Strategie Kanton Aargau energieAARGAU - Departement Bau, Verkehr und Umwelt
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Strategie Kanton Aargau
energieAARGAU
Beschlossen vom Grossen Rat am 2. Juni 2015
Departement
Bau, Verkehr und Umwelt
1 KolumnentitelVorwort
Vorwort
Gutes Klima für den Aargau
Der Name Energiekanton ist Auftrag und Ruf
zugleich. Seit rund hundert Jahren produziert der
Aargau mit seinen Flusskraftwerken an Rhein,
Aare, Reuss und Limmat das wertvolle Gut Strom.
Während für die Generation unserer Eltern und
Grosseltern die ausreichende Energieversorgung im
Zentrum des Interesses stand, geht es heute viel-
Stephan Attiger mehr um Aspekte, die den Schutz der Umwelt, des
Regierungsrat Lebens und der natürlichen Ressourcen betreffen.
So stellen sich für die Politik, die Wissenschaft und
die Gesellschaft ganz neue Aufgaben.
Sorgen bereiten die Abhängigkeit von fossilen
Energieträgern und damit verbunden die Erwärmung
der Erdatmosphäre sowie die steigende Nachfrage
nach Energie. Kaum ein anderes Thema hat derzeit
das Potenzial, so einschneidende politische Verände-
rungen hervorzubringen wie die nachhaltige Energie-
versorgung unserer Gesellschaft. Auch die Kantone
stehen in der Pflicht, in der Schweiz nachhaltige
Veränderungen herbeizuführen. Sie sind neben
dem Bund die Schlüsselakteure beim Erreichen der
klima- und energiepolitischen Ziele.
Für die Sicherung und Weiterentwicklung unseres
Energiesystems sind neue Technologien und
Lösungen gefragt. Als Energiekanton trägt der Aargau
dabei besondere Verantwortung. Jedoch wäre es
zu einseitig, das Etikett «Energiekanton» bloss der
Stromproduktion zuzuschreiben, nimmt doch der
Aargau seit jeher eine starke Stellung in der Elektro-
und Elektronikindustrie ein. Diese Position wollen
wir im Rahmen des Programms Hightech Aargau
weiter ausbauen.
Wie jede Strategie weist auch die vorliegende
kantonale Energiestrategie in die Zukunft. Mit ihr
stellen wir die Weichen für die bevorstehenden
Veränderungen.
Stephan Attiger
Regierungsrat
3Inhalt
Inhalt
Seite
Vorwort 3
Zusammenfassung 7
1 Einleitung 8
1.1 Ausgangslage 8
1.2 Rahmenbedingungen 9
1.3 Energiestatistik und Potenziale 13
1.4 Ziele des Bundes 16
1.5 Handlungsbedarf 17
2 Leitlinien und Hauptziele der Aargauer Energiepolitik 18
2.1 Die drei kantonalen Leitlinien 18
2.2 Die vier kantonalen Hauptziele 20
3 Handlungsfelder und Strategien 24
3.1 Handlungsfeld: Wasserkraft (erneuerbare Energien) 25
3.2 Handlungsfeld: Neue erneuerbare Energien 30
3.3 Handlungsfeld: Nicht erneuerbare Energien 37
3.4 Handlungsfeld: Gebäude 43
3.5 Handlungsfeld: Prozesse 49
3.6 Handlungsfeld: Mobilität 53
3.7 Handlungsfeld: Versorgungssicherheit und Energiespeicherung 57
3.8 Handlungsfeld: Querschnittsaufgaben 64
4 Umsetzung 67
4.1 Gestalterische Freiräume der Kantone 67
4.2 Zusammenarbeit mit Dritten 67
4.3 Auswirkungen auf das Energiegesetz 68
Abbildungsverzeichnis und Anhang 70
4Zusammenfassung
Zusammenfassung
Die vorliegende Energiestrategie energieAARGAU Der modulare Aufbau in Form von acht Handlungs-
zeigt die Stossrichtung der kantonalen Energiepolitik feldern – welche grösstenteils der energetischen
für einen Zeithorizont von zehn Jahren auf. Sie ersetzt Wertschöpfungskette folgen – soll die zukünftige
den Planungsbericht aus dem Jahr 2006. Planung und Beratung im Parlament erleichtern.
Jedes Handlungsfeld ist möglichst selbsterklärend
Bei der Überarbeitung der Strategie wurden der Ent- und eigenständig dargestellt und enthält – neben
scheid von Bundesrat und Parlament zum Ausstieg den bereits erwähnten Strategien – jeweils Ziele und
aus der Kernenergie, die Energiestrategie 2050 des Zielpfade sowie Massnahmen. Dadurch können
Bundes, die Entwicklungen der Energie- und CO2 - einzelne Massnahmen in mehreren Handlungsfeldern
Märkte und weitere nationale und internationale vorkommen.
Entwicklungen berücksichtigt. Die Strategie ist
abgestimmt mit den übrigen kantonalen Strategien Die aufgeführten Massnahmen zeigen auf, wie der
und Konzepten in den Gebieten der Raumplanung, Kanton Aargau in Zukunft die ihm übertragenen
der Mobilität und der Umwelt. Aufgaben angehen wird. Die Unterscheidung von
bereits laufenden bzw. von weiterführenden Mass-
Die Energiepolitik wird in wesentlichen Teilen vom nahmen soll verdeutlichen, in welchen Bereichen
Bund bestimmt. Der Kanton Aargau will aber in der Kanton Aargau bereits aktiv ist und wo es noch
seinen Kompetenzbereichen die Möglichkeiten nutzen, Potenziale gibt, um die Ziele einer nachhaltigen
die übergeordneten Zielsetzungen des Bundes Gesellschaft zu erreichen.
zu unterstützen. Im Zentrum stehen die Steigerung
der Energieeffizienz und der Ausbau der erneuer-
baren Energien mit einem Schwerpunkt im Gebäude-
bereich. Aus diesem Grund orientiert sich die
Aargauer Energiepolitik an Leitlinien, welche auf den
drei Dimensionen der Nachhaltigkeit basieren und
auf den Erhalt der Versorgungssicherheit abzielen,
aber auch auf die Stärkung des Energiekantons.
18 Strategien in den Bereichen Strom- und Wärme-
erzeugung, Energieverbrauch sowie übergreifende
Aufgaben bilden hierfür die Grundlage.
Die in Kapitel 2 präsentierten Leitlinien definieren
den Rahmen für die vier übergeordneten kantonalen
Ziele, welche auf den Zielen der Energiestrategie
2050 des Bundes basieren. Im Kapitel 3 werden die
18 Strategien – eingebettet in acht Handlungsfelder –
vorgestellt und erläutert.
5Einleitung
1 Einleitung
1.1 Ausgangslage zusammengefasst, sodass eine koordinierte Beratung
durch den Grossen Rat vereinfacht wird. Das
Die Energiestrategie energieAARGAU als Planungs- Energiegesetz sieht eine Überprüfung und allfällige
bericht gemäss § 8 GAF 1 zeigt die Stossrichtung Anpassung der kantonalen Ziele und Massnahmen
der kantonalen Energiepolitik für einen Zeithorizont mindestens alle fünf Jahre vor.
von zehn Jahren auf. Sie basiert auf dem kantonalen
Entwicklungsleitbild 2013 – 2022 und ersetzt energie- Kompetenzbereich der Kantone
AARGAU aus dem Jahr 2006. Gleichzeitig erfüllt Die Kantone verfügen in der Energiepolitik über einen
sie den Auftrag von § 13 des Energiegesetzes, wonach beschränkten Handlungsspielraum, da sie in wesent-
der Regierungsrat eine kantonale Energieplanung lichen Teilen vom Bund bestimmt wird. Der Kanton
auszuarbeiten hat. Obwohl im Energiebereich gegen- Aargau will aber die ihm zustehenden Kompetenzen –
wärtig noch zahlreiche politische Fragen offen insbesondere im Gebäudebereich, bei der Wasserkraft,
sind, soll mit der Erstellung einer kantonalen Energie- der Energieversorgung und -nutzung und im Bereich
planung nicht länger zugewartet werden. der Information und Kommunikation – nutzen. Er unter-
stützt damit auch die Zielsetzungen des Bundes. Im
Die Strategie aus dem Jahr 2006 hat in ihrer Grund- Rahmen seines Kompetenzbereichs kann der Kanton
ausrichtung nach wie vor Gültigkeit. Wichtige direkt im Sinne der kantonalen Energiestrategie
Rahmenbedingungen haben sich jedoch mit der Ener- Einfluss nehmen. Wo der Kanton über keine direkten
giestrategie 2050 des Bundes und dem Entscheid Kompetenzen verfügt, kann er mit Stellungnahmen
zum Ausstieg aus der Kernenergie geändert, sodass versuchen, seinen Einfluss geltend zu machen.
