Der jüdische Friedhof in Liebenau - Ein Handbuch für Besucher
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Impressum: Messungen und Berechnungen: Klasse R10c der Gustav-Heinemann-Schule Hofgeismar Zeichnung: Claudia Wesemann Foto Titelbild: Claudia Wesemann Hebräische Inschriften nach Baruch Wormser, Übersetzung: Madeleine Isenberg, Los Angeles Texte: Julia Drinnenberg Druck: Stadt Liebenau Abkürzungen: Syn – Synagogenregister StA – Register des Standesamtes Liebenau Syn/StA – identische Einträge in beiden Registern H – hebräische Inschriften D – deutsche Inschriften Verantwortlich für den Inhalt: Julia Drinnenberg © Stadtmuseum Hofgeismar 2018
Vorwort: Als im Jahr 2017 Nachkommen der jüdischen Familie Mathias aus Liebenau den dortigen jüdischen Friedhof besuchten, bestand die Schwierigkeit, die Grabsteine, deren Inschriften teilweise zerstört oder verwittert sind, den Verstorbenen zuzuordnen. So entstand die Idee, mit einer Übersetzung der hebräischen Inschriften die noch bestehenden Grabsteine „zum Sprechen“ zu bringen und einen Lageplan zu erstellen. Das Handbuch für Besucher des jüdischen Friedhofs in Liebenau ist entstanden in einem Projekt des Stadtmuseums Hofgeismar mit Schülern der R10c der Gustav-Heinemann-Schule in Hofgeismar im Juni 2018. Ihre Lehrerin Claudia Wesemann war maßgeblich beteiligt an der Vorbereitung und Umsetzung einer Vermessung, maßstabsgerechten Umrechnung und Kartografierung des Friedhofs durch die Schüler. Auch die Zeichnung des Lageplans stammt von von Claudia Wesemann. Julia Drinnenberg, pädagogische Leiterin der Abteilung Judaica im Stadtmuseum Hofgeismar, führte die Schüler in die Geschichte der jüdischen Gemeinde ein, recherchierte die Namen der Verstorbenen in den Sterberegistern und stellte das Handbuch zusammen. Die Quellen dazu sind die Synagogenregister der jüdischen Gemeinde Liebenau von 1827 bis 1929 und die Register des Standesamtes Liebenau, beginnend mit dem Jahr 1874. Gabriele Hafermaas vom pädagogischen Team des Stadtmuseums Hofgeismar begleitete das Projekt. Die Übersetzung der hebräischen Inschriften verdanken wir Madeleine Isenberg, Los Angeles. Wir danken Herrn Bürgermeister Harald Munser und der Stadt Liebenau für die Unterstützung bei der Herstellung des Handbuches.
Der Jüdische Friedhof in Liebenau Männer tragen beim Besuch des Friedhofs eine Kopfbedeckung –
Der Jüdische Friedhof in Liebenau sie symbolisiert Demut und Ehrfurcht vor dem Allerhöchsten.
Der jüdische Friedhof in Liebenau wurde Ende des 18. Jhs. angelegt
(1791) und bis 1927 belegt. Das älteste erhaltene Grab ist von 1848, Der jüdische Friedhof liegt weit außerhalb der Ortschaft.
das jüngste von 1927. Heute sind noch dreizehn Grabsteine erhalten. Das liegt einerseits daran, dass dieser heilige Ort im Judentum
Der Ort der Beerdigungen der Liebenauer Juden vor 1791 ist nicht durch die Nähe zum Tod auch als rituell unrein betrachtet wird.
dokumentiert. „Erste Hinweise auf jüdische Einwohner Liebenaus finden Den jüdischen Gemeinden wurde andererseits aber auch häufig
sich bereits gegen Ende des 16. Jahrhunderts. (...) Wohnten etwa 1861 landwirtschaftlich wertloses Gelände abseits der Ortschaft für den
39 Juden in Liebenau, waren es 1905 nur noch 16“ (Ralf Thaetner, Friedhof überlassen. In Liebenau musste ein Stück Wald gerodet,
Geschichte der Stadt Liebenau, 1993). dazu ein starkes Gefälle bis zum Feldrand in Kauf genommen werden.
Die Inschriften sind teilweise verwittert. Fehlende Marmorplatten Ein jüdischer Friedhof ist eine unantastbare, ewige Ruhestätte.
in den Einfassungen der jüngeren Grabsteine, Risse und Brüche Die Gräber werden niemals eingeebnet, was in dem Glauben an die
zeugen von mutwilligen Zerstörungen sicher während der NS-Zeit. Auferstehung begründet ist. Die Gräber sind so ausgerichtet,
Die unebene und stufige Beschaffenheit des Bodens zeigt deutlich dass der Auferstehende nach Osten, nach Jerusalem blickt.
die Spuren älterer, verschwundener oder versunkener Gräber. An Sabbat und an den jüdischen Feiertagen ist das Betreten des
Friedhofs nicht gestattet.
