In Kooperation mit Borussia Dortmund

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In Kooperation mit Borussia Dortmund
Fußballer
            im    Fokus
            Bildungsmaterial zu Sport,
            Verfolgung und Erinnerung
Education
Education

            In Kooperation mit Borussia Dortmund
In Kooperation mit Borussia Dortmund
Impressum

Herausgeber*innen:

Dr. Henning Borggräfe und Margit Vogt, Arolsen Archives, in Zusammenarbeit mit Dr. Andreas Kahrs,
AK Projekte Berlin, und Daniel Lörcher, Borussia Dortmund GmbH & Co. KGAA

© 2021 Arolsen Archives – International Center on Nazi Persecution
und Borussia Dortmund GmbH & Co. KGAA

Diese Publikation ist als PDF online verfügbar unter:
https://arolsen-archives.org/downloads/#education

Gedruckte Exemplare können zum Unkostenpreis von 3 Euro bestellt werden unter:
id@arolsen-archives.org

ISBN: 978-3-948126-12-4

Die Arolsen Archives werden gefördert von der Beauftragten der
Bundesregierung für Kultur und Medien

Design: Jan-Eric Stephan

Cover: Der polnische Fußballspieler Antoni Łyko bei einem Spiel seiner Mannschaft Wisła Kraków
1937 (dunkles Trikot) und als Häftling im KZ Auschwitz 1941 (© National Digital Archive, Poland; Archives
of the Auschwitz-Birkenau State Museum).

Arolsen Archives International Center on Nazi Persecution                                               2
In Kooperation mit Borussia Dortmund
Inhalt

1)   Einleitung                                                            04

Hintergründe

2)   Erinnerungsprojekte im Fußball in Deutschland und Europa              08

3)   Fußball in NS-Deutschland und im damaligen Europa                     10

4)   Bildungsarbeit mit historischen Dokumenten aus den Arolsen Archives   16

Materialien für einen Projekttag

5)   Vorschlag zur Gestaltung eines Projekttages                           18

6)   Workshop I: Zeitstrahl zu Politik und Fußball                         20

7)   Workshop II: Fußballer im Fokus                                       25
     a) Julius Hirsch                                                      27
     b) Nicolas Birtz                                                      33
     c) Norbert Lopper                                                     36
     d) Čestmír Vycpálek                                                   41

8)   Workshop III: Verwobene Verfolgungsgeschichten                        44
     Hintergrundtext zur Geschichte von Auschwitz                          46
     a) Antoni Łyko                                                        48
     b) Adam Kniola                                                        51
     c) Marian Einbacher                                                   54
     d) Ludwik Szabakiewicz                                                57

     Hintergrundtext zur Geschichte von Westerbork                         60
     e) Ernst Alexander                                                    61
     f) Erich Gottschalk                                                   64
     g) Eddy Hamel                                                         67
     h) Árpád Weisz                                                        70

9)   Abschlussdiskussion: Anleitung für Teamer*innen                       74

10) Hinweise für eigene Recherchen und Erinnerungsprojekte                 75

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Einleitung

                       Diese Bildungsmaterialien handeln von Menschen           Borussia Dortmund, der seit vielen Jahren Bildungs-
                       aus verschiedenen europäischen Ländern, die Opfer        projekte zur Geschichte des Nationalsozialismus
                       der nationalsozialistischen Verfolgung wurden. Ihre      mit Fans und Mitarbeiter*innen durchführt. Somit
                       Gemeinsamkeit: Sie waren Fußballer. Der Blick            konnten unterschiedliche Erfahrungen in der histo-
                       wird damit auf ein Alltagsphänomen gelenkt, das          risch-politischen Bildung zusammenfließen. Die
                       bereits vor der Zeit des Nationalsozialismus             Materialien bestehen im Kern aus Archivdokumen-
                       viele Menschen begeisterte. Heute ist der Fußball        ten und biographischen Informationen sowie
                       auf der ganzen Welt über Generationen und                aus Erläuterungen und Arbeitsblättern, die ein
                       Grenzen hinweg ein verbindendes Element.                 methodisch vielfältiges kooperatives Lernen ermög-
                       Millionen aktive Sportler*innen lieben das Spiel         lichen. Sie eignen sich ohne Einschränkungen zum
                       ebenso, wie Millionen Fans in den Stadien. Der           Einsatz im Schulunterricht, richten sich aber ins-
                       historischen Bildungsarbeit zum Nationalsozialis-        besondere an Lerngruppen und Initiativen im außer-
                       mus kann das Thema Fußball damit neue Zielgrup-          schulischen Bereich. Workshops können unter
                       pen erschließen. Für Menschen, die schon tiefer mit      anderem im Rahmen der Arbeit mit Fußballfans, als
                       der Geschichte vertraut sind, bietet das Spiel mit       begleitende Aktivität von Gedenkstättenbesuchen
                       dem Ball wiederum eine neue, anregende Perspek-          oder als Initiative von Sportmannschaften und
                       tive auf das Thema.                                      Sportvereinen stattfinden.

                                                                                                Projekte zur historisch-politischen
                                                                                                Bildung haben im deutschen Fußball
                                                                                                bereits eine gewisse Tradition und
                                                                                               finden auch in anderen europäischen
                                                                                                Ländern zunehmend Verbreitung. Ein
                                                                                                Einführungstext in Abschnitt 2 gibt
                                                                                                einen Überblick zur Entwicklung in
                                                                                                diesem Feld. Die Erfahrungen aus ver-
                                                                                                schiedenen Erinnerungs- und Bildungs-
                                                                                                initiativen im Fußballkontext haben
                                                                                                gezeigt, dass insbesondere das Alter
                                                                                                keine Barriere im gemeinsamen Lernen
                                                                                                über die Geschichte des Nationalsozia-
                                                                                                lismus darstellt. Unter dem Dach des
                                                                                                jeweils geliebten Vereins finden statt-
                                                                                                dessen oft äußerst heterogene Gruppen
                                                                                               zusammen, um sich über Themen
                                                                                                jenseits des Fußballplatzes auszu-
Fans des BVB bei einer Gedenkstättenfahrt im ehemaligen Lager Auschwitz-Monowitz, 2013 © BVB   tauschen und sich für unterschiedliche
                                                                                                gesellschaftliche Belange zu engagieren.
                                                                                                So verstehen wir das vorliegende Ma-
                         Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit terial ausdrücklich als Anregung für die Bildungs-
                         ist heutzutage eng verbunden mit der Frage nach arbeit in allen Altersgruppen und unterschied-
                         gesellschaftlichen Ursachen und Strukturen, lichen Konstellationen.
                         in denen die nationalsozialistischen Verbrechen                Wir hoffen, auch Gruppen und Institutionen zu
                         geschehen konnten. In vielen Bildungsprojekten einem Workshop zum Thema ermutigen zu können,
                         zum Nationalsozialismus folgt dem Blick auf die die das Gebiet der historisch-politischen Bildung
                         Vergangenheit die Befragung der gegenwärtigen als Neuland betreten. Wir sind uns sicher, dass sich
                         Gesellschaft nach Diskriminierung und Ungleich- auf Basis der vorliegenden Materialien spannende
                         heit. Hierbei spielen auch die Lebenssituationen Erfahrungen sammeln lassen. Um einen Einstieg
                         und Erfahrungen der Teilnehmenden von Bildungs- möglichst leicht zu gestalten, findet sich als
                         angeboten eine wichtige Rolle.                              Einleitung in den Materialteil in Abschnitt 5 ein
                             Die Zusammenstellung der vorliegenden konkreter Vorschlag zur Gestaltung eines Projekt-
                         Materialien erfolgte in Kooperation zwischen tages. Dabei bleibt es je nach Erfahrung den
                         den Arolsen Archives und dem Fußballverein Teamer*innen des Workshops überlassen, ob eine

