Digitale Kompetenzen für alle - Weiterbildungsangebote nach DigComp für Personen mit geringen digitalen Kompetenzen in Deutschland - IRC Deutschland

Die Seite wird erstellt Valentin Moser
 
WEITER LESEN
Digitale Kompetenzen für alle - Weiterbildungsangebote nach DigComp für Personen mit geringen digitalen Kompetenzen in Deutschland - IRC Deutschland
Lisa Nüßlein & Johanna Schmidt

Digitale Kompetenzen für alle
Weiterbildungsangebote nach DigComp für Personen
mit geringen digitalen Kompetenzen in Deutschland
Digitale Kompetenzen für alle - Weiterbildungsangebote nach DigComp für Personen mit geringen digitalen Kompetenzen in Deutschland - IRC Deutschland
Digitale Kompetenzen für alle - Weiterbildungsangebote nach DigComp für Personen mit geringen digitalen Kompetenzen in Deutschland - IRC Deutschland
Digitale Kompetenzen für alle
Weiterbildungsangebote nach DigComp für Personen
mit geringen digitalen Kompetenzen in Deutschland

Autorinnen:
Lisa Nüßlein
Johanna Schmidt

by SuperCode GmbH & Co. KG

Projektpartner:
IRC Deutschland
ZAUG gGmbH
Volkshochschule Landkreis Gießen
Digitale Kompetenzen für alle - Weiterbildungsangebote nach DigComp für Personen mit geringen digitalen Kompetenzen in Deutschland - IRC Deutschland
Gefördert von der
Europäischen Union
Digitale Kompetenzen für alle - Weiterbildungsangebote nach DigComp für Personen mit geringen digitalen Kompetenzen in Deutschland - IRC Deutschland
Über diese Publikation &
das Projekt CODE-UP

Diese Publikation ist Teil einer Recherche für das Projekt CODE-UP Germany über die derzeitige
Weiterbildungslandschaft für digitale Kompetenzen in Deutschland.

Diese Bestandsaufnahme fokussiert sich auf ein spezielles Feld der Weiterbildung:
Digitale Kompetenzen für geringqualifizierte Menschen (EQR 1-4) nach dem europäi-
schen Referenzrahmen DigComp 2.1 (Digital Competence Framework for Citizens) und dem
3-stufigen Ansatz der EU für lebenslanges Lernen (Kompetenzfeststellung, Weiterbildung
und Validierung). Den Fragestellungen nach Zielgruppen und Angeboten haben wir uns
anhand von Literatur-, Daten- und Internetrecherche sowie mit Hilfe halbstandardisierter
Expert:inneninterviews genähert. Es wurden vornehmlich deutsch und englischsprachige
Informationen und Angebote näher betrachtet.

Ziel der Recherche ist es, den Projektpartnern IRC Deutschland, ZAUG gGmbH und der
Volkshochschule Landkreis Gießen wichtige Basisinformationen für die Umsetzung eines
Weiterbildungsangebotes nach DigComp 2.1 zu liefern. Die vorliegende Arbeit gibt einen ers-
ten Überblick über bestehende Angebote und Best Practice Beispiele. Sie erhebt keinen
Anspruch auf Vollständigkeit, da im Bereich des “Upskillings” für Erwachsene mit geringen
digitalen Kompetenzen die Angebotslage bisher weder erhoben noch systematisch
kategorisiert wurde. Die Rechercheergebnisse sollen weiteren Akteur:innen der nicht-formalen
und informellen Weiterbildung helfen, Fragen zur Implementierung von DigComp-basierten
Weiterbildungsangeboten zu beantworten.

Lisa Nüßlein
Johanna Schmidt
Digitale Kompetenzen für alle - Weiterbildungsangebote nach DigComp für Personen mit geringen digitalen Kompetenzen in Deutschland - IRC Deutschland
Digitale Kompetenzen für alle - Weiterbildungsangebote nach DigComp für Personen mit geringen digitalen Kompetenzen in Deutschland - IRC Deutschland
Inhalt

01       Einführung

 8-9

02       DigComp 2.1 -
         der EU-Referenzrahmen für digitale Kompetenzen
10-11

03       The digital divide - Personengruppen mit geringen digitalen Kompetenzen
         3.1 Geringqualifizierung als entscheidender Faktor
12-18    3.2 Kommunikationskanäle & Zielgruppenansprache
         3.3 Zwischenfazit

04       Bildungsangebote im Bereich digitale Kompetenzen - Ein Status quo
         4.1 Weiterbildungsangebote nach DigComp 2.1 - Quo vadis Europa?
19-23    4.2 Herausforderungen und erste Lösungen
         4.3 Zwischenfazit

05       Digitale Kompetenzen testen und validieren
         5.1 Testverfahren mit Selbsteinschätzung
24-27    5.2 In Kombination: Selbsteinschätzung und Wissens-Fragen
         5.3 Handlungsbasierte Tests
         5.4 Zwischenfazit

06       Ausblick und Handlungsempfehlungen

28-30

31-35    Anhang
         Quellen
         Interviewpartner:innen
         Literatur
8

    01
    Einführung
    Neben      anderen     grundlegenden        Kompetenzen vorbehalten.
    Kompetenzen wie Lesen, Rechnen oder         Menschen mit geringer Qualifikation
    Schreiben definiert die EU die digitale     verfügen häufig auch über geringere
    Kompetenz als eine der acht Schlüs-         digitale Kompetenzen.
    selkompetenzen für lebenslanges Ler-
    nen. Im Jahr 2013 veröffentlichte die       Neben Bildungs- und Qualifizierungs-
    EU den Referenzrahmen DigComp -             grad beeinflussen auch soziodemo-
    The Digital Competence Framework for        grafische Faktoren wie Alter, das Ges-
    Citizens.                                   chlecht und Wohnort die digitalen
    Digitale Kompetenz beinhaltet darin         Kompetenzen. Personen mit geringem
    den sicheren und kritischen Umgang          Bildungsniveau und/- oder geringem
    mit digitalen Technologien, die für         Einkommen, mit Flucht- und Migra-
    Information,   Kommunikation       und      tionserfahrung oder ohne adäquate
    Problemlösungsstrategien aller Le-          Ausbildung, laufen Gefahr ausge-
    bensbereiche      genutzt     werden.       schlossen zu werden.
    Folglich ist unsere gesellschaftliche
    und soziale Teilhabe eng mit digitaler      Um dem entgegenzuwirken, müssen
    Teilhabe verbunden:                         dringend Bildunsangebote entwickelt
                                                werden, die digitale Kompetenzen
    “Sich in einer digitalisierten Gesell-      fördern und Menschen dazu befähigen,
    schaft zurechtzufinden, an ihr teilzu-      an der digitalen Gesellschaft teilzuha-
    haben und die eigene Biografie zu           ben. Das Kooperationsprojekt CODE-
    gestalten wird künftig für jede und         UP des IRC Deutschland, der ZAUG
    jeden Einzelnen auch entschei-              gGmbH und der Volkshoch-schule
    dend von individuellen digitalen            Landkreis Gießen widmet sich die-
    Kompetenzen abhängen.”                      sem Ziel. Es wird ein Weiterbildungs-
    (Autorengruppe Bildungsberichters-          angebot für Menschen mit geringen
    tattung 2020: 231)                          Qualifikationen und geringen digitalen
                                                Kompetenzen (EQR1-4) entwickelt, das
    Die Digitalisierung transformiert un-       sich am europäischen Referenzrahmen
    ser Leben und birgt viele Chancen.          DigComp orientiert. Die vorliegende
    Jedoch werden auch bestehende               Publikation ist das Resultat einer für
    soziale    Ungleichheiten      verstärkt.   dieses Projekt erarbeiteten Bestands-
    Für Menschen, die nur geringe digi-         aufnahme und soll auch weiteren
    tale Kompetenzen haben, besteht die         Bildungsanbietern       Informationen
    erhöhte Gefahr immer weiter an den          zur Verfügung stellen. Durch Inter-
    gesellschaftlichen Rand gedrängt zu         net- und Quellenrecherche als auch
    werden. Die digitale Spaltung der Ge-       anhand von Expert:inneninterviews
    sellschaft (Digital-Divide), zeigte sich    werden folgenden Fragen behandelt:
    auch durch die Corona-Pandemie.
    Home-Office und Home-Schooling
    beispielsweise bleiben nur Menschen
    mit ausreichenden Ressourcen und
9

�   Welche Personengruppen verfügen
    über geringe digitale Kompetenzen
    und wie können diese Gruppen
    identifiziert und erreicht werden?

�   Welche relevanten Bildungs-
    angebote nach DigComp 2.1 werden
    bereits angeboten?

�   Welche relevanten Kompetenz-
    feststellungs- und Validierungs-
    verfahren gibt es aktuell?

