Familie im Wandel der Zeit - Frühe Hilfen
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Familie im Wandel der Zeit
Dr. Désirée Waterstradt
Pädagogische Hochschule Karlsruhe
Online-Fachveranstaltung Mi 22.9.2021
Mikrosystem Familie im Wandel der Zeit:
Warum es Frühe Hilfen gerade heute braucht
Nationales Zentrum Frühe Hilfen (Gesundheit Österreich GmbH)Agenda
• Historische Entwicklung westliche Familie
• Westliche Familie heute
• Aus dem Wandel für heute und morgen lernen
2Woher kommt das Wort Familie
und wie hieß es vorher?
Frühe Neuzeit Epochenschwelle Moderne Post
-moderne
?
3
Quellen: DWDSFamilie => Das Haus
in der europäischen Geschichte
Zentrale identitätsvermittelnde Institution
vormoderner agrarischer Gesellschaften (Europa)
1. Gebäude
2. Soziale Gruppe
3. Ordnungsmodell als Ideal
4. Höhere „heilige“ sinnstiftende Wir-Identität
Vor-/Früh-
geschichte
Antike
*dem
Mittelalter
okios
Neuzeit
domus / familia Moderne Post
-moderne
Haus
Bürgerl.
Familie
Kindzentr.
4
Quellen: Eibach, Schmidt-Voges 2015; Waterstradt 2019 FamilieFrühgeschichte
hier Bsp. frührömisch bis 9. Jh. v.Chr.
• *dem häusliche Kultgemeinschaft
• Zentralposition *dem-poti
• 2 Begriffe: atta, pater
• Mischsystem: Verwandtschaft bilinear
• Struktur
5
Quelle: Waterstradt 2019Griechische Antike
• oikos
− Im Zentrum: oikos-Kult = Hauskult
• Zugehörig
− hērōes
− Ehemann Eheideal: harmonisch-asymmetrische Partnerschaft
− Ehefrau Eherealität: hohes Maß an Fremdheit
− Kinder
− Sklaven
− Eigentum: Land, Vieh, Haus …
6
Quelle: Waterstradt 2019Römische Antike
Zwei Kollektivbegriffe
• domus (abstrakt-übergeordnet)
− Im Zentrum Ahnenkult:
Verehrung di parentes / di manes
• familia (personal)
− Komplexer Herrschaftsbegriff
− häufigste alltägliche Begriffsverwendung:
Sklavengesinde einer Hausgemeinschaft (famulus: Sklave, Diener)
− Zentralposition pater familias
− Zusätzliche Eheformen
− Lockerung Sphärentrennung Geschlechter
7
Quelle: Waterstradt 2019Mittelalter Haus
Entwicklungsprägende Faktoren
• Religion: Christentum (Westkirche)
− Familiale Beziehungsqualität als Vorbild (Kirche als Heilige Familie)
=> Entfamilialisierung des Sozialen
• Arbeitsorganisation: Grundherrschaft
− Ökonomisierung des Sozialen
=> Lockerung Abstammungsbeziehungen (Ausnahme: Adel)
Institution des Hauses
• Entstehung verschachteltes System über- und untergeordneter
HausWirtschaftsgemeinschaften
• Sklaven der Antike werden zu grundhörigen Unfreien
• Gesindephase im Leben
• Doppelspitze: Hausvater & Hausmutter als Genossen
=> Entstehung Begriffe für Eltern, später Elternschaft
− „al“ (idg.): nähren, wachsen machen, wachsen
− „alda“ (ger.): alt, erwachsen
− Erster deutscher Elternbegriff: eltiron (ahd. ab 765)
8
Quelle: Waterstradt 2019Frühe Neuzeit Haus
Erneuter Bedeutungsaufstieg Abstammungsbeziehungen
• Erneut religiös-kultische Aufladung
• Reformation
− Geistlich-religiöse Überhöhung des Hauses
• Gegenreformation
− Sakralisierende Überhöhung christliche Urfamilie als heiliges Ideal
− Grundlage neuzeitliche „Familienreligion“
• Aufstieg bürgerliche Schichten in ständischer Gesellschaft
9
Quelle: Waterstradt 2019Moderne, bürgerliche Familie
Trotz/wegen Aufklärung: Mythisierung & Überhöhung Familie
• Haus wird zur Familie
• Familie: Herzstück der bürgerlichen Kultur
• Harmonische Gegenwelt
zu Eigennutz & Konkurrenz in Politik & Wirtschaft
− Ideal & Leitbild, keine Realität!