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enge Anlehnung an diesen Ablauf erfolgt, oder ob      ehesten mit der Unterteilung in Zeitabschnitte ver-
die aufbereiteten Archivdokumente und Biogra-         stehen. Dann wird deutlich: Die NS-Verfolgung traf
phien als Materialbasis für einen selbstgestalteten   nicht alle Menschen in Europa gleichzeitig. Wäh-
Workshop dienen.                                      rend in Deutschland unmittelbar mit der Macht-
                                                      übernahme der Nationalsozialisten die Verfolgung
                                                      von politisch und rassistisch definierten Gegner*in-
Ein Blick in die europäischen                         nen begann, lebten die Menschen in anderen Län-
Gesellschaften und auf verschiedene                   dern noch einige Jahre in vermeintlicher Sicherheit.
Opfergruppen                                          Wiederum andere suchten zunächst Zuflucht in
                                                      anderen Ländern, gerieten nach der deutschen
Das Alltägliche des Fußballs ist ein spannender       Besatzung jedoch erneut ins Visier der Nazis.
Gradmesser für den 1933 beginnenden Wandel im            Wenn möglich, werden die Biographien entlang
nationalsozialistischen Deutschland wie für Ver-      eines Zeitstrahls rekonstruiert, der vor dem Beginn
änderungen der europäischen Gesellschaften, die       der NS-Herrschaft im jeweiligen Land startet und
ab 1938 sukzessive Ziel der deutschen Kriegs- und     gegebenenfalls über das Kriegsende hinausreicht.
Eroberungspolitik wurden. Daran anschließend          Die Menschen werden so aus der ausschließlichen
lassen sich Fragen formulieren und diskutieren:       Zuordnung als »Opfer« herausgeholt und als Indivi-
Welche Auswirkungen hatte die Machtüber-              duen mit einer vielfältigen Lebensgeschichte wahr-
nahme der Nationalsozialisten auf den Fußball in      nehmbar. Über einen Zeitstrahl können die Lebens-
Deutschland? Wo und für wen war es in Europa          läufe auch miteinander in Beziehung gesetzt
noch möglich, Fußball zu spielen? Welche Ein-         werden, denn sie weisen wichtige Unterschiede,
schränkungen gab es für jüdische Sportler*innen       aber auch Gemeinsamkeiten auf. Dies erfolgt mit
außerhalb Deutschlands auch schon vor der Be-         einem wichtigen Lernziel: Wenn Unterschiede greif-
satzung? Wer wurde zum Opfer der nationalsozia-       bar werden, wird Diversität wahrnehmbar. Einer-
listischen Verfolgung und was geschah mit diesen      seits erscheinen Jüdinnen und Juden somit jenseits
Menschen?                                             einer homogenisierenden Vorstellung von »den Ju-
    Die Teilnehmenden eines Workshops können          den«, die vor allem der nationalsozialistischen Ideo-
sich ausgehend von diesen Fragen die Situation in     logie entspricht, als eine äußerst heterogene Grup-
verschiedenen Gesellschaften Europas erschließen.     pe. Andererseits sollte das Lernen über den
Dabei lernen sie nicht nur ein Stück Geschichte des   Nationalsozialismus auch die unterschiedlichen
europäischen Fußballs kennen, sie können auch         Opfergruppen im Blick behalten. Erst hierdurch wird
anhand dieses Beispiels mit Bezug zu ihrer eigenen    das Ausmaß der Massenverbrechen deutlich. Dies
Lebenswelt einen neuen Blick auf die durch den        wird durch die europäische Perspektive, die diesen
Krieg und den Holocaust markierte Zäsur in der Ge-    Materialien zugrunde liegt, zusätzlich unterstützt.
schichte Europas entwickeln. Ein einführender Text       In der Skizze des vorgeschlagenen Projekttags
in Abschnitt 3 zum Fußball in den 1930er und          werden in Abschnitt 5 Leitfragen und Inhalte für
1940er Jahren bietet einen Überblick über die         drei Workshop-Phasen vorgestellt. Material und
Entwicklung und verschiedene Ansatzpunkte für         Hinweise zur Durchführung und Moderation des
weiterführende Recherchen.                            ersten Workshops (Zeitstrahl) finden sich in Ab-
    Fußballer bildeten keine eigene Häftlingskate-    schnitt 6. Konkrete, weiterführende Arbeitsimpul-
gorie in den nationalsozialistischen Lagern, und      se in den Abschnitten 7 und 8 sind so konzipiert,
doch gab es sie überall. Die für diese Materialien    dass sich die Workshop-Arbeit je nach verfügbarer
ausgewählten Biographien zeigen Menschen,             Zeit und dem Gruppenkontext ausbauen lässt und
die sich in Herkunft, Lebensgeschichte und            bestimmte Aspekte des Verfolgungsgeschehens
politischer Orientierung unterschieden. Aber sie      wie auch des Überlebens nach der Befreiung an
alle haben ihren Platz auf der Zeitleiste des         einzelnen Biographien vertieft werden können.
europäischen Fußballs.                                Arbeitsschritte mit Online-Recherchen nach
                                                      weiteren Informationen lassen sich in allen
                                                      Abschnitten einbauen. Die Richtung, in die sich
Didaktische Anmerkungen                               eine Online-Recherche entwickelt, ist dabei nicht
                                                      von vornherein festgelegt.
Die Zusammenstellung der Materialien erfolgte            Beim Blick auf die hier präsentierten Materialien
unter Einbeziehung unterschiedlicher didaktischer     und im Internet verfügbaren Informationen fällt auf,
Leitgedanken. Im Zentrum stehen die Lebensge-         dass unsere Kenntnisse über die versammelten Le-
schichten von Fußballern aus mehreren europäi-        bensläufe der Menschen sehr unterschiedlich sind.
schen Ländern. Biographische Zugänge bieten viel-     Zu manchen Personen liegen umfangreiche Infor-
fältige Möglichkeiten für das historische Lernen.     mationen vor, zu anderen sind es nur Fragmente
Zunächst können die verschiedenen Biographien in      ihrer Verfolgungsgeschichte. Diese Unterschiede in
einen breiteren Kontext eingeordnet werden. Die       der Überlieferung wahrzunehmen, ist eine wichtige
Geschichte des Nationalsozialismus lässt sich am      Erkenntnis bei der Annäherung an die Geschichte

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der nationalsozialistischen Massenverbrechen. Die Zum Abschluss finden sich hierfür in Abschnitt 10
Teilnehmenden des Workshops lernen dabei, dass einige praktische Hinweise, wie Erinnerungsprojek-
die oft verbreitete Formel, man wisse mittlerweile te durchgeführt werden können und wo Archive und
schon alles über Ereignisse des Nationalsozialis- Gedenkstätten existieren, die Quellen verwahren
mus, unzutreffend ist. Im Gegenteil: Zu den meisten und bei der Recherche oder der Projektplanung
der Millionen Einzelschicksale der Verfolgten und weiterhelfen können. Außerdem bietet das umfang-
Ermordeten gibt es eben nur Bruchstücke an Infor- reiche Online-Archiv der Arolsen Archives für
mationen. Viele sind bis heute unbekannt geblieben, biographische und ortsbezogene Nachforschungen
auch wenn in Archiven Dokumente zur Verfolgung breite Recherchemöglichkeiten.
überliefert sind. Die verfügbaren Fragmente setzen       Die vorliegende Publikation erscheint parallel zur
sich zusammen aus Dokumenten ganz unterschied- deutschen auch in einer englischsprachigen Ver-
licher Quellenarten. Der Umgang mit und das Ver- sion. Inhaltlich unterscheiden sich beide Versionen
stehen von historischen Dokumenten sind zusätz- nur insofern, als in der englischen Version mit Blick
liche Aspekte, die als Lernziele diesen Materialien auf die Sprache teils andere weiterführende Hin-
zugrunde liegen. Eine Einführung in Abschnitt 4 weise auf Webangebote gegeben werden. Zusätz-
bietet hierzu vertiefende Informationen.              lich enthält sie auch Übersetzungen aller deutsch-
    Die Arbeit mit den hier präsentierten Materialien sprachigen Archivdokumente.
ermöglicht somit vielfältige Ergebnisse. Unabhängig
davon sollte es jedoch das Ziel historisch-politi-
scher Bildungsarbeit sein, dass die Teilnehmenden
zum Thema miteinander ins Gespräch kommen und
dabei auch eigene Ideen für eine weitere Auseinan-
dersetzung mit der Geschichte entwickeln. Aus den
Dokumenten lassen sich in diesem Sinne nicht nur
Aspekte der Verfolgung der vorgestellten Personen
rekonstruieren und Hintergründe zu Orten der NS-
Verbrechen erfahren. Vielmehr erwerben die Teil-
nehmenden auch Kompetenzen im Umgang mit
Quellen, die für eigene Erinnerungsprojekte wichtig
sind. Bestenfalls regt so das beim Workshop selbst
praktizierte forschend-entdeckende Lernen eine
Recherche und ein Erinnerungsprojekt zur eigenen
Stadt- oder Vereinsgeschichte an.

Arolsen Archives International Center on Nazi Persecution                                                6
In Kooperation mit Borussia Dortmund
Die Arolsen Archives sind ein inter- Jährlich beantworten die Arolsen Archives Anfragen
          nationales Zentrum über NS-Verfolgung zu rund 20.000 NS-Verfolgten. Wichtiger denn
          mit dem weltweit umfassendsten je sind die Angebote für Forschung und Bildung, um
Archiv zu den Opfern und Überlebenden des das Wissen über den Holocaust, Konzentrations-
Nationalsozialismus. Die Sammlung mit Hinweisen lager, Zwangsarbeit und die Folgen der Nazi-Ver-
zu rund 17,5 Millionen Menschen gehört zum brechen in die heutige Gesellschaft zu tragen.
UNESCO-Weltdokumentenerbe. Sie beinhaltet Die Arolsen Archives bauen ein umfangreiches
Dokumente zu den verschiedenen Opfergruppen Online-Archiv auf und machen die Dokumente
des NS-Regimes und ist eine wichtige Wissensquel- weltweit zugänglich.
le, besonders auch für jüngere Generationen.

