Gesundheitsfürsorge Lehrkräfte für ihren Job stärken - GEW ...

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Gesundheitsfürsorge Lehrkräfte für ihren Job stärken - GEW ...
12.
18. Februar
14. April 2022
             2021
             2022
               | 76.| 75.
                      76.
                      Jahrgang
                          Jahrgang
                          Jahrgang
                                | 4 Euro
                                    || 44 Euro
                                          Euro                                             Ausgabe
                                                                                              Ausgabe
                                                                                                   01–
                                                                                                   01–02
                                                                                                       04
                                                                                                       02 / 2022
                                                                                                            2021

bildung und wissenschaft –
Zeitschrift der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Baden-Württemberg

Gesundheitsfürsorge
Lehrkräfte für ihren Job stärken

Ukrainische Flüchtlingskinder                    Arbeitsbedingungen   Sportlehrkräfte
Deutsch lernen                                   Kitas brauchen       Gemeinsam Spaß an
und Abschluss machen                             sofort Entlastung    der Bewegung haben
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2                                                         bildung & wissenschaft 04 / 2022
Gesundheitsfürsorge Lehrkräfte für ihren Job stärken - GEW ...
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                                                                                                                                           Editorial   K R I SDEU S
                                                                                                                                                       MO

                                                                   Monika Stein,
                                                                   Landesvorsitzende

                   Foto: Evi Maziol

                                      Immer wieder
                                      für Frieden einsetzen
                                      Liebe Kolleg*innen, liebe Leser*innen,

                                      in Europa findet durch den Angriff Russlands       Friedensbildung beteiligt. Wir sehen mehr
                                      auf die Ukraine seit dem 24. Februar ein völker-   denn je, wie fragil der Frieden ist, in dem die
                                      rechtswidriger Krieg statt. Das löst bei vielen    meisten von uns aufgewachsen sind. Gerade
                                      von uns großes Entsetzen aus. Viele Menschen       deshalb bleibt es wichtig, dass wir uns immer
                                      aus der Ukraine bringen sich auch in Deutsch-      und immer wieder für Frieden und Verstän-
                                      land in Sicherheit. Die Hilfsbereitschaft in       digung einsetzen. In Kitas und Schulen muss
                                      der Bevölkerung und bei den Regierenden ist        gewaltfreie Konfliktlösung gelernt und gelebt
                                      enorm. Das ist wunderbar. Auch viele Mitglie-      werden. Wir müssen alles dafür tun, dass das
                                      der der GEW engagieren sich ehrenamtlich           Glück in Frieden zu leben, den Kindern und
                                      und zum Teil bis an ihre Belastungsgrenze.         Jugendlichen in Baden-Württemberg erhal-
                                      Gleichzeitig sterben und leiden Menschen aus       ten bleibt und denjenigen, die zu uns geflohen
                                      vielen Ländern der Welt an den Außengrenzen        sind, endlich zuteil wird.
                                      der EU. Das ist schwer auszuhalten. Wir in der     In Russland erfahren Menschen, die gegen den
                                      GEW sind der festen Überzeugung, dass das          Angriffskrieg auf die Ukraine auf die Straße
                                      Grundrecht auf Asyl nicht an Herkunft, Haut-       gehen, Polizeigewalt, und werden verfolgt und
                                      farbe, Religion, sexuelle Identität, Gesundheit    verhaftet. Die dortigen Demonstrant*innen
                                      oder Bildung geknüpft werden darf. Solida-         sind mutig, riskieren ihre körperliche Unver-
                                      rität, Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft        sehrtheit und haben jedes Recht, Frieden
                                      gelten gegenüber allen Menschen in Not.            und Freiheit zu fordern. Sie verdienen unsere
                                      Bei vielen Menschen erschüttert der Krieg          Hochachtung. Ich wünsche mir unterstützen-
                                      ihre pazifistische Einstellung. Für uns als        de Demonstrationen und Solidarität für diese
                                      pazifistische Gewerkschaft ist Friedensbil-        Menschen. Ich wünsche mir Solidarität und
                                      dung ein wichtiger pädagogischer Grund-            unterstützende Demonstrationen für die Men-
                                      pfeiler. Wir sind gegen die Werbung durch          schen in der Ukraine, für den Frieden und die
                                      Jugendoffizier*innen der Bundeswehr in den         Rechte von Geflüchteten. Vor allem wünsche
                                      Schulen. Schule ist ein pädagogischer Schutz-      ich uns allen aus tiefstem Herzen, dass der
                                      raum. Unter 18 nie gilt unverändert für uns.       Angriffskrieg gegen die Ukraine so schnell wie
                                      In unseren Augen darf die Bundeswehr junge         möglich beendet wird, damit das Sterben und
                                      Menschen nicht rekrutieren, bevor sie voll-        die Zerstörung ein Ende findet.
                                      jährig sind. Jedes Jahr bekommen Jugendli-
                                      che um den 18. Geburtstag herum Werbung
                                      von der Bundeswehr, wenn sie dem nicht             Herzliche Grüße
                                      aktiv widersprechen. Das ist in Deutschland,       Ihre
                                      dem Land, in dem Datenschutz viele – auch
                                      nützliche – Dinge erschwert oder unmöglich
                                      macht, bemerkenswert. Die GEW war maß-
                                      geblich an der Gründung der Servicestelle

bildung & wissenschaft 04 / 2022                                                                                                                  3
Gesundheitsfürsorge Lehrkräfte für ihren Job stärken - GEW ...
26   Erhöhung Leitungszeit: Schulleitungen
                                        bekommen etwas mehr Zeit

                                                                                6   Was Schulleitungen vom
                                                                                    Kultusministerium erwarten dürfen

                                                                                                   8     Kabarett:
                                                                                                         Zur Sache Frau!

S.12 Titelthema
Gesundheitsfürsorge
Lehrkräfte für ihren Job stärken

4                                                                                       bildung & wissenschaft 04 / 2022
Gesundheitsfürsorge Lehrkräfte für ihren Job stärken - GEW ...
Inhalt

                                     In dieser Ausgabe

                                     Titelthema                                 Rubriken

                                     Arbeits- und Gesundheitsschutz              3   Editorial
                                     12 Mühsamer Weg aus dem                     6   Aktuell
                                        Schattendasein ist noch lang             7   Glosse
                                     17 Gesundheitsfürsorge:                    32   Kurz berichtet
                                        Lehrkräfte für ihren Job stärken        35   GEW vor Ort
                                     22 Erfahrungsbericht: Mein Weg in den      35   Jubilare
                                        Burnout und wieder hinaus               36   Totentafel
                                                                                37   Impressum
                                                                                38   Termine
                                     Arbeitsplatz Schule /
                                     Kindertageseinrichtung

                                     10 Ukrainische Flüchtlingskinder:
                                        Deutsch lernen und Abschluss machen
                                     11 Wissenschaftlicher Beirat
                                        des Kultusministeriums:
                                        Professorin Havva Engin neu berufen
                                     24 Arbeitsbedingungen in der Kita:
                                        Kitas brauchen sofort Entlastung
                                     26 Erhöhung Leitungszeit: Schulleitungen
                                        bekommen etwas mehr Zeit
                                     28 Perspektiven trotz Pandemie:
                                        Gemeinsam Spaß
                                        an der Bewegung haben

                                     Aus der Arbeit der GEW

                                      9 Tarifrunde Sozial- und
                                        Erziehungsdienst: Keine konstruktiven
                                        Verhandlungen – Streiks notwendig
                                     30 Beamtenrecht: Landeregierung will
                                        ihrer Fürsorgepflicht gerecht werden

                                                                                Titel: una.knipsolina / Photocase.com
Foto: imago

                                                                                Redaktionsschluss für die nächste b&w-Ausgabe:
                                                                                11. April 2022

              bildung & wissenschaft 04 / 2022                                                                                       5
Gesundheitsfürsorge Lehrkräfte für ihren Job stärken - GEW ...
Aktuell

                   GE W-SCHULLEITUNGSTAG

                   Was Schulleitungen vom Kultusministerium erwarten dürfen
Foto: Evi Maziol

                   Podiumsdiskussion mit Schulleitungsmitglieder Thomas Reck, Angela Keppel-   Michael Hirn, stellvertretender     Bildungsforscher und
                   Allgaier, Michael Hirn, Ruth Zacher (von links) und Marcel Helbig (Mitte)   GEW-Landesvorsitzender              Soziologe Prof. Marcel Helbig

