Innovation in der Schweizer Volksmusik

Die Seite wird erstellt Josefine Schumann
 
WEITER LESEN
Innovation in der Schweizer Volksmusik
Innovation in der Schweizer Volksmusik | norient.com                  8 Nov 2021 18:17:30

    Innovation in der Schweizer
    Volksmusik
    by Johannes Rühl

    Auch wenn die Mehrheit das alte Bild noch pflegt, eine
    Erneuerung der Schweizer Volksmusik ist schon längst
    Realität. Das erweist der Blick auf die breite und höchst
    lebendige Volksmusikszene. Eine erweiterte Version dieses
    Artikels erschien im Norient-Buch Out of the Absurdity of
    Life (hier bestellbar).

    Gibt es einen speziellen Alpensound? Um das festzustellen, benötigen wir
    Erinnerungsmaterial, das wir aus unserem Klanggedächtnis abrufen können.
    Das sind meist kollektive Erfahrungen, die uns im Laufe des Lebens
    begegnen und an vielfältige Assoziationen gebunden sind. Ertönt ein
    Hackbrett, erscheinen uns die Berge. Nicht wenige unserer ureigenen
    Vorstellungen von den Alpen sind an volksmusikalische Klänge gebunden.
    Und doch ist es nicht immer schlüssig, vor welchem Hintergrund sich eine
    bestimmte Musik mit einer Landschaft verbündet oder warum ausgerechnet
    ein Ländler so stark nach der Schweiz klingt.

https://norient.com/stories/innovativeschweizervolksmusik                      Page 1 of 9
Innovation in der Schweizer Volksmusik
Innovation in der Schweizer Volksmusik | norient.com                     8 Nov 2021 18:17:30

    Abschied von der Doktrin
    Vor etwa fünfzehn Jahren begannen experimentierfreudige Musiker aller
    Gattungen danach zu fragen, was es mit dem musikalischen Erbe der Schweiz
    auf sich hat. Bewusst distanzierte man sich von der Doktrin einer verbandlich
    festgeschriebenen Auffassung der Schweizer Volksmusik. Antriebsmoment
    ihres Tuns war eine sich zunehmend durchsetzende Erkenntnis, dass die
    gängige Vorstellung einer Volksmusik im kollektiven Gedächtnis der
    deutschsprachigen Schweiz zum guten Teil eine Fiktion ist. Musiker, die um
    Ländlermusik bisher abschätzig einen Bogen gemacht hatten, wagten einen
    neugierigen Blick hinter die Kulissen offizieller volksmusikalischer
    Musizierpraxis. Sie lösten sich von der bis dato empfundenen
    unumstösslichen Zuordnung der Deutschschweizer Volksmusik zu
    Tourismuswerbung und einer tendenziell zutiefst konservativen
    Lebenseinstellung.

    Fast zeitgleich mit diesem unerwarteten Aufbruch entstanden neue
    Musikfestivals. Zuerst hatte man in Altdorf den Kuchen gerochen
    («Alpentöne» - siehe auch Artikel zu Alpentöne auf norient.). Sukzessive
    entstanden weitere Festivals wie die Toggenburger «Naturstimmen», das
    Obwaldner «Volkskulturfest» und etwas später in Zürich die « Stubete am
    See». Sie alle sind zu lebendigen Foren einer neuen Schweizer Musikkultur
    mit populärem Anspruch geworden. Der nicht ganz glückliche Begriff «neue
    Volksmusik» hat sich zunehmend durchgesetzt und ist mittlerweile sogar als
    Förderkategorie anerkannt.

    Geschichte der Volksmusik

https://norient.com/stories/innovativeschweizervolksmusik                           Page 2 of 9
Innovation in der Schweizer Volksmusik
Innovation in der Schweizer Volksmusik | norient.com                       8 Nov 2021 18:17:30

    Ein Blick in die Historie soll deutlich machen, worum es eigentlich geht. Seit
    Beginn des 19. Jahrhunderts, als weite Teile Europas politisch neu definiert
    wurden, begriff sich auch der alte helvetische Staatenbund erstmals als
    Nationalstaat. Damit erfasste die Schweiz eine grosse Sehnsucht nach
    nationalen Symbolen; heute würde man sagen: nach
    Alleinstellungsmerkmalen. Wobei das wirklich Eigene im Angesicht der Berge
    ja nur das Hergebrachte sein konnte. Unter dem starken Einfluss der
    Romantik wurde im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert das assoziative
    Arsenal für das heute noch weitgehend gültige Panorama der Schweiz
    geschaffen.

