SCHAFFHAUSEN 2030 Ein Kraftwerk für soziale Energie - Von Stefan Breit, Karin Frick und Marta Kwiatkowski - Entwicklungsstrategie 2030

Die Seite wird erstellt Philipp Nagel
 
WEITER LESEN
SCHAFFHAUSEN 2030
                         Ein Kraftwerk für soziale Energie
Von Stefan Breit, Karin Frick und Marta Kwiatkowski
Impressum

Autoren
Stefan Breit, Karin Frick und Marta Kwiatkowski

Redaktion
Detlef Gürtler

Korrektorat
Supertext

Layout/Illustration
Joppe Berlin, www.joppeberlin.de

Partner für qualitative Interviews
Réka Farkas, intervista AG

GDI Research Board
David Bosshart, Alain Egli, Jakub Samochowiec,
Christine Schäfer

© GDI 2021

ISBN 978-3-7187126-3

Herausgeber
GDI Gottlieb Duttweiler Institute
Langhaldenstrasse 21
8803 Rüschlikon
www.gdi.ch

Im Auftrag von
Projektgruppe Entwicklungsstrategie 2030
www.entwicklungsstrategie-sh.ch
GDI Gottlieb Duttweiler Institute   1

                                            Inhalt

2    Vorwort

3    Zusammenfassung

4    Ausgangslage: Wo es uns hinzieht

8    Stimmen aus dem Kanton Schaffhausen

10   Flügel und Wurzeln
     > Das Konzept der Schwarmregion
     > Für Anywheres und Somewheres

21   Die soziale Energie wird zum Schlüsselfaktor
     > Menschen ziehen Menschen an
     > Der R-Wert für Ideen: Wie das Neue um sich greift

28   Das nächste Schaffhausen – ein Zukunftsbild für den Kanton

32   Fazit

33   Anhang
2   SCHAFFHAUSEN 2030

                                   Vorwort

                 Liebe Schaffhauserinnen und Schaffhauser,
                 werte Interessierte

                 Das Jahr 2020 war beispielhaft für den Wandel, in dem
                 sich unsere Welt befindet. Davon aus­geschlossen ist auch
                 die Region Schaffhausen nicht. Megatrends wie die fort-
                 schreitende Digi­tal­i­sierung, die zunehmende Ressour­cen­
                 ­­k napp­heit, der demografische Wandel, die Urbani­­sierung
                 oder der gesellschaftliche Werte­wan­del werden unsere
                 Gesellschaft in naher Zukunft noch stärker und schneller
                 verändern. Doch wie gehen wir damit um? Wie sorgen wir
                 dafür, dass wir unsere Zukunft aktiv mitgestalten, statt
                 nur auf neue Einflüsse zu reagieren?

                 In enger Zusammenarbeit mit der Industrie- und Wirt-
                 schaftsvereinigung Schaffhausen (IVS) und vielen Ak-
                 teuren aus Gesellschaft, Politik und Wirtschaft startete
                 der Schaffhauser Regierungsrat im April 2020 die Ent-
                 wicklungsstrategie 2030, um sich frühzeitig mit diesen
                 Fragen zu beschäftigen. Die Entwicklungsstrategie soll
                 dabei helfen, Potenziale und Prioritäten für die Ent-
                 wicklung unserer Region sichtbar zu machen und die
                 Weichen für die Zukunft richtig zu stellen. Sie schafft
                 die Basis für ziel- und zukunftsgerichtete Investitions­
                 entscheide und ermöglicht es, geplante Massnahmen
                 besser aufeinander abzustimmen und Zielkonflikte bei
                 der Umsetzung zu minimieren.

                 Als stabiles Fundament für diesen partizipativen Krea-
                 tivprozess beauftragte die Projektgruppe das GDI Gott-
                 lieb Duttweiler Institut mit der Erarbeitung eines
                 Zukunftsbilds für Schaffhausen. Dieses soll E
                                                             ­ rkenntnisse
                 über die kritischen Erfolgsfaktoren unseres Lebens-
                 raums und Wirtschaftsstandorts liefern – und dies
                 bewusst aus einer externen Betrachtungsweise, um
                 neue, provokante Impulse zu setzen und regionale
                 ­blinde Flecken aufzudecken.

                 Der vorliegende Paradigmenwechsel, auf den persönli-
                 chen Entscheidungen der Menschen und der Kraft der
                 sozialen Energien fussend, bietet definitiv dieses erhoffte
GDI Gottlieb Duttweiler Institute   3

Resultat. Menschen ziehen Menschen an, so lautet die
Kernaussage. Das bietet grosses Potenzial für Schaffhau-
sen als Schwarmregion, in der sich die Menschen wohl
fühlen und dadurch neue Einwohnerinnen und Einwoh-
ner anziehen. Das widerspiegelt exakt die Intention des
Prozesses der Entwicklungsstrategie 2030. Entsprechend
dieser Prämisse soll nun die Entwicklungsstrategie aus
der Perspektive der Schaffhauserinnen und Schaffhauser
geschrieben werden.

Damit bilden die Studienergebnisse einen optimalen
Ausgangspunkt für den anstehenden Kreativprozess
mit der Bevölkerung und die Ausarbeitung von konkre-
ten Projekten und Massnahmen in den nachfolgenden
­Fokusgruppen. Mit Spannung erwarten wir, wie dieses
 gedankliche Fundament nun gemeinsam vertieft und
 gefestigt wird.

Wir wünschen uns, dass diese Studie die Diskussion zwi-
schen Schaffhauserinnen und Schaffhausern anregt und
viele dazu motiviert, sich an der Umsetzung der Ent-
wicklungsstrategie bis ins Jahr 2030 zu beteiligen. Brin-
gen Sie sich ein, wir freuen uns darauf.

Luca Slanzi
Projektleiter «Entwicklungsstrategie 2030»
4       SCHAFFHAUSEN 2030

                            Zusammenfassung

Die generelle Attraktivität eines Standorts wird     Je mehr Menschen agieren und interagieren, desto
stark von den ökonomischen Bedingungen ge-           mehr soziale Energie kann produziert werden.
prägt. Die individuellen Entscheidungen für oder     Gerade für einen relativ einwohnerschwachen
gegen einen Lebensmittelpunkt folgen jedoch          Kanton wie Schaffhausen kann es deshalb hilf-
weit stärker sozialen Präferenzen: Menschen wer-     reich sein, die bislang kaum adressierte Personen-
den von anderen Menschen angezogen. Bei ver-         gruppe der Abgewanderten zu aktivieren. Auch
gleichbarer Qualität harter Standortfaktoren wie     von jenseits der Kantonsgrenzen fühlen sich viele
Arbeits- oder Bildungsmöglichkeiten geben im-        von ihnen weiterhin mit der Region verbunden,
materielle Werte und soziale Beziehungen den         die sie geprägt hat. Eine Stärkung dieser Verbun-
Ausschlag. Und das gilt immer häufiger nicht nur     denheit, beispielsweise durch ein kantonales
für die Entscheidungen der Menschen, sondern         Alumni-Programm, kann zum Wachstum der so-
auch für die der Unternehmen.                        zialen Energie im Kanton beitragen.

Für die zukünftige Entwicklung des Kantons
Schaffhausen spielt deshalb die Produktion von
sozialer Energie eine entscheidende Rolle. Diese
Energie entsteht durch den Austausch von Ideen,
Gedanken und Emotionen. Je häufiger, je länger
und intensiver solche Interaktionen sind, desto
mehr soziale Energie wird produziert.

Der Kanton Schaffhausen kann hier gerade von
seiner Mittelposition zwischen Land und Metro-
pole profitieren. Denn er kann die Anziehungs-
kraft einer Schwarmregion mit der Erdung einer
Nestregion verbinden, in die man nach dem Aus-
schwärmen immer wieder zurückkommt. Ohne
Bienennest auch kein Bienenschwarm – die Ver-
bindung scheinbar gegensätzlicher Welten kann
ein produktives Spannungsfeld und damit Dyna-
mik erzeugen.

