DARSTELLUNG VON WISSENSCHAFT IN DER FERNSEHSERIE THE BIG BANG THEORY - EINE QUALITATIVE INHALTSANALYSE - Wissenschaft im Dialog
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DARSTELLUNG VON WISSENSCHAFT IN DER FERNSEHSERIE THE BIG BANG THEORY - EINE QUALITATIVE INHALTSANALYSE Masterarbeit an der Technischen Universität Berlin, Lehrstuhl Marketing Prof. em. Dr. Volker Trommsdorff Dr. Wolfgang Merten eingereicht von Jörg Weiss Juni 2015, Berlin
ABSTRACT Die Sitcom The Big Bang Theory (TBBT) ist die beliebteste Serie Deutschlands. Die US-amerikanische Serie zeigt das Arbeits- und Privatleben von Naturwissenschaftler_innen. Neben den üblichen Comedy-Elementen der Sitcom werden Wissenschaftsalltag und Wissenschaftsthemen gezeigt, ohne dass die Serie dezidiert als wissenschaftliches Format auftritt. Aufgrund ihrer hohen Bekanntheit kann TBBT auch popkulturelle Informationsquelle über den Beruf Naturwissenschaftler_in sein. Damit ist TBBT auch interessant für Wissenschaftsmanager_innen und –kommunikatoren_innen, die sich mit Nachwuchsförderung im MINT-Bereich befassen. In dieser Arbeit wurde die Darstellung von Wissenschaft und insbesondere des Wissenschafts-Berufs in TBBT mit Hilfe einer qualitativen Inhaltsanalyse untersucht. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass TBBT ein umfangreiches und vergleichsweise authentisches Bild der Naturwissenschaft und seine Akteur_innen liefert. Sie zeigt Arbeitsumfeld und Arbeitsweise der Naturwissenschaftler_innen. Diese Arbeit kann wichtige Grundlage einer Bewertung der Serie hinsichtlich möglicher positiver und negativer Effekte auf die Nachwuchsförderung für die Wissenschaft sein, diese Frage aber nicht abschließend beantworten. Außerdem liefert sie Informationen über gängige Stereotype von Wissenschaftler_innen und versorgt Wissenschaftkommunikator_innen mit Informationen über den Inhalt der beliebtesten (Wissenschafts-)Sendung Deutschlands. 1
INHALTSVERZEICHNIS 1.! EINLEITUNG*..............................................................................................................................*2! 1.1! WISSENSCHAFTSMARKETING,!NACHWUCHSFÖRDERUNG!UND!UNTERHALTUNGS7TV!............!3! 1.2! WARUM!THE!BIG!BANG!THEORY!UND!WORUM!GEHT!ES!DA?!.......................................................!6! 1.3! WARUM!DIESE!ARBEIT!WICHTIG!IST!..................................................................................................!7! 1.4! ÜBERBLICK!ÜBER!DIE!ARBEIT!.............................................................................................................!8! 2.! FORSCHUNGSSTAND*UND*HINTERGRUND*.....................................................................*9! 2.1! DIE!ABBILDUNG!VON!WISSENSCHAFT!UND!SEINEN!AKTEUR_INNEN!IM!FERNSEHEN!..............!9! 2.2! FORSCHUNG!ZU!TBBT!........................................................................................................................!11! 2.3! RELEVANTE!THEORIEN!......................................................................................................................!12! 2.4! DAS!MEDIUM!SITCOM!.........................................................................................................................!14! 2.5! DER!NERD7BEGRIFF!............................................................................................................................!15! 3.! FORSCHUNGSFRAGEN*.........................................................................................................*17! 4.! METHODE*................................................................................................................................*19! 4.1! MATERIAL!VERDICHTEN!UND!BESCHREIBEN!7!DIE!QUALITATIVE!INHALTSANALYSE!(QIA)!19! 4.2! BESONDERHEITEN!DER!FILMANALYSE!............................................................................................!21! 4.3! METHODISCHES!VORGEHEN!..............................................................................................................!23! 5.! ERGEBNISSE*............................................................................................................................*27! 5.1! KAPITEL!1:!ORTE!..............................................................................................................................!27! 5.1.1! Wissenschaftliche/Orte:/Forschen/und/Plauschen/......................................................../28! 5.1.2! Wohnräume:/Das/Zuhause/der/Wissenschaftler_innen/............................................../33! 5.1.3! FreizeitAOrte:/Hier/haben/Die/Wissenschaftler_innen/Spaß/...................................../38! 5.2! KAPITEL!2:!PERSÖNLICHKEITEN!...................................................................................................!40! 5.2.1! Die/Schöne/und/das/Genie:/Penny/und/Sheldon/............................................................./41! 5.2.2! Ein/breites/Spektrum/an/NerdATypen:/Leonard,/Howard,/Rajesh,/amy/und/ Bernadette/..................................................................................................................................................../47! 5.3! KAPITEL!3:!PRIVATE!THEMEN!.......................................................................................................!51! 5.4! KAPITEL!4:!WISSENSCHAFTLICHE!THEMEN!................................................................................!54! 5.4.1! Naturwissenschaftliche/Themen/dominieren/................................................................./54! 5.4.2! Wissenschaft/als/Randnotiz/.................................................................................................../55! 5.5! KAPITEL!5:!BERUFSBILD!.................................................................................................................!59! 5.5.1! Tätigkeitsfelder:/Hier/sind/sie/Nerds/,/hier/dürfen/sie/es/sein/................................../59! 5.5.2! Arbeitsweise/................................................................................................................................../65! 5.5.3! Ruhm/und/Ehre/in/der/Wissenschaft:/Konkurrenz/und/das/Streben/nach/ Wertschätzung/............................................................................................................................................/67! 5.6! EXKURS:!WISSENSCHAFTLER_INNEN!IM!FERNSEHEN!................................................................!69! 6.! DISKUSSION*............................................................................................................................*70! 6.1! DARSTELLUNG!VON!WISSENSCHAFT!IN!THE!BIG!BANG!THEORY!...............................................!70! 6.2! BEEINFLUSST!TBBT!DIE!BERUFSWAHL!JUGENDLICHER?!...........................................................!73! 6.3! LIMITATIONEN!DER!METHODE!.........................................................................................................!75! 6.4! AUSBLICK:!TBBT!UND!DAS!WISSENSCHAFTSMARKETING!..........................................................!75! LITERATURVERZEICHNIS*...........................................................................................................*77! ANHANG*...........................................................................................................................................*80! 2