    Im Zuge dieser Suche nach Requisiten der Selbstidentifikation kam es zur
    forcierten Festlegung auf eine gemeinsame Volksmusiktradition. Gleichzeitig
    vollzog sich auch eine zunehmende Fremdverklärung der Alpen. Die Schweiz
    ebnete als Zauberberg und gründerzeitliches Bergsanatorium dem Tourismus
    den Weg. Mit gezielten Marketingstrategien wurde schon sehr früh ganz
    bewusst ein neues Image aufgebaut, wobei eine gewisse Selbstverklärung der
    Bewohner ihr Übriges dazu tat. Neue Produkte wie Kräuterbonbons, Müesli
    oder Malzgetränke wurden zum unverkennbaren alpinen
    Geschmacksverstärker, und Johanna Spyris Geschichte von Heidi
    zementierte nach innen wie nach aussen das Bild der heilen Welt in den
    Bergen. Die Folklore spielte die Musik dazu. Aber welche Folklore?

    Mit dem Niedergang der in der Folge der Französischen Revolution im Chaos
    versinkenden Helvetik sollten in der sich wieder erholenden föderalen Vielfalt
    der Schweiz das Nationalgefühl und der gesamtschweizerische Selbstwert
    nachhaltig gestärkt werden. Zudem musste der eingebrochene Tourismus
    wieder angekurbelt werden. Es war das Jahr 1805, als man bei Interlaken auf
    der Burgwiese zu Unspunnen das erste «Fest der schweizerischen Alphirten –
    zu Ehren des Alphorns» veranstaltete. Den Initiatoren ging es darum, die
    alten Spiele und Wettkämpfe wie das Steinstossen und das Schwingen
    wiederzubeleben, also etwas zu reanimieren, was es offensichtlich nicht mehr
    gab. Die gezielte Einführung des vorher in der Schweiz nur marginal
    vorkommenden Alphorns zeigte gewisse Früchte, auch wenn es zunächst
    eher als touristisches Bettelinstrument zum Einsatz kam, was der
    beabsichtigten folkloristisch-repräsentativen Wirkung eher entgegenlief.
    Nicht viel anders erging es dem Jodeln. Der erst im 19. Jahrhundert geprägte
    Begriff dieser universellen Stimmkultur wurde ursprünglich nur mit Tirol in
    Verbindung gebracht. Heute sind das Jodeln wie auch das Alphorn
    bestimmende Bestandteile der Schweizer Volkskultur. (siehe dazu auch
    Podcast mit Dieter Ringli auf norient.)

    Gegen den Kommerz

    Mitte des 19. Jahrhunderts schliesslich kam auch in der Schweizer
    Volksmusik das sich weltweit rasant verbreitende Akkordeon ins Spiel. Wie in
    vielen europäischen Musiktraditionen wurden so auch in der Schweizer

https://norient.com/stories/innovativeschweizervolksmusik                            Page 3 of 9
Innovation in der Schweizer Volksmusik
Innovation in der Schweizer Volksmusik | norient.com                      8 Nov 2021 18:17:30

    Volksmusik die Streichinstrumente zunehmend verdrängt. Allerdings gab das
    Akkordeon als Schwyzerörgeli der Ländlermusik auch einen
    unverwechselbaren Klang. Entscheidende Impulse zur Entstehung dieser
    Musik kamen jedoch weniger aus den bäuerlich geprägten Alpentälern. Sie
    wurde seit den 1920er Jahren vor allem in den Städten erfunden und zu einer
    nationalen Musik gemacht, die zunehmend auch auf Schallplatten zu hören
    war und insbesondere mit der Einführung des Radios grosse Verbreitung
    fand. Die Volksmusik passte sich vor allem in der Nachkriegszeit mehr und
    mehr einem medial definierten Publikum an. Das Farbfernsehen schliesslich
    vervollständigte auf der visuellen Ebene die massentaugliche
    Gleichförmigkeit. Im Glanz der Eurovision geriet die Schweizer Volksmusik
    zunehmend in eine Glaubwürdigkeitskrise.

    In den 1990er Jahren tauchte wie aus dem Nichts eine ganz anders
    sozialisierte und gut ausgebildete junge Musikergeneration auf, die sich
    pragmatisch und unbefangen über diese Verkrustungen hinwegsetzte. Mit
    der zunehmenden Verfügbarkeit globaler Musik aus den entlegensten
    Winkeln der Erde schien auch die Zeit reif für einen Blick auf die eigenen
    Sounds. Es war ja nicht die Ländlermusik an sich, die auf Ablehnung stiess,
    sondern diese gekünstelte Volkskultur, die sich dem medialen Kommerz
    gnadenlos angebiedert hatte.