• Bürgerliche Meisterdenker (er)finden „Geschichte“ ihres
Familienmodells: Großfamilie
− Ewig, heilig, unveränderlich
=> Veränderung = Sünde
10
Quelle: Waterstradt 2019Nationsbildung:
Nationales Interesse am Kind
• Nationsbildung als bürgerliches Projekt
− Gemeinschaft der Lebenden, der Toten und der noch Ungeborenen
• Staatsnation, Wirtschaftsnation, Kulturnation …
− Paternalismus: Vater Staat, Nationsfamilie mit Kindern der Nation
− pater familias („geistige Vater“, Experte/Expertin etc) weiß besser als
der Betroffene, was für jemanden gut ist
• Nationales Interesse am Kind
− „Entdeckung“ der Kindheit: Erziehung zum nationalen Habitus
− Wandel Bild vom Kind
▪ Sakralisierung „heiliges“ Erlöserkind, Macht der Unschuld
• Kindzentrierung
▪ Institutionalisierung & Professionalisierung:
Schule, Armee, Kindergarten, Jugendamt …
▪ Kindzentrierte Familie
Aber: Machttabu
11
Quelle: Waterstradt 2015, 2017, 2019Kindzentrierung:
Grundproblem & Folgen
• Kinder können sich nicht selbst organisieren & vertreten
− Interessenvertretung erforderlich:
Vermischung Interessen zwangsläufig
− Ringen um Autorität:
Balancen von Kindzentrierung & KindDEzentrierung
Wer legt Maßstäbe / Normen fest?
Wer beurteilt Umsetzung?
• Instrumentalisierung & Repaternalisierung
• Zuordnung Fürsorge rund ums Kind:
Aufrechterhaltung bürgerlich-polarisierte Geschlechtsrollen
• Aufschaukeln Konkurrenz rund ums Kind:
Konkurrenzmechanismus: „Kindchenmechanismus“
12
Quellen: Waterstradt 2015, 2017Intensivierung von
Mutterschaft & Vaterschaft
• Mutter als beste Betreuerin &
Intensives Bemuttern als zentrale
Identitätsdimension*
• Neuer, aktiver, engagierter Vater
Verschärfung Kindzentrierung durch
Konkurrenz ums Kind auf & zw. allen Ebenen
13
*Quellen: Hays 1996, Ennis 2014, Diabaté 2018, Stamm 2020Agenda
• Historische Entwicklung westliche Familie
• Westliche Familie heute
• Aus dem Wandel für heute und morgen lernen
14Meinungsklima heute
Familienleitbild
• Gute Kindheit
− glücklich, Rechte als Subjekt, kaum Pflichten, optimale Förderung, hohe
Erwartungen an Erziehung, Pädagogisierung & Psychologisierung
• Gute Mutter
− Unerfüllbarer Widerspruch
▪ Finanziell und persönlich unabhängig, erwerbstätig,
▪ zuständig für Nachmittagsbetreuung der Kinder, schulische Unterstützung,
Förderung, Alltag
• Guter Vater
− Erwartung: aktiver Erzieher, aber Rückzug auf Ernährerrolle ist ok und
überwiegt
• Verantwortete Elternschaft
− Voraussetzung: materielle Grundlagen, stabile Partnerschaft,
persönliche Reife, richtiger Weg zur Familiengründung,
richtiges Verhalten vs. Kind
• Familiengründung: Rushhour des Lebens
− gestiegene Anforderungen & Belastungsniveau, unsichere ökonomische
Situation => Stress, Druck, Hektik (betroffen v.a. Hochqualifizierte)
15
Quelle: Schneider 2014Lebenswelten sind vielfältig
Familie & Elternschaft auch
16
Quellen: Merkle, Wippermann 2008Lebenswelten
Eltern mit Kindern unter 18
Eltern
mit
