Abitur 2020: Der Jahrgang, der für immer unsichtbar bleibt.
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Abitur 2020: Der Jahrgang, der für immer unsichtbar bleibt. Der Bericht einer bayerischen Abiturientin über die Auswirkungen der Corona-Pandemie. Meine Oma sagte zu mir vor ein paar Tagen: „So ähnlich war es im Krieg.“ Sie muss es ja wis- sen, denn sie hat ihn als Mädchen miterlebt. „Es ist so ähnlich wie im Krieg nur ohne die Luft- angriffe.“ Wenigstens das. Ich denke, ich muss mich zunächst einmal vorstellen. Mein Name ist Nadine, ich bin 18 Jahre alt, wohnhaft in Bayern und Abiturientin des Jahres 2020. Heute ist der 30. April 2020, es sind also noch knapp 3 Wochen bis zur ersten Abiturprüfung. Im Folgenden möchte ich dokumen- tieren, wie sich die Corona-Pandemie auf mein Leben, meine Psyche und die Vorbereitungen auf das Abitur ausgewirkt hat. Lange war es nur ein leises Murmeln von Mitschülern und Lehrern und es wurden munter Scherze über einen Schulausfall und ein „Notabitur“ gemacht. Anfang März dachte niemand ernsthaft daran, dass unser Abitur in Gefahr sein könnte. Obwohl mit jeder Woche die Nach- richten aus Ländern wie China und dann auch bald Italien immer schlimmer wurden, hatte niemand von uns Angst. Eine Schulschließung war in meinen Augen vollkommen ausgeschlos- sen. Erst gegen Ende der zweiten Märzwoche wurde die Stimmen, die davon sprachen, lauter. Als am Freitag, den 13. März schließlich eine Schließung der Schulen bis 19. April verkündet wurde, glich meine Welt mit einem Mal einem Trümmerhaufen. Unser Schulleiter machte kurz vor der Pause eine lange und ernste Durchsage, in der er uns über die Entscheidung des Mi- nisteriums informierte. Ich saß auf meinem Stuhl und begann zu weinen. Alle meine Pläne, alle Termine und Fristen, die noch Stunden zuvor mein Leben bestimmt hatten, waren auf einmal nichtig. Die meisten Schüler und Lehrer gerieten in Panik. Die Pause war hektisch. Schü- ler rannten durch das Gebäude, um sich noch von Freunden in anderen Klassen zu verabschie- den. Oberstufenschüler standen am Lehrerzimmer, um wichtige Dinge zum Kolloquium noch schnell zu klären. Alle räumten hektisch ihre Schließfächer aus. Die Mitarbeiter der Schullei- tung liefen mit tiefen Falten auf der Stirn scheinbar hilflos umher. Nach der Pause hatten wir noch eine Stunde Mathe. Unsere Lehrerin teilte uns mehrere Blätter zu drei neuen Themen- bereichen aus und überflog sie mit uns in den 45 verbliebenen Minuten noch schnell. Alles andere würden wir uns daheim selbst beibringen müssen. Als ich später im Schulbus nach Hause fuhr, hatte ich einen Kloß im Hals und ich konnte kaum klar denken. Was bedeutet das
alles für die restlichen Klausuren im zweiten Halbjahr, die Abiturprüfungen, den restlichen Stoff? Was bedeutet dies für meine Zukunft? Die folgenden Tage waren schrecklich. Noch nie habe ich mich so hilflos gefühlt. Es galt nur abwarten darauf, was das Kultusministerium nun erarbeitet. Ich hing komplett in der Luft. Am 18. März endlich sprach Kultusminister Piazolo das aus, was sich jeder schon denken konnte. Aber jetzt war es Gewissheit. Das Abitur würde nicht wie geplant Ende April starten können. Es würde eine Verschiebung geben, sodass die erste Prüfung erst am 20. Mai stattfindet. Alle Klausuren würde ich ab dem 20. April nachschreiben und dann ganz normal mein Abitur ma- chen können. Das bedeutete allerdings auch, dass es sehr wahrscheinlich keinen Abiball und keine Mottowoche geben würde. Alles, was ich für die Zeit nach dem Abitur geplant hatte, egal ob Reisen, Praktika oder Ehrenamt, war damit wohl endgültig hinfällig. Doch das war mir in diesem Moment egal. Hauptsache, ich würde mein Abitur ganz normal machen können. Mit dem Rest würde ich mich schon abfinden. Meine Welt war wieder in Ordnung. Alles würde gut werden. Auf meiner Lichtbox sortierte ich die Buchstaben zu den Worten „Isolationshaft: Woche 1 von 5“. „Isolationshaft“ war natürlich bewusst überspitzt gewählt. Aber