Im Folgenden werden die zentra-
len Ergebnisse unserer Recherche
vorgestellt und daraus Handlungs-
empfehlungen für die Implementier-
ung von DigComp basierten Bildungs-
angeboten abgeleitet.
10

     02
     DigComp 2.1 - der EU-Referenzrahmen
     für digitale Kompetenzen
     Die digitale Kompetenz ist eine von                                        Stufe darstellt und der Berufsvor-
     acht Schlüsselkompetenzen des euro-                                        bereitung zugeordnet wird. Stufe 4
     päischen Referenzrahmens für lebens-                                       entspricht dem Qualifikationsniveau
     langes Lernen. “[Sie] umfasst die                                          einer dualen Ausbildung oder der Be-
     sichere, kritische und verantwortungs-                                     rufsfachschule (DQR 2014: 2).
     volle Nutzung von und Auseinander-
     setzung mit digitalen Technologien                                         Demnach fokussieren wir uns hier auf
     für die allgemeine und berufliche Bil-                                     “Menschen mit geringen Qualifika-
     dung, die Arbeit und die Teilhabe an                                       tionen”, denn diese “sind stärker von
     der Gesellschaft.” (ABl 2018/C 189: 9).                                    Arbeitslosigkeit, Armut und sozia-
     Als Schlüsselkompetenz wird die digi-                                      ler Ausgrenzung bedroht und haben
     tale Kompetenz als Grundlage für den                                       höhere Gesundheitsrisiken und eine
     weiteren Kompetenzerwerb eingeord-                                         geringere Lebenserwartung, während
     net. Es geht dabei weniger um spezi-                                       bei ihren Kindern eine erhöhte Gefahr
     fische Anwendungskenntnisse, als um                                        von schwachen Lernleistungen besteht.”
     ein grundlegendes und übergreifend                                         (ABl. 2016/C 484: 1)
     kritischreflexives Verständnis der
     digitalen Welt (Autorengruppe Bil-                                         Gemäß der Empfehlung des Euro-
     dungsberichterstattung 2020: 231).                                         päischen Rates (ABl. 2016/C 484; ABl.
                                                                                2019/C 189) für digitale Kompetenzen
     Die erste Version des europäischen                                         in Deutschland orientiert sich das vor-
     Referenzrahmens für digitale Kom-                                          liegende Projekt bei der Konzeption
     petenzen DigComp 1.0 The Digital                                           seines Weiterbildungspfades außer-
     Competence Framework for Citizens1                                         dem an einem dreistufigen Ansatz zur
     wurde 2013 veröffentlicht. Seitdem                                         Weiterbildung von Erwachsenen mit
     kontinuierlich weiterentwickelt, wurde                                     einem niedrigen Kompetenzniveau:
     die aktuelle Version 2.1 im Jahre 2017
     publiziert. Hier werden fünf Kompe-                                        1. die Bewertung der vorhandenen
     tenzbereiche in insgesamt 21 Ein-                                          Kompetenzen für die Ermittlung des
     zelkompetenzen eingeteilt, in denen                                        Bildungsbedarfs
     jeweils acht verschiedene Kompetenz-
     stufen erreicht werden können. Die                                         2. die maßgeschneiderte Qualifizierung,
     acht Kompetenzstufen sind an den                                           um Bildungslücken zu schließen sowie
     Europäischen       Qualifikationsrahmen
     (EQR) angepasst. Das Niveau des EQR                                        3. die Anerkennung der erworbenen
     entspricht 1:1 denen des Deutschen                                         Kompetenzen
     Qualifikationsrahmen (DQR). So kann                                        (ABl. 2019/C 189: 4).
     eine europaweite Vergleichbarkeit von
     digitalen Kompetenzen erreicht werden.
     Im vorliegenden Projekt geht es um
     Bildungsangebote für Menschen mit
     einem Qualifikationsniveau des EQR
     von Stufe 1 bis 4, wobei 1 die niedrigste

     1
         Nicht nur für Bürger:innen, sondern auch für Lehrende, Organisationen und Konsument:innen hat die Europäische Kommission einen Referenzrahmen für digitale
                                                                                                                                       Kompetenzen veröffentlicht.
11

                                                                                 Quelle: nach Enterra https://digcomp.enterra.de/
Die fünf Kompetenzbereiche werden in
21 Einzelkompetenzen aufgeteilt:
     Umgang mit Informationen               Erzeugen digitaler Inhalte
     und Daten                          �   Entwicklung von digitalen Inhalten
�    Recherche, Suche, Filterung von    �   Fremde digitale Inhalte nutzen
     Daten, Informationen und               und bearbeiten
     digitalen Inhalten                 �   Wissen über Copyright und
�    Aus- und Bewertung von Daten,          freie Lizenzen
     Informationen und                  �   Programmieren
     digitalen Inhalten
�    Organisieren und Verwalten von         Sicherheit
     Daten, Informationen und           �   Schutz von Geräten
     digitalen Inhalten                 �   Schutz von personenbezogenen
                                            Daten und der Privatsphäre
     Digitale Kommunikation             �   Schutz von Gesundheit
     und digitale Kollaboration             und Wohlergehen
�    Interaktion mit Hilfe von          �   Schutz der Umwelt
     digitalen Technologien
�    Austausch mit Hilfe von                Problemlösen
     digitalen Technologien             �   Lösung von technischen
�    Teilhabe an der Gesellschaft mit       Problemen
     Hilfe von digitalen Technologien   �   Bedürfnisse identifizieren und
�    Zusammenarbeiten mit Hilfe von         technische Lösungen finden
     digitalen Technologien             �   Kreativer Gebrauch
�    Netiquette                             digitaler Technologien
�    Verwaltung der eigenen             �   Identifizierung digitaler
     digitalen Identität                    Kompetenzlücken
Quelle: DigComp 2.1
12

     03
     The digital divide2 - Personengruppen
     mit geringen digitalen Kompetenzen
     Wie steht es um die digitalen                                            teilung der Glaubwürdigkeit einer
     Kompetenzen in Deutschland und                                           Online-Quelle, die Unterscheidung
     welche Gruppen brauchen besondere                                        von Informationen und Werbung als
     Unterstützung durch Weiterbildung?                                       auch das Verständnis darüber, warum
                                                                              Anbieter an Nutzerdaten interessiert
     Es gibt bisher keine Studie zu digitalen                                 sind (Grotlüschen et al. 2019a). Jedoch
     Kompetenzen nach DigComp und da                                          muss diese Gruppe auch differen-
     die Definition von digitalen Kompe-                                      ziert betrachtet werden, denn digitale
     tenzen je nach Rahmen und Adressa-                                       Praktiken wie die regelmäßige Nutzung
     tengruppe stark variiert, unterschei-                                    von Sprachnachrichten, Videotelefonie
     den sich auch die Messinstrumente                                        oder die sozialen Netzwerke, üben
     und demnach sind Vergleiche zwi-                                         gering literalisierte Erwachsene sogar
     schen Studien schwierig. Verschiedene                                    häufiger aus (Grolüschen et al. 2019b:
     repräsentative Studien (z.B. OECD,                                       31). Auch laut OECD werden generell
     DESI, LEO Grundbildungsstudie, Digital                                   gute Lese-, Mathematik- und technik-
     Index) und wissenschaftliche Publika-                                    basierte Problemlösungskompetenzen
     tionen geben Hinweise auf Zielgruppen                                    benötigt, um das Internet über Infor-
     mit Weiterbildungsbedarf im Bereich                                      mations- und Kommunikationszwecke
     digitaler Kompetenzen. Es kann aber                                      hinaus zu nutzen. Nutzer:innen müssen
     eine klare Forschungslücke im Bereich                                    über verschiedene kognitive Kom-
     der Kompetenzentwicklungsbedarfe                                         petenzen verfügen, um zum Beispiel
     von geringqualifizierten Personen-                                       zu erfassen, welche Absichten oder
     gruppen attestiert werden. S. Widany                                     Verfasser:innen hinter Informatio-
     vom Deutschen Institut für Erwach-                                       nen stecken (OECD 2019). Auch die
     senenbildung (DIE) sagt: “In diesem                                      im Nationalen Bildungspanel durch-
     Feld übertreffen die Daten- und Fos-                                     geführten IKT-Kompetenztests be-
     chungsdesiderate leider bei weitem die                                   stärken die Korrelation zwischen Bil-
     erhofften Informationen.”                                                dungsstand und digitalen Kompe-
                                                                              tenzen (Autorengruppe Bildungs-
                                                                              berichterstattung 2020: 294). So sind
     3.1 Geringqualifizierung als                                             es häufig geringqualifizierte Mens-
     entscheidender Faktor                                                    chen, also Personen die über keine
                                                                              formale berufliche Ausbildung ver-
     Aus der zuletzt im Jahr 2018 erhobenen                                   fügen (Ambos 2005), welche auch nur
     LEO­ -Grundbildungsstudie geht her-                                      über geringe digitale Kompetenzen
     vor, dass gering literalisierte Erwach-                                  verfügen. Im Jahr 2018 hatten 17 % der
     sene3 im Vergleich zur Gesamtbevöl-                                      Erwachsenen im Alter von 25 bis unter
     kerung seltener internetfähige Geräte                                    65 Jahren keinen beruflichen Bildungs-
     nutzen und sich geringere digitale                                       abschluss (Autorengruppe Bildungs-
     Kompetenzen zuschreiben als bei der                                      berichterstattung 2020: 69).
     Gesamtbevölkerung üblich. Das be-
     trifft sowohl die Nutzung von Web-
     Portalen oder ähnlichem, die Beur-

                                                   2
                                                    Digital divide bezieht sich sowohl auf den Zugang zu digitaler Technologie als auch auf eine kompetente Nutzung.
      12,1 % der erwerbsfähigen Bevölkerung in Deutschland können nicht oder nur unzureichend lesen und schreiben: 58 % sind Männer (global ist das umgekehrt),
      3

                      fast 50 % sind über 45 Jahre alt, 60 % haben keinen oder einen niedrigen Schulabschluss und 60% sind erwerbstätig (Grotlüschen et al. 2019a).
13

                                                                                                                      Quelle: nach D21 2019: 38
Dieses Schaubild des Digital Index 2019/2020 stellt eine Gruppe Menschen dar, die zu den “digital Abseitsstehenden”
zählt. Diese finden sich nur schwer zurecht und haben eine ablehnende Haltung gegenüber
der zunehmenden Digitalisierung.