                                                                      weiß, der Laden brennt lichterloh, Sie            verloren gehen. Zur Entlastung von Schul-
                                                                      brauchen Unterstützung an den SBBZ                leitungen sollen Absprachen mit den
                                                                      und in der Inklusion“, versicherte die            kommunalen Landesverbänden für mehr
                                                                      Kultusministerin. Sie kennt die Prob-             Sekretariatsstellen getroffen werden,
                                                                      leme beim Qualitätskonzept, weiß um               auch Stellen für Schulpsycholog*innen
                                                                      die coronabedingten Lerndefizite der              und Schulsozialarbeiter*innen sollen
                                                                      Schüler*innen und sorgt sich um den               aufgestockt werden. Wann und wie viele
                                                                      sozial-emotionalen Nachholbedarf vieler           sagte sie nicht.
                                                                      Kinder und Jugendlicher.                          „Schulleitungen sind seit März 2020 im
                                                                      Dank, Lob und Empathie sind groß bei              Dauerstress und brauchen mehr Unter-
                                                                      Schopper. Deutlich kleiner und sehr               stützung. Schule ist auch ein Arbeitsplatz
                                                                      vage sind ihre Lösungen. Große Erwar-             für Schulleitungen, die nicht verheizt
                                                                      tungen sollen gar nicht erst aufkommen.           werden dürfen, weil sie ihre Aufgaben
                                                                      „Ihren Wunschzettel kann ich nicht                so ernst nehmen, dass sie für ihre eige-
                                                                      erfüllen“, erklärte sie noch bevor jemand         nen Bedürfnisse nicht lautstark eintre-
                                                                      Wünsche geäußert hat. Der finanzielle             ten. Die Aufgabe des Landes als Arbeit-
                                                                      Spielraum für Entlastungen sei gering.            geber der Schulleitungen ist es, schnell
                   Kultusministerin Theresa Schopper,                 Verbindlich wurde sie an keiner Stelle.           für zusätzliches Personal zu sorgen
                   live zugeschaltet beim GEW-Schulleitungstag        In der zweiten Phase des schon von ihrer          und durch mehr Freistellungen von der
                                                                      Vorgängerin versprochenen Schullei-               Unterrichtsverpflichtung die Chefinnen
                                                                      tungskonzepts (siehe Seite 26) waren über         und Chefs in den 4.500 Schulen zu
                                                                      360 Deputate für Leitungszeit der Schul-          entlasten“, sagte Monika Stein, GEW-
                   Kultusministerin Theresa Schopper                  leitungen zugesagt, beschlossen hat der           Landesvorsitzende bei der Tagung in
                   bedankte sich am Schulleitungstag der              Landtag lediglich 160. „Das ist nur ein           Stuttgart.
                   GEW Mitte März ausdrücklich bei allen              erster Schritt und wird weiter eine Rolle
                   Schulleitungen für ihren Einsatz. „Sie             spielen“, äußerte sie sich unbestimmt.            Wissenschaft und Praxis
                   haben in den vergangenen Jahren Groß-              2019 wollte Kultusministerin Eisenmann            Prof. Marcel Helbig referierte zu „Coro-
                   artiges geleistet“, lobte sie. „Ich weiß, dass     auch die Kürzung des Allgemeinen Ent-             na-Folgen linden: Ein unlösbares Prob-
                   Sie seit 2 Jahren im Corona-Modus jeden            lastungskontingents zurücknehmen. Die             lem für das System Schule“ (siehe b&w
                   Tag den Stundenplan ändern müssen                  dafür notwendigen 230 Stellen hat Schop-          03/2022 S. 13). Wie es den Kindern und
                   und ihr Workload hoch ist“, sagte sie. Die         per auch nicht erwähnt. Sie möchte aber           Jugendlichen geht, welcher Belastung
                   Ministerin weiß auch, wenn jetzt ukrai-            Bedarfe im Haushalt anmelden und für              Lehrkräfte und Schulleitungen ausgesetzt
                   nische Schulkinder an die Schultür klop-           mehr Stellen kämpfen.                             sind und welche Lösungen aus den viel-
                   fen, ist der Personalmangel noch höher             Zum Abbau des Lehrkräftemangels                   fältigen Krisen führen könnten, diskutier-
                   als bei der letzten Flüchtlingsbewegung            werde sie mit Wissenschaftsministerin             ten Schulleitungsmitglieder der GEW mit
                   vor 7 Jahren. Und es treibe ihr Sorgen-            Theresia Bauer über weitere Studienplätze         dem Wissenschaftler Marcel Helbig.
                   falten auf die Stirn, wenn es um die feh-          reden und mit ihr schauen, wo Studie-                                           Maria Jeggle
                   lenden Sonderpädagog*innen gehe. „Ich              rende während der Lehramtsausbildung                                          b&w Redakteurin

                   6                                                                                                                   bildung & wissenschaft 04 / 2022
Gesundheitsfürsorge Lehrkräfte für ihren Job stärken - GEW ...
Glosse / Aktuell

  Glosse Der Orden der grünen Masken                                                     CORONA

                                                                                         GEW kritisiert, dass alle
Man nimmt als Lehrkraft mit der Zeit                                                     Auflagen wegfallen
seltsame Gewohnheiten an. Immer,
wenn ich jemanden sehe, der die Maske                                                    Die bundesweite Rechtsgrundlage
unter der Nase trägt, muss ich die Lip-                                                  für Corona-Auflagen ist am 20. März
pen zusammenkneifen. Sonst würde                                                         ausgelaufen. Wegen der hohen Infek-
ich sagen: „Es ist eine Mund- UND                                                        tionszahlen nutzte Baden-Würt-
Nasenbedeckung! Und! Für beides!“                                                        temberg eine Übergangsfrist bis zum
Denn genau so sage ich das auch zu                                                       2. April. So konnten Maßnahmen
Schüler*innen, wenn die Nase im Frei-                                                    wie die Maskenpflicht an den Schu-
en hängt und fröhlich Aerosole in den                                                    len noch aufrecht erhalten bleiben.
Raum dampfen.                                                                            Danach hätten die Länder die neuen
Als ich mal beim Bäcker in der Warte-                                                    „Hotspot-Regelungen“ nutzen müs-
schlange stand, haben mich gleich zwei                                                   sen, um landesweite Schutzmaßnah-
professionelle Deformationen erwischt.                                                   men anordnen zu können. Baden-
Ein schnaufender Mann ist einfach an         erkannte man bei jedem Einkauf die          Württemberg hält die Regelung
der Schlange vorbeigegangen und hat          Kolleg*innen. Auch irgendwie gemein-        allerdings für nicht rechtssicher und
sich vor mich gestellt. Und das mit der      schaftsstiftend. Vielleicht sollte man      verzichtete am 29. März auf weiter-
Maske unter dem Kinn! Und wie ein            künftig nicht mehr von Lehrkräften spre-    gehende Auflagen. Damit fielen ab
Reflex kamen die Worte aus mir heraus:       chen, sondern vom „Orden der Grünen         3. April in Schulen und Kitas unter
„He, es ist eine Mund- UND Nasenbede-        Masken“?                                    anderem die Kohortenregelung, die
ckung! Und die Schlange fängt da hinten      Dann tauchten die ersten Schüler*innen      Abstands- und Maskenpflicht weg.
an!“ Ich zeigte in die entsprechende Rich-   mit bedruckten Masken auf. Erste Men-       Alle Veranstaltungen sind wieder
tung. Der Mann zog seine Maske über          schen trugen Rosa, statt OP-Blau. Dann      erlaubt. Die zweimalige Testung wird
Mund und Nase. Sie war bedruckt mit          kamen die Masken mit Haifischgebiss,        bis zu den Osterferien fortgeführt.
den Worten „#Diktatur“. Er murmelte          Regenbogenfarben oder Tarnfleck. Auf        Diskutiert wird noch (Stand 3. April),
irgendwas von „Systemschaf “ und reih-       einer Maske stand das Wort „Prinzessin“.    wie die Quarantäne-Regeln gelockert
te sich am Ende der Schlange ein. Wenn       Auf einer anderen war ein Einhorn abge-     werden können. An der Regelung
ich im Beisein meines Vaters solche Lehr-    druckt. Die Impfgegner*innen ließen         für Schwangere ändert sich vorerst
kraft-Ausbrüche hatte, kicherte er immer     Masken für sich herstellen mit dem Auf-     nichts.
und sagte: „Die Welt ist voller ungezoge-    druck „#Corona-Diktatur“ und mach-          „Natürlich sehen wir den Bedarf nach
ner Kinder, oder, Herr Lehrer?“              ten es einem so leicht, zu entscheiden,     maskenlosen Kontakten. Die Anste-
Ich glaube, ich werde die Masken ver-        mit wem man nicht mehr zu diskutie-         ckungsgefahr in geschlossenen Räu-
missen, wenn wir sie (eines fernen           ren brauchte. Bei einer Antikriegsdemo      men ist derzeit aber weiter so hoch,
Tages) nicht mehr brauchen. Die Stoff-       trugen die Menschen blau-gelbe Mas-         dass wir zumindest bis zum Beginn
masken, die am Anfang der Pandemie           ken. Die Menschen haben ihre Mimik          der Osterferien am 14. April weiter
voller Euphorie genäht wurden, waren         durch ausdrucksstarke Masken ersetzt..      eine Maskenpflicht bräuchten. Jetzt
Kunstwerke. Plötzlich trugen alle ihre       Ich habe darüber nachgedacht, mir für       werden noch mehr Schüler*innen
alten Schlafanzüge oder Kissenbezüge         die Schule Masken bedrucken zu las-         und Lehrkräfte erkranken und der
im Gesicht. Eine Schülerin trug ein glit-    sen. „Habe heute schlechte Laune, also      schon hohe Unterrichtsausfall wird
zerndes, mit Strass benähtes, gefüttertes    Vorsicht!“ oder „Hättest du vorhin auf-     weiter zunehmen. In vielen Schulen
Kunstwerk im Gesicht, um das ich sie         gepasst, müsstest du jetzt nicht fragen!“   stehen die Abschlussprüfungen bevor,
sehr beneidete. Unter den Lehrkräften        könnte darauf stehen. Mal sehen.            da kann niemand weitere Ausfälle
nannten wir die Maske heimlich „die          Corona werde ich nicht vermissen. Die       gebrauchen. Wieder einmal machen
Discomaske“.                                 Masken schon ein bisschen.                  Beschäftigte sowie die Kinder und
Dann kamen die medizinischen Masken.                                    Jens Buchholz    Jugendlichen mit ihren Eltern in die-
Modisch ein echter Rückschritt. „Jetzt                                                   ser Pandemie die Erfahrung, dass den
sehen alle plötzlich aus wie Professor                                                   Verantwortlichen in Berlin und Stutt-
Brinkmann im OP!“, sagte ich zu einer                                                    gart gute und sichere Bildung wenig
jüngeren Kollegin. Sie schaute mich ver-                                                 wert ist“, sagte die GEW Landesvorsit-
ständnislos an: „Wie wer?“ Da wurde mir                                                  zende Monika Stein am 29. März.
klar, dass sie zur Zeit der Schwarzwald-                                                                                  b&w
klinik noch nicht einmal geboren war.
Darauf folgten die grünen MP3-Masken,
oder wie immer die Abkürzung dafür
lautete: FFP2? An den grünen Masken