es kam an mein Gefühl schon ziemlich nah ran. Die nächsten zwei Wochen vergingen schnell. Ich hatte schließlich genug zu tun. Streng ver- suchte ich meine Routine aufrecht zu erhalten. Aufstehen, dann Schularbeiten, nachmittags Freizeit. Langweilig wurde mir nicht. Viele Lehrer versorgten uns über E-Mail und die Online- Plattform mebis mit Aufgaben (wenn auch manche Lehrer sich bei uns gar nicht gemeldet haben). Eine besondere Herausforderung war Mathe, da hier noch der meiste abiturrelevante Stoff gefehlt hat. So musste ich nicht nur die drei Kapitel einüben, für die wir noch in der Schule die Blätter bekommen hatten, sondern ab der dritten Woche anhand der Online-Erklärungen unserer Lehrerin noch zwei weitere Kapitel selbstständig erarbeiten. Auch sonst fand ich Be- schäftigung. Basteln, Lesen, mit meinen Großeltern telefonieren, meinen Freunden schreiben, YouTube-Videos anschauen, Sport in meinem Zimmer oder Musik machen waren nur ein paar meiner Beschäftigungsmöglichkeiten. Meine Eltern verlegten immer mehr Arbeit ins Home- office und langsam pendelte sich eine neue Routine ein. Dann kamen die Osterferien. Meine Eltern wollten eigentlich wegfahren, um mich in Ruhe die letzten Wochen auf das Abitur lernen zu lassen. Jetzt fuhren sie nicht weg und ich lernte trotz- dem. Das Abitur wurde zwar verschoben, trotzdem musste ich einiges der letzten Jahre
wiederholen und mich in der zweiten Ferienwoche auf die anstehenden Nachschreibeklausu- ren vorbereiten. Es waren davon fünf Stück in den ersten zwei Wochen nach den Ferien ge- plant. Den Geburtstag meiner Oma, der in der ersten Ferienwoche war, haben wir zum ersten Mal nicht gefeiert. Zu groß die Gefahr einer Ansteckung durch uns, da meine Eltern natürlich ab und zu einkaufen gehen und manchmal auf die Arbeit müssen. Stattdessen haben wir ihr ein Paket geschickt, ließen Essen und Blumen liefern und haben lange telefoniert. Das ersetzt keinen Besuch, aber meine Oma hat sich trotzdem gefreut. Sie verlässt ihre Wohnung nur noch alle paar Tage für einen kleinen Spaziergang ums Haus und lässt eine Nachbarin für sich einkaufen. Sicher ist sicher. Dann kamen die Osterfeiertage und ich hatte das Gefühl, alles beginnt wieder von vorne. Das leise Gemurmel in Zeitung und Internet wurde immer lauter. Stimmen, die von einer verlän- gerten Schulschließung sprachen. Für mich und die anderen Abiturienten bedeutete dies wie- der tagelanges Sitzen auf Kohlen, Grübeln und Bauchschmerzen. Die Ungewissheit zog sich gefühlt ewig. Alles was mir über die Feiertage übrig blieb, war das Lernen auf Klausuren und Prüfungen, von denen ich wusste, dass sie womöglich nie stattfinden würden. Und die Hoff- nung darauf, dass ich mein Abitur irgendwie bekommen würde. Denn selbst im Krieg gab es doch ein Notabitur! Erst am Abend des 15. April wurde offiziell verkündet, wie es weitergeht. Also wenigstens teil- weise. Keine Schule in Bayern vor dem 11. Mai, das war es also wahrscheinlich mit den restli- chen Klausuren für 12/2, die vom 20. bis zum 30. April hätten stattfinden sollen, oder? Keine Ahnung! Das Abitur sollte trotzdem nach wie vor ab dem 20. Mai stattfinden. Einen Abiball würde es wahrscheinlich nicht geben können. Was für ein beschissenes Gefühl! Den Spruch auf meiner Lichtbox änderte ich in „Isolationshaft: Woche 5 von 8“. Zwei Monate keine Schule, danach direkt ins Abitur. Zwei Stunden später, ich wollte gerade zu Bett gehen, erreichte mich noch eine neue Nachricht von Söder: Für die Abschlussklassen würde der Unterricht doch schon am 27. April beginnen. Also doch Klausuren? „Woche 5 von 6“. An Schlaf war erstmal nicht zu denken. Es war nachmittags am Sonntag, den 19. April, als ich per Mail von einem Lehrer erfuhr, dass Minister Piazolo etwas Neues bekanntgegeben hatte. Die Klausuren würden definitiv nicht mehr stattfinden! Auch der Unterricht würde nur noch in den Abiturfächern abgehalten wer- den. Ich atmete auf, denn mit diesem Zeitplan würde ich arbeiten können.