Eine Auflistung aller dreizehn Grabinschriften aus dem Jahr 1937,
aufgeschrieben von Baruch Wormser (*1873) aus Grebenstein, Blumenschmuck und Kränze fehlen. Efeu, Gräser und Wildpflanzen
ermöglicht es uns, die heute fehlenden Inschriften zu lesen und den wachsen als Zeichen für die ungestörte Verbundenheit des Friedhofs
Steinen die richtigen Namen zuzuordnen. Die Eingangs- und mit dem Werden und Vergehen in der Natur. Besucher legen Steinchen
Schlussformeln – bei Wormser nicht notiert – konnten in diesem auf den Grabstein als Zeichen, dass der oder die Tote nicht vergessen ist.
Handbuch nur ergänzt werden bei den noch lesbaren Inschriften.
Die wenigen noch erkennbaren bildlichen Darstellungen der dreizehn
Der Friedhof ist für Juden einer der wichtigsten Orte ihrer Gemeinde. Grabsteine haben ornamentalen Charakter. Mehrfach tauchen Rosetten
„Haus des Lebens“, Haus der Ewigkeit“, oder „Guter Ort“ sind die auf der Grabmalen auf. Als einziges typisches Grabmotiv jüdischer
Namen, die seiner Bedeutung Ausdruck verleihen. Friedhöfe findet sich in Liebenau der Davidstern auf zwei Grabsteinen.Nr. Hebräische Inschrift (nach Wormser) Inschrift (nach Wormser/ergänzt) Register
H: Reichel, Frau des Josef, sie starb am Syn: Gest. am 12.10.1848,
1 1. Tag von Sukkot 5609 [12.10.1848]
D: Hier ruht in Gott Reichel Wittgenstein,
Reichel Wittgenstein, 59 Jahre alt,
Handelsleute in Liebenau [sic]
geb. Meyer, geb. in Berbach (?) 1791,
gest. Liebenau 1848
Friede ihrer Asche!
Gez. von ihrem Neveu Simon Cohen aus Wambeck
[Motiv: Davidstern] H: Hier ruht Yakov, Sohn des Yitchak Rosenbaum Jakob Rosenbaum [ohne Einträge]
2 Er starb Dienstag, 18. Cheschvan 5640 [4.11.1879],
Seine Seele sei eingebunden im Bündel des Lebens
H: Hier ruht das junge Mädchen, Edel, Syn/StA: Gest. am 4.3.1887,
3 Tochter des Elchanan Neuwahl, sie starb am
Sabbat Abend, 8. Adar 5647 [4.3.1887],
Ida Neuwahl, 37 Jahre alt,
Tochter des E. Neuwahl und dessen Ehefrau,
Ihre Seele sei eingebunden im Bündel des Lebens Rika geb. Gans zu Liebenau
D.: Ida Neuwahl geb. 24.4.1849, gest. 4.3.1887,
Ruhe sanft
[Motiv Davidstern] H: Hier ruht Julie Judenberg, sie starb am Syn/StA: Gest. am 10.9.1887,
4 21. Elul 5647 [10.9.1887],
Ihre Seele sei eingebunden im Bündel des Lebens
Julie Judenberg, 70 Jahre alt, Witwe des
Meyer Judenberg, geb. in Mehle, Tochter des
verst. Handelsmannes Oberndorf und dessen
verst. Ehefrau Gella, geb. Abraham, zu Mehle
H: Hier ruht Rifka, Frau des Elchanan Neuwahl, Syn/StA: Gest. 3.11.1887, Rika Neuwahl,
5 sie starb am Sabbat Abend, 17. Cheschwan 56.. [?]