1. EINLEITUNG 1.1 WISSENSCHAFTSMARKETING, NACHWUCHSFÖRDERUNG UND UNTERHALTUNGS-TV Wissenschaftsmarketing will vor allem eines: Optimale Rahmenbedingungen schaffen für das Gedeihen von Wissenschaft und Forschung einer entsprechenden Einrichtung. Eine Aufgabe des Wissenschaftsmarketings ist es, dafür zu sorgen, dass genügend wissenschaftlicher Nachwuchs vorhanden ist. Insbesondere in den MINT-Fächern herrschte lange Zeit große Sorge um den Nachwuchs. Erfreulicherweise hat sich die Lage in den letzten Jahren etwas entspannt. Der Anteil der MINT-Absolvent_innen an allen Hochschulabsolvent_innen stieg zwischen 2005 und 2012 von 31,3 auf 35,2 Prozent (Anger et al. 2014). Ziel sind 40 Prozent. Und auch der noch immer relativ niedrige Frauenanteil in den Naturwissenschaften ist verbesserungswürdig. Neben dem System Schule und Politik sind auch die wissenschaftlichen Einrichtungen gefragt, Projekte und Initiativen zu starten, die junge Menschen für die Wissenschaft begeistern –auch hier muss Wissenschaftsmarketing ansetzen. Um im Dickicht der Formate und (Kommunikations-)Möglichkeiten des modernen Wissenschaftsmarketings den Überblick zu bewahren, hilft ein Merksatz mehr denn je: Kommuniziere zielgruppengerecht! Bevor wir also loslegen, interaktive Veranstaltungen organisieren, twittern und bloggen, lohnt es sich, einen Moment inne zu halten und uns zu fragen: Wissen wir genug über die Interessen und Vorlieben der Jugendlichen? Wie ist deren (Kommunikations-)Verhalten? Der medienpädagogische Forschungsverbund Südwest veröffentlicht jährlich eine umfangreiche Studie zur Mediennutzung von Jugendlichen. In ihr erfahren wir, dass Jugendlich vor allem (mobil) im Internet surfen und über ihr Handy kommunizieren (Feierabend et al. 2014). Sie nutzen Online-Videoportale, aber auch nach wie vor den Klassiker unter den elektronischen Medien, das Fernsehen. 83 Prozent der Jugendlichen schau regelmäßig fern (mindestens mehrmals pro Woche, Internet 94 %, Handy 93 % ). 3
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierte 2010 eine Umfrage, in der knapp 2500 Jugendliche zu ihrer Berufswahl befragt wurden1. 23 Prozent der Jugendlichen sind durch Filme und Serien auf ihren späteren Wunschberuf aufmerksam geworden. Nur 13 Prozent der Befragten sind durch die Schule und nur 17 Prozent durch eine Berufsberatung auf ihren Beruf gekommen. Der Einfluss von Massenmedien auf die Berufswahl von Jugendlichen kann nicht unerheblich sein. Arztserien wie Dr. House und Scrubs – Die Anfänger können Jugendlichen ein Medizinstudium schmackhaft machen.2 Und die zahlreichen CSI- Krimi-Serien haben angeblich die Studierendenzahlen in der forensischen Wissenschaft in Großbritannien verdoppelt.3 Es gilt auch als bewiesen, dass die Serie einen Einfluss auf das Rechtssystem hat – der „CSI-Effekt“ –, hierzulande und insbesondere in der USA (siehe auch Ley et al. 2012). Demnach stieg das Verlangen nach DNA-Tests im Rahmen von Rechtsprechungen aufgrund der Serie an. Interessanterweise sind unter den Top 20 Fernsehsendungen in Deutschland gleich mehrere Berufsgruppen vertreten (Tabelle 1): • Polizisten, Juristen, etc: Tatort, Navy CIS, Criminal Minds, CSI - Den Tätern auf der Spur, CSI: Miami, CSI: NY, Alarm für Cobra 11 - Die Autobahnpolizei • Mediziner: Scrubs - Die Anfänger, Grey's Anatomy - Die jungen Ärzte • Naturwissenschaftler: The Big Bang Theory 1 http://www.bmbf.de/_media/press/pm_20100906-147.pdf, Zugriff am 25. Juni 2015 2 http://www.zeit.de/karriere/beruf/2011-05/berufswahl-jugendliche, Zugriff am 25. Juni 2015 3 http://www.telegraph.co.uk/education/6348107/CSI-fuels-forensic-science-degree-rise.html, Zugriff am 25. Juni 2015 4
TABELLE 1: Ranking der beliebtesten Fernsehserien in Deutschland im Jahr 2014. Mehr als 25 Prozent der Befragten im Alter von 14 bis 49 Jahren gaben an, die Sitcom The Big Bang Theory regelmäßig oder sogar jede Folge der Sitcom zu schauen. Erhebungszeitraum: 28.07.2014 bis 31.07.2014, 14-49 Jahre, Online-Umfrage, 729 Befragte, Quelle: http://de.statista.com/statistik/daten/studie/318235/ umfrage/ranking-der-beliebtesten-fernsehserien-in-deutschland/ Zugriff am 25. Juni 2015 Fernsehserie [%] The Big Bang Theory (TBBT) 25,37 How I met your Mother 22,64 Two and a Half Men 22,09 Die Simpsons 17,01 Tatort 13,85 Gute Zeiten Schlechte Zeiten (GZSZ) 13,58 Scrubs - Die Anfänger 12,62 Navy CIS 12,48 Criminal Minds 10,98 King of Queens 10,16 Grey's Anatomy - Die jungen Ärzte 9,47 CSI - Den Tätern auf der Spur 9,19 The Walking Dead 8,92 CSI: Miami 8,65 CSI: NY 8,64 Game of Thrones 8,37 Sex and the City 8,23 Alarm für Cobra 11 - Die Autobahnpolizei 7,82 Supernatural 7,81 Malcolm mittendrin 7,68 Für das Wissenschaftsmarketing in Deutschland gibt es also zunächst eine sehr gute Nachricht: Zu den mit Abstand beliebtesten Fernsehsendungen bei Jugendlichen (14- 19 Jahre) gehören Sitcoms wie The Big Bang Theory – eine Serie über das Privat- und Berufsleben von US-amerikanischen Naturwissenschaftler_innen (JIM-Studie, 2014 (Feierabend et al. 2014)). Bei den 14 bis 49-Jährigen belegt The Big Bang Theory sogar den ersten Platz im Ranking der beliebtesten Fernsehserien. Mehr als 25 Prozent der Befragten gaben an, die Serie regelmäßig oder sogar jede Folge der Sitcom zu schauen. 5
