Die junge Generation wird unsere globalen Probleme lösen müssen.
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Interview | Wickramanayake
»Die junge Generation wird unsere
globalen Probleme lösen müssen.«
Interview mit Jayathma Wickramanayake, Gesandte des UN-Generalsekretärs für die
Jugend, über die Bedürfnisse der jungen Generation, ihre Herausforderungen und die
Verpflichtung der UN, die Interessen junger Menschen glaubwürdig zu vertreten.
Patrick Rosenow: Was sind die größten Herausfor-
derungen für die heutige junge Generation?
Jayathma Wickramanayake: Hier zitiere ich oft
aus ›Eine Geschichte aus zwei Städten‹, einem Ro-
man von Charles Dickens. Es ist die beste Zeit, ein
junger Mensch zu sein, aber es ist auch gleichzeitig
die schwierigste Zeit. Wir sind die größte Genera
tion junger Menschen, die die Welt je gesehen hat.
Die beiden heutigen Generationen, die ›Generati
on Y‹ (›Millennials‹) und die ›Generation Z‹, sind die
am stärksten vernetzten Generationen aller Zeiten.
Wir sind die am besten ausgebildete Generation in
der Geschichte. Wir haben unbegrenzten Zugang
zum Internet und zu Informationen. Aber es ist
auch gleichzeitig die schlimmste aller Zeiten, denn
die Jugendarbeitslosigkeit ist auf ein Rekordniveau Jayathma Wickramanayake, Gesandte des Generalsekretärs
gestiegen. Wir haben weltweit etwa 64 Millionen für die Jugend. UN Photo: Eskinder Debebe
junge Menschen, die arbeitslos sind. Und viele von
denen, die einen Arbeitsplatz haben, sind unter
beschäftigt. Sogar in Europa gibt es unter den Er- brauchen. Es mag Themen geben, bei denen Jugend
werbstätigen immer noch Menschen, die in Armut partizipation nicht gegeben ist, aber es könnte Platt-
leben, obwohl sie Arbeit haben. Und etwa 600 Mil- formen geben, die wir ermöglichen. Mehr junge
lionen junge Menschen leben in Konfliktsituatio- Menschen könnten an Begleitveranstaltungen von
nen oder fragilen Situationen. Selbst wenn man sich Konferenzen teilnehmen oder sich zumindest Ge-
die politische Partizipation ansieht, gibt es in etwa hör verschaffen, wo es eigentlich für Jugendliche
drei Vierteln der Mitgliedstaaten der Interparla- schwierig ist, diese Veranstaltungen zu erreichen.
mentarischen Union (IPU) irgendeine Form der Ge- Das UN-Sekretariat kann kreativ sein, um diese
setzgebung, die junge Menschen bei der Kandida- Stimmen der Jugend einzubringen. Zwei Beispiele:
tur für ein Amt zum Beispiel durch Altersbeschrän- Im Hochrangigen Politischen Forum über Nach-
kungen diskriminiert. Obwohl die Hälfte der Welt- haltige Entwicklung (High-level Political Forum
bevölkerung unter 30 Jahre alt ist, sind es nur zwei on Sustainable Development – HLPF) gibt es keine
Prozent der Parlamentarierinnen und Parlamenta- Jugendreferenten, die über die Umsetzung der Zie-
rier der Welt oder der Kongressabgeordneten. le für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Deve-
lopment Goals – SDGs) berichten. Aber zusammen
Welche Veränderungen sind Ihrer Meinung nach in mit dem Präsidenten des Wirtschafts- und Sozial-
den Vereinten Nationen erforderlich, um die Jugend rats (Economic and Social Council – ECOSOC)
aktiver in politische Prozesse einzubeziehen und die kann ich das Jugendforum des ECOSOC nutzen.