Die Arolsen Archives verwahren das weltweit umfassendste Archiv über NS-Verfolgte

           Der Fußballverein Borussia Dortmund                des Hauptsponsors Evonik Industries eine jährliche
           ist seit vielen Jahren in der Bildungs-            Bildungsreise in die Gedenkstätte Auschwitz
           und Erinnerungsarbeit zum Holocaust                durchgeführt. Die mehrtägigen Bildungsprojekte
engagiert. Nach ersten Tagesfahrten in deutsche               schlagen jeweils einen Bogen zur Verfolgungs-
Gedenkstätten im Jahr 2008 besuchen seit 2011                 geschichte der Dortmunder Jüdinnen und Juden.
einmal im Jahr Fans mit einem mehrtägigen Angebot             Ergänzt werden diese Aktivitäten durch regel-
die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau in Polen.                 mäßige Veranstaltungen und Workshops in
2014 wird ein zweites jährliches Projekt etabliert,           Dortmund, die auch den heutigen Antisemitismus
das sich auf die Spuren einer Deportation aus                 sowie andere Diskriminierungsformen in den
Dortmund in das Ghetto von Zamość begibt. Seit                Blick nehmen.
2017 wird auch für Mitarbeiter*innen des BVB und

Erinnerung an die Dortmunder Jüdinnen und Juden in der
Gedenkstätte Belzec, 2017 © BVB

Arolsen Archives International Center on Nazi Persecution                                                     7
In Kooperation mit Borussia Dortmund
Erinnerungsprojekte
                     im    Fußball    in    Deutschland
                     und    Europa

                    In regelmäßigen Abständen finden in deutschen Vereine diesem Schritt und publizierten eigene
                    Fußballstadien Aktionen zur Erinnerung an die Bücher über ihre Geschichte in der NS-Zeit.
                    Opfer des Nationalsozialismus statt. Die Fanszenen       Fast zeitgleich begannen erste Fangruppen und
                    verschiedener Vereine widmen sich zudem mit Fanprojekte damit, Besuche in Gedenkstätten in
                    Lesungen, Gedenkveranstaltungen, Rundgängen die Fanarbeit einzubinden. Manche Initiativen
                    oder Fußballturnieren, die nach verfolgten Vereins- verbanden beispielsweise ein Auswärtsspiel in
                    mitgliedern benannt sind, der Geschichte des München mit einem Besuch der KZ-Gedenkstätte
                    Holocaust und anderer NS-Verbrechen. Solche Dachau. Andere Fanprojekte besuchten mit Fan-
                    Initiativen zur historisch-politischen Bildung stehen gruppen Gedenkstätten in den Nachbarländern
                    in der deutschen Fußballlandschaft mittlerweile in Polen, Tschechien oder Frankreich. Diese ersten
                    einer gewissen Tradition.                             Aktivitäten zur Auseinandersetzung mit den
                                                                          NS-Verbrechen waren verbunden mit Initiativen
                                                                          gegen Rechtsextremismus in der Fanarbeit, denen
                    Für Jahrzehnte eine verdrängte                        im Vorfeld der WM 2006 in Deutschland eine
                    Geschichte                                            gesteigerte Aufmerksamkeit zukam. Einen wichti-
                                                                          gen Beitrag zur positiven Diskursverschiebung die-
                    Die deutschen Fußballvereine taten sich lange Zeit ser Zeit leisteten Fan- und Basisinitiativen wie das
                    schwer mit einem kritischen Blick auf ihre eigene »Bündnis aktiver Fußballfans« (BAFF), deren Aus-
                    Geschichte während des Nationalsozialismus. Wie stellung »Tatort Stadion« seit dem Jahr 2001 eine
                    viele gesellschaftliche Akteure sahen sie sich breite Öffentlichkeit über Rassismus und Anti-
                    als »unpolitische« Institutionen ohne eine spezifi- semitismus im Fußball informierte.
                    sche Rolle in der NS-Gesellschaft. Dass sich viele       Im Jahr 2004 entstand außerdem die Initiative
                    Clubs nach 1933 den neuen Machthabern bereit- »Nie Wieder – Erinnerungstag im Deutschen Fuß-
                    willig andienten und beispielsweise aus eigenem ball«, die den verschiedenen Erinnerungsaktivitäten
                    Antrieb Juden aus den Vereinen ausschlossen, einen übergeordneten Rahmen geben konnte und
                    wurde fast überall verschwiegen oder kleingeredet. zur Vernetzung erinnerungspolitisch aktiver Fans
                                                                          und Initiativen beitrug. Seitdem finden viele der
                    Als wichtiger Schritt für die Auseinandersetzung mit genannten Aktivitäten jährlich rund um den inter-
                    der Geschichte des deutschen Fußballs kann die nationalen Holocaustgedenktag am 27. Januar
                    Veröffentlichung der Studie »Fußball unterm Haken- statt. Im Jahr 2005 verlieh der DFB erstmals den
                    kreuz: Der DFB zwischen Sport, Politik und Kom- Julius-Hirsch-Preis, mit dem seither auch regel-
                    merz« im Jahr 2005 gesehen werden, die 2001 vom mäßig Gedenkinitiativen und historische Bildungs-
                    DFB beauftragt worden war. Trotz einiger Kritik gab projekte im Fußball gewürdigt werden.
                    die Untersuchung der Debatte wichtige Impulse.           Eine Auswahl aus aktuellen Projekten zeigt, wie
                    Anfang der 2000er Jahre folgten auch einige vielfältig diese Aktivitäten mittlerweile sind: An den
                                                                          jüdischen Fußballer Ernst Alexander erinnert eine
                                                                          ihm gewidmete Straße in der Nähe der Schalker
                                                                          Veltins-Arena, Fans von Hertha BSC Berlin recher-
Initiative »Nie Wieder« https://www.niewieder.info                        chierten die Geschichte des Mannschaftsarztes
                                                                          Hermann Horwitz, der 1943 in Auschwitz ermordet
Julius-Hirsch-Preis https://www.dfb.de/preisewettbewerbe/
                                                                          wurde. Fans von Bayern München erinnerten mit
julius-hirsch-preis
                                                                          einer Choreografie nicht nur an den jüdischen Prä-
                                                                          sidenten Kurt Landauer, sondern auch an das Ver-
                                                                          einsmitglied Hugo Railing. Er starb 1942 im Mord-
                                                                          lager Sobibor. Bei Borussia Dortmund begeben sich
Nils Havemann: Fußball unterm Hakenkreuz:                                 Mitglieder und Fans seit Jahren auf die Spurensu-
Der DFB zwischen Sport, Politik und Kommerz,                              che einer Deportation von fast 800 Jüdinnen und
Frankfurt am Main 2005.                                                   Juden in das polnische Zamość und leisten einen

