `n Bestandteil von der Beratung ist. Wir sprechen viel
über deren Jugenderinnerung. (…) Und das ist so eine Art und Weise, die ja sehr
eingeschränkten Erfahrungen in der Haft auszugleichen und sich mental im Endeffekt
zu beschäftigen, aber auch agil zu bleiben (…) womit der die hospitalisierenden
Bedingungen in der Haft ausgleicht.“ (Exp5, 49-49)
2016Projekt AIBA
Computerangebot
• Angebot von Allbessa UG
• 1x wöchentlich 2 Std.
• Hauptsächlich Grundlagen (Maus, eigene Texte, kein Internet)
• Insbesondere zurückgezogene Inhaftierte lassen sich durch Angebot
erreichen, da es praktisch orientiert ist.
• Mehr Bedarf als Plätze
„Dann bin ich hier in einer PC-Gruppe drin. Ich war damals nicht in der Lage, mit meinen
Kindern Schularbeiten zu machen. Das hat alles meine Frau gemacht. Und jetzt lern ich
selber, wenn ich da mitmache, Briefe schreiben und alles. (…) Und das macht mir richtig
Freude, ja? Das sind zwei Frauen, die das leiten, und die haben mich auch schon (…)
gelobt ohne dass ich das wusste. (…) Und weil ich mich jetzt auch bemühe und das
funktioniert langsam, ja?“ (inh1, 64-70)
2016Projekt AIBA
Ergotherapieangebot
• Gedächtnistraining, Verbesserung körperlicher Fähigkeiten etc.
• Wechselnde Auslastung/unterschiedliche Bewertung
• Problematisch: Wechsel der Anbieter, fehlende Info über Inhalte,
unterschiedliche Ausrichtung, Vergleich mit „fitteren“ Älteren
„Und die andere, die jetzt weg ist, die hat auch mit uns geistige (…) Sachen
gemacht. (…) Das war ja wunderbar, da wär ich auch weiter geblieben. Aber so
kann ich da nicht weiter hingehen, das ist zu anstrengend.“ (Inh3, 85-88)
„Wissen sie, warum die Leute da nicht hingehen? Weil, da ist 'ne junge Dame, die
macht einen auf Bewegung etc., aber die Leute können ja kaum laufen.“(Entl4,
36-36)
2016Projekt AIBA
Gefängnistheater
Gefängnistheater Aufbruch
• altersgemischt
• positive Bewertung
• Selbstwirksamkeit, Sinn, Wertschätzung, Reichweite
„Viele, viele Leute warn hier gewesen. Und das ist so ne schöne Sache, weil es mir
auch Freude gemacht hat, die Sachen von hier innen drinne nach außen zu
transportieren über die Mauern hinweg.“
2016Projekt AIBA
Was macht gute Angebote aus?
• Kontinuität und Zuverlässigkeit als Basis für eine vertrauensvolle
Beziehung zu den AnbieterInnen.
• Externe Angebote erleichtern die Vertrauensbildung, müssen aber intern
gut vernetzt sein.
• Berücksichtigung individueller Wünsche und Eingehen auf den jeweiligen
Kenntnisstand.
• Möglichkeiten, Anerkennung und Wertschätzung, das Gefühl, etwas zu
bewirken.
• Etwas Neues zu erleben, Fähigkeiten zu verwirklichen oder zu erweitern.
• Altersmischung kann auch positiv wirken.
„Das Alter lässt sich ja nun nicht (…) verleugnen, aber (…), wichtig ist das man ja noch
tätig wird und dass man irgendwas noch Sinnvolles unternimmt.“ (Inh2, 220-220)
2016Projekt AIBA
Anforderungen und nötige Rahmenbedingungen für Angebote
• Der Zugang zu Informationen und Angeboten wird von den befragten
inhaftierten Interviewpartnern als schwierig beschrieben.
• Eine stärkere Systematisierung des Informationsflusses scheint nötig.
• Es besteht ein Bedarf an einer Ausweitung der Angebote bzw. an weiteren
Angeboten für ältere Inhaftierte, die auch für Langzeitinhaftierte einen
Bezug zum Alltag draußen herstellen.
• Angebote brauchen nachhaltig gesicherte Ressourcen.
• Partizipation: Angebote gemeinsam entwickeln, damit sie den
(individuellen, wechselnden) Bedarfen entsprechen.
• Arbeit hat für viele einen großen Stellenwert.
„Und alles was (nennt Betrieb) herstellt, das wird dann von uns gemacht, dass es
vernünftig zum Kunden kommt. Ja? (…) Jetzt bin ich da schon sechs Jahre in (nennt
Arbeitsplatz) und ist schon ne schöne Sache. Macht Spaß, ja?“ (Inh3, 146-148)
2016Projekt AIBA
Entlassungsvorbereitung
• Bisherige Entlassungsvorbereitung nicht ausreichend: sollte regelhaft
alle Lebensbereiche abdecken und jenseits der Erwerbstätigkeit
Möglichkeiten für soziale Teilhabe aufzeigen (u. a. Angebote für
Senioren).
• Haftentlassung mit vielen bürokratischen Hürden verbunden, die den
Übergang in ein selbstständiges Leben nach der Entlassung
erschweren.
• Stärkere Begleitung bei der Klärung der Wohnsituation, Kooperation
mit Wohnprojekten und Pflegeeinrichtungen.
• Arbeitswünsche/-situation nach Entlassung.
2016
2016Projekt AIBA
Ausblick
• Weitere und gemeinsam entwickelte Angebote nötig!
• Konzept für altersspezifische Entlassungsvorbereitung ist erforderlich,
in das alle Beteiligten eingebunden sind und das individuell auf das
Leben im Alter draußen vorbereitet.
• Für die Arbeit während der Haftzeit sollten Rentenversicherungs-
beiträge gezahlt werden.
• Es besteht weiterer Forschungsbedarf hinsichtlich der Entwicklung
und Evaluation von entsprechenden Angeboten sowie zu den
besonderen Bedarfen und Bedürfnissen älterer Inhaftierter im
Haftalltag.
2016Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
Literatur
Abner, Carrie (2006): Graying Prisons. States Face Challenges of an Aging Inmate Population, in: state
news 11-12/2006, S. 8-11
Görgen, T., Greve, W. (2005) Alte Menschen in Haft: Der Strafvollzug vor den Herausforderungen durch
eine wenig beachtete Personengruppe, in: Bewährungshilfe – Soziales-Strafrecht-Kriminalpolitik 52 (2),
S 116-130
Heusinger, J./Kammerer , K. (2013): Literaturstudie Pflege und Gender. Abschlussbericht zum ZQP
Projekt, www.zqp.de/portfolio/studie-geschlechtsspezifische-pflege/?hilite=Gender+Pflege
Laubenthal, Klaus (2015): Strafvollzug an älteren Menschen, in: Kunz, Franziska/Gertz, Hermann-Josef
(Hrsg.): Straffälligkeit älterer Menschen, Berlin Heidelberg: Springer-Verlag, S. 131-142
Meyer, Liane (2016): Alte Inhaftierte in Justizvollzugsanstalten. Herausforderung für die
Gesundheitssicherung, Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, Bd 48, Heft 5, S. 37-43
RKI-Robert-Koch-Institut (2014): Gesundheitliche Lage der Männer in Deutschland, Berlin
Den Abschlussbericht zu AIBA finden Sie unter: www.igfberlin.de
Prof. Dr. Josefine Heusinger
Institut für Gerontologische Forschung e.V.
Torstr. 178, 10115 Berlin
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