Die Aufgabe der kantonalen Institutionen ist dabei
nicht so sehr, soziale Energie selbst zu produzie-
ren, sondern den Menschen Rahmen und Mög-
lichkeiten zu schaffen, um selbst Energie zu
erzeugen. Hierzu trägt der Aufbau von sozialen
und kommunikativen Intra-Strukturen bei, die of-
fene Räume und Experimentierflächen für Men-
schen, Unternehmen und Institutionen bieten.
GDI Gottlieb Duttweiler Institute   5

                            Ausgangslage:
                           Wo es uns hinzieht

Wenn das Leben eine neue Richtung bekommt,           rung von einer Gemeinde in eine andere – damit
bekommt es oft auch einen neuen Mittelpunkt.         ist dieser Wert einer der stabilsten in der gesamten
Schule und Studium, Job und Pension, Partner-        Schweizer Statistik.3 Die Schweizerinnen und
schaft und Trennung, Geburten, Pflege-, Todesfäl-    Schweizer werden im Durchschnitt also weder
le: Die grossen Ereignisse, die Wendepunkte des      sesshafter noch mobiler.
Lebens, sind vielfach mit einem Ortswechsel ver-
bunden. An diesen Punkten entscheidet es sich,       Dass trotz immer besserer Mobilitätstechnologien
wo es uns hinzieht.                                  die Muster des Standortwechsels erstaunlich kon­
                                                     stant bleiben, kann auch mit ebendiesen Tech­no­
Das Bevölkerungswachstum der vergangenen Jahr-       logien zu tun haben. Wenn beispielsweise die
zehnte fand vorwiegend in Städten und Agglomera-     Mobilitätsverbindungen immer besser werden
tionen statt – in Einklang mit dem globalen Trend    und man schneller von A nach B kommt, muss
zur Urbanisierung im gleichen Zeitraum.1 Viele       man nicht mehr umziehen, sondern kann pen-
ländlich geprägte Regionen der Schweiz verzeich-     deln. Wir pendeln ungefähr gleich lang wie frü-
nen nur geringes Wachstum, an einigen Orten          her, da wir aber in dieser Zeit weiter kommen,
schrumpft die Bevölkerung sogar.2 Die Beweglich­     können wir weiter weg von unserem Arbeitsplatz
keit der Menschen stellt die Schweizer Regionen      wohnen.4 Oder bessere Kommunikationstech­
­also vor unterschiedliche Herausforderungen.        nologie kann den Geist mobiler, aber gleichzeitig
                                                     den Körper sesshafter machen: Wer das Internet
Natürlich bewegen sich dabei aber nicht alle         nutzt, bewegt sich weniger im Vergleich zu denen,
Menschen im gleichen Szenario. Die Bewegungs­        die das nicht tun.5
muster spannen sich auf zwischen den Heimat­
verbundenen und den Kosmopoliten. Die Ersten         Die Konstanz der Bewegungsmuster kann aber
verbringen ihr Leben an ein und demselben Ort        auch damit zu tun haben, dass Technik und Digi-
und tragen das Erbe der neolithischen Revoluti-      talisierung die Zahl der grossen Wendepunkte im
on weiter: Sie wohnen und leben dauerhaft an ei-     Leben nicht beeinflussen. Und wenn man noch so
nem Ort, produzieren Güter, häufen einen             viel Dates auf Parship oder Tinder anbahnt – man
materiellen Wohlstand an, betten sich in vorherr­    sucht die eine grosse Liebe. Die meisten machen
schende soziale Strukturen ein und identifizieren    immer noch genau einen Schulabschluss, und die
sich mit der Umgebung. Die Zweiten sind perma­       Millennials haben ungefähr genauso viele Eltern
nent unterwegs und orientieren sich an der Glo­­     und Kinder wie die Generation vor ihnen. Folg-
bali­­sierung und Digitalisierung. Sie sind mobil,   lich muss man heute auch ungefähr genauso oft
pendeln, reisen, fliegen, wohnen an mehreren         über den Ort für den nächsten Lebensabschnitt
Orten gleichzeitig, ziehen für eine Ausbildung       entscheiden wie früher.
oder einen neuen Job an einen anderen Ort, ver-
bringen ein paar Monate mal hier, mal dort.          Die meisten dieser Entscheidungen werden im Al-
                                                     ter von 20 bis 35 Jahren getroffen. In dieser Le-
Rein quantitativ bleibt diese Wohnortmobilität       bensphase stehen die meisten Veränderungen an
seit Jahrzehnten erstaunlich konstant. Seit dem      wie beispielsweise der Beginn und das Ab­
Beginn der Datenerhebung im Jahre 1980 beweg-        schliessen der Ausbildung, ein Jobwechsel oder
ten sich jährlich rund 6 % der Schweizer Bevölke-    die Gründung einer Familie. Dementsprechend
6       SCHAFFHAUSEN 2030

ist hier die Umzugsfreudigkeit am höchsten.6 Bis       Für den Kanton Schaffhausen stellt sich somit die
ins Alter von 75 Jahren nimmt die Mobilität ab,        Frage, wie er es schafft, in der Zeit der immer frei­
danach wieder leicht zu – weil man das Wohnen          eren Standortwahl für Menschen und Unterneh­
aufs Altern anpasst.                                   men attraktiv zu bleiben. Was motiviert Menschen
                                                       und Unternehmen zum Zuzug in oder zum Weg­
Egal, ob man heimatverbunden oder kosmo­               zug aus der kleinstädtisch und ländlich geprägten
politisch, jung oder alt ist: In den Entscheidungs­    Region? Wie schafft es die Region, junge Men-
situationen stellt man sich regelmässig die gleiche    schen anzuziehen? Wie kann sie sich weiter­
Frage: Wo erhoffen wir uns das bessere Leben?          entwickeln, um für diejenigen, die kommen, und
Und warum?                                             für diejen­igen, die bleiben, attraktiv zu sein?

So konstant die Muster für die Wohnort-Entschei­
dungen der Menschen bleiben, so dynamisch ent-
wickeln sich die Standort-Entscheidungen der
Unternehmen. Aufgrund einer nie dagewesenen
Arbeitsteilung der Wertschöpfungskette rund um
den Globus werden sie beweglicher. Viele Unter­
nehmen zählen nicht mehr grosse, schwere und
ortsgebundene Produktionsanlagen zu ihrer Infra-
struktur, sondern nur noch Büros – und wo das
                                                       1
                                                         	Bundesamt für Statistik (2020): Binnenwanderung der ständi-
                                                           gen Wohnbevölkerung nach Staatsangehörigkeitskategorie und
Homeoffice vorherrscht, noch nicht einmal diese.
                                                           Geschlecht, 1981–2019. Neuenburg. Online: bit.ly/2Jq0Mqr
Sowohl der Arbeitsplatz als auch der Firmensitz ste-   2
                                                         	Zwischen 1960 und 2018 stieg die Urbanisierungsrate in der
hen somit zur Wahl, woraus sich für die Unterneh-          Schweiz von 51 auf 74 Prozent, im globalen Durchschnitt stieg
men ähnliche Fragen ergeben wie für den Menschen.          der Anteil der Stadtbevölkerung im gleichen Zeitraum von 34
                                                           auf 55 Prozent. Quelle: United Nations, World Urbanization
Vor diesem Hintergrund beschäftigen wir uns in             Prospects 2018
dieser Publikation mit der Zukunft des Kantons         3
                                                         	Bundesamt für Statistik (2020): Binnenwanderung der ständi-
Schaffhausen. Diese kleinstädtisch geprägte Regi-          gen Wohnbevölkerung nach Staatsangehörigkeitskategorie und
                                                           Geschlecht, 1981–2019. Neuenburg. Online: bit.ly/2Jq0Mqr
on fürchtet trotz Bevölkerungswachstum eine Ab­        4
                                                         	Schon in den ersten Grossstädten der Weltgeschichte betrug
wanderung ihrer jüngeren Bewohnerinnen und                 die Entfernung vom Stadtzentrum bis zum Stadtrand etwa 30
Bewohner in grössere Städte der Schweiz und da-            Minuten mit den jeweils gängigen Verkehrsmitteln. Dieser Wert
mit eine Akzentuierung des ohnehin schon statt-            hat sich bis in die Neuzeit kaum verändert – nur die Verkehrs-
findenden demografischen Wandels.7 Wenn die                mittel sind schneller geworden und damit die Städte grösser.
jungen Menschen abwandern, dann nehmen sie                 Vgl. Schneider, W. (1963): Überall ist Babylon. Die Stadt als
ihre Lebendigkeit mit. Die individuelle Lebendig-          Schicksal des Menschen von Ur bis Utopia. Econ Verlag.
                                                       5
                                                         	Cooke, T. J. & Shuttleworth, I. (2018): The effects of information
keit der Person, und auch die soziale Lebendigkeit
                                                           and communication technologies on residential mobility and
ihrer Beziehungen. Genau diese Lebendigkeit aber
                                                           migration. Population, Space and Place, 24(3), e2111.
ist einer der wichtigsten Treiber für Veränderung:     6
                                                         	Schnorf, P. & Schläpfer, J. (2017): Umzüge innerhalb der
Gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwick-             Schweiz. Wüest Partner. Online: bit.ly/3fPikIy
lungen hängen oft mit den neuen Ideen zusam-           7
                                                         	Kanton Schaffhausen (2017): Demografiestrategie Kanton Schaff-
men, die entstehen, wenn sich Menschen treffen.            hausen. Schaffhausen.
on
  nd
Lo
8       SCHAFFHAUSEN 2030

