Hilfen für Wohnungslose - ein MUSS - diakonie-frankfurt-offenbach.de

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Hilfen für Wohnungslose – ein MUSS
Liebe Leserinnen und liebe Leser,
die prekäre Situation obdachloser und woh-     schon seit mehreren Jahren in Frankfurt ohne     bittet das Diakonische Werk für Frankfurt
nungsloser Menschen spitzt sich weiter zu.     Wohnung. Tom und seine Freundin schlafen         und Offenbach auch in diesem Jahr um
Dies verdeutlichen auch die oben abgedruck-    auf der Straße, Eleana und ihr Partner sind in   finanzielle Unterstützung.
ten Zahlen, die ausschnittsweise Hilfeleis-    einer zugigen undichten Gartenhütte unter-
tungen des Diakonischen Werkes für Frank-      gekommen. Sie haben uns ihre Geschichte          Ihre Spende trägt dazu bei, die Lebenssitua-
furt und Offenbach zeigen. Den Wunsch nach     erzählt und erlaubten uns, sie zu fotografie-    tion von Menschen ohne Wohnung zu ver-
einem Leben mit einem Job und einer Woh-       ren. In den Einrichtungen der Wohnungs-          bessern. Niemand soll ohne Aussicht auf ein
nung geben dennoch viele, die auf der Straße   losenhilfe des Diakonischen Werkes für           besseres Leben auf der Straße bleiben müs-
leben, nicht auf.                              Frankfurt und Offenbach erfahren sie Hilfe       sen. Es gibt zahlreiche Hilfen: Straßensozial-
                                               und Unterstützung.                               arbeit, um die Menschen zu erreichen, die ih-
So wie Eleana und Tom, die dringend ein fes-                                                    re Platten nicht mehr verlassen. Sie erhalten
tes Dach über dem Kopf brauchen und sich       Rund 300 Männer und Frauen sind in Frank-        heiße Getränke, Isomatten und Schlafsäcke
eine sichere Bleibe wünschen. Beide leben      furt ohne Obdach, die Dunkelziffer ist hoch.     gegen die Kälte. In unseren Einrichtungen
                                               In Unterkünften der Stadt Frankfurt leben        gibt es Duschen und frische Kleidung, Essen
                                               rund 7300 Menschen, unter ihnen circa 4000       und Computer. Beratung bei Anträgen auf Ar-
                                               Geflüchtete. In Offenbach kamen circa 500        beitslosengeld, Wiederaufnahme in die Kran-      Spenden Sie für
                                               Menschen ohne Wohnung in verschiedenen           kenversicherung und Entschuldung sowie           Menschen in Not
                                               kommunalen Unterkünften unter.                   die Hoffnung auf eine eigene Wohnung auf         Herzlichen Dank!
                                                                                                dem hart umkämpften Wohnungsmarkt er-
                                               Nun beginnt der zweite Winter mit Corona. In     öffnen Schritt für Schritt neue Lebensper-       Empfänger:
                                               den Tagestreffs des Diakonischen Werkes für      spektiven.                                       Diakonisches Werk
                                               Frankfurt und Offenbach finden Frauen und                                                         für Frankfurt und Offenbach
                                               Männer Schutz vor Regen und Kälte. Viele,        Egal wie groß die Not und wie schwierig die
                                               die regelmäßig in den Tagestreff des WESER5      Lebenssituation ist – wir geben niemanden        Evangelische Bank eG
                                               Diakoniezentrums im Frankfurter Bahnhofs-        auf.                                             IBAN: DE 11 52060410 0104 0002 00
                                               viertel, in den 17 Ost-Tagestreff für Frauen                                                      BIC: GENODEF1EK1
                                               und in die Teestube in Offenbach kommen,         Helfen Sie obdachlosen und wohnungslosen         Verwendungszweck:
                                               sind inzwischen geimpft. Mit Impfaktionen        Menschen mit Ihrer Spende.                       Obdachlosenhilfe 22
                                               direkt in den Tagestreffs und vielen persönli-
                                               chen Gesprächen gelang es, sie zu überzeu-       Herzlichen Dank.                                 Online-Spenden sind möglich unter
                                               gen. Aber Fieber messen, Maske tragen, Ab-                                                        www.diakonie-frankfurt-offenbach.de
                                               stand halten, regelmäßig Lüften und Plätze
                                               reduzieren gilt immer noch.                      Ihr                                              Das Diakonische Werk für Frankfurt
                                                                                                Dr. Michael Frase                                und Offenbach ist mit dem PCI DSS Gü-
                                               Für die Arbeit mit Menschen, die auf der Stra-   Leiter des Diakonischen Werkes                   tesiegel zertifiziert
Diakonie-Leiter Dr. Michael Frase              ße oder in schwierigen Lebenslagen leben,        für Frankfurt und Offenbach
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II   WOHNUNGSLOSENHILFE – DIAKONISCHES WERK FÜR FRANKFURT UND OFFENBACH                                                                                                         NR. 46 / 14. NOVEMBER 2021

Eleana lebt seit zwei Jahren in einer Gartenhütte in Frankfurt.