Zur Illustration der Bedeutung der Serie folgende Rechnung: 10,8 Prozent 4 der Deutschen sind im Alter von 14 – 24 Jahren. Rund 26 Prozent der Jugendlichen gaben in der JIM-Studie 2014 The Big Bang Theory als ihre Lieblingsserie an. Bei einer Einwohnerzahl von 81,1 Millionen Menschen, ist davon auszugehen, dass das Bild von Wissenschaft in den Köpfen von mehr als zwei Millionen deutscher Jugendlicher von The Big Bang Theory beeinflusst wird. Eine beachtliche Reichweite. Grund genug für alle, die sich um Nachwuchs für die Wissenschaft sorgen, zu fragen: Wie werden Wissenschaftler_innen in The Big Bang Theory dargestellt? Ist die Serie gut oder schlecht für das Image von Wissenschaft und Forschung. Und wie könnte das Wissenschaftsmarketing den Hype um die Serie nutzen? 1.2 WARUM THE BIG BANG THEORY UND WORUM GEHT ES DA? The Big Bang Theory (TBBT) ist eine US-amerikanische Sitcom mit derzeit 8 Staffeln (insgesamt 183 Folgen). Ihre amerikanische Erstaustrahlung erfolgte 2007 und seit 2009 wird sie auch in Deutschland ausgestrahlt. TBBT ist außergewöhnlich, weil alle Hauptpersonen Wissenschaftler_innen sind und deren Privat- und Berufsleben gezeigt wird. Meines Wissens gibt es nur eine vergleichbare Serie: „Eureka – Die geheime Stadt“ (Genre: Science-Fiction/ Dramedy). Und wichtiger noch, TBBT ist die einzige mir bekannte erfolgreiche Wissenschafts-Comedy- Sendung (siehe dazu auch Weingart et al. 2003). Im Zentrum der Serie stehen die zwei Physiker, Dr. Sheldon Cooper und Dr. Leonard Hofstaedter sowie deren Nachbarin Penny. Sheldon und Leonard wohnen zusammen in einer Wohngemeinschaft und arbeiten am selben Institut der Physik, am California Institute of Technology (Caltech). Leonard und Penny befinden sich über mehrere Staffeln hinweg in einer On/Off-Beziehung. Howard Wolowitz und Dr. Rajesh Koothrappali arbeiten ebenfalls am Caltech und sind beste Freunde. Sheldon, Leonard, Howard und Rajesh („die Jungs“) verbringen regelmäßig ihre Freizeit zusammen – meist in Leonard und Sheldons Wohnung. Amy ist in einer Beziehung 4 http://de.statista.com/statistik/daten/studie/7082/umfrage/anteil-jugendlicher-an-der- gesamtbevoelkerung-der-eu-staaten/, Zugriff am 25. Juni 2015 6
mit Sheldon und Bernadette ist die Verlobte und spätere Ehefrau von Howard. Die drei Frauen treffen sich gelegentlich für Frauenabende. Handlung und Komik der Serie entstammen den Problemen der Charaktere und ihren Beziehungen zueinander. Allen voran die Eigenarten des Sonderlings Sheldon und die Probleme die er seinen Mitmenschen macht. Die männlichen Hauptcharaktere werden häufig als „Nerds“ bezeichnet. Nerds sind unattraktive Außenseiter, die sich in besonderem Maße für Themen wie Wissenschaft, Technologie, Science-Fiction und Fantasy interessieren (vgl. 2.5., Nerd-Begriff). Penny hingegen ist der stereotype Anti-Nerd. Viele Konflikte speisen sich aus diesem Spannungsfeld. 1.3 WARUM DIESE ARBEIT WICHTIG IST Das Fernsehen kann Informationsquelle für Jugendliche über den Beruf Wissenschaftler_in sein (Steinke et al. 2006). Insgesamt sind Wissenschaftler_innen im Fernsehen vergleichsweise selten anzutreffen (Gerbner 1987; Dudo et al. 2010). Neben der Häufigkeit ist aber vor allem die Art und Weise wichtig, wie Wissenschaftler_innen im Fernsehen auftreten. Die Sozialpsychologie nennt in diesem Zusammenhang den Mechanismus des Selbst-Prototyp-Abgleichs (siehe 2.2 und Hannover & Kessels 2004). Kurz: Jugendliche vergleichen ihr Selbstbild mit stereotypen Vertretern der relevanten Berufsgruppe (person-in-situation-prototypes), um zu entscheiden, welchen Berufsweg sie einschlagen. Hoch interessant ist daher die Frage mit welchen Eigenschaften die Wissenschaftler_innen in TBBT versehen werden. Aufgrund der enormen Popularität der Serie kann die hier vorliegende Arbeit indirekt auch als Stimmungsmesser für Wissenschaftkommunikator_innen und -manger_innen dienen. Obwohl sie in ihrer Aussagekraft keinesfalls mit einer repräsentativen Umfrage vergleichbar ist, kann sie Information über gängige Stereotype von Wissenschaft und seiner Akteur_innen liefern. Ob die Drehbuchautoren bereits existierende Stereotype aufgreifen und verstärken oder ihre eigenen Vorstellungen als (neue) Stereotype etablieren, hat im gesellschaftlichen Kontext eine ähnliche 7
Konsequenz. Fakt ist, dass fiktive Wissenschaftler_innen zu einem gewissen Maße real existierende Stereotype des Berufs Wissenschaftler_in repräsentieren. Nicht zuletzt sei erwähnt, dass sich um TBBT eine riesige Fangemeinde gebildet hat. Geschickte Kommunikator_innen nutzen den Hype um TBBT. Denkbar wären popkulturelle Referenzen zu TBBT als Aufhänger für Wissenschaftkommunikation, beispielsweise eine öffentliche, wissenschaftliche Vorlesung zur Physik in TBBT. Diese Arbeit bietet einen Eindruck über die Themen und die Struktur der Serie. Eine qualitative Inhaltsanalyse der Darstellung von Wissenschaft und des Wissenschafts-berufs in TBBT ist daher aus drei Gründen interessant: Sie • ist wichtige Grundlage einer Bewertung der Serie hinsichtlich möglicher positiver und negativer Effekte auf die Nachwuchsförderung für die Wissenschaft. • liefert Wissenschaftskommunikator_innen und –manager_innen Informationen über gängige Stereotype das System Wissenschaft und seine Akteur_innen betreffend. • versorgt Wissenschaftkommunikator_innen mit Informationen über den Inhalt der beliebtesten (Wissenschafts-)Sendung Deutschlands. 1.4 ÜBERBLICK ÜBER DIE ARBEIT Zunächst möchte ich die Leser_innen dieser Arbeit über den Stand der Forschung zum Bild der Wissenschaftler_in im Unterhaltungsfernsehen informieren (2.1). Auch werde ich Studien zu TBBT vorstellen (2.2) und relevante theoretische Konzepte einführen (2.4). Nachdem ich dann das Genre Sitcom (2.4) und den für diese Arbeit wichtigen „Nerd“-Begriff (2.5) vorgestellt habe, konkretisiere ich meine Forschungsfragen (3.). Unter 4. finden sich alle Informationen zur Methode dieser Arbeit, inklusive einer Begründung der Methodenwahl (4.1) sowie Hinweisen zur Filmanalyse (4.2). Die Ergebnisse dieser Arbeit werden in fünf Kapiteln im Ergebnisteil (5.) dargestellt. Den Ergebnissen folgen schließlich Diskussion und Ausblick (6.). 8
2. FORSCHUNGSSTAND UND HINTERGRUND 2.1 DIE ABBILDUNG VON WISSENSCHAFT UND SEINEN AKTEUR_INNEN IM FERNSEHEN Wissenschaft im Fernsehen ist keinem speziellen Genre zugeordnet. Wissenschaftliche Themen finden sich typischerweise in Magazinen, Ratgebern, Dokumentationen, Talkshows (Lehmkuhl 2010). Lehmkuhl definiert solche Sendungen als Wissenschaftssendungen. Er bedient sich dabei inhaltlicher Merkmale. So ist eine Sendung für Lehmkuhl dann eine Wissenschaftssendung, wenn sie Forschungsergebnisse zeigt oder Themen aus der Lebenswelt der Zuschauer_innen (z. B. Gesundheitsfragen) mit wissenschaftlichen Erklärungen verbindet. In seiner Erhebung zählt Lehmkuhl 94 Sendungen mit wissenschaftlichem Inhalt im deutschen Fernsehen (2007 und 2008). Deren Marktanteil beträgt (nur) 1 Prozent. F IKTIONALE W ISSENSCHAFTLER _ INNEN Wissenschaftler_innen gibt es auch im Unterhaltungsfernsehen. Meist handelt es sich bei den Wissenschaftler_innen im Unterhaltungsfernsehen um fiktive Charaktere. Typischerweise sind solche fiktiven Charaktere im Science-Fiction Genre anzutreffen (vgl. 5.6). Dudo et al. (2010) untersuchten die Darstellung von Wissenschaftler_innen im US- amerikanischen Prime-Time-Fernsehen in den Jahren 2000 bis 2008. Nur 1 Prozent der fast 3000 untersuchten Charaktere waren Wissenschaftler_innen. Sieben von zehn Charakteren waren männlich, 87 Prozent waren weiß. Weingarts (2003) Analyse von mehr als 200 Filmen kam zu einem ähnlichen Ergebnis (96 % weiß, 82 % männlich). Die Charaktereigenschaften mit denen Wissenschaftler_innen im Fernsehen belegt werden sind vielfältig. Studien zur Darstellung von Wissenschaftler_innen im Fernsehen zeichnen kein eindeutiges Bild (Nisbet & Dudo 2013). Vielmehr machen sie deutlich, dass verschiedene Typen existieren. Nisbet (2013) identifiziert beispielsweise vier Archetypen: (1) Dr. Frankenstein – ein Bösewicht, der moralisch verwerfliche Experimente macht, (2) Powerless pawn – eine Wissenschaftler_in im Dienste von Regierung oder Militär, die nur Spielball der Hauptpersonen ist, (3) 9