                   Stimmen aus dem Kanton
                        Schaffhausen

So sehr die Megatrends aus Wirtschaft, Demogra­         Wohnort mit Kindern kann man sich eine
fie und Technologie auch die Gesellschaft und das       Rückkehr vorstellen.
Individuum beeinflussen: Sie bestellen keinen         > Zugezogen: Wer nach Schaffhausen zieht, tut
Um­­zugs­wagen. Megatrends zeigen eine generelle        dies aufgrund von Zufällen und motiviert
Stoss­­richtungen auf, können aber nicht indivi­        durch Familie, Freundschaften oder Liebe. Die
duelle Entscheide erklären. Und bei der Wahl des        befragten Zugezogenen kannten die Region
Lebensmittelpunktes spielen immer auch persön­          bereits aus ihrer Kindheit – durch Ausflüge,
liche Prägungen, Präferenzen und Abneigungen            Besuche von Verwandten, Kontakte oder als
eine Rolle.                                             Wohnort. So waren sie der Region ohnehin zu-
                                                        getan, weshalb die Gelegenheiten als günstig
Um uns diesen individuellen Motiven anzunä-             erschienen und die Entscheidung für den Um-
hern, haben wir im Sommer 2020 qualitative In-          zug ohne Zögern und mit gutem Bauch­gefühl
terviews mit Personen mit einem Bezug zum               getroffen wurde.
Kanton Schaffhausen durchgeführt. In dieser Stu-      > Geblieben: Wer im Kanton Schaffhausen bleibt
die sind die Gespräche mit neun Menschen zwi-           oder dahin zurückkehrt, tut dies, weil er oder
schen 22 und 50 Jahren aufgenommen, die                 sie das private Umfeld, die Verbundenheit mit
entweder aus dem Kanton Schaffhausen weggezo-           Menschen, Vereinen und Landschaft nicht auf-
gen, dorthin zugezogen oder fortwährend dort            geben will.
geblieben sind. Im Zentrum der qualitativen In-
terviews standen zwei Fragen: Warum wohnen Sie        Allen drei Typen gemein ist: Ohne persönlichen
dort, wo Sie wohnen? Und unter welchen Bedin-         Bezug oder bestehende Verankerung würde man
gungen könnte sich das zukünftig ändern?              den Kanton Schaffhausen nicht als Wohnort in
                                                      Betracht ziehen. Demnach sind es Menschen, die
Die Interviews zeigen, dass bei der Entscheidung      andere Menschen anziehen und in einer Region
für oder gegen den Lebensmittelpunkt Schaffhau-       verankern. Wenn in der Entscheidungssituation
sen drei Faktoren häufig genannt werden: Bekannt­     zur Wahl des Lebensmittelpunkts die Potenziale
schaften, Zufall und Opportunitäten. Konkret          der Region Schaffhausen bewertet werden, dann
be­deutet das Folgendes:                              steht das Wachstumspotenzial des sozialen Netz­
                                                      werks mindestens gleichwertig neben den Wachs­
> Weggezogen: Wer aus Schaffhausen wegzieht,          tumspotenzialen für Einkommen und Vermögen.
  sieht diesen Schritt als nötig für die berufliche
  oder persönliche Weiterentwicklung an. Wich­
  tigster Treiber sind dabei eine frisch angefange-
  ne Ausbildung und die beruflichen Perspektiven,
  welche in vielen Branchen insbesondere im
  Raum Zürich besser ausfallen. Es wird als gege­
  ben hingenommen, dass man für Aus- oder
  Weiterbildungen die Region verlassen muss, je-
  doch bleibt bei manchen die Sehnsucht, irgend­
  wann in die Heimatregion zurückzu­        kehren.
  Insbesondere für die Fami­lien­grün­dung und als
GDI Gottlieb Duttweiler Institute   9

Steckbriefe von Schaffhauserinnen und Schaffhausern

                           Person 1:

                           Ende 40, weiblich
                           zugezogen
                           Pädagogin

                           Familie kommt aus dem Ausland, zugezogen
                           aus dem Kanton Zürich der Liebe wegen.

                           «Liebe. Es war nur das. Es war wirklich nur die
                           ­Liebe, die mich in den Kanton Schaffhausen
                            brachte und dort hält.»

                           Wohnsitz in einer ländlichen Gemeinde des
                           Kantons.

                           «Das Schöne des Kleinräumigen kann auch das
                           Schlimme des Kleinräumigen sein. Diese Kleinräu-
                           migkeit heisst: Jeder kennt jeden. Darüber muss
                           man sich einfach klar sein. Man kennt einander.»

                           Sehr zwiespältiges Verhältnis zum Wegziehen
                           und Zurückkommen.

                           «Kaum ist man erwachsen, möchte man weg. Und
                           es gehen auch die allermeisten weg. Und sie sagen,
                           ich komme nie mehr zurück nach Schaffhausen.
                           Allerdings kommen viele doch wieder zurück,
                           wenn sie eine eigene Familie haben.»
10      SCHAFFHAUSEN 2030

                           Flügel und Wurzeln

Das Konzept der Schwarmregion                           und ein ausdifferenziertes Wohnungsangebot sind
                                                        zwar notwendige Voraussetzungen für eine
Eine «Schwarmregion» ist ein Gebiet, in das be-         Schwarmregion, erklären aber nicht, warum eine
sonders viele junge Menschen ziehen resp. eine          Stadt oder eine Region eine hohe Anziehungskraft
Region mit einem überdurchschnittlich hohen
­                                                       ausstrahlt. Die harten Faktoren machen nicht den
Anteil junger Menschen.8 Im Ergebnis wachsen            entscheidenden Unterschied, wenn sich Menschen
und verjüngen sich diese Schwarmregionen, wäh-          überlegen, wo sie wohnen möchten. Weiche Stand-
rend andernorts die Zahl der jungen Einwohner           ortfaktoren geben demnach den Ausschlag bei der
konstant sinkt. Sinnbildlich steigen junge Men-         Entscheidung für oder gegen einen Lebensmittel-
schen aus dem ganzen Land wie Vögel auf und             punkt. Dazu gehört als Basis eine lebendige, urba-
landen dann als Schwarm in einer Region.                ne, vitale Atmosphäre, ein attraktives Image und
Schwarmregionen zeichnen sich durch eine hohe           ein schönes Erscheinungsbild.12
Lebendigkeit, Vielfalt und Urbanität aus, während
andernorts Geschäfte und Restaurants schliessen,        Der Fotograf Wolfgang Tillmans sieht das etwas
Wohnungen leer stehen und Büroflächen neu be-           anders. Er schreibt: «Bei meinen Reisen um die
setzt werden müssen. Das Phänomen wurde vor             Welt ist mir immer wieder klar geworden, dass
ein paar Jahren in Deutschland erforscht – zugege-      das Glück der Menschen von guter Verwaltung
ben in einem Land, das wesentlich grösser ist als       abhängt. Von ganz langweiligen Dingen: von
die Schweiz. Hier ist alles kleinräumiger und man       wenig Korruption, von Abwasserversorgung,
muss nicht unbedingt in eine andere Stadt ziehen,       von gerechten Steuern. Dinge, die in der Mitte
nur weil man dort studiert oder arbeitet. Dennoch       der Gesellschaft verortet sind und sicherstellen,
lassen sich aus den Erkenntnissen der Studie wich-      dass das Leben funktioniert. Das sind Dinge, die
tige Schlussfolgerungen für die Regionen der            man nicht sexy machen kann. Aber dort ist das
Schweiz ableiten. Die Autorinnen und Autoren der        Glück begraben.»13
Studie haben nämlich verschiedene Thesen ge-
prüft, warum eine Region zu einer Schwarmregion
wird – oder eben nicht.

Exemplarisch stellen wir diese Thesen an drei un-       8
                                                          	Simons, H. & Weiden, L. (2015): Schwarmstädte in Deutsch-
tersuchten Beispielen vor. Bremen ist keine                  land. Ursachen und Nachhaltigkeit der neuen Wanderungsmus-
Schwarmregion und zieht deshalb nicht überpro-               ter. Endbericht. Empirica AG. Berlin.
portional viele junge Menschen an9 – anders als         9
                                                          	Empirica AG (2018): Schwarmstadt Bremen? Berlin. Online: bit.
Leipzig, das bei etwa gleicher Einwohnerzahl über            ly/36kfIPL
eine deutlich höhere Attraktivität verfügt10. Kob-      10
                                                           	Simons, H. (2014): Schwarmstadt Leipzig. Empirica AG. Online:
lenz ist die kleinste Schwarmregion in Deutsch-              bit.ly/2Kn1GVp
land.11 Was sind die Gründe für Schwarmsein
                                                        11
                                                          	Empirica AG (2017): Schwarmstadt Koblenz. Berlin. Online: bit.
                                                             ly/2VjX6Jq
oder Schwarmnichtsein?                                  12
                                                           	Simons, H. & Weiden, L. (2015): Schwarmstädte in Deutsch-
                                                             land. Ursachen und Nachhaltigkeit der neuen Wanderungsmus-
Die Untersuchungen der Schwarmregionen in                    ter. Endbericht. Empirica AG. Berlin.
Deutsch­land zeigen: Harte Faktoren wie die Anwe-       13
                                                           	Deutschlandfunk (2017): Der Fotograf Wolfgang Tillmans. Im
senheit von Hochschulen, qualifizierte ­Arbeitsplätze        Gespräch mit Tanja Runow. Online: bit.ly/3p9kEhg
GDI Gottlieb Duttweiler Institute          11

               Vergleich von Schwarmregionen in Deutschland:
                 Was macht eine Region zur Schwarmregion?