                     Arolsen Archives International Center on Nazi Persecution                                            8
In Kooperation mit Borussia Dortmund
wichtigen Beitrag dazu, dieses Ereignis in die      vergangener Erfolge erinnert wird, sondern auch
                       Erinnerung der Dortmunder Stadtgesellschaft zu-     verfolgte und ermordete Fußballer ihren Platz im
                       rückzuholen. Vor Ort in Dortmund erinnern BVB-      Gedächtnis der Vereine gefunden haben. Der FC
                       Fans seit vielen Jahren mit einem Gedenklauf an     Chelsea hat im Januar 2019 ein großes Wandbild
                       den ehemaligen Platzwart des Vereins, Heinrich      in Erinnerung an Julius Hirsch, Árpád Weisz und
                       Czerkus. Er war als Kommunist im Widerstand aktiv   Ron Jones an seinem Stadion in London angebracht.
                                                                                      Hirsch und Weisz wurden als Juden in
                                                                                      Auschwitz-Birkenau ermordet, Jones
                                                                                      war in einem Kriegsgefangenenlager in
                                                                                      Auschwitz-Monowitz interniert.
                                                                                         Die Erinnerung an Árpád Weisz wird
                                                                                      auch mit Initiativen der Clubs im italieni-
                                                                                      schen Bologna und in Dordrecht in den
                                                                                      Niederlanden aufrechterhalten, wo der
                                                                                      ungarische Jude Weisz als erfolgreicher
                                                                                      Trainer in die jeweilige Vereinsgeschichte
                                                                                      eingegangen ist.
                                                                                         Eine internationale Kooperation von
                                                                                      Borussia Dortmund, Feyenoord Rotter-
                                                                                      dam, dem fare network und dem Anne
                                                                                      Frank Haus in Amsterdam hat unter dem
                                                                                      Titel »Changing the Chants« eine um-
                                                                                      fangreiche Handreichung erarbeitet, die
                                                                                      im Herbst 2021 veröffentlicht werden
                                                                                      wird (https://changingthechants.eu       ).
                                                                                      Ziel ist es, Erinnerungs- und Bildungs-
Teilnehmer*innen des Czerkus-Lauf in Dortmund, 2017 © BVB
                                                                                      projekte im Fußball weiter bekannt
                                                                                      zu machen und noch mehr Vereine
                       und wurde wenige Wochen vor Kriegsende von den      und Fans auf internationaler Ebene zu ermutigen,
                       Nationalsozialisten erschossen.                     mit eigenen Projekten die Erinnerung an ermordete
                          Auch in Fürth verknüpften Fans 2018 erstmals     und verfolgte Spieler wachzuhalten, wie auch
                       Erinnerungsarbeit mit sportlicher Aktivität und     gegen heutigen Rassismus und Antisemitismus in
                       widmeten dem ehemaligen Meister-Stürmer Julius      den Stadien aktiv zu werden. Das Projekt möchte
                       Hirsch ein Fußballturnier.                          den Vereinen auch aufzeigen, welche Chance ihre
                                                                           Strahlkraft in den jeweiligen Regionen bietet, um
                                                                           Menschen für die Beschäftigung mit der Geschich-
                       Gedenken in Europa                                  te des Holocaust und des Nationalsozialismus zu
                                                                           interessieren. Große und kleine Vereine können mit
                       Es gibt auch in anderen Ligen Europas immer mehr    öffentlichen Statements und einer klaren Positio-
                       Beispiele dafür, dass nicht mehr nur an Helden      nierung, beispielsweise durch die offizielle Teilnah-
                                                                                      me an lokalen Gedenkveranstaltungen,
                                                                                      eine wichtige Funktion als zukünftige
                                                                                      Träger der gesellschaftlichen Erinnerung
                                                                                      übernehmen.

                                                                                      Dies ist natürlich am einfachsten mög-
                                                                                      lich, wenn sie sich mit Bildungs- und
                                                                                      Erinnerungsprojekten selbst der eigenen
                                                                                      Geschichte widmen oder wenn sich Fans
                                                                                      in einem Gemeinschaftsprojekt auf
                                                                                      Spurensuche zum Sport im National-
                                                                                      sozialismus begeben oder nach lokalen
                                                                                      Biographien und Orten der Verfolgung
                                                                                      forschen.

Wandbild am Stadion von Chelsea London © FC Chelsea

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In Kooperation mit Borussia Dortmund
Fußball    in    NS-Deutschland
und    im    damaligen   Europa

Am Ende der Saison 1929/30 bejubelten in             1943, wurde Horwitz von Berlin nach Auschwitz
Krakau mehrere tausend Zuschauer*innen ihren         verschleppt und dort später ermordet.
Verein Cracovia für die zweite polnische Meister-       Die Meisterschaften Bolognas schließlich
schaft. Am 14. Juni 1931 verfolgten 50.000           wären ohne Árpád Weisz, ungarischer Jude und
Besucher*innen im Kölner Sportpark Müngersdorf,      schon in jungen Jahren eine Trainerlegende, nicht
wie Hertha BSC Berlin mit einem 3:2 Sieg gegen       denkbar gewesen. Er floh später vor den italieni-
den SV 1860 München die Deutsche Meister-            schen Faschisten in die Niederlande, wurde dort
schaft errang. Am 16. Mai 1937 feierten im           aber nach dem deutschen Einmarsch verhaftet
italienischen Bologna die Fans beim 2:0 Heimsieg     und über das Durchgangslager Westerbork nach
gegen den AC Milan die zweite Meisterschaft ihres    Auschwitz verschleppt und dort ermordet. Die
Clubs in Serie. Der Fußballsport hat die Menschen    Liste solcher Beispiele ließe sich noch sehr viel
in Europa schon vor 90 Jahren begeistert, und in     länger fortsetzen. Doch schon die kleine Auswahl
den 1920er und 1930er Jahren war einiges im          zeigt: Die erste Blütezeit des europäischen Fuß-
europäischen Fußball bereits so, wie wir es auch     balls hatte durch die nationalsozialistische Herr-
heute kennen.                                        schaft und den Zweiten Weltkrieg ein jähes
   Und doch war vieles anders: Denn nur wenige       Ende gefunden.
Jahre später litten zahlreiche Fußballer unter der
deutschen Besatzung Europas. Viele starben als
Soldaten an der Front, als Widerstandskämpfer        Fußball in Deutschland vor der
oder als Gefangene in deutschen Lagern. Beson-       NS-Herrschaft
ders einschneidend war der Zweite Weltkrieg für
den jüdischen Sport. Clubs, die ihren festen Platz   In Deutschland war der Fußball zwar schon im
auf der Karte des europäischen Fußballs hatten,      19. Jahrhundert angekommen, bis zur Etablierung
existierten nach dem Holocaust nicht mehr.           als Massensport und Großveranstaltung mit
Jüdische Spieler, Trainer und Funktionäre waren      Zuschauer*innen dauerte es jedoch einige Zeit. Als
noch in den 1930er Jahren in vielen Ländern Euro-    Fußballspiele in den 1880er und 1890er Jahren
pas teilweise prägende Akteure in ihren Vereinen.    zunehmend Verbreitung fanden, stand dem Fußball-
Nach 1945 waren sie aus den Clubs verschwun-         sport vor allem die deutsche Turnbewegung ab-
den. Sie wurden Opfer der nationalsozialistischen    lehnend gegenüber. In der damals verbreiteten
Verfolgung. Viele wurden ermordet, anderen ge-       Auffassung dienten Sport und besonders das
lang die Flucht. Einige wenige überlebten Ghettos    Turnen nicht nur der »Leibesertüchtigung«, sondern
und Lager oder in Verstecken.                        waren auch verbunden mit militärischem Drill.
   Aus dieser Perspektive erscheinen die drei oben      Einer der Pioniere der neuen Sportart Fußball
genannten Beispiele in einem anderen Licht. In der   war der jüdische Schüler Walther Bensemann.
Meistermannschaft von Cracovia waren die             Er lernte das Spiel als Jugendlicher in der Schweiz
jüdischen Spieler Ludwik Gintel und Leon Sperling    kennen und war später an der Gründung mehrerer
wichtige Stützen. Während Gintel nach Kriegs-        Vereine in Deutschland beteiligt. Hierzu zählte der
ausbruch die Flucht nach Palästina gelang, wurde     Karlsruher FV, der 1910 mit seinen beiden späteren
Leon Sperling 1941 im Ghetto von Lemberg (L’viv)     jüdischen Nationalspielern Julius Hirsch und
ermordet.                                            Gottfried Fuchs die seit 1902 unter dem Dach des
   Die Berliner Meistermannschaft hatte einen        DFB ausgetragene Deutsche Meisterschaft errang.
Helden auch außerhalb des Platzes. Der jüdische      Das Nationalteam in der noch jungen Sportart
Mannschaftsarzt Hermann Horwitz galt als Meis-       absolvierte am 5. April 1908 sein erstes Länder-
ter seines Fachs und sorgte für eine optimale        spiel gegen die Schweiz. Der bald folgende Beginn
Betreuung des Teams. In einer Verletzungspause       des Ersten Weltkriegs (1914–1918) markierte in
im Finale behandelte er den späteren Siegtor-        allen europäischen Gesellschaften einen Bruch,
schützen Willy Kirsei und ermöglichte ihm das        und auch der Fußballsport wurde in seiner Entwick-
Weiterspielen. Zwölf Jahre später, im Frühjahr       lung stark ausgebremst.

