ZOOM AUFS DENKMAL JAHRHEFT #84 2020 - Das Ritterhaus Bubikon
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Seite 6: Zur Verfügung gestellt von der Schwei-
zerischen Kommende des Johanniterordens
Ritterhausstrasse 35 Seite 8: Zur Verfügung gestellt von der Schwei-
8608 Bubikon zerischen Kommende des Johanniterordens
Tel. 055 243 39 74 Seite 9: Ritterhausgesellschaft Bubikon
info@ritterhaus.ch Seite 11: Marco Zanoli
www.ritterhaus.ch Seiten 13, 15, 17: Staatsarchiv Zürich
Seiten 21, 23: Marco Zanoli
ISSN 2235-4751 Seite 25: Reto Spinazzè
Jahrheft der Ritterhausgesellschaft Bubikon Seite 26: Ritterhausgesellschaft Bubikon
Seite 27: Ritterhausgesellschaft Bubikon
Redaktion: Boris Bauer Seite 28: Reto Spinazzè
Design und Layout: spinazze.ch, Rüti Seite 29: Meinrad Schade
Druck: Eristra-Druck AG, Rüti Seite 31: Daniela Tracht
Seiten 36–39: Marco Zanoli, Reto Spinazzè
Ritterhausgesellschaft Seiten 46, 49: Marco Zanoli
Bubikon, 2021 Seite 54: Reto Spinazzè
2INHALT
6 Zum Gedenken an Kommendator Cornel Fürst
8 Nachruf auf Ehrenkommendator Fernand Oltramare
10 «durch die lieben fruentschaft»
Die Grafen von Toggenburg und die Kommende Bubikon
20 Jahresbericht des Vorstandes 2020
24 Museumssaison 2020
30 Sanierungen im Ritterhaus Bubikon 2020
36 Ausflug der Betriebskommission nach St. Martin in Zillis
40 Protokoll 84. ordentliche Hauptversammlung
41 Jahresrechnung
46 Das Betriebsjahr 2020
50 Mitteilungen Organisatorisches
5Von Rechtsritter Peter Ziegler
ZUM GEDENKEN AN
KOMMENDATOR
CORNEL FÜRST
1931 geboren, wuchs Cornel Fürst in Wä-
denswil am Zürichsee auf, studierte nach
dem Besuch des Realgymnasiums Medizin
an den Universitäten Zürich und Paris und
legte 1955 das Staatsexamen ab. In Florenz
lernte er Marie-Louise de Fraper du Hellen
kennen, mit der er sich 1959 verheiratete,
und die ihn, den Vater einer Tochter und
zweier Söhne, unermüdlich lebenslang in
seinen vielseitigen Tätigkeiten unterstützte.
Der Entschluss, sich auf Rheumatologie und
physikalische Medizin zu spezialisieren,
führten Cornel Fürst u. a. ans Kantonsspital
St. Gallen, in die Rheumaklinik in Zürich,
an die Universität Montpellier und nach
London. Der Sanitätsoffizier bei der Flieger-
und Flabtruppe gründete die Gesellschaft
Am 17. Mai 2020 starb Dr. med. Cornel für Rheumatologie des Kantons Zürich und
Fürst, Kommendator der Schweizerischen übernahm 1960 im Auftrag des Interna
Kommende des Johanniterordens in den tionalen Roten Kreuzes ein Behandlungs-
Jahren 1991 bis 1998. Er war langjähri- zentrum zur Rehabilitation von mit Flugöl
ges Mitglied der Ritterhausgesellschaft vergifteten Patienten in Marokko. 1970
Bubikon, nahm mit Interesse an den Haupt- baute er in Wädenswil das Institut für
versammlungen Teil und kam mit vielen Physikalische Therapie, eine Gruppenpra-
Leuten ins Gespräch. Er besuchte gerne xis, die er bis 1989 leitete.
die Anlässe im Ritterhaus Bubikon und
als Kommendator des Johanniterordens 1975 wurde Cornel Fürst in die Schweize-
unterstützte er in den 1990er-Jahren die rische Kommende des Johanniterordens
Neuschaffung des Museums. aufgenommen, 1990 zum Rechtsritter
Jahrheft #84 | 2020 ZUM GEDENKEN 6ER WAR JEMAND, DER
ÜBER DEN TELLER
RAND SEINER EIGENEN
GENOSSENSCHAFT
WEIT HINAUS ZU
BLICKEN VERMOCHTE.
geschlagen und 1991 zum Kommendator ordnen und in die Burgerbibliothek Bern
bestimmt. Schon in der Subkommende überführen. Auch das Gesellige kam nicht
Zürich wirkte er zukunftweisend mit. Sein zu kurz: so bei Kontakten zwischen den
Wort hatte Gewicht und er verstand es, Subkommenden, auf Reisen ins Burgund,
durch seine Kommentare unterschiedliche nach Rhodos und Malta.
Meinungen zusammenzubringen. Auch als
Kommendator setzte er Akzente. Er führte Wegen seiner zurückhaltenden Art war
das Bulletin ein, das noch heute erscheint wenigen bekannt, dass Kommendator
und vielseitige Informationen enthält. Viele Fürst auch im Gesamtorden ein gefragter
Beiträge zeugen von seinem christlichen Mitarbeiter war. So gehörte er als Mitglied
Denken, so 1992: «Oft überflutet mich ein der ersten Strategiekommission «Johanni-
Gefühl des Ungenügens angesichts der ter 2000» an, die der designierte Herren-
immensen Not in dieser Welt. Und doch meister Oskar Prinz von Preussen ins Leben
scheint es unser aller Aufgabe zu sein, aus rief. Dieser würdigt den Verstorbenen wie
einer kleinen Zelle heraus, jeder an seinem folgt: «Ich habe viel von seinem ebenso
Platz, Not, die an uns herantritt, zu lindern bescheidenen wie klugen Rat gelernt. Die
und den Geist der Liebe, des Glaubens und ganze Arbeitsgruppe hat von seinen Bei-
der Hoffnung da und dort zu verbreiten.» trägen profitiert und das Ergebnis ist dem
Gesamtorden zugutegekommen, denn er
Es war Cornel Fürst ein Anliegen, das Or- war jemand, der über den Tellerrand seiner
densleben in der Schweiz zu erneuern und eigenen Genossenschaft weit hinaus zu
die Ziele durchzusetzen. Er aktualisierte alle blicken vermochte. Er war ein Vorbild in
Merkblätter, machte reihum Besuche in den uneigennütziger und weitsichtiger johanni-
Subkommenden und liess das Ordensarchiv terlicher Pflichterfüllung.» ×
7NACHRUF AUF
EHRENKOMMENDATOR
FERNAND OLTRAMARE
Von Daniel Gutscher, Regierender Kommendator
der Schweizerischen Kommende des Johanniterordens
Zwei Jahre nach seinem Vater Hugo
Oltramare war er in den Orden eingetre-
ten, ein Jahr vor seinem Bruder Yves. Sie
zusammen bildeten das «Triumvirat Oltra-
mare», welches am Anfang einer Genfer
Johanniter-Gruppe stand, bevor 1959 die
Subkommende Genf entstand, die bis 1977
von Fernand Oltramare, dann von seinem
Bruder Yves geleitet wurde. 1965 wurde
Fernand Oltramare durch den Herrenmeis-
ter S.K.H. Wilhelm-Karl Prinz von Preußen
zum Rechtsritter geschlagen.
Einige Stationen seines Wirkens im Orden:
An der Seite und unter der Leitung des
damaligen Kommendators Robert von
Stürler wirkte er entscheidend mit an der
Bildung der Allianz der Orden vom Heiligen
Johannes von Jerusalem ab 1961. Auf
Anfrage des Herrenmeisters S.K.H. Wilhelm-
Am Samstag, 12. September 2020, hat Gott Karl von Preußen führte er Henrik Beer,
Fernand Oltramare, Ehrenkommendator Generalsekretär des IKRK, sowie Visser ’t
der Schweizerischen Kommende des Johan- Hooft, Sekretär des Ökumenischen Rates
niterordens, zu sich heimgerufen. der Kirchen sowie auch dessen Mitarbeiter
Axel von dem Bussche-Streithorst an den
Ehrenkommendator Fernand Oltramare Orden heran; Letzterer einer der Heroen in
war während 53 Jahren im Orden aktiv und der Widerstandsgruppe des 20. Juli 1944
trat als hervorragende Persönlichkeit in den gegen Adolf Hitler.
ersten Jahren der Schweizer Johanniter
hervor.