Der Tag beginnt um 3.30 Uhr
Eleana wohnt mit ihrem Freund seit zwei Jahren in einer Gartenhütte in Frankfurt
Ihr wirklicher Name ist schöner, als man ihn          Mit einer Taschenlampe leuchtet sie das auf-        an schlechten nimmt sie fünf Euro ein. Gegen       sie ist fest entschlossen, ihren Plan umzuset-
erfinden könnte. Ihr Lachen haut einen um.            geweichte Holz an und den Vorrat an Gasfla-         13 Uhr kommt sie zurück, kocht, trifft Freun-      zen. Aber jetzt kommt der Winter und die
Eleana mit der grauen Wollmütze auf dem               schen.                                              de, ruht sich aus. Sonntags schläft sie länger,    feuchte zugige Gartenhütte ist für die ge-
Kopf läuft schnell, spricht schnell, lacht ger-                                                           „Sonntag ist Ruhetag“.                             sundheitlich stark angeschlagene Frau keine
ne, zieht an ihrer Zigarette. Seit zwei Jahren        Den versprochenen Job                                                                                  geeignete Bleibe mehr. Für die kalte Jahres-
wohnt sie mit ihrem Freund in einem Garten
                                                      gab es gar nicht                                    Hilfe im WESER5                                    zeit suchen Eleana und ihr Freund einen
irgendwo in Frankfurt.                                                                                                                                       Platz zum Schlafen in einem richtigen Haus,
                                                      In Rumänien arbeitete die lebhafte Frau
                                                                                                          Diakoniezentrum                                    dann hätte sie auch eine Meldeadresse, was
Eine schwere Eisenkette verschließt das               zwölf Jahre lang bei einem Sicherheitsdienst.       Zwei Mal in der Woche geht Eleana auf ihrer        den Kontakt zum Konsulat erleichtern würde.
Gartentor, der Walnussbaum hat schon im               Sozialhelfer Qutaiba Al Jendi ist mitgekom-         Runde ins Bahnhofsviertel, zum WESER5
September keine Nüsse mehr, Eleana wun-               men, um zu übersetzen. Seit Jahren berät er         Diakoniezentrum. „Im Tagestreff habe ich           Eine Abschlagszahlung
dert sich, wer sie wohl geerntet hat. Von ei-         Eleana im WESER5 Diakoniezentrum. Er                immer die Hilfe gekriegt, die ich brauche,“
ner Tanne fallen Zapfen auf die Planen, die           sieht sich staunend um, wie und wo Eleana           sagt sie und lacht tief. Dort duscht sie, be-
                                                                                                                                                             für die Gartenhütte
ihr Zuhause vor Regen und Kälte schützen              wohnt hat er vorher nicht gewusst. In Rumä-         wahrt Sachen sicher in einem Schließfach           Eleana zeigt stolz die große Porzellanvase mit
sollen.                                               nien jobbte Eleana in Restaurants, „aber            auf, isst zu Mittag, zieht frische Kleidung aus    Goldrand, die gleich vor dem Eingang zu ih-
   In der Holzkonstruktion über dem Bett              dann hat Mama das Haus verkauft“, erzählt           der Kleiderkammer an, holt ihre Post, geht in      rer Hütte im Gras steht, im Sommer wie im
brüten Spatzen, sie sind laut und das Holz ist        sie und hustet, „ich hatte keinen Platz mehr,       die Sozialberatung. Ist das Leben hier wirk-       Winter. Viele wollten sie gerne haben, aber
feucht. „Wenn es draußen regnet, regnet es            um zu leben.“ Al Jendi, der selbst 13 Jahre in      lich besser als in Rumänien? „Ja, hier kann        Eleana gibt sie nicht her. Sie stand schon da,
hier drinnen auch“, sagt Elena. Abends stapelt        Rumänien lebte, sagt, das Leben sei dort im         ich überleben mit dem Geld, was ich verdie-        als sie und ihr Freund einzogen. Das Garten-
sie Fahrräder vor den Eingang, damit keiner           Vergleich zu den Verdienstmöglichkeiten             ne, auch ohne Wohnung. In Rumänien kann            grundstück hatten sie von anderen Rumänen
reinkommt. Drinnen brennt auch tagsüber               teuer. Eleana folgte einem Tipp von Lands-          man nicht überleben ohne Wohnung.“ Eleana          gegen eine Abschlagszahlung erhalten. Die
eine rote und eine weiße Kerze, ein bisschen          leuten und ging zum Arbeiten nach England,          spricht viel mit den Händen, plötzlich geht        Besitzerin sei schon seit Jahren nicht mehr