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Julius Hirsch (weißes Trikot) bei einem Spiel seines Karlsruher FV, 1912 © Fußball und Olympischer Sport

Mit Schwung ging es jedoch nach dem Krieg in der                 jüdische Vereine, die eigene Spielrunden etablier-
Weimarer Republik weiter. Zunächst erhielt der                   ten. Letztere waren in den 1920er Jahren jedoch
Fußball – damals und für die weiteren Jahrzehnte                 eine Randerscheinung. Wenngleich die National-
noch eine rein männliche Veranstaltung – Zulauf                  spieler Fuchs und Hirsch die Ausnahme blieben,
von aktiven Sportlern. Vormalige Gegner des Mann-                waren Juden im deutschen Fußball als Spieler wie
schaftssports änderten ihre Meinung, und Vertreter               als Funktionäre fest etabliert. So blieb auch der
eines militärischen Sports sahen nun auch im Fuß-                Pionier Bensemann weiterhin aktiv. Auf ihn geht
ball die Möglichkeit, Tugenden wie Disziplin zu ver-             die Gründung des heute noch populären Magazins
mitteln. Dieser Perspektivwechsel hing auch damit                »Kicker« im Jahr 1920 zurück. Bensemann verließ
zusammen, dass dem Kriegsverursacher Deutsch-                    erst 1933 aus Angst vor der nun drohenden
land nach der Niederlage 1918 eine explizit militä-              Verfolgung das Land und ging wieder in die Schweiz,
rische Ausrichtung des Sports untersagt war. Den                 wo er bereits ein Jahr später starb.
Fußballvereinen wurden neue Spielflächen zur
Verfügung gestellt, und das Spiel mit dem Ball ent-
wickelte sich als Breitensportart zur weithin                    Der deutsche Fußball
akzeptierten Möglichkeit, eine generelle »Volks-                 und die Judenverfolgung im
gesundheit« herzustellen. Zeitgleich zogen die                   Nationalsozialismus
Spiele immer mehr Zuschauer an. Ihre Zahl ver-
dreifachte sich in zehn Jahren bis 1920. In der                  Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten
erstmals nach Kriegsende wieder ausgetragenen                    am 30. Januar 1933 sahen sich Juden und politi-
Endrunde der deutschen Meisterschaft verfolgten                  sche Gegner im deutschen Fußball wie in der
im Schnitt mehr als 11.000 Zuschauer*innen                       gesamten Gesellschaft schnell mit Repressalien,
die Spiele live im Stadion.                                      Ausgrenzung und Verfolgung konfrontiert. Der ATSB
   Zwar gab es erste Bemühungen, einen »profes-                  mit seinen 10.000 Vereinen und mehr als 900.000
sionellen« Fußball zu organisieren, Profifußballer               Mitgliedern wurde im Mai des Jahres verboten.
gab es in Deutschland aber zunächst nicht.                       Viele politische Gegner*innen der Nationalsozialisten
Fußballer hatten neben ihrem Sport auch einen er-                litten in Gefängnissen und Konzentrationslagern,
lernten Beruf. Der Spielbetrieb fand zu dieser Zeit              viele weitere verloren ihre Stellung im Fußball.
auch nicht ausschließlich unter dem Dach des                         Auf organisatorischer Ebene etablierte eine neu
1902 gegründeten DFB statt. So spielte beispiels-                aufgebaute Reichssportführung 16 Sportgaue, und
weise der Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATSB) ab                 der DFB wurde wie viele Institutionen im Reich
1920 eine eigene reichsweite Meisterschaftsrunde                 »gleichgeschaltet«, das heißt, er wurde als ein
aus. Unter seinem Dach waren mehr als 3.500 Fuß-                 »Fachamt« in den zentralistisch organisierten
ballvereine aus der Arbeiterbewegung organisiert.                Deutschen Reichsbund für Leibesübungen (DRL)
Dazu gab es eigenständige Firmensportvereine,                    überführt. Auch der Spielbetrieb wurde stärker
katholische Jugendvereine oder auch einige                       zentralisiert. Ab der Saison 1933/34 existierten

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wurden. Viele Gesetze sollten diese antisemitische
                                                                           Politik »legitimieren«, darunter die sogenannten
                                                                           Nürnberger Gesetze vom September 1935. Schon
Infos zur Geschichte des Nationalsozialismus                               zuvor waren jüdische Geschäfte boykottiert worden,
Umfangreiches Dossier zum Nationalsozialismus bei der                      Juden verloren ihre Stellung im öffentlichen Dienst
Bundeszentrale für politische Bildung:                                     und durften nicht mehr in Berufen arbeiten, die sie
https://aroa.to/fussball-bpb                                               zuvor ausgeübt hatten. So war auch das Fortbe-
                                                                           stehen des jüdischen Sports nur von kurzer Dauer.
                                                                           Nach den Olympischen Spielen im Sommer 1936
                    16 Gauligen, deren Sieger zunächst untereinander       in Berlin – das olympische Fußballturnier hatte
                    Ausscheidungsspiele durchführten, ehe ab-              Italien im Finale gegen Österreich gewonnen–
                    schließend in Halbfinalspielen und einem Finale        verschärfte sich die antijüdische Politik der
                    in Berlin (mit Ausnahme von 1935) der Deutsche         Nationalsozialisten zusehends, bis sie in den
                    Meister gekürt wurde.                                  Novemberpogromen 1938 einen vorläufigen
                        Der Leiter des Fachamts und vormalige DFB-         Höhepunkt erreichte. Waren im Vormonat Oktober
                    Präsident Felix Linnemann forderte die Mitglieds-      schon fast 17.000 polnischstämmige Jüdinnen und
                    vereine schnell auf, sich der »Rassenfrage« anzu-      Juden in ihr Geburtsland »abgeschoben«, d.h. ge-
                    nehmen. Bedeutsam ist, dass sich ein Teil der          waltsam vertrieben worden, so zeigte sich in den
                    Vereins- und Verbandsfunktionäre dabei sehr be-        staatlich gelenkten Ausschreitungen, die zwischen
                    reitwillig der neuen Staatsführung unterordnete und    dem 7. und 13. November 1938 erfolgten, eine
                    teilweise vorauseilenden Gehorsam demonstrierte.       neue Dimension physischer Gewalt. Im ganzen Land
                    In einer »Stuttgarter Erklärung« bekundeten            wurden Synagogen und andere jüdische Einrich-
                    14 Vereine aus Süd- und Südwestdeutschland             tungen angegriffen und zerstört. Mehr als 1.300
                    bereits am 9. April 1933 ihre Bereitschaft, »ins-      Jüdinnen und Juden starben. 30.000 jüdische
                    besondere in der Frage der Entfernung der Juden        Männer wurden in Konzentrationslager verschleppt.
                    aus den Sportvereinen« aktiv mitzuwirken. Dies             Am 9. November 1938 wurde auch das Berliner
                    geschah ohne staatliche Vorgabe und bevor über-        Büro des deutschen Makkabi-Präsidenten zerstört.
                    haupt allgemeine Maßnahmen im DFB beschlossen          Die letzten jüdischen Fußballvereine wurden
                    worden wären. Eine Anordnung zum Ausschluss            anschließend verboten. Den in Deutschland ver-
                    jüdischer Mitglieder seitens des Verbands ist bisher   bliebenen Jüdinnen und Juden waren Sport- und
                    nicht nachgewiesen. Und so verlief dieser Prozess      Freizeitaktivitäten zu dieser Zeit ohnehin nahezu
                    im Fußball wie auch in anderen Sportvereinen recht     unmöglich. Für sie ging es nur noch ums Überleben.
                    unterschiedlich. Manche jüdischen Mitglieder           Einigen gelang noch im letzten Augenblick die Aus-
                    kamen der antisemitischen Diskriminierung              wanderung. Diese war jedoch mit hohen Hürden
                    durch einen Austritt zuvor, so wie der frühere         und Kosten verbunden, die längst nicht alle
                    Nationalspieler Julius Hirsch.                         jüdischen Bürger*innen aufbringen konnten. Zudem
                                                                           taten sich viele schwer mit dem Entschluss, ihre
                                                                           Heimat endgültig zu verlassen, und hofften, dass
                                                                           sich die Situation irgendwie bessern würde. Am
Zum Weiterlesen: Fußball in NS-Deutschland                                 Vorabend des Krieges waren von ehemals 550.000
                                                                           jüdischen Bürger*innen (1933) noch ca. 210.000
Lorenz Peiffer/ Dietrich Schulze-Marmeling (Hrsg.):
                                                                           in Deutschland geblieben.
Hakenkreuz und rundes Leder. Fußball im National-
                                                                              Nach dem deutschen Überfall auf Polen, der am
sozialismus, Göttingen 2008.
                                                                           1. September 1939 den Beginn des Zweiten Welt-
Lorenz Peiffer/ Henry Wahlig: Jüdische Fußballvereine im                   kriegs markierte, folgte die nächste Phase der anti-
nationalsozialistischen Deutschland, Göttingen 2015.                       jüdischen Politik. Jüdische Bürger*innen sollten nun
                                                                           mit aller Macht aus dem Deutschen Reich gedrängt
                                                                           werden. Schon im Frühjahr 1940 wurden erstmals
                    Andere jüdische Sportler und Funktionäre rea-          deutsche und österreichische Jüdinnen und Juden
                    gierten auf den Ausschluss aus ihren Vereinen mit      nach Polen und Frankreich deportiert. Doch erst
                    dem Ausbau der Selbstorganisierung. Jüdische           einige Monate nach dem deutschen Angriff auf
                    Sportvereinigungen wie »Makkabi« und der Sport-        die Sowjetunion im Juni 1941 wurden die Deporta-
                    bund »Schild« versammelten zur Mitte der 1930er        tionen fortgesetzt. Bereits im Sommer 1941
                    Jahre knapp 50.000 aktive jüdische Sportler und        markierten Massenerschießungen von Jüdinnen
                    zählten zu den größten Institutionen des jüdischen     und Juden in der Sowjetunion hinter der vorrücken-
                    Lebens in Deutschland zu dieser Zeit.                  den Wehrmacht den Übergang zum Massenmord.
                        Die ersten Jahre der NS-Herrschaft waren davon     Ab September 1941 war es deutschen Jüdinnen
                    geprägt, dass Jüdinnen und Juden schrittweise aus      und Juden nicht mehr möglich auszureisen. Sie
                    allen Teilen des öffentlichen und wirtschaftlichen     mussten zudem von nun an einen gelben Stern auf
                    Lebens gedrängt und ihre Bürgerrechte beschnitten      ihrer Kleidung tragen. Im darauffolgenden Monat,