Jahrheft #84 | 2020 NACHRUF 8Von 1972 bis 1987 war Fernand Oltramare
erst Vizepräsident der Allianz der Johan-
niterorden und danach deren Präsident,
gerade als diese 1981 in Bubikon ihr 20-jäh-
riges Bestehen feierte. Anlässlich dieses
Jubiläums und in Erinnerung an die ersten
Allianz-Gespräche, die 1958 ebenfalls im
Ritterhaus stattgefunden hatten, über-
reichte er der Ritterhausgesellschaft eine
Wappenscheibe, die im Rittersaal montiert
wurde und bis heute dort zu sehen ist.
Auf Anraten des Herrenmeisters war er
auch derjenige, der massgebend für die
Gründung der Französischen Kommende
zuständig war (Saint-Jean de France). Er
brachte dank seiner Aktivitäten in Paris eini-
ge Freunde wie Jean-Pierre Mallet sowie die
Herren Christian de Pourtalès, Antoine de
Clermont und Pfarrer Hugues de Cabrol zum
Orden; Persönlichkeiten, die als Väter der
neuen Kommende gelten dürfen. Bis 1965 Fernand Oltramare war der Ritterhaus-
war Fernand Oltramare selber ihr Mitglied. gesellschaft Bubikon auch persönlich
verbunden und überliess dieser im Jahr
Schliesslich ist ein dritter Strang zu erwäh- 1998, vermutlich anlässlich der Museums-
nen: Auf Bitten des Ordenskanzlers Hans neugestaltung, wertvolle Bücher für die
von Cossel wurde Fernand Oltramare 1965 Bibliothek, darunter die Bände 1 und 2 der
Mitglied des Kuratoriums für die Kaiserin «Histoire des chevaliers de l’ordre de S. Jean
Auguste-Victoria-Stiftung auf dem Ölberg de Hierusalem» von I. Baudoin, Paris 1659.
zu Jerusalem. Dieses im Jahr 1910 eröffnete Unter dem Kommendator Vincent von
ursprünglich deutsche Hospiz leistet medizi- Sinner wurde Fernand Oltramare zum Dank
nische Versorgung für die Palästinenser im für sein Engagement für den Orden auf
Westjordanland und dem Gazastreifen, ein- einstimmige Empfehlung des Konvents
schliesslich spezialisierter Therapien in den 1987 zum Ehrenkommendator ernannt.
Krebs-, Diabetes- und Kinderabteilungen. Sein Wirken bleibt in der Schweizerischen
Für die etwa 4.5 Millionen Palästinenser, Kommende und auch in der Ritterhausge-
die im Gazastreifen und im Westjordanland sellschaft Bubikon, die ihm so vieles verdan-
leben, ist es die einzige medizinische Ein- ken, unvergessen. ×
richtung mit hohem Standard. Das aktuelle
Engagement der Schweizerischen Kommen-
de in dieser Stiftung dauert weiterhin an.
9Von Jonas Krähemann und Noemi Bearth
«DURCH DIE LIEBEN
FRUENTSCHAFT»1
DIE GRAFEN VON TOGGENBURG UND
DIE KOMMENDE BUBIKON
Betritt man zu Beginn des Rundgangs lichen Toggenburger im Kontext des
durch das Ritterhaus Bubikon die Kapelle Investiturstreits in den 1080er-Jahren eine
der einstigen Johanniterkommende, so empfindliche Niederlage gegen das kai-
sticht einem direkt das Wappen der Familie sertreue Kloster St. Gallen und Abt Ulrich
von Toggenburg sowohl auf dem Stifterbild von Eppenstein (†1121) eingesteckt hatten,
an der Chorwand wie auch auf einer Grab- blieben sie während des 12. Jahrhunderts
platte, die sich in der Mitte des Raumes wohl eher passiv, was territoriale Ambi
befindet, ins Auge. Unmittelbar stellt sich tionen anbelangte.3 Im Zuge des Macht
also den Besuchenden des Ritterhauses die verlustes der Stauferkaiser gegen Ende des
Frage nach der Verbindung zwischen der 12. Jahrhunderts bot sich aber vermehrt
Familie von Toggenburg und der Johan- die Gelegenheit, den Herrschaftsraum
niterkommende Bubikon. Die Ursprünge erneut durch Erwerb von Gütern nördlich
dieser über Jahrhunderte andauernden des Zürichsees zu vergrössern. Mit diesen
Verbindung sollen hier in den Ansätzen Ambitionen waren die Toggenburger
rekonstruiert und die enge Beziehung allerdings nicht allein, was durchaus zu
zwischen den Vertretern der Kommende Spannungen zwischen den verschiedenen
Bubikon und Familienangehörigen der Adelsgeschlechtern führte. Trotzdem erho-
Toggenburger mit einzelnen Urkunden ben sich die Toggenburger zu Beginn des
beispielen veranschaulicht werden. 13. Jahrhunderts in den Stand der Grafen,
was ihre Wiedererstarkung bezeugt.
Wer waren die Toggenburger eigentlich?
Das Freiherren- respektive ab 1209 Grafen Wie viele lokale Adelsgeschlechter ver
geschlecht verfügte über ein familiäres suchten also auch die Toggenburger im
Netzwerk sowie ein Wirkungsgebiet, das 13. und 14. Jahrhundert ihre herrschaft-
von den Regionen St. Gallen, Wil (SG), liche Stellung auszubauen.4 Durch eine
dem Unteren Toggenburg, dem Zürichgau, geschickte Heiratspolitik mit den Mont-
Schaffhausen bis in den süddeutschen fortern, den Werdenbergern und den
Raum reichte.2 Nachdem die papstfreund- Frohburg-Hombergern konnten sie sich
Jahrheft #84 | 2020 GRAFEN VON TOGGENBURG 10im Laufe des 13. Jahrhunderts erfolgreich Herrschaftsraum im 14. Jahrhundert
im Unteren Toggenburg etablieren. Den durch den Kauf weiterer Besitzungen und
Toggenburgern gelang es ab 1292 ausser- Pfänder nochmals markant vergrössern
dem, zu den wichtigsten regionalen Mili- (Abb. 1). Mitte des 15. Jahrhunderts löste
tärunternehmern zu werden. Dadurch war sich das Herrschaftsgebiet der Toggen-
ihre Liquidität gewährleistet. Sie erwarben burger indes nach dem Tod des letzten
weitere Herrschaftsrechte und standen männlichen Toggenburgers auf und
in einem guten Verhältnis zu Zürich und die Streitfragen um das Toggenburger
Rom. Zudem hatten sie eine zentrale Erbe mündeten in den Alten Zürichkrieg
Funktion in der Friedenswahrung inne (1436–1450).5 Die Ära eines über gut
und nahmen wichtige klerikale Ämter zweihundert Jahre erfolgreichen Grafen-
wahr. Die Toggenburger konnten ihren geschlechts ging damit zu Ende.
Abb. 1: Karte zum Herrschaftsgebiet der Familie von Toggenburg bis 1436
(Karte erstellt durch Marco Zanoli). →
11Nachfolgend soll nun besprochen werden, umfangreichen Güter im Zürichseeraum
welche Verknüpfungen sich zwischen der damit sozusagen auf den Markt kamen.