Licht im Halbdunkel. Ein zweiflammiger                allerdings war, als sie dort ankam, von einem       sie ein bisschen in die Knie, um ihren Worten      gekommen, erfuhr Eleana, aber sie sorgt sich,
Gaskocher neben der Matratze sorgt für et-            Job keine Rede mehr, und so ging sie 2015           noch mehr Nachdruck zu verleihen und rich-         dass das Grundstück verkauft werden könnte,
was Wärme, aber im Winter wird es auch                nach Deutschland: „Es war eine Möglichkeit          tet sich dann voll auf: „Mein großer Wunsch        denn dann müsste sie wegziehen.
nach mehreren Stunden maximal 16 Grad in              zu leben.“                                          ist es, nach Rumänien zu reisen, dort alle Pa-
der halboffenen Hütte aus Brettern und Pla-                                                               piere in Ordnung zu bringen, und dann in           Die Wertsachen
nen. Auf einem Schemel weicht gerade ein              Kaffee kochen und                                   Frankfurt einen Job zu finden und eine Woh-
                                                                                                                                                             im Schlaf umklammern
glänzender Topf mit Spülwasser ein.                                                                       nung, in der ich dann jeden Tag duschen
                                                      pünktlich losgehen                                  kann, duschen, duschen, duschen.“                  Die ersten drei Jahre in Frankfurt hatten
Wasser holen                                          Morgens um 3.30 Uhr klingelt der Wecker.                                                               Eleana und ihr Freund unter einer Brücke am
auf dem Friedhof                                      Eleana steht auf, wäscht sich, kocht Kaffee,        Neue Papiere                                       Mainufer geschlafen. Eleana erzählt, dass sie
                                                      verschließt pünktlich um 4.45 Uhr das Gar-                                                             selbst im verschlossenen Schlafsack ihre
Wasser holt die 46-Jährige mit einem Hand-            tentor mit der Eisenkette und geht los. Die
                                                                                                          kosten Zeit und Geld                               Wertsachen fest umklammert hielt: „Es ist ge-
wagen. Er ist angekettet, denn er sichert die         graue Mütze schützend über den Ohren, den           Ihr Personalausweis ist abgelaufen, neue Pa-       fährlich auf der Straße“. Einmal als sie auf-
Versorgung aus dem Brunnen am Friedhof.               Einkaufstrolley neben sich herziehend –             piere zu beschaffen kostet Zeit und Geld. Da       wachte, stand ein Mann neben ihr und starrte
20 Liter reichen für drei Tage. Im Winter,            „mein Mercedes“, sagt sie und lacht. Angst          ist ein Dokument vom rumänischen Konsulat          sie böse an. Da ist der Garten schon besser,
wenn die Friedhöfe das Wasser abdrehen,               hat sie keine, je früher sie dran ist, desto mehr   in Bonn nötig, um überhaupt nach Rumänien          wo im April der Flieder blüht und die Tulpen,
kauft sie Flaschen, 1,40 Euro für fünf Liter.         Chancen gibt es, Pfand zu finden. Wenn der          einreisen zu können. „In Rumänien dauert es        „im Frühling ist es ein gutes Gefühl“, sagt
Zehn Euro kostet es, die Gasflasche aufzufül-         Trolley ganz voll mit Flaschen und Dosen ist,       dann eine Woche, sie braucht für die Zeit ein      Eleana. Aber jetzt, wenn der Regen und die
len, im Winter muss das alle drei Tage sein.          kann sie sechs bis sieben Euro Pfand ein-           Hotel, muss zudem die Reise bezahlen, das          Kälte kommen, muss sie ausziehen: „Ich
Eleana öffnet einen Holzschrank. Drin liegt           lösen. An guten Tagen findet sie auf ihren lan-     ist ganz schwierig“, sagt Sozialhelfer Al Jendi.   wünsche mir ein Zimmer zum Abschließen
etwas Brot, Frischkäse, Zwiebeln, Kartoffeln.         gen Wegen durch die Stadt für 15 Euro Pfand,        Eleana gibt trotz der Hindernisse nicht auf,       mit Wänden aus Stein.“
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NR. 46 / 14. NOVEMBER 2021            WOHNUNGSLOSENHILFE – DIAKONISCHES WERK FÜR FRANKFURT UND OFFENBACH                                                                                              III

Tom lebt mit seiner Freundin in Frankfurt auf der Straße. Eine Unterkunft für die Nacht wäre gut.