Kindern
unter 18
17
Quellen: Merkle, Wippermann 2008Rollenbilder „guter Vater“
Familienvorstand
& überlegter
Weichensteller
Partizipierender Professioneller
Erzieher Teilzeit-Event-Papa
Feierabend-Papa Entdecker
fremder Welten
Geldverdiener Großer Bruder:
& Chef Spiel- & Spaßvater
18
Quellen: Merkle, Wippermann 2008Rollenbilder „gute Mutter“
Erziehungs-
managerin
Lebensphasen- Projekt-Profi
begleiterin Mama
Allzuständige
Begeisterte Mutter
Beschützerin & Förderin
entdeckt sich selbst
Große Schwester &
Versorgungs-Mutti „etwas andere“ Mutter
19
Quellen: Merkle, Wippermann (2008)Bedeutung des Kindes
Status, Nachfolger,
Stammhalter, hohe Teil des Erfolgsrezeptes,
Leistungserwartung
wenn alles andere stimmt
Eigenes Wesen,
Eltern als Begleiter
Zentrale Lebensaufgabe Freund, Beginn
der Frau, Investitionsgut neuer, bewusster
Lebensabschnitt
Statussymbol, Nachahmung
Mainstream, Sinnstiftung Zunächst Angriff auf eigene
Mutter, Einkommensquelle Identität, dann aber neues
& finanzielle Belastung Hobby & Selbstbestätigung
20
Quellen: Merkle, Wippermann 2008Migranten-Milieus
21
Quellen: Merkle, Wippermann 2008Migranten-Milieus
Herkunftsländer
Quellen: Merkle, Wippermann 2008Abgrenzungslinien
sozialhierarchisch
23
Quellen: Merkle, Wippermann 2008Eltern unter sozialem Druck
Probleme von Eltern Was Eltern brauchen
Meinungsklima
kinder-, eltern-, mütterunfreundliche Gesellschaft kinder-, eltern- mütterfreundliches Klima
Anerkennung & Wertschätzung
Spaltung von Eltern / Mütter Stabilisierung & Unterstützung statt weitere Spaltung
Geschlechtsstereotype
Vergeschlechtlichung durch Elternschaft
Norm der guten Mutter
Abbau sozialer Druck zu Vergeschlechtlichung von
Unbestimmtheit Vaterhabitus Elternschaft
Aberkennung Männlichkeit, Weiblichkeit /
Mütterlichkeit
Erwartungen und Rahmenbedingungen
Bildungsdruck Reform Bildungssystem
Verbesserung Betreuungssituation
Erziehungsdruck
Weniger Erwartungsdruck
Vereinbarkeitsdilemma, Zeitdruck Verbesserung Vereinbarkeit von Familie und Beruf
Finanzielle Wertschätzung von Elternschaft
Finanzieller Druck Anrechnung Elternschaft in Renten- &
Sozialversicherungssystem
Keine wirksame politische Lobby wirksame politische Lobby
Migrationshintergrund
Quellen: Merkle, sozialer Druck durch Stereotype 24
Wippermann 2008
s.o.
häufig geringes soziales KapitalNiemand arbeitet mehr als Eltern (bez./unbez.)
• asdf
Quellen: WSI Report 2017, Durchschnittlicher täglicher Zeitaufwand für bezahlte und unbezahlte Arbeit von Frauen und Männern in Deutschland 25
(2012/2013), in Stunden und MinutenUnbezahlte vs. unbezahlte Arbeit
& Geschlecht
Wertschätzung
Bezahlte Arbeit 4:09 h 6:05 h
Wertschätzung
Unbezahlte Arbeit 4:30 h 2:15 h
Motive für unbezahlte Arbeit:
• Moralische Verpflichtung
• Gemeinnutzen (Altruismus)
• Eigennutzen (Freude)
26
Quelle: OECD (2021) Bezahlte und unbezahlte Arbeit in Österreich nach GeschlechtMutterschaftsstrafe &
Vaterschaftsbonus?