UN für junge Menschen attraktiver zu machen? Dort lassen wir Jugendorganisationen zu Wort
Bei meinem ersten Treffen mit UN-Generalse- kommen und über die gleichen SDGs berichten,
kretär António Guterres habe ich ihm drei Emp- über die im HLPF gesprochen wird. Und dann
fehlungen gegeben. Der erste Vorschlag war, dass sammeln wir diese Ergebnisse von Jugendlichen.
wir mehr Möglichkeiten für die Beteiligung junger Anschließend arbeite ich mit dem Präsidenten des
Menschen im zwischenstaatlichen Bereich der UN ECOSOC und anderen Mitgliedstaaten zusammen,
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die die Jugendagenda unterstützen, um diese Emp- zieren. Jugendgerechte Kommunikation wird daher
fehlungen informell in das HLPF-Ergebnisdoku- bei den anstehenden Reformen der Hauptabteilung
ment aufzunehmen. Das heißt, wir sorgen trotz- Presse und Information (Department of Public In-
dem dafür, dass diese Stimmen der Jugend gehört formation – DPI) berücksichtigt.
werden, indem wir auf die eine oder andere Weise
im HLPF darüber beraten. Natürlich wollen wir Wie sind Sie Gesandte für die Jugend geworden?
das noch ausbauen. Ich habe mein Leben immer als eine Reise be-
Der zweite Aspekt ist der Blick nach innen. Wir trachtet. Und jedes Mal, wenn ich auf Probleme
als UN sprechen viel mit den Mitgliedstaaten über stieß, die mir am Herzen lagen, versuchte ich etwas
die Stärkung der Eigenverantwortung junger Men- zu ihrer Lösung beizutragen. Schon während mei-
schen und darüber, dass sie Gehör finden müssen. nes Studiums engagierte ich mich im nationalen
Aber manchmal fühle ich mich wie eine Heuch Jugendrat, zusammen mit dem Ministerium für Ju-
lerin, wenn ich sehe, wie wir mit den jungen Men- gendfragen von Sri Lanka. Später arbeitete ich an
schen in den UN umgehen. Wir haben einige sehr der nationalen Jugendpolitik mit und unterstützte
unfaire Praktiken. Zum Beispiel zweifelt die Öf- anschließend die Weltkonferenz über die Jugend
fentlichkeit die unbezahlten UN-Praktika an oder im Jahr 2014 in Sri Lanka. So kam eines zum an-
fragt, weshalb unsere Beraterinnen und Berater nur deren, und weil ich im Jugendbereich tätig war,
haben mich einige Organisationen als Kandidatin
vorgeschlagen. Danach durchlief ich einen Aus-
»Wenn wir von einer Welt sprechen,
wahlprozess und zusammen mit anderen jungen
in der die Führungsqualitäten einer Menschen aus verschiedenen Weltregionen wurde
eigenverantwortlichen jungen Gene- ich interviewt. Einige Tage später erhielt ich einen
ration anerkannt werden, dann Anruf, dass ich für dieses Amt ausgewählt wurde.
Es war ein großer Moment für mich, denn ich
müssen wir dieses Thema auch hatte noch nie zuvor in einem internationalen Um-
in den UN aufgreifen.« feld oder außerhalb meines Landes gearbeitet. Da-
her fand ich es sehr spannend, jetzt meine Arbeit
auf lokaler Ebene auf die globale Ebene auszuwei-
ten, mit größeren Verantwortlichkeiten und größe-
einen Halbjahresvertrag bekommen und dann ihre ren Aufgaben.