Familie Toggenburg und der Kommende Die Toggenburger schienen sich im Zuge
Bubikon finden lassen. Diese Frage wird ihrer Expansion in ebendiese Gegend dazu
einerseits für den Zeitpunkt der Gründung ermächtigt gefühlt zu haben, Teile dieser
und die unmittelbaren Folgejahre, ande- Erbmasse für sich zu beanspruchen. Einige
rerseits für das 13. und 14. Jahrhundert Güter bei Hinwil, Kempten, Grüt und
mit einem kurzen Einblick in ausgewähltes Alt-Hellberg befanden sich gemäss Erwin
Urkundenmaterial erörtert. Eugster wohl im Besitz der Rapperswiler
und wurden nach 1192 von den Toggen
Die Gründung und die Folgejahre6 burgern an das Kloster St. Johann im
Wie bereits erwähnt, versuchten sich die Thurtal gestiftet.9 Offenbar hatten also die
Toggenburger gegen Ende des 12. Jahr- Toggenburger diese Güter von den Rap-
hunderts in der Nordostschweiz vermehrt perswilern entweder geerbt oder einfach
auszubreiten. Allerdings sahen sich die besetzt. Dass die Güter schon so bald an
Toggenburger in diesem Unterfangen im ein Kloster gestiftet wurden, spricht für
Osten von St. Gallen, im Norden von den letzteres. Interessant an dieser Stiftung ist
Nellenburgern sowie im Süden und Westen der Fakt, dass mit den oben genannten
von den Rapperswilern, den Kyburgern, Gütern auch Bubikon an das Kloster gestif-
Zähringern und Regensbergern umringt tet wurde, was eine Rapperswiler Vergan-
und begrenzt. Diese Geschlechter hatten genheit Bubikons zwar nicht belegt, aber
zum Teil stark vom Aussterben der Lenz- diesen Schluss dennoch nahelegt.10
burger und der südlichen Nellenburger
profitiert und konnten so ihre Macht Doch die Stiftung an das Kloster St. Johann
ausbauen.7 Zu den Erben gehörten unter war bekanntlich noch nicht die Endstation
anderen die Kyburger. Diese verfolgten des Guts in Bubikon. Um die weitere Grün-
in der Folge eine Taktik, die in der Ge- dungsgeschichte besser nachvollziehen zu
schichte der Entstehung der Kommende können, sollte eine gängige Taktik damali-
in Bubikon von Bedeutung ist: Hatte ein ger Adelshäuser beachtet werden. Eugster
Adelsgeschlecht von den obengenannten nennt diese Taktik «Neutralisation».11 Dabei
Erbschaften in Form von Gütern profitiert, werden frei gewordene, territorial umstrit-
so wurden diese Güter durch die Kyburger tene Güter vom schnellsten Kontrahenten
beansprucht und besetzt, sobald auch diese besetzt und sogleich an unbeteiligte Dritte
Geschlechter ausgestorben waren.8 (meist geistliche Institutionen) gestiftet.
Gleichzeitig sicherte man sich dabei die
Die Kyburger machten also aufgrund von Vogteirechte an den gestifteten Gütern
früheren Erbschaften Ansprüche auf Güter und konnte somit vielseitig von den Gütern
nun ausgestorbener Miterben geltend. Im profitieren: Erstens wurden die Güter so
Zusammenhang mit Bubikon erlangt dieses dem Einfluss der adligen Konkurrenz ent-
Vorgehen weitere Bedeutung, da im Jahre zogen. Zweitens warfen die Vogteirechte
1192 die Rapperswiler ausstarben und ihre der Güter Gewinn ab, ohne dass man diese
Jahrheft #84 | 2020 GRAFEN VON TOGGENBURG 12Abb. 2: Diethelm von Toggenburg stiftet dem Johanniterorden ein Haus und eine Kirche in
Bubikon (Reproduktion des StAZH: Urkunde C II 3, Nr. 1, r (entspricht UBZ I, Nr. 354)).
selbst bewirtschaften musste. Drittens
versprach man sich von Stiftungen an geist- Ich, Diethelm von Toggenburg, habe für
liche Orden immer auch eine Besserung das ewigwährende Heil meiner Seele und
des eigenen Seelenheils. Viertens musste sowohl derer meiner ganzen vorange-
man in Zukunft auch nicht damit rechnen, gangenen Verwandtschaft als auch der
die Güter im Rahmen der Vogtei verteidi- darauffolgenden, so wie ich sie hatte
gen zu müssen, da Besitztümer geistlicher und mit allem Recht, meinen Hof und
Institutionen in der Regel nicht angegriffen Kirche in Bubikon, welche ich nach dem
wurden – auch potenzielle Besetzer hatten Recht des Eigentums als Erbe besessen
allerseits stets Angst vor negativen Folgen hatte, mit allen ihren Gütern drinnen und
ihres Handelns auf das eigene Seelenheil. draussen, kultiviert und unkultiviert, dem
Spital des hl. Johannes jenseits des Mee-
Es ist also davon auszugehen, dass Diet- res [Johanniter] überschrieben. […] 13
helm V. von Toggenburg das Gut in Bubikon
kurz nach der Besetzung an besagtes Klos-
ter gestiftet hatte, da er es wohl aufgrund Hier gibt es einige Dinge hervorzuheben:
hohen territorialen Drucks der Kyburger Diethelm nennt hier einen Grund für die
und vielleicht auch anderer Geschlechter Vergabe – sein Seelenheil und das seiner
selbst nicht hatte halten können. Neben Verwandtschaft – und verschweigt dabei
dem Fakt, dass Bubikon heute eine Johan- jegliche politischen Motive. Dies ist für
niterkommende und kein Kloster ist, belegt Urkunden dieser Zeit jedoch nicht unge-
eine erhaltene Urkunde Diethelms V. die wöhnlich; die Urkunden bestehen über
Stiftung des Hauses an den Johanniteror- weite Strecken aus Floskeln und Formeln.
den (Abb. 2).12 Darin schreibt der Freiherr: Des Weiteren behauptet Diethelm, er habe
das Gut als Erbe besessen, obwohl er es
wahrscheinlich bloss besetzt hatte. Diese
Behauptung führte in der Forschung zu
diversen Thesen: Unter anderem wurde
angenommen, Diethelms V. Sohn oder
Enkel hätten vielleicht eine Rapperswilerin →
13geheiratet und Bubikon sei deshalb als was dem Kloster möglicherweise ein Dorn
Mitgift oder als normales Erbe an die Tog- im Auge war, weshalb es eventuell versuch-
genburger gelangt. Diese Behauptungen te, von den Toggenburgern unabhängiger
wurden jedoch nie bewiesen. Die Annah- zu werden.19 Jedenfalls hatte Diethelm das
me, die Toggenburger könnten bereits Gut danach für zwei Jahre einem Verwal-
früher – im 11. Jahrhundert – in Bubikon ter übergeben, bevor er es schliesslich
begütert gewesen sein, bevor sie von dort (zwischen 1195 und 1198)20 auf Rat Papst
verdrängt wurden, scheint aus den nach- Coelestins III. an die Johanniter stiftete.
folgenden Gründen naheliegender: Ein
Eintrag in den Einsiedler Traditionsnotizen Diesen Brief an Innozenz III. – und damit die
besagt, dass ein Diethelm von Bubikon und wertvolle Schilderung der Geschehnisse –
dessen Sohn Ulrich dem Kloster Güter ge- haben wir dem Umstand zu verdanken, dass
stiftet haben.14 Der Name Diethelm in Ver- die Mönche aus dem Thurtal den Entzug
bindung mit Bubikon lässt dabei aufhor- und die Stiftung an die Johanniter nur
chen. Aus einer anderen Urkunde wissen wenige Jahre später derart energisch be-
wir, dass sich zu derselben Zeit die ersten kämpften, dass man sich in Bubikon und im
Toggenburger in den Urkunden als Zeugen Toggenburg zur Anrufung höherer Instan-
zeigen: Diethelm (I.) von Toggenburg mit zen genötigt sah.21 Da die Angelegenheit in
seinen Söhnen Ulrich und Berchtold.15 Die Rom offenbar keine unmittelbare Priorität
Parallelen sind unübersehbar. Es wäre also genoss, dauerte der Streit mit den Benedik-
durchaus möglich, dass sich die Toggenbur- tinern jedoch noch bis 1215 an. Auf dem
ger als Erben Bubikons betrachteten, weil Konzil in Rom wurde dann entschieden,
sie dort schon früher begütert waren. dass die Johanniter im Besitze Bubikons
bleiben und die Benediktiner dafür mit
Wie aber kommt es nun zu diesem erneu- 50 Mark Silber entschädigen sollten. So
ten Besitzerwechsel? Diethelm verfasste kann Bubikon ab 1216 als gesicherter
einige Jahre nach der Stiftung an die Besitz der Johanniter betrachtet werden.