Digitale Kompetenzen hängen aber                                 Betriebssystem beherrschen. Jedoch
zusätzlich mit weiteren individuellen                            haben sie weniger Kenntnisse bei mo-
als auch strukturellen Faktoren zu-                              bilen Geräten (Interview O. Moosmann,
sammen. Meist ist es die Intersek-                               gepedu). Die Studie Weiterbildung zur
tion, also die Überschneidung dieser                             Stärkung digitaler Kompetenz älterer
Faktoren, die zu einem geringeren                                Menschen betont jedoch, wie wichtig
Kompetenzstand führen. Dazu zählen                               die digitale Inklusion für ältere Mens-
beispielsweise die (soziale) Herkunft                            chen ist und wie wenig Angebote es
wie Flucht- und Migrationshinter-                                im Bereich der Weiterbildung für diese
grund, Geschlecht, der Wohnort,                                  Gruppe gibt (Ehlers et al. 2016).
das Alter und die Erwerbstätigkeit.

Alter - Die digitale Kompetenz ist bei
der älteren Bevölkerung tendenziell
geringer.
Dies hängt jedoch auch stark mit dem
ausgeübten Beruf und dem Bildungs-
stand der Personen zusammen (D21
2019). Der Kompetenztest-Anbieter
gepedu hat beispielsweise festgestellt,
dass ältere Menschen generell
gut mit stationären digitalen Gerä-
ten umgehen können und Software-
Programme wie MS-Office oder das
Anlegen von Ordnerstrukturen im
14

                   Digital Gender Gap                                                            zeitabhängig)     abgebaut,      jedoch
                   Die Initiative D21 hat 2020 eine Son-                                         kommen sie nur für die Perso-
                   derausgabe zum “Digital Gender                                                nen infrage, die digitale Endgeräte,
                   Gap” herausgebracht. Denn der D21-                                            einen Internetanschluss und digi-
                   Digital-Index 2018/2019 ergab, dass                                           tale Grundkompetenzen besitzen.
                   Frauen durchgängig, “das heißt über                                           Menschen, die in ländlichen Regio-
                   alle soziodemografischen Mermale                                              nen oder in weitab gelegenen Un-
                   hinweg, einen geringeren Digita-                                              terkünften leben, haben zusätz-
                   lisierungsgrad als Männer” haben                                              lich einen erschwerten Zugang zu
                   (D21 Digital Gender Gap 2020: 8).                                             entsprechenden Lernorten (Internet-
                                                                                                 Cafés,    Bibliotheken,    Bildungsträ-
                                                                                                 gern etc.). Die digitale Kluft zwischen
                                                                      Quelle: nach D21 Digital

                      61               55               51                                       städtischen und ländlichen Gebieten
                                                                      Gender Gap 2020: 7

                                    Digital-                                                     in Deutschland ist also ein nicht zu
                                     Index                                                       vernachlässigender Faktor.
                                                                                                 Nichtsdestotrotz hat sich die Internet-
                   Es wird herausgestellt, dass es nicht                                         Abdeckung des ländlichen Raums
                   „die“ Frauen und „die“ Männer in der                                          seit 2019 erheblich verbessert (von 66
                   digitalen Gesellschaft gibt, sondern,                                         % auf 75 %) und liegt über dem EU-
                   dass soziodemografische Aspekte wie                                           Durchschnitt (DESI Deutschland 2020:
                   Bildung, Beruf, Alter, Stadt und Land                                         6).
                   die Hintergründe für Zugang, Nutzung,
                   Kompetenzen und Offenheit stark be-                                           Digital Natives
                   einflussen. Es sollte ein intersektiona-                                      Denkt man an sogenannte Digital
                   ler Ansatz4 gewählt werden und neben                                          Natives5, ist es ein Trugschluss an-
                   dem Merkmal Geschlecht, auch andere                                           zunehmen, nur weil eine Person um-
                   Merkmale wie Alter, Erwerbsumfang                                             geben von Digitalität aufgewachsen
                   oder Kinder im Haushalt einbezogen                                            ist, sei diese digital kompetent. In einer
                   werden (D21 Digital Gender Gap 2020).                                         Studie warnt die ECDL Foundation (2014)
                                                                                                 vor einer “verlorenen Generation”:
                   Zugang zum Netz und zu Geräten
                   Auch beim Zugang zum Internet                                                 “Young people do not inherently
                   können deutliche Unterschiede ent-                                            possess the skills for safe and effec-
                   lang verschiedener Faktoren ausge-                                            tive use of technologies, and skills
                   macht werden. Laut dem nationa-                                               acquired informally are likely to be
                   len Bildungsbericht, “gibt es kaum                                            incomplete. The failure to provide
                   einen einkommensstarken Haushalt                                              youth with a complete set of skills in
                   ohne Internetzugang, aber 20 % der                                            a formal manner leads to a new digi-
                   einkommensschwächsten       Hauhalte                                          tal divide between digital lifestyle
                   haben kein Internet. Frauen und Per-                                          skills and digital workplace skills.”
                   sonen ab einem Alter von 70 Jahren
                   verfügen zudem über eine schlech-
                   tere Digitalausstattung.” (Autoren-
                   gruppe     Bildungsberichterstattung
                   2020: 14) Durch E-Learning Ange-
                   bote werden zwar gewisse Hürden
                   in der Weiterbildung (z.B. orts- und

     4
         Der Begriff Intersektionalität bezeichnet die Verschränkung von Ungleichheit generierenden Merkmalen und zielt darauf ab, ihr Zusammenwirken aufzuzeigen (Küppers 2014).
     5
         Die Bezeichnung ‘digital native’ wurde durch den US-Amerikanischen Author Marc Prensky in seinem Text “Digital Natives, Digital Immigrants” geprägt. In den USA sind Digital
                                            Natives Menschen, die nach 1980 geboren wurden, Umgeben von Computern, Mobiltelefonen und anderen digitalen Geräten (Prensky 2001).
15

                                                                                                                                                                Quelle: D21 2019: 38
               Diese Schaubild des Digital Index 2019/2020 stellt eine Gruppe Menschen dar, die noch zu den “digital Mithaltenden”
               zählt. Sie machen ca. 30 % der Bevölkerung aus.

               Roman R. Rüdiger von Talent::Digital6
               nennt noch einen weiteren Faktor:
               die Herkunft.

               “Unter den männlichen Achtklässlern,
               deren Muttersprache nicht Deutsch
                                                                                                                                                                   Quelle: gepedu 2020: 7

               ist, haben beispielsweise 46 Prozent
               so gut wie keine digitale Souveräni-
               tät, obwohl sie als Digital Natives auf-
               wachsen. Aber es reicht eben nicht,
               Youtube oder WhatsApp bedienen zu                                          Der Kompetenztest-Anbieter gepedu GmbH stellt fest,
                                                                                          dass junge Menschen bis 20 Jahre (J) im Vergleich zu Älteren
               können. Das ist alarmierend.”                                              (A) oftmals deutliche Kompetenzdefizite in der klassischen
                                                                                          PC-Technik und -Anwendung aufweisen (Grundlagen (GL) PC/
               (eos-life 2019).                                                           Mobil).