eine Aktualisierung der Energiestrategie des Kantons
Aargau angebracht ist. Zielpublikum
Der Grosse Rat bestimmt mit diesem Planungsbericht
Die Energiestrategie und die kantonale Energie- die strategische Ausrichtung im Energiebereich
planung sind als Planungsbericht in einem Dokument (§ 8 Abs. 1 GAF). Er legt damit die mittelfristigen Ziele
Abbildung 1: Zeithorizont Energiestrategie
2010 2020 2030 2040 2050
Energiestrategie Bund 2050
Erstes Massnahmenpaket Bund 2035
Kantonales Entwicklungsleitbild 2013 – 2022
Kantonale Energiestrategie
10 Jahre
(energieAARGAU)
Überprüfung der Zielerreichung (kantonale Energieplanung) 5 Jahre
Aufgaben- und Finanzplanung (AFP)
1 + 3 Jahre fortlaufend
1
612.300 – Gesetz über die wirkungsorientierte Steuerung von Aufgaben und Finanzen (GAF).
6Einleitung
in Anlehnung an die Vorgaben des Bundes fest und Er fördert die Entwicklung von Energietechniken,
zeigt auf, mit welchen Massnahmen der Kanton die insbesondere in den Bereichen der Energieeffi-
Ziele im Aufgabenbereich AB 615 (Energie) erreichen zienz und der erneuerbaren Energien. Die Kantone
will (§§ 2 Abs. 2 und 13 EnergieG). sind vor allem für den Gebäudebereich zuständig.
Die kantonale Energiestrategie richtet sich aber auch
an die Gemeinden, die Bevölkerung, die Wirtschaft 1.2.1 Verbindung mit bestehenden Konzepten
und Organisationen, die alle von einer sicheren, wirt-
schaftlichen und nachhaltigen Energieversorgung Entwicklungsleitbild
abhängig sind. Mit dem Entwicklungsleitbild 2013 – 2022 hat der
Regierungsrat ein übergeordnetes Planungs-
Energiekanton Aargau instrument geschaffen. Darin ist das Ziel verankert,
Der Kanton Aargau ist in der Schweiz als Energie- die Energiepolitik nachhaltig zu gestalten. Die
kanton bekannt. Als Pionier der Wasserkraftnutzung überarbeitete Energiestrategie richtet sich daher nach
und Gründungsmitglied der heutigen Axpo kann er wie vor in sämtlichen Themen nach den Prinzipien
auf eine mehr als 100-jährige Geschichte im der Nachhaltigkeit. Die Strategien versuchen jeweils
Energiebereich zurückblicken. Seit dem Einstieg der eine Balance zwischen wirtschaftlichen, gesell-
Schweiz in die Kernenergie 1969 wurden drei der schaftlichen und ökologischen Interessen zu finden.
fünf Kernkraftwerke auf dem Kantonsgebiet gebaut.
Diese decken rund 35 % des gesamtschweize- Frühere kantonale Konzepte
rischen Strombedarfs. So überrascht es nicht, dass Das erste Energiekonzept des Kantons Aargau von
sich der Aargau zu einem einzigartigen Standort 1975 /76 wurde parallel zur Energiekonzeption
mit Energieforschungsinstituten, Fachhochschule, des Bundes erarbeitet. Als Folge der Erdölkrise 1973
Energie- und Elektrotechnik-Unternehmen und sollte die einseitige Abhängigkeit der Schweiz
zahlreichen innovativen KMU entwickelt hat. Damit vom Erdöl (damals basierten 80 % des Endenergie-
besitzt der Kanton Aargau gute Voraussetzungen, verbrauchs auf Erdölprodukten) reduziert werden.
einen wesentlichen Beitrag zur Energiestrategie 2050 Ein weiterer Eckpfeiler bestand darin, eine wirtschaft-
des Bundes zu leisten. liche und sichere Energieversorgung zu gewährleisten.
Das Energiekonzept von 1987 wurde im Hinblick
auf einen zweiten Anlauf zu einem kantonalen
1.2 Rahmenbedingungen Energiegesetz in Auftrag gegeben. Mit dem Ziel, die
Akzeptanz für ein überarbeitetes Energiegesetz zu
Die Kompetenzen von Bund und Kantonen in verbessern, wurde das Konzept im Wesentlichen auf
Energiefragen werden in Artikel 89 der Bundes- der ersten Ausgabe von 1975 /76 aufgebaut.
verfassung beschrieben: Bund und Kantone
setzen sich im Rahmen ihrer Zuständigkeiten für Mit der Energiestrategie energieAARGAU aus
eine sichere, breit gefächerte, wirtschaftliche dem Jahr 2006 wurde die Energiepolitik dann an die
und umweltverträgliche Energieversorgung sowie Entwicklungen im Bereich der Strommarktlibera-
für einen sparsamen und rationellen Energie- lisierung und der Klimapolitik angepasst. Basierend
verbrauch ein. Der Bund legt dabei die Grundsätze auf dem Prinzip der Nachhaltigkeit wurden strate-
fest und erlässt Vorschriften für den Energie- gische Schwerpunkte und Umsetzungsmöglich-
verbrauch von Anlagen, Fahrzeugen und Geräten. keiten für die aargauische Energiepolitik festgelegt.
7Einleitung
Energiestrategie 2050 Bund welche ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen
Am 28. September 2012 hat der Bund im Rahmen der Folgen durch die Umsetzung entstehen. Die vorliegen-
Energiestrategie 2050 ein erstes Massnahmenpaket de Energiestrategie des Kantons Aargau nimmt die
für den schrittweisen Umbau der schweizerischen Resultate und Erkenntnisse des Energie Trialogs auf.
Energieversorgung in die Vernehmlassung geschickt.
Der Bundesrat will damit den Energieverbrauch Hightech Aargau
pro Person senken, den Anteil fossiler Energie redu- Hightech Aargau ist ein breit abgestütztes Programm
zieren und die nukleare Stromproduktion durch zur Unterstützung des Wirtschaftsstandorts Aargau.
Effizienzgewinne und den Zubau erneuerbarer Energie Es fördert in erster Linie den Austausch und die
ersetzen. Die Energieforschung soll verstärkt, und Zusammenarbeit zwischen KMU, international aus-
mögliche Stromlücken sollen vorübergehend durch gerichteten Unternehmen, Hochschulen sowie For-
Gaskraftwerke und Stromimporte gedeckt werden. schungseinrichtungen mit dem Ziel, den Unternehmen
einen optimalen Zugang zu den besten verfügbaren
Für die Zeit nach 2020 plant der Bundesrat eine Technologien zu ermöglichen. Mit gesteigerter Inno-
weitere Etappe, in der die Klima- und die Energie- vation soll die Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit
politik gemeinsam neu ausgerichtet werden sollen. der Aargauer Wirtschaft erhöht werden.
Mit einer ökologischen Steuerreform soll das Förder-
system kontinuierlich in Richtung eines Lenkungs- Die kantonale Energiestrategie gibt mit den strate-
systems entwickelt werden. Steuerliche Instrumente gischen Zielen vor, wie der Kanton Aargau die
sollen einen Anreiz schaffen, die Energieeffizienz zukünftige Energieversorgung nachhaltig gestalten
zu verbessern und den Energieverbrauch zu senken. will. In sämtlichen Bereichen, insbesondere im
Bereich der erneuerbaren Energien und der Energie-
Energie Trialog «Neue Energiepolitik» effizienz, sind beträchtliche Herausforderungen
Der Kanton Aargau, economiesuisse und der zu meistern. Neue Märkte entstehen, bestehende
WWF Schweiz haben in den Jahren 2012 / 2013 einen werden umgestaltet. Dazu werden im Bereich der
zweiten Energie Trialog 2 durchgeführt und rund Energietechnologie dringend innovative Produkte
15 Verbände und NGOs zu einem fachlichen Austausch und Dienstleistungen benötigt. Mit Hightech Aargau
zur bundesrätlichen Energiestrategie eingeladen. soll der Kanton Aargau diese Herausforderung als
Ziel war es, auf Basis der Energiestrategie 2050 wirtschaftliche Chance nutzen können.
einen breit abgestützten, sachlichen Beitrag zur
politischen Meinungsbildung und Entscheidungs-
findung in Parlament und Gesellschaft zu erarbeiten. 1.2.2 Internationale Entwicklungen
Der Schlussbericht vom 23. August 2013 enthält Die Schweizer Energieversorgung ist heute zu rund
die gemeinsam erarbeiteten Erkenntnisse, die 80 % von Importen aus dem Ausland abhängig.