Hauptsache ein Dach über dem Kopf
Tom lebt mit seiner Freundin seit drei Jahren in Frankfurt auf der Straße
Wer genau hinhört, erkennt ihn noch ein              des Flughafengebäudes „mussten wir mal            sammeln viele, und wenn es kühler wird, ha-        den öfter wach, weil es regnet oder sonst was
bisschen, den leicht bayrischen Sing-Sang.           wieder raus und unterm Sternenhimmel              ben die Leute auch weniger Durst“.                 ist, manchmal sind wir jede Stunde wach und
Dabei ist Tom schon länger weg aus seiner            schlafen.“                                            Im Laufe seiner Zeit auf den Straßen           morgens dann wie gerädert.“
Heimatstadt Dachau. Der gelernte Maschi-                                                               Frankfurts ist Tom härter geworden. „Früher            Wenn es Winter wird, möchte Tom gerne
nenbaumechaniker lebte schon in vielen               Manche laden uns                                  hab‘ ich nur Dosen und Pfandflaschen ge-           für sich und seine Freundin ein Zimmer: „Ein
Städten, vor drei Jahren kam er nach Frank-                                                            nommen, die irgendwo rumstanden, ich               Bett, ein Schrank, ein Tisch, wir haben keine
furt, lernte in der Bahnhofsmission seine
                                                     zum Essen ein                                     schämte mich, im Müll nach was zu gucken,          hohen Ansprüche, Hauptsache ein Dach
Freundin kennen und blieb.                           Zum Übernachten haben Tom und seine               heute mach ich das.“ Und auch Leute zu fra-        über dem Kopf, wo wir abends hinkönnen
                                                     Freundin ein paar Stammplätze. „Eigentlich        gen, wenn er dringend ein paar Euro braucht,       und die Tür zumachen.“ Die Stadt Frankfurt
Seit drei Jahren lebt das Paar in Frankfurt auf      habe ich keine Sorge vor Überfällen“, sagt        fiel Tom früher schwer. „Schnorren“ nennt er       könnte doch leerstehende Häuser ein biss-
der Straße. „Die vorletzte Nacht war echt            Tom, „nur einmal am Main war ne stressige         das und schnorren mag er nicht. Aber auch          chen aufpäppeln und 100 Plätze für Men-
blöd, es hat geregnet, die Schlafsäcke und die       Situation.“ Nachts bindet das Paar alle seine     das hat er sich angeeignet: „Am Flughafen          schen auf der Straße schaffen, „das wär‘ doch
Matte waren nass. Heute Nacht war es tro-            Sachen zusammen, legt sie hinter sich an die      habe ich jeden gefragt, das mache ich auch         mal was.“
cken, Gott sei Dank.“ Tom legt seine Bröt-           Wand, „da müsste schon einer über uns drü-        nicht gerne, aber das muss man machen, es
chentüte vor sich hin, nimmt den schweren            bersteigen, und wenn sich jemand an den Sa-       ist notwendig, um zu überleben.“                   Auch arbeiten
Rucksack mit all seinen Sachen von den               chen zu schaffen macht, wachen wir auf.“
Schultern. Die Wertvollsten trägt er in einer        Zwar kommen schon mal „komische Per-              Als ob man                                         wäre nicht schlecht
kleinen Umhängetasche, seinen Impfpass               sonen“ vorbei, sagt Tom, „aber manchmal                                                              Tom hat nach seiner Ausbildung zum Ma-
zum Beispiel. Tom zeigt die beiden Einkleber         fragen Leute auch ‚wie geht’s, wollt ihr eine
                                                                                                       gar nicht da wäre                                  schinenbaumechaniker ein bisschen gear-
seiner Corona-Impfung: „Schon am 22. Juni            rauchen, hier habt ihr Zigaretten, behaltet die   Tom und seine Freundin kommen regel-               beitet, „dann ging es halt so los“, sagt er. Alko-