    Einen folgenreichen Impuls setzte Mitte der 1990er Jahre Markus Flückiger,
    ein junger, ungewohnt virtuoser Schwyzerörgeli-Spieler, gemeinsam mit dem
    nicht weniger brillanten Klarinettisten Dani Häusler. Mit der von ihnen
    gegründeten Gruppe Pareglish wagten sie den Befreiungsschlag. Man
    mischte Schweizer Musik mit Klezmer, Rock und elektronischem Material,
    also mehr oder weniger allem, was gerade greif- und tanzbar war. Das war an
    und für sich nichts Besonderes, wäre das Ausgangsmaterial dieses Crossover
    nicht die für diese Zwecke äusserst unhandliche Ländlermusik der Schweiz
    gewesen. In der Folge gründeten die beiden 1998 das Quartett Hujässler, das
    mittlerweile zu einer Institution in der Schweizer Musikszene geworden ist.
    Das Ensemble war fundamental für die Begründung einer neuen Musik aus
    der Schweiz, die sich eindeutig zum musikalischen Erbe bekannte und die
    Volksmusik nicht nur als Steinbruch für andere Konzepte missbrauchte.
    Zudem war und ist ihr musikalisches Selbstverständnis frei von
    repräsentativen Motiven, Volkstumsideologie und Kommerz. Mit dieser
    ungewohnten Einstellung sorgten sie für reichlich Verunsicherung in
    angestammten Revieren. Denn Flückiger und Häusler gehören einer
    Generation an, die weder die Politik der 68er Folkies noch den Muff des
    Musikantenstadl in sich trägt. Zudem stellen ihre spielerischen Qualitäten
    auch heute noch nahezu alles in den Schatten, was zuvor in der Volksmusik zu
    hören war.

    Entscheidende Impulse gingen auch vom klassisch ausgebildeten Cellisten
    und Komponisten Fabian Müller aus. Er gab 2002 in Altdorf eine Sammlung
    von über 12 000 alten, von der Musikethnologin Hanny Christen

https://norient.com/stories/innovativeschweizervolksmusik                          Page 4 of 9
Innovation in der Schweizer Volksmusik
Innovation in der Schweizer Volksmusik | norient.com                     8 Nov 2021 18:17:30

    zusammengetragenen, Volksmelodien vornehmlich aus dem 19. Jahrhundert
    heraus. Damit lag erstmals eine nicht zu verleugnende Möglichkeit vor, einen
    umfassenden Blick hinter die starre Einheitsfassade der Deutschschweizer
    Volksmusik zu werfen. Fabian Müller war auch massgeblich an der Gründung
    des Altdorfer Hauses der Volksmusik beteiligt, dessen ambitioniertes Ziel es
    ist, die Fortentwicklung der Volksmusik in der Schweiz mit diesem neuen
    Selbstverständnis zu beleben.

    An den stilistischen Rändern

    In diesem Umfeld wurde das Ensemble Hanneli-Musig gegründet. Nicht mehr
    ganz so jung und ungezwungen wie in Zeiten von Pareglish, spielen hier
    neben Häusler, Flückiger und Müller noch zahlreiche Vertreter durchaus auch
    unterschiedlicher Ansichten einer neu belebten Volksmusik mit. Markus
    Flückiger ist mittlerweile stark mit einem weiteren Sammelbecken verbunden,
    dem Überlandorchester des Gitarristen Max Lässer. Inhaltlich sehr offen,
    treibt man sich in Jazz, Country und Weltmusik herum, ohne das Terrain der
    Ländlermusik gänzlich zu verlassen. Überhaupt bewegte und bewegt sich in
    der neuen Volksmusik sehr viel an den stilistischen Rändern. Viele dieser
    musikalischen Freigeister hatten zuvor mit Volksmusik überhaupt keine
    Berührung gehabt. Man kam vom Jazz, von der Klassik oder vom Folk.

    Unter ihnen waren der Elektro-Maultrommel- Spieler Anton Bruhin, der
    Alphornspezialist Balthasar Streiff oder der Appenzeller Hackbrettspieler
    Töbi Tobler, der bereits 1983 gemeinsam mit dem Bassisten Ficht Tanner
    unter dem Namen Appenzeller Space Schöttl beim Zürcher Jazzfest
    aufgetreten war. War das nun noch Free Jazz oder doch eher Free Folk? Es
    fehlte an Begrifflichkeiten für diese neuen «animalischen Geräusche aus Feld
    und Stall». 1999 schliesslich beteiligte sich Töbi Tobler an dem seltsam

https://norient.com/stories/innovativeschweizervolksmusik                          Page 5 of 9
Innovation in der Schweizer Volksmusik
Innovation in der Schweizer Volksmusik | norient.com                     8 Nov 2021 18:17:30

    anmutenden Neuen Original Appenzeller Streichmusik Projekt . Mit dabei
    waren Persönlichkeiten wie Paul Giger, der Volksmusik-Deserteur Noldi Alder
    und Fabian Müller. Sie versetzten das tradierte Material mit grandiosen
    Ausflügen in archaisch reduzierte naturtonale Sphären. Dabei zeigten sie sehr
    viel Vertrauen gegenüber der im Alpenraum ohnehin einzigartigen
    Appenzeller Musik. Hier kam das gefundene oder erfundene urschweizerisch
    anmutende klangliche Potenzial voll zum Tragen. Als sei hinter der durch
    historische Verwerfungen mutierten Musik eine vergessene Tür aufgegangen.