Johanniter – wohl kurz nach 1200 – einen Schon zu dieser frühen Zeit wurde die
Brief an Papst Innozenz III.,16 in welchem Kommende mit den ersten Gütern ausge-
er diesem die Geschichte Bubikons erläu- stattet, denn die Nachfolger der ausge-
tert:17 Bald nach der Stiftung an das Kloster storbenen Rapperswiler – man bezeichnet
St. Johann hatte Diethelm sich Bubikon sie ab etwa 1210 als Neu-Rapperswiler –
wieder zurückholen müssen, da sich die hatten wohl im Rahmen eines Kompromis-
Benediktiner offenbar nicht an eine (leider ses mit den Toggenburgern diverse Güter
nicht genannte) Abmachung (pactio) ge- gestiftet. Sie verzichteten auf Bubikon,
halten hatten.18 Vermutlich handelte es sich welches sie ursprünglich wohl beansprucht
dabei um Vogteirechte, die den Toggen- hatten, da es vor 1192 noch ihren Vorgän-
burgern nicht überlassen worden waren. gern gehört hatte. Sie erhielten dafür von
Die Toggenburger waren wahrscheinlich den Toggenburgern Güter am Obersee und
bereits in den 1190er-Jahren Vögte grosser wurden in der Kommende als Mitstifter
Teile des Besitzes des Klosters St. Johann, verehrt.22
Jahrheft #84 | 2020 GRAFEN VON TOGGENBURG 14Abb. 3: Friedrich und Wilhelm
von Toggenburg übertragen
die Vogtei über den Hof
Hinwil an die Kommende
Bubikon (Reproduktion des
StAZH: Urkunde C II 3, Nr. 13, r
(entspricht UBZ IV, Nr. 1496)).
Einblick in die Beziehungsverhältnisse und der Kirche in Tobel als Ersatz für die
im 13. und frühen 14. Jahrhundert zurückzugebenden Güter, andererseits die
Für die weitere Entwicklung der Kommende nächsten beiden Urkunden (UBZ IV, Nr. 1495
Bubikon verlor ihre Stifterfamilie auch nach und Nr. 1496 (Abb. 3)) aus dem Jahr 1272 zu
dem geschlichteten Streit mit dem Kloster zeigen.25 Darin verzichteten die Grafen von
St. Johann im Thurtal nicht an Bedeutung, Toggenburg zu Gunsten der Kommende
ganz im Gegenteil. Unterschiedliche Studien Bubikon auf die Vogteien über den Hof zu
haben gezeigt, dass Kommenden sich Hittenberg26 und über den Hof des Meiers
besser entwickeln konnten, wenn sie sich im in Hinwil, worauf das Kloster St. Johann
Einflussgebiet ihrer Stifterfamilie befanden die Kommende Bubikon als neuen Vogt
respektive auf deren Unterstützung zählen annahm.27
konnten.23 Dass dies für die Kommende
Bubikon in einem hohen Masse der Fall war, So steht in der Urkunde UBZ IV, Nr. 1496
soll nachfolgend mit einigen besonders geschrieben:
sprechenden Beispielen aus dem Bubiker
Urkundenbestand gezeigt werden. Alle, die disen brief ane sehint alder
hoerint lesin, den kiunde ich Fr[iedrich]
Am Anfang manifestierte sich die Unter- und ich Wil[helm], wir gebrouder beide
stützung der Kommende vor allem in der von Togginburch, de wir den broudern
Schenkung des Guts in Bubikon. Wie aus von Boubinchon Santihannes ordines von
der Urkunde UBZ I, Nr. 445 von 1228 her- dem spitale ze Ierusalem gegebin haben
vorgeht, hat Diethelm von Toggenburg die vogteige uber den hof ze Hiunewille
der Kommende wohl noch viele weitere und uber alle g. die liute und de gout
Güter vermacht. Diese befanden sich in alliz, de in den selbin hof hoerit und
den heutigen Kantonen Thurgau und zinshaft ist dem gotshuse ze Santihanne
St. Gallen. In der genannten Urkunde wird in Turtal, […].
aber keinesfalls deren Schenkung besiegelt,
sondern deren Rückgabe an Toggenburger-
Familienangehörige infolge eines Erbstrei- Die Urkunde bezeugt, dass die Grafen von
tes.24 Dies könnte den Eindruck erwecken, Toggenburg rund 80 Jahre nach der Grün-
dass nach Diethelms Tod die Unterstützung dung der Kommende Bubikon wichtige
der Kommende von Seiten der Toggen- Rechte in die Hände der Bubiker Johanniter
burger endete. Dass dem nicht so war, übergaben und das Kloster St. Johann sich
vermögen einerseits der Erhalt des Hofs wieder dem Orden unterzuordnen hatte. →
15Die besitzpolitische Entwicklung der Kom- hätten wohl auch die Herrschaftsentwick-
mende konnten die Toggenburger aber lung des Johanniterhauses positiv beein-
nicht nur von aussen mittels Schenkungen, flusst. Die Quellenbasis ist zu schmal, um
sondern auch von innen beeinflussen. So hier verlässliche Aussagen zu wagen. Dass
liessen sie eigene Familienangehörige in gewisse Beziehungen und Kontakte nur
den Orden eintreten und konnten so die aufgrund seines familiären Netzwerkes
Politik der Kommende mitgestalten. Ein bestanden hätten, kann nicht bewiesen
frühes Beispiel dafür ist Magister/Komtur werden. Fakt ist, dass die Kommende zum
Heinrich von Toggenburg (1255–1265?).28 Zeitpunkt des Ordenseintritts Heinrichs
Das Spezielle an ihm ist, dass er als erster noch nicht über ein Besitzvolumen – und
Komtur Bubikons eine aktive Besitzpolitik dadurch auch nicht über Reichtum und
vertrat. So erhielt er nicht Prestige – verfügte, wie
nur Güter geschenkt oder
verliehen, sondern er
HEINRICH es in einer späteren
Periode der Fall war.
verkaufte 1259 ein Grund-
stück in Schwarzenbach
MISCHTE AKTIV Deshalb können diese
Komponenten nicht als
bei Hombrechtikon29 und IN DER BESITZ Gründe für Heinrichs
beantragte im Jahr 1260
beispielsweise die Verlei-
ENTWICKLUNG Ordenseintritt ausge-
macht werden. Hinge-
hung des Gutes in Bärets-
wil an das Kloster Rüti
DER KOMMENDE gen können politische
Ambitionen, die die
durch Abt Berthold von MIT. Familie Toggenburg
St. Gallen.30 Auch konnte mit ihrer Stiftung und
er sich innerhalb eines Güterstreits durch der Einsetzung Heinrichs ins Komturenamt
setzen und tauschte sogar Güter und Rechte möglicherweise verfolgte, in Betracht gezo-
mit dem Bischof Eberhard von Konstanz gen werden.33
(†1274).31 Demnach mischte Heinrich aktiv
in der Besitzentwicklung der Kommende Wie bereits hervorgehoben wurde, ist aber
mit, was ihn von vorherigen Komturen auch nach Heinrichs Amtszeit kein Abbruch
unterschied. in den Beziehungen zur Familie von Toggen-
burg erkennbar, wie das Beispiel aus dem
Es ist bezeichnend, dass mit Heinrich an Jahr 1272 zeigte. Auch im 14. Jahrhundert
der Spitze der Wandel der Kommende vom können solche Handänderungen oder Be-
reinen Herrschaftsinstrument konkurren- günstigungen der Kommende Bubikon von
zierender Adelsfamilien zum autonomen Seiten der Familie von Toggenburg bezeugt
Herrschaftsträger auszumachen ist.32 werden. In den Jahren 1312 bis 1314 erhielt
Deshalb könnte angenommen werden, die die Kommende weitere Schenkungen, wie
Toggenburger hätten durch diverse Schen- beispielsweise eine Wiese am Egelsee in
kungen nicht nur die Besitzentwicklung der Bubikon von Graf Kraft von Toggenburg.34
Kommende begünstigt, sondern Heinrichs Neben der Wiese am Egelsee, die hier ver-
Netzwerk und das Ansehen seiner Familie mutlich wenig interessant scheint, bekam
Jahrheft #84 | 2020 GRAFEN VON TOGGENBURG 16das Johanniterhaus 1314 die Fischereirechte und die Präsenz der Kommende im umlie-
in demselben See (Abb. 4). Graf Friedrich genden Gebiet dadurch gestärkt. Folglich
von Toggenburg, als Pfleger der Herzöge wurde die Kommende auch lange nach
von Österreich für Grüningen, beurkun- dem Stiftungsakt von der Familie Toggen-
dete dabei, dass die Leute von Widenswil burg in verschiedener Weise unterstützt
(Pfarrei Bubikon) nach einem langen Streit und es wurde ein freundschaftliches Ver-
auf das Recht verzichteten, im Egelsee hältnis gepflegt.