6
 Talent::Digital bietet mit einer Software und einem Gamification-Ansatz die Möglichkeit, die eigenen digitalen Kompetenzen oder die seiner Mitarbeiter:innen
zu messen. Der Test basiert auf Grundlage des DigComp 2.1. Eine KI durchsucht das Netz nach Qualifizierungsangeboten und schlägt dem/r Tester:in passende
Angebote vor.
16

     Flucht- und Migrationshintergrund                                         3.2 Kommunikationskanäle
     In Deutschland hängt der Bildungs-
     grad immer noch sehr stark mit dem                                        & Zielgruppenansprache
     soziodemografischen Hintergrund zu-
     sammen.                                                                   Die Kommunikationskanäle, um die
                                                                               Zielgruppen mit dem jeweiligen Bil-
     Menschen mit Migrationshintergrund,                                       dungsangebot zu erreichen, sind
     auch jene die in Deutschland geboren                                      vielfältig und wohl auch stark vom
     wurden, befinden sich überproportional                                    regionalen Kontext und dem konkre-
     häufig in sozialen, finanziellen oder                                     ten Angebot abhängig. Hier werden im
     bildungsbezogenen Risikolagen und                                         Folgenden jene Kanäle zur Zielgruppen-
     verfügen über einen geringeren Bil-                                       ansprache vorgestellt, welche entweder
     dungsgrad (Autorengruppe Bildungs-                                        eine hohe Gesamtbedeutung haben
     berichterstattung 2020: 6).                                               oder sehr spezifisch für bestimmte
     Bei Menschen mit Fluchterfahrung                                          Zielgruppen wichtig sind.
     handelt es sich um eine sehr hetero-
     gene Gruppe und die Qualifikationen                                       (Fast) alle sind online
     variieren sehr stark von nicht-litera-                                    Das zentrale Merkmal der Zielgruppen
     lisiert bis hoch gebildet. Im Jahr 2016                                   “geringe digitale Fähigkeiten” zu haben,
     haben sich daher zahlreiche Bildungs-                                     bedeutet keinesfalls, dass diese nicht
     projekte gegründet, um die Newcomer                                       online sind oder über Online-Kanäle
     einerseits zu den in Deutschland fehl-                                    erreichbar wären. Wie bereits im
     enden IT-Fachkräften weiterzubilden                                       vorherigen Kapitel beschrieben, haben
     (Mason et al. 2017). Auf der anderen                                      beispielsweise auch die sogenannten
     Seite starteten zahlreiche Alphabeti-                                     Digital Natives einen hohen Kompe-
     sierungskurse. Bezüglich Digitalität ist                                  tenzentwicklungsbedarf in arbeits-
     mittlerweile auch hinlänglich bekannt,                                    marktrelevanten Bereichen und an
     dass etwa die Smartphone-Nutzung                                          stationären digitalen Geräten. Auch die
     einen festen Bestandteil im alltäglichen                                  LEO Studie zeigt, dass die Nutzung
     Handeln hat (Teucher 2016), jedoch                                        mobiler Geräte unter gering literali-
     die Nutzung von PC und Laptop weniger                                     sierte Erwachsenen durchaus häu-
     stark verbreitet ist. Aufgrund fehlen-                                    fig ist (Grotlüschen et al. 2019a). Eine
     der Anerkennung von Berufsabschlüs-                                       SEO-optimierte Website ist beispiels-
     sen und Qualifikationen sowie Sprach-                                     weise ein Muss, um besser bei der
     barrieren ist es insbesondere für diese                                   Suche gefunden zu werden. Ziel-
     Personengruppe schwer, die passende                                       führend      ist   auch    eine    extra
     Weiterbildung sowie einen Arbeitsplatz                                    Landingpage.
     zu finden7. Sie zählen zu den am stärks-
     ten benachteiligten Menschen und ha-                                      Sieben von zehn Bürger:innen nutzen
     ben daher oftmals einen hohen Bedarf                                      soziale Medien (D21 2019: 24)
     an Bildung und Komptenzentwicklung.                                       Die Social Media-Nutzung steigt zu-
                                                                               nehmend an und verteilt sich auf alle
                                                                               Bevölkerungsschichten, je nach Ka-
                                                                               nal. WhatsApp ist am gebräuchlichs-
                                                                               ten, dann Facebook und YouTube
                                                                               (D21 2020: 24). Gering literalisierte Men-
                                                                               schen nutzen sogar regelmäßiger
                                                                               soziale Netzwerke als die Gesamt-

          7
              Vgl. hierzu: Herdin, G. & Velten, S. (2016). Anerkennung informellen und non-formalen Lernens in Deutschland. (Bundesinstitut für Berufsbildung, Hrsg.).
17

               bevölkerung (Grolüschen et al. 2019b: 31).                               Kund:innen, Klient:innen oder Teil-
               Ein aussagekräftiger und regelmäßig bes-                                 nehmer:innen generell gerne8.
               pielter Social-Media-Account ist dem-                                    Auch um speziell arbeitsuchende
               nach zentral in der Zielgruppenans-                                      Menschen zu erreichen, spielen die
               prache. Vor allem wenn man sich im                                       Mitarbeitenden der Jobcenter und
               Bereich der digitalen Kompetenzen                                        Arbeitsagenturen eine Schlüsselrolle.
               platzieren möchte. So können Posts                                       Jobmessen oder Berufsberatungsstellen
               und Veranstaltungen mit und ohne                                         sind weitere Orte, um Bildungsangebote
               Marketingbudget verbreitet und gezielt                                   zu platzieren.
               die Zielgruppe ausgewählt werden.
               Bei der Vielzahl an Social Media Platt-                                  Das lokale Netzwerk
               formen ist es jedoch wichtig, die zur                                    Ein ausgeprägtes (lokales) Netzwerk
               Bildungseinrichtung und Zielgruppe                                       ist sehr wichtig, um die Zielgruppe zu
               passende auzuwählen und diese pro-                                       erreichen: Bildungsanbieter, migran-
               fessionell zu betreiben. Laut den von                                    tische Vereine (MSO), Sozialunter-
               uns befragten Expert:innen sind dies                                     nehmen mit einem Angebot für Men-
               vor allem Facebook und Instagram.                                        schen mit Migrations- und Flucht-
                                                                                        hintergrund, Community Center in
               Online-Gruppen und Communities                                           sozial schwächeren Vierteln, Unter-
               Online-Gruppen, Communities und                                          stützungsstellen für benachteiligte
               Gruppen-Chats spielen ebenfalls eine                                     Menschen, lokale Sportvereine, Musik-
               große Rolle. Zu finden sind diese etwa                                   vereine etc. bilden eine gute Verbreit-
               bei Facebook, WhatsApp oder Telegram.                                    ungsplattform. Das eigene Bildungs-
               Bildungsanbieter können passende                                         projekt bei einer Veranstaltung vorzu-
               Gruppen identifizieren, wie zum Bei-                                     stellen, sozusagen eine Kurzvorstell-
               spiel für Menschen mit Flucht- und                                       ung zu halten, kann viele Menschen
               Migrationshintergrund, für arbeitsu-                                     erreichen und begeistern. Außerdem
               chende Menschen, für Frauen in MINT                                      gibt es auch die Möglichkeit direkt
               oder auch Gruppen von anderen Or-                                        mit den Menschen ins Gespräch zu kom-
               ganisationen, und hier mit entspre-                                      men. Flyer- und Infomaterial auszule-
               chender Erlaubnis der Betreiber:innen                                    gen hat in der Regel eine eher geringe
               oder Initiator:innen die eigenen Ange-                                   Konversionsrate.
               bote posten.

               Offizielle Stellen wie Jobcenter,
               Beratungsstellen und Sprachschulen
               Fast alle Menschen mit Flucht- und
               Migrationshintergrund haben Kontakt
               zu offiziellen Stellen wie der Agentur
               für Arbeit, den Ämtern für Integration,
               dem Jobcenter oder Sprachschulen.
               Sie kennen Arbeitsvermittler:innen,
               Integrationsmanager:innen oder Lehr-
               kräfte von Sprachschulen. Wenn sie
               das Bildungsangebot kennen und es
               für qualitativ hochwertig halten,
               empfehlen       sie    dieses    ihren

8
 Sind Bildungsangebote kostenpflichtig und können über Bildungsgutscheine der Agentur für Arbeit oder des Jobcenters finanziert werden, unterstehen die
Arbeitsvermittler:innen einem Neutralitätsgebot. Die Kund:innen haben immer freie Trägerwahl.
18