                                Bremen                             Koblenz                           Leipzig

These Bildung:                  Bremen ist ein bekannter           Die Studierendenzahlen in         Leipzig hat ein vielfältiges
Immer mehr junge                Hochschulstandort,                 Koblenz haben in den letz-        Bildungsangebot, der Anteil
­Menschen studieren.            ­dennoch ist die Anzahl            ten Jahren zugenommen –           der Studierenden an der
 ­Hochschulstandorte             der Studierenden nicht            der Ausbau der Hochschule         Einwohnerzahl liegt höher
  ziehen ­überproportional       so stark gestiegen wie            hat zur steigenden Attrakti-      als in Bremen.
  viele davon an.                an anderen Orten.                 vität der Stadt beigetragen.

These Arbeitsplätze:            Bremen hat zwar eine e    ­ twas   In Schwarmregionen                Die Zuwanderung hat
Die Verfügbarkeit von           höhere ­A rbeits­losenquote        ­möchte man auch wohnen,          nur einen schwachen
­A rbeitsplätzen zieht          als andere deutsche Städte,         wenn man nicht dort              ­Zusammenhang mit dem
 ­Menschen an.                  aber ihr Einfluss auf die           ­arbeitet. Das trifft hier zu:    ­A rbeitsplatzwachstum:
                                ­Migration ist gering. Bei           Die Anzahl der in Koblenz         Die Anzahl der neu
                                 ­insgesamt sehr niedriger           lebenden ­Beschäftigten           ­Zuziehenden ist deutlich
                                  Arbeitslosigkeit spielt die        stieg zuletzt doppelt so           ­höher als das Wachstum
                                  Job-Verfügbarkeit kaum             stark wie die Zahl der              der A
                                                                                                             ­ rbeitsplätze.
                                  ­eine Rolle.                       ­A rbeitsplätze vor Ort.

These Erscheinungsbild:         Die Lebensqualität in                 Die Stadt hat sich vor ein     Leipzig hat grosse Gründer-
Eine angenehme                  ­Bremen wird geringer einge-          paar Jahren infrastrukturell   zeitquartiere und damit für
­Atmosphäre und ein              schätzt als an anderen Orten.        (z. B. Verkehrswege,           junge Menschen attraktive
 ­attraktives städtebauliches    Es gibt kaum Menschen, die        ­Einbindung nicht gut             Szeneviertel. Insbesondere
  Erscheinungsbild ziehen        nur in Bremen wohnen, nicht        ­erschlossener Gebiete)          Linksalternative werden von
  Menschen an.                   aber dort arbeiten.                 ­verbessert.                    der Stadt angezogen.

These Image:                    Bremen hat kein schlechtes         Koblenz hat keinen                Die Region hat mit der
Das Image einer Region          Image, Bremen hat gar kein         Unique Selling Point.             «Leipziger Freiheit» ein
spielt eine grosse Rolle.       Image. Es fehlen sowohl                                              ­t ypisches Image. Zudem
­Eine Schwarmregion braucht     Trend­setter als auch Trends                                          gilt die Stadt als das neue
 ein Allein­stellungs­          – ohne dass dafür eine klare                                          und günstigere Berlin.
 merkmal.                       Ursache auszumachen ­w äre.

These Lebendigkeit:             Bremen verfügt über eines          In der Altstadt gibt es           Viele junge Menschen in
Die Anziehungskraft             der ältesten Szeneviertel          ­Quartiere, in denen man          der Stadt versprühen ein
­entsteht in erster Linie       Deutschlands (Ostertor),            gleichzeitig wohnt und           Gefühl des Aufbruchs und
 durch ein junges Lebens­       das aber heute viel gesetz-         ­ausgeht. Diese strahlen         ermöglichen kulturelle
 gefühl, durch eine urbane,     ter wirkt als vor 30 Jahren.         ­Lebendigkeit aus. Eine         Identifikation.
 vielfältige, lebendige         Entsprechend geringer ist             ­kreative Szene versprüht
 ­Atmosphäre.                   die Ausstrahlung auf junge             Energie.
                                Menschen.

                                                         Quelle: Empirica AG
Fazit                           Bremen ist keine Schwarm-          Koblenz ist eine Schwarm-         Leipzig hat sich als attrakti-
                                region, weil sie kein Image        region, weil sie eine             ver Lebensabschnitts­
                                und wenig lebendige                beliebte Hochschule,              mittelpunkt positioniert:
                                ­Quartiere hat.                    ­städtebauliche Qualitäten        Von Jung bis Alt zieht die
                                                                    und eine angenehme               Stadt Menschen aus ganz
                                                                    ­Lebendigkeit aufweist.          Deutschland an.

                                                         Quelle: Empirica AG
12      SCHAFFHAUSEN 2030

     Steckbriefe von Schaffhauserinnen und Schaffhausern

Person 2:                                           Person 3:
Mitte 30, männlich                                  Anfang 50, männlich
weg- und zurückgezogen,                             zugezogen
Sportler und Gesundheitscoach                       IT-Manager

Aufgewachsen in der Stadt Schaffhausen.             Aufgewachsen im Ausland, zugezogen aus dem
                                                    Kanton Zürich.
«In Schaffhausen fühle ich mich zuhause. Ich habe
hier mein Netzwerk, mein Umfeld und ich kenne       «Wir suchten nach einem etwas ländlicheren
viele Leute, und das macht es für mich aus, auch    Wohnort in der Schweiz in Pendeldistanz zu
hier zu leben.»                                     ­Zürich. Erst wollten wir nach Luzern. Viele
                                                     ­Bekannte sagten aber, dass es schwierig sei, sich
Weggezogen nach Zürich, wohnt nun wieder im           dort zu integrieren. Wir hörten dann gute Dinge
Kanton Schaffhausen – um dort Chancen zu              über Schaffhausen, weshalb wir hierhergezogen
nutzen, die die Metropole nicht bietet.               sind.»

«Gerade jetzt, wenn ich ein eigenes Business auf-   Entscheidend für die Zufriedenheit mit dem
bauen will, geht es um ein grosses Netzwerk. Hier   neuen Lebensmittelpunkt in der Agglomeration
in der Region habe ich mir schon durch den Sport    der Stadt Schaffhausen ist die Kombination von
einen Namen gemacht; man kennt mich hier. Das       ländlichen und städtischen Elementen.
ist in Zürich nicht gegeben – in Zürich kennt
mich niemand.»                                      «Unsere Kinder wachsen zweisprachig auf. Die
                                                    ­Expat-Community hier hilft uns sehr, auch die
Erneuter Wegzug so gut wie ausgeschlossen.           englische Sprache im Alltag zu haben. Vor allem
                                                     als die Kinder klein waren, war die Nähe zu
«Ich würde nur wegziehen, wenn meine Partnerin       Deutschland ein grosser Vorteil. Windeln sind
oder meine Familie wegziehen wollen würde.           ­extrem teuer in der Schweiz.»
Oder wenn sich die politische Situation drastisch
ändern würde.»
GDI Gottlieb Duttweiler Institute        13

               Zusammenspiel von Schwarm- und Nestregion

                         Austausch                                            Entspannung
                                     Spannung                      Ruhe

  Entdeckung                                     Wandel                                                 Geborgenheit

                         SCHWARM                                                NEST                     Heimat

   Erkundung                                         Halt                                               Bewahrung

               Neugier               Sehnsucht                   Wärme                        Bindung

                                                  Quelle: GDI

Tillmans scheint hier das genaue Gegenteil einer          dabei zu helfen, ihre eigenen Erfahrungen zu ma-
Schwarmregion zu zeichnen. Doch es handelt                chen und diese Erfahrungen wiederum auch den
sich eher um deren Ergänzung. Das wird deut-              anderen zugutekommen zu lassen.
lich, wenn man beim Bild des (Bienen-)Schwarms
bleibt. Bienen fliegen aus, um etwas zu finden,            Für Anywheres und Somewheres
wovon sie sich ernähren können. Und wenn sie
eine attraktive Nahrungsquelle (oder einen ge-            Im Jahr 2017 prägte der britische Journalist Da-
fährlichen Feind) gefunden haben, fliegen sie im          vid Goodhart ein Gegensatzpaar von Begriffen,
Schwarm dorthin. Aber danach – fliegen sie zum            das den Riss verdeutlichen sollte, der durch viele
heimatlichen Nest zurück. Im Nest ziehen sie den          moderne Gesellschaften geht: «Anywheres» und
Nachwuchs gross, im Nest erzählen sie Ge-                 «Somewheres».
schichten, im Nest verzehren sie, was draussen
eingesammelt wurde. Ohne Bienennest kein Bie-             «Die Anywheres gehören in der Regel zu der mo-
nenschwarm – die Perspektive der Region                   bilen Minderheit, die eine Universität ausserhalb
Schaffhausen kann darin liegen, die Perspektive           ihrer Heimatstadt besucht und dann einen ent-
der Schwarmregion mit derjenigen der Nestregi-            sprechenden Beruf ergriffen hat, in der Regel ohne
on zu verbinden. Eine Heimat, aus der man aus-            in ihre Heimatstadt zurückzukehren. (…) Sie ent-
schwärmt, und in die man immer wieder                     scheiden sich eher für Autonomie und Selbstver-
zurückkommt – die prägende Erfahrung, die ein             wirklichung als für Stabilität, Gemeinschaft und
Leben lang nachwirkt. Und eine neue Heimat,               Tradition.»14
die Erfahrungen möglich macht, die das weitere
Leben prägen.