Eccentric geek – eine verschrobene Forscher_in, die sich ganz und gar der Wissenschaft widmet, und (4) Hero, die Protagonist_in und Weltretter_in, welche die Handlung dominiert. Wissenschaftler_innen sind intelligent (Gerbner 1987; Long et al. 2010). Ihr Verhalten widerspricht sozialer Normen: Sie sind zerstreut, exzentrisch und es mangelt ihnen an sozialer Kompetenz im Umgang mit Mitmenschen (Nisbet & Dudo 2013; Van Gorp et al. 2014; Long & Steinke 1996). Ihr Handeln wird deutlich häufiger als gut statt böse kategorisiert (Weingart et al. 2003; Dudo et al. 2010; Nisbet & Dudo 2013). Stereotype Wissenschaftler_innen sind alleinstehend (Weingart et al. 2003, Gerbner 1987; Steinke 2005) und oft einsam (Van Gorp et al. 2014). Die Arbeit der Wissenschaftler_innen kann mitunter gefährlich sein (Gerbner 1987; Long & Steinke 1996, Dudo et al. 2014). Diese Befunde passen zu den Ergebnissen sogenannter Draw-A-Scientist-Tests. In diesem Test werden Kinder gebeten, Wissenschaftler_innen zu zeichnen (Chambers 1983). Die Zeichnungen werden dann analysiert. Der Draw-A-Scientist-Test wurde in seiner ursprünglichen und auch in einer weiterentwickelten Form in verschiedenen Ländern mit verschieden alten Kindern wiederholt. Van Gorp 2014 fasst die Ergebnisse solcher Studien folgendermaßen zusammen: Kinder zeichnen Wissenschaftler_innen oft in weiße Laborkitteln mit Symbolen für Gefahr und Geheimniskrämerei. Die Wissenschaftler_innen werden hässlich und unmodisch gezeichnet. Die Wissenschaftler_innen sind alleine und werden nicht mit sozialem Umfeld gezeigt. Die Wissenschaftler_innen in den Zeichnungen scheinen von ihrer Arbeit vereinnahmt zu sein. V ON BESONDEREM INTERESSE : D IE W ISSENSCHAFTLERIN Weibliche Charaktere im Prime Time-Fernsehen nehmen oft stereotype weibliche Rollenbilder ein (Lauzen et al. 2008). Verglichen mit männlichen Charakteren, dreht sich ihr Handeln häufiger um zwischenmenschliche Beziehungen in Familie, Freundschaft und Liebe. Flicker (2003) untersuchte Wissenschaftlerinnen in Filmen und kam zum Ergebnis, dass sich die Darstellung der Wissenschaftlerinnen auf deren Attraktivität und Liebesbeziehungen konzentriert. Flicker identifiziert sechs Typen: Die alte Jungfer, das Mannsweib, die naive Expertin, die Verschwörerin, die Tochter oder die Assistentin und die Heldin. Besonders auffallend: „Die naive Expertin“– eine Wissenschaftlerin, deren Handlung nicht durch Beiträge ihrer wissenschaftlichen 10
Expertise bestimmt ist, sondern durch ihr gutes Aussehen. Sie ist emotional in die Handlung verwickelt. Steinke (2005) beobachtete Wissenschaftler_innen aber auch in Führungspositionen und widersprach der Flicker-Studie diesbezüglich. Steinke (2005) beschreibt Wissenschaftlerinnen als „project directors or equal members of research teams, knowledgeable, articulate, outspoken, driven, confident, competent, creative, and independent”. E XKURS : V IDEOSPIELE , Y OU T UBE UND CO . Dudo et al (2014) analysierten das Wissenschafts-Bild in Video Spielen. Wissenschaftler_innen sind dort als wohltätig, motiviert, friedfertig, nerdy und exzentrisch beschrieben. Eine andere Studie widmete sich Wissenschafts-Charakteren in der westlichen Literatur (Haynes 2003). Haynes beschreibt sieben Typen: (1) die Alchimist_in, (2) die Abenteurer_in, (3) die noble Wissenschaftler_in und Weltretter_in, die (4) törichte, (5) unmenschliche, (6) böse und gefährliche und (7) hilflose Wissenschaftler_in, der die Kontrolle über seine Arbeit verliert. Laut der JIM- Studie 2014 spielen gerade Videoportale wie YouTube eine große Rolle für Jugendliche. Hier fehlen aufschlussreiche Studien. Allgaier (2013) weist darauf hin, dass Wissenschaft(ler_innen) auch in Musikvideos zu finden sind und nimmt eine erste Kategorisierung der Videotypen vor. Und Welbourne & Grant (2015) untersuchten Wissenschafts-Youtubes auf Erfolgskriterien zur Erhöhung der Klickzahlen. 2.2 FORSCHUNG ZU TBBT Zum Zeitpunkt der Anfertigung dieser Arbeit waren mir drei Studien bekannt, die sich mit Wissenschaft in TBBT beschäftigen. Monika Bednarek (2012) analysiert die Serie aus einer sprachwissenschaftlichen Perspektive. Bednarek zeigt anschaulich, wie durch Sprache Charaktereigenschaften transportiert werden. Sie tut dies am Beispiel von Sheldon, einer der Hauptpersonen. Bednarek beschreibt Sheldon als sehr von sich und seiner Intelligenz überzeugt. Er ist regelverliebt, sozial inkompetent und zeigt diverse Nahrungs- und Gesundheitsticks. Sie beschreibt Sheldon und die anderen männlichen Hauptpersonen als stereotype 11
„Nerds“ (vgl. 2.5). Bednarek verweist aber auch auf die Einzigartigkeit und Vielfalt der Charaktere. Heather McIntosh (2014) konzentrierte sich in ihrer Analyse auf Geschlechterrollen in TBBT. Sie identifiziert im Charakter Bernadette den Typ „naive Expertin“ (vgl, 2.2 und Flicker 2003). Obwohl Bernadette sehr intelligent und beruflich erfolgreich ist, ist ihre wissenschaftliche Expertise nie Thema der Sendung. Anders ist das im Fall der Neurobiologin Amy, die oft als ebenbürtige Wissenschaftlerin zu Sheldon auftritt. Der erst kürzlich erschienene Artikel von Li et al (2015) hat einen ersten Versuch unternommen, die Wirkung der Serie empirisch zu untersuchen. In ihrem Artikel untersuchte Li et al Fokus-Gruppen-Diskussion. Die Studie wollte wissen, was Zuschauer_innen der Serie über „the nature of science“ (die Natur der Naturwissenschaften) lernen. Teilnehmer_innen der Fokus-Gruppen hatten mindestens 50 Prozent der ersten vier Staffeln gesehen. Aus den Diskussionen wurde deutlich, dass Teilnehmer_innen drei Aspekte über Naturwissenschaft gelernt hatten: (1) Naturwissenschaft geht empirisch vor, (2) sie ist subjektiv und theorielastig, (3) Privat- und Arbeitsleben der Wissenschaftler_innen sind miteinander verwoben. 2.3 RELEVANTE THEORIEN Wie wirkt das Medium Fernsehen auf das Weltbild seiner Zuschauer_innen? Und wie könnte es deren Entscheidungen beeinflussen? Im Kontext dieser Frage, sind zwei Theorien interessant: Die Kultivationshypothese und der Selbst-Prototypen-Abgleich. K ULTIVATIONSHYPOTHESE Seit mehr als 30 Jahren untersucht George Gerbner die Wirkung des Fernsehens auf die Zuschauer_innen. Die Forschungsgruppe um Gerbner gilt als Begründerin der Kultivationshypothese (cultivation theory). Sie besagt, dass Vielseher_innn eher dazu neigen, ein Weltbild innezuhalten, das sich aus Botschaften, Bildern und Geschichten des Fernsehen speist, als Menschen die seltener fernsehen. Nach Gerbner schaffen (kultivieren) sich Vielseher_innn mit Hilfe der Informationen aus dem Fernsehen ein eigenes Weltbild. Problematisch kann es dann werden, wenn das kultivierte Weltbild stark von der Realität abweicht. Eine Analyse auf Basis der Kultivationshypothese 12