Bruttostundenverdienste nach Geschlecht in 2010 in Euro in Deutschland
27
Quellen: Statistisches Bundesamt 2013Mutterschaftsstrafe &
Vaterschafts-/Kinderlosigkeitsbonus
Durchschnittliches Lebenserwerbseinkommen in Westdeutschland
Prozent im Vergleich zu Männern
120%
Väter
100%
kinderlose Männer
80%
kinderlose Frauen
60%
40%
Mütter
20%
1965 1970 1975 1980 1985
Geburtskohorten 28
Quelle: Barišić & Consiglio 2020Jugendliche:
Gutes Zeugnis für Eltern
• 92% haben ein positives Verhältnis zu Eltern
• Für 74% sind Eltern maßgebliche Erziehungsvorbilder
• Zufriedenheit schichtabhängig: je höher, desto besser
Quelle: Shell Jugendstudie 2019
29Agenda
• Historische Entwicklung westliche Familie
• Westliche Familie heute
• Aus dem Wandel für heute und morgen lernen
30Aus dem Wandel lernen:
Eigene Prägungen erkennen
• Alle Menschen sind Kinder von Müttern und Vätern – auch Fachkräfte
Unbewusste Bilder von Mutterschaft & Vaterschaft
▪ Sozialhistorische Entwicklung, Traditionen, Leitbilder, Meinungsklima
▪ Persönliche Erfahrungen
• Fachkräfte helfen beim Übergang zu Eltern in einer hochgradig
vielfältigen, sich rasch verändernden Welt
− Verständnisgrenzen: Eigene Prägung und Erfahrung aus Lebenswelt/Milieu,
Herkunftssprache, Kultur, Generation, Geschlechter etc.
− Fachkraft begegnet täglich Neuem
=> gefordert, sich jedes Mal neu darauf einzulassen
− Fach- & Alltagswissen zu Elternschaft ausbauen (siehe Anhang:
Literatur/Medientipps)
• Auch Fachkräfte sind Geschlechtswesen
Sie können nicht nicht geschlechtlich handeln
▪ Kritische Reflexion eigene Prägungen & eigenes Handeln durch Vergeschlechtlichung
• Geschlechterspaltung?
− Weiblichkeit / Mütterlichkeit
= Fürsorge, Empathie, Bindung, Nähe, Intimität
− Männlichkeit / Vaterschaft
= Autonomie, Selbstbehauptung, Aktivität, Selbstbezogenheit, Unabhängigkeit,
instrumentell, Depersonalisierung, Retter vor zu viel Abhängigkeit und Bindung
• Geschlechterblindheit oder –verschleierung? Bsp. „Eltern“
31Aus dem Wandel lernen:
Kritische Selbstreflexion
• Vorsicht: lange Paternalismus-Tradition
Fachkräfte sind keine Obereltern, müssen keine paternalistischen Autoritäten und Wissenshoheit
verkörpern.
Mütter & Väter sind in eigener Sache kompetent, mündig und müssen gehört werden. Eine Fachkraft
weiß nicht besser als die Mutter/ der Vater, was deren Bedürfnisse sind.
▪ Meinungsklima gegenüber Müttern & Vätern (Medien, Elternratgeber, Fachliteratur, Ausbildungsgänge)?
▪ Mütter-/Väterbild im eigenen Berufsfeld (Mutter als Hauptbezugsperson? Vater und Fachkräfte als Retter?)
• Eigene Bilder von Mutterschaft und Vaterschaft kritisch reflektieren
− Rollentausch: Die Mutter-*/Vaterposition in Ich-Form einnehmen und ihre Entwicklung, Zwänge,
Wünsche und Bedürfnisse mit Empathie, Zuneigung und Neugier beschreiben
(als innerer Dialog, Brief oder in einer Gruppe)
▪ eigene Mutter/Vater
▪ Mütter/Väter im privaten Umfeld
▪ Mütter/Väter im beruflichen Umfeld
• Innere Haltung gegenüber Müttern & Väter überprüfen
− Innere Haltung vs. Mütter & Väter in mir, in meiner Fachdisziplin / Institution?