bildung & wissenschaft 04 / 2022                                                                                                  7
Gesundheitsfürsorge Lehrkräfte für ihren Job stärken - GEW ...
Aktuell

                    TARIFRUNDE SUE 2022 UND INTERNATIONALER FR AUENTAG

                    Kabarett: Zur Sache Frau!
Fotos: Evi Maziol

                    MARLIES BLUME – Kabarettistin

                    Mutmacherin will sie sein. Und das war
                    sie. Marlies Blume machte als Kabarettis-
                    tin in Stuttgart viel Wind und appellierte
                    an die Frauen am Frauentag, es ihr gleich-
                    zutun. Sie meinte vor allem die Frauen, die
                    zurzeit im Sozial- und Erziehungsdienst in
                    Tarifauseinandersetzungen stecken.
                    „Ihr Frauen habt nicht gelernt, auf den
                    Putz zu hauen. Dafür habt ihr auch keine
                    Zeit, nicht mal Zeit zum Luftholen,
                    ihr rennt atemlos durch die Kita. Das
                    Wohl der Kinder hat eure oberste Prio-
                    rität und wenn ihr das nicht hinkriegt,
                    dann stellt ihr eure eigenen Bedürfnisse
                    hinten an. Das ist edel, aber nicht nach-
                    haltig.“ So redete sich Marlies Blume
                    warm und forderte die Frauen auf, ihren
                    Mädchentraum, Dornröschen zu sein,
                    aufzugeben: „Ihr solltet nicht ein großer
                    Prinzessinnenclub sein: goldig, verschla-                                         „Das wichtigste für den
                    fen und blöd. Ein Leben als Prinzessin                                             Streik ist der Laubbläser.
                    ist langweilig. Ihr seid geballte Relevanz
                    auf zwei Beinen.“                                                                  Machen Sie richtig Wind!“
                    So ähnlich ging das über eine ganze
                    Stunde. Die Zuhörerinnen fühlten sich         „Sie alle sind einzigartig.
                    ertappt, belustigt und vor allem ermu-         Männer auch, aber
                    tig, selbstbewusst für mehr Wertschät-
                    zung, bessere Arbeitsbedingungen und           denen muss man es nicht
                    mehr Geld einzustehen. „Nehmt euch             so dringend sagen.“
                    wichtig! Die eigene Größe auszuhalten
                    ist schwierig. Geht erhobenen Hauptes
                    in die Tarifverhandlungen!“, rief Marlies        Nachschauen auf:
                                                                     www.gew-bw.de/aufwertung-jetzt
                    Blume. Die GEW sei nicht die Gewerk-
                    schaft des ewigen Wartens.                       Kabarett – live buchen unter:
                                                                     www.marliesblume.de
                                                  Maria Jeggle

                    8                                                                                           bildung & wissenschaft 04 / 2022
Gesundheitsfürsorge Lehrkräfte für ihren Job stärken - GEW ...
Aus der Arbeit der GEW

TARIFRUNDE SOZIAL- UND ERZIEHUNGSDIENST

Keine konstruktiven Verhandlungen –
Streiks notwendig
Die Arbeitgeber ducken sich am Verhandlungstisch weg. Auch nach zwei Verhandlungsrunden
haben sie keine Ideen für eine Aufwertung des Sozial- und Erziehungsdienst. Argumente allein
werden nicht reichen – es ist Zeit für Streiks.

Auch in der zweiten Verhandlungsrunde
am 21. und 22. März hat die Vereinigung
der kommunalen Arbeitgeberverbände
(VKA) zu keiner der gewerkschaftlichen
Forderungen ein konkretes Angebot
vorgelegt. Die wichtigsten Forderun-
gen nach einer besseren Bezahlung und
Entlastung der Beschäftigten lehnen die
Arbeitgeber rundweg ab. Auch bei den
weiteren Themen, die in der zweiten
Verhandlungsrunde zur Sprache kamen,
gab es keine Bewegung. Nicht bei der

                                                                                                                                                   Foto: Evi Maziol
Eingruppierung von Kita-Leitungen,
nicht bei den Tätigkeitsmerkmalen der
Sozialarbeiter*innen und auch nicht bei
den Forderungen für die Beschäftigten        „Wir sind die Profis“, lautete die Protestaktion von GEW-Frauen am Frauentag zur Tarifauseinander-
in der Behindertenhilfe.                     setzung im Sozial- und Erziehungsdienst.
Der Frust auf gewerkschaftlicher Seite
war nach der Verhandlungsrunde groß
und noch größer die Verwunderung             Wie geht es weiter?                                die direkten Verhandlungen mit der
über die starre Haltung der Arbeitgeber-     Die nächste Verhandlungsrunde für die              VKA führt, braucht die Unterstützung
seite. In der Gesellschaft ist es Konsens,   bundesweit mehr als 300.000 Beschäf-               der GEW und ihrer Mitglieder. Die
dass die Gehälter und die Arbeitsbedin-      tigten im Sozial- und Erziehungsdienst             GEW-Spitze steht mit der Verdi-Spitze
gungen im Sozial- und Erziehungsdienst       der Kommunen soll am 16. und 17. Mai               in einem engen Austausch über den Ver-
besser werden müssen. Die Beschäftig-        2022 erneut in Potsdam stattfinden. Die            handlungsstand.
ten haben diese Wertschätzung schon          Zeit sollten die Arbeitgeber nutzen, end-          Jetzt ist große gewerkschaftliche Solida-
längst verdient. Und nur so werden wir       lich konstruktiv auf die Forderungen der           rität gefordert. Alle GEW-Mitglieder, wie
ausreichend Nachwuchskräfte für diese        Gewerkschaften einzugehen und Vor-                 Lehrkräfte oder Hochschulbeschäftigte,
Arbeit gewinnen können. All das scheint      schläge für eine bessere Eingruppierung            können sich in ihrer Freizeit an den
die Arbeitgeber nicht zu interessieren.      und für die Entlastung der Beschäftigten           Aktionen und Streiks beteiligen. Auch
Dieses Desinteresse gipfelte in der Aus-     etwa durch eine tarifliche Regelung der            im Netz, denn auch in der digitalen Welt
sage der VKA-Präsidentin Karin Welge,        Vor- und Nachbereitungszeit vorzulegen.            organisiert die GEW den Protest.
bei der Bezahlung der Erzieher*innen         Aber nicht nur die VKA hat Hausauf-                                          Martin Schommer
und Kinderpfleger*innen gäbe es kei-         gaben. Die GEW hat ihre Mitglieder im                           GEW-Referent für Tarif-, Beamten-
nen Handlungsbedarf. Karin Welge ist         Sozial- und Erziehungsdienst der Kom-                                           und Sozialpolitik
Oberbürgermeisterin von Gelsenkirchen        munen aufgerufen, sich an den Streiks in
und Verhandlungsführerin der VKA. Sie        den nächsten Wochen zu beteiligen und
sollte es eigentlich besser wissen.          die Gewerkschaften zu unterstützen.
                                             Nur wenn viele mitmachen, wird der                  @ Werde aktives Mitglied
                                             Druck auf die Arbeitgeber groß genug,                   im Tarifteam (BaWü) – melde dich:
                                             damit sie endlich ihre Blockadehaltung                  info@gew-bw.de
                                             aufgeben und vernünftig verhandeln.                     Mitmachmöglichkeiten auf: profis.gew.de
                                             Verdi, die für die DGB-Gewerkschaften

bildung & wissenschaft 04 / 2022                                                                                                               9
Gesundheitsfürsorge Lehrkräfte für ihren Job stärken - GEW ...
Arbeitsplatz Schule und Kita

              UKR AINISCHE FLÜCHTLINGSKINDER

              Deutsch lernen und Abschluss machen
              In Baden-Württemberg kommen immer mehr Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine an. Neben der
              Flüchtlingsunterbringung geht es auch darum, wie Kinder und Jugendliche aus der Ukraine hier
              möglichst schnell in die Schule und Kita gehen können.
Foto: imago