Nestregion zu sein bedeutet eben nicht, sich abzu-        14
                                                               	Goodhart, D. (2020): The Road to Somewhere. Wie wir Arbeit,
kapseln und möglichst niemanden herein- oder                     Familie und Gesellschaft neu denken müssen. Books On De-
hinauszulassen. Es bedeutet, den Stakeholdern                    mand, Hamburg, S. 58.
14        SCHAFFHAUSEN 2030

              Zusammenspiel von Anywheres und Somewheres

                               Mobilität                                           Gelassenheit
                                            Tempo               Vertrautheit

     Selbstver-
     wirklichung                                                                                               Verlässlichkeit
                                                       Urbanität

                              ANYWHERES                                         SOMEWHERES                       Stabilität

     Abenteuer                                          Gemein-                                                Sicherheit
                                                         schaft

                 Diversität                Offenheit                    Treue                      Tradition

                                                          Quelle: GDI

«Die Somewheres machen eine zahlenmässig viel                    zen sind Anywhere und Somewhere, Flügel und
grössere Gruppe aus und sind viel weiter verbrei-                Wurzeln, praktisch überall präsent – wenn auch
tet als die Anywheres. (…) Sie stammen aus den                   in unterschiedlicher Dosierung. So spielt in der
stärker verwurzelten Gesellschaftsschichten, aus                 Stadt Schaffhausen die Verwurzelung eine grösse-
kleinen Städten und Vorstädten. (…) Sicherheit                   re Rolle als in der Metropole Zürich, aber eine
und Vertrautheit sind ihnen sehr wichtig, und ih-                kleinere Rolle als etwa in Stein am Rhein.
re Gruppenbindung ist stark ausgeprägt, sowohl
in lokaler als auch in nationaler Hinsicht.»15                   Gerade eine Region in Pendeldistanz zu einer Me-
                                                                 tropole kann ein dynamisches Gleichgewicht zwi-
Goodharts Ansatz bezog sich in erster Linie auf ei-              schen Offenheit und Verwurzelung erzeugen.
nen politischen Konflikt: Die kosmopolitische Elite              Denn natürlich haben nicht alle Bewohnerinnen
entferne sich immer weiter von den Bedürfnissen                  und Bewohner die gleichen Ansprüche an einen
der bodenständigen Mehrheit. Doch die scheinbar                  Ort. Während beispielsweise ein Kind Spielplätze
unversöhnlichen Gegensätze von Anywhere und                      liebt, bringen diese einer älteren Person herzlich
Somewhere können sich auch hervorragend ergän-                   wenig. Die Bedürfnisse an einen Ort verändern
zen. Das zeigt sich beispielsweise in der Pädagogik.             sich aber nicht nur aufgrund des Alters, sondern
Denn sowohl in der Erziehung als auch in der Bil-                hängen auch davon ab, wie lange man an einem
dung sind ein solides Fundament und ein offener                  Ort verbringt.
Geist gleichermassen wichtig. Am prägnantesten
drückte das 1953 der US-Journalist Hodding Carter
aus: «Zwei Dinge sollten Kinder von ihren Eltern
bekommen: Wurzeln und Flügel.»16
                                                                 15
                                                                    	Goodhart, D. (2020): The Road to Somewhere. Wie wir Arbeit,
Auch im regionalen Kontext kann die Spannung                          Familie und Gesellschaft neu denken müssen. Books On De-
zwischen diesen beiden Begriffen produktiv ver-                       mand, Hamburg, S. 58.
wendet werden. In der Schweiz mit ihren kleinen                  16
                                                                    	Carter, H. (1953): Where Main Street Meets the River. New
Räumen und relativ geringen sozialen Gegensät-                        York, S. 337.
GDI Gottlieb Duttweiler Institute       15

                            Bedürfnisgruppen für den Kanton Schaffhausen

           +
                                   SO
                                        ME
                                 AN          WH
                                      YW             ER
                                           HE             ES
                                                RE                                                           Betagte
                                                     S
                                                                                                Locals
                            Zweitwohnungs-
                              besitzende
        Verbundenheit

                                                                                                          65+

                                                         Studierende und
                                                          Auszubildende

                                                                              New Arrivals
                                 High Skilled

                                                                                              Pendlerinnen
                            Touristen                                                         und Pendler
                                                                     Multilokale

            -
                        -                                                  Aufenthaltsdauer                                                  +

                                                                               Quelle:GDI

                                                                                      Sowohl unter den stationären Bewohnerinnen
Typologie der Bedürfnisgruppen                                                        und Bewohnern als auch unter den nur temporär
Die menschlichen Bedürfnisse und Wünsche                                              eine Region Nutzenden zeigen sich in der Regel
sind heute stark lebensabschnittsgeprägt. Das                                         grosse Unterschiede in der Aufenthaltsdauer und
klassische Altern mit Fokus auf Ausbildung, Er-                                       in der Verbundenheit zur Region. Diese Diversität
werbszeit und Pension hat sich schon längst auf-                                      gilt es zu verstehen, zu managen und auch pro-
gelöst. Institutionell laufen die Folgen aber immer                                   duktiv nutzbar zu machen.
noch weiter. Planung verläuft nicht mehr für ein
ganzes Leben, sondern ist temporärer, ausgerich-                                                              Touristen
tet auf den jeweiligen Lebensabschnitt. Diese un-                                     Touristen haben sehr kurzfristige Bedürfnisse und
terschiedlichen Bedürfnisse steigern auch die                                         sind vor allem an Unterhaltung, Kulturevents, Re-
soziale Komplexität eines Ortes. Heute sehen wir:                                     staurants, Besichtigungen etc. interessiert. Ein Fo-
Konfliktlinien entstehen entlang der rasch wach-                                      kus liegt auf den klischierten Aushängeschildern
senden unterschiedlichen Bedürfnisse der Be-                                          der Region, die für die lokale Bevölkerung eine
wohnerinnen und Bewohner.                                                             weniger grosse Rolle spielen. Touristen kümmern
                                                                                      sich nicht um lokale Bedürfnisse, Abfall oder Ver-
Vor diesem Hintergrund leiten wir eine Typologie                                      sorgungsinfrastruktur. Sie bringen Dynamik,
von Bedürfnisgruppen für den Kanton Schaffhau-                                        Internationalität und gute Laune mit, ihre Ver-
sen ab, welche es alle zu berücksichtigen gilt und                                    bundenheit mit der Region sowie auch ihre Auf-
von denen es eine ausgeglichene Mischung braucht.                                     enthaltsdauer sind jedoch gering.
16      SCHAFFHAUSEN 2030