− Wie gut nehme ich Mütter & Väter als Subjekte wahr – nicht nur als Rolleninhaber?
− Welche positiven Veränderungen haben Eltern bisher bei mir als Fachkraft und meiner Institution
bewirkt?
− Verstehe und wertschätze ich die Perspektive und Argumente von Eltern?
− Drücke ich die Wertschätzung durch anerkennende Worte und Gesten aus und kommt dies bei den
Eltern an?
32
*Quelle: Krüll (2007)Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
Anhang
• Transformationsprozess Sozial- / Verwandtschaftssysteme:
Europäischer Sonderweg – einige wichtige Kennzeichen von Antike bis
jetzt
• Familienmodelle
• Ebenen menschlicher Abhängigkeit
• Polarisierung „Geschlechtscharaktere“ in der bürgerlichen Gesellschaft
• Hinweise:
− Literaturtipps: Eltern als Verantwortungsträger in Familien.
Einstieg in die fachliche Sicht
− Medientipps: Eltern als Verantwortungsträger in Familien.
Einblicke in den Alltag
• QuellennachweiseTransformationsprozess
Sozial- / Verwandtschaftssysteme
Europäischer Sonderweg – einige wichtige Kennzeichen von Antike bis jetzt
• Mischsystem: Verwandtschaft bilinear
• Ökonomisierung: Von der Autarkie zur Profitabilität, Funktionsdifferenzierung,
Integration und Skalierung
• Grundherrschaft: große Schutz- und Leistungsverbände entstehen
=> konkurrenz- und leistungsbasierter männlicher Schutzherrschaft
• Hohe Fluktuation durch Gesindephase => Jugendphase / Individualisierung
• Konsensehe schützt Paar gegen Verwandte
=> gatten- bzw. elternzentriertes Familien- bzw. Verwandtschaftssystem
• ökonomischer Erfolgsfaktor: Ehe- und Arbeitspaar als Führungsspitze
• Geistliche Verwandtschaft - Entwertung leibliche Verwandtschaft durch
Abstammungsfeindlichkeit => Entfamiliarisierung des Sozialen
=> Lockerung Abstammungsbeziehungen
• Prinzip der Ablösung von den Eltern
• Neolokalität: Neugründung eigener Haushalt
• Flexibilität Sakralisierung im Transformationsprozess
• Wandel Geschlechterverhältnisse bis zum Ende der Geschlechtsvormundschaft
35
Quelle: Waterstradt 2019Familienmodelle
Kollektivistisch Individualistisch
agrarisch-bäuerlich Lebenswelt urbane technologische Zentren
gering Wohlstandsniveau hoch
Alle Familienmitglieder bilden
Produktionseinheit
Konstellation Generationen leben getrennt
gilt dem Kollektiv Loyalität gilt dem Individuum*
Grad an
hoch gering*
verwandtschaftlicher Bindung
als Individuum und frei von familiären
als Teil der Gruppe Entwicklung Persönlichkeit Bindungen*
Gehorsam,
Achtung vor Autoritäten
Werte Erziehungsstil Eigenständigkeit, Eigenverantwortung*
wirtschaftliche und Zukunftssicherung emotional,
der Eltern, Wert des Kindes wirtschaftliche und Zukunftssicherung
emotional der Wirtschaftsnation*
hohe Anzahl an Söhnen wichtig:
wenige Kinder in die viel investiert wird
materielle Unterstützung und Geschlechterverhältnisse - ohne Versorgungserwartung*
Alterversorgung
gering,
höher nach Geburt von Söhnen
Status Mädchen & Frauen vergleichsweise höher
patrilinear Familienorganisation bilineare Tendenzen
36
Quelle: in enger Anlehnung an Kağıtçıbaşı 2017 *geschlechtsabhängigEbenen
menschlicher Abhängigkeit
1. Umwelt
2. Menschheit
3. Gesellschaften
4. Organisationen,
Institutionen
5. weiteres Umfeld
6. Persönliches Umfeld
− Bekanntenkreis
− Arbeitsumfeld
− Nachbarschaft
− Erweiterte Familie
− Freundeskreis
− Kernfamilie
− Mütter, Väter
7. Individuen
8. Epigenetik
9. Genetik
37
*Quelle: Noelle-Neumann 1980Mann Frau
Bestimmung für Bestimmung für
Außen Innen
Weite Nähe