[3.11.1887],
66 Jahre, Ehefrau des Elkan Neuwahl,
Tochter des verst. Handelsmannes Mathias
Ihre Seele sei eingebunden im Bündel des Lebens Gans und dessen verstorbenen Ehefrau Julia
D: Rika Neuwahl, geb. Gans, geb. 22.12.1820, geb. Meier zu Liebenau
gest. 3.11.1887 - Ruhe sanftNr. Hebräische Inschrift (nach Wormser) Inschrift (nach Wormser/ergänzt) Register
[Motiv Rosette] H: Hier ruht die junge Frau Bertha, Tochter des Syn/StA: Gest. am 22.5.1893,
6 Jakob Rosenbaum, sie starb am zweiten Tag des
Schawuot 5653 [22.5.1893],
Berta Rosenbaum, 44 Jahre, Tochter des
verst. Handelsmannes Jakob Rosenbaum
Ihre Seele sei eingebunden im Bündel des Lebens und seiner verst. Ehefrau Bräunchen,
geb. Vorenberg, zu Liebena
[Motiv Rosette] H: Hier ruht ein verehrter Raw [das hebräische Rav Jakob Goldschmidt [ohne Einträge]
7 oder Raw, deutsch: Rabbiner, hat hier die
Bedeutung Weiser oder auch Meister ],
Lehmann, bekannt als Yehuda [?],
Sohn des Jakob,
Er starb am 10. Adar 5655 [15.2.1905],
Seine Seele sei eingebunden im Bündel des Lebens
D: Rückseite: Jakob Goldschmidt aus Oberlistingen
H.: Ein junger Mann, geliebt von seiner Familie, Samuel Judenberg [ohne Einträge im
8 Schmuel, Sohn des Eliezer Judenberg,
starb am 12. Adar 5665 [17.2.1905],
Sterberegister.. Nach dem Geburts-
register könnte es der Sohn des Leser
D: Sally Judenberg, geb. 19.5.1885 in Liebenau, Judenberg und dessen Frau Rosa, geb.
gest. 17.2.1905 (H..?) Rosenbaum sein.]
H: [Hier ruht] Das junge Mädchen Edil, Tochter des Emma Mathias [ohne Einträge, Emma
9 Alexander [Süßkind?] Mathias, starb am
6. Tischri 5677 [4.10.1916]
Mathias war die Tochter von Lisette
Mathias, Grab 13]
D: Emma Mathias, geb. 16.12.1874,
gest. 4. Okt. 1916Nr. Hebräische Inschrift (nach Wormser) Inschrift (nach Wormser/ergänzt) Register
H: Leiser, Sohn des Meier StA: Der Kaufmann Lazarus Judenberg,
10 D: Leser [Leiser] Judenberg, geb. am
10.7.1849 – gest. 29.5.1920
gest. am 29.5.1920,
70 Jahre, genannt Leser Judenberg, Sohn
des Handelsmannes Meier Judenberg, gest.
zu Fürstenau, u.s. Frau Julia, geb. Oberndorf,
verst. und zuletzt wohnhaft zu Liebenau
H: Rechza [Schreibweise?], Tochter des Yakov StA: Rheta, genannt Rosa Judenberg,
11 D: Reta Judenberg, geb. Rosenbaum
1.10.1845 – 7.3.1927
geb. Rosenbaum,
gest. am 7.3.1927,
83 Jahre, Bahnhofstr. 115, geb. zu
Oberlistingen, Kr. Wolfhagen, Witwe
[Doppel-Kindergrab] 1. D: Oskar Katz 27.9.1917 – 30.1.1918 StA: 1. Oskar Katz, 4 Monate, gest. am
12 H: Bunim, Sohn des David, 17 Schwat 5678
[30.1.1918]
30.1.1918, Sohn des Kaufmanns David Katz
und dessen Ehefrau
2. D: Alfred Katz 27.9.1917 – 7.11.1918 2. Alfred Katz, 1 Jahr, gest. 7.11.1918,
H: Schlomo, Sohn des David, 3. Kislev 5679 Sohn des Kaufmanns David Katz und dessen
[7.11.1918] Ehefrau Selma, geb. Mathias
H: Die Frau Zeta, Tochter des Schmuel, starb am StA: Lisette Mathias, geb. Goldberg, gest.
13 23. Chesvan 5682 [24.11.1921]
D: Lisette Mathias, geb. Goldberg, 16.2.1842 –
am 24.11.1921, 75 Jahre, Steinweg 30,
geb. zu Rimbeck, Kreis Warburg, verh. mit
24.11.1921 dem Kaufmann Süßkind, genannt Willy
Mathias zu LiebenauWegbeschreibung
Der Schlüssel für das Eingangstor des jüdischen Friedhofs kann im Rathaus Liebenau, Lacheweg 1, abgeholt werden.
Die Zufahrt zum Friedhof mit dem PKW führt über die Ostheimer Straße zur Abzweigung in die Straße
Am Hopfenberg. Nächste Abzweigung links in den Buchenfeldweg. Beim zweiten Gehöft rechts abbiegen in einen Feldweg.
Wieder links fährt man nur bis zum Waldrand, wo man den PKW im Gras an der linken Seite des Weges abstellen kann,
ohne landwirtschaftliche Fahrzeuge zu behindern. Man verlässt zu Fuß den geteerten Weg und geht rechts auf einen Grasweg.
Der Friedhof ist im Wald direkt am Waldrand gelegen. Ein paar Stufen führen zum Eingangstor.Sie können auch lesen