         Zweitwohnungsbesitzende                       bezogen werden können. Die Aufenthaltsdauer
Die Teilzeitansässigen sind einerseits geprägt vom     entspricht einem Karriereabschnitt und die Ver-
touristischen Klischee, haben andererseits aber        bundenheit ist eher gering.
auch höchste Ansprüche an Versorgung und Inf-
rastruktur. Nicht selten erwarten sie dieselben                          Multilokale
Rahmenbedingungen wie an ihrem Hauptwohn-              Diese Gruppe von Menschen ist in ihrer Aus-
sitz. Die Verbundenheit mit dem Kanton kann            gangslage und Einstellung vergleichbar zur Grup-
hoch sein, die Aufenthaltsdauer ist aber eher sehr     pe der High Skilled. Sie sind aber auf mehrere
kurz und verstärkt zudem meist die touristischen       Standorte verteilt; überall und nirgends zuhause.
Peak-Zeiten. Für Steuereinnahmen ist diese Grup-       Der «fixe» Wohnort ist höchstens mit dem Bezah-
pe sicherlich interessant, für die soziale Energie     len von Steuern und dem Pass verknüpft. Die Ver-
am Standort aber kaum.                                 bundenheit besteht daher eher zu einem Kontext
                                                       denn zu einem Standort, und die Dauer des Auf-
      Studierende und Auszubildende                    enthalts ist von Opportunitäten geprägt.
Studierende und Auszubildende sind eine sehr
mobile und dynamische Gruppe. Entschlossen un-                          New Arrivals
entschlossen. Sie sind offen per Definition, da Ler-   New Arrivals kommen mit der Absicht, sich an
nen den Lebensabschnitt massgeblich bestimmt.          einem guten Ort niederzulassen. Sie haben eine
Neue Begegnungen, neue Einflüsse und neue Orte         Entscheidung für einen neuen Lebensmittel-
bestimmen diese volatile Gruppe und sie wächst         punkt getroffen, wenn auch die Wahl nicht im-
stetig, gemessen an der Altersgruppe. Es herrscht      mer bewusst auf diesen speziellen Ort gefallen
ein globaler Run auf die Tertiärbildung – alle wol-    ist – manchmal war er auch nur ein Zufallser-
len lernen und bessere Titel bei besseren Schulen,     gebnis oder das kleinere Übel. Die dieser Gruppe
um ihre Lebenschancen zu erhöhen. Sie haben we-        Zugehörigen sind von äusseren Umständen wie
niger Ansprüche an das Wohnen als an den öffent-       Jobopportunitäten, Partnern oder einer Migrati-
lichen Raum und an öffentliche Begegnungsorte.         onsgeschichte geprägt. Sie suchen das gute Le-
Sie haben eine sehr unterschiedliche Verbunden-        ben, stabile Umstände und Sicherheit. An den
heit und Aufenthaltsdauer. Manche bleiben an ih-       Rest passt man sich an. Die Verbundenheit
rem Studienort hängen, andere ziehen weiter. Die       wächst und die Aufenthaltsdauer ist in der Ten-
Verbundenheit hängt stark ab vom «emotional de-        denz hoch.
sign» der Studentenstädte.
                                                                Pendlerinnen und Pendler
                  High Skilled                         Tägliche Pendler aus Agglomerationswohnorten
Karriereorientiertes Business People, vielleicht       der Region oder jene, die tagtäglich sogar aus dem
auch Expats in der Rush Hour des Lebens. Sie sind      Kanton hinauspendeln und abends wieder zum
dort, wo es sich lohnt zu sein; wo die Kombination     Schlafen nach Hause kommen, haben in der
der Annehmlichkeiten stimmt. Arbeit, Sport,            Schweiz insgesamt zugenommen. Eine mobil gut
Freizeit und Kultur sind auf den Lifestyle opti-       erschlossene Region wird geradezu zum Opfer ih-
miert. Das Ziel ist nicht, sich zu integrieren, son-   res eigenen Erfolgs: Man ist schnell weg und wie-
dern möglichst zu profitieren. Die Dienstleistungen    der da. Andererseits verstetigen die Pendelströme
aller Art sollen einfach, unkompliziert und schnell    die Bevölkerungsentwicklung: Wer pendelt, zieht
GDI Gottlieb Duttweiler Institute   17

      Steckbriefe von Schaffhauserinnen und Schaffhausern

Person 4:                                            Person 5:

Mitte 30, männlich                                   Anfang 30, weiblich
geblieben                                            weggezogen
IT-Consultant                                        Immobilienbewerterin

Aufgewachsen im Kanton Schaffhausen und              Aufgewachsen im Kanton Schaffhausen, heute
dort geblieben.                                      mit Partner im Kanton St. Gallen.

 «Wenn ich wegziehen würde, dann wäre ich ja nur     «Für mich ist Heimat dort, wo ich aufgewachsen
 weiter weg von Freunden, vom Freundeskreis, von     bin. Daheim ist aber dort, wo ich die Leute kenne,
 der Familie und auch von den Hobbys. Und wenn       wo ich verwurzelt bin. Ich bin dort zuhause, wo
 man auch schon 18 Jahre in der Feuerwehr ist, hat   die Familie und mein Freund sind.»
 man dort auch wieder Kollegen und einen
­Zusammenhalt.»                                      Die Rückkehr in die Region Schaffhausen ist ei-
                                                     ne der Optionen des weiter mit dem Heimat-
Pendelt seit 15 Jahren für Ausbildung und            kanton verbundenen Paares.
Job. Stark in der Region verankert und dort
engagiert.                                            «Ich wohne hier, weil mein Partner hier eine
                                                      ­Eigentumswohnung gekauft hat. Wir haben aber
«Wir hatten das Gefühl, dass im Dorf selber fast       den Traum eines Hauses, und den träumen wir
nichts läuft. Wir haben deshalb einen Verein auf-    ­gemeinsam.»
gebaut, damit nicht alle nach Schaffhausen oder
nach Zürich in den Ausgang gehen müssen.»
18      SCHAFFHAUSEN 2030

nicht weg. Die Bedürfnisse der Pendelnden an den      bewussten dritten Lebensabschnitt. Man möchte
Wohnort sind primär auf Convenience ausgelegt.        zur Ruhe kommen und auch in Ruhe gelassen
Nicht nur bei der Lebensmittelversorgung, son-        werden. Man kultiviert Neues in bekanntem Kon-
dern auch in Sachen Kultur oder Gastronomie.          text. In der Regel bleibt man nach 65 dort, wo man
Das verändert das Angebot und den Raum, da hier       sich niedergelassen hat – und selbst wenn man
völlig andere Versorgungsketten eine Rolle spie-      den Ort wechselt, dann eher nicht die Einstellung.
len. Langjähriges Dauerpendeln verringert zudem       Die Verbundenheit wächst.
den regionalen (politischen) Bezug: Viele werden
mental multilokal. Sie sind zwar für lange Zeit vor
Ort, aber bleiben in ihrer Verbundenheit volatil.

                     Locals
Sie leben oft über Generationen hinweg in der Re-
gion. Viele erkennt man sogar am Nachnamen,
der in den lokalen Heimatgemeinden wurzelt. Die
Locals kennen ihre Region wie ihre rechte Hosen-
tasche. Finden blind den Weg zu ihrer Haustüre,
wissen, wie es an einer bestimmten Strassenecke
riecht, und kennen den Metzger schon seit Kind-
heitstagen. Die Locals sorgen für dieses regional-
spezifische Ambiente und sind Hüter des Originals,
das gewissermassen auch immer eine individuelle
Interpretation ist. Sie brauchen und suchen Konti-
nuität, zeichnen sich durch eine hohe Identifikati-
on und Aufenthaltsdauer aus.

                    Betagte
Menschen, die auf ein erfülltes Leben zurückbli-
cken dürfen, leben von ihren Erinnerungen. Sie
sind veränderungsavers, dafür hüten sie lokale
Geschichte und Geschichten. Sie sind die lebende
lokale Wikipedia und die Storyteller der Region.
Sie möchten einen ruhigen, sicheren und gut ver-
sorgten Lebensabend in gewohnter Umgebung
verbringen. Ihre Verbundenheit und Aufenthalts-
dauer bleibt unübertroffen.

                       65+
Fängt jetzt das Leben erst richtig an? Die Kinder
sind aus dem Haus, der Brotjob getan. Man kann
sich nochmals neu orientieren, vielleicht für einen
GDI Gottlieb Duttweiler Institute   19

Steckbriefe von Schaffhauserinnen und Schaffhausern

                          Person 6:

                          Anfang 20, weiblich
                          geblieben
                          Fachfrau Betreuung

                          Aufgewachsen im Kanton Schaffhausen.

                          «Meine Familie wohnt hier überall. Und meine
                          Freunde auch. Ja, es ist halt Heimat.»

                          Nicht nur die Menschen verbinden mit der
                          Heimat, sondern auch die Natur.

                          «Am liebsten bin ich am Rhein, oder auf dem
                          Rhein – mit meinem Stand-up-Paddle-Board –
                          oder im Rhein. Ich bin wirklich fast jeden Tag am
                          Rhein; ich finde es einfach schön, wie der so
                          ­durchfliesst.»

                          Ein Wegzug ist durchaus möglich, sowohl aus
                          beruflichen wie aus privaten Gründen.

                          «Zum Beispiel könnte ich mich in einen Deutschen
                          verlieben und dann … Immerhin kann man ja
                          auch nach Deutschland gehen und trotzdem am
                          Bodensee bleiben.»
20      SCHAFFHAUSEN 2030

        Steckbriefe von Schaffhauserinnen und Schaffhausern

Person 7:                                              Person 8:

Anfang 40, weiblich                                    Ende 30, weiblich
zugezogen                                              weggezogen
Pflegerin                                              Softwareengineer

Aufgewachsen im Kanton Glarus, zugezogen in            Aufgewachsen im Kanton Schaffhausen.
eine ländliche Gemeinde des Kantons Schaff-
hausen durch eine persönliche Bekanntschaft.           «Für mich ist Schaffhausen das herzige, kleine
                                                       Städtchen am Rhein. Und das ist es auch geblie-
«Ich habe meine Freunde hier in meinem Dorf.           ben. Hier sind sie mit weniger zufrieden. Sie brau-
Die sind letztendlich der Grund, warum ich             chen keinen Ferrari vor dem Haus, um das Leben
­hierhin gekommen bin.»                                geniessen zu können. Eine Vespa reicht.»