     Botschafter:innen und Key Opinion          3.3 Zwischenfazit
     Leader
     Menschen folgen gerne Empfehlungen         Verschiedene Studien stellen eine
     von vertrauensvollen Personen. Gibt        Korrelation zwischen geringer Qua-
     es also Personen, die beispielsweise       lifikation und geringen digitalen
     durch ihre Zugehörigkeit oder Expertise    Kompetenzen fest. Die digitalen Kom-
     ein generelles Vertrauen oder gewisse      petenzen erstrecken sich über vers-
     Bekanntheit bei der Zielgruppe inne-       chiedene Kompetenzfelder und set-
     haben, kann dies den Zugang zur Ziel-      zen damit gute kognitive Fähigkeiten
     gruppe stark erleichtern. Beispielsweise   aus anderen Bereichen voraus. Neben
     sind die Projekt-Koordinatorinnen des      dem Bildungsgrad haben weitere indi-
     Women´s Programs der ReDi School,          viduelle und strukturelle Faktoren Ein-
     welche digitale Bildung für Menschen       fluss auf die Komptenzentwicklung.
     mit Fluchthintergrund anbietet, selbst     Dazu zählen zum Beispiel das Alter, der
     aus der Migrant:innen-Community (In-       Wohnort oder der (soziale) Hinter-
     terview A. Floroiu & P. Delgiudice, ReDi   grund. Oftmals führt die Intersektion
     School of Digital Integration). Über So-   von diesen Faktoren zu einem geringen
     cial Media könnten mit sogenannten         Kompetenzniveau.
     Key Opinion Leadern auch Kampagnen
     gemacht werden.                            Um die Zielgruppen für die Bildungs-
                                                angebote zu erreichen, ist es wichtig,
     “Würdest du diesen Kurs weiter emp-        die Zielgruppen genau zu identifi-
     fehlen?”                                   zieren. Eine passgenaue Ansprache
     Teilnehmer:innen, die bereits erfolg-      vermeidet hohen Streuverlust. Die
     reich einen Kurs abgeschlossen haben,      meisten Menschen mit geringen digi-
     können ebenfalls die Rolle der Multi-      talen Kompetenzen, sind über On-
     plikator:in einnehmen.                     line-Kanäle wie Social Media zu er-
     Ein hoher sogenannter Net Promoter         reichen. Auch das lokale Netzwerk
     Score (NPS) der mit der Abfrage der        und Arbeitsvermittlungsstellen stel-
     Kund:innenzufriedenheit erfasst wird       len wichtige Partner dar. Weiterhin
     (zufriedene Kund:innen empfehlen           ist eine Kombination aus offline und
     gerne weiter), stellt also auch für Bil-   online Marketinginstrumenten erfolg-
     dungsangebote ein interessantes Mar-       versprechend. Um besonders erfolg-
     ketingtool dar.                            reich in der Zielgruppenansprache,
                                                zu sein empfiehltes sich, Marketing-
                                                expert:innen einzusetzen. Vor allem
                                                im Onlinemarketing verändern sich
                                                Trends, Möglichkeiten und Designs be-
                                                sonders schnell.
19

                  04
                  Bildungsangebote im Bereich digitale
                  Kompetenzen - Ein Status quo
                  Die digitale Transformation erzeugt ni-                                                  Bildungssystem angepasst.9
                  cht nur im Privat-, sondern vor allem auch                                               In Deutschland scheint der Fort-
                  im Berufsleben einen enormen Verän-                                                      schritt diesbezüglich etwas schleppend
                  derungsdruck. Berufsfelder, Arbeits-                                                     voranzugehen10. Dies bestätigte uns
                  abläufe und ganze Branchen wer-                                                          auch Frau Jäger, Referatsleiterin für
                  den zunehmend digitalisiert. Diese                                                       den Fachbereich Beruf vom Hessischen
                  Herausforderungen müssen gemeis-                                                         Volkshochschulverband e.V.:
                  tert werden und Menschen müs-                                                            “Seit der DigComp 2.1 von der EU-
                  sen sich mit ihren Kompetenzen an                                                        Kommission 2017 veröffentlicht wur-
                  einer rasanten technischen und ge-                                                       de, sind im Netz kaum weitere Ve-
                  sellschaftlichen Entwicklung mes-                                                        röffentlichungen aus Deutschland
                  sen. Gerade hier werden Weiter-                                                          dazu zu finden.” Immerhin wurde
                  bildungsangebote außerhalb des                                                           im selben Jahr das Strategiepapier
                  formalen Lernens immer wichtiger.                                                        Bildung in der digitalen Welt der
                  Doch wie die Autor:innen der Stu-                                                        Kultusministerkonferenz (KMK) ver-
                  die Digitale (Grund-)Kompetenzen                                                         abschiedet, welches unter anderem
                  auch für gering Qualifizierte feststel-                                                  auf dem Modell des DigComp basiert.
                  len, “scheint die Zielgruppe gering                                                      Ähnlich wie in Österreich hat sich
                  Qualifizierter noch wenig im Fokus                                                       auch die KMK dazu entschlossen einen
                  arbeitsmarktorientierter Qualifizier-                                                    sechsten     Kompetenzbereich      hin-
                  ungsmaßnahmen im Bereich digita-                                                         zuzufügen: “6. Analysieren und Reflek-
                  ler (Grund-)Kompetenzen zu stehen.”                                                      tieren”11.
                  (Ziegler et al. 2018: 6).
                  Noch geringer wird das Angebot                                                           4.1 Weiterbildungsangebote
                  wenn sich Bildungsträger dabei auf
                  den DigComp 2.1 beziehen und den                                                         nach DigComp 2.1 - Quo
                  dreistufigen Ansatz der 1. Kompe-                                                        vadis Europa?
                  tenzmessung, 2. Weiterbildung und
                  3. Validierung berücksichtigen.                                                          Anhand der Internet- und Literatur-
                                                                                                           recherche sowie der Expert:innen-
                  Zwar wurde die erste Version des                                                         interviews konnte festgestellt wer-
                  DigComp bereits 2013 veröffentlicht,                                                     den, dass es im Bereich der Bildungs-
                  jedoch scheint der Referenzrah-                                                          angebote bisher wenig bis keine 3-stu-
                  men bei Bildungsinstitutionen sowie                                                      figen-Lernmodelle nach DigComp 2.1 in
                  Bürger:innen immer noch weitest-                                                         Deutschland gibt.12
                  gehend unbekannt. Doch innerhalb                                                          Bei den europäischen Nachbarn zeigt
                  der EU gibt es mehr und mehr viel-                                                       sich die Lage etwas anders. Beson-
                  versprechende Projekte. Beispiels                                                        ders vielversprechend scheinen hier
                  weise hat man sich in Österreich auf                                                     die folgenden drei Projekte zu sein:
                  Ebene der Regierung und Bildungs-
                  anbieter bereits eingehend mit dem
                  DigComp beschäftigt, diesen weiter-
                  entwickelt und an das österreich-ische

9
  Siehe dazu DigComp 2.2 AT: https://epale.ec.europa.eu/de/resource-centre/content/digitales-kompetenzmodell-fuer-oesterreich-digcomp-22 [24.06.2020]. Der DigComp 2.2 AT definiert neben den fünf Kern-
Kompetenzbereichen einen zusätzlichen “nullten” Bereich: “Grundlagen & Zugang”.
10
   Bei unserer Recherche sind wir nur auf einen Hinweis zu einer deutschen Projektbeteiligung gestoßen: Stiftung Digitale Chancen mit dem “DigComp Assessment Tool”
https://all-digital.org/projects/piloting-assessment-instrument-digital-competence-foundation-intermediate-levels/ [24.06.2020]. Siehe dazu auch Gallery of Implementations: https://ec.europa.eu/jrc/en/dig-
comp/implementation [24.06.2020].
11
   Strategie Bildung in der digitalen Welt der KMK abrufbar unter: https://www.kmk.org/aktuelles/artikelansicht/strategie-bildung-in-der-digitalen-welt.html [24.06.2020]
20

                      ASK4JOB ist ein paneuropäisches                                                                     zur Verfügung. Mittelfristig möchte
                      Bildungsprojekt für Langzeitarbeitslose                                                             fit4internet die Instrumente auch
                      und gering qualifizierte Erwachsene,                                                                anderen Ländern zugänglich ma-
                      welches zur digitalen Bürgerschaft                                                                  chen.
                      (digital citizenship), digitalen Inte-
                      gration (digital inclusion) und zur                                                                 DCDS ist ein EU-Projekt bestehend
                      Eingliederung in den Arbeitsmarkt                                                                   aus fünf Partnerländern, die ein
                      beiträgt.13 Das Projekt ist open-source                                                             integriertes modulares System,
                      und kann von Arbeitsmarktakteuren                                                                   das “Digital Competences Develop-
                      und Bildungsträgern genutzt werden,                                                                 ment System - DCDS” entwickeln,
                      um Weiterbildungspfade (EQR 1-4)                                                                    welches auf dem DigComp ba-
                      und andere Angebote zu realisie-                                                                    siert.16  DCDS    möchte     nicht-
                      ren, um die Arbeitssuche und die                                                                    formale Ausbildungsanbieter bei
                      Entwicklung auf persönlicher und be-                                                                der Planung und Bereitstellung-
                      ruflicher Ebene zu unterstützen.                                                                    flexibler und modularer Ausbild-
                      ASK4JOB entwickeln drei Werkzeuge                                                                   ungsangebote, die zur Verbes-
                      zur Kompetenzfeststellung, Qualifizie-                                                              serung der digitalen Grund-
                      rung und Validierung:                                                                               kompetenzen von Erwachsenen
                                                                                                                          führen, unterstützen. Das Projekt
                      �       Online Self-assessment Test                                                                 befindet sich noch in der Pilot-
                      �       Massive Open Online Course (mit                                                             und Testphase seiner Plattform
                              Hilfe von A-MOOCs)                                                                          und “DCD Methodology”17.
                      �       Appreciative Validation
                                                                                                                          Wenden wir den Blick noch ein-
                      Das Projekt befindet sich momentan                                                                  mal nach Deutschland: Auch hier
                      im Abschluss der ersten Pilotphase                                                                  gibt es vielversprechende Ansät-
                      und ist auch an weiteren Kooperatio-                                                                ze und Projekte, beispielsweise
                      nen interessiert. Einen deutschen Pro-                                                              an einzelnen Volkshochschulen.
                      jektpartner gibt es bisher nicht.                                                                   Frau Jäger vom Hessischen Volks-
                                                                                                                          hochschulverband e.V. berichtet,
                      Als Implementierungshilfe haben                                                                     dass der Bundesarbeitskreis Beruf
                      ASK4JOB mehrsprachige Broschü-                                                                      des Deutschen Volkshochschul-
                      ren veröffentlicht, die auf ihrer Web-                                                              Verbandes e.V. bereits am DigComp
                      seite einsehbar sind.14                                                                             gearbeitet und eine bundesweite
                                                                                                                          Umfrage bei den knapp 900 Volks-
                      fit4internet ist eine Vermittlungs-                                                                 hochschulen in Deutschland durch-
                      plattform zur Steigerung der digitalen                                                              geführt hat, um bisherige Ange-
                      Kompetenzen in Österreich. Sie vereint                                                              bote und Bemühungen in Erfahr-
                      verschiedene Instrumente (Kompeten-                                                                 ung zu bringen.
                      zen-Check, Info- und Fokus-Module und                                                               Der Bayerische Volkshochschul-
                      eine Kursdatenbank). In der Datenbank                                                               verband e.V. hat Anfang 2020 das
                      sind nicht alle Kursanbieter, die digitale                                                          Projekt Souverän Digital auf den
                      Kompetenzen vermitteln, zu finden.                                                                  Weg gebracht und bildet dazu ge-
                      Voraussetzung dafür ist eine Zuord-                                                                 rade Lehrkräfte weiter18.
                      nung (Referenzierung) zum DigComp
                      2.2 AT. Die Plattform hilft hierbei und
                      stellt einen umfassenden Leitfaden15