untersucht die Beziehung zwischen Botschaften aus dem Fernsehen und dem Weltbild der Zuschauer_innen. Eine solche Untersuchung besteht aus drei Schritten (Gerbner et al. 1986): (1) Analyse von strukturellen und politischen Hintergründen der Fernsehproduktion (institutional process analysis), (2) detaillierte Inhaltsanalyse des Fernsehprogramms (message system analyses), (3) Rezipient_innnenbefragung, mit dem Ziel zu prüfen, inwiefern das Weltbild der Vielseher mit dem des Fernsehens übereinstimmt. S ELBST -P ROTOTYPEN -A BGLEICH Wie entscheiden Jugendliche, welchen Berufsweg sie einschlagen? Die Psychologie kennt sogenannte Entscheidungsheuristiken – Mechanismen, die uns bei der Entscheidungsfindung helfen. Besonders interessant im Kontext dieser Arbeit, ist der sogenannte Selbst-Prototypen-Ablgleich (self-to-prototype matching). Dabei handelt es sich um eine Entscheidungsheuristik aus der Sozialpsychologie. Daran angelehnt postuliern Hannover und Kessels (2004) einen Mechanismus nach dem Schüler_innen Studienfächer auswählen (siehe auch Ryan 2014). Der Selbst-Prototypen-Abgleich besagt, dass wir zur Entscheidungsfindung unser Selbstbild (self-prototype) mit verfügbaren stereotypen Vertreter_innn (person-in-situation-prototypes) der für die Entscheidung relevanten Gruppe vergleichen. Im Schulkontext heißt das: Wenn sich Abiturient_innen überlegen, in welches Studienfach sie sich einschreiben, dann gleichen sie ihr Selbstbild mit ihnen bekannten Vertreter_innen (Studierende, Lehrende, etc.) dieses Faches ab. Eine Übereinstimmung beeinflusst die Entscheidung positiv. Diese Prototypen (person-in-situation-prototypes) können auch konstruierte Prototypen, die nur in den Köpfen der Jugendlichen existieren, beispielsweise bekannte Persönlichkeiten, sein. Es liegt nahe, dass diese Prototypen auch von Popkultur wie dem Unterhaltungsfernsehen beeinflusst werden können. Die Charaktere in TBBT können solche Prototypen sein oder bestehende Prototypen beeinflussen. In einer anderen Arbeit konnte Hannover & Kessels (2002) zeigen, dass Prototypen in den Köpfen der Schüler_innen verändert werden können, indem Schüler_innen mit widersprüchlichen Informationen zu ihren Prototypen konfrontiert werden. 13
2.4 DAS MEDIUM SITCOM Die Sitcom ist ein Klassiker im Unterhaltungsfernsehen. Seit den 50er-Jahren erfreut sie sich großer Popularität. Die Sitcom zeigt Szenen aus dem Alltag der US- amerikanischen Mittelschicht. Dabei will sie auf humoristische Weise unterhalten. Essentiell ist, dass die Zuschauer_innen mit gewissen sozialen Normen vertraut sind, die dann von den Charakteren in der Sitcom missachtet werden. Die Zuschauer_innen müssen diese sozialen Normen kennen oder werden im Rahmen der Sitcom darüber informiert. Richard Taflinger5 beschreibt folgenden stereotypen Aufbau der Sitcom: • Exposition: Kurze Teaser-Szene, die die Charaktere zeigt und das Thema der Folge einführt, gefolgt vom Vorspann. • Problem: Einführung des Problems. Die Charaktere werden mit einem moralischen oder emotionalen Dilemma konfrontiert. • Komplikation: Verschlimmerung des Problems. Der ursprüngliche Plan zur Problemlösung geht nicht auf. Die Charaktere müssen sich weiterentwickeln um das Problem zu lösen. • Krise: Die Charaktere werden zu einer Entscheidung gezwungen oder die Situation erreicht einen neuen Tiefpunkt. • Klimax: Die Strategie der Charaktere zur Problemlösung geht auf. • Auflösung: Die natürliche Ordnung – das Equilibrium – ist wieder hergestellt. Die Charaktere einer Sitcom sind laut Taflinger „not human, but humanoid.“ Die Charaktere scheinen menschlich – echt –, aber sind im Dienste der Sitcom überzeichnet. Die Eigenschaften der Charaktere werden übertrieben dargestellt. Sie sind nicht komplex, sondern folgen Stereotypen. Auch nach vielen Folgen haben sich die Charaktere in der Regel kaum verändert. Die Hauptcharaktere sind in jeder Folge zentrales Element. Begleitende Charaktere dienen ausschließlich der Unterstützung, sie nehmen keine führende Rolle ein. Ihr Erscheinen ist meist nur von kurzer Dauer und dient der Komik. 5 Taflinger, R.E. Sitcom: What it is, how it works. http://public.wsu.edu/~taflinge/sitexam.html Zugriff am 22. Juni 15, 2015 14
2.5 DER NERD-BEGRIFF Der englische Begriff „Nerd“ ist eng mit der Serie TBBT verbunden. Er wird von den Charakteren in der Show verwendet. So bezeichnen sie sich beispielsweise selbst als „Nerds“: /// # 1. 618, 7:10min – [in Howards High School] Howard: Das letzte Mal als ich hier war, war ich nur ein schmächtiger kleiner Nerd. Leonard: Und jetzt bist du zusätzlich ein Astronaut. /// Und auch in der öffentlichen Wahrnehmung der Serie taucht der Nerd-Begriff häufig auf. Auf der Seite des Fernsehsenders ProSieben liest man beispielsweise: „Wie jeder der Nerds hat auch er [Leonard] große Schwierigkeiten Frauen kennenzulernen oder Beziehungen mit ihnen zu führen, da er sehr schüchtern ist.“6 Oder: „Nach dem überraschenden ‚The Big Bang Theory‘-Finale der achten Season wollen die Fans der Nerds nur eins wissen: Werden Amy und Sheldon wieder zusammenkommen?“7 Und der Westen schreibt: „Zusammen machen sie, was Nerds so machen. Lachen über physikalische Witze, spielen Videospiele, lösen Matheaufgaben.“8 Im Zusammenhang mit dem Nerd-Begriff taucht häufig ein weiterer Begriff auf: „der Geek“. Um zu klären, für welche Themen sich jeweils Nerds oder Geeks interessieren, untersuchte der Wissenschaftler und Software-Entwickler Burr Settles 2,6 Millionen Tweets des Kurznachrichtendiensts Twitter im Zeitraum 06.12.2012 – 03.01.2013. Er untersuchte die Twitter-Daten auf Wörter, die im Zusammenhang mit „Geek“ und „Nerd“ verwendet wurden. Das Ergebnis in Abbildung 1 zeigt die Themenfelder „Geek“ (orange) und „Nerd“ (blau). Nerds und Geeks interessieren sich für diese Themenfelder. Für Geeks sind das eher Produkte, sie sind Fans eines Produkts (z. B. „Samsung“). Nerds interessieren sich eher für Technik und Wissenschaft. Die Charaktere in TBBT sind also eher Nerds, da sie sich für Wissenschaftsthemen interessieren. 6 http://www.prosieben.de/tv/the-big-bang-theory/darsteller/leonard-johnny-galecki Zugriff am 26. Juni 2015 7 http://www.prosieben.de/stars/news/the-big-bang-theory-staffel-9-liebescomeback-bei-amy-und- sheldon-ungewiss-067677 Zugriff am 26. Juni 2015 8 http://www.derwesten.de/panorama/gags-aus-der-geisterwelt-id10665704.html Zugriff am 26. Juni 2015 15