Hohe Wertschätzung für die Offenheit und               Aus beruflichen Gründen Umzug nach Zürich.
­Lebendigkeit des neuen Lebensmittelpunkts.
                                                       «Ich hätte nicht von Anfang an in Schaffhausen
«In meinem Wohnort gibt es sehr offene Men-            bleiben können. Das wäre für mich zu langweilig
schen. Das kann ich nicht von vielen Orten sagen,      gewesen, von der Kindheit her bis ins Erwachsenen-
an denen ich gelebt habe. Es ist auch einfach, ein     leben und bis ins Alter immer nur dort zu bleiben.»
bisschen den Anschluss zu finden, zum Beispiel bei
Dorffesten. Man kommt mit den Leuten gut ins           Nach fast zwei Jahrzehnten in der Stadt
Gespräch, und das schätze ich sehr.»                   Zürich Umzug in die Agglomeration Zürich mit
                                                       Mann und Kind.
Ein Wegzug in einen anderen Kanton ist durch-
aus im Bereich des Möglichen.                          «Ich habe 17 Jahre in der Stadt Zürich gewohnt.
                                                       Dort haben alle meine Freunde gewohnt, doch jetzt
«Es wäre wirklich praktisch, wenn Schaffhausen         ziehen sie aufs Land. Und wir auch. Unseren
­irgendwie zentraler wäre. So wie zum Beispiel Zug.»   ­neuen Wohnort haben wir gefunden, weil wir auf
                                                        einer App eingegeben haben, dass wir mit dem ÖV
                                                        in 40 Minuten in Zürich sein wollen. E­ ntscheidend
                                                        sind nicht die Kilometer, sondern die Zeit.»
GDI Gottlieb Duttweiler Institute           21

              Die soziale Energie wird zum
                    Schlüsselfaktor

 Menschen ziehen Menschen an                          ton liegt gemessen am durchschnittlichen BIP pro
                                                      Kopf an sechster Stelle aller Kantone.
Was können Regionen tun, damit sie eine hohe
Anziehungskraft auf Menschen haben? Die tradi-        Die Kriterien, die über die Wohnortwahl ent-
tionelle Antwort darauf lautet: attraktive Arbeits-   scheiden, zeigen also eine ähnliche Hierarchie,
plätze schaffen. Menschen bewegten sich aufgrund      wie sie sich auch in Maslows Bedürfnispyramide
von Wohlstandsunterschieden, folgten also dem         ablesen lässt. Zuerst müssen die Grundbedürfnis-
Geld und bewegten sich von einem Ort mit weni-        se befriedigt werden: die harten Standortfaktoren
ger Wohlstand an einen Ort mit mehr Wohlstand.        wie Arbeit, Wohnung, Bildung, Sicherheit. Je
Die aktuelle Migrationsbewegung aus Afrika            mehr sie erfüllt sind, desto wichtiger werden die
Richtung Europa beispielsweise bestätigt diese        sozialen Bedürfnisse: die weichen Standortfakto-
Auffassung, da sie in hohem Mass auf das Wohl-        ren wie Kultur, Freundschaft, Schönheit.
standsgefälle zwischen beiden Kontinenten zu-
rückzuführen ist.                                     Die Standortpromotion des Kantons konzentriert
                                                      sich bislang stark auf die harten Faktoren. Die
Die Interviews mit Einwohnerinnen und Einwoh-         wirtschaftlichen und infrastrukturellen Vorteile
nern des Kantons Schaffhausen, die für diese Stu-     werden aufgezählt, und auf Werbebroschüren
die geführt worden sind, zeigen ein anderes Bild:     werden der tiefe Steuersatz und die guten Mobili-
Menschen ziehen Menschen an. Das Wachstum-            tätsanbindungen betont.18 Natürlich dürfen die
spotenzial des sozialen Netzwerks spielt eine         harten Standortfaktoren nicht vernachlässigt wer-
wichtigere Rolle als das Wachstumspotenzial des       den, wenn die gute ökonomische Position nach-
Sozialprodukts.                                       haltig sicher bleiben soll. Denn diese harten
                                                      Faktoren versorgen und nähren das Bienenvolk
Auch eine Studie zum Migrationsverhalten in ver-      und sind eine grundlegende Voraussetzung für
schiedenen Regionen der Europäischen Union            nachhaltigen Wohlstand. Doch gerade weil der
kommt zum Schluss, dass es eher soziale Netzwer-      Kanton Schaffhausen in einer ökonomisch sehr
keffekte und humankapitalbezogene Charakteris-        guten Ausgangslage ist und hier über Jahre an gu-
tika statt finanzielle Faktoren sind, die die         ten Voraussetzungen gearbeitet worden ist, müs-
Wohnortwahl beeinflussen.17 Das heisst beispiels-     sen sie ergänzt werden um eine weitere,
weise, dass die Anwesenheit von Personen mit          entscheidende Komponente – die soziale Energie.
ähnlichen Eigenschaften oder die Verfügbarkeit        In dieser sozialen Energie liegt der Schlüssel für
eines guten Bildungssystems entscheidende Ele-        attraktive Regionen der Zukunft.
mente der Wanderbewegungen sind. Wir folgen
also nicht blind dem Geld, sondern den Möglich-
keiten, die sich dadurch ergeben.

Diese Resultate treffen vor allem auf Regionen zu,    17
                                                         	Rodríguez-Pose, A. & Ketterer, T. (2011). Do we follow the mo-
die bereits einen hohen Wohlstand haben – und              ney? The drivers of migration across regions in the EU. REGI-
dazu zählt der Kanton Schaffhausen allemal. Die            ON, 2(2), pp. 27–45.
Wirtschaftskraft des Kantons ist im Vergleich zu      18
                                                         	vgl. Wirtschaftsförderung des Kantons Schaffhausen, bit.
anderen Schweizer Kantonen sehr gut. Der Kan-              ly/2JooR1h
22         SCHAFFHAUSEN 2030

                             Zusammenspiel von sozialer Energie
                                  und Wirtschaftlichkeit

                              Interaktion                                           Wertschöpfung
                                             Inspration            Engagement

     Face to Face                                          Ideen                                                  Etablierung

                           SOZIALE ENERGIE                                     WIRTSCHAFTLICHKEIT                  Wachstum

       Mindset                                            Innovation                                             Investition

                    Nähe                     Anziehungskraft              Pionier                     Beteiligung

                                                            Quelle: GDI

          Soziale Energie erzeugt                                  Individuen liegt, sondern in den sozialen Wech-
                                                                   selwirkungen zu suchen ist.»19 Mit der sozialen
        ­Lebensqualität und Erfolg                                 Energie bringt man also keine Lampe zum Leuch-
Eine hohe Lebensqualität hat viel mit sozialen                     ten und keinen Motor zum Laufen, zündet aber
Kontakten zu tun. Wenn Menschen zusammen-                          Lebendigkeit, Emotionen und Geschichten.
kommen, dann entsteht Energie. Es handelt sich
dabei nicht um Energie im physikalischen Sinne,                    Die soziale Energie ist aber nicht nur die Kirsche
es handelt sich vielmehr um soziale Energie. Diese                 auf der Sahnetorte. Es gibt eine Rückkopplung auf
Energie entfaltet sich durch Interaktionen in einer                die Wirtschaftlichkeit. Denn die hohe Chance für
Gruppe. Zum Beispiel, wenn Freunde eine lebhaf-                    Face-to-face-Kontakte gilt als Schlüsselfaktor für
te Diskussion führen, an einer Hochzeit feiern                     den Erfolg einer Stadt.20 Eine hohe
oder an einer Beerdigung trauern. Es gibt auch                     Bevölkerungsdichte schafft viele Gelegenheiten
Momente bei Demonstrationen oder nach Fuss-                        für gezielte und zufällige Face-to-face-Kontakte
ballspielen, die plötzlich von einem sehr hohen                    und erzeugt dadurch ein innovatives Klima. Je
Energieniveau geprägt scheinen. Diese Energie                      dichter die Menschen zusammenleben, umso
entsteht aus Wechselwirkungen, welche sich ge-                     grösser ist die Chance, Neuem wie Menschen, Ide-
genseitig verstärken und anstacheln. Körperliche                   en, Projekten und Produkten zu begegnen – ein
Nähe ist für viele Erinnerungen eine entscheiden-                  wichtiger Grund, wieso Grossstädte so viele junge
de Komponente. Der Soziologe Hartmut Rosa, der
den Begriff der sozialen Energie während der Co-
ronakrise geprägt hat, sagt dazu: «Wenn meine                      19
                                                                     	 Die Zeit (2020): Leiden wir an einem gemeinschaftlichen
Beobachtung zutrifft, dass viele jetzt das Gefühl
                                                                        Burn-out? Interview mit Hartmut Rosa. Hamburg. Online: bit.
haben, durch die tendenzielle Isolation ihre Ener-                      ly/3o9r67u
gie verloren zu haben, dann bestätigt das nur die                  20
                                                                      	Storper, M. & Venables, A. J. (2004): Buzz: face-to-face contact
Vermutung, dass die Quelle, welche die Bewe-                            and the urban economy. Journal of economic geography, 4(4),
gungsenergie der Moderne erzeugt, nicht in den                          351–370.
GDI Gottlieb Duttweiler Institute            23