Einschätzungen der teilnehmenden Verbände und Daher ist die Schweiz eng mit den internationalen
benennt offene Fragen zuhanden des Bundes. Energiemärkten verflochten und stark von deren
Es zeigte sich, dass die Energiestrategie 2050 von Entwicklung abhängig. Die Schweizer Energiepolitik
allen Beteiligten grundsätzlich als technisch mach- ist somit vor grosse internationale Herausforderungen
bar betrachtet wird. Eine erfolgreiche Umsetzung gestellt. Für die Aufrechterhaltung der Schweizer
ist aber in hohem Mass von noch zu treffenden Versorgungssicherheit und das Erreichen der Nach-
politischen Entscheiden und deren Akzeptanz in der haltigkeitsziele ist daher eine enge Zusammenarbeit
Bevölkerung abhängig. Noch wird nicht aufgezeigt, mit dem Ausland unabdingbar.
2
Der erste Energie Trialog wurde 2009 durchgeführt. Vgl. www.energiestrategie.ch
8Einleitung
Globale Nachfrageentwicklung Globale Preisentwicklung
Der globale Verbrauch an Primärenergie hat sich Die Preise für die Energierohstoffe Rohöl, Kohle
zwischen 1973 und 2012 mehr als verdoppelt und Erdgas unterliegen unterschiedlich starken
und beträgt heute etwa 12 476 Millionen Tonnen Schwankungen und haben sich in den vergangenen
Öläquivalente (Mtoe) 3. Der weltweit wichtigste Jahren verschieden entwickelt. Während beim
Energieträger ist nach wie vor Erdöl (33 %), gefolgt Erdöl seit Langem steigende Preise zu beobachten
von Kohle (30 %) und Erdgas (24 %). Die Kern- sind, führen beim Erdgas neue Fördertechniken
energie (4 %) spielt global eine untergeordnete Rolle. und neu entdeckte Ressourcen vor allem in Nord-
Erneuerbare Energien decken weltweit 8,6 % des amerika in den letzten Jahren zu tieferen Preisen.
Verbrauchs 3. Während der Primärenergieverbrauch Als Folge davon ist auch der Preis für Kohle unter
der OECD-Staaten, zu denen auch die Schweiz zählt, Druck geraten.
leicht rückläufig war, nahm er in den Nicht-OECD-
Staaten in den letzten 10 Jahren um etwa 4,5 % zu. In Europa hat sich in den vergangenen Jahren ein
Der gesamtschweizerische Anteil am globalen Primär- funktionierender Erdgasmarkt entwickelt, dessen
energiebedarf beträgt mit 14,2 Mtoe rund 0,1%. Preisbildung von globalem Angebot und Nachfrage
nach Erdgas beeinflusst wird. In der Folge hat sich
Trotz aller Bemühungen in den Industrieländern, über dadurch die klassische Preisbindung von Erdgas an
Effizienzverbesserungen und Energiesparprogramme das Erdöl gelockert. Importe von billiger Kohle nach
den Energieverbrauch zu senken, wird erwartet, dass Europa beeinflussen zudem die aktuelle Strompreis-
der globale Energieverbrauch durch den Nachhol- entwicklung.
bedarf, die wirtschaftliche Entwicklung und den hohen
Bevölkerungsanstieg in den Schwellenländern bis Rohstoffreserven
2035 drastisch steigen wird. Nach Schätzungen der Vor dem Hintergrund des rasanten Anstiegs des
internationalen Energieagentur (IEA) könnte er bis Weltenergiebedarfs und dem damit verbundenen
2035 um mehr als ein Drittel ansteigen 4. Etwa 60 % Preisanstieg für Energierohstoffe stellt sich die
dieser Zunahme entfallen dabei auf China, Indien Frage nach den noch gewinnbaren Vorräten. Dabei
und den Nahen Osten (siehe Abbildung 2). ist es sinnvoll, zwischen Reserven und Ressourcen
Abbildung 2: Erwarteter Anstieg des globalen Primärenergiebedarfs bis 2035 5
Mtoe
4500 China
4000 Indien
3500 sonstiges Asien
3000 Russland
2500 Naher Osten
2000 übrige Welt
1500 OECD
1000
500
0
2000 2010 2015 2020 2025 2030 2035
3
Vgl. «BP Statistical Review of World Energy» Juni 2013.
4
Vgl. IEA World Energy Outlook 2012.
5
Vgl. IEA World Energy Outlook 2011.
9Einleitung
zu unterscheiden. Als Reserven gelten nachgewie- sogenannten «20-20-20-Ziele», die bis zum Jahr
sene Vorkommen, die unter den aktuellen Rahmen- 2020 Folgendes anstreben:
bedingungen wirtschaftlich gefördert werden
können. Ressourcen hingegen basieren vorwiegend – eine Reduktion der Treibhausgasemissionen um
auf Schätzungen und können gegenwärtig noch mindestens 20 % gegenüber 1990
nicht wirtschaftlich gefördert werden. – eine Steigerung der Energieeffizienz um rund 20 %
– sowie einen Anteil der erneuerbaren Energien am
Aufgrund der vorhandenen Reserven, Ressourcen Gesamtenergieverbrauch von 20 %
und Infrastrukturen sollte die Versorgung mit fossilen
Rohstoffen für die nächsten Jahre gesichert sein. Mit ihrer Energiestrategie stützt sich die EU seit 2010
Politische Instabilitäten in den Förderländern, eine weiterhin auf die Schwerpunkte Energieeffizienz,
Unterbrechung der Transportwege und eine zu Energiebinnenmarkt, Verbraucherschutz, Forschung
starke Abhängigkeit von den Förderländern können und Entwicklung sowie die Stärkung der Energie-
jedoch zu einem rasanten Preisanstieg oder einer aussenbeziehungen der EU.
temporären Verknappung führen.
Der Schaffung und Vollendung eines europaweiten
Entwicklungen in Europa Energiemarkts kommt auf allen Ebenen eine wesent-
Die EU-Mitgliedstaaten verabschiedeten 2007 die liche Rolle zu. Damit der Binnenmarkt für Strom
Abbildung 3: Gesamtpotenzial der Energierohstoffe 2012 6
7902 3102
2083
1418
8151 4884
17379
98 175
194 653
2247 4249 10 666 3152
1223 7632
2204
7473
854
1936
187 670
8097
Reserven (39 910 EJ)
kumulierte Förderung 2012 (508,5 EJ)
Ressourcen (521 521 EJ)
6
1 Exajoule [EJ] = 1000 Petajoule [PJ] = 1018 Joule [J].
10Einleitung
und Gas funktioniert und der notwendige grenzüber- Gesprächen mit der EU die Absicherung ihrer
schreitende Netzausbau und die Integration der Stellung im europäischen Energiemarkt im Vorder-
Ländernetze gefördert werden, wurden auf europä- grund. Seit 2007 verhandelt die Schweiz mit der
ischer Ebene entsprechende Rahmenbedingungen EU über ein Stromabkommen. Fernziel der Verhand-
geschaffen. lungen ist ein umfassendes Energieabkommen mit
der EU, welches neben Elektrizität auch Themen
Schweiz / EU wie Energieinfrastruktur, Energieeffizienz und Erdgas
Durch die Verflechtung der Energiemärkte ist die umfassen soll.
