Global Ghettotech - die Programmmusik des 21. Jahrhunderts
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Global Ghettotech – die Programmmusik des 21. Jahrhunderts | norient.com 29 Nov 2021 16:19:33
Global Ghettotech – die
Programmmusik des 21.
Jahrhunderts
by Thomas Burkhalter
«Die Ameisen haben Megafone», schreibt Chris Anderson,
Chefredakteur des Wired Magazine, in seinem Buch «The
Long Tail». Die Möglichkeiten zur Produktion von Musik und
zur Selbstdarstellung im Netz wachsen ständig. Mit zu den
Gewinnern zählen auch Musikerinnen und Soundkünstler von
den vermeintlichen Rändern der Welt: von Peking bis Tijuana,
von Istanbul bis Johannesburg.
Technisch sind sie auf dem neuesten Stand. Sie besitzen den neuesten
Labtop mitsamt verschiedener Programme zum Aufnehmen, Editieren,
Manipulieren, Konvertieren, Reparieren, Analysieren und Live-Mixen von
Audio-Files. Sie tauschen diese Programme untereinander aus oder saugen
sie als Raubkopien, Freeware oder Opensource-Programme aus dem World
Wide Web. Dank diesen technischen Möglichkeiten machen sie heute
weltweit auf sich aufmerksam. Avantgardistische Kombinationen, urbane
Sounds am Puls der Zeit und kulturelle Trends entstehen somit längst nicht
mehr bloss in der wirtschaftlich privilegierten Welt.
Musik aus Afrika, Asien und Lateinamerika ist plötzlich hip und schick. Sie
spielt nicht mehr nur an interkulturellen Solidaritätsfesten, sondern längst
auch in den Szeneclubs, in zeitgenössischen Kunstausstellungen oder auch in
Kultfilmen. «Post World Industries», «Sublime Frequences» (Erhabene
Frequenzen) oder «Outhere Records» nennen sich wichtige Labels dieser
neuen aufstrebenden Nischenmusik, DJ Rupture (von Brechen, Abreissen) ist
einer ihrer wichtigeren Multiplikatoren. Insider nennen das Genre auch
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«Global Ghettotech». «Global Ghettotech» ist laut dem Musikethnologen
Wayne Marshall die neue und frische Musik aus den Strassenschluchten und
den Ghettos der Metropolen der ehemals kolonisierten Länder der Welt.
Nortec, Soca und Elektronika aus Chile
Neue und experimentelle Klänge kommen zum Beispiel aus Chile, zu hören
auf der in schlichtem Karton gehaltenen Compilation-CD «Südamerika» des
Zürcher Labels und Künstlerkollektivs Spezialmaterial. Im Auftaktstück der
CD zersetzen Los Samplers ein populäres Lied aus Chile mit digitaler
Technologie bis zur Unkenntlichkeit. Im mexikanischen Tijuana verarbeiten
Künstler des Nortec Genres – etwa das Nortec Collective – Soundfetzen von
mexikanischen Brasskappellen mit modernster Soundtechnologie. Die
Soundkünstler verschneiden ihr musikalisches Erbe und setzen es neu
zusammen. Ghislain Poirier, ein in Montreal lebender DJ und Produzent,
produziert mit die spannendsten Mixes überhaupt. Sein «Soca Sound
System» mischt die komplexen und schnellen Rhythmen der karibischen
Soca-Musik mit futuristischen Geräuschen. Der Boom-Ch-Boom-Chick
Rhythmus des Reggaeton wird derweil längst von Popstars und
Nischenkünstler auf der ganzen Welt in Szene gesetzt. Den Latino-
Produzenten und ihren Latino-Fans gibt dieser Beat das stolze Gefühl, einen
der weltweit wichtigsten Trends in der urbanen Musik dieser Welt geschaffen
zu haben, ohne sich dabei über exotische Klischees verkaufen zu müssen.