      Im Netz zu finden war ein Modellprojekt für Azubis des ABB Ausbildungszentrum Berlin gGmbH https://kompetenzen-digital.de/ [25.06.2010], die ZAUG gGmbH http://www.zaug.de/projekte/digital-kompetent-fit-
     12

      fuer-die-zukunft/ [25.06.2010] als auch Hinweise darauf, dass die VHS Herford und VHS Erlangen https://www.vhs-erlangen.de/programm/beruf/digitale-kompetenz.html [25.06.2010] sich dem DigComp bedienen.
                                                                                                                                                          13
                                                                                                                                                            Mehr zum Projekt unter: https://www.ask4job.net/ [24.06.2020].
                                            14
                                               Englische Version: https://www.ask4job.net/io3?lightbox=dataItem-kamgjvce [24.06.2020].15 Abrufbar unter: https://www.fit4internet.at/view/kursreferenzierung/ [25.06.2010]
           16
              Mehr zum Projekt unter: http://www.dcds-project.eu/ [25.06.2020] Siehe dazu auch: http://www.dcds-project.eu/results/dcd-methodology/ [25.06.2020] 18 Das Train the Trainer Programm ist hier zu finden:
                                                                                17

                                                                                                     https://bvv-fit.de/programm/vhs-online-1.html/kurs/550-C-20-8733/t/train-the-trainer-souveraen-digital [25.06.2020]
21

               Und natürlich zählt auch das hier auf-                                      Kompetenzbereichen, 21 Kompetenzen
               traggebende Projekt CODE-UP Germany                                         und acht Stufen. Eine solche Differen-
               dazu, in dem das International Rescue                                       ziertheit bedeutet eine Her-ausforde-
               Committee (IRC), die ZAUG gGmbH                                             rung in der Operationalisierung.”
               und die Volkshochschule Landkreis
               Gießen gemeinsam Bildungsangebote                                           Handlungsorientierter Ansatz
               im Bereich EQR 1-4 für niedrigquali-                                        Es ist weithin bekannt, dass praxis-
               fIzierte Menschen nach DigComp 2.1                                          orientierte Lernangebote insbeson-
               entwickeln.                                                                 dere bei Geringqualifizierten zu mehr
                                                                                           Lernerfolgen führen. Dieser Lernansatz
               Jenseits des DigComp 2.1 gibt es im                                         stellt den Erwerb von Kompetenzen in
               Bereich grundlegender digitaler Kom-                                        den Vordergrund, mit dem Ziel später
               petenzen eine Vielzahl an Kursen und                                        konkrete Situationen und Anforder-
               Weiterbildungen zu digitalen The-                                           ungen erfolgreich bewältigen zu
               men, für digitale Berufe, in IT- und                                        können. Dem liegt “das Konzept des
               IKT-Kompetenzen, in Computerfähig-                                          DigComp irgendwie quer”, so Frau
               keiten etc. Die Möglichkeiten sind                                          Jäger vom Hessischen Volkshochschul-
               zahlreich: von Tages-Trainings über                                         verband e.V. Zielführender wäre
               Jahreskurse hin bis zu Online-, App-                                        es, wenn der Kompetenzerwerb in
               oder     Blended-Learning-Angeboten.                                        Handlungszusammenhänge         gestellt
               Ohne eine umfassende Analyse oder                                           würde. Handlungskonzepte müsse
               eine konkrete Fragestellung anzule-                                         man mit entsprechenden Kompetenzen
               gen, kann hier keine generelle Aussage                                      identifizieren und erst anschließend
               über das Angebot getroffen werden.                                          dem DigComp zuordnen, so Frau Jä-
               Festzustellen ist jedoch, dass es auf                                       ger. Insbesondere Geringqualifizierte
               den meisten Webseiten keine Angaben                                         fühlen sich in formalen Bildungs-
               zu einer möglichen Orientierung am                                          kontexten weniger gut aufgehoben
               Referenzrahmen des DigComp oder                                             und ziehen das arbeitsplatznahe,
               eines 3-stufigen-Lernmodells gibt.                                          praxisorientierte und das nicht-
               Insbesondere die Kompetenzfest-                                             formale Lernen vor (vgl. Klein & Reut-
               stellung bleibt bei den meisten                                             ter 2016: 5).
               Anbietern außen vor. Im Vordergrund
               stehen vielmehr die Lerninhalte und                                         Digital Mindset
               die möglichen Zertifikate19.                                                Auch entwickelt und verändert sich
                                                                                           die digitale Welt sehr schnell. Frau
               4.2 Herausforderurgen                                                       Jäger betont, dass die “hohe Dyna-
                                                                                           mik” im Bereich der Digitalisierung bei
               und erste Lösungen                                                          der Entwicklung von Bildungsangebo-
                                                                                           ten Berücksichtigung finden müsste.
               Eine zentrale Herausforderung in der                                        “Digitale Tools und damit verbun-
               Entwicklung von Bildungsangeboten                                           dene Kompetenzen, die heute benö-
               nach DigComp ist laut Frau Jäger vom                                        tigt werden, sind morgen vielleicht
               Hessischen     Volkshochschulverband                                        bereits veraltet.” Auch Roman Rüdi-
               e.V. der Referenzrahmen selbst:                                             ger von Talent::Digital ist der Mei-
                                                                                           nung, dass eine zentrale Aufgabe die
               “Der DigComp ist sehr komplex und                                           Entwicklung     eines      sogenannten
               sehr ausdifferenziert mit seinen fünf                                       Digital Mindsets20 sei, nur so kann Of-

 Auch hier zeigt sich die Zertifizierungslandschaft in Deutschland wie ein Flickenteppich. Bis auf die wenigen Monopolinhaber (IHK, MOS Master, ECDL etc.) gibt
19

es wenig Einblick und Übersicht in die jeweiligen Zertifizierungsabläufe und -parameter. Siehe dazu auch Kapitel 5.
22

                                                                                                                                                                        Quelle: nach D21 2019: 26
                Auf diesem Schaubild wird deutlich, dass sich ein Großteil der Menschen über informelles Lernen digitale
                Kompetenzen aneignet.

                fenheit und kontinuierliches Lernen                                               len Bildungsaktivitäten stark zur
                digitaler Neuheiten gefördert werden.                                             digitalen Kompetenzentwicklung
                Zu basal sind meist die Qualifizierung-                                           beitragen. Auch die digitalisier-
                sangebote, denn “das Netz ist voll mit                                            ten Bildungsbereiche tragen so
                Excel-Kursen.”                                                                    zur Komptenzentwicklung bei (Dr.
                (R. Rüdiger, Talent::Digital)                                                     Sarah Widany, DIE). Durch den
                                                                                                  vermehrten Einsatz von online Bil-
                formelles Lernen/Selbstlernen                                                     dungs-Formaten (also z.B. Webi-
                Indem unser Alltag mehr und mehr                                                  nare, Apps, Youtube, MOOCs, etc.)
                digital geprägt ist, eignen wir uns                                               oder technischen Geräten (Lap-
                sozusagen nebenbei digitale Kompe-                                                tops, Tablets, Beamern etc.) wer-
                tenzen an. Informelles Lernen ist die                                             den digitale Kompetenzen auch
                “natürliche Begleiterscheinung des                                                in anderen Bildungsbereichen ne-
                täglichen Lebens. Anders als beim                                                 benbei erlernt und gelehrt - “aber
                formalen und nicht-formalen Lernen                                                das verläuft bislang wenig syste-
                handelt es sich beim informellen Ler-                                             matisch und die Datenlage ist un-
                nen nicht notwendigerweise um ein                                                 zureichend” (Dr. Sarah Widany, DIE).
                intentionales Lernen, weshalb es auch
                von den Lernenden selbst unter Ums-                                               Unterschiedliche Einstellungen zu
                tänden gar nicht als Erweiterung ihres                                            digitalen Trends und zum Wissens-
                Wissens und ihrer Fähigkeiten wahrge-                                             erwerb weisen darauf hin, dass die
                nommen wird.” (KEG 2000: 9)                                                       Vermittlung digitaler Kompetenzen
                                                                                                  zielgruppenorientierte Bildungs-
                Frau Dr. Widany vom Deutschen Ins-                                                konzepte benötigt. Beispielsweise
                titut für Erwachsenenbildung (DIE)
                ist überzeugt, dass diese informel-