Schweiz von der europäischen Entwicklung im
Energiebereich (Europäischer Energiebinnenmarkt)
unmittelbar betroffen. Der Grundsatzentscheid des
Bundesrates vom 25. Mai 2011 zum schrittweisen 1.3 Energiestatistik und
Ausstieg aus der Kernenergie bedingt eine Neuaus-
richtung der Schweizer Energieversorgung. Dem
Potenziale
Stromaustausch mit den Nachbarländern wird
dabei eine noch bedeutsamere Rolle zukommen. 1.3.1 Entwicklung von Produktion
Die Schweiz hat daher grosses Interesse an einer und Verbrauch
Abstimmung zwischen den schweizerischen und den
europäischen Energiemärkten. Die Themen der Nationale Ebene
Zusammenarbeit reichen dabei von der Sicherung Mit Ausnahme von Wasserkraft und Energieholz
der Versorgung in Europa über die Förderung verfügt die Schweiz über geringe Vorkommen an
erneuerbarer Energien bis hin zu Fragen der Energie- klassischen Energierohstoffen. Sie ist damit zu 80 %
effizienz und der Forschungszusammenarbeit. auf Importe angewiesen. Importiert werden Erdöl
(Rohöl, Brenn- und Treibstoffe), Erdgas, Kohle und
Da die Schweiz ihrerseits als Stromdrehscheibe und Kohleprodukte, nukleare Brennelemente und im
Transitland im europäischen Energiemarkt bereits Winterhalbjahr Elektrizität. Der gesamtschweizeri-
seit Jahren eine Schlüsselrolle spielt, steht bei den sche Energieverbrauch hat sich seit den 1950er
Abbildung 4: Endenergieverbrauch nach Energieträgern 7
Endverbrauch nach Energieträgern [TJ]
1 000 000 Übrige erneuerbare Energien
Fernwärme
800 000
Elektrizität
Gas
600 000
Erdöltreibstoffe
Erdölbrennstoffe
400 000
Müll und Industrieabfälle
200 000 Kohle und Koks
Holz und Holzkohle
0
1910 1920 1930 1940 1950 1960 1970 1980 1990 2000 2010
7
Quelle: BFE, Schweizerische Gesamtenergiestatistik 2012.
11Einleitung
Jahren mehr als verfünffacht (vgl. Abbildung 4). Im Kantonale Ebene
Jahr 2012 lag der Endverbrauch bei rund 874 PJ Die vollständige Importabhängigkeit bei den fossilen
(243 TWh), wovon die elektrische Energie knapp ein Energieträgern und den Kernbrennstoffen gilt
Viertel ausmacht (rund 60 TWh). auch für den Kanton Aargau. Die drei Kernkraftwerke
Beznau I und II sowie Leibstadt erzeugten in den
Rund 20 % des schweizerischen Endenergieverbrauchs letzten Jahren rund 15 TWh elektrische Energie pro
sind erneuerbar, wobei die Wasserkraft dominiert. Jahr, während die Stromproduktion aus der Wasser-
Demgegenüber stammten im Jahr 2012 rund 700 PJ kraft im Kanton ca. 3 TWh pro Jahr betrug. Damit
der nationalen Endenergienutzung aus nicht erneuer- trägt der Kanton Aargau gut ein Viertel zur gesamt-
baren Quellen. schweizerisch produzierten Elektrizität bei. Mit dem
Entscheid des Bundesrates, schrittweise aus der
Die Aufteilung des Endverbrauchs nach Verbraucher- Kernenergie auszusteigen, nimmt die Bedeutung der
gruppen hat sich in der Schweiz seit über 30 Jahren erneuerbaren Stromproduktion künftig erheblich zu.
kaum verändert: Die Sektoren Industrie / Dienstleistung, Die Stromproduktion aus erneuerbarer Wasserkraft
Verkehr und private Haushalte verbrauchen jeweils deckt den aktuellen kantonalen Stromverbrauch zu
etwa ein Drittel der nachgefragten Energiemenge. rund 60 %. Mit dem Wegfall der Kernenergie wird
Abbildung 5: Anteil erneuerbarer Energien am schweizerischen Endenergieverbrauch 8
Nicht erneuerbarer
Endverbrauch 79 %
Erneuerbarer
Endverbrauch 21 %
Abbildung 6: Stromerzeugung und -verbrauch im Kanton Aargau
Elektrische Energie [TWh]
20 Strom aus Kernkraftwerken
18 Strom aus Wasserkraftwerken
16 Stromverbrauch Aargau
14
12
10
8
6
4
2
0
2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012
8
Quelle: BFE, Schweizerische Gesamtenergiestatistik 2012.
12Einleitung
der Kanton damit zu einem Stromimporteur. Um die Energien noch von einem deutlich grösseren Aus-
Lücke zu schliessen, hat auch der Kanton Aargau ein baupotenzial ausgegangen. Mit über 10 TWh weist
starkes Interesse an der Steigerung der Stromeffi- die Photovoltaik das grösste Zubaupotenzial auf.
zienz und am Ausbau der erneuerbaren Energien. Dasjenige von Geothermie und Windenergie liegt
jeweils bei etwa 4 TWh. Abwasserreinigungs- (ARA)
und Kehrichtverbrennungsanlagen (KVA) 9 sowie
1.3.2 Potenziale im Energiebereich Biomasse-Anlagen weisen ein wesentlich geringeres
Zubaupotenzial auf.
Der Fokus im Rahmen der Energiestrategie des
Bundes auf den Ausbau der Strom- und Wärme- Potenziale im Kanton Aargau
produktion aus erneuerbaren Energien bedeutet Die Produktion von Strom aus Wasserkraft ist im
für ein rohstoffarmes Land wie die Schweiz mehr Kanton Aargau bereits stark ausgebaut. Die Zubau-
Unabhängigkeit von Importen als auch die Chance, potenziale sind unter den gesetzlichen Rahmen-
sich mit innovativen Technologien für die Zukunft bedingungen marginal.
neu zu positionieren.
Der Kanton Aargau hat eine Solarpotenzialanalyse
Stromproduktionspotenziale in der Schweiz erstellt, welche die Sonneneinstrahlung auf die
Gebäudedachflächen im Kantonsgebiet berechnet.
Stromproduktionspotenzial Erwartet Die Analyse zeigt, dass allein auf den gut geeigneten
der erneuerbaren Energien in 2050 Dachflächen (jene mit «hoher» bis «sehr hoher»
Wasserkraft 39,0 TWh Sonneneinstrahlung) jährlich über 2,3 TWh elektrische
Energie 10 erzeugt werden könnten.
Photovoltaik 10,4 TWh
Windenergie 4,0 TWh Im Richtplan sind fünf mögliche Standorte für Gross-
Geothermie 4,4 TWh windkraftanlagen ausgewiesen. An diesen Standorten
liessen sich jährlich rund 50 GWh elektrische Energie
Biomasse (Holz) 1,1 TWh
produzieren.
Biogas 1,4 TWh
Das Biomassepotenzial wird im Kanton Aargau
ARA + KVA 2,1 TWh
mit den bestehenden Anlagen bereits gut genutzt.
Bei den Abwasserreinigungsanlagen verfügen von
Im Juni 2012 veröffentlichte der Bund eine Studie 49 kantonalen Anlagen 30 über eine Biogasnutzung.
zur «Abschätzung des Ausbaupotenzials der Wasser- Die übrigen, kleineren Anlagen sollen gemäss kanto-
kraftnutzung im Rahmen der Energiestrategie 2050» nalem Umweltkonzept Abwasserreinigung vom
für die Stromproduktion. Darin rechnet der Bund, Juni 2014 zusammengeschlossen oder aufgehoben
dass unter optimierten Nutzungsbedingungen – werden. Potenzial besteht noch bei der energe-
ohne Lockerung der Umwelt- und Gewässerschutz- tischen Nutzung von Holz und Hofdünger. Eine erste
bestimmungen, aber mit verbesserten wirtschaftli- Potenzialabschätzung geht davon aus, dass damit
chen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen – jährlich etwas über 100 GWh elektrische Energie
die Jahresproduktion der Wasserkraft bis 2050 produziert werden könnten.
um 3,2 TWh auf 39 TWh erhöht werden kann. In den
Grundlagen für die Energiestrategie des Bundes Das theoretische Potenzial der Tiefengeothermie ist
(vom Mai 2011) wird bei den neuen erneuerbaren sehr gross. Zurzeit befindet sich die Tiefengeo-
9
Bei der Kehrichtverbrennung wird nur der erneuerbare Anteil der Stromproduktion (50 % biogen) berücksichtigt.
10
Die zur Wärmeproduktion benötigte Dachfläche wurde mit 2 m2 pro Person berücksichtigt.