    Natürlich und ungeschminkt
    Auffällig ist, dass sich trotz so erfolgreicher Experimentierfreude bis heute
    kein neuvolksmusikalischer Mainstream etabliert hat und auch keine
    Platzhirsche das Geschehen bestimmen oder medial dazu erkoren wurden.
    Unter den vielen, die sich hervorgetan haben, sind Hans Kennel, Albin Brun,
    Corin Curschellas, Florian Walser, Domenic Janett, Marc Unternährer oder der
    junge Marcel Oetiker zu erwähnen. Sie alle haben, oft aus völlig
    unterschiedlicher Herkunft und Motivation heraus, ganz eigene Zugänge zum
    gemeinsamen Thema gefunden.

    Deutlich wird diese Vielfalt beispielsweise beim alpin besonders aufgeladenen
    Jodeln. Zu Aushängeschildern eines neuen Umgangs mit dem tradierten
    Klangarsenal wurden erfolgreiche Musikerinnen und Musiker wie Nadja Räss,
    Christian Zehnder, Christine Lauterburg und Erika Stucky. Sie entwickelten
    ganz eigenständige gesangliche Konzepte, die alle ihren Nährboden in
    derselben Tradition haben. Und distanzieren sich explizit von den
    unumstösslichen Setzungen des Eidgenössischen Jodlerverbandes, der
    immer noch akribisch darüber wacht, wie hierzulande gejodelt werden muss.
    So würden vermutlich auch die ohne Trachten auftretenden Geschwister

https://norient.com/stories/innovativeschweizervolksmusik                           Page 6 of 9
Innovation in der Schweizer Volksmusik | norient.com                          8 Nov 2021 18:17:30

    Schönbächler aus Einsiedeln mit ihrem schlichten und zutiefst berührenden
    Gesang keinen einzigen offiziellen Wettbewerb überstehen. Und doch zeigen
    sie, dass das Jodeln, wenn es so natürlich und ungeschminkt geschieht, ganz
    tief aus dem Herzen der Schweiz zu kommen scheint und mühelos neue
    Publikumsschichten erreicht.

    Die Zentralpräsidentin des Eidgenössischen Jodlerverbandes hatte in einer
    Diskussionsrunde zu den kritischen Fragen zur Uniformität der verbandlich
    reglementierten Volksmusik der Schweiz kaum stichhaltige Argumente zu
    bieten. Und beim Eidgenössischen Volksmusikfest im September 2011 in
    Chur, bei dem fast 300 Gruppen in einem von einer Jury nach festgelegten
    Kriterien bewerteten Wettbewerb ihr Können vorführten, traten immerhin 14
    Musikgruppen im Programm «Volksmusik grenzenlos» auf: quasi ausser
    Konkurrenz. Sauber getrennt vom reglementierten Wertungsspiel wurde hier
    der anderen Volksmusik immerhin eine Existenz bescheinigt. Den Begriff
    «neue Volksmusik» zu verwenden, verbietet sich freilich noch. Denn das
    würde das in Jahrzehnten gepflegte Selbstverständnis der Veranstalter
    infrage stellen. So weit ist es noch nicht. Und doch, es hat sich erstaunlich viel
    bewegt beim Klang der Schweiz.

    Eine erweiterte Fassung dieses Textes wurde im ersten Norient Buch «Out of
    the Absurdity of Life» publiziert.

    → Shop

https://norient.com/stories/innovativeschweizervolksmusik                                Page 7 of 9
Innovation in der Schweizer Volksmusik | norient.com                                 8 Nov 2021 18:17:30

    Out of the Absurdity of Life
    €21.00
    Das erste Norient-Buch diskutiert Zeitfragen und Trends im globalisierten Musikschaffen
    zwischen Europa, Afrika, Lateinamerika, Asien und den USA.

    purchase

    → Published on December 23, 2011

    → Last updated on October 16, 2020

    Johannes Rühl ist Ethnologe und künstlerischer Leiter des biennalen Musikfestivals
    Alpentöne in Altdorf (Uri).

    → Topics

                 Experiment
                    Place
                  Tradition
                  All Topics

    → Specials
    Out of the Absurdity of Life Sonic Traces: From
    ,                            Switzerland

    → Snap

https://norient.com/stories/innovativeschweizervolksmusik                                     Page 8 of 9
Innovation in der Schweizer Volksmusik | norient.com        8 Nov 2021 18:17:31

https://norient.com/stories/innovativeschweizervolksmusik           Page 9 of 9
Sie können auch lesen