Arbeit unterbrechen oder beenden müssen. Das ist
nicht nachhaltig. Um einen Einstiegsjob bei den Welche Schwerpunkte haben Sie für Ihre Amtszeit
Vereinten Nationen zu erhalten, braucht man min- gewählt, und was haben Sie bisher erreicht?
destens zehn bis 15 Jahre Berufserfahrung. Das Ich habe ein Mandat, das die drei Säulen der
hindert viele junge Menschen daran, eine Stelle bei Vereinten Nationen – nachhaltige Entwicklung,
den UN anzutreten, und selbst wenn sie dies tun, Menschenrechte sowie Frieden und Sicherheit – um-
ist ein Aufstieg für sie schwierig. Wenn wir also fasst. Und meine Tätigkeit wurde um ein Teilgebiet
von einer Welt sprechen, in der die Führungsqua erweitert, das über das Mandat meines Vorgängers
litäten einer eigenverantwortlichen jungen Gene Ahmad Alhindawi hinausgeht: die humanitäre
ration anerkannt werden, dann müssen wir dieses Hilfe. Mir geht es darum, auf die Situation junger
Thema auch in den UN aufgreifen. Ich freue mich Menschen im humanitären Bereich aufmerksam zu
sehr, dass diese Empfehlung ernst genommen wur- machen. Deshalb haben wir für jede dieser vier
de. Mehrere Führungskräfte von UN-Einrichtun- Säulen einige Pläne ausgearbeitet, die ich trotz wei-
gen haben Plattformen geschaffen, damit sich ihre terhin stark begrenzter Ressourcen und Kapazitä-
jüngsten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter äußern ten umsetzen möchte.
und Lösungen für einige der wichtigen Probleme Eine der Hauptaufgaben, die mir der General-
anbieten können, mit denen die UN derzeit kon- sekretär übertragen hatte, bestand darin, eine Ju-
frontiert sind. gendstrategie für die UN auszuarbeiten, das heißt
Der dritte Aspekt ist, wie die UN mit jungen ein Dokument zu entwickeln, das eine Vision und
Menschen kommunizieren. Die derzeitige Art und Orientierung sowie einige sehr praktische Schritte
Weise ist nicht sehr jugendgerecht. Die Sprache für das gesamte UN-System in Bezug auf die Ar-
und die Akronyme, die wir verwenden, sind nicht beit mit jungen Menschen und für junge Menschen
sehr bürgernah. Wir nutzen die sozialen Medien, enthält. Ich habe mich mit diesem aufwendigen Pro-
um die Menschen darüber zu informieren, was wir zess befasst und sehr eng mit dem Interinstitutio-
tun. Aber wir nutzen sie nicht, um mit Menschen nellen Netzwerk für Jugendentwicklung der Ver-
in Kontakt zu treten. Wenn wir Informationen ver- einten Nationen (Inter-Agency Network on Youth
breiten, müssen wir mit den Menschen kommuni- Development – IANYD) zusammengearbeitet.
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Zusammen mit diesem interinstitutionellen Netz-
werk haben wir mehr als 40 UN-Organisationen Jayathma Wickramanayake
in den Prozess integriert, von denen etwa 27 zur Im vergangenen Jahr wurde die 27-jährige Jayathma
Jugendstrategie konkret beigetragen haben. Darun- Wickramanayake von António Guterres zur Gesandten für die
ter sind zwei Jugendorganisationen, die ›Wichtige Jugend (Envoy on Youth) berufen. Sie studierte Entwicklungs-
Gruppe Kinder und Jugendliche‹ (Major Group for wissenschaften an der Universität von Colombo und wurde im
Children and Youth – MGCY) mit 6 000 Mitglieds Jahr 2012 die erste UN-Jugenddelegierte ihres Landes. In der
organisationen und das Internationale Koordina folgenden Zeit war sie Mitglied und Jugendverhandlungs
führerin bei der internationalen Jugendarbeitsgruppe der
tionstreffen der Jugendorganisationen (Internatio-
Weltkonferenz über die Jugend (2013–2014), Senatorin im
nal Coordination Meeting of Youth Organizations
sri-lankischen Jugendparlament (2013–2015) und Mitbegrün-
– ICMYO). Wir versuchten also, so viele junge Men-
derin der Organisation ›Hashtag Generation‹, die sich für mehr
schen und so viele UN-Angehörige wie möglich zu politisches Engagement unter jungen Menschen, insbesonde-
konsultieren, um eine Strategie zu entwickeln. re Frauen einsetzt. Kurz vor ihrer Ernennung zur Gesandten
Der Generalsekretär hat die Strategie in New für die Jugend war sie für die sri-lankische Regierung und
York vorgestellt. 1 Nachdem sie so auf den Weg das Parlament tätig.
gebracht wurde, arbeite ich nun mit Partnern zu-
sammen, um einen Umsetzungsplan zu erstellen.