Leute anziehen. Und das hat letztlich gar Auswir-      Village» mit sieben Milliarden Menschen hat es
kungen auf den Wohlstand. Im Durchschnitt, so          vor allem erlaubt, diese Vielfalt auszublenden und
Markus Schläpfer vom Future Cities Laboratory          sich in einer «Filter Bubble» mit Gleichgesinnten
der ETH Zürich, steigt nämlich die Produktivität       einzurichten – so sind global sieben Milliarden
einer Stadt mit ihrer Grösse. Die Logik dahinter       individuelle Dörfer entstanden.
ist folgende: Je grösser eine Stadt, desto mehr In-
teraktionen gibt es. Das führt zu Innovation.          Diversität und offener Austausch müssen deshalb
Denn Neues nährt sich hauptsächlich von unter-         organisiert werden. Nicht erzwungen – offener
schiedlichen Menschen mit unterschiedlichen            Austausch lässt sich nicht erzwingen. Er braucht
Ideen, Fähigkeiten und Inspirationen.21                attraktive Angebote; Angebote der Kommune,
                                                       des Kantons, der Zivilgesellschaft. Eine Aufgabe
         Diversität steigert die                       der Regionalentwicklung kann darin bestehen,
                                                       die bereits vorhandene Diversität zu erfassen. Auf
            Produktivität                              dieser Basis lassen sich zum einen Fehlstellen
Eine der wichtigsten Aufgaben der kantonalen In-       identifizieren, die in der Standortkommunikation
stitutionen bei der Erzeugung von sozialer Ener-       direkt adressiert werden können, und zum ande-
gie ist demnach die Produktion von Diversität.         ren lassen sich darauf Angebote ausrichten, die
Denn Diversität, also die soziale und generatio-       den Bedürfnissen der derzeitigen Einwohnerin-
nelle Durchmischung von Interaktionen, verbes-         nen und Einwohner entsprechen.
sert die Qualität des Austauschs und dessen
Ergebnisse. Bekannt ist das bereits aus der Unter-     Schaffhausen kann nicht (und will nicht) Zürich
nehmensforschung: Unternehmen, die sich durch          werden. Aber auch Schaffhausen kann die Inter-
einen hohen Grad an Diversität auszeichnen, ha-        aktionen innerhalb der Region und damit die Pro-
ben eine grössere Wahrscheinlichkeit, überdurch-       duktivität erhöhen:
schnittlich profitabel zu sein.22                      > Durch die Erhöhung der Anzahl der Einwoh-
                                                         nerinnen und Einwohnern oder auch der indi-
Diese Diversität stellt sich nicht von alleine ein –     rekt Verbundenen – beispielsweise durch die
weder in Schaffhausen noch in Thayngen noch in           Einbeziehung der Abgewanderten (siehe den
Zürich. Denn Menschen interagieren am liebsten           nächsten Abschnitt).
mit anderen, die ihnen selbst ähnlich sind. Es ist
deshalb nicht überraschend, dass selbst in grossen
Städten Dörfer konstruiert werden. Weil in Met-
ropolregionen viele Freunde einer Person wieder-
um miteinander befreundet sind, lässt dies
vermuten, dass Menschen, egal wo sie leben, gern         	Schläpfer, M. et al. (2014): The scaling of human interactions
                                                       21

                                                            with city size. Journal of the Royal Society Interface, 11(98),
in eng gestrickte Gemeinschaften eingebunden
                                                            20130789.
sind. Die Idee vom Dorf wird somit in der urba-        22
                                                          	Hunt, V., Yee, L., Pince, S. & Dixon-Fyle, S. (2018): Delivering
nen Kulisse weitergelebt.23 Die Digitalisierung hat         through Diversity. McKinsey. Online: mck.co/2WyKYFk
diese Tendenz nicht geschwächt, sondern ganz im        23
                                                          	Schläpfer, M. et al. (2014): The scaling of human interactions
Gegenteil befeuert. Die unendliche Vielfalt und             with city size. Journal of the Royal Society Interface, 11(98),
Komplexität möglicher Verbindungen im «Global               20130789.
24      SCHAFFHAUSEN 2030

> Durch einen höheren Austausch unter den Ein-         schafts­prüfungsgesellschaften für ihre ehemaligen
  wohnerinnen und Einwohnern (siehe den über-          Beschäftigten. «Establishing a corporate alumni
  nächsten Abschnitt).                                 network», so der LinkedIn-Gründer Reid Hoff-
                                                       man, «is the next logical step in maintaining a re-
            Das Potenzial der                          lationship of mutual trust, mutual investment,
                                                       and mutual benefit in an era where lifetime em-
            Abgewanderten                              ployment is no longer the norm.»24 Den Alumni
Wer im Kanton Schaffhausen aufwächst, wird da-         kommt dabei ein Netzwerk zugute, das viel weiter
von fürs Leben geprägt: der erste Schritt, der erste   reicht als ihr individueller Erfahrungshorizont;
Rausch, der erste Sex, alle made in Schaffhausen.      entsprechend mehr Karrierechancen können sich
Diese Prägung kann verdrängt, aber nicht verges-       daraus ergeben. Und auch für die Betreiber kön-
sen werden. Auch nicht von denen, die den Kan-         nen sich ökonomische Vorteile ergeben: indem
ton verlassen. Die wichtigsten Gründe zur              Studierende zu Spendenden werden, oder Ange-
Abwanderung liegen nicht in einer Ablehnung            stellte zu Kunden.
der Heimatregion, sondern in besseren Perspekti-
ven, die sich anderswo in Beruf, Bildung und Pri-      Im kommunalen oder kantonalen Kontext ist es
vatleben bieten. Und das oft zu Recht: Ein             nicht üblich, sich um Ehemalige in ähnlicher
Fussballtalent, das davon träumt, Champions            Form zu kümmern. Wenn ehemalige Bewohne-
League zu spielen, wird diesen Traum nicht in          rinnen und Bewohner des Kantons eine Verbin-
Schaffhausen verwirklichen können. Wo auch im-         dung aufrechterhalten (was die meisten tun), dann
mer ein Filmschauspieler geboren wird, ob in           über Familie, Vereine oder Klassentreffen, nicht
Schweden wie Greta Garbo, in Deutschland wie           über die Verwaltung des Kantons. Doch die po-
Marlene Dietrich, in Österreich wie Arnold             tenziellen wechselseitigen Vorteile, die den Alum-
Schwarzenegger, in Spanien wie Antonio Bande-          ni-Programmen zugrunde liegen, können auch
ras – zum Weltstar wird man in Hollywood.              hier eine Rolle spielen – und zwar eine immer grö-
                                                       ssere Rolle, je grösser die Lebensabschnittsmobili-
Für Unternehmen wie Regionen gilt: Es gibt Ta-         tät wird. Abgewanderte Schaffhauserinnen und
lente, die man halten sollte, und es gibt Talente,     Schaffhauser, die dem Kanton weiter verbunden
die man ziehen lassen sollte, weil sie sich andern-    bleiben, können Inspirationen, Informationen
orts besser entfalten können. Und je besser das        oder Investitionen ermöglichen. Umgekehrt kön-
Gefühl, das der Ort vergangener Prägung hervor-        nen sie von den Erfahrungen und Kontakten an-
ruft, desto grösser die Chance, auch zukünftig         derer Schaffhausen-Alumni profitieren.
voneinander zu profitieren.

Im beruflichen Kontext wird dieses Potenzial be-
reits vielfach genutzt: durch Alumni-Programme.
Insbesondere Institutionen und Unternehmen,
die typische Startplätze für Karrieren an anderer
Stelle sind, betreiben ein intensives Alumni-Ma-
nagement: Universitäten für ihre ehemaligen Stu-       24
                                                            	Hoffman, R. (2014): Four reasons to invest in a corporate alumni
dierenden, Unternehmensberatungen oder Wirt­                  network, LinkedIn Business. Online: bit.ly/38lnfOf
Sie können auch lesen