Öffentliches Leben Häusliches Leben
Aktivität Passivität
Energie, Kraft, Willenskraft Schwäche, Erhebung, Hingebung
Festigkeit Wankelmut
Tapferkeit, Kühnheit Bescheidenheit
Tun Sein
selbständig Abhängig
strebend, zielgerichtet, wirksam betriebsam, emsig Polarisierung
erwerbend bewahrend
gebend empfangend
„Geschlechtscharaktere“
Durchsetzungsvermögen Selbstverleugnung, Anpassung in der bürgerlichen
Gewalt Liebe, Güte Gesellschaft
Antagonismus Sympathie
Rationalität Emotionalität in deutschsprachigen Lexika
des 18. Jahrhunderts
Geist Gefühl, Gemüt
Vernunft Empfinden
Verstand Empfänglichkeit
Denken Rezeptivität
Wissen Religiosität
Abstrahieren, Urteilen Verstehen
Tugend Tugenden
Schamhaftigkeit, Keuschheit
Schicklichkeit
Liebenswürdigkeit
Würde
Taktgefühl
Verschönerungsgabe 38
Anmut, Schönheit Quelle: Hausen 1976Literaturtipps
Eltern als Verantwortungsträger in Familien
Einstieg in die fachliche Sicht
Das Kind steht seit langem im Zentrum vieler Wissenschaften, Berufe und Einrichtungen. Nach und
nach wächst auch das Wissen über Elternschaft und deren Überfrachtung durch Kindzentrierung
und Intensivierung.
• Kindzentrierung in Institutionen und Elternschaft. Wie kam‘s dazu, was sind zentrale Probleme?
− Désirée Waterstradt (2015): Prozess-Soziologie der Elternschaft. Nationsbildung, Figurationsideale und generative Machtarchitektur in Deutschland.
Münster.
− Interview online: „Eltern sind in eine dienende Rolle gerutscht“. Der Standard 7.12.2019.
https://www.derstandard.de/story/2000111946168/soziologin-eltern-sind-in-eine-dienende-rolle-gerutscht
• Wie geht es Eltern heute? Was brauchen sie? Wie unterscheidet sich Elternschaft in den
verschiedenen sozialen Lebenswelten?
− Tanja Merkle, Carsten Wippermann (2008): Eltern unter Druck. Selbstverständnisse, Befindlichkeiten und Bedürfnisse von Eltern in verschiedenen
Lebenswelten. Stuttgart 2008.
− Zusammenfassung online https://www.kas.de/de/einzeltitel/-/content/eltern-unter-druck1
• Gesellschaftliches Ideal der perfekten intensiven Mutterschaft und die Folgeprobleme für
Frauen, Männer, Kinder und Gesellschaft
− Margit Stamm (2020): Du musst nicht perfekt sein, Mama! Schluss mit dem Supermama-Mythos - wie wir uns von überhöhten Ansprüchen befreien.
München.
− Interviews online
▪ Kinder brauchen keine Supermütter
https://www.nzz.ch/meinung/wider-den-mama-mythos-kinder-brauchen-keine-supermuetter-ld.1559265
▪ Warum fühlen sich Väter oft nur als Babysitter
https://www.fritzundfraenzi.ch/gesellschaft/familienleben/margrit-stamm-viele-mutter-behandeln-den-vater-wie-einen-babysitter?page=all
• Leitbilder von Familie und Elternschaft heute ohne und mit Migrationshintergrund
− Christine Henry-Huthmacher (Hrsg.) (2014): Familienleitbilder in Deutschland. Ihre Wirkung auf Familiengründung und Familienentwicklung
https://www.bib.bund.de/Publikation/2014/Familienleitbilder-in-Deutschland-Ihre-Wirkung-auf-Familiengruendung-und-Familienentwicklung.html?nn=9859530
− Diabaté, Sabine; Beringer, Samira; Garcia Ritz, Yannik (2016): Ähnlicher als man denkt?! Ein Vergleich der Familienleitbilder von Personen mit
türkischem und ohne Migrationshintergrund in Deutschland https://www.bib.bund.de/Publikation/2016/Aehnlicher-als-man-denkt.html?nn=9859530
39Medientipps
Eltern als Verantwortungsträger in Familien
Einblicke in den Alltag
Die Überfrachtung moderner Elternschaft durch Kindzentrierung und Intensivierung
ist ein gesellschaftliches Tabu, doch es gibt auch Medien, die sie offengelegen.