13Einleitung
thermie jedoch noch in der Forschungs- und Ent- darin in erster Linie auf eine konsequente Erschliessung
wicklungsphase. Zudem ist die Wirtschaftlichkeit der vorhandenen Energieeffizienzpotenziale und in
der Tiefengeothermie in der Schweiz zurzeit noch zweiter Linie auf eine ausgewogene Ausschöpfung
fraglich und die Realisierung von Projekten mit der vorhandenen Potenziale der Wasserkraft und der
finanziellen Risiken verbunden. Eine grössere Strom- neuen erneuerbaren Energien. In einer zweiten
produktion ist in den nächsten zehn Jahren Etappe der Energiestrategie 2050 will der Bundesrat
(Betrachtungshorizont) deshalb kaum zu erwarten. das bestehende Fördersystem durch ein Lenkungs-
system ablösen.
Im Aargau ist mindestens ein grosser Permo-
Karbon-Trog mit Kohlevorkommen nachgewiesen. Der durchschnittliche Energieverbrauch pro Person
Zudem werden im Mittelland Schiefergasvor- und Jahr soll gegenüber dem Referenzjahr 2000 bis
kommen vermutet, deren Förderungsmethode 2020 um 16 % und bis 2035 um 43 % gesenkt werden.
(Fracking) jedoch umstritten ist. Auch Erdgas- Im selben Zeitraum ist vorgesehen, dass der durch-
vorkommen werden auf dem Kantonsgebiet ver- schnittliche Stromverbrauch pro Person und Jahr
mutet. Für genauere Potenzialabschätzungen gegenüber dem Referenzjahr 2000 um 3 % (bis 2020)
sind jedoch Voruntersuchungen notwendig. Diese respektive um 13 % (bis 2035) gesenkt wird.
unterstehen der Bewilligungspflicht nach dem
Gesetz über die Nutzung des tiefen Untergrunds Die Stromproduktion aus neuen erneuerbaren
und die Gewinnung von Bodenschätzen (GNB). Energien soll bis 2020 mindestens 4,4 TWh betragen,
bis 2035 sollen es mindestens 14,5 TWh sein.
2013 lag der Anteil der neuen erneuerbaren Energien
an der Netto-Elektrizitätsproduktion bei insgesamt
1.4 Ziele des Bundes 3,4 % oder rund 2,25 TWh. Bei der Produktion
von Elektrizität aus Wasserkraft wird ein Ausbau
Bundesrat und Parlament haben im Jahr 2011 einen der durchschnittlichen inländischen Produktion
Grundsatzentscheid für einen schrittweisen Ausstieg auf mindestens 37,4 TWh im Jahr 2035 angestrebt.
aus der Kernenergie gefällt: Die bestehenden fünf
Kernkraftwerke sollen am Ende ihrer sicherheitstech- Diese Ziele sind noch nicht durch das Bundespar-
nischen Betriebsdauer nicht durch neue Kernkraft- lament verabschiedet worden, bilden aber dennoch
werke ersetzt werden. Der Bundesrat hat als Folge die Grundlage der vorliegenden Energiestrategie.
davon die Energiestrategie 2050 erarbeitet. Er setzt Die Ziele des Bundes werden vom Energie Trialog
Im Gesetzesentwurf zur Energiestrategie 2050 sind folgende Ziele aufgeführt:
Stromproduktionsziele des Bundes 2020 2035
Elektrizität aus neuen erneuerbaren Energien 4,4 TWh 14,5 TWh
Elektrizität aus Wasserkraft – 37,4 TWh
Energieverbrauchsziele des Bundes
Reduktion des jährlichen Pro-Kopf-Energieverbrauchs 16 % 43 %
Reduktion des jährlichen Pro-Kopf-Elektrizitätsverbrauchs 3% 13 %
14Einleitung
Schweiz grundsätzlich als technisch machbar betrach- Die dafür entscheidenden Entwicklungen finden
tet. Eine erfolgreiche Umsetzung ist aber in hohem weder im Kanton Aargau noch in der Schweiz statt. 11
Mass von noch zu treffenden politischen Entscheiden
und deren Akzeptanz in der Bevölkerung abhängig. Spezifische Herausforderungen
im Kanton Aargau
Mit gutem Vorbild voranzugehen und mit den
passenden Innovationen Lösungen für die Zukunft
1.5 Handlungsbedarf zu entwickeln ist eine der grössten Herausforde-
rungen. Die Umsetzung zukünftiger Energie- und
Zwischen der Energie- und der Klimapolitik bestehen Klimastrategien soll dabei den Wirtschaftsstandort
grosse Synergien. Mit der Weiterverfolgung der und die Innovationskraft des Kantons Aargau
klimapolitischen Ziele und der Berücksichtigung des stärken. Aufbauend auf den beschriebenen allge-
gesamten Energiesystems sollen diese Synergien meinen Herausforderungen ergeben sich für
in der Aargauer Energiepolitik genutzt werden. den Kanton Aargau folgende spezifische Aufgaben:
energieAARGAU konzentriert sich mit seinen Zielen
und Massnahmen zwar primär auf den Bereich – Sicherstellung der Versorgungssicherheit
Energie. Mit den Zielen in den Bereichen Energie- (Erhalt und Weiterentwicklung der Energienetze,
effizienz und erneuerbare Energien kann jedoch Integration neuer erneuerbarer Energien)
gleichzeitig der Anteil der fossilen Energieträger – Integration dezentraler Produktionsanlagen in
vermindert werden. Zudem unterstützt der Kanton die bestehende Netzinfrastruktur
Aargau die aktive Klimapolitik des Bundes, welche – Schrittweise Dekarbonisierung der Mobilität
auf die Einhaltung des international anerkannten sowie der Wärmebereitstellung in Gebäuden und
2-Grad-Zieles des Weltklimarates IPCC zielt. Prozessen (Treib- und Brennstoffe). Speziell bei
der Mobilität soll dies in Abstimmung mit dem
Allgemeine Herausforderungen Bund geschehen.
Damit eine nachhaltige Energieversorgung auf – Schaffung stabiler Rahmenbedingungen für die
Basis der heutigen Klimaziele erreicht werden kann, langfristige Gewährleistung der Investitions-
sind eine Reihe allgemeiner Herausforderungen zu sicherheit (Gebäude, Energienetze, erneuerbare
meistern. Zum Beispiel: Energieproduktion)
– Kompetenzen-Regelung zwischen Bund, Kantonen
– Entkoppelung des Energiebedarfs vom Brutto- und Gemeinden
inlandprodukt (BIP) und Stabilisierung – Optimaler Mix der einzusetzenden energie-
beziehungsweise Senkung des Energieverbrauchs politischen Instrumente (regulative, finanzielle,
– Abstimmung von Energie- und Klimapolitik persuasive, strukturelle)
– Abstimmung der Tätigkeiten mit der EU
– Umgestaltung der Energiemärkte (Nachhaltigkeit,
Wirtschaftlichkeit und Konkurrenzfähigkeit,
Systemwechsel von Fördermassnahmen hin zu
Lenkungsmassnahmen)
Dabei muss berücksichtigt werden, dass die grössten
energiewirtschaftlichen Herausforderungen nicht von
der Energiewirtschaft allein gelöst werden können.
11
vgl. Abbildung 2: Erwarteter Anstieg des globalen Primärenergiebedarfs 2035.
15Leitlinien und Hauptziele der Aargauer Energiepolitik
2 Leitlinien und Hauptziele der
Aargauer Energiepolitik
2.1 Die drei kantonalen Leitlinien erneuerbaren Energien unter Einhaltung
der Klimaziele richten sich nach folgenden
Die Klimaproblematik und die Endlichkeit der fossilen Leitlinien:
Ressourcen erfordern eine nachhaltige Energie-
versorgung, wie sie unter anderem in der Vision der – Nachhaltige Entwicklung
2000-Watt-Gesellschaft angestrebt wird. Mit der – Stärkung des Energiekantons
Umsetzung der Energiestrategie 2050 des Bundes – Erhaltung der Versorgungssicherheit
werden die Ziele der 2000-Watt-Gesellschaft noch
nicht erreicht, sie führt jedoch in diese Richtung.
Die aargauische Energiepolitik leistet mit einer ratio- 2.1.1 Leitlinie Nachhaltige Entwicklung
nellen Energienutzung und der Förderung von
erneuerbaren Energien ihren Beitrag dazu. Der Kanton Aargau hält im Rahmen der Revision der
kantonalen Energiestrategie an den Klimazielen
Bei der Erreichung der Ziele sind die Wettbewerbs- fest und verfolgt das Ziel der langfristigen Substitution
vorteile des Aargaus konsequent zu nutzen. Der der fossilen Brenn- und Treibstoffe.