                                                                KMK und dem Bildungsministerium der           Perspektive zur Festanstellung“, verlangt
                                                                Ukraine zusammenarbeiten. Inzwischen          Daniel Wunsch. „Es ist Ausbeutung, den
                                                                ist ein Portal des Kultusministeriums frei-   Lehrkräften nur einen Vertrag bis zum 31.
                                                                geschaltet. Dort können sich Studierende,     Juli zu geben, obwohl man genau weiß,
                                                                Lehrkräfte im Ruhestand, Erzieher*innen       dass man sie auch im neuen Schuljahr wie-
                                                                oder andere mit passenden Vorerfahrun-        der braucht.“ Der Personalrat kennt die
                                                                gen registrieren, die helfen möchten, ukra-   Einstellungspraxis seit Jahren. „Die Lehr-
                                                                inische Schüler*innen zu unterrichten.        kräfte mit nur einem Fach hoffen immer,
                                                                Auch ukrainische Lehrkräfte und andere        irgendwann eine Festanstellung zu bekom-
                                                                Menschen, die ukrainisch sprechen, kön-       men. Das passiert aber nie. Sie bekommen
                                                                nen sich dort anmelden. Sie werden als        keine Qualifizierung und keine Perspek-
                                                                Vertretungslehrkräfte eingestellt und ent-    tive. Nach rund 7-jähriger unbefristeter
                                                                sprechend bezahlt. Schopper betonte aller-    Tätigkeit verlieren sie oft ihren Job. Das ist
                                                                dings, dass in Deutschland kein paralleles    eine riesige Sauerei“, ärgert sich Wunsch.
                                                                Schulsystem aufgebaut werde.
              „Wir wollen den geflüchteten Schulkin-            Monika Stein begrüßte, dass ukraini-          Große Not in den Kitas
              dern unbürokratisch die Schultür öffnen.          sche Schüler*innen hier ihren Abschluss       In den Kitas herrscht bereits jetzt Platz-
              Das ermöglicht ihnen wieder Struktur              machen können. Viele hofften, dass der        und Personalmangel. Fürs Erste sollen
              und Ablenkung“, sagte Kultusministerin            Krieg schnell ein Ende finde und alle         Kinder aus der Ukraine auch dort unkom-
              Theresa Schopper auf dem Schulleitungs-           wieder zurück in ein freies Land gehen        pliziert aufgenommen werden, selbst
              tag der GEW Mitte März. Im Kultusmi-              könnten. „Wir wissen aber auch, dass der      wenn damit vorgeschriebene Gruppen-
              nisterium geht man bislang davon aus,             Wunsch nicht immer Realität ist. Des-         größen überschritten werden. Auf der
              dass es genug Plätze in Vorbereitungs-            halb wäre es falsch, die Kinder nur auf       Suche nach dauerhaften Lösungen finden
              klassen (VKL) gibt, um Kindern aus der            Ukrainisch zu unterrichten. Sie müssen        derzeit Gespräche mit Städten, Gemein-
              Ukraine Deutsch beizubringen. Es gebe             in unser Schulsystem integriert werden.“      den und weiteren Kita-Trägern statt.
              noch die Strukturen aus der Flüchtlings-                                                        Die GEW hält das für kurzsichtig. Das
              bewegung 2015/16, und auf 1.165 Stellen           Erfahrungen aus beruflichen Schulen           würde den Fachkräftemangel sogar ver-
              für VKL und Sprachförderung könne                 Daniel Wunsch (siehe S. 33) hat viel          stärken. „Wie sollen junge Menschen für
              man aufbauen, erklärte die Ministerin.            Erfahrung mit geflüchteten Jugendlichen.      diesen Beruf begeistert werden, wenn die
              Monika Stein erwiderte: „Die Klassen              Er unterrichtet seit 2013 in VABO-Klassen,    Arbeitsbedingungen weiter verschlech-
              existieren, aber da sind Schüler*innen            in denen schulpflichtige Menschen mit         tert werden? Wir können den Mangel
              drin, und vor allem in beruflichen Schu-          keinen oder geringen Deutschkenntnissen       nicht beseitigen, wenn wir die Situation
              len sind die Klassen teilweise schon seit         ab 16 Jahren aufgenommen werden und           der Beschäftigten und der Kinder weiter
              Januar voll.“ Zusätzliche Klassen und             verstärkt Sprachförderung erhalten. Er        verschlechtern. Höchste Priorität sollten
              Personal seien dringend nötig.                    findet es ganz wichtig, dass die Kinder und   jetzt Maßnahmen zur Gewinnung von
              Schopper kündigte an, dass die KMK vor-           Jugendlichen sehr schnell in den Schulen      Fachkräften haben. Dafür muss Geld in
              habe, Jugendlichen die Chance zu eröff-           ihren Platz finden. „Sie brauchen Struk-      die Hand genommen werden. Erzieher*-
              nen, ukrainische Abschlüsse (hauptsäch-           turen und Kontakte und sollen so schnell      innen könnten zum Beispiel durch
              lich das Lyceum nach der 11. Klasse, was          wie möglich Deutsch lernen“, erklärt er.      zusätzliche Expert*innen für Gesund-
              der ukrainischen Hauptschule entspricht)          Damit das Schulsystem mit den weiteren        heit, Sprache oder Inklusion entlastet
              in Deutschland mit Online-Unterricht zu           Herausforderungen nicht kollabiere, sei es    werden. Diese dürften genauso wenig auf
              machen. Die Digitalisierung in der Ukrai-         jetzt angesagt, dass schnell Lehrkräfte mit   den Fachkraftschlüssel angerechnet wer-
              ne sei viel weiter fortgeschritten als bei uns.   Deutsch als Zweitsprache bzw. Fremdspra-      den, wie zusätzliches Personal für Ver-
              „Dort trägt kein Kind mehr schwere Schul-         che (DaZ und DaF) eingestellt werden.         waltung und Hauswirtschaft“, erwartet
              bücher mit nach Hause“, sagte die Ministe-        „Sie müssen aber über die Sommerferi-         die GEW-Referentin Heike Herrmann.
              rin. Für die Abschlüsse wolle man mit der         en bezahlt werden und sie brauchen eine                                        Maria Jeggle

              10                                                                                                              bildung & wissenschaft 04 / 2022
Arbeitsplatz Schule

               WISSENSCHAFTLICHER BEIR AT DES KULTUSMINISTERIUMS

               Professorin Havva Engin neu berufen
               Ende Februar wurde Prof. Dr. Havva Engin in den wissenschaftlichen Beirat des Kultusministeriums
               berufen. Als Expertin für Sprachförderung, interkulturelle Pädagogik und Bildungsintegration ge-
               hört sie nun zum fünfköpfigen Beirat des KM, der sein Sachverständnis in die Qualitätsentwicklung
               des baden-württembergischen Schulsystems einbringen soll.
Foto: privat