Monika Bednarek (2012) beschreibt den typischen Nerd mit folgenden Eigenschaften: - intelligent und wissbegierig - (übersteigertes) Interesse an Wissenschaft und Technologie, insbesondere Computer - Interesse an Sci-Fi und Fantasy und damit verbundenen Hobbies und Aktivitäten - verhaltensauffällig, zurückgezogen, sozial isoliert, kommunikativ schwach, mangelnde Sozialkompetenz - nicht attraktiv, unsportlich (zum Beispiel: sehr dünn oder übergewichtig, Brille tragend, etc.) - weiß/mitteleuropäisch aussehend - sexuell inaktiv In dieser Arbeit verwende ich den Nerd-Begriff, wie er von Monika Bednarek beschrieben wird. Es sei aber darauf hingwiesen, dass sich der Nerd-Begriff konstant weiterentwickelt. 16
ABBILDUNG 1: Nerd- und Geek-Themen. Die Abbildung zeigt die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Wort im Zusammenhang mit dem Wort „geek“ vs. dem Wort „nerd“ in einem Tweet erwähnt wird. Quelle: Settles, B., On „Geek“ Vs „Nerd“ https://slackprop.wordpress.com/2013/06/03/on-geek- versus-nerd/, Zugriff am 25. Juni 2015 3. FORSCHUNGSFRAGEN H INTERGRUND DES F RAGESTELLERS Die Genese der Forschungsfragen erklärt sich im Kontext meiner Interessen. Im Masterstudium Wissenschaftsmarketing und –kommunikation interessiere ich mich für vielfältige Formen der Wissenschaftskommunikation. Besonders begeistern mich neue, interaktive Formen der Wissensvermittlung: Ich interessiere mich für Projekte und Initiativen, die im Feld des „Public Engagement in Science and Technology (PEST)“ angesiedelt sind. Meine Schwerpunkte sind Online-Kommunikation und 17
Soziale Medien (Wissenschaftskommunikation 2.0), strategische Wissenschafts-PR und interaktive Veranstaltungsformate. Beruflich war ich bis kurz vor Abgabe dieser Arbeit im Bereich der Nachwuchsförderung (MINT-Förderung) im Projekt Junior Science Café der Initiative Wissenschaft im Dialog tätig. Aktuell arbeite ich im Veranstaltungsbereich und organisiere unter anderem die Wissenschaftsnächte in Berlin und Hamburg. Aus Studium und Beruf weiß ich, dass Wissenschaftsvermittlung und Nachwuchsförderung in den unterschiedlichsten Formen (und Medien) stattfinden kann. Besonders interessant für Jugendliche ist nach wie vor das Medium Unterhaltungsfernsehen (1.1). Insbesondere erfreut sich die Sitcom TBBT großer Popularität unter Jugendlichen. Vor der Anfertigung dieser Forschungsarbeit habe ich rund 60 fiktive Wissenschaftler_innen in kontemporären Fernsehsendungen und Filmen analysiert und verblogged (www.tumblr.com/jjjweiss). Ich kam zum Schluss, dass TBBT einmalig ist. So konzentriert sich TBBT als eine der wenigen Unterhaltungssendungen im deutschen Fernsehen auf Privatleben und Beruf von Wissenschaftler_innen. Deshalb und wegen der enormen Popularität der Sendung habe ich mich für das Forschungsfeld Wissenschaft im Unterhaltungsfernsehen am Beispiel der Serie TBBT entschieden. F ORSCHUNGSFRAGEN In meiner Arbeit möchte ich die Darstellung von Wissenschaft in TBBT auf drei Aspekte hin untersuchen: (1) Persönlichkeit, (2) Berufsbild und (3) Themen. Persönlichkeit Wissenschaftler_in: • Forschungsfrage 1: Mit welchen Eigenschaften und Stilmitteln werden die Wissenschaftler_innen in TBBT versehen? • Forschungsfrage 2: Für welche privaten Themen interessieren sich die Wissenschaftler_innen? Berufsbild Wissenschaftler_in • Forschungsfrage 3: Welche Tätigkeitsfelder des Berufs Wissenschaftler_in werden gezeigt und welche nicht? • Forschungsfrage 4: Wie werden Arbeitsumfeld und Arbeitsweise dargestellt? 18
Welche wissenschaftlichen Themen kommen vor? • Forschungsfrage 5: Welche wissenschaftlichen Themen kommen in TBBT vor? • Forschungsfrage 6: Auf welche Art und Weise werden wissenschaftliche Themen dargestellt? 4. METHODE 4.1 MATERIAL VERDICHTEN UND BESCHREIBEN - DIE QUALITATIVE INHALTSANALYSE (QIA) Zum Zeitpunkt der Anfertigung dieser Arbeit gab es 183 Folgen in acht Staffeln TBBT. Das sind insgesamt knapp 65 Stunden Filmmaterial – eine enorme Menge an Forschungsmaterial. Das Ziel dieser Arbeit ist es, die volle Komplexität dieses Materials zu erfassen und es hinsichtlich der Fragestellungen zu beschreiben. Dafür bedarf es einer systematischen Methode, die das Material reduziert. Ziel ist es, die thematische Struktur der Serie zu beschreiben (siehe 3.). Folglich braucht es im ersten Schritt eine deskriptive Methode, die dem Forschenden dabei hilft, das Material systematisch zu verdichten, um wesentliche Inhalte zur Beantwortung der Forschungsfragen herauszuarbeiten. In einem zweiten Schritt, können die Befunde dann in einen Kontext eingebettet und diskutiert werden. Für die Verdichtung von fixierter Kommunikation (Text, Dokument, Video) eignet sich die qualitative Inhaltsanalyse (QIA). Die QIA ist eine kommunikations- und sozialwissenschaftliche Methode. Bei der QIA handelt es sich um eine kategoriengeleitete Kommunikationsanalyse, die im Wesentlichen Folgendes leistet (Mayring 2010): • QIA analysiert (fixierte) Kommunikation. • QIA ist systematisch. • QIA ist regelgeleitet. 19
• QIA ist theoriegeleitet. • QIA verfolgt das Ziel, „Rückschlüsse auf bestimmte [für die Forschungsfragen relevante], Aspekte der Kommunikation zuziehen.“ Bezeichnend ist vor allem die systematische Herangehensweise einer QIA (Schreier 2012). Die QIA folgt immer der gleichen strukturierten, methodischen Vorgehensweise. Nach Sichtung und Eingrenzung des Materials, wird ein inhaltsanalytisches Kategoriensystem entwickelt. Hierbei sind genaue Regeln zu befolgen. Es werden Hauptkategorien, auch Dimensionen genannt und (Unter)- Kategorien gebildet. In einer QIA werden Kategorien zumindest teilweise am Material (induktiv) entwickelt, können aber auch theoriegeleitet (deduktiv) entwickelt werden. Die Entscheidungen des Kodierers sind folglich regelgeleitet, wodurch die Interpretationsleistung des Kodierers eingeschränkt und die QIA intersubjektiv nachvollziehbar wird. Das Kodiersystem wird dann auf das gesamte Material angewendet. So wird sichergestellt, dass keine Aspekte herausfallen (hohe Inhaltsvalidität), die nicht mit den Vorannahmen des Forschenden übereinstimmen. Wesentliche Eigenschaft der QIA – und Entscheidungsgrundlage für die Wahl der Methode in dieser Arbeit – ist die Fähigkeit große Datenmengen zu reduzieren. Die Methode ist darauf ausgerichtet, das für die Forschungsfrage relevante Material von unwichtigem Material zu trennen. Sie ermöglicht es, die thematische Struktur der für die Fragestellung relevanten Inhalte des Materials herauszuarbeiten. Sie ist eine deskriptive Methode (Schreier 2012). Mit Hilfe der QIA fasst der Forschende relevante Inhalte im Material zusammen. Er tut dies, indem er das Material zunächst segmentiert und den Kodiereinheiten Kategorien zuordnet. In einem zweiten Schritt werden die Kategorien und deren Zusammenhänge beschrieben. Im Mittelpunkt der QIA steht die Analyse der thematischen Struktur des Materials, nicht die sozialwissenschaftliche Theoriebildung (Schreier 2012), entsprechend eignet sie sich für die Bearbeitung der Forschungsfragen, die vor allem auf die Inhalte der Serie fokussieren. Daher wurde für diese Arbeit die Methode der inhaltlich- strukturierende Inhaltsanalyse nach Schreier 2012 ausgewählt. 20