Kuduro, Kwaito, und K'Naan
Was in den Videos oft nach reiner Partymusik aussieht, kann aber durchaus
auch politische Inhalte transportieren. Die Rapper aus vielen afrikanischen
Metropolen sprechen auch soziale und politische Themen an – jedoch mit viel
Ironie und Humor. Sie mögen keine schwarz-weiss Bilder – und Drittwelt-
Romantik schon gar nicht. Den altbekannten linken Protestsängern ähneln sie
kein bisschen mehr.
Der somalische Vorzeige-Rapper K’Naan etwa glaubt nicht mehr an die
grossen Ideologien: weder an die Linken, noch an die Rechten. Er ist im
Bürgerkrieg in Somalia aufgewachsen und weiss, dass selbst der härteste
Kriegsalltag letztlich auch ein Alltag ist. Heute lebt er in Nordamerika. In
seiner Musik spricht er vom Krieg. Davon wie er als Kind mitgekämpft hat. Er
prangert aber nichts und niemanden direkt an. Er schildert schlicht seine
Erfahrungen. Musikalisch hören wir: Zwei Heimaten, Alte und Neue Sounds
und Melodien. Alles sehr organisch zusammengefügt.
In den populären Musikstilen des südlichen Afrikas stecken Wut,
Enttäuschung direkt in der Populärmusik drin: zum Beispiel in den harten,
schreienden Stimmen des südafrikanischen Kwaito. Kwaito mischt House,
Dancehall, R&B, südafrikanische Popstile und Rap in Zulu, Tsotsi Taal und den
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Township-Slang S’camtho. Mandoza und Zola heissen heute zwei der grossen
Stars der Szene. Ihre aggressiven Tracks bringen jeden Tanzboden zum
Kochen.
Im Kuduro aus Angola und Portugal fiebern Beats aus dem
Rhythmuscomputer und Sounds aus dem Synthesizer durch den Raum. Diese
synthetische Musik ist mal dem House nahe, setzt dann aber immer wieder
auf unregelmässige, abstrakte Rhythmen. Diese sind oft von traditionellen
lokalen Rhythmen ausgeliehen, in ihrer digitalisierten Form erinnern sie
allerdings eher an die hektische Akustik einer Grossstadt. Portugiesischer
Sprechgesang erklingt dazu, auch er oft sehr repetitiv eingesetzt.
Sirenengeheul wird dazwischengeschaltet. Im Kuduro werden viel Schrott
und ein paar Perlen produziert. Die letzte CD des Buraka Som Sistema ist
sicher eine der spannenderen Produktionen des Genres. Auf einem Track
mischt die in England geborene Sängerin, Produzentin, Fashion-Designerin
M.I.A mit. Sie ist der Archetyp der neuen Ghettotech-Künstlerin. Ihr Track
«Paper Planes» ist denn auch im Oskar gekrönten Film Slumdog Millionaire
zu hören.
Grime, M.I.A, Terry Lynn
Verwurzelt ist M.I.A wie andere Künstler des Genres auch letztlich im Grime,
der ab 2002 in den East End von London entstanden ist. Grime («Schmutz»)
steht irgendwo zwischen HipHop und der elektronischen Musik. Grime ist
aggressiv, roh, düster, und oft überraschend. Grime-Künstler schaffen im
besten Fall einen eklektischen, jedoch stets persönlichen Sound: Sie mischen
alles mögliche und unmögliche. Die Jamaikanerin Terry Lynn zum Beispiel
rappt über tiefe Subbässe, Gewehrschüsse und abstrakte Beats. Sie ist in
einem Ghetto in Kingston aufgewachsen und macht auf ihrem Album
Kingstonlogic 2.0 keinen Hehl daraus. «Ich bin ein Kind des Bodens, Ich bin
im Ghetto geboren. Wo die Gangster dominierten, und die Gewehrschüsse als
Echo in den Strassen hallten», singt sie.