Hierbei konzentriere ich mich auf die konkrete
Umsetzung vor Ort, in unseren UN-Länderbüros der Zivilgesellschaft gibt. Und ich denke, das be-
und politischen Missionen. Der Generalsekretär trifft auch junge Menschen in nichtstaatlichen Or-
gibt viele Anregungen, sowohl in Bezug auf die ganisationen (NGOs) sehr stark.
Reformagenda als auch im Hinblick darauf, wie Sie haben ein Recht auf sichere Räume und wir
wir vor Ort besser mit den Menschen, insbesonde- müssen ihnen solche Räume bieten. Dabei geht es
re mit jungen Menschen, zusammenarbeiten kön- um vier verschiedene Bestandteile: Erstens, sichere
nen. Ich arbeite daher sehr eng mit dem Büro für öffentliche Räume für junge Menschen zu schaf-
die Koordinierung der Entwicklungsaktivitäten fen. Viele junge Frauen und Männer werden im öf-
(Development Operations Coordination Office – fentlichen Raum, wie zum Beispiel in öffentlichen
DOCO) zusammen, um konkrete Maßnahmen auf
Länderebene umzusetzen.
Dieser Prozess war definitiv eine der größten und »Junge Menschen haben ein Recht
anspruchsvollsten Aufgaben, an denen ich im letz- auf sichere Räume und wir müssen
ten Jahr beteiligt war, denn alle 40 verschiedenen
UN-Organisationen haben 40 verschiedene Priori-
ihnen solche Räume bieten.«
täten. Gleichzeitig wollen wir jedoch bei den UN
keine zu ausufernden Dokumente mehr veröffent
lichen. Also versuchte ich mein Möglichstes, um
sehr fokussierte und prägnante Hilfestellungen mit Verkehrsmitteln, auf Spielplätzen, in der Freizeit
einigen sehr konkreten Beispielen – wie die Schaf- oder sogar an Schulen und Universitäten belästigt.
fung nationaler Jugendräte – zu entwickeln. Deshalb müssen wir sicherstellen, dass unsere öf-
fentlichen Räume sicher sind, und dass sich junge
Anlässlich des diesjährigen Internationalen Jugend- Menschen in diesen Räumen gefahrlos ausdrücken
tags haben Sie von der Notwendigkeit sicherer Hand- können. Zweitens ist der Raum für gesellschaftli-
lungsräume für Jugendliche gesprochen. Können Sie ches Engagement wirklich wichtig, denn fast über-
erläutern, was Sie damit meinen? all auf der Welt erleben wir, wie junge Menschen
Jedes Jahr haben wir für den Internationalen Tag aktiv werden und sich engagieren. Beispielsweise
der Jugend ein Thema mit dem Ziel, junge Men- gab es kürzlich die von Studierenden angeführten
schen und ihre Bedeutung in die Öffentlichkeit zu Demonstrationen in Bangladesch. Junge Schulkin-
rücken und mehr Bewusstsein und Fürsprache für der gingen auf die Straße und forderten bessere, si-
das gewählte Thema zu entwickeln. In diesem Jahr cherere Straßen. Und in den USA gab es den ›March
war es »sichere Handlungsräume für Jugendliche«. for Our Lives‹ – junge Schülerinnen und Schüler,
Das Thema ist wichtig, da es überall auf der Welt die auf die Straße gingen und gegen die Waffen
immer weniger Handlungsräume für die Beteiligung gesetze protestierten. In verschiedenen Teilen der
1 Youth 2030. Working with and for Young People. UN Youth Strategy, 24.9.2018, www.un.org/sustainabledevelopment/wp-content/
uploads/2018/09/18-00080_UN-Youth-Strategy_Web.pdf
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Welt konnten wir Frauendemonstrationen (wo was ich gerade tue, wirklich etwas Konkretes be-
men’s marches) beobachten. All dies sind kreative wirkt. Aber gleichzeitig kann ich versuchen, mich