Bücher
• Elif Shafak (2010): Als Mutter bin ich nicht genug. Mama Milchreis, Frau von Derwisch, Miss Intellektuell und die anderen Frauen
in mir. Köln. Buchbesprechung https://de.qantara.de/inhalt/elif-shafak-als-mutter-bin-ich-nicht-genug-zwischen-tinte-muttermilch-und-
fingerfrauen
• Brost, Marc; Wefing, Heinrich (2015): Geht alles gar nicht. Warum wir Kinder, Liebe und Karriere nicht vereinbaren können.
Reinbek. Buchbesprechung https://www.sueddeutsche.de/leben/debatte-erschoepfung-1.2443153
• Barbara Streidl (2012): Kann ich gleich zurückrufen? Der alltägliche Wahnsinn einer berufstätigen Mutter. München.
Buchbesprechung https://vereinbarkeitsblog.de/barbara-streidl/
• Jochen König (2013): Fritzi und ich. Von der Angst eines Vaters, keine gute Mutter zu sein. Freiburg i.B. Buchbesprechung
https://wasliestdu.de/rezension/rezension-zu-fritzi-und-ich-von-jochen-koenig
• Lisa Cossham (2017): Plötzlich Rabenmutter? Wie ich meine Familie verließ und mich fragte, ob ich das darf. München. Bericht
zum Buch https://www.welt.de/vermischtes/article161887671/Wenn-eine-Mutter-die-Familie-verlaesst.html
• Christine Finke (2016): Allein, alleiner, alleinerziehend. Wie die Gesellschaft uns verrät und unsere Kinder im Stich lässt. Köln.
Buchbesprechung https://www.deutschlandfunkkultur.de/christine-finke-allein-alleiner-alleinerziehend.1270.de.html?dram:article_id=359972
Podcast
• Eltern ohne Filter, Bayern 2: Mütter und Väter erzählen ungefiltert von ihrem Leben als Eltern. Vom irrsinnigen Glück. Vom ganz
normalen Wahnsinn. Und von ihren dunklen Momenten. https://www.br.de/mediathek/podcast/eltern-ohne-filter/alle-staffeln/821
Filme / Dokus
• Robert Thalheim (2013): Eltern. Trailer https://www.youtube.com/watch?v=vW9MhalIcOc
• Ralph Bücheler, Jörg Adolph (2018): Elternschule. Trailer https://www.youtube.com/watch?v=pr3bdVQ8kvk
• ZDF 37 Grad (2018): Erst die Kinder, dann ich. Alleinerziehende am Limit. Mediathek https://www.zdf.de/dokumentation/37-
grad/37-erst-die-kinder-dann-ich-100.html
40Quellennachweise
• Barišić, Manuela ; Consiglio, Valentina Sara (2020): Frauen auf dem deutschen • Noelle-Neumann, Elisabeth (1980): Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung, unsere
Arbeitsmarkt. Was es kostet, Mutter zu sein. Bertelsmann. https://www.bertelsmann- soziale Haut. München.
stiftung.de/fileadmin/files/user_upload/200616_Kurzexpertise_MotherhoodLifetimeP
enaltyFINAL.pdf • OECD (2021): Time spent in paid and unpaid work
https://stats.oecd.org/index.aspx?queryid=54757
• Diabaté, Sabine; Beringer, Samira (2018): Simply the Best!? – Kulturelle Einflussfaktoren
zum „intensive mothering“ bei Müttern von Kleinkindern in Deutschland. In: JFamRes • Schneider, Norbert F.; Diabaté, Sabine; Lück, Detlev (2014): Familienleitbilder
30 (3), S. 293–315. in Deutschland. Ihre Wirkung auf Familiengründung und Familienentwicklung.