wurde ich geimpft“, sagt er stolz.                   Schachtel‘ oder sie fragen, ob wir Hunger ha-     mäßig in die Bahnhofsmission, gelegentlich         hol trinkt er selten, „mein Vater war Alkoholi-
                                                     ben.“ Tom kann einige Szenen erzählen von         auch ins WESER5 Diakoniezentrum: „Mich             ker, und meine Mama sagte, es sei besser zu
Mal wieder unterm                                    Passanten, die das Paar zum Essen in ein          kennen hier wirklich viele“, erzählt Tom.          kiffen, mit zwölf habe ich angefangen.“ Schon
                                                     Schnellrestaurant einluden, und er erinnert       Manchmal hat er Glück, „einmal habe ich ge-        mit 20 Jahren lebte Tom kurze Zeit auf der
Sternenhimmel schlafen                               sich auch ganz genau an die Frau, die ihnen       schnorrt und auf Anhieb 50 Euro bekommen,          Straße, dann hatte er sich wieder gefangen,
Die erste Zeit der Corona-Pandemie ver-              beim Chinesen zwei Nudelboxen kaufte, „da         da habe ich dann gleich Feierabend ge-             war acht Jahre mit einer Frau zusammen,
brachte er mit seiner Freundin am Frankfurter        waren wir echt hungrig und hatten schon           macht.“ Aber es gibt auch Leute, „die frage ich    dann kam die Trennung.
Flughafen. Da ist es warm und trocken, es            nach Essen gesucht.“                              nach einer kleinen Spende, die sehen einen            „Ich hab schon viel gesehen“, sagt Tom. In
gibt rund um die Uhr kostenlose Toiletten                                                              dann gar nicht und tun so, als ob man gar          Berlin und Hamburg, Bremen, Fulda, Mün-
und Waschräume und WLAN. „Wir waren da               Schnorren                                         nicht da wäre.“                                    chen, Karlsruhe und Wiesbaden hat er gelebt.
elf Monate, in der ersten Zeit war es wie aus-                                                                                                            Mal mit Wohnung, mal bei der Heilsarmee,
gestorben, wir schliefen direkt neben der Po-
                                                     ist nicht schön                                   Ein Bett, ein Schrank, ein Tisch                   mal auf der Straße. 39 Jahre ist er jetzt alt.
lizei, da hatten wir keinen Stress.“ Das Paar        Tom und seine Freundin leben vom Fla-                                                                „Auch Arbeiten wäre nicht schlecht“, sagt
ging auch ins Büro der Aufsuchenden Sozial-          schensammeln. Vor Corona kamen da                 So was ärgert ihn: „Das ist keine feine Art, die   Tom, „aber dafür muss man richtig schlafen,
arbeit der Diakonie im Terminal 1. „Sie gaben        manchmal in ein paar Stunden Pfandfla-            können doch zumindest ‚Nein‘ sagen, das hat        auf der Straße zu übernachten ist da nix.“
uns einen Gutschein für ein Mittagessen im           schen im Wert von 30 Euro zusammen, im            doch auch was mit Anstand und Höflichkeit          Wenn man arbeitet, sagt Tom, „hat man über
WESER5 Diakoniezentrum, sie waren sehr               Moment ist das schwieriger, „gerade in der        zu tun und mit Respekt.“ Nachts schlafen Tom       den Tag was zu tun und am Ende des Monats
nett.“ Nach fast einem Jahr unter dem Dach           Gegend um den Frankfurter Hauptbahnhof            und seine Freundin selten durch. „Wir wer-         würde man sehen, was man gemacht hat“.
Hilfen für Wohnungslose - ein MUSS - diakonie-frankfurt-offenbach.de
IV    WOHNUNGSLOSENHILFE – DIAKONISCHES WERK FÜR FRANKFURT UND OFFENBACH                                                                                                    NR. 46 / 14. NOVEMBER 2021

„Je länger jemand auf der Straße lebt, desto
schwieriger ist der Weg in ein anderes Leben“
Diakonie-Expertin Karin Kühn über wohnungslose EU-Bürger:innen und Deutsche auf der Straße
Frau Kühn, wie ist die rechtliche Situation von     Küchenhilfe angestellt zu werden?