                                                          Havva Engin, die GEW Baden-Württem-                  den Konsulaten gut zusammen und im
                                                          berg und die SPD-Fraktion im Landtag                 Übrigen sei die Umstellung auf das staat-
                                                          haben 2018 der damaligen Kultusministerin            liche Modell zu teuer (Landtagsdruck-
                                                          Susanne Eisenmann (CDU) ein Konzept                  sache 16 / 4380).
                                                          zum herkunftssprachlichen Unterricht in              Mit der Berufung von Havva Engin in den
                                                          staatlicher Verantwortung vorgelegt.                 wissenschaftlichen Beirat setzt Theresa
                                                          (Siehe: www.gew-bw.de „Herkunftssprachlicher         Schopper andere Zeichen: „Professorin
                                                          Unterricht: Konzept – GEW, SPD und PH Heidelberg“)   Engin ist eine Expertin für Sprachför-
                                                                                                               derung, für interkulturelle und inter-
                                                          In der b&w 3 / 2018 hat Havva Engin die              religiöse Pädagogik und für Bildungsin-
                                                          pädagogischen und sprachwissenschaft-                tegration. Sie ist also genau die richtige
                                                          lichen Argumente für die Aufnahme der                Ergänzung für unseren Beirat, der uns
                                                          migrantischen Sprachen in den Fächer-                bisher immer wieder wertvolle Exper-
                                                          kanon formuliert:                                    tisen zur Verfügung gestellt hat“. „Eines
                                                          1. Mehrsprachigkeit fördert Kompeten-                meiner Kernanliegen ist, dass jeder
                                                             zen im Fach Deutsch und verbessert                Schüler und jede Schülerin die besten
               PROF. DR. HAVVA ENGIN
                                                             den Schulerfolg, aber nur dann, wenn              Möglichkeiten bekommt und dass er
                                                             der herkunftssprachliche Unterricht               oder sie diese auch unabhängig von ihrer
                  „Die Wertschätzung                         mit den anderen Fächern metho-                    oder seiner Herkunft wahrnehmen kann.
                   der Familiensprache                       disch und didaktisch verknüpft ist, so            Ich bin sicher, dass wir mit Frau Engin
                                                             dass ein koordiniertes Sprachenlernen             die richtige Person gefunden haben, die
                   ist wichtig für die                       ermöglicht wird („Koordinierte Zwei-              uns bei der Umsetzung dieses Ziels mit
                   Identitätsfindung                         sprachigkeit“).                                   dem Wissen aus ihrer Forschung weiter-
                   und Lebensentwürfe                     2. Da die aus den Herkunftsländern ent-              helfen kann.“
                                                             sandten Lehrkräfte weder die deut-                Bravo! Dem stimmen wir zu, und so
                   der Jugendlichen                          sche Kultur noch die Migrantenkultur              freuen wir uns auf eine weiterhin frucht-
                   in der Migration.“                        ausreichend kennen, wird der Kon-                 bare Zusammenarbeit mit Prof. Engin
                                                             sulatsunterrichts weder den gesell-               und hoffen, dass es gemeinsam gelingt, in
                                                             schaftlichen noch den lernbiografi-               der Migrationspolitik an den Bildungs-
                                                             schen Realitäten von Schüler*innen                einrichtungen neue Wege zu gehen.
               Die GEW Baden-Württemberg gratuliert          mit Zuwanderungsgeschichte gerecht.               Havva Engin leitet das Heidelberger Zen-
               Havva Engin sehr herzlich zu ihrer         3. Die Wertschätzung der Familienspra-               trum für Migrationsforschung und Trans-
               Berufung und verbindet die Glückwün-          che hat eine zentrale Bedeutung für               kulturelle Pädagogik (HeiMaT) an der PH
               sche mit der Hoffnung, dass die migrati-      Identitätsfindung und Lebensentwürfe              Heidelberg. Zu ihren Forschungsschwer-
               onspolitischen Bildungsversprechen aus        der Jugendlichen in der Migration und             punkten gehören z. B. „Entwicklung von
               dem grün-schwarzen Koalitionsvertrag          zum Abbau von Diskriminierung.                    Bildungsinstitutionen in migrationsge-
               von 2021 vom Kultusministerium in                                                               prägten Gesellschaften“, „Interkulturelle
               Angriff genommen und umgesetzt wer-        Die Antwort des Kultusministeriums                   und interreligiöse Erziehung: Religiöse
               den. Eines der dort formulierten Ziele     auf den Vorschlag war damals sehr lapi-              Radikalisierung von muslimischen Jugend-
               ist: „Den muttersprachlichen Unterricht    dar: Der wissenschaftliche Nutzen der                lichen“ sowie „Spracherwerb im Kontext
               wollen wir, nach dem Vorbild anderer       „koordinierten Zweisprachigkeit“ werde               migrationsbedingter Mehrsprachigkeit“.
               Bundesländer, in staatliche Verantwor-     in der Wissenschaft heterogen bewertet,                                          Monika Gessat
               tung übernehmen und den Konsulats-         es bestehe kein Handlungsbedarf in                                           VB Grundsatzfragen
               unterricht abschaffen.“                    Baden-Württemberg, man arbeite mit

               bildung & wissenschaft 04 / 2022                                                                                                         11
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                                             Titelthema

     Illustrationen: girafchik123 / iStock
Titelthema

                                   ARBEIT S- UND GESUNDHEIT SSCHUTZ

              Mühsamer Weg aus dem
            Schattendasein ist noch lang
Der Arbeits- und Gesundheitsschutz (AGS) an Schulen wurde lange vernachlässigt. Und auch wenn
 es einige positive Ansätze gibt, ist er auch heute noch lange nicht ausreichend. Die Pandemie hat
                                  die Arbeit im AGS weiter erschwert.

                                                    Betrachtet man den Arbeits- und Gesundheitsschutz aus einer
                                                    sehr umfassenden Perspektive, fällt die Beurteilung zunächst
                                                    düster aus. Vor Ort führt die allgemeine Überlastung dazu, dass
                                                    unter dem systemischen Druck und der Aufrechterhaltung des
                                                    Tagesgeschäftes wenig Zeit bleibt, sich mit dringend notwen-
                                                    digen Maßnahmen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes zu
                                                    befassen. Noch immer wird er im schulischen Bereich als etwas
                                                    „on top“ oder „nice to have“ angesehen, anstatt als Basis der
                                                    gesetzlich verankerten Fürsorgepflicht des Arbeitgebers. Es
                                                    fehlen zusätzliche Ressourcen.
                                                    Doch wer genauer hinschaut, sieht erste Anzeichen eines posi-
                                                    tiven Wandels – ein Wandel, der auch von der GEW und den
                                                    Personalrät*innen im steten Austausch mit der Kultusverwal-
                                                    tung mit auf den Weg gebracht wurde. Zur Erinnerung: Seit
                                                    2011 stellt das Kultusministerium jährlich 3 Millionen Euro
                                                    zusätzlich zur Gesundheitsprävention zur Verfügung, aus der
                                                    vielfältige Angebote wie das Lehrercoaching nach dem Frei-
                                                    burger Modell oder vielfältige Workshops zu Themen wie
                                                    Stress und Stärkung der eigenen Resilienz, gefördert werden.
                                                    Alle diese Maßnahmen waren Ergebnis der Arbeitsgruppe
                                                    „Erhalt der Dienstfähigkeit – Lehrergesundheit – Altersermä-
                                                    ßigung“ mit dem Kultusministerium und Vertreter*innen der
                                                    GEW und der Lehrerverbände. Das 2019 gegründete Zentrum
                                                    für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) hat die Aufgabe
                                                    erhalten, eine effiziente Mittelsteuerung dieser Maßnahmen
                                                    des Betrieblichen Gesundheitsmanagements zu gewährleisten.

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Titelthema

      Angebote
      für Schulen

      Begleitung in der Berufseingangsphase:
      Stärkung der Lehrerpersönlichkeit sowie Förderung
      der individuellen Handlungssicherheit junger Lehr-
      kräfte in den ersten Dienstjahren im Schulalltag.

      Prävention
      „10Plus: Motiviert und gesund bleiben im Lehrberuf“:
      Tandemfortbildung mit jeweils 1 Stunde Anrechnung
      für Lehrkräfte ab dem 10. Dienstjahr; Entlastung im        B·A·D =
      Unterricht; Weiterentwicklung des Konstanzer Trai-
      ningsmodells (KTM).                                        Die B·A·D Gesundheitsvorsorge       Wichtige Erkenntnisse haben
                                                                 und Sicherheitstechnik GmbH         auch die anlassbezogenen
      Lehrercoaching nach dem Freiburger Modell:                 ist vom Kultusministerium mit       Gefährdungsbeurteilungen
      Stärkung der Beziehungskompetenz zum Schutz der            der arbeitsmedizinischen und        und die Durchführung der
      Lehrergesundheit. Das Lehrercoaching der Universität       sicherheitstechnischen Betreu-      COPSOQ-Befragung zur
      Freiburg wird unter der Leitung von Psycholog*innen        ung der öffentlichen Schulen        psychischen Belastung der
      angeboten. Anmeldung unter:                                und Schulkindergärten sowie         Lehrkräfte gebracht. Leider
      www.lehrer-coachinggruppen.de           Siehe Seite (17)   der Dienststellen im außer-         ist die zweite Befragungs-
                                                                 schulischen Dienst beauftragt.      runde (2014 bis 2018) bei
      Auf dem Weg zur gesunden,                                  Der Vertrag läuft bis 2025.         vielen Beschäftigten auf
      kreativen und leistungsstarken Schule:                                                         wenig Begeisterung gesto-
      „Lehrergesundheit als Führungsaufgabe, Integration                                             ßen. Wahrscheinlich lag
      von Qualitätsentwicklung und Gesundheitsmanage-            dies daran, dass die Lehrkräfte nach der ersten Befragung die
      ment“, Schulung für Schulleitungen.                        Erfahrung machten, dass es für festgestellte notwendige Ver-
                                                                 besserungen weder Ressourcen noch Unterstützung gab. Schon
      Ressource ICH:                                             2019 hat die GEW gegenüber dem Kultusministerium darauf
      Der Umgang mit mir selbst und mit anderen im               gedrängt, sicherzustellen, dass die Diskussion der Ergebnisse in
      Schulbetrieb für Kollegien aller Schularten.               den Schulen zu wirksamen Maßnahmen führen muss.
                                                                 Positiv zu bewerten ist die neue Rahmendienstvereinbarung
      Auswertungsgespräche:                                      (RDV) zum Arbeits- und Gesundheitsschutz. Sie wurde 2019
      Schulen und Schulkindergärten haben die Möglich-           zwischen den schulischen Hauptpersonalräten und dem Kul-
      keit, ein Auswertungsgespräch mit den zuständigen          tusministerium abgeschlossen. Die Vereinbarung soll „zur
      Schulpsycholog*innen über die Ergebnisse der Gefähr-       ganzheitlichen Umsetzung und zur Fortentwicklung von
      dungsbeurteilung zu den psychosozialen Belastungs-         Maßnahmen zum Erhalt und zur Förderung von Gesundheit,
      faktoren zu führen. An dem Gespräch nehmen die             physischer und psychischer Leistungsfähigkeit, Arbeitszufrie-
      Schulleitung und 3 bis 5 von der GLK ausgewählte           denheit und Leistungsbereitschaft“ beitragen. In dieser Verein-
      Kolleg*innen teil.                                         barung sind alle Maßnahmen und gesetzlichen Aufgaben des
                                                                 Arbeits- und Gesundheitsschutzes zusammengefasst. Dazu
      Angebote des B·A·D:                                        gehören die Regelbetreuung durch Betriebsärzt*innen und
      Z. B. Workshops zur Stressbewältigung, Rückengesund-       Fachkräfte für Arbeitssicherheit, die Einrichtung von Arbeits-
      heit, Stimmprävention, Ressourcenstärkung, Konfliktme-     schutzausschüssen, Arbeitskreisen für Arbeitsschutz und
      diation und Vorträge zu diversen Arbeitsschutzthemen.      Gesundheitsförderung und projektbezogene Gesundheitszirkel
                                                                 auf freiwilliger Basis an den Dienststellen. Außerdem umfasst
      Anmeldung über LFB-online                                  die RDV Maßnahmen auf der Grundlage von Gefährdungs-
                                                                 beurteilungen, vertiefende Untersuchungen zu den Ursachen
                                                                 von physischen und psychischen Belastungen einschließlich
                                                                 deren möglicher Abhilfe, die Unterstützung der Dienststellen
                                                                 bei der Vermeidung von Gefährdungen für die Beschäftigten,
                                                                 Beratungsmöglichkeiten und schließlich eine Berücksichti-
                                                                 gung bei der Fortbildung. Die Rahmenvereinbarung wertet