zu fischen und zu rossen. Dies war fortan
nur noch dem Johanniterhaus erlaubt, da Fazit
«der egenande Egelse ir [der Kommende] Dieser Beitrag widmete sich der Beziehung
eingenlich ist».35 zwischen der Kommende Bubikon und den
Grafen von Toggenburg. Aus der Analyse
Ein letztes, auf den ersten Blick unbedeu- des Bubiker Urkundenbestandes geht klar
tendes Beispiel soll hier noch angeführt hervor, dass die einstige Stiftung der Grafen
werden: 1327 erhielt die Kommende von von Toggenburg bis zu deren Aussterben
Graf Kraft von Toggenburg das Wegrecht aktiv durch Schenkungen und weitere Be-
über eine Wiese in Hombergrain, west- günstigungen unterstützt und die Besitz-
lich von Bubikon. Interessant ist dabei politik zeitweise mit einem Toggenburger
der Hinweis, dass dies «durch die lieben an der Spitze der Kommende beeinflusst
fruentschaft» geschehen sei, was wohl das wurde. Es scheint, als habe die Kommende
Verhältnis der Kommende von Bubikon Bubikon – anders als das Kloster St. Johann
mit Graf Kraft von Toggenburg prägnant – ein gutes Verhältnis zu ihren Stiftern
zusammenzufassen vermag.36 Durch die gepflegt und von diesen wohl auch sehr
Toggenburger wurde im ersten Drittel des profitiert. Diese wertvolle Unterstützung
14. Jahrhunderts die Kommende Bubikon ist bis heute vor Ort und in den Urkunden
nachweislich immer noch aktiv unterstützt überliefert. →
Abb. 4: Graf Kraft von Toggenburg beurkundet den Entscheid über die Fischereirechte im
Egelsee (Reproduktion StAZH: Urkunde C II 3, Nr. 42, r (entspricht UBZ IX, Nr. 3312)).
17Anmerkungen bearb. v. Otto Clavadetscher, Bd. 3., St. Gallen
Vgl. Urkundenbuch der Stadt und Landschaft
1
1983, Nr. 1031, S. 101. Ulrich behauptet in dieser
Zürich (UBZ), hg. v. Jakob Escher u. Paul Schweizer, Urkunde, Rudolf habe nach seinem Tod das Gut bei
13. Bde., Bd. 1–13, Zürich 1888–1957, hier UBZ XI, Illnau jemandem rechtens (iure) vererbt bevor er
Nr. 4111. selbst (Ulrich) die Güter dieses Erben geerbt habe.
Vgl. Eugster, Erwin: Toggenburg, von (SG), in:
2
Ebd.: […] nobilis vir Vlricus comes de Chiburch […]
HLS 12, 2012, S. 414f. Zwischen 1228 und respondit quod possessionem eiusdem predii ab eo
1292/1299 verloren die Toggenburger Vogteien aceperit, qui ipsum predium iure hereditavit […].
einiger ihrer Herrschaftsgebiete sowie auch die vier Um das Gut nun selbst besitzen zu können, stellt
Festungen Alt-Toggenburg, Luterberg, Lütisburg er nun (etwa 60 Jahre später) die Urteilsfähigkeit
und Uznaberg. Infolgedessen wurde Neu-Toggen- Rudolfs von Weisslingen aufgrund einer angebli-
burg zu ihrem Herrschaftszentrum. chen Senilität oder Geisteskrankheit in Frage und
Vgl. Clavadetscher, Otto Paul: Aufstieg, Macht
3
will dadurch dessen Stiftung an das Kloster für
bereich und Bedeutung der Grafen von Toggen- nichtig erklären lassen, wodurch das Gut Ulrich
burg, in: Ders. et al. (Hg.): Die Stadt Uznach und selbst zugeführt würde, denn er sah sich als legiti-
die Grafen von Toggenburg. Historische Beiträge men Erben der Rapperswiler Güter.
zum Uznacher Stadtjubiläum 1228–1978, Uznach 9
Vgl. Eugster, Territorialpolitik, S. 260.
1978, S. 9–36. 10
Vgl. ebd. S. 259–261.
Vgl. Sablonier, Roger: Adel im Wandel. Eine
4 11
Vgl. ebd. S. 10.
Untersuchung zur sozialen Situation des ost- 12
UBZ I, Nr. 354, S. 235.
schweizerischen Adels um 1300, Göttingen 1979 13
Ebd.: Ego Diethelmus de Togginburch ob remedium
(Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für anime mee sempiternum ac totius parentele mee
Geschichte 66), S. 254–259. tam precessorum quam succedentum curiam meam
5
Vgl. Eugster, Toggenburg, S. 414f. Ende des et ecclesiam in Bubinchon, que iure proprietatis ex
14. Jahrhunderts wurde das Erbe zwischen den hereditate possederam, cum omnibus pertinentiis
zwei männlichen Erben Donat (erw. 1353–1400) suis, intus et foris, cultis et incultis, ad hospitale
und Friedrich VII. (†1436) aufgeteilt. Nach Donats transmarinum sancti Iohannis cum omni iure, sicut
Tod kaufte Friedrich VII. fast das gesamte Erbe habueram, prorsus contuli […], Übers. von Jonas
auf. Dadurch kam es zu einer Verschiebung des Krähemann.
Wirkungsraums nach Osten, insbesondere durch 14
Vgl. Quellenwerk zur Entstehung der schweizeri-
weitere Erwerbungen aus dem Erbe der Matschs, schen Eidgenossenschaft. Urkunden, Chroniken,
seiner Gattin Elisabeth von Matschs Familie. Nach Hofrechte, Rödel und Jahrzeitbücher bis zum
dem Tod Friedrichs gab sich die Alleinerbin Elisa- Beginn des XV. Jahrhunderts. Abt. II: Urbare und
beth von Matsch unter den Schutz der Stadt Zürich. Rödel bis zum Jahr 1400, Bd. 3: Rödel von Luzern
Grund dafür waren Forderungen Österreichs, des (Kloster im Hof und Stadt), Muri und Rathause nun
Reiches und von Verwandten. Vgl. ebd., S. 414f. der Herren von Rinach, Nachträge, bearb. v. Paul
Vgl. zu diesem Abschnitt Krähemann, Jonas:
6
Kläui, Aarau 1951, S. 372: Diethelmus de Bubinckon
Hintergründe und Ursachen der Stiftung der dedit praedium in Kentbraten. Udalricus de Bu-
Johanniterkommende in Bubikon, binckon Diethelmi filius dedit dimidiam hubam in
https://doi.org/10.5167/uzh-194584. villa Volchlinkon, vgl. ebd. Anm. 13.
Vgl. Eugster, Erwin: Adlige Territorialpolitik in der
7 15
UBZ I, Nr. 233, S. 127: […] Diethelm et filii eius
Ostschweiz. Kirchliche Stiftungen im Spannungs- Berchtoldt et Uodalrich de Toccanburg […].
feld früher landesherrlicher Verdrängungspolitik, 16
UBZ I, Nr. 357, S. 237–239.
Zürich 1991, S. 221–223. 17
Eine gut verständliche Übersetzung und Erläu-
Der Kyburger Ulrich III. zweifelte beispielsweise
8
terung des Briefes liefert Schmid, Bruno: Der
irgendwann zwischen 1209 und 1216 eine Stiftung kirchenrechtliche Streit um die Gründung des
an, die Rudolf, der letzte Weisslinger, noch vor Johanniterhauses Bubikon, in: Jahresheft der
seinem Tod (ca. 1152) ans Benediktinerkloster Ritterhausgesellschaft Bubikon 56, 1992, S. 13–33.
St. Johann im Thurtal getätigt hatte. Vgl. Chartu- 18
UBZ I, Nr. 357, S. 238: […] mihi pactionem infringe-
larium Sangallense (CS), hg. v. Herausgeber- und rent […].
Verlagsgemeinschaft Chartularium Sangallense,
Jahrheft #84 | 2020 GRAFEN VON TOGGENBURG 18Dem Kloster ging es unter den Toggenburger
19
könnte der «hoff in Herdiberg» auch als Hof in
Vögten offenbar nicht sehr gut. Vgl. Eugster, Erwin: Herrliberg identifiziert werden. Vgl. UBZ XIII,
Die Anfänge des Klosters St. Johann im Thurtal, Nr. 1644c. Aufgrund der geografischen Nähe
in: Werner Vogler (Hg.): Das Kloster St. Johann im und der Berücksichtigung des Einflussgebiets der
Thurtal. Eine Ausstellung des Stiftsarchivs St. Gallen Toggenburger, wurde hier Hittenberg gewählt.
im Nordflügel des Regierungsgebäudes, St. Gallen, 27
Vgl. UBZ IV, Nr. 1495, Nr. 1496; UBZ XIII, Nr. 1496b,
vom 13. April bis 5. Mai 1985. Katalog, St. Gallen Nr. 1644c.