Hinweis: Im Gegensatz zu quantitativen Methoden will die QIA keine statistischen Zusammenhänge im Material entdecken, sondern dessen thematische Struktur beschreiben. Dennoch ist die QIA anschlussfähig an quantitative Analysen (wie hier auch geschehen, siehe 5.1). 4.2 BESONDERHEITEN DER FILMANALYSE Die QIA ist nicht auf eine bestimmte Materialform beschränkt. Sie kann auf jede Form der fixierten Kommunikation angewendet werden. Dazu gehören Gesprächs- und Interviewprotokolle, Dokumente und auch Videomaterial (Mayring 2000; Mayring et al. 2005; Mayring 2010). Obwohl zunächst nichts dagegen spricht, die Methodik der Textanalyse eins zu eins auf die Videoanalyse zu übertragen, gilt es Besonderheiten des Mediums Film zu beachten. Reichertz et al. 2010 geben hierzu eine übersichtliche Einführung. Daraus sind im Folgenden einige relevante Punkte genannt. D IE F RAGE NACH DER S INNEINHEIT Die Textanalyse geht von Sinneinheit zu Sinneinheit, beispielsweise von Satz zu Satz. Die kleinste formale Einheit des Videos ist das einzelne Bild (das „Still“). Es würde wenig Sinn machen von Bild zu Bild zu gehen. Reichertz & Englert (2010) schlagen als Sinneinheit den „Move“ vor, er ist definiert als „relevante Bewegung im Spiel, im Handlungsgeschehen (...), also eine Bewegung, die im Abstimmungsprozess der Handelnden Bedeutung und Folgen hat". Der Move, wie ihn Reichertz et al. beschreiben, ist die für diese Arbeit verwendete Kodiereinheit (siehe 4.2). T RANSKRIBIEREN ODER NICHT Eine Transkription von Videomaterial ist mit enormen Anstrengungen verbunden. Darüber hinaus weisen Reichertz et al. darauf hin, „dass [mit der Videotranskription] die „Bedeutungsfülle des Audio-visuellen unwiederbringlich verloren geht“. Glücklicherweise bieten moderne Videoanalyseprogramme die Möglichkeit, jeden Move direkt im Programm zu annotieren, zu kategorisieren und zu analysieren. Eine Videointerpretation ist damit direkt am Material möglich, ohne Informationsverlust durch Transkriptionsversuche. In dieser Arbeit wurde daher auf umfangreiche 21
Transkripte verzichtet. Die QIA wurde mit Hilfe des Programms Atlas.ti durchgeführt (siehe 4.2). Ganz ohne Transkripte kommt aber auch diese Arbeit nicht aus, daher folgende Anmerkungen zu den Textbelegen bzw. der Transkriptionstechnik: • Textbelege sind durch /// markiert • Textbelege sind nummeriert: #1., #2., #3. etc. • Die Herkunft des Textbelegs ist nummerisch kodiert. Beispiel: /// # 6. 523 6:30 min; bedeutet: Textbeleg Nr. 6, Staffel 5, Folge 23, 6 Minuten 30 Sekunden • Auslassungen sind mit (...) gekennzeichnet • Informationen zum Kontext zwecks Verständnis des Textbelegs sind in [] eingefügt A KTEUR _ INNEN VOR UND HINTER DER K AMERA Im Medium Film gibt es zwei Sorten von Akteur_innen: Die Akteur_innen vor der Kamera und die Akteur_innen hinter der Kamera. Neben den Darsteller_innen vor der Kamera ist auch die Handlung der Menschen hinter der Kamera von Bedeutung. Denn „die Kamera zeichnet nicht wirklich das Geschehen vor der Kamera auf, sondern sie schafft, sie konstruiert, sie komponiert einen eigenen, zweidimensionalen Bild- und Tonraum.“ (Reichertz et al. 2010). Die Handlung der Filmemacher_innen im Rahmen der Produktion und Postproduktion müssen folglich Teil der Analyse sein. Hierzu gehören: • Take (Kameraeinstellung) • Kadrierung (Cadrage: Settings, Kulissen) • Schnitt (Art und Tempo) • Montage (Verknüpfung einzelner Einstellungen) • Kommentierung (Filter, Einblendungen, Töne, Gelächter) • Kameraausrüstung • Gestaltung der Filmkopie (Format, Qualität) Eine detaillierte Analyse der oben genannten filmischen Aspekte des Materials wäre generell sicherlich interessant. Für meine Forschungsfragen sind jedoch viele dieser 22
Aspekte zu vernachlässigen. Auch ist das Format Sitcom, in Anbetracht der modernen (technischen) Möglichkeiten der Filmproduktion, filmerisch eher einfach gestrickt. Die Szenen bestehen meist nur aus wenigen Kameraeinstellungen. Es gibt keine besonderen Schnitte, Montagen, Einspielungen, Effekte und Animationen. Im Wesentlichen bestimmt die Handlung vor der Kamera das Bild. Daher wurde die Handlung des Zeigens, also die Handlung der Akteur_innen hinter der Kamera, nicht getrennt von der Handlung vor der Kamera beschrieben. Analysiert wurden Filmsets und Requisiten, Titel und Logo. Auch Trailer-Sequenz und Zwischeneinspielungen wurden analysiert. Nicht untersucht, aber sicherlich interessant, wären die Werbeeinspielungen, Sendezeit, Einbettung im Programm des Senders. Hinweis für den Leser: Um die hier vorliegende Analyse nachvollziehen zu können, ist es unabdingbar, sich mit dem Ausgangsmaterial als Video vertraut zu machen. Eine DVD mit Videomaterial ist beigefügt. Bitte machen Sie davon Gebrauch. 4.3 METHODISCHES VORGEHEN Grundlage für das hier angewandte methodische Vorgehen ist Margrit Schreiers Übersichtsartikel (Schreier 2014) und Lehrbuch (Schreier 2012) zur QIA. Schreier unterscheidet unterschiedliche Typen der QIA, ich habe die inhaltlich-strukturierende Inhaltsanalyse verwendet. Zur Kodierung und Analyse habe ich das Programm Atlas.ti verwendet. Die Software ermöglicht eine qualitative Datenanalyse von unterschiedlichen Dateiformaten: Filmsequenzen, Screenshots, Notizen sowie Textdokumente können in dem Programm verwaltet, kodiert und analysiert werden. Methodisches Vorgehen nach Schreier 2012: 1. Forschungsfrage auswählen 2. Material auswählen 3. Segmentation: Kodiereinheit definieren 4. Kategoriensystem entwickeln 5. Kategoriensystem testen und ggf. überarbeiten 6. Kodierung des gesamten Materials anhand des Kategoriensystems 7. Ergebnisdarstellung, Interpretation und Beantwortung der Forschungsfrage(n) 23