EU-Bürger:innen, die in Deutschland Fuß fas-
sen wollen, aber auf der Straße landen?             KÜHN: EU-Bürger:innen ohne angemeldeten
                                                    Wohnsitz haben keinen Anspruch auf einen
KARIN KÜHN: Grundsätzlich gilt der freie Zu-        Sprachkurs, aber im Tagestreff des WESER5
gang zum deutschen Arbeitsmarkt aufgrund            Diakoniezentrums bietet ein Ehrenamtlicher
der Freizügigkeitsregelungen innerhalb der          einen Deutschkurs an. Allerdings sind nur
EU. Auf der Straße lebt nur ein sehr kleiner Teil   wenige dazu zu motivieren, daran teilzuneh-
der EU-Bürger:innen, denen es aus unter-            men. Klar ist: Menschen aus Südosteuropa,
schiedlichen Gründen kaum gelingt, hier er-         die hier vom Flaschensammeln und Betteln
werbstätig zu sein. Manche kommen in unsere         leben und trotzdem bleiben, haben in ihren
Einrichtungen, wo wir ihnen Hilfe anbieten.         Herkunftsländern noch schlechtere Lebens-
                                                    bedingungen.
Unter welchen Voraussetzungen erhalten EU-
Bürger:innen denn überhaupt Unterstützung?          Eng verzahnt mit dem WESER5 Diakoniezen-
                                                    trum arbeitet die Mehrsprachige Beratung für
KÜHN: Nur wer hier einer regulären Arbeit           EU-Bürger:innen MIA. Was tut MIA?
nachgeht, erwirbt auch Anspruch auf Ar-
beitslosengeld II und im Falle von Woh-             KÜHN: Das multinationale Team unterstützt
nungslosigkeit Anspruch auf eine Unterkunft.        die Aufsuchende Straßensozialarbeit des          Karin Kühn leitet beim Diakonischen Werk die Wohnungslosenhilfe in Frankfurt und Offenbach.
Das heißt, jemand, der keine Arbeitsstelle          WESER5 Diakoniezentrums und eine Bulga-
findet, erhält auch keine Sozialleistungen.         risch sprechende Mitarbeiterin von MIA           Auch Menschen, die hier geboren sind,              Grundsätzlich gilt: Je länger jemand auf der
                                                    übersetzt regelmäßig im Tagestreff bei           deutsch sprechen und einen Beruf erlernt ha-       Straße lebt, desto schwieriger wird der Weg
Was sind denn die Haupthindernisse, hier-           Sprachproblemen. MIA ist vor allem für be-       ben, leben in Frankfurt auf der Straße. Wie        in ein anderes Leben. Die Aufsuchende So-
zulande einen Job zu bekommen?                      dürftige und in prekären Wohnverhältnissen       werden sie unterstützt?                            zialarbeit baut Kontakte zu denjenigen auf,
                                                    lebende EU-Bürger:innen tätig. Wer hier als                                                         die noch nicht im Hilfesystem angekommen
KÜHN: Fehlende berufliche Qualifikationen,          EU-Bürger:in den Job verliert, hat lediglich     KÜHN: Wer ein Jahr in Frankfurt gelebt hat,        sind, zum Beispiel, weil sie psychisch er-
wenige Sprachkenntnisse und zudem kom-              sechs Monate lang Anspruch auf Sozialleis-       kann sich beim Amt für Wohnungswesen re-           krankt sind, Suchtprobleme haben oder
men auch Menschen mit Suchtabhängigkeit,            tungen. Ist danach keine neue Arbeit in Sicht,   gistrieren lassen. In der Regel vergehen zwei      ganz isoliert leben. Die Sozialarbeiter:innen
gesundheitlichen und psychischen Proble-            droht oft der Wohnungsverlust. Manche le-        bis drei Jahre bis zum ersten Wohnungs-            ebnen den Weg zum Hilfesystem. Aber der
men nach Deutschland.                               ben auch in privaten Unterkünften und dür-       angebot. Menschen, die auf der Straße le-          Schritt, die eigene Lebenssituation zu ver-
                                                    fen sich dort nicht offiziell anmelden, obwohl   ben, sind zwar in der vordersten Prioritä-         ändern, muss letztlich von den Betroffenen
Gibt es Sprachkurse, die Basiskenntnisse ver-       sie für ein Bett in einem Mehrbettzimmer bis     tenliste, aber auch dort ist die Konkurrenz        selbst ausgehen. Wir können sie nur dazu
mitteln, um zum Beispiel als Putzkraft oder         zu 300 Euro im Monat bezahlen.                   um eine bezahlbare Wohnung sehr groß.              ermutigen.