Aargau ist Standortkanton einer schweizweit einzig-
artigen Kombination aus Energieforschung, Die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen
Fachhochschule, Energie- und Elektrotechnik-Unter- auch für die kommenden Generationen kann nur
nehmen, energieintensiver Industrie (Kunststoff-, gelingen, wenn alle Nutzer von natürlichen Ressourcen
Maschinen- und Metallindustrie) und vieler innova- ihren Beitrag leisten. Dazu gehört ein effizienter
tiver KMU. Diese einmalige Konstellation soll genutzt Umgang mit Ressourcen sowie die Schliessung von
werden, um eine Vorreiterrolle einzunehmen, Themen Stoffkreisläufen. Die Aufgabe des Kantons muss es
aktiv vorzugeben und «intelligente» Lösungen für sein, private Haushalte, die Wirtschaft, aber auch die
die Zukunft zu entwickeln, welche die Umsetzung Gemeinden frühzeitig in den Prozess einzubinden.
der Energiestrategie 2050 ermöglichen. Die Rahmenbedingungen sind so zu gestalten, dass
die ambitionierten Ziele von allen partizipierenden
Die Strategien der kantonalen Energieplanung zur Interessengruppen erreicht werden können.
Steigerung der Energieeffizienz und zum Ausbau der Im Rahmen einer nachhaltigen Energiepolitik sind
Abbildung 7: Verflechtung und Zusammenhänge der Leitlinien
Erhaltung der Nachhaltige
Versorgungs- Entwicklung
sicherheit
Steigerung Energieeffizienz und Energie- Erreichen der Klimaziele
strategie
Ausbau erneuerbarer Energien
Stärkung des
Energiekantons
16Leitlinien und Hauptziele der Aargauer Energiepolitik
dabei die sozialen, ökonomischen und ökologischen Entwicklung und Schaffung von Technologiegütern,
Aspekte zu berücksichtigen. Dies beinhaltet eine Verfahren und Dienstleistungen bis zur Produktion,
vermehrte Betrachtung über den gesamten Lebens- Speicherung, Übertragung, Verteilung und Nutzung
zyklus: von der Herstellung bis hin zur Entsorgung von Energie. Aufgabe des Kantons ist es, diesen
respektive zum Recycling oder Rückbau. Dabei ist es Unternehmen günstige Rahmenbedingungen zu
z. B. wichtig, das Produktdesign für das Recycling zu bieten. Dazu gehört neben Massnahmen wie der
optimieren, sodass die ökonomischen, ökologischen Schaffung des Programms «Hightech Aargau» oder
und sozialen Auswirkungen möglichst gering sind. des Innovationsparks «PARK innovAARE» auch die
Sicherstellung des Fachkräfteangebots, v. a. durch
entsprechende Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten.
2.1.2 Leitlinie Stärkung des Energiekantons
Die hoch spezialisierten Unternehmen im Bereich der
Durch die grosse Bedeutung der Energie stellt die Energie- und Elektrotechnologie sind im Kanton
Neuausrichtung der Energiepolitik eine grosse Aargau wirtschaftlich besonders stark vertreten und
Herausforderung für den Energiekanton Aargau dar. werden mit guten künftigen Entwicklungschancen
Der Ausstieg aus der Kernenergie betrifft langfristig bewertet, weil dieser Wirtschaftssektor weltweit ein
zahlreiche hoch qualifizierte Arbeitsplätze. Er bietet grosses Marktpotenzial aufweist.
aber auch neue Chancen. Auf dem Gebiet des
Kantons sind bedeutende Einrichtungen aus dem Mit einem Standortquotienten 13 von 4,4 sind die
gesamten Energieumfeld angesiedelt. Neben Unter- Hersteller von elektrischer Ausrüstung im Kanton
nehmen aus den Bereichen Energie- und Elektro- Aargau viermal stärker vertreten als im Schweizer
technik, dem Anlagen- und Maschinenbau zählen Durchschnitt. Dabei verfügen die im Aargau und
hierzu auch schweizweit führende Forschungsinsti- in den Nachbarregionen angesiedelten Unternehmen
tute. Mit dieser überaus bedeutsamen (Energietech- dieses Sektors über erfolgreiche Positionen im
nologie-)Branche kann der Kanton von der Trans- internationalen Markt.
formation im Energiesektor überdurchschnittlich
profitieren. Der Tätigkeitsbereich der Unternehmen In Zukunft soll der Energiekanton nicht nur mit der
und Institutionen in dieser Branche reicht von der Elektrizitätserzeugung verbunden werden. Vielmehr
Abbildung 8: Chancen-Risiken-Profil Aargau 12
Grosshandel Elektrotechnik
hoch Gesundheitswesen
Detailhandel
Öffentliche Verwaltung Maschinenbau
Branchenbewertung
Autogewerbe Dienstleistungen
Unterrichtswesen
Metallerzeugnisse Land- und Forstwirtschaft
Heime
Bau und Industrie
Landwirtschaft Ausbaugewerbe
Öffentlicher Sektor
–1,4 % – 0,4 % 0,6 % 1,6 % 2,6 % 3,6 %
niedrig
Beschäftigung: Abweichung vom Landesdurchschnitt
12
Bundesamt für Statistik, Credit Suisse Economic Research.
13
Der Standortquotient ist der Branchenanteil Region zum Branchenanteil Schweiz. Ein Quotient von über 1 zeigt eine grössere Bedeutung
der Branche in der Region im Vergleich zur Schweiz.
17Leitlinien und Hauptziele der Aargauer Energiepolitik
müssen die exportstarke Energie- und Elektrotech- Versorgungssicherheit ist zusammen mit der Wirt
nologiebranche, die Bedeutung als Transitkanton bei schaftlichkeit und der Umweltverträglichkeit der
leitungsgebundenen Energieträgern sowie die Energieversorgung eines der zentralen energiepoli-
Bereiche Forschung und Entwicklung in den Vorder- tischen Ziele des Bundes. Dem Kanton fallen lediglich
grund gestellt werden. Der Kanton Aargau nimmt unterstützende Aufgaben zu.
dabei seine Vermittlungs-, Vernetzungs- und Koordi-
nationsfunktion (unter anderem mit dem Hightech Die kantonale Energiepolitik verfolgt das Ziel einer
Zentrum) wahr. umfassenden, sicheren und wirtschaftlich tragbaren
Energieversorgung mit leitungsgebundener Energie –
insbesondere Elektrizität, aber auch Erdgas. Der
2.1.3 Leitlinie Erhaltung der Kanton Aargau unterstützt den Bund und die Energie-
Versorgungssicherheit wirtschaft bei der Erfüllung ihrer Aufgaben und setzt
sich für eine geordnete Integration der erneuerbaren
Die Versorgungssicherheit ist ein umfangreiches und Energien und eine abgestimmte Gestaltung der
komplexes Thema. Eine ausschliesslich regionale zukünftigen Energiemärkte ein.
Betrachtung auf kantonaler oder nationaler Ebene
führt bei der heutigen, stark importabhängigen und
vernetzten Energieversorgung kaum zu befriedi-
genden Resultaten. Wie die Vergangenheit gezeigt 2.2 Die vier kantonalen
hat, kann bereits eine einfache lokale Störung rasch Hauptziele
zu einer grossräumigen, gar länderübergreifenden
Unterbrechung der Energieversorgung führen 14. Aus den energiepolitischen Zielen des Bundes werden
Besondere Aufmerksamkeit ist dabei auf die Strom- für den Kanton Aargau zwei Effizienzziele, ein
versorgung zu richten. Die beträchtliche Abhängig- Produktions- und ein Versorgungssicherheitsziel als
keit unserer Gesellschaft von einer funktionierenden kantonale Hauptziele übernommen respektive
Stromversorgung sowie die limitierte Speichermög- abgeleitet. Die Reihenfolge orientiert sich an der
lichkeit machen dieses System besonders anfällig. Beeinflussbarkeit der kantonalen Energiepolitik. Eine
Abbildung 9: Energiekanton Aargau
Energieintensive
Innovative KMU
Industrien
Unternehmen
Energieforschung Energie- und Hochschulen
Elektrotechnik
PARK innovAARE Hightech Zentrum
14
28. September 2003: Ein Lichtbogen zwischen Leitung und Baum an der Lukmanierleitung führt während der frühen Morgenstunden zu einem
Stromausfall in Italien und der Südschweiz. 22. Juni 2005: Das SBB-Netz fällt infolge mangelhaften Leistungsmanagements während der
Hauptverkehrszeit für drei Stunden aus. 4. November 2006: In Teilen von Deutschland, Frankreich, Belgien, Italien, Österreich, Spanien fällt für
zwei Stunden der Strom aus. Auslöser war die geplante Abschaltung einer Übertragungsleitung für die Ausschiffung eines Kreuzfahrtschiffes.