Im Folgenden werde ich die einzelnen Schritte kurz beschreiben. F ORSCHUNGSFRAGEN AUSWÄHLEN In einem ersten Schritt wurden die Forschungsfragen konkretisiert. Siehe 3. für Informationen zur Genese der Forschungsfragen. M ATERIAL AUSWÄHLEN Die Serie TBBT besteht aktuell aus acht Staffeln mit insgesamt 183 Folgen á 21 Minuten. Die deutschsprachige Erstausstrahlung fand im Juli 2009 statt. Ich habe alle Folgen bis Mitte der siebten Staffel in den Korpus des relevanten Materials aufgenommen (Folge 101-712, insgesamt 147 Folgen). Dabei handelt es sich um alle Folgen, die vor der Datenerhebung zur JIM-Studie 2014 (13. Mai bis zum 27. Juli 2014) in Deutschland ausgestrahlt wurden. Die Serie wurde in der deutschen Synchronisation analysiert, um Vergleichbarkeit herzustellen. Es ist davon auszugehen, dass die Jugendlichen im Alter von 14-19 Jahren (Befragte der JIM- Studie 2014) die Serie in deutscher Sprache sehen. Zunächst habe ich die Szenenstruktur aller Folgen analysiert und mir dazu umfangreiche Notizen gemacht. Neben einer kurzen Synopsis habe ich Auffälligkeiten zu drei thematischen Bereichen notiert: (1) Stereotype Eigenschaften der Charaktere, (2) Darstellung der Wissenschaftler_innen (3) Wissenschaftsthemen (4) Wissenschaftsorte. In dieser ersten Sichtung des Materials habe ich mehr als 50 Stunden Filmmaterial durchgesehen. So konnte ich mir einen Überblick über das Material verschaffen, um entscheiden zu können, welche Ausschnitte des Materials geeignet sind für die QIA. Im Kern meiner Analyse steht die erste Hälfte der siebten Staffel (Folge 701-712). Sie diente als Grundlage für die Entwicklung des Kategoriensystems. Zusätzlich zur siebten Staffel habe ich besonders relevante Wissenschaftsszenen hinzugezogen, die ich bei der Erstellung der Szenenstruktur identifizieren konnte. Hinweis: Für die Analyse wurde keinerlei Material außerhalb des filmischen Rohmaterials verwendet. Beispielsweise habe ich keine Fan-Fiction (Folgen, die von Fans geschrieben wurden), Fan-Wikis, Blogs, und diverse andere online- und offline- Foren berücksichtigt. 24
S EGMENTATION In der QIA wird das Material in Analyseeinheiten und Kodiereinheiten segmentiert. Die Analyseeinheiten wurde anhand von formalen Kriterien bestimmt. Die logisch sinnvolle Analyseeinheite wird vom Material selbst nahegelegt: Folgen (große Analyseeinheit) und Szenen (Analyseuntereinheit). In der Regel findet eine Szene an einem Ort statt, wechselt der Ort, wechselt die Szene. Die Segmentierung in Kodiereinheiten erfolgte anhand von thematischen Kriterien. Das heißt: Mit jedem thematischen Wechsel endet eine Kodiereinheit (siehe Abb. 2). Die Kodiereinheiten könnten auch als „Moves“ bezeichnet werden (siehe 4.3) ABBILDUNG 2: Screenshot: Kodieren mit Atlas.ti. In der linken Spalte befinden sich die Kodes (Kategorien) die zur Auswahl stehen, in der mittleren Spalte befindet sich das Videomaterial und in der rechten Spalte wird kodiert. Die einzelnen Kodiereinheiten (blaue Balken, vertikal) variieren je nach Sinneinheit (z. B. Dauer des Gesprächs über Leonards Familie). Den blauen Kodiereinheiten werden dann Kategorien (diverse Farben, horizontal) zugeordnet. K ATEGORIENSYSTEM ENTWICKELN Für Schreier 2014 ist die induktive Bildung eines Kategoriensystems essentieller Bestandteil der QIA: „Kern der inhaltlich-strukturierenden Vorgehensweise ist es, am Material ausgewählte inhaltliche Aspekte zu identifizieren, zu konzeptualisieren und 25
das Material im Hinblick auf solche Aspekte systematisch zu beschreiben“. Gängig ist aber die Kombination aus deduktiven und induktiv gebildeten Kategorien. So habe ich zunächst Kategorien deduktiv aus den Forschungsfragen abgeleitet: (1) Orte, (2) Berufsbild Wissenschaftler, (3) Wissenschaftsthemen - Was? (4) Wissenschaftsthemen - Wie? (5) Persönlichkeiten, (6) Charaktere und (7) Private Themen. Diese Kategorien eigneten sich sehr gut als Hauptkategorien (Dimensionen). Mit Hilfe des Analyseprogramms Atlas.ti (siehe Abb. 2) habe ich dann am Material – induktiv – Unterkategorien gebildet, welche immer einen Zustand der jeweiligen Hauptkategorie beschreibt. Hierfür wurden sechs Folgen der siebten Staffel kodiert (701, 702, 703, 704, 707 und 711). Jedes Mal wenn ein neues Thema auftaucht, wurde daraus eine neue Unterkategorie gebildet. Diese wurde dann entweder neue Hauptkategorie oder sie wurde einer bestehenden Hauptkategorie zugeordnet. Anschließend habe ich das Kategoriensystems überarbeitet. Die Kategorien wurden geordnet, umbenannt, mit Definitionen versehen, konzeptualisiert und zusammengelegt. T EST DES K ATEGORIENSYSTEMS Ein Test des Kategoriensystems ist unabdingbar. Hierbei sind folgende Fragen hilfreich (nach Schreier 2012): • Sind die Hauptkategorien klar voneinander abgetrennt? • Beschreibt die Unterkategorie einen Zustand der Hauptkategorie? • Sind Unterkategorien im Kategoriensystem identisch? • Schließen sich die Unterkategorien innerhalb einer Hauptkategorie gegenseitig aus? • Kann jede Kodiereinheit mindestens einer Unterkategorie zugeordnet werden? • Wird jede Kategorie mindestens einmal benutzt? • Werden alle relevanten Aspekte im Kategoriensystem abgebildet? Können nicht alle der Fragen mit „Ja“ beantwortet werden, muss das Kategoriensystem entsprechend überarbeitet werden und wird dann erneut getestet. 26
K ODIERUNG DES GESAMTEN M ATERIALS A NHAND DES K ATEGORIENSYSTEMS Nach erneutem Test des Kategoriensystems, der keine weiteren Änderungen des Kategoriensystems erforderte, war der bis dahin zirkuläre Prozess abgeschlossen. Nun wurde in einem linearen Prozess das relevante Material kategorisiert. Ein besonderer Fokus lag dabei auf wissenschaftliche Szenen: Szenen an wissenschaftlichen Orten und Szenen, die Aspekte hinsichtlich des Wissenschaftler-Berufs aufzeigen. E RGEBNISDARSTELLUNG , I NTERPRETATION , B EANTWORTUNG DER F ORSCHUNGSFRAGE Grundlage für Ergebnisdarstellung und Beantwortung der Forschungsfrage ist die Beschreibung der Kategorien. Darüber hinaus wird ein Vergleich innerhalb der Kategorien und zwischen den Kategorien thematische Zusammenhänge innerhalb des Materials offenlegen. 5. ERGEBNISSE 5.1 KAPITEL 1: ORTE Orte, also das Filmset, sind die Rahmungen der jeweiligen Szenen. Sie ordnen die Handlung vor der Kamera räumlich ein und liefern den Zuschauer_innen wichtige zusätzliche Informationen, über Interessen und Eigenschaften der Charaktere. Um die Frage zu beantworten, an welche Orten TBBT spielt, wurde die Szenenstruktur untersucht. In einem zweiten Schritt wurden dann Screenshots der Orte analysiert. Einige dieser Screenshots sind hier abgedruckt. Insgesamt wurden 1641 Szenen aus 147 Folgen kategorisiert. Eine Szene ist definiert durch den Ort, an dem sie stattfindet. Ändert sich der Ort, beginnt eine neue Szene. Fast immer werden Szenen von einer kurzen Zwischeneinspielung, der „Credit-Sequenz“, getrennt. Wird in einer Szene ein Ort eingeblendet, z. B. über ein Videotelefonat, so wurde die Szene dem Ort der Haupthandlung zugewiesen – dem Ort von dem die Handlung ausgeht 27
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