„Hier, in der Diakonie, kann die Seele aufatmen“
Das Zentrum für Frauen ist ein sicherer Ort für wohnungslose Frauen in Frankfurt
Seit mehr als 100 Jahren finden wohnungs-           Partnerschaft ausziehen mussten und des-         matet ist, wird die Post für 268 Frauen hinter-    lation. „Häufig leiden sie unter mehrfachen
lose Frauen im Zentrum für Frauen ver-              halb wohnungslos wurden, andere konnten          legt. Rund 250 Frauen besuchten 2020 den           gesundheitlichen Einschränkungen und
schiedene Hilfen unter einem Dach. 2020             ihre überteuerten Unterkünfte von ihrem ge-      Tagestreff, manche kamen täglich, andere           schweren seelischen Krisen.“
meldeten sich mehr Frauen in der Bera-              ringen Einkommen nicht mehr bezahlen.            nur ab und zu, beispielsweise, um die Küche           Im 17 Ost-Tagestreff können diese Frauen
tungsstelle, weil sie finanzielle Hilfen benö-      2020 gab es insgesamt 753 Fälle von Frauen,      zu nutzen, am PC zu recherchieren, Doku-           zur Ruhe kommen: „Hier kann die Seele auf-
tigten, denn sie hatten ihren Arbeitsplatz          die sich zum Thema Wohnungslosenhilfe be-        mente auszudrucken oder Wäsche zu wa-              atmen“, sagte eine Besucherin. Sozialarbei-
verloren oder bezogen nur Kurzarbeiter-             raten ließen, 40 Frauen sagten, sie hätten gar   schen. „Die Frauen erleben immer wieder            ter:innen beraten sie, es gibt kostenlose Ge-
geld.                                               keine Unterkunft, 98 übernachteten bei Be-       Gewaltsituationen“ heißt es im Jahresbericht       sundheitskurse und Bildungsangebote sowie
                                                    kannten.                                         2020 des Tagestreffs. Finanziell lebten die Be-    Malkurse. Insgesamt verzeichnete der 17 Ost-
Frauen ließen sich zudem beraten, weil sie             Im 17 Ost-Tagestreff für Frauen, das im       sucherinnen oft unter dem Existenzmini-            Tagestreff im Zentrum für Frauen 7102 Besu-
nach einer Trennung aus einer gewaltvollen          Erdgeschoss des Zentrums für Frauen behei-       mum, und zudem in gesellschaftlicher Iso-          che im Jahr 2020.

Von der Straße in die eigene Wohnung
Die Angebote des WESER5 Diakoniezentrums im Bahnhofsviertel sind in Zeiten von Corona sehr gefragt
Die Zahl der ausgegebenen Essen im Tages-           sönliche Gespräche geführt. Der zeitliche        Straße und suchte insgesamt 114 Obdachlose         ner mit einem qualifizierten Schulabschluss.
treff des WESER5 Diakoniezentrums kletterte         Umfang pro Beratung wuchs stark, weil der        auf.                                               39 Prozent haben einen Hauptschul-
2020 auf 34 000, 2019 waren es 23 500.              Kontakt zu Behörden und anderen Institutio-         Da viele aus Angst vor Corona weit aus-         abschluss, 16 Prozent Mittlere Reife und
                                                    nen coronabedingt sehr erschwert war.            einanderliegende Schlafplätze wählten, wur-        knapp 18 Prozent Hochschulreife. Rund 62
150 Besucher:innen kamen 2020 pro Tag in               600 Postadressen für Menschen ohne Mel-       de ein PKW eingesetzt, um sie regelmäßig zu        Prozent verfügen zudem über eine Berufs-
den Tagestreff im Untergeschoss der Dia-            deadresse werden verwaltet. Fast 60 Prozent      besuchen und mit Schlafsäcken, Isomatten,          ausbildung. 60 Prozent sind alkoholkrank
koniekirche, die größte Gruppe bildeten EU-         der Menschen, die in die Soziale Beratungs-      heißen Getränken und warmer Kleidung zu            und rund 70 Prozent sind verschuldet.