1985, S. 25–32, hier S. 30. 28
Vgl. Feller-Vest, Veronika: Bubikon, in: Petra
Für einen detaillierteren Datierungsversuch vgl.
20
Zimmer/Patrick Braun (Hg.): Die Johanniter, die
Krähemann, Ursachen, S. 22–26. Templer, der Deutsche Orden, die Lazariter und
Damals war es nicht unüblich, sich mit solchen
21
Lazariterinnen, die Pauliner und die Serviten in der
Streitigkeiten an den Papst zu wenden – hatte Schweiz, 2 Bde., Bd. 1, Basel 2006 (Helvetia Sacra
doch die Macht und Entscheidungsgewalt dessel- IV/7), S. 135–165, hier S. 145f.
ben seit dem Investiturstreit stetig zugenommen. 29
Vgl. UBZ III, Nr. 1075.
Aufgrund der Menge an eingehenden Anfragen 30
Vgl. UBZ III, Nr. 1128. Die Urkunde dokumentiert
wurden seit Alexander III. (1159–1181) zu ihrer die Bitte des ursprünglichen Lehnsnehmers, Ritter
Erledigung höhere Geistliche beordert (iurisdictio Walter Meyer von Dürnten, an den Abt Berchtold
delgata). Vgl. Feine, Hans Erich: Kirchliche Rechts- von St. Gallen, das Gut – wie es auch von Hein-
geschichte. Die Katholische Kirche, Köln, Wien rich, dem Magister von der Kommende Bubikon
5
1972, S. 336f. gewünscht wurde – an das Kloster Rüti weiter zu
Dieser Verehrung wird auf dem Stifterbild in
22
verleihen.
der Kapelle der Kommende eindrücklichen Aus- 31
Vgl. UBZ III, Nr. 1243; UBZ IV, Nr. 1309. In beiden
druck verliehen. Vgl. dazu Krähemann, Ursachen, Urkunden wird Heinrich nicht namentlich genannt,
S. 16–18; 65–70. sondern es wird lediglich auf den Meister von der
Vgl. Starnawaska, Maria: Die Johanniter in der
23
Kommende Bubikon verwiesen.
Kirchenprovinz Gnesen und im Bistum Kammin 32
Eugster setzt den Beginn dieses Prozesses ab 1260
gegenüber der weltlichen Macht. Amtsträger, an. Vgl. Eugster, Erwin: Vom Herrschaftsinstrument
Berater der Herrscher, Landesherren, übers. v. zum Symbol adlig-klerikaler Lebensführung – die
Beata Górska, in: Roman Czaja/Jürgen Sarnowsky Johanniterkommende Bubikon von 1190 bis zur
(Hg.): Die Ritterorden als Träger der Herrschaft. frühen Neuzeit, in: Ritterhausgesellschaft Bubikon
Territorien, Grundbesitz und Kirche, Toruń 2007 (Hg.): Ritterhaus Bubikon. 75 Jahre Ritterhausge-
(Ordines militares. Colloquia Torunesia Historica 14), sellschaft Bubikon. 1936–2011. Festschrift, Bubikon
S. 237–256, hier S. 240. 2011, S. 60–81, hier S. 70.
Vgl. UBZ I, Nr. 445. Die Kommende hatte Besitz
24 33
Vgl. Bearth, Noemi: Durch Besitzakkumulation
in Gampen (nordöstlich von Wil SG), Honvere (als zu Macht und Herrschaft. Eine Untersuchung
Hohfuri/Homberg bei Braunau TG identifiziert), der Johanniterkommende Bubikon von der
Landolswalt (evtl. Lanterswil), Märwil (TG), Wise Gründung bis zur Konventsauflösung,
(evtl. Hubwiesen südwestlich von Märwil), in https://doi.org/10.5167/uzh-194009, S. 44.
Affeltrangen, Buch (bei Affeltrangen TG), Langnau 34
Vgl. UBZ IX, Nr. 3144.
(bei Märwil), Sedel (TG), Ebenholz, Leutswil, Stett- 35
Vgl. UBZ IX, Nr. 3312, S. 174. ×
furt (TG) sowie im nicht lokalisierbaren Einoede.
Vgl. UBZ IV, Nr. 1495.
25
Vgl. ebd.; bei Feller-Vest, Bubikon, S. 136 wie auch
26
Fröhlich, Eigenleute, S. 56 und Eugster, Territo-
rialpolitik, S. 259 als Alt-Hellberg (Gem. Gossau)
identifiziert. Das in der Quelle genannte «Hede-
berg» wurde im UBZ IV, Nr. 1495, S. 210, Anm. 6 als
Hittenberg, Pfarrei Wald deklariert. Leider geht aus
den anderen Forschungspositionen nicht hervor,
weshalb sie von der ursprünglichen Lokalisierung
abweichen. Im Vergleich mit weiteren Urkunden
19JAHRESBERICHT
DES VORSTANDES
2020 Von Marco Zanoli
Das Jahr 2020 begann für die Betriebs- tion in der langjährigen Geschichte der
kommission mit einer Strategiesitzung Ritterhausgesellschaft (RHG) und für uns
zum Thema Museumsneugestaltung und alle eine sehr anspruchsvolle Zeit, da sich
Finanzierung. Wie vorgesehen hatten wir die behördlichen Auflagen von Woche zu
Ende 2019 die Anträge für die Weiterfüh- Woche änderten und immer wieder Anpas-
rung der Betriebsbeiträge im bisherigen sungen in der Planung nötig waren.
Rahmen an Kanton und Gemeinde gestellt.
Eigentlich war geplant, das Jahr 2020 zu Als das Museum schliesslich am 16. Mai
nutzen, um Anpassungen im Museumskon- früher als erwartet mit Schutzmassnahmen
zept vorzunehmen und das Planerwahlver- wieder geöffnet werden konnte, waren wir
fahren in Abstimmung mit der kantonalen erleichtert. Trotzdem blieb die Situation
Denkmalpflege wieder aufzunehmen. Auch anspruchsvoll für die Mitarbeitenden und
war mit der Ausstellung «Zoom» und den die Beko. Die Schutz- und Gastrokonzepte
anstehenden Restaurierungen ein span- mussten ständig angepasst und die finan-
nendes Museumsjahr in Vorbereitung. An zielle Situation im Auge behalten werden.
der Sitzung der Betriebskommission (Beko) Dank Kurzarbeits- und Ausfallentschädi-
Ende Februar dachten wir, alles sei gut gungen des Kantons kamen wir aber mit
aufgegleist. einem blauen Auge davon. Die Absage aller
grösseren Veranstaltungen und der Wegfall
Doch dann kam plötzlich das anfänglich der Hochzeiten und Anlässe hinterliessen
erst am Rand wahrgenommene Corona- jedoch Spuren in der Bilanz. Immerhin
Virus in unsere Mitte und der Bundesrat erfreute sich das Museumsbistro in der Zeit,
verhängte am 13. und 16. März einen in der es geöffnet werden konnte, regen
Lockdown, so dass die Museumseröffnung Zuspruchs durch die zahlreichen Flanieren-
verschoben werden musste, die Beko- den, Wandernden und lokalen Touristen,
Sitzungen als Videokonferenzen stattfan- die sich bei schönstem Frühlings- und
den und die Hauptversammlung sowie die Frühsommerwetter in der Gegend vom
Vorstandssitzungen per Post durchgeführt Corona-Stress erholten.
werden mussten. Eine einmalige Situa-
Jahrheft #84 | 2020 JAHRESBERICHT 2020 20Schutzkonzept im Ritterhaus – Führerinnen mit Maske.
Während der Kanton die beantragten Tracht eine Vertretung zu suchen. Sie wird
Mittel für die kommenden vier Jahre Ende nach 15 Jahren Ritterhaus eine Weiterbil-
2020 bewilligte, konnte die Gemeinde dung im Bereich Denkmalpflege besuchen
Bubikon die Anträge wegen der Absage und in dieser Zeit nur in reduzierter Form
der Gemeindeversammlung nicht mehr tätig sein, vor allem in der Koordination der
behandeln. Der Gemeinderat bot der RHG Bau- und Restaurierungsmassnahmen. Aus
während des Lockdowns an, mit 50’000 zahlreichen guten Bewerbungen wählten
Franken den maximal möglichen jährlichen wir Noemi Bearth aus, die bereits über das
Beitrag auszurichten, den der Gemeinderat Ritterhaus geforscht und Führungen im
ohne Gemeindeversammlung sprechen Museum übernommen hatte. Sie übernahm
könnte. Im Jahr 2021 soll die Gemeinde- die Museumsleitung im Oktober und konnte
versammlung jedoch über den ursprüngli- sich bereits bei der Ausarbeitung der neuen
chen Beitrag von 100’000 Franken pro Jahr Webseite, bei den Arbeiten am Museums-
entscheiden. Wir müssen im Jahr 2021 also konzept sowie der anstehenden Publikation
zusätzlich 50’000 Franken mit Einsparun- der «Neuen Beiträge zur Geschichte des
gen und zusätzlichen Mitteln ausgleichen. Ritterhauses» einbringen.