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Titelthema

                                                                                                                                     Illustrationen: DrAfter123 / iStock
 den Arbeits- und Gesundheitsschutz (ASG) auf und sollte die       Im schulischen Bereich wurde die Mehrbelastung der Lehr-
 Mitbestimmung der Personalräte stärken. Folglich wäre zu          kräfte durch Corona schlichtweg nicht gesehen. Schulleitun-
 erwarten gewesen, dass während der Pandemie der AGS an            gen und Kollegien wurden mit ihren Fragen und Anliegen
 den Bildungseinrichtungen Hochkonjunktur haben und die            weitgehend allein gelassen.
 große Stunde der Mitbestimmung schlagen würde. Tatsächlich        In dieser Situation hat sich die GEW-Vorsitzende Monika Stein
 waren die Beschäftigten mit Maßnahmen, die dem Gesund-            im Oktober 2021 mit einem Brief an Kultusministerin
                                   heitsschutz dienen (sollen),    Theresa Schopper gewandt und Verbesserungen im Arbeits-
                                   täglich konfrontiert: Testen,   und Gesundheitsschutz eingefordert. Sie hat unter anderem
„Unter dem systemi-                Masken tragen, Lüften, Impf-    die fehlenden Ressourcen für Maßnahmen zur Behebung der
 schen Druck und der               nachweise  kontrollieren usw.   durch die COPSOQ-Umfragen aufgedeckten Schwachstellen
                                   Diese Maßnahmen basie-          eingefordert und sich für eine Ausweitung der Aufgaben des
 Aufrechterhaltung                 ren jedoch nicht auf den        BAD bei den Gefährdungsbeurteilungen ausgesprochen. So soll
 des Tagesgeschäftes Bestimmungen des Arbeits-                     dieser auch stärker die Schadstoffbelastung, Belastung durch
 bleibt wenig Zeit,                und Gesundheitsschutzes,        Stress, Lärm, Konflikte und Mehrarbeit in den Blick nehmen.
                                   sondern dienen dem Infek-       Notwendig zur spürbaren Entlastung der Kolleg*innen sind
 sich mit Maßnahmen tionsschutz. So wurden fak-                    überdies eine Absenkung des Deputats und eine Anhebung der
 des Arbeits- und                  tisch alle Maßnahmen, wie       Altersermäßigung, weil dadurch der Erhalt der Dienstfähigkeit
 Gesundheitsschutzes               etwa  die Maskenpflicht und     gefördert und krankheitsbedingte Ausfälle reduziert werden.
                                   die Umsetzung der Corona-       Besonders der letzte Punkt beschäftigt die Personalvertretun-
 zu befassen.“                     Tests an den Schulen, an den    gen, da wegen Burnout, Dienstunfähigkeit, langer Krankheit
                                   Personalräten vorbei umge-      und Überlastung immer mehr Beratungen gefragt sind. Die
 setzt. Deren Forderungen, etwa nach einer Pflicht zur Nutzung     Teilzeit-Quote ist wegen der hohen allgemeinen Belastung
 von FFP2-Masken, verhallten, da sie an keiner Stelle des Ver-     unvermindert hoch. Viele Kolleg*innen wollen kein volles
 fahrens ein Veto aussprechen konnten und das Land auch nicht      Deputat und nehmen lieber ein geringeres Gehalt und eine
 bereit war, die bei der Nutzung von FFP2-Masken notwendigen       kleinere Pension oder Rente in Kauf. Das Kultusministerium
 Pausenzeiten zu ermöglichen.                                      nimmt darauf keine Rücksicht. So werden Teilzeitanträge aus
 Unter der Pandemie wurde auch die Arbeit der Arbeitsschutz-       sonstigen Gründen – zumindest
 ausschüsse (ASA) stark behindert, in denen die Analyse der        in Bereichen, wo die Versorgung
 Arbeitsbedingungen, die Wirksamkeit von Arbeitsschutzmaß-         nicht mehr ausreichend ist – mitt- „Teilzeittätigkeit
 nahmen (Lärmschutz, Lärmschutzmessung) und sicherheits-           lerweile ohne ein ärztliches Attest    sollte nicht als
 technischer Aspekte (etwa in Laboren und Werkstätten) bespro-     regelmäßig abgelehnt. In der Tat
 chen und Verbesserungen angemahnt und angestoßen werden           sollte die Teilzeittätigkeit nicht als Maßnahme zum
 können. Immer wieder weisen die BAD-Sicherheitsfachkräfte         Maßnahme zum Gesundheits-              Gesundheits-
 in ASA-Sitzungen auf die Überlastung der Lehrkräfte durch die     schutz genutzt werden müssen.          schutz genutzt
 Pandemie hin, die sie bei Begehungen vielfach beobachteten.       Vielmehr ist es Angelegenheit des
 Augenfällig wird dabei, dass es im Schulbereich keinerlei Werk-   Arbeitgebers, für einen angemes-       werden müssen.“
 zeuge zur Erfassung des Krankenstandes, des Personalmangels       senen Gesundheitsschutz zu sor-
 und der daraus abzuleitenden notwendigen Maßnahmen gibt.          gen, indem Risiken erkannt und beseitigt, sowie präventiv Vor-
 In Großbetrieben würden in vergleichbaren Situationen Teile       kehrungen getroffen werden. Hierzu gehören sowohl weitere
 der Produktion zeitweise heruntergefahren oder gar stillgelegt.   Angebote wie Gesundheitskurse und Coaching zum Umgang

 bildung & wissenschaft 04 / 2022                                                                                              15
Titelthema

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                                                                                                       zum Arbeits- und
                                                                                                       Gesundheitsschutz kommen
                                                                                                       Das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung
                                                                                                       (ZSL) verteilt die Mittel des Betriebliches Gesundheits-
                                                                                                       managements (BGM) auf die sechs Regionalstellen.
                                                                                                       Diese wiederum informieren über die Angebote und
                                                                                                       Fortbildungen zum Gesundheitsschutz. Die eine oder
                                                                                                       andere Schule kann auch von den Angeboten des
                                                                                                       BAD profitieren.

                                                                                                       Die Schulen sollten sich frühzeitig Gedanken machen,
                                                                                                       welche Gesundheitsmaßnahmen (z. B. Gesundheits-
 mit Belastungssituationen, aber auch strukturelle Maßnahmen,                                          tage oder Präventionskurse, auch digital) an der
 die an den Wurzeln der Überlastung ansetzen, wie ein Ausbau                                           Schule stattfinden sollen. Über die schulinterne Pla-
 der Altersermäßigung, zeitliche Entlastung für Zusatzaufgaben                                         nung ist die zuständige Örtliche Vertrauensperson
 und eine Absenkung des Deputats. Gerade diese strukturellen                                           (ÖVP) zu informieren und vor einer Entscheidung
 Verbesserungen kosten viel Geld und sind realistischerweise                                           anzuhören. Die letztendliche Entscheidung sollte
 nur mittelfristig zu erreichen. Angegangen werden müssten sie                                         durch einen Beschluss der GLK getroffen werden.
 aber heute.
                                                                                                       Außerdem können sich die Schulen bei den Fach-
 Belastungen während der Pandemie                                                                      berater*innen für Arbeits- und Gesundheitsschutz an
 Besonders während der Pandemie haben die Belastungen                                                  den Regionalstellen Rat und Unterstützung bei der Pla-
 enorm zugenommen. Vor allem ist der Anspruch der Eltern                                               nung und Durchführung von Maßnahmen einholen.
 gestiegen, und das KM hat diesem weitgehend nachgegeben
 und die Mehrbelastung der Lehrkräfte einfach ignoriert. Nur                                           Es gibt ein Informationsschreiben des ZSL, das den
 ein Beispiel: Parallel zum normalen Präsenzunterricht müssen                                          Schulen vorliegt. Dort werden die Beantragung von
 Lehrkräfte Fernunterricht zusätzlich für Schüler*innen leisten,                                       Maßnahmen im Rahmen des Betrieblichen Gesund-
 die wegen Absonderungspflicht zu Hause sind. Die GEW und                                              heitsmanagements (z. B. Gesundheitstag an der Schule)
 die Personalräte müssen dringend darauf achten, dass diese                                            bei den Regionalstellen erklärt. Es gibt zwei Stichtage
                                      Art des Umgangs mit den                                          im Jahr, zu denen die Anträge geprüft und bewilligt
                                      Kolleg*innen nicht zur                                           werden: 31.5. für das 1. Schulhalbjahr und 31.10. für
„Strukturellen Verbesse-              Gewohnheit wird. Solche                                          das zweite Schulhalbjahr.
 rungen kosten viel Geld Anforderungen müssen
                                      zurückgefahren oder es
 und sind realistischer-              muss zumindest ein ent-
 weise nur mittelfristig zu sprechender Ausgleich
 erreichen. Angegangen geschaffen werden.
                                      Das KM hat mit der letz-
 werden müssten sie aber ten Umorganisation ein
 heute.“                              eigenes Referat Arbeits-
                                                                   Illustration: DrAfter123 / iStock

                                      schutz und Gesundheits-
 förderung geschaffen. Da es noch in seiner Aufbauphase steckt,
 stehen positive Auswirkungen noch aus. Schnell sollten die
 Zuständigkeiten geklärt und transparent gemacht werden.
 Beschäftigte müssen wissen, wohin sie sich bei Problemen wen-
 den können.