Bürger:innen aus Rumänien und Bulgarien.            stelle kamen, haben einen Schulabschluss, 23     versorgen. Auch die Hinweise von Bürger:in-            Die WESER5 Notübernachtung mit acht
Rund 65 Prozent der Besucher:innen hatten           Prozent erhalten Lohnzahlungen. 18 Rat-          nen nahmen zu, die Sensibilität für Menschen       Plätzen wurde 2020 von 178 Männern ge-
keinen festen Wohnsitz, unter ihnen sind viele      suchende erhielten mit Unterstützung der         auf der Straße wächst, heißt es im WESER5          nutzt, eine Auslastung von 92 Prozent.
psychisch Erkrankte.                                Beratungsstelle einen Mietvertrag.               Tätigkeitsbericht 2020.                                Die WESER5 Aufsuchende Sozialarbeit am
   In der Sozialen Beratungsstelle des WESER5          Die WESER5 Straßensozialarbeit zählte            Im WESER5 Übergangswohnhaus mit ins-            Flughafen Frankfurt zählte 2020 1946 Kontak-
Diakoniezentrums wurden 2020 2580 per-              2020 1056 Kontakte zu Menschen auf der           gesamt 39 Plätzen stieg der Anteil der Bewoh-      te, fast 50 Prozent mehr als 2019.

Ein Zuhause auf Zeit                                                                                                                                     IMPRESSUM
Beim Sozialdienst Offenbach sind Beratung und Lebensmittelgutscheine gefragt                                                                            Beilage in der Evangelischen Sonntags-Zeitung.
                                                                                                                                                        V.i.S.d.P.:
Im Sozialdienst Offenbach Wohnungsnotfall-          ben ein Faxgerät oder einen Scanner zu Hau-      ternotübernachtung in der Teestube wurde           Evangelischer Regionalverband
hilfe verzeichnet die Fachberatung auch im          se, wenn sie überhaupt ein Zuhause haben“,       binnen eines Monats 176 Mal genutzt.               Frankfurt und Offenbach
zweiten Jahr unter Corona-Bedingungen               sagt Thomas Quiring, der den Sozialdienst Of-       Die Nachfrage nach Lebensmittelgut-             Fachbereich II Diakonisches Werk
einen konstant großen Beratungsbedarf.              fenbach Wohnungsnotfallhilfe leitet.             scheinen ist gestiegen. Gerade am Monatsen-        für Frankfurt und Offenbach,
                                                       Zum Sozialdienst Offenbach gehört auch        de wird das Geld meist knapp, etwa für Men-        Kurt-Schumacher-Straße 31,
    Die Hilfe beim Ausfüllen von Formularen         die Kurzübernachtung für wohnungslose            schen in schlecht bezahlten Jobs, für diejeni-     60311 Frankfurt am Main,
ist weiterhin stark nachgefragt, denn nach wie      Männer mit fünf Plätzen sowie das stationäre     gen, die auf Pfandflaschensammeln angewie-         Leiter: Dr. Michael Frase
vor ist der Zugang zu Behörden für Publikum         Wohnen für Männer mit 17 Plätzen. „Wir hat-      sen sind und für Menschen, für die der ALG II-     Konzept, Redaktion: Susanne Schmidt-Lüer,
noch nicht wieder in dem Umfang möglich             ten dort eine gute Auslastung“, sagt Thomas      Satz einfach nicht ausreicht. „Wir geben je-       Dagmar Keim-Hermann
wie vor Corona. Der Aufforderung, Anträge zu        Quiring. 6880 Übernachtungen verzeichnete        weils Lebensmittelgutscheine im Wert von           Texte: Susanne Schmidt-Lüer
mailen, zu faxen oder einzuscannen können           die Diakonie in Offenbach im Jahr 2020. Die      zehn Euro aus, dafür sind wir allerdings auf       Fotos: Christoph Boeckheler (3), Rolf Oeser,
viele nicht nachkommen: „Die wenigsten ha-          im eiskalten Winter 2021 neueröffnete Win-       Spenden angewiesen“, sagt Quiring.                 David-W- / photocase.de
Hilfen für Wohnungslose - ein MUSS - diakonie-frankfurt-offenbach.de Hilfen für Wohnungslose - ein MUSS - diakonie-frankfurt-offenbach.de
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