     20
        Das Digital Mindset beschreibt eine Mentalität die die Herausforderungen der Digitalisierung und Technisierung als Chance begreifen. Althergebrachte Routinen und Struk-
     turen werden zunehmend obsolet und dazu braucht es Menschen, die Lösungen “digital denken”. Besonders wichtig sind dabei kognitive Fähigkeiten, die Neugier, Kreativität
                                                                              und empathisches Vermögen umfassen. Digitale Grundbildung ist hier ein essentieller erster Schritt.
23

ein explizites Angebot für geringqualif-     Vergessenheit. Psychische Belastungen
zierte Frauen, welche in der Mehrheit        (sei es aus Fluchterfahrung, Langzeit-
Personen mit Familien- und Pflege-           arbeitslosigkeit oder anderen indi-
Arbeit/Sorgetätigkeiten sind und häu-        viduellen Schicksalen) sind eben-
fig in Teilzeit oder in “scheinbar wen-      falls ein weiterer wichtiger Aspekt
iger technikaffinen Berufsfeldern” (D21      dabei, die nötige Motivation und
Digital Gender Gap 2020: 17) arbeiten.       das Durchhaltevermögen zu entwic-
Digital-Expertinnen als Vorbilder und        keln, um Weiterbildungsmaßnah-
Multiplikatorinnen können die Identi-        men zu besuchen und zu vollenden
fikation mit digitalen Inhalten begün-       (ASK4JOB 2019; Epping et al. 2001).
stigen. Auch muss gewährleistet sein,
dass sich Lerninhalte auf einen tatsä-
chlichen alltäglichen Nutzen beziehen        4.3 Zwischenfazit
oder zur Jobintegration führen können.
Zudem sollten gendergerechte Qua-            Aktuell wurde in Deutschland auf
litätsstandards für digitale Kompe-          Grundlage des DigComp noch kein Cur-
tenzen entwickelt werden, welche             riculum veröffentlicht und es konnten
laut D21 auf dem DigComp basieren            keine nennenswerten Bildungspro-
sollten (D21 Digital Gender Gap 2020).       jekte gefunden werden.
                                             Einzelne Akteure beschäftigen sich
Eine Fallstudie zum europaweiten             mit dem Referenzrahmen oder ordnen
Modellprojekt ASK4JOB, welches digi-         ihre bestehenden Angebote ein. An-
tale Grundkompetenzen für gering-            dere europäische Länder haben sich
qualifizierte und arbeitsuchende Men-        bereits intensiv mit dem DigComp
schen fördert, beleuchtet auch die psy-      beschäftigt und einige Angebote ziel-
chologische Seite und stellt fest, dass      gruppengerecht aufbereitet. Diese
fehlende Motivation und mangelndes           können als Modellprojekte herange-
Selbstwertgefühl eine große Barriere         zogen werden.
für die Menschen darstellen können
(ASK4JOB 2019: 10f). Damit einher geht       Herausforderungen für die Entwicklung
auch das Gefühl, den Anforderungen           von Bildungsangeboten stellt die
nicht gerecht zu werden und sich von         Komplexität und Vielfalt der Inhalte,
der Gesellschaft und Digitalisierung         aber auch der kurzlebige Charakter
abgehängt zu fühlen:                         mancher digitaler Tools dar. Daher ist
                                             es wichtig, nicht rein anwendungs-
“Job counselors generally individuate        bezogene Kurse anzubieten, son-
a series of psychological barriers in        dern ein generelles Verständnis für
unemployed adults, connected to              Digitalität zu schulen (Digital Mind-
‘social isolation’ and ‘digital isolation’   set). Außerdem sollten die Angebote
that puts them in a vicious circle.” (AS-    sowohl einen handlungsorientier-
K4JOB 2019: 15)                              ten Lernansatz verfolgen als auch
                                             zielgruppengerecht konzipiert sein.
Aus “Angst, etwas falsch zu machen”          Nicht zu vergessen ist, dass infor-
scheuen geringqualifizierte Menschen         melles Lernen eine große Rolle spielt
die Verwendung digitaler Tools oder          und auch die generelle Digitalisierung
digitaler Lernformate (Ziegler et al.        der Bildungsbereiche zur Kompetenz-
2018: 10f) und durch fehlende Praxis         entwicklung beiträgt. Dies könnte
gerät das erlernte Wissen wieder in          systematischer angegangen werden.
24

                   05
                   Digitale Kompetenzen testen
                   und validieren
                   Mit zunehmender Bedeutung der digi-
                   talen Kompetenzen für unseren Alltag                                    Es werden beispielsweise folgende
                   und unser Arbeitsleben, steigt auch                                     Typ-Fragen gestellt und die Person
                   der Bedarf an Zertifizierungs- und                                      ordnet sich auf der Skala der Sterne
                   Validierungsmöglichkeiten. Sei es um                                    zwischen Anfänger:in bis Expert:in
                   das passende Kursangebot zu wählen,                                     selbst ein:
                   um (informell) erlernte Kompetenzen

                                                                                                                                                                      Quelle: nach https://digital-competence.eu
                   für den Arbeitsmarkt nachzuweisen
                   oder zur Prüfung des Erlernten nach
                   Abschluss eines Kurses. Im Bereich
                   der Kompetenzfeststellung nach Dig-
                   Comp haben wir drei Typen feststellen

                                                                                                                                                                      [25.06.2020]
                   können, welche anhand von Beispielen
                   vorgestellt werden:
                   1. die Selbsteinschätzung,
                   2. Selbsteinschätzung und                                               Entsprechend der persönlichen An-
                   Wissensfragen sowie ein                                                 gaben erhält die Testperson an-
                   3. handlungsbasierter Test.                                             schließend ein Kompetenzrad:

                   5.1 Testverfahren mit

                                                                                                                                                                      Quelle: https://digital-competence.eu/result/?uri=8259feceae5c1c
                   Selbsteinschätzung
                   Wie schätzen Sie Ihren Kompetenz-
                   grad bei der «Verwaltung der digitalen
                   Identität» ein?21
                                                                                                                                                                      d0e7325ae1645871d3 [25.06.2020]

                   Eine gängige Praxis zur Bewertung von
                   digitalen Kompetenzen ist die Selbst-
                   einschätzung. Gegliedert in die fünf
                   Bereiche des DigComp werden bei-
                   spielsweise beim online Selbstein-
                   schätzungs-Test des Digitalen Kom-
                   petenzrads die darin eingeteilten 21
                   Kompetenzen abgefragt.                                                  Grundsätzlich erscheint es schwie-
                                                                                           rig, die eigenen Kompetenzen realis-
                                                                                           tisch einzuschätzen. Woran orientiere
                                                                                           ich mich bei meiner Einschätzung?
                                                                                           Was genau bedeutet diese Frage?
                                                                                           Was wird beispielsweise unter einem
                                                                                           sicheren Ort verstanden oder un-
                                                                                           ter der Verwaltung meiner digitalen
                                                                                           Identität?

     21
          Frage aus dem Kompetenztest von Enterra. Es kann Anfänger, Grundkenntnisse, Fortgeschritten oder Experte angegeben werden. Abgerufen von: https://www.feedbackpanel.
                                                                                                                                                   de/panel/527192 [29.06.2020]
25

               Bei Selbsteinschätzungen ist zudem
               zu beachten, dass insbesondere in
               Sphären der Digitalität, Frauen ihre
               Kompetenzen meist niedriger ein-
               schätzen als Männer (KOFA Studie 04/
               2019). In stereotyp-männlich besetzten

                                                                                                                                                                  Quelle: gepedu GmbH 2020: 7
               Kompetenzfeldern22 wie etwa Mathe-
               matik oder Technik, neigen Frauen
               selbst bei objektiv gleichen Leistungen
               dazu, sich geringere Fähigkeiten zu-
               zuschreiben (Janneck & Vincent 2017).
                                                                                           “Personen auf Arbeitssuche oder in Maßnahmen zur berufli-
                                                                                           chen Weiterbildung und -integration (AS) zeigen im Vergleich
               5.2 In Kombination:                                                         zu berufstätigen Personen (BT) geringere digitale Kompe-
                                                                                           tenz im Leistungsteil (Leist) sowie eine deutlich erhöhte

               Selbsteinschätzung und                                                      Fehleinschätzung ihrer Kompetenzen in der Selbstbeurteilung
                                                                                           (SB).”