                    Arolsen Archives International Center on Nazi Persecution                                               12
im Oktober 1941, begannen Massendeportationen        Europas Fußball bis zum
                     in verschiedene Ghettos und Lager im deutsch be-     Zweiten Weltkrieg
                     setzten Osteuropa, wo die meisten der deutschen
                     Jüdinnen und Juden ermordet wurden. Auf der          Ähnlich wie in Deutschland waren auch im euro-
                     Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 wurden          päischen Ausland die ersten Fußballclubs und
                     dann das Prozedere und die Koordination künftiger    Meisterschaftsrunden schon im ausgehenden 19.
                     Deportationen aus ganz Europa vereinbart.            Jahrhundert entstanden. Besonders viele Fußball-
                                                                          vereine wurden im Kaiserreich Österreich-Ungarn
                                                                          gegründet, das bis zum Ende des Ersten Weltkriegs
                                                                          weite Teile Ostmitteleuropas umfasste, wo nach
                                                                          Kriegsende unabhängige Nationalstaaten ent-
Die Broschüre »Verlorene Helden« des Magazins »11 Freunde«                standen. Dazu gehörten Teile Polens und Jugos-
dokumentiert Biographien von verfolgten Spielern, Funktionären            lawiens, Ungarn und die Tschechoslowakei, wo sich
und Mitgliedern dutzender deutscher Fußballvereine:                       in den 1920er Jahren auch eigene Fußball-Struktu-
https://aroa.to/fussball-11freunde                                        ren etablierten. Diese Länder folgten nun schnell
                                                                          der Entwicklung im übrigen Europa, wo der Fußball
Die Broschüre »Auf den Spuren von Julius Hirsch« beschäf-
                                                                          mit wachsender Popularität zu einem Massenereig-
tigt sich mit der Geschichte der Deportation des deutsch-
                                                                          nis wurde. Doch während in fast allen europäischen
jüdischen Nationalspielers. Auf der Website des DFB steht sie
                                                                          Ligen Fußballer zu dieser Zeit parallel weiterhin in
zum Download bereit: https://aroa.to/fussball-dfb
                                                                          ihren erlernten Berufen tätig waren, entstanden in
                                                                          den Nachfolgestaaten Österreich-Ungarns Mitte
                                                                          der 1920er Jahre auch erste Profiligen. Ab 1927
                                                                          wurde unter Vereinen dieser Ligen, ab 1930 auch
                     Der Kriegsbeginn und die schrittweise Ausdehnung     unter Einschluss Italiens und weiterer Länder, der
                     des Eroberungskrieges auf ganz Europa veränder-      erste europäische Vereinswettbewerb ausgetragen:
                     ten auch die übrige deutsche Gesellschaft. Immer     der Mitropapokal. Erster Sieger wurde im Herbst
                     mehr Bereiche des Lebens wurden der aggressiven      1927 Slavia Prag in zwei Finalspielen gegen
                     deutschen Kriegspolitik untergeordnet, die Zu-       Rapid Wien.
                     stimmung in der Bevölkerung war dennoch hoch.           Durch die Expansions- und Kriegspolitik des
                     Und während ihre früheren Mitspieler oder Rivalen    Deutschen Reiches wurde der Fußballsport in den
                     verfolgt und ermordet wurden, profitierte manch      eingegliederten und besetzten Nachbarstaaten wie
                     deutscher Fußballspieler oder Vereinsfunktionär      auch auf der internationalen Ebene stark be-
                     von der »Arisierung« jüdischen Eigentums oder der    einflusst. Abhängig von der politischen Situation
                     Ausbeutung ausländischer Zwangsarbeiter*innen.       zuvor und auch davon, wann die Länder von der
                     Einige beteiligten sich ganz direkt an den Ver-      Wehrmacht überfallen und besetzt wurden, liefen
                     brechen, so Otto »Tull« Harder, Stürmerstar der      die sportlichen Aktivitäten bisweilen noch lange
                     Meistermannschaften des Hamburger SV von 1923        uneingeschränkt weiter, während der Mitropapokal
                     und 1928. Als SS-Mitglied zählte er 1940 zur         1940 vor dem Finale abgebrochen wurde und damit
                     Wachmannschaft des Konzentrationslagers              insgesamt ein Ende fand. Auch Fußball-Welt-
                     Neuengamme und befehligte ab 1944 das KZ-            meisterschaften, die von 1930 bis 1938 alle vier
                     Außenlager Hannover-Ahlem.                           Jahre ausgetragen worden waren (erster Sieger
                        Der Spielbetrieb im deutschen Fußball ging nach   Uruguay, anschließend zweimal nacheinander das
                     Kriegsausbruch zunächst weiter. Allerdings waren     faschistische Italien), fanden während des Krieges
                     zahlreiche Mannschaften personell geschwächt,        nicht mehr statt. Erst ab 1954 wurde die Fußball-
                     weil die Spieler als Soldaten einberufen wurden.     WM wieder ausgetragen.
                     Doch auch in Wehrmacht und SS war der Fußball           In manchen Ländern stand der Sport jedoch
                     von Bedeutung, und in den besetzten Ländern          auch schon vor Kriegsbeginn nicht mehr allen
                     wurden zahlreiche Wettkämpfe untereinander aus-      Spielern offen. In vielen Teilen des Kontinents hatte
                     getragen. Auch die deutsche Nationalmannschaft       bereits in den 1920er und 1930er Jahren die anti-
                     trat noch während des Krieges zu Spielen an, ihre    semitische Stimmung stark zugenommen, sodass
                     Gegner waren die Teams befreundeter Staaten oder     sich einige jüdische Sportler zum Verlassen ihrer
                     Verbündeter. Die Spiele waren ein willkommenes       Heimat entschieden. Der jüdische Spieler und
                     Mittel, um der Bevölkerung ein Gefühl von Normali-   Coach Árpád Weisz wurde schon in seinem Heimat-
                     tät zu vermitteln. Dies erklärt, warum mit dem       land Ungarn früh antisemitisch diskriminiert. Auch
                     Beginn der Niederlagen der Wehrmacht im Winter       in seiner neuen Wahlheimat, dem faschistischen
                     1942 dann auch ein Ende der Länderspiele folgte.     Italien, machte er Erfahrungen mit Ausgrenzung
                     Das letzte Länderspiel fand am 22. November 1942     aufgrund seiner jüdischen Herkunft, was ihn Anfang
                     gegen die Slowakei statt (5:2).                      1939 schließlich weiter in die Emigration in die
                                                                          Niederlande trieb.