18Leitlinien und Hauptziele der Aargauer Energiepolitik
Wertung hinsichtlich der Bedeutung der einzelnen Der Energieverbrauch pro Kopf hat im Aargau seit
Ziele ist damit nicht verbunden. 1990 bereits um rund 7 % abgenommen. 2012 betrug
er 26 201 kWh (dies entspricht dem Energieinhalt von
rund 3000 Liter Erdöl). Mit einem Pro-Kopf-Ziel ist
2.2.1 Hauptziel 1 Energieeffizienz: die Zielerreichung nicht von der Bevölkerungs-
Energieverbrauch pro Kopf senken entwicklung abhängig.
Die Reduktionsziele des Bundes im Energiebereich
sind spezifisch pro Person definiert und können 2.2.2 Hauptziel 2 Stromeffizienz:
durch den Kanton Aargau direkt übernommen Stromverbrauch pro Kopf senken
werden. Der durchschnittliche Endenergieverbrauch
pro Person und Jahr soll gegenüber dem Referenz- Elektrizität als Energieform nimmt eine Schlüsselrolle
jahr 2000 bis 2020 um 16 % und bis 2035 um 43 % ein. Mit dem schrittweisen Ausstieg aus der Kern-
gesenkt werden. energie kommt der Steigerung der Stromeffizienz
Abbildung 10: Endenergieverbrauch pro Kopf im Kanton Aargau
kWh
35 000 erhobene Daten
30 000 Prognose
29 072
27 700
25 000 26 201
24 400
20 000
15 000 16 500
Mittel Mittel
10 000
g
g
Ho
Ho
in
in
Ger
Ger
ch
ch
5 000
0 Steuerbarkeit Steuerbarkeit
2000 2010 2012 2020 2035
Abbildung 11: Stromverbrauch pro Kopf im Kanton Aargau
kWh
9000 erhobene Daten
8000 Prognose
7970 7982
7722 7700
7000
6900
6000
5000
4000
Mittel Mittel
3000
g
g
Ho
Ho
in
in
2000
Ger
Ger
ch
ch
1000
Steuerbarkeit Steuerbarkeit
0
2000 2010 2012 2020 2035
19Leitlinien und Hauptziele der Aargauer Energiepolitik
eine noch grössere Bedeutung zu. Das Effizienz- Energien zu leisten. Die Wasserkraft ist im Aargau
potenzial beim Strom ist zwar ebenfalls gross, bereits weitgehend ausgebaut. Verbleibende Poten-
es muss aber berücksichtigt werden, dass der ziale sollen jedoch konsequent genutzt werden.
zunehmende Ersatz fossiler Energieträger Der Bund hat für den Ausbau der neuen erneuerbaren
durch Elektrizität (zum Beispiel beim Ersatz von Stromproduktion die kostendeckende Einspeise-
Ölheizungen durch Wärmepumpen) zu einer vergütung (KEV) eingeführt. Im Kanton Aargau sollen
Zunahme des Stromverbrauchs führen wird. die vom Bund gesetzten Ziele für den Ausbau der
Entsprechend sind die Einsparziele beim Strom, neuen erneuerbaren Stromproduktion proportional
verglichen mit den Einsparzielen des Gesamt- zur Bevölkerung übernommen werden. Die Strom-
energieverbrauchs, kleiner. produktion aus neuen erneuerbaren Energien soll
bis 2020 mindestens 340 GWh betragen, bis 2035
Der durchschnittliche Stromverbrauch pro Kopf sollen es mindestens 1130 GWh sein.
und Jahr soll gegenüber dem Referenzjahr 2000 bis
2020 um 3 % und bis 2035 um 13 % gesenkt werden.
2.2.4 Hauptziel 4 Versorgungssicherheit:
Sichere Energieversorgung beibehalten
2.2.3 Hauptziel 3 erneuerbare Stromproduktion:
Erneuerbare Stromproduktion ausbauen Eine sichere Energiever-
sorgung ist von grosser Mittel
Der Kanton Aargau ist dank seiner Wasserkraft, Bedeutung für Gesell- g
Ho
in
Ger
ch
Ge
vor allem aber aufgrund der drei Kernkraftwerke in schaft und Wirtschaft,
Beznau I, Beznau II und Leibstadt, der grösste denn bei einem Ausfall Steuerbarkeit
Stromproduzent in der Schweiz. Mit dem schritt- stehen die grund-
weisen Ausstieg aus der Kernenergie wird er legendsten und unent-
diese Position nicht halten können. Das vorhandene behrlichsten Errungenschaften unserer Gesellschaft
Potenzial im Kanton soll aber genutzt werden, um nicht mehr zur Verfügung. Die Versorgungssicherheit
einen Beitrag zum Ausbau der neuen erneuerbaren hat daher oberste Priorität.
Abbildung 12: Stromproduktionsziele aus erneuerbaren Energien im Kanton Aargau
GWh
3500 Wasserkraft
3000 Neue erneuerbare Energien
3000 3005 3025
2500
2000
1500
Mittel Mittel
1000 1130
g
g
Ho
Ho
in
in
Ger
Ger
ch
ch
500
G
156
340
0 Steuerbarkeit Steuerbarkeit
2012 2020 2035
20Leitlinien und Hauptziele der Aargauer Energiepolitik
Sie ist primär Aufgabe der Energiewirtschaft und
subsidiär Aufgabe des Bundes. Ist die Versorgungs-
sicherheit gefährdet, übernimmt der Bund die
entsprechenden Massnahmen, um sie wieder herzu-
stellen. Derzeit wird die Versorgungssicherheit mit
Strom jedoch noch nicht umfassend erhoben oder
überwacht. Die Eidgenössische Elektrizitätskom-
mission (ElCom) erhebt periodisch Daten bei Verteil-
netzbetreibern und Stromproduzenten und konzen-
trierte sich damit in der Vergangenheit vorwiegend
auf die technische Versorgungssicherheit 15 und
die Überwachung der Stromtarife. Der im Juni 2014
veröffentlichte Bericht zur Stromversorgungssicher-
heit beinhaltet erstmals Beobachtungsgrössen wie
zum Beispiel Netzengpässe, regionale Ausgewogen-
heit, Mehrjahresplanungen und die Auswirkungen
des EU-Rechts auf die Schweizer Stromversorgung.
Ein Echtzeit-Monitoring mit Berücksichtigung
voreilender geopolitischer Beobachtungsgrössen
befindet sich beim Bundesamt für wirtschaftliche
Landesversorgung im Aufbau.
Der Kanton Aargau kann die Energiewirtschaft
und den Bund in der Erfüllung ihrer Aufgaben in den
Gebieten Energieeffizienz, erneuerbare Strom-
produktion und Netzverstärkung aktiv unterstützen
und setzt sich für die Aufrechterhaltung der
energetischen Versorgungssicherheit ein. Strom hat
dabei eine Schlüsselrolle 16. Die übrigen leitungs-
gebundenen Netze sind aber im Gesamtsystem
ausreichend zu berücksichtigen. Insbesondere der
Ausbau der erneuerbaren Stromversorgung und
die dezentrale Stromproduktion stellen das Strom-
netz vor grosse Herausforderungen. Bei deren
Lösung können Erdgas-, Wärme- und Kommunika-
tionsnetze einen wichtigen Beitrag leisten.
15
Die durchschnittliche Unterbrechungsdauer pro Endverbraucher lag im Jahr 2013 bei 25 Minuten und erreichte den tiefsten Wert
der vergangenen vier Jahre.
16
siehe Kapitel 2.1.3, Leitlinie Erhaltung der Versorgungssicherheit.
21Handlungsfelder und Strategien
3 Handlungsfelder und Strategien
Ausgehend von den energiepolitischen Leitlinien und erleichtern und eine allfällige Überarbeitung (in fünf
den vier kantonalen Hauptzielen gemäss Kapitel 2 Jahren) vereinfachen. Jedes Handlungsfeld ist
ergeben sich für den Kanton in folgenden Bereichen möglichst selbsterklärend und eigenständig darge-
Handlungsfelder und Strategien: stellt. Nach einer einführenden Erläuterung der
Ausgangslage folgen die dem jeweiligen Handlungs-
– Strom- und Wärmeerzeugung (Kapitel 3.1 bis 3.3) feld zugeordneten Strategien (vgl. Abbildung 13).