Die nächsten Tage verliefen geregelt in einem strengen Plan aus Lernen für das Abitur, dem Erledigen von Arbeitsaufträgen und Freizeit. Ein paar Tage später bekamen wir dann den neuen Stunden- und Raumplan unserer Schule und nähere Informationen des Kultusministe- riums zur Ermittlung der fehlenden Noten in 12/2. Generell war ich ziemlich zufrieden, etwas skeptisch stand ich dem Plan für die Hauptfächer entgegen: Frontalunterricht in einem hal- bierten Kurs und der Lehrer wechselt ständig zwischen uns und der anderen Hälfte im Neben- raum hin und her? Das würde sicher spannend werden… Am 27. April, knapp dreieinhalb Wochen vor dem Abitur war es dann soweit: endlich wieder Schule! Einlass gewährte uns der Hausmeister, der den Besitz einer Maske kontrollierte und bei Bedarf eine aushändigte. Auf den Gängen und Toiletten wurden von den meisten Schülern Masken getragen, im Unterricht sitzend nahmen wir sie ab, um besser sprechen und atmen zu können. Der Unterricht fand bei Kolloquiumsfächern in einem Raum (bei mir beispielsweise in Geschichte 3 SuS + Lehrer), in den Hauptfächern in zwei angrenzenden Räumen mit Zwi- schentür (z.B. Deutsch mit 11 SuS + 12 SuS + Lehrer) statt. Die Tische wurden von uns ausei- nandergeschoben und die Pause musste im Klassenzimmer auf dem Platz sitzend verbracht werden. Der Unterricht war anfangs durchaus beschwerlich, da beispielsweise die Frage eines Schülers in Raum 1 zwar der Lehrer hörte, der in der Zwischentür stand, nicht jedoch die Schü- ler in Raum 2. Auch das ständige Umdrehen von der Tafel bzw. dem Beamer vorne zum Lehrer hinten (da die Zwischentüren hinten sind) war sehr anstrengend. Es war schon ein befremdli- ches Gefühl, die Freunde nach 6 Wochen „Ferien“ nicht angemessen begrüßen zu können, Lehrern mit Plastik-Schutzvisieren vor dem Gesicht zu begegnen, auf den gespenstisch leeren Gängen nur Q12-Schülern mit Masken zu begegnen und im Unterricht so weit auseinander zu sitzen. Nach einer Woche Corona-Schule habe ich mich langsam an alles gewöhnt. Die Freunde und Lehrer wenigstens auf Distanz wiederzusehen hat gutgetan. Ob ich meine Freunde aus den anderen Jahrgangsstufen überhaupt noch mal sehen werde, steht in den Sternen. Heute, am 30. April 2020, hätte das Abitur für uns begonnen. Jetzt hoffe ich inständig, dass der Unterricht weitergeführt und das Abitur ab dem 20. Mai wirklich durchgeführt werden kann. Wie schnell sich doch alles verändert! Doch je näher das Abitur tatsächlich rückt, desto klarer wird mir, was uns alles dieses Jahr nicht gegönnt ist. Einigen Dingen, die abgesagt wurden, kann ich nicht nachtrauern. Dazu gehören der Abistreich (bei dem ich mich die letzten Jahre immer versteckt habe), die Mottowoche (die schon immer etwas lächerlich war) und die Abiparty
(zum gemeinsamen Trinken wäre ich eh nicht gegangen). Am Härtesten sind jedoch die Dinge, die ich mir lange gewünscht habe: Der Abiball, ein Abschlussbild und ein Abschlusskonzert mit dem Orchester. Vielleicht hilft es zur Erklärung, wenn ich dazu ein wenig aushole. Vor dem Umbau unserer Schule vor drei Jahren gab es einen Gang, in dem immer die Abschlussbilder der letzten fünf Abiturjahrgänge hingen. Gruppen von jungen Erwachsenen in edlen Kleidern und Anzügen am Tag ihres Abiballs lächelten uns glücklich entgegen. Als ich in der Unterstufe war, standen meine Freundinnen und ich während der Pause oft davor und träumten davon, einmal auf einem solchen Bild zu sein. Doch von uns wird es nie ein solches Bild geben. Es wird keinen Ball geben und auch kein Bild an keiner Wand. Wir sind der Jahrgang, der für immer unsichtbar bleibt.
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