                     Arolsen Archives International Center on Nazi Persecution                                              13
In Österreich, wo ab 1924/25 erstmals überhaupt       1940. Während ab 1941 sechs luxemburgische
                       in Kontinentaleuropa eine Saison im Profi-            Vereine an der deutschen Gauliga Moselland teil-
                       fußball gespielt worden war, spürten jüdische         nahmen, ging in den Niederlanden das Fußball-
                       Sportler schon in den frühen 1930er Jahren den        spielen unter deutscher Besatzung in einem eigen-
                       wachsenden Antisemitismus sowohl auf den              ständigen Ligabetrieb weiter. Sogar die Zuschauer-
                       Rängen der Stadien als auch auf dem Platz. So         zahlen stiegen in den Jahren der Besatzung noch
                       erging es in Wien auch Norbert Lopper, der als        einmal an. Einige Funktionäre aus den Vereinen und
                       Jugendlicher beim jüdischen Club Hakoah Wien          dem Verband suchten die Nähe zu den Besatzern.
                       spielte. In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre war   Jüdische Spieler wurden teilweise schon vor einem
                       der Club ein internationales Aushängeschild des       entsprechenden Erlass der deutschen Behörden
                       österreichischen Fußballs gewesen. Einen Tag nach     aus den Kadern der Clubs entfernt, ehe sie später
                       dem »Anschluss« Österreichs an das Deutsche           verhaftet und deportiert wurden. In Frankreich
                       Reich am 12. März 1938 wurde er wie alle              wiederum gab es unter der deutschen Besatzung
                       jüdischen Vereine zerschlagen und aus den             zwar Fußballspiele, aber ein französischer Meister
                       Tabellen gestrichen.                                  wurde erst 1946 wieder gekürt.
                                                                                             Östlich des nationalsozialistischen
                                                                                         Deutschlands war Polen bereits im Sep-
                                                                                         tember 1939 mit dem deutschen Angriff
                                                                                         zum Kriegsschauplatz geworden, was
                                                                                         auch den Fußball stark beeinflusste. In
                                                                                         Polen hatte sich der Fußball bereits ent-
                                                                                         wickelt, bevor das Land nach dem Ersten
                                                                                         Weltkrieg ein unabhängiger Staat gewor-
                                                                                         den war. Bis 1927 war der Ligabetrieb
                                                                                         regional organisiert. In der Warschauer
                                                                                         Liga war Makkabi Warszawa 1926 der
                                                                                         erste jüdische Verein. Aus seinen Reihen
                                                                                         kam auch Józef Klotz. Der Stürmer
                                                                                         schoss beim 2:1 Sieg gegen Schweden
                                                                                         1922 das erste Tor einer polnischen
                                                                                         Nationalmannschaft überhaupt und
                                                                                         wechselte 1926 zu Cracovia (Krakau).
                                                                                         Zusammen mit ihm waren es vor allem
                                                                                         Krakauer Spieler, die 1921 die erste pol-
Hakoah Wien, Österreichischer Fußballmeister 1925 © Wikimedia Commons
                                                                                         nische Meisterschaft gewannen und in
                                                                                         den 1920er Jahren auch Polens Natio-
                       Andere Organisationen, wie Arbeitersportvereine,      nalmannschaft prägten. Zu ihnen zählten auch die
                       waren bereits im autoritären »Ständestaat« nach       jüdischen Spieler Leon Sperling und Ludwik Gintel.
                       1933 in Österreich aufgelöst worden. Alle verblie-    Während Gintel nach seiner Karriere nach Palästina
                       benen Sportverbände und Wettbewerbe wurden            emigrierte, wurde Sperling Ende 1941 im Ghetto
                       im Frühjahr 1938 in die bestehenden Sportstruk-       von Lemberg ermordet.
                       turen des Deutschen Reichs eingegliedert. So             Kein Land in Europa hatte einen derart großen
                       wurde es möglich, dass der Deutsche Fußball-          jüdischen Bevölkerungsanteil wie Polen. Etwas
                       meister im Sommer 1941 Rapid Wien hieß. Die           mehr als zehn Prozent der Bevölkerung waren vor
                       Mannschaft besiegte im Finale den FC Schalke 04.      dem Zweiten Weltkrieg Jüdinnen und Juden, fast
                       Getilgt aus dem Vereinsgedächtnis waren nun die       3,5 Millionen Menschen. Jüdisches Leben war
                       Entstehungsgeschichte von Rapid, der aus dem          folglich im Alltag sehr präsent, und in vielen Städten
                       »1. Wiener Arbeiter Fußball-Club« hervorgegangen      waren jüdische Sportvereine bekannt und erfolg-
                       war, sowie die Beteiligung zahlreicher jüdischer      reich. Zwei jüdische Vereine waren Gründungs-
                       Mitglieder am Aufbau des Vereins. Die Umbenen-        mitglieder der landesweiten Liga ab 1927. Der Ver-
                       nung in Rapid war durch den ersten »Klub-             ein Hasmonea Lwów, der schon 1908 im Kaiser-
                       sekretär« Wilhelm Goldschmidt vorgeschlagen           reich Österreich-Ungarn gegründet wurde, als
                       worden. Er wurde im Juni 1942 in das Ghetto Izbica    die Stadt noch Lemberg hieß und zum Kronland
                       im besetzten Polen deportiert und dort oder           Galizien gehörte, hatte mit Zygmunt Steuermann
                       in einem der Mordlager der »Aktion Reinhardt«         ebenfalls einen Nationalstürmer in seinen Reihen.
                       ermordet.                                             Der Verein Jutrzenka Kraków stand wiederum der
                          In den Nachbarstaaten Deutschlands verlief die     jüdischen Arbeiterbewegung nahe. Wie vielfältig
                       Entwicklung sehr unterschiedlich. In Westeuropa       jüdischer Sport in Polen in der Zwischenkriegszeit
                       begann der Krieg mit dem deutschen Überfall auf       war, lässt sich erahnen, wenn man sich die Gesamt-
                       Frankreich und die Benelux-Staaten im Sommer          zahl von 164 jüdischen Fußballvereinen vor

                       Arolsen Archives International Center on Nazi Persecution                                                14
Die Meistermannschaft von KS Cracovia mit den jüdischen Spielern Ludwik Gintel (stehend, 4. von links) und Leon Sperling
                    (stehend, 4. von rechts), 1921 © National Digital Archive, Poland

                    Augen führt, die 1934 in den 15 Regionalverbänden                   der Vorkriegszeit sportliche Rivalen waren. Sie
                    Polens aktiv waren. Auch die Geschichte weiterer                    sollten sich im KZ Auschwitz wiedersehen, das im
                    polnischer Vereine, die bis heute eine führende                     Mai 1940 eingerichtet worden war. Łyko und
                    Rolle im Fußball des Landes einnehmen, führt bis                    Zieliński wurden gemeinsam mit fast 70 anderen
                    in diese bewegte Zeit zwischen den beiden                           Gefangenen am 3. Juli 1941 in einer »Vergeltungs-
                    Weltkriegen zurück, wo viele von ihnen ihre ersten                  aktion« von der Lager-SS im Stammlager Auschwitz
                    Erfolge feierten.                                                   erschossen.
                                                                                           Wie besonders das Beispiel Polen ist, zeigt die
                                                                                        große Zahl von 25 damals noch aktiven oder
                                                                                        ehemaligen Fußballnationalspielern – Juden wie
Zum Weiterlesen: Fußball in Europa                                                      Nichtjuden –, die während des Zweiten Weltkriegs
                                                                                        von den Nazis ermordet wurden.
Markwart Herzog / Fabian Brändle (Hrsg.): Europäischer
                                                                                           Der Zweite Weltkrieg endete in Europa am 8. Mai
Fußball im Zweiten Weltkrieg, Stuttgart 2015.
                                                                                        1945 mit der bedingungslosen Kapitulation der
Ezra Mendelsohn: Jews and the Sporting Life, Oxford 2009.                               Wehrmacht. In den folgenden Jahren gerieten in
                                                                                        vielen europäischen Ländern die ausgeschlossenen,
                                                                                        ausgewanderten oder ermordeten Spieler zunächst
                                                                                        in Vergessenheit. Die Fußball-Ligen formierten sich
                                                                                        neu, und der Fußballsport war ein wichtiger Teil
                    Bereits kurz nach Beginn des Krieges am 1. Sep-                     der wiedererlangten Normalität. Es dauerte häufig
                    tember 1939 war Polen das erste Land in                             viele Jahrzehnte, bis Fans, Vereine und Histo-
                    Europa, das vollständig besetzt war – im Westen                     riker*innen die Geschichten und Biographien
                    von Deutschland, im Osten von der Sowjetunion. Im                   verfolgter Fußballer wieder ins Bewusstsein
                    sowjetischen Teil war der Fußballsport unter                        holten – und viele weitere sind bis heute unbekannt.
                    Einschränkungen noch weiter möglich. Im von
                    Deutschland besetzten Teil Polens wurde die
                    Fußball-Liga einen Tag nach Kriegsbeginn verboten.
                    Zahlreiche Fußballer aus Poznań, Kraków und Lódź
                    oder aus den Warschauer Clubs Polonia und Legia
                    waren zuvor schon zum Kriegsdienst eingezogen
                    worden. Andere wurden später als politische
                    Gegner der deutschen Besatzer in Gefängnisse und
                    Konzentrationslager verschleppt. Unter ihnen
                    waren auch die beiden Krakauer Fußballer Antoni
                    Łyko (Wisła) und Witold Zieliński (Cracovia), die in

                    Arolsen Archives International Center on Nazi Persecution                                                                  15
Bildungsarbeit    mit
                        historischen    Dokumenten    aus
                        den    Arolsen    Archives