– Energieverbrauch (Kapitel 3.4 bis 3.6) Anschliessend werden Ziele / Zielpfad, Massnahmen
– Übergreifende Aufgaben (Kapitel 3.7 bis 3.8) sowie weiterführende Massnahmen dargelegt.
Letztere sind Ideen respektive Möglichkeiten, wie
Aufbau der Handlungsfelder die bereits durchgeführten Massnahmen bei Nicht-
Der modulare Aufbau mit acht Handlungsfeldern soll erreichen der Ziele / Zielpfad ergänzt werden
die zukünftige Planung und Beratung im Parlament könnten. Da jedes Handlungsfeld wie oben erwähnt
Abbildung 13: Übersicht der Strategien und Handlungsfelder
Strom- und Wärmeerzeugung Energieverbrauch
Handlungsfeld: Handlungsfeld:
Wasserkraft (erneuerbare Energien) Gebäude
Strategie: Wasserkraft a) Grosswasserkraftwerke Strategie: Gebäude
b) Kleinwasserkraftwerke
Handlungsfeld: Handlungsfeld:
Neue erneuerbare Energien Prozesse
Strategie: Sonnenenergie Strategie: Holz Strategie: Prozesse / Energie-
Strategie: Windkraft Strategie: Biomasse anwendung
Strategie: Geothermie Strategie: Abwärmenutzung
Handlungsfeld: Handlungsfeld:
Nicht erneuerbare Energien Mobilität
Strategie: Erdgas Strategie: Kernenergie Strategie: Mobilität
Strategie: Erdöl
Strategie: Wärmekraftkopplung
Übergreifende Aufgaben
Handlungsfeld: Handlungsfeld:
Versorgungssicherheit und Energiespeicherung Querschnittsaufgaben
Strategie: Versorgungssicherheit Strom Strategie: Information und Beratung
Strategie: Versorgungssicherheit Erdgas Strategie: Vorbildfunktion
22Handlungsfelder und Strategien
in sich abgeschlossen ist, kann es vorkommen, dass monate infolge der geringeren Wasserführung
einige Massnahmen in mehreren Handlungsfeldern kleiner. Kleinwasserkraftwerke (Anlagen bis zu einer
genannt werden. Leistung von 10 MW) werden vom Bund finanziell
gefördert. Anlagen kleiner 1 MW sind zusätzlich vom
Wasserzins befreit (Artikel 49 des Wasserrechts-
gesetzes). Das Bundesparlament prüft zurzeit auch
3.1 Handlungsfeld: Wasserkraft eine Förderung für Grosswasserkraftwerke (Anlagen
(erneuerbare Energien) mit einer Leistung mehr als 10 MW).
Ziele des Bundes
3.1.1 Ausgangslage Mit der Umsetzung der Energiestrategie 2050 des
Bundes gewinnt die erneuerbare Wasserkraft
Wasserkraft als wichtigster Teil zusätzlich an Bedeutung. Die Wasserkraft soll auch
der erneuerbaren Energien in Zukunft wesentlich zur Stromversorgung der
Die Schweiz bietet dank ihrer Topographie und der Schweiz beitragen. Das Bundesamt für Energie
beträchtlichen Niederschlagsmengen ideale Bedin- veröffentlichte im Juni 2012 eine Studie zum Aus-
gungen für die Wasserkraftnutzung. Die derzeit über baupotenzial bis 2050. Diese weist unter heutigen
550 Schweizer Wasserkraftwerke produzieren pro Nutzungsbedingungen ein Ausbaupotenzial für
Jahr durchschnittlich 36 TWh Strom (Abbildung 14). die Wasserkraft von rund 1,5 TWh aus. Unter opti-
Davon werden rund 45 % in Laufwasserkraftwerken mierten Nutzungsbedingungen – ohne Lockerung
und die restlichen 55 % in Speicherkraftwerken der Umwelt- und Gewässerschutzbestimmungen,
erzeugt. Etwa zwei Drittel dieser Energie stammen aber mit verbesserten wirtschaftlichen und gesell-
aus den Bergkantonen Uri, Graubünden, Tessin und schaftlichen Rahmenbedingungen – kann die jähr-
Wallis. Beachtliche Beiträge liefern aber auch die liche Stromproduktion aus Wasserkraft bis 2050
Kantone Aargau und Bern. Laufwasserkraftwerke um 3,2 TWh ausgebaut werden. Im Entwurf des
produzieren Bandenergie zur Deckung der Grundlast neuen Energiegesetzes des Bundes (EnG) werden als
und lassen sich nur sehr beschränkt regeln. Die quantitatives Produktionsziel bis 2035 insgesamt
produzierte Energiemenge ist während der Winter- 37,4 TWh/a angegeben.
Abbildung 14: Stromproduktion Schweiz nach Erzeuger 17
GWh
80 000 Landesverbrauch
70 000 Speicherkraftwerke
Laufkraftwerke
60 000
Kernkraftwerke
50 000
Konventionell thermische
40 000 und andere Kraftwerke
30 000
20 000
10 000
0
1950 1960 1970 1980 1990 2000 2010
17
Vgl. Schweizerische Elektrizitätsstatistik 2013.
23Handlungsfelder und Strategien
Situation Aargau Der Anteil des Kantons Aargau an den Ausbauzielen
Die Wasserkraft wird im Energiekanton Aargau des Bundes bei der Wasserkraft ist deshalb
bereits seit Beginn der Elektrifizierung Ende des bescheiden. Dieses Potenzial besteht vorwiegend
19. Jahrhunderts für die Stromerzeugung genutzt. beim Ausbau der bereits realisierten kleineren
Mit insgesamt 26 Gross- und Kleinwasserkraft- Flusskraftwerke und bei den projektierten neuen
werken an den Flüssen und 24 Kleinwasserkraft- Kraftwerken an der Suhre. Am Aabach, der Wigger
werken an den Bächen ist die Wasserkraft bereits inklusive Tych, am Rotkanal sowie am Unterlauf der
weitgehend ausgebaut und das vorhandene Ausbau- Suhre (ab Schöftland) sind die Erneuerung bestehen-
potenzial mehrheitlich ausgeschöpft. Mit einer der Anlagen sowie Neubauten für Kleinkraftwerke
installierten Leistung von ca. 560 MW werden rund nur unter der Voraussetzung zulässig, dass dadurch
3 TWh erneuerbare Energie pro Jahr produziert 18. die Vernetzung der Flussläufe verbessert wird.
Produktionssteigerungen sind an den Flüssen im
Die wenigen noch freien Fliessstrecken an Rhein und Rahmen von Effizienzmassnahmen und der Optimie-
Reuss sind ökologisch wertvoll und sollen erhalten rung von Ausbauwassermengen möglich.
bleiben. Wichtige Abschnitte gehören zum Auen-
schutzpark und sind mit gewässerbezogenen Schutz- Vergabe von Konzessionen
zielen belegt. Eine umfassende energetische Nutzung In Form von Wasserzinsen, Gebühren und Heimfall-
dieser Fliessstrecken ist damit praktisch ausgeschlos- verzichtsentschädigungen fliessen dem Kanton
sen. Die Nutzungs- und Schutzstrategie der Ober- Aargau bedeutende Geldmittel zu. Die finanziellen
flächengewässer ist im Richtplan Kapitel E verankert. Interessen des Kantons sollen auch in Zukunft
Abbildung 15: Übersicht Wasserkraftwerke Aargau 19
Erneuerung bestehender Anlagen und
Neubauten von Kleinwasserkraftwerken
gemäss Wassernutzungsgesetz (WnG)
und Wassernutzungsverordnung (WnV)
zulässig, sofern die Vernetzung der
Flussläufe verbessert wird.
Wasserkraftwerke an Flüssen
Dotierkraftwerke an Flüssen
Wasserkraftwerke an Bächen
Kraftwerke mit mechanischer Nutzung
der Wasserkraft
Stillgelegte Wasserkraftwerke
Gewässer
18
Die Zahlen entsprechen dem kantonalen Anteil an der Wasserhoheit. Ausserkantonale oder ausländische Anteile sind in den Angaben nicht berücksichtigt.
19
Vgl. Richtplan Kanton Aargau, Kapitel E 1.2, Wasserkraftwerke.
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