Ausdrucksformen, mit denen junge Menschen ihre zumindest um ein paar individuelle Fälle zu küm-
Anliegen zivilisiert zum Ausdruck bringen und mern und mich bemühen, diese so weit wie mög-
sich gesellschaftlich engagieren. Gleichzeitig dür- lich weiterzuverfolgen. Wenn ich beispielsweise
fen Jugendliche keiner Form von Gewalt ausgesetzt ein Treffen mit dem Jugendminister eines Staates
sein oder wegen ihrer Teilnahme diskriminiert habe, spreche ich anschließend mit meinen UN-
werden. Und dann sind drittens natürlich Räume Kolleginnen und Kollegen in dem Land und bitte
wichtig, die Schutz vor physischer Gewalt bieten, sie, mit dem Büro des Ministers Kontakt aufzuneh-
was weltweit ein sehr wichtiges Thema ist. Alle men und mich darüber auf dem Laufenden zu hal-
zweieinh alb Sekunden wird ein Mädchen unter ten, wie die Umsetzung erfolgt. Zumindest in den
18 Jahren verheiratet. Weibliche Genitalverstüm- Fällen, in denen ich vor Ort eine gewisse Unterstüt-
melung, geschlechtsspezifische Gewalt, häusliche zung habe, versuche ich, die Entwicklung zu ver-
Gewalt, Gewalt von Intimpartnern – das sind The- folgen und dafür zu sorgen, dass die Lobbyarbeit
men, die die körperliche Sicherheit junger Men- auch Wirkung zeigt.
schen, insbesondere junger Frauen, betreffen. Ein
Gibt es noch eine weitere Herausforderung?
Eine weitere Herausforderung sind die finanziel-
»Eine meiner größten Herausforderungen len Engpässe, mit denen wir konfrontiert sind.
ist, dass ich von New York aus arbeite.« Mein Büro wird komplett mit außerplanmäßigen
Mitteln finanziert. Im Grunde genommen muss ich
also Finanzmittel akquirieren, damit unser Büro
existiert – für meinen Mitarbeiterstab, für alle
vierter und letzter Bestandteil sind die digitalen Projekte und Kampagnen und für alles, was wir
Räume. Wir wissen, dass junge Menschen im digi- tun. Das nimmt also etwa 50 Prozent unserer Zeit
talen Raum sehr aktiv sind. Aber sie sind auch mit in Anspruch und verhindert, dass wir uns auf un-
Belästigung, Cyber-Mobbing und anderen Proble- sere eigentliche Arbeit konzentrieren können. Aber
men im digitalen Raum konfrontiert. Und gleich- zum Glück gibt es einige Mitgliedstaaten, die uns
zeitig nutzen extremistische Organisationen und unterstützen. Ich bleibe im Gespräch mit denjeni-
terroristische Organisationen wie der Islamische gen, die in der Vergangenheit freiwillig Beiträge
Staat (Da’esh – IS) digitale Plattformen, um junge geleistet haben, und ich setze auch die Gespräche
Menschen für extreme politische Bewegungen zu mit anderen fort, um eine solche Unterstützung auf-
gewinnen. Wie können also diese digitalen Räume rechtzuerhalten. Dadurch wird sichergestellt, dass
sicherer gemacht werden, und wie können wir unsere Arbeit nachhaltig bleibt, denn ich möchte
junge Menschen gleichzeitig dazu befähigen, diese wirklich, dass mein Büro als Institution weiter
Plattformen auf sichere Weise zu nutzen? Anderer- wächst. Wenn man von einer Gesandten spricht, ist
seits wollen wir darüber diskutieren, wie wir über es nur eine Person, aber wenn man ein Büro oder
Mitgliedstaaten, politische Entscheidungsträgerin- eine Einrichtung gründet, ist es nachhaltig. Ich
nen und -träger, Eltern und andere Akteure Hand- kann meine Arbeit dann tatsächlich an meinen
lungsraum schaffen, um sicherzustellen, dass sich Nachfolger oder meine Nachfolgerin übertragen.