                        Archivdokumente, wie z.B. Häftlingskarteikarten, De-      Weise auch auf Listen, Karteikarten und Formulare
                        portationslisten oder Listen aus der KZ-Verwaltung,       zu. Auch diese wurden zu einem bestimmten Zweck
                        können uns helfen, etwas über die Geschichte der          und mit einer bestimmten Haltung erstellt. Diejeni-
                        NS-Verfolgung zu erfahren. Als Überbleibsel der Ver-      gen, die z.B. Formulare ausfüllten, waren an die vor-
                        gangenheit stehen in ihnen die Opfer, ihr Leiden und      gegebenen Strukturen und Regeln für zweckdien-
                        ihre Behandlung durch die Nationalsozialisten im          liche Eintragungen gebunden. Zudem ist zu berück-
                        Mittelpunkt. Im Gegensatz zu Sachtexten bieten die        sichtigen, dass sich einige Verfasser*innen – die
                        Dokumente einen direkten Zugang zur Geschichte.           Häftlinge – beim Ausfüllen in einer Zwangssituation
                        Doch anders als Sachtexte erklären sie sich nicht         befanden und dabei oft zugleich eigene Ziele ver-
                        zwangsläufig aus sich selbst heraus. Das, was auf         folgten. In einigen Fällen wurden die Formulare
                        den ersten Blick auf Dokumenten zu sehen und zu           weder von den Personen selbst noch in ihrer Mutter-
                        lesen ist, ist nicht unbedingt identisch mit ihrer his-   sprache, sondern von Dritten ausgefüllt.
                        torischen Aussagekraft. Historische Dokumente                 Um historische Dokumente zu verstehen, müssen
                        können der Ausgangspunkt für ein forschendes Ler-         sie daher entschlüsselt, kritisch gelesen und inter-
                        nen sein, bei dem die Teilnehmenden die Rolle von         pretiert sowie in einen Zusammenhang gebracht
                        Historiker*innen einnehmen und Quellen selbst             werden. Anders als beim Lesen von Sachtexten,
                        auswerten.                                                kann das Ergebnis einer Auseinandersetzung mit
                                                                                  Dokumenten sein, dass nicht alle Sachverhalte
                                                                                  abschließend zu klären sind, Fragen können offen-
                        Besonderheiten und Herausforderungen                      bleiben oder Widersprüche nicht aufgelöst werden.
                        historischer Dokumente                                    Dadurch können sich jedoch auch neue Fragen er-
                                                                                  geben, die weitere Recherchen (im Internet oder in
                        Historische Dokumente wurden in einem spezifi-            Archiven) auslösen.
                        schen Kontext und für einen bestimmten Zweck er-             Wie in der Geschichtswissenschaft besteht die
                        stellt. Zudem spiegeln sie in der Regel die Haltung       Auseinandersetzung mit Dokumenten auch in der
                        der Verfasser*innen wider, die sich an der Art der For-   Bildungsarbeit aus den Schritten Erschließung,
                        mulierung oder den verwendeten Begrifflichkeiten          Quellenkritik und Quelleninterpretation. Idealerweise
                        ablesen lässt, die diskriminierend, verharmlosend oder    werden während des Workshops alle drei Schritte in
                        beschönigend sein können. Dies trifft in ähnlicher        der Arbeit mit den Dokumenten angewendet und
                                                                                              von den Teamer*innen entsprechend
                                                                                              angeleitet.

                                                                                             Erschließung, Quellenkritik und
                                                                                             Quelleninterpretation

                                                                                             Bei der Erschließung geht es darum zu
                                                                                             verstehen, um was für ein Dokument es
                                                                                             sich handelt, das heißt, wann es von wem
                                                                                             für welchen Zweck erstellt wurde und was
                                                                                             die zentrale Aussage ist. Ein Teil dieser
                                                                                             Informationen, z.B. die Bezeichnung des
                                                                                             Dokuments, kann sich unmittelbar aus
                                                                                             diesem selbst ergeben, andere müssen
                                                                                             erst entziffert, entschlüsselt oder gedeu-
                                                                                             tet werden. Viele Dokumente, insbeson-
                                                                                             dere aus der KZ-Verwaltung, enthalten
Blick in den Bereich KZ-Dokumente im Magazinraum der Arolsen Archives                        Einträge, die zwar lesbar, aber ohne

                        Arolsen Archives International Center on Nazi Persecution                                                   16
Erläuterungen kaum zu verstehen sind. Um ein            Bei der Quelleninterpretation schließlich werden die
                      Dokument in seinen spezifischen historischen Kon-       gewonnenen Informationen in den historischen Kon-
                      text einzuordnen und die Bedeutung von Begriffen,       text eingeordnet und im Sinne einer Fragestellung
                      Abkürzungen und Verweisen zu verstehen, kann es         ausgewertet. Die Quelleninterpretation setzt dabei
                      notwendig sein, auf andere Informationsquellen zu-      ein gewisses historisches Kontextwissen voraus. Für
                      rückzugreifen. In Archiven wird diese Art von Infor-    den Workshop bedeutet dies, dass auf vorher
                      mationen in der Regel in Findbüchern in Form von        behandelte Inhalte zurückgegriffen werden kann
                      Archivbeschreibungen zur Verfügung gestellt. Darü-      oder dass der Kontext im Zuge der Auseinander-
                      ber hinaus können für das Verständnis vieler Doku-      setzung mit den Quellen erarbeitet wird. Hier geht es
                      mente in dieser Publikation Informationen im            also nicht mehr nur um die aus der Erschließung
                      e-Guide der Arolsen Archives gefunden werden.           eines Dokuments gewonnenen Informationen,
                                                                              sondern um allgemeinere historische Erkenntnisse.
                                                                              Dies trifft insbesondere auch für die Arbeit mit bio-
                                                                              graphischen Dokumenten zu: So stehen hier nicht
Der e-Guide ist ein Online-Tool, das häufig überlieferte Doku-                allein biographische Details oder die Rekonstruktion
mententypen aus den Arolsen Archives beschreibt, darunter                     einer Biographie im Mittelpunkt, sondern strukturel-
viele in dieser Publikation enthaltene Dokumente. Die historische             le Fragen zur Verfolgung im Nationalsozialismus,
Nutzung wird durch Fragen und Antworten erklärt. Abkürzungen                  etwa zur KZ-Haft.
oder die Funktion einzelner Bereiche des Dokuments werden                         Die in den Abschnitten 7 und 8 enthaltenen
interaktiv erläutert. Nutzer*innen können sich so selbst Kontext-             Arbeitsimpulse zu bestimmten Quellen einzelner
wissen aneignen: https://eguide.arolsen-archives.org                          Biographien berücksichtigen die drei genannten
                                                                              Schritte, ohne einem strengen Schema zu folgen. Die
                                                                              Teamer*innen können diese Fragen an die Teilneh-
                                                                              menden weitergeben, um ihnen die Arbeit mit den
                      Ist ein Dokument erschlossen, besteht der nächste       Dokumenten zu erleichtern. Dies wird ihnen helfen,
                      Schritt darin, den Inhalt in Form einer Quellenkritik   die Dokumente zu verstehen, zu kritisieren und zu
                      zu untersuchen. Dies bedeutet, das Dokument hin-        interpretieren. Durch die Arbeit mit Dokumenten er-
                      sichtlich Glaubwürdigkeit, Plausibilität und Richtig-   werben die Teilnehmenden dabei nicht nur Wissen
                      keit zu hinterfragen. Dies kann in Form einer imma-     über die Geschichte der NS-Verfolgung, sondern
                      nenten Kritik erfolgen, z.B. im Erkennen, dass die      schulen auch ihre Fähigkeiten, Quellen zu lesen und
                      junge Altersangabe auf einer Häftlings-Personal-        auszuwerten – eine wichtige Voraussetzung, um für
                      Karte mit dem dort angegebenen Beruf nicht in Über-     Erinnerungsprojekte zur eigenen Stadt oder zum
                      einstimmung zu bringen ist. Dies ist aber auch im       eigenen Verein selbständig mit Archivdokumenten
                      Vergleich von Quellen möglich, z.B. indem wider-        zu arbeiten.
                      sprüchliche Angaben in verschiedenen Dokumenten
                      analysiert und erklärt werden. Im Sinne eines for-
                      schenden Lernens können so auch verschiedene
                      Informationen zu einer Person aus unterschiedlichen
                      Dokumenten zusammengetragen und zueinander
                      kritisch in Bezug gesetzt werden. Auch Fragen nach
                      den Interessen und der Perspektive des Autors oder
                      der Autorin sind Teil der Quellenkritik.

                      Arolsen Archives International Center on Nazi Persecution                                                 17
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