Umso wichtiger wird es, einen einiger
massen geregelten Betrieb in diesem Jahr Die per E-Mail und Post durchgeführte
sicher zu stellen. 84. Hauptversammlung brachte inhaltlich
keine Überraschungen, wir erhielten aber
Nach der Wiederaufnahme des Betriebes erstaunlich viele Rückmeldungen. Der
ging ein Personalausschuss der Beko daran, bisherige Präsident, Marco Zanoli, sowie die
für die langjährige Museumsleiterin Daniela Vorstandsmitglieder Christine Bernet, Jürg →
21A. Meier und Richard Kälin wurden für eine werden konnte. Wir planen diesen Anlass
weitere Amtszeit bestätigt. Miroslav Chra- nächstes Jahr in dieser Form erneut durch-
mosta trat aus dem Vorstand zurück und zuführen. Ebenfalls konnten wir vor der
wurde verabschiedet, ebenso die Revisorin zweiten Welle auch die Vortragsreihe zur
Irmgard Stutz. Wir hoffen, beide vielleicht Geschichte des Ritterhauses durchführen.
an der nächsten ordentlichen Hauptver- Mitglieder des Vorstandes und der Beko
sammlung in Präsenz noch einmal verab- konnten auch am 19. September unter
schieden zu können. Neu gewählt wurde der Leitung von Andreas Franz die Kirche
Katrin Schubiger aus Hombrechtikon als in Zillis besuchen, deren Decke – ohne
Revisorin. Der ebenfalls zur Wiederwahl an- Bemalung – Vorbild für die Decke der
stehende Revisor, Andreas Sprenger, s tellte Kapelle des Ritterhauses war. Die geplante
sich verdankenswerter Vorstandsreise nach
Weise für eine weitere
Amtszeit zur Verfügung
ES IST DAMIT ZU Zypern musste leider
abgesagt werden. Das
und wurde ebenfalls
bestätigt.
RECHNEN, DASS Jahr ging schliesslich
ohne den gewohnten
DAS JAHR 2021 Mitarbeitenden-Anlass
Im Baubereich konn-
ten wir trotz Corona-
EBENFALLS KEIN zu Ende, da die erneut
verschärften Massnah-
Massnahmen wichtige
Schritte umsetzen. Die
NORMALES JAHR men eine Versamm-
lung im Kämmoos-Saal
Fassadenrenovation WERDEN WIRD. unmöglich machten.
wurde mit letzten Umge- Wir hoffen diesen
bungsarbeiten abgeschlossen und im Juni Anlass für die zahlreichen ehrenamtlichen
konnte die Ausschreibung für die nächs- Mitarbeitenden, die Nachbarn und die
te Etappe der Sanierung erfolgen. Diese Angestellten 2021 nachholen zu können.
betrifft die Innenräume und die Kachelöfen
und war Gegenstand der Sonderausstel- Es ist damit zu rechnen, dass das Jahr 2021
lung «Zoom». Am 8. Juli erreichte uns die ebenfalls kein normales Jahr werden wird.
frohe Botschaft, dass der Regierungsrat Wir sind dankbar für die grosse Unterstüt-
die entsprechenden Mittel in der Höhe zung durch den Kanton, die Gemeinde und
von 3’882’692 Franken bewilligt hatte. Die die zahlreichen ehrenamtlichen Helfenden
Arbeiten werden voraussichtlich noch die und werden den Betrieb soweit möglich
Jahre 2021/22 betreffen. Eine letzte Sanie- aufrechterhalten. Wo immer es geht,
rungsetappe mit Kapelle und Vorhalle ist werden wir die Zeit nutzen, Bauarbeiten
in Vorbereitung. und die Vorarbeiten für das neue Museum
voranzutreiben. Dieses soll nach neuesten
Ein Höhepunkt des Vereinsjahres war der Planungen 2025 eröffnet werden. Wenn
Mitgliederanlass, der am Denkmaltag vom alles klappt, werden in diesem Jahr auch die
12. September mit viel Publikum und in letzten Restaurierungen und Sanierungen
relativ freier Atmosphäre durchgeführt abgeschlossen. ×
Jahrheft #84 | 2020 JAHRESBERICHT 2020 22Impressionen vom Mitgliederanlass.
23MUSEUMS-
SAISON 2020 Von Daniela Tracht
Für die Museen in der Schweiz war das Jahr Mit der Museumsöffnung war auch sofort
2020 ebenso von Überraschungen und die diesjährige Sonderausstellung «Zoom
Einschränkungen im Zusammenhang mit aufs Denkmal – Ein Baustellen-Parcours» zu
der Covid-19-Pandemie geprägt wie für alle besichtigen. Diese Ausstellung lud an neun
anderen Betriebe. Nachdem der Bundesrat Stationen, die im Ritterhaus verteilt waren,
am 16. März die «ausserordentliche Lage» Kinder und Erwachsene dazu ein, mit offe-
erklärt hatte, wurden diverse Massnahmen nen Augen durch das Haus zu gehen, um zu
zur Eindämmung des Coronavirus ergriffen. sehen und zu erleben, was in dem histori-
Darunter fiel auch die Schliessung sämtli- schen Gebäude getan werden muss und was
cher Museen. Deshalb konnte erstmals die getan wird. Für den Rundgang erhielten
Museumssaison im Ritterhaus nicht am 1. Besuchende ein Handbuch zur Ausstellung,
April eröffnet werden. Die Museen mussten das sie selbstverständlich mit nach Hause
ihre Funktionsweise der neuen Situation nehmen konnten. Eine Ausstellungsbox
anpassen und haben dabei unterschiedliche als Begleiter bot die Möglichkeit, durch
Initiativen ergriffen. Im Ritterhaus Bubi- Diagucker in die Vergangenheit zu blicken
kon haben wir beispielsweise die geplante und vergangene Zustände des Hauses zu
Ausstellung fertig vorbereitet, das Füh- erkennen. Diesen Rundgang haben viele
rungskonzept für Schulklassen grundlegend Besuchende während der Museumssaison
überarbeitet sowie die Sanierungsarbei- genossen und wir freuen uns sehr über die
ten weiter vorangetrieben. Aufgrund des positiven Rückmeldungen, die wir erhalten
Entscheides des Bundesrates vom 29. April haben. Da einerseits die Sanierungsarbeiten
durften Museen dann im Mai wieder öffnen. im Inneren des Hauses in der Museumssai-
So konnten wir das Ritterhaus am Samstag, son 2021 fortgesetzt werden und anderer-
den 16. Mai, u nter Berücksichtigung der seits die Saison gravierenden Einschränkun-
vorgeschriebenen Schutzmassnahmen, die gen unterlag, wird diese Ausstellung eine
Besuchende und Mitarbeitende gleicher- weitere Saison gezeigt.
massen schützten, eröffnen. Hierfür waren
natürlich Mehraufwände und organisatori- Als die Tage im Spätsommer kürzer wurden,
sche Massnahmen notwendig, die sich klar konnte die Stimmung im Ritterhaus und
auf der Ausgabenseite des Museumsbetrie- dem Epochen-Kräutergarten weiterhin
bes zeigten. genossen werden. Am 12. und 13. Septem-
ber fanden die Europäischen Denkmaltage
Jahrheft #84 | 2020 MUSEUMSSAISON 2020 24statt. Unter dem Motto «Weiterbauen» konservatorische Fachrichtungen wie Textil-
konnte man in diesem Jahr erleben, wie restaurierung, Buchrestaurierung, Gemäl-
unsere wertvollen Städte, Dörfer und derestaurierung sowie Putz-Stuck und Bau-
Häuser erhalten und gleichzeitig neue, forschung vorgestellt werden konnten. Bei
qualitätvolle Wohn- und Freiräume im strahlendem Sonnenschein und dank eines
bebauten Raum geschaffen werden kön- konsequenten Schutzkonzeptes, das NIKE
nen. Im Ritterhaus Bubikon selbst boten Kulturerbe allen Beteiligten zur Verfügung
geführte Rundgänge Einblicke in die Bau- gestellt hat, konnten an diesem Tag auch
und Nutzungsgeschichte des Ritterhauses Gespräche, Workshops und sechs geführte
und Fachleute des Schweizerischen Verban- Rundgänge durch das Haus stattfinden. Ich
des für Konservierung und Restaurierung danke den Fachpersonen des SKR für ihr
(SKR) informierten vor Ort über die beson- Engagement und freue mich auf weitere
deren Anforderungen und Aufgabenfelder gute Zusammenarbeit. Insgesamt haben
in diesem Gebäude. Wir haben uns sehr 100 Gäste an diesem Tag das Ritterhaus
gefreut, dass an diesem Tag verschiedene besucht. →
Die Sonderausstellung nimmt die
Besucher*innen bereits im Hof mit der
ersten Station in Empfang.