junge Menschen in all diesen verschiedenen Platt- Gleichzeitig setze ich mich bei den Mitgliedstaaten
formen frei ausdrücken und verantwortungsvoll dafür ein, dass meine Arbeit aus dem ordentlichen
bewegen können. UN-Haushalt finanziert wird.
Damit dies passieren kann, muss dieser Schritt
Vor welchen Herausforderungen stehen Sie in Ihrer über den Fünften Ausschuss, den Verwaltungs- und
Tätigkeit innerhalb und außerhalb der UN? Haushaltsausschuss der Generalversammlung, be-
Ich denke, eine meiner größten Herausforderun- antragt werden. Dafür werbe ich.
gen ist, dass ich von New York aus arbeite. Meine
Arbeit ist in der Regel sehr global ausgerichtet und An Ihrem ersten Tag als Gesandte für die Jugend ha-
umfasst auch Interessenvertretung, Lobbyarbeit ben Sie junge Menschen als die ›SDG-Generation‹
und Vorträge, und ich versuche, die Aufmerksam- bezeichnet. Was meinen Sie damit?
keit auf die betreffenden Themen zu lenken. Für Ich verwende diesen Begriff aus zwei Gründen.
mich, die vor Ort in der Zivilgesellschaft gearbeitet Erstens bezeichne ich die uns unmittelbar voran-
und meine eigene Jugendorganisation und Jugend- gegangene Generation als ›Generation der Mil-
clubs geleitet hat, ist es manchmal eine Herausfor- lenniumsentwicklungsziele‹ (Millennium Develop-
derung, zu erfahren, wie meine Arbeit in die Praxis ment Goals – MDGs) – zum Beispiel meine Cousins
umgesetzt wird. Deshalb frage ich mich, ob das, und meine älteren Freunde. Sie wuchsen mit dem
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Wissen über die MDGs auf, hörten von den MDGs Kofi Annan in der Zeitung sah. Damals fragte ich
und dachten wirklich, dass Entwicklung mit den meine Mutter, wer das sei, und sie sagte mir, er sei
MDGs gleichzusetzen sei. Für mich aber war die der Generalsekretär der Vereinten Nationen. Da-
erste internationale Konferenz, an der ich je teil- nach interessierte mich, wie sein Job aussehen
genommen habe, der Rio+20-Gipfel im Jahr 2012. könnte, warum er sein Leben riskierte, um das Le-
Und es war der erste Gipfel, bei dem sich so viele ben anderer Menschen besser zu machen. Später
junge Menschen an der Diskussion über nachhaltige bekam ich die Gelegenheit, ihn tatsächlich persön-
Entwicklung beteiligten. Wir als Generation sind lich zu treffen. Dann gab es den damaligen Außen-
mit der Idee der Nachhaltigkeit aufgewachsen. Ich minister Sri Lankas Lakshman Kadirgamar. Er ist
glaube, dass viele der ›Millennials‹ und der ›Gene- leider nach einem Terroranschlag im Jahr 2005
ration Z‹ sehr umweltbewusst sind. Schon beim gestorben. Kadirgamar stammte aus einer Minder-
Kauf von Kleidung einer Modemarke nehmen wir heit, arbeitete aber sehr gut mit Minderheits- und
Rücksicht auf die Umwelt. Das lässt mich also mit Mehrheitsgemeinschaften zusammen, um Lö-
glauben, dass wir die ›Generation der SDGs‹ sind. sungen für politischen Probleme – insbesondere im
Zweitens: Wenn wir es mit der Beendigung von Ar- Zusammenhang mit dem sri-lankischen Bürger-
mut, Hunger und der Umkehr des Klimawandels krieg – zu finden. Er glaubte an Gleichberechti-
ernst meinen, dann ist es unsere Generation, die gung. Er hat sowohl mich als auch die Menschen in
die globalen Probleme lösen muss. Wenn wir das Sri Lanka sehr inspiriert, aufgeschlossener zu sein,
nicht innerhalb der nächsten 15 Jahre schaffen, global zu denken und lokal zu handeln.