Hg. v. Christine Henry-Huthmacher. Konrad-Adenauer-Stiftung. Online
• Drerup, Johannes (2020): Paternalismus. In: Gabriele Weiß und Jörg Zirfas (Hg.):
verfügbar unter https://www.kas.de/de/einzeltitel/-
Handbuch Bildungs- und Erziehungsphilosophie. Wiesbaden, S. 245–256.
/content/familienleitbilder-in-deutschland
• DWDS-Wortverlaufskurve für „Familie“, erstellt durch das Digitale Wörterbuch der
deutschen • Shell Jugendstudie 2019 https://www.shell.de/ueber-uns/shell-
Sprache,https://www.dwds.de/r/plot/?view=1&corpus=dta%2Bdwds&norm=date%2Bc jugendstudie/_jcr_content/par/toptasks.stream/1570708341213/4a002dff58a7a9540c
lass&smooth=spline&genres=0&grand=1&slice=10&prune=0&window=3&wbase=0&lo b9e83ee0a37a0ed8a0fd55/shell-youth-study-summary-2019-de.pdf
gavg=0&logscale=0&xrange=1600%3A1999&q1=Familie
• Stamm, Margrit (2020): Du musst nicht perfekt sein, Mama! Schluss mit dem
• Eibach, Joachim; Schmidt-Voges, Inken (Hg.) (2015): Das Haus in der Geschichte Supermama-Mythos - wie wir uns von überhöhten Ansprüchen befreien. München:
Europas. Ein Handbuch. Berlin. Piper.
• Ennis, Linda Rose (Hg.) (2014): Intensive mothering. The cultural contradictions of • Statistisches Bundesamt (2013): Frauenverdienste – Männerverdienste: Wie groß ist
modern motherhood. Toronto. der Abstand wirklich?
• Entleitner-Phleps, Christine (2017): Zusammenzug und familiales Zusammenleben von • WSI Report Nr. 35, April 2017: Wer leistet unbezahlte Arbeit? Hans-Böckler-Stiftung.
Stieffamilien. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden. https://www.boeckler.de/pdf/p_wsi_report_35_2017.pdf
• Hausen, Karin (1976): Die Polarisierung der "Geschlechtscharaktere". Eine Spiegelung • Waterstradt, Désirée (2015): Prozess-Soziologie der Elternschaft. Nationsbildung,
der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben, in: Werner Conze (Hg.), Figurationsideale und generative Machtarchitektur in Deutschland. Münster.
Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit Europas. Neue Forschungen, Stuttgart, S.
363–393. • Waterstradt, Désirée (2017): Von der Elternzentrierung zur Kindzentrierung. In: Stefanie
Ernst und Hermann Korte (Hg.): Gesellschaftsprozesse und individuelle Praxis.
• Hays, Sharon (1996): The cultural contradictions of motherhood. London. Wiesbaden, S. 127–142.
• Kâğıtçıbaşı, Çiğdem (2017): Family, self, and human development across cultures. • Waterstradt, Désirée (2019): Westliche (Unternehmens-)Familienmodelle im
Theory and application. New York, NY. historischen Wandel: Eine prozess-soziologische Skizze. In: Heiko Kleve; Tobias Köllner
(Hg.): Soziologie der Unternehmerfamilie. Wiesbaden, S. 51–98.
• Krüll, Marianne (2007): Die Mutter in mir. Wie Töchter sich mit ihrer Mutter versöhnen.
Stuttgart.
• Merkle, Tanja; Wippermann, Carsten (2008): Eltern unter Druck. Selbstverständnisse,
Befindlichkeiten und Bedürfnisse von Eltern in verschiedenen Lebenswelten. Hg. v.
Christine Henry-Huthmacher und Michael Borchard. Berlin.
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