                              Waltraud Kommerell,
                              BPR Gym Stuttgart und
                              im HPR Mitgllied des ASA
                              Martin Schommer,
                              GEW-Referent für Tarif-,
                              Beamten- und Sozialpolitik

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Titelthema

                                                 GESUNDHEIT SFÜRSORGE

                                Lehrkräfte für
                              ihren Job stärken
 In Zeiten mit hohen Anforderungen ist es besonders wichtig, die eigene (psychische) Gesundheit
zu schützen und zu stärken. Die Lehrkräfte-Coachinggruppen nach dem Freiburger Modell können
    einen wichtigen Beitrag dazu leisten. Ziel ist die Förderung individueller Ressourcen und der
         Beziehungskompetenz. Eine positive Wirkung ist wissenschaftlich nachgewiesen.

97 Prozent der im Rahmen einer forsa-Studie 2021 befragten      Auswahl von Fortbildungen zur Gesundheitsförderung sowie
Schulleitungen in Deutschland sind der Ansicht, dass sich die   präventive Gesundheitsmaßnahmen an. Diese zielen dezidiert
Anforderungen an ihr Kollegium in der Zeit der Pandemie         auf die spezifischen gesundheitsgefährdenden Belastungen bei
noch einmal gesteigert haben. 50 Prozent der Schulleitungen     Lehrkräften und Schulleitungen ab und sind mit den Personal-
gaben an, dass die Ausfälle im Kollegium durch psychische       vertretungen abgestimmt. Die Maßnahmen reichen von ein-
und physische Erkrankungen zugenommen haben. Nachdem            maligen Angeboten für einzelne Lehrkräfte oder Schulen bis
unter Lehrkräften auch schon vor Pandemiebeginn eine hohe       hin zu mehrjährigen Fortbildungsreihen und kontinuierlichen
berufsbedingte gesundheitliche Belastung zu verzeichnen war,    Fallbesprechungsgruppen.
stellt sich die Frage, welche Maßnahmen zur Gesunderhaltung     Neben Angeboten, die auf ein gesundheitsförderliches Verhal-
für Lehrkräfte und Schulleitungen in Baden-Württemberg zur      ten der einzelnen Lehrkraft abzielen und z. B. Stressmanage-
Verfügung stehen.                                               ment oder Stimmgesundheit thematisieren (Verhaltenspräven-
Seit 2011 bietet das Land im Rahmen seines Gesundheits-         tion), geraten zunehmend auch Maßnahmen in den Fokus, die
managements für die öffentlichen Schulen eine umfangreiche      Gesundheitsförderung als integralen Bestandteil von Schul-
                                                                                            entwicklung verstehen und eine
                                                                                            Schulkultur anstreben, in der
                                                                                            Gesundheit und Wohlbefinden
                                                                                            der Akteure nicht als Zusatz ver-
                                                                                            standen werden, sondern einen
                                                                                            zentralen Stellenwert bekommen
                                                                                            (Verhältnisprävention).
                                                                                            Schulleitungsteams, die an der
                                                                                            Fortbildungsreihe „Gesund, kre-
                                                                                            ativ und leistungsstark. Ihre
                                                                                            Schule in die Zukunft führen"
                                                                                            teilnahmen, meldeten auch in
                                                                                            der Pandemie vielfach zurück,
                                                                                            dass ihnen das vermittelte Hand-
                                                                                            werkszeug, wie z. B. zu Führung
                                                                                            in Krisensituationen, zu agilem
                                                                                            Denken und zur Stärkung eines
                                                                                            Wir-Gefühls im Kollegium dabei
                                                                                            hilft, trotz der enormen Belastun-
                                                                                            gen gesund und handlungsfähig
                                                                                            zu bleiben.
                                                                                            Auch unabhängig von der Pan-
                                                                                            demie wird zukünftig immer
                                                                                            mehr ein Gesundheitsmanage-
                                                                                            ment gefragt sein, das Schulen
                                                                                            auf individueller und organisa-
                                                                                            tionaler Ebene mit Angeboten
                                                                                            unterstützt, achtsam und flexibel

                                                                                                                            17
Titelthema

auch durch komplexe Krisen und Veränderungsprozesse zu
navigieren – indem sie ihre Resilienz fördern. Eine Maßnah-
me, die in Baden-Württemberg seit dem Schuljahr 2012/13
einen wichtigen Baustein im Gesundheitsmanagement dar-
stellt und auch während der Pandemiezeit digital und in Prä-
senz stattfand, sind die Lehrerkräfte-Coachinggruppen nach
dem Freiburger Modell.

      Lehrkräfte-Coaching
      nach dem Freiburger Modell                                Lehrkräfte-Coachinggruppen nach dem Freiburger Modell
                                                                Die Arbeitsgruppe Lehrkräfte-Gesundheit an der Klinik für
      Die Gruppenarbeit wird von geschulten Expert*innen        Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Unikli-
      geleitet und folgt einem Manual nach Bauer (2007) mit     nik in Freiburg entstand unter der Leitung von Prof. Joa-
      folgenden fünf Modulen:                                   chim Bauer im Jahr 2003. Schon damals war der Anteil an
      1. Beziehungserfahrungen und ihre Auswirkungen auf        Lehrer*innen unter den Patient*innen der Klinik überdurch-
         die Gesundheit: Neurobiologische Basisinformationen    schnittlich hoch. Studien bestätigen, dass unter Lehrkräften
      2. Persönliche Einstellung: Die Bedeutung von Identi-     ein erhöhtes Risiko einer psychiatrischen oder psychosoma-
         tät und Identifikation                                 tischen Erkrankung besteht. Um Lehrkräfte für ihren heraus-
      3. Beziehungsgestaltung mit Schüler*innen: Die Bedeu-     fordernden Job zu stärken und das mentale Belastungserleben
         tung der Balance zwischen Empathie und Führung         zu senken, entwickelte die Arbeitsgruppe in Zusammenarbeit
      4. Beziehungsgestaltung mit Eltern: Gemeinsam für         mit Lehrer*innen und Psychotherapeut*innen die „Lehrer-
         den / die Schüler*in                                   kräfte-Coachinggruppen nach dem Freiburger Modell“. Der
      5. Beziehungsgestaltung und Zusammenhalt inner-           Fokus liegt auf individuellen Ressourcen und der Stärkung
         halb des Kollegiums: Spaltungstendenzen versus         der Beziehungskompetenz, da diese im Lehrer*innenberuf
         Kollegialität                                          in herausragender Weise gefordert ist. Außerdem weiß man,
                                                                dass eine gelingende Beziehungsgestaltung zu Schüler*innen,
      Zusätzlich wird eine Entspannungsmethode erlernt          Eltern und Kolleg*innen eine Voraussetzung für eine erfolg-
      und in den Sitzungen praktiziert. Zu Beginn jeder Ein-    reiche und Gesundheit erhaltende Tätigkeit als Lehrkraft ist.
      heit erfolgt ein theoretischer Input, der in der Gruppe   Die gesundheitsförderliche Wirksamkeit der Lehrkräfte-
      diskutiert wird. Kernstück bildet danach die Fallarbeit   Coachinggruppen nach dem Freiburger Modell wurde schon
      nach Balint.                                              2010 in einer wissenschaftlichen Studie von Unterbrink und
                                                                Kolleg*innen belegt. Auch weiterhin wird die Maßnahme in
                                                                einer Begleitforschung evaluiert und deren Qualität gesichert.