               Wissens-Fragen
               Wie kann ich sogenannte “Fake-News”                                         Hier wurden die 21 Einzelkompetenzen
               erkennen? Antwort A, B, C                                                   des DigComp operationalisiert. Neben
                                                                                           Fragen der Selbsteinschätzung und
               Ein sehr ausgereifter Test, der auch                                        das Abfragen von Einstellungen zur
               eine fehlerhafte Selbsteinschätzung                                         digitalen Welt wird auch das Wissen
               berücksichtigt, ist der DigCompCheck                                        getestet. Beispielsweise die Frage nach
               der gepedu GmbH. Dieser wurde extra                                         gängigen Kriterien für die Aufteilung
               zum Testen von Kund:innen von Bild-                                         von Daten in verschiedenen Ordnern.
               ungsträgern entwickelt und passt sich
               an das Niveau der Zielgruppe jeweils                                        Im Gegensatz zu reinen Selbstein-
               an. Anhand der Kombination aus                                              schätzungstests ist dieser Test sehr
               Selbsteinschätzung und Wissens-                                             umfassend. Das führt jedoch dazu, dass
               fragen, kann die Selbsteinschätzung                                         er sehr umfangreich ist. Die Kurzva-
               auf starke Abweichungen überprüft                                           riante für Kund:innen von Bildungsträ-
               werden. Anhand der durchgeführten                                           gern schafft hier Abhilfe, beschränkt
               DigComp-Check-Tests konnte bei-                                             sich aber wieder auf die Erfassung der
               spielsweise festgestellt werden, dass                                       fünf Hauptbereiche des DigComp.
               sich arbeitsuchende Menschen gener-
               ell besser einschätzen, als sie beim
               Wissenstest tatsächlich abschneiden.

22
  Die Technikorientierung junger Männer wird durch vielfältige biographische und gesellschaftliche Einflüsse geprägt. Daraus resultiert oftmals ein Selbst-Sozialisationspro-
zesse im Umgang mit digitaler Hard- und Software, wie beispielsweise Freizeitaktivitäten im Peer-Kontext (z. B. Online Games). Bei der Feststellung von Geschlechterunters-
chieden im Einsatz von fachlichen Begriffen zur Digitalisierung sollte also dieser Kontext berücksichtigt werden (D21 Digital Gender Gap 2020: 13).
26

                 5.3 Handlungsbasierte Tests                                                Auf europäischer Ebene gibt es eine
                                                                                            Vielzahl an Kooperationsprojekten,
                 Entpacke den Ordner “Dokumente                                             welche sich auf den DigComp beziehen.
                 2.zip” und suche das Wort “Honig”.                                         Ein nennenswertes Open-Sourc Pro-
                 Kopiere den Namen des Ordners in                                           jekt, welches digitale Kompetenzen
                 welchem sich die Datei befindet und                                        handlungsbasiert testet und von
                 poste sie ins Antwortfeld23.                                               staatlichen Bildungsanbietern kosten-
                                                                                            frei genutzt werden kann ist tuCertiCyl
                 Es gibt auch Modelle des handlungs-                                        (bisher nur auf Spanisch). Hier werden
                 basierten Testens von digitalen Kom-                                       Wissensfragen mit Aufgaben verknüpft.
                 petenzen. Einziger deutscher Anbieter                                      Zum Beispiel soll in einer Simulation
                 und relativ neu auf dem Markt ist                                          per E-Mail ein gespeichertes Doku-
                 derzeit Talent::Digital. Durch das                                         ment im Anhang versendet werden,
                 Spielen eines sogenannten Serious                                          mit einem bestimmten Betreff und
                 Games, also anhand einer fiktiven                                          leerem Textkörper. Bürger:innen und
                 Situation die spielerisch gelöst wer-                                      vor allem arbeitsuchende Personen,
                 den muss, wird der Persönliche Digi-                                       können sich in Zertifizierungscentern
                 tal Index (PDI) errechnet. Das Spiel                                       der öffentlichen Verwaltung24 testen
                 operationalisiert alle 21 Kompeten-                                        lassen und erhalten ein Zertifikat, um
                 zen des DigComp 2.1 und ordnet die                                         damit ihre Arbeitsmarktfähigkeit zu
                 Lösungen den acht Kompetenzstufen                                          erhöhen. Drei sich derzeit noch in der
                 des Europäischen Kompetenzrahmens                                          Entwicklung befindende europäische
                 zu. Eine künstliche Intelligenz schlägt                                    Projekte, die nach dem 3-stufigen
                 anhand des Ergebnisses anschließend                                        Ansatz der EU (Kompetenzcheck,
                 passende       Weiterbildungsangebote                                      Weiterbildung, Validierung) arbeiten
                 aus dem Netz beziehungsweise von                                           und somit alle gewünschten Apekte
                 Partnern vor. Talent::Digital spezialisiert                                beinhalten, sind die bereits erwähnten
                 sich allerdings eher auf Organisationen                                    Projekte DCDS, ASK4JOB und fit4-
                 und den Weiterbildungsbedarf der                                           internet. DCDS arbeitet mit Selbst-
                 Belegschaft als auf niedrigqualifizierte                                   einschätzung und Wissens/ Können-
                 Arbeitsuchende.                                                            Fragen (SAT) welche sich an definierten
                                                                                            Lernergebnissen ausrichtet25. Durch
                 In Deutschland bekannte Kompetenz-                                         Online Badges26 oder einem Europass
                 rahmen und Zertifikate für basale                                          Supplement werden Qualifikationen
                 IT-Kenntnisse sind der ECDL, der                                           zertifiziert. Der Ansatz wird im Projekt
                 XPert Computerpass, der MOS für                                            BASIC (ein nationales Projekt zur Weiter-
                 Office Anwendungen, SAP oder Cisco                                         bildung von niedrigqualifizierten Er-
                 (vgl. Hanft et al. 2004: 3). Diese bilden                                  wachsenen) von der griechischen
                 nur einen Teil des DigComp ab. Diese                                       Agentur für Arbeit27 eingesetzt. Die
                 Tests bewegen sich mehr im spezi-                                          fit4internet-Instrumente zur Erfassung
                 fischen Bereich von PC, Office und                                         digitaler Kompetenzen beinhalten
                 IT-Kompetenzen. Zertifikate größerer                                       bisher nur Selbsteinschätzungsfragen
                 Bildungsinstitute wie Decra, Hasso                                         (CHECK) und Wissensfragen (QUIZ). Ein
                 Plattner oder SGD Fernstudium ha-                                          Validierungsverfahren für die erwor-
                 ben durch ihre Monopolstellung be-                                         benen digitalen Kompetenzen wird
                 reits an Bekanntheit und Bedeutung                                         derzeit entwickelt.
                 gewonnen.

                                 Freie Übersetzung aus dem Demotest zu digitalen Kompetenzen von tuCertiCyl: https://tucerticyl.es/demo/examen/27817/pregunta/3 [25.06.2020]
                                 23

                                                                                          24
                                                                                             Seit Covid-19 können diese Tests auch online und mit Supervision durchgeführt werden.
     25
          Eine genaue Beschreibung des Kompetenztests wurde im folgenden Dokument veröffentlicht: https://all-digital.org/wp-content/uploads/2019/01/D5.-Contents-of-Self-As-
                                                                                                                                                     sessment-Tool.pdf [25.06.2020]
                                                    26
                                                       Digitale Badges sind digitale Abzeichen, die auf einen Blick erworbene Lernleistungen oder Qualifikationen abbilden sollen.
                                                                       27
                                                                          http://www.dcds-project.eu/dcds-to-be-used-in-the-basic-project-to-train-adults-in-greece/ [25.06.2020]
27

5.4 Zwischenfazit
Mit vielen Kompetenztests lassen sich
nur generelle Aussagen über die digi-
talen Kompetenzen und das digitale
Mindset der Testpersonen treffen.
Es gibt zahlreiche Kompetenzfest-
stellungs- und Validierungsverfah-
ren, doch die wenigsten nutzen einen
handlungsorientierten Ansatz. Obwohl
dieser, vor allem im Bereich der digi-
talen Kompetenzen, die effizienteste
Testmethode zu sein scheint.

Ein gezieltes Testen und Validieren
von Kompetenzen erscheint beim
Umfang von 21 Einzelkompetenzen als
sinnvoll. Will ein Bildungsanbieter die
Kompetenzen in einem bestimmten
Bereich testen oder validieren, etwa
dem 3D-Druck oder Videoschnitt, so
kann das von diesen generellen Test-
verfahren nicht geleistet werden.

Bei der Zertifizierung sollte Ein-
heitlichkeit und Chancengleichheit
gesichert werden. Kimpeler und Dör-
nitz plädieren daher für die Ein-
richtung einer zentralen Kompetenz-
agentur, “die passende Formen der
Lern- und Leistungsbewertung in ei-
ner zunehmend digitalen Welt anbie-
tet, zur Markttransparenz beiträgt
und digitale Kompetenzkarten und
Zertifikate unterstützen kann.” (Kimpe-
ler & Dönitz 2016: 26).
Sie können auch lesen