25Neben den umfangreichen Restaurierungs- Leider konnten aufgrund der Pandemie- und Sanierungsarbeiten, die neue Erkennt- situation, die die ganze Saison anhielt, nisse zur Baugeschichte des Hauses liefern, Führungen, Workshops und alle anderen wird auch die Geschichte des Ritterhauses Veranstaltungen wie Feste, Hochzeiten, genauer erforscht. Im Staatsarchiv Zürich Konzerte usw. nur bedingt durchgeführt (StAZH) sind zahlreiche Urkunden erhalten, werden. Insgesamt haben in der Saison 2020 die spannende Einblicke in die Geschichte 2’870 Gäste das Museum des Ritterhauses des Ritterhauses bieten. Im Rahmen von besucht und wir konnten 62 Gruppenfüh- Masterarbeiten wurde der Urkundenbe- rungen durchführen. Immerhin konnten fast stand des StAZH genauer untersucht und alle Nachtführungen für Kinder stattfinden, einzelne Themenfelder minuziös erforscht. da die jüngste Schliessung des Museums Die Ergebnisse dieser Arbeiten wurden ab dem 22. Dezember erst nach den geplan- als vierteilige Vortragsreihe in der Kapelle ten Angeboten griff und im Übrigen für des Ritterhauses im September vorgestellt. Veranstaltungen für Kinder und Jugend- So konnten die neuesten Forschungsstän- liche immer Ausnahmeregelungen in Kraft de zur Gründungsgeschichte, den Herr- traten. schaftszentren und Besitzungen und zur Stellung der Johanniterkommende Bubikon Der Epochen-Kräutergarten bildete wäh- sowie zur Bau- und Restaurierungsge- rend der unberechenbaren Saison 2020 für schichte vorgestellt werden. Jeweils viele Menschen eine kleine Oase am Rande 20–30 Personen haben die Vorträge mit Bubikons. Nachdem das ehrenamtlich Spannung verfolgt. Um diese Beiträge tätige Gartenteam unter der Leitung von einem breiten Publikum zugänglich zu Susan Mullarkey Mitte März die Winterab- machen und die Forschungsgeschichte deckung entfernt hatte, konnten sofort die des Ritterhauses zu dokumentieren, sind blühende Alraune, das Lungenkraut und diese Beiträge in Form einer Publikation auch die blauen Veilchen bewundert wer- erschienen, die im Ritterhaus erworben den. Bis April war der Garten bereit, aber werden kann. Besucher durften nicht empfangen werden. Jahrheft #84 | 2020 MUSEUMSSAISON 2020 26
Legende
Die Frühlingsblumen winkten mit ihrer Pflanzen wachsen nicht immer gleich.
Blütenpracht quasi über den Zaun. Umso So bildete der Färbewaid in diesem Jahr
mehr freute mich ein kurzes Gespräch mit keine Blüten. Dahingegen war die Römi-
Vorbeikommenden, die erzählten: «Wir sche Kamille lange zu bewundern. Die
gehen hier fast jeden Tag spazieren und Witterung des Jahres machte die Garten
es ist jeden Tag ein wunderbarer Anblick, arbeit äusserst angenehm, denn es regnete
der uns Mut macht.» so oft, dass wenig gewässert werden musste,
aber auch nicht so
Der Lockdown hat die
Pflanzenbeschaffung,
DER LOCKDOWN häufig, dass Schäd-
lings- oder gar Schne-
die nach wie vor von
Hans Frei offeriert wird,
HAT DIE PFLAN ckenbefall bekämpft
werden mussten.
deutlich erschwert, ZENBESCHAF
denn nicht alle Pflan-
zen sind in der Schweiz
FUNG DEUTLICH Das Gartenteam hat
festgestellt, dass der
erhältlich und «Ausflü-
ge» ins angrenzende
ERSCHWERT. Garten nicht nur für
Menschen eine Oase
Ausland waren nicht möglich. Trotz einer darstellt, sondern auch für Tiere: Die Katzen-
reduzierten Anzahl dieser zumeist einjäh- minze wirkte stets gedrückt und konnte sich
rigen Pflanzen präsentierte sich der Garten nicht richtig entfalten. Es stellte sich dann
im Sommer dann prachtvoll. Lediglich eine heraus, dass eine Katze regelmässig ihr Son-
«Corona-Lücke» konnte nicht gefüllt wer- nenbad auf dieser Minze liegend einnahm.
den: Der Krause Salbei war nicht erhältlich. Tatsächlich kommt der Name wohl daher,
Dank der intensiven Vorarbeit des Garten- dass der Hauptgeruchsstoff der Katzen
teams konnten auch Pflanzen aus eigenem minze (Nepetalacton) Katzen anzieht, die
Bestand nachgezogen werden, insbeson das Kraut fressen oder sich darin wälzen.
dere das Bilsenkraut. Offenbar besteht diese Wirkung sogar bei
Grosskatzen wie Löwen und Jaguaren. →
27Wieder unter warmer Sonne konnte Leider haben mit Saisonende auch drei
Anfang November der Garten für den kom- Gärtnerinnen ihren Abschied eingereicht:
menden Winter vorbereitet werden. Doch Theres Schwegler und Pia Hättenschwiler
es herrschte noch nicht sogleich Winterru- haben vier Jahre lang bei Regen und unter
he im Garten: Vom 3. bis zum 7. Dezember brennender Sonne ihren Einsatz für den
bezogen Samichlaus und Schmutzli eine Garten unter Beweis gestellt und Kati Bern-
Hütte im Garten, um dort die Kinder und hard hat in den Jahren 2019 und 2020 die
ihre Eltern zu empfangen. Wegen der ehrenamtliche Arbeit im Garten tatkräftig
Corona-Situation durften keine Hausbesu- unterstützt. Im Namen der Ritterhausge-
che durchgeführt werden und so war dies sellschaft danke ich allen drei Mitarbei-
eine ideale Lösung! terinnen für ihren Einsatz und ihr jeweils
individuelles Engagement für und im Gar-
ten des Ritterhauses und wünsche ihnen
alles Gute. Susan danke ich für die Planung
und Organisation aller Arbeiten und den
Bericht, den sie für diese Zusammenfassung
zur Verfügung gestellt hat.
Leider hat sich auch ein Museumsführer
verabschiedet: Kurt Graf war von 1988 bis
2003 im Vorstand der RHG und hat nach
den Festspielen 1992 begonnen, Füh-
rungen durch das Museum im Ritterhaus
zu machen und dabei die verschiedenen
Museumsneuerungen und Anpassungen
mitgetragen. Ausserdem hat er sich in die
Themen der Sonderausstellungen einge-
arbeitet, um auch diese den Besuchenden
näherbringen zu können. Seine Führungen
haben stets ihr Zielpublikum begeistert
und die Freude am Haus deutlich gespie-
gelt. Kurt erzählte mir, dass das grösste
Lob von einer Teilnehmerin war, die ihm in
Basler Dialekt sagte: «Herr Graf, Sie sind der
geborene Museumsführer.» Im Namen des
Vorstandes danke ich Kurt Graf für seinen
zuverlässigen Einsatz und sein Engagement,
das Ritterhaus Bubikon zu repräsentieren.
Der Epochen-Kräutergarten nach
der Museumsöffnung im Mai
Jahrheft #84 | 2020 MUSEUMSSAISON 2020 28Sie können auch lesen