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Titelthema

                                                                                       „Sobald ich merke, dass ich
                                                                                        mich persönlich angegriffen
                                                                                        fühle, lasse ich es vielleicht
                                                                                        gerade mal so liegen und
                                                                                        merke dann, oh hoppla, ich
                                                                                        bin persönlich angegriffen,
                                                                                        dann versuch ich halt
                                                                                        herauszufinden, warum?
                                                                                        Also, ich versuche, mich dann
                                                                                        zu reflektieren, das kann ich
                                                                                        durch das Coaching.“
                                                                                                   Rückmeldung einer Teilnehmerin
                                                               Illustration: Virinka

                                                                                            Lehrkräfte-Gesundheit
                                                                                            in Deutschland
Wie Rückmeldungen aus den letzten beiden Schuljahren                                        „Lehrkräfte zeichnen sich gegenüber der Allgemein-
zeigen, empfinden viele Lehrkräfte die Teilnahme an den                                     bevölkerung durch ein gesundheitsförderlicheres
Gruppen gerade in einer Zeit, in der soziale Kontakte einge-                                Verhalten und geringer ausgeprägte kardiovaskuläre
schränkt sind und andere Unterstützungsmöglichkeiten weg-                                   Risikofaktoren, ausgenommen Hypertonie, aus. Wie
brechen, als entlastend und den Austausch als bereichernd.                                  in anderen Berufsgruppen gehören Muskel-Skelett-
Viele Teilnehmer*innen nehmen am Coaching teil, weil sie                                    und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu den häufigs-
das Gefühl haben, für bestimmte Situationen im Schulalltag                                  ten Diagnosen. Psychische und psychosomatische
Unterstützung zu brauchen. Das können emotionsgeladene                                      Erkrankungen kommen dagegen bei Lehrkräften
und vorwurfsvolle Elterngespräche oder als ungerecht erlebte                                häufiger vor als in anderen Berufen, ebenso unspezifi-
Zurechtweisungen durch die Schulleitung oder konfliktreiche                                 sche Beschwerden wie Erschöpfung, Müdigkeit, Kopf-
Grundsatzdebatten im Kollegium sein. Das Spektrum der Fälle                                 schmerzen und Angespanntheit.“
ist weit, wobei eine Chronifizierung der Konflikte zu dauerhaften
gesundheitlichen Problemen bis hin zum Burnout führen kann.                                 Lehrergesundheit von Scheuch K., Haufe E., Seibt R.
Die Coachinggruppen stehen allen Lehrkräften öffentlicher                                   (2015) Dtsch Arztebl Int. 112:347–356
Schulen offen. In den letzten Jahren kamen die meisten Anmel-
dungen aus Gymnasien, Grundschulen, SBBZ und Berufsschu-
len, wobei aber auch alle anderen Schularten vertreten sind. Die
Gruppen werden verteilt über ganz Baden-Württemberg ange-
boten und finden entweder an 6 zweistündigen Terminen oder                             für Fortsetzungsgruppen, wie sie von vielen Teilnehmer*innen
an 1,5 Samstagen (8 + 4 Stunden) statt. Für Lehrkräfte mit Lei-                        gewünscht werden. Als Antwort auf die Herausforderungen
tungsfunktion werden eigene Gruppen angeboten, damit diese                             der Pandemie werden seit Ende des Schuljahres 2019/20 einige
unter sich mit angepassten Schwerpunkten arbeiten können.                              der Gruppen im Online-Format angeboten. Diese fanden reges
Weiterhin finden auch sogenannte Spezialgruppen (z. B. für                             Interesse und wurden sehr positiv evaluiert.
SBBZ-Lehrkräfte) statt. Aktuell entsteht außerdem ein Manual

bildung & wissenschaft 04 / 2022                                                                                                                     19
Titelthema

                                                                         Fallbeispiel
                                                                         Im Themenkomplex „Beziehung zu Schüler*innen“
                                                                         stellt Frau Meyer ihren Fall vor. Sie ist seit 14 Jah-
                                                                         ren im Schuldienst und liebt ihren Beruf. Sie berich-
                                                                         tet: „Letzte Woche hatte ich der Klasse 9c eine Still-
                                                                         arbeit gegeben. Nach kurzer Zeit begann Thomas,
                                                                         mit Papierkügelchen zu werfen und die anderen zu
                                                                         stören. Ähnliches hat er schon öfter gemacht, sodass
                                                                         ich gleich auf 180 war. Trotzdem habe ich versucht,
                                                                         mit ihm in Ruhe darüber zu sprechen, und ihn dafür
                                                                         beiseite genommen. Thomas hat sich dumm gestellt
                                                                         und alles abgestritten. Weil ich so wütend war, habe
Rückmeldung der Teilnehmer*innen zur Coachingarbeit                      ich ihm eine Strafarbeit aufgegeben. Er reagierte sehr
In jedem Schuljahr melden sich über das Anmeldeportal                    frech, dass er diese sowieso nicht machen würde. Ich
zwischen 500 und 1.000 Lehrkräfte an. Die Ergebnisse der                 konnte die Unterrichtsstunde kaum mehr zu Ende
begleitenden Evaluationen zeigen eine große Zufriedenheit.               halten, obwohl ich diese mühevoll vorbereitet hatte
Fragen nach der Qualität des Austauschs, der Moderation und              und mir das Thema am Herzen liegt. Solche Situa-
der gesamten Sitzungen sowie Fragen nach der Relevanz des                tionen setzen mir wahnsinnig zu. Ich finde keinen
Themas oder dem Lerneffekt werden regelmäßig mit (Schul-)                Zugang zu Thomas und fühle mich von ihm nicht
Noten zwischen 1 und 2 bewertet.                                         ernst genommen. Anschließend brauche ich lang, um
In Interviews mit ehemaligen Teilnehmer*innen von 2017/18                mich wieder zu entspannen.
ergaben sich laut einer Studie von Pfeifer und Kolleg*innen
als Haupt-Wirkfaktoren für den Coachingerfolg der Aus-                   Die Moderatorin fragt in die Runde: „Was löst diese
tausch innerhalb der Gruppe und die Beziehung mit den                    Beschreibung in Ihnen aus? Haben Sie so etwas schon
Moderator*innen.                                                         erlebt?“ Eine Antwort lautet: „Ich habe solche Fälle
Der Transfer in den Schulalltag wird oftmals durch struktu-              auch schon öfter gehabt und ich kann sehr gut verste-
relle Hindernisse wie Zeitdruck, hohe Anforderungen und zu               hen, wie dieser Konflikt einen anhaltend ärgert“ Eine
kurze Erholungsphasen erschwert. Er gelingt aber z. B. dann,             zweite ergänzt: „Wenn ich diese Situation höre, ärgere
wenn Teilnehmende beginnen, in schwierigen Situationen das               ich mich mit Frau Meyer. Ich kenne das auch und fühle
eigene Verhalten schneller zu hinterfragen:                              mich in solchen Situationen dann ebenso nicht ernst
„Sobald ich merke, dass ich mich persönlich angegriffen fühle,           genommen. Allerdings würde mich interessieren, ob
lasse ich es vielleicht gerade mal so liegen und merke dann,             Thomas die Aufgaben vielleicht schon fertig hatte und
oh hoppla, ich bin persönlich angegriffen, dann versuch ich              ihm nur langweilig war.“ Die Moderatorin fragt später
halt herauszufinden, warum? Also, ich versuche, mich dann zu             noch, warum gerade Thomas bei Frau Meyer so eine
reflektieren, das kann ich durch das Coaching.“                          starke emotionale Reaktion und negative Gedanken
Das Erfahren von gelingenden zwischenmenschlichen Dyna-                  hervorrufe.
miken im Schulalltag wurde beispielsweise so beschrieben:
„Schlüsselmomente sind, wenn man positive Rückmeldungen                  Im Weiteren besprechen die Teilnehmer*innen mög-
bekommt. Egal, ob es Schüler oder Eltern sind, Kollegen oder             liche Lösungswege wie z. B.: „Eventuell hätte sie Tho-
Schulleitung. Das ist dann so richtig, ja, das tut einem einfach gut.“   mas einfach nur die Papierkügelchen auflesen lassen
                                                                         und die nicht bearbeiteten Aufgaben als Hausarbeit
Forschungsergebnisse                                                     aufgeben sollen“. „Vielleicht fehlt Thomas Anerken-
Vor und nach dem Coaching erhalten die Teilnehmenden                     nung durch die Lehrerin.“
einen Fragebogen zu „Gesundheit und Belastung“. Die so
generierten anonymen Daten werden über einen Code einan-                 Die Ideen und Gedanken der anderen Lehrer*innen zu
der zugeordnet und analysiert.                                           hören, empfindet Frau Meyer als sehr unterstützend.
Zur Erfassung der psychischen Gesundheit wird der General                Zuhause denkt sie besonders über die Nachfrage der
Health Questionnaire (GHQ) eingesetzt, ein international                 Moderatorin nach. In der kommenden Sitzung berich-
gebräuchliches Screening-Instrument. Ab einem bestimmten                 tet sie, dass ihr Verhältnis zu Thomas sich langsam
Skalenwert spricht man von einer medizinisch relevanten                  bessere. Dies sei ihr gelungen, weil sie mit ihm kon-
Belastung. Seit dem Beginn des Coachings im Schuljahr                    krete Vereinbarungen getroffen und seine Leistungen
2012/13 ergeben die Analysen Jahr für Jahr eine Reduktion des            deutlicher anerkannt habe. Sie hat darüber hinaus
Anteils an belasteten Lehrkräften unter den Teilnehmenden                eigene Triggerpunkte erkannt und sich vorgenom-
von etwa 50 auf etwa 20 Prozent, was dem „Normalwert“ in                 men, diese rechtzeitig zu bedenken, um Eskalationen
der Gesamtbevölkerung entspricht.                                        zu vermeiden.
Bei Teilnehmer*innen, deren Gesundheit sich verbessert hatte,
kam es gleichzeitig zu positiven Änderungen auf der beruflichen

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