wird es zu spät sein, insbesondere im Hinblick auf
den Klimawandel. Wenn wir konkrete Verände- Aus dem Englischen von Angela Großmann
rungen herbeiführen wollen, müssen wir in die
heutige Generation junger Menschen investieren,
damit sie der aktive Partner sein kann, der in den
nächsten 40 bis 50 Jahren tatsächlich die globale
Energieproduktion dekarbonisiert. Vor allem im
Hinblick auf das soziale Bewusstsein, aber auch im
Hinblick darauf, junge Menschen als Akteure zur Das Interview wurde am 6. September 2018 telefonisch
Verwirklichung der SDGs zu betrachten, nenne ich geführt. Die Fragen stellte Patrick Rosenow, Leitender
unsere Generation lieber die ›SDG-Generation‹. Redakteur der Zeitschrift VEREINTE NATIONEN.
Sie sind eine leidenschaftliche Leserin von Psycho-
Thriller-Romanen. Sehen Sie manchmal Parallelen
zu Ihrem Mandat?
Ich denke, dass ich vielleicht nach meiner Amts-
zeit mein eigenes Buch schreiben werde. Das Amt
ist wie eine Achterbahnfahrt. An manchen Tagen English Abstract
bin ich extrem produktiv, und an anderen Tagen
Jayathma Wickramanayake
denke ich: ›Was habe ich eigentlich getan, außer
»The Young Generation Will Have to Solve Our Global
mit Leuten zu sprechen?‹ Der Unterschied zu einem
Problems.« pp. 195–199
Psycho-Thriller-Roman besteht wahrscheinlich da-
rin, dass mein Team und ich wissen, dass wir auf Jayathma Wickramanayake, Envoy of the Secretary-General on
das Ziel hinarbeiten, eine bessere Welt zu schaffen, Youth, talks about the challenges of her mandate, the needs of
auch für junge Menschen. Jeder junge Mensch soll the young generation, and the UN’s commitment to promoting
mein Amt als Anlaufstelle wahrnehmen, an das er their interests. Furthermore, she refers to restrictions on youth
sich wenden kann, wenn er das Gefühl hat, dass participation and the concerns of future generations. Wickra-
seine Stimme nicht gehört wird. manayake pledges to support the three pillars of the UN’s
work: sustainable development, human rights, peace and
Sie stehen mit Ihrer Biografie für Gleichberechti- security but as well as a fourth, namely humanitarian action
for young people. Her aims for today’s young generation are to
gung, Versöhnung und Partizipation junger Men-
create safe spaces for youth participation, to reduce inequali-
schen auf nationaler und internationaler Ebene.
ties, to improve situations for young people in conflicts and to
Gibt es jemanden, der Sie inspiriert hat?
include them in the decision-making processes.
Ich hatte nie eine einzige Person, die ich als
Vorbild betrachtet habe. Ich denke, es sind immer Keywords: Jugend, Kinder/Kinderrechte, Jayathma Wickrama-
kleine Dinge, die ich von verschiedenen Menschen nayake, Zivilgesellschaft, civil society, Envoy of the Secretary-
übernehme. So habe ich zum ersten Mal von den General on Youth
Vereinten Nationen erfahren, als ich ein Bild von
V e r e i n t e N at i o n e n 5 / 2 0 1 8 199Sie können auch lesen