New Wave Dabké, Filastine, Tarek Atoui
Auch Sounds aus der arabischen Welt sind angesagt: Filastine aus Seattle
schafft auf seinem Album «Dirty Bomb» eine vielseitig orchestrierte Beat-
und Rap-Musik. Er verwendet Sounds und Geräusche aus Indien, dem Nahen
Osten und Südamerika und bringt sie mit den Sounds der digitalisierten und
elektrischen Welt zusammen. Der Libanese Tarek Atoui verstückelt ähnliche
Ingredienzien bis zur Unkenntlichkeit. Auf seinem Labtop kreiert Atoui
akustische Landschaften voller Brüche: Ein radikaler Mash-Up von
intensivsten Krach, digitalen Frequenzen und Samples von verschiedenen
Quellen: Feldaufnahmen, arabische, chinesische und englische Stimmen,
Medienfiles von Radio und TV-Stationen, populäre arabische und chinesische
Musik, Kriegssounds und vieles mehr.
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Ghettotech darf auch kitschig klingen. Der Sänger Omar Souleyman erfreut
uns auf seinem Album «Highway to Hassake» mit den psychedelisch
klingenden Synthesizer-Ornamenten des syrischen New Wave Dabké. Man
könnte diese Musik vorschnell abtun: als kommerziell, schlecht produziert,
als schlecht verträglich für die Ohren. Genau so denkt die neue Generation
von Musikern aber nicht. Mit wirren Synthesizer und Flötenmelodien winden
sie sich in Trance. Sie betrinken sich an der realen Welt. Einer Plastikwelt, die
nicht immer nur wohlgeformt ist.
Neue Hörgewohnheiten
Global Ghettotech ist die Ethnomusik der modernen Welt. Authentizität, wie
sie die Weltmusik-Szene seit Jahren vorgaukelt, ist out. Diese neuen Musiker
und Soundkünstler lassen sich in kein Korsett zwingen: Sie vertonen die Welt
aus ihrer ganz persönlichen Sicht und Perspektive. Da klingen nicht nur
Traditionen. Da klingt das Chaos der Welt, die Hektik des Alltags, der Krach
des Verkehrs, die Wut über die politische und ökonomische Lage.
Die neue Ästhetik hat den «Ethno»-Beat der späten 1990er Jahre abgelöst.
Während Asian Underground und Balkan Beat letztlich alte kulturelle
Klischees pseudomodern aufmotzen, offerieren diese neuen Künstler
vielfältige, frische, überraschende, kontroverse und persönliche Einsichten in
die Welt des 21. Jahrhunderts. Sie schaffen Sinn im Chaos und schaffen so die
Programmusik einer zunehmend globalisierten und digitalisierten Welt.
Die Ghettotech Künstler sind die kosmopolitischen Könner und Kenner einer
sich rasant wandelnden Welt. Als Experten des Internetzeitalters agieren sie
in transnationalen Nischennetzwerken – unabhängig von der Weltmusik-
Industrie. Die Nischenmusik verbindet Musikerinnen und Soundkünstler in
den Metropolen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas, mit Mitbürgern in der
Diaspora und mit Gleichgesinnten Europäern und US-Amerikanern.
Produziert wird auch mal im Kollektiv: die Stimme kommt aus Dakar, der Beat
aus Paris. Diese Geschmacksgemeinschaft tauscht ihre Musik auf Online-
Plattformen aus und stellt täglich Hunderte von Mixtapes ins Netz. Das
Netzwerk wächst rasant – genauso wie die Geschwindigkeit und Menge der
Up- und Downloads. Wenn einem Hörer diese Musik nicht gefällt, so gefällt
sie halt einem anderen.
→ Published on February 03, 2009
→ Last updated on October 04, 2019
Thomas Burkhalter is an anthropologist/ethnomusicologist (PhD), AV-artist, and
writer from Bern (Switzerland). He is the founder and director of Norient, the Norient
Space (Norient.com), and the founder and strategic director of the Norient Film
Festival (NFF). He co-directed documentary films (e.g. “Contradict”, Berner
Filmpreis 2020 + Al-Jazeera Witness) and AV/theatre/dance performances, is the
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author and co-editor of several books, teaches regularly at universities, and runs
workshops for arts institutions. His experimental radio feature, «Gqom Edits – A
Durban Visit», was nominated for Prix Europa in 2017. Currently, he is working on a
new music project, and on the experimental podcast series’ Timezones and South
Asian Sound Stories with musicians from the UK, Bangladesh, India, and Pakistan.
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