Krise & Transformation - Difu-Dialog "Ist das noch Krisenmodus oder schon Transformation? " am 15. März 2023

 
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Krise & Transformation - Difu-Dialog "Ist das noch Krisenmodus oder schon Transformation? " am 15. März 2023
Krise & Transformation

    Difu-Dialog „Ist das noch Krisenmodus oder schon Transformation? “
    am 15. März 2023

    Dr. Jens Libbe
    Deutsches Institut für Urbanistik (Difu), Berlin

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Krise & Transformation - Difu-Dialog "Ist das noch Krisenmodus oder schon Transformation? " am 15. März 2023
1. Krisen können ein starker Treiber für
       Transformationen sein, doch nicht jede Krise bewirkt
       oder erfordert Transformation.
    • „Große Transformationen“ (i.S. von Polany 1944 oder dem WBGU 2011) als
       • grundlegende (radikale strukturelle und paradigmatische), nicht-
          lineare Veränderungen, die über die Anpassung bestehender
          gesellschaftlicher Systeme hinausgehen.
       • komplexer Zusammenhang von sozialen, wirtschaftlichen und
          politischen Entwicklungen.
       • systemischer Wandel, bei dem sich technologische,
          ökonomische, soziokulturelle und institutionelle Aspekte
          gegenseitig beeinflussen (Koevolution).

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Krise & Transformation - Difu-Dialog "Ist das noch Krisenmodus oder schon Transformation? " am 15. März 2023
2. Die Charakteristika umwälzender Prozesse sind
        vielfach beschrieben
               große Herausforderungen,
               unsicheres Wissen,
               große Risiken,
               keine einfachen Lösungen,
               offene, nicht-lineare, offene, emergente etc. Entwicklungen
               komplexe und kontroverse Probleme,
               divergierende Interessen
               etc.

         Transformationen nicht einfach plan- oder steuerbar, jedoch in
          Richtung und Geschwindigkeit beeinflussbar
         Herausforderung: Multible Krisen!

3   Dr. Jens Libbe
Krise & Transformation - Difu-Dialog "Ist das noch Krisenmodus oder schon Transformation? " am 15. März 2023
3. Für die Beantwortung der Frage von „Krisenmodus oder
       Transformation?“ ist es hilfreich
       a) unterschiedliche Krisenphänomene in ihrer Entwicklung zu
          betrachten.
          i.   Niedergang als Folge von Krise
          ii. Funktionsstörung befindet sich auf dem Pfad der
               Krisenbewältigung
          iii. Transformation
       b) die kurz, mittel- und langfristigen Linien zu unterscheiden,
       c) die Zusammenhänge zwischen den Krisen zu erkennen.

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Krise & Transformation - Difu-Dialog "Ist das noch Krisenmodus oder schon Transformation? " am 15. März 2023
i. Beispiel Klimakrise
     • Klimawandel verändert globale Lebensgrundlage
          • Erderwärmung heute um 1,1-1,2° C gegenüber Beginn der Industrialisierung
            (1850-1900)
          • Unrealistisch, dass es gelingt, den menschengemachten globalen
            Temperaturanstieg auf 1,5° C zu begrenzen (gerechnet vom Beginn der
            Industrialisierung bis zum Jahr 2100)
              •   CO2-Emissionen müssten bis 2030 um 45% gegenüber 2010 fallen; Erwartung, dass die
                  Emissionen um 10,6% höher liegen als 2010 (UN-Klimasekretariat)
              •   Welt steuert auf 2,5° C bis 2100 zu (vorausgesetzt, das Staaten ihre Verpflichtungen
                  einhalten)

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Klimakrise

    • Folgen:
        • Extremwetter, steigende Meeresspiegel, rapides
          Artensterben nehmen zu
        • Eintrittsbereiche verschiedener Kippunkte womöglich
          erreicht
        • Anteil der lebensfeindlichen Zonen könnte sich
          dramatisch ausweiten (1,5-3,5 Mrd. Menschen wären
          betroffen)
        • Risiko regionaler Missernten (Trockenheit,
          Schädlingsbefall, Bodenveränderungen) und damit
          global steigender Nahrungsmittelpreise steigt
     Transformation dringender denn je!                           Quelle: nature

       •    Forderungen nach einem reagierenden und
            transformativ handelnden Staat (z. B. WBGU, „Fridays
            for Future“, „Letzte Generation“)
       •    Top-down-Verpflichtungen: SDG`s,
            Agenda 2030, Urteile des BVerfG; DNS,
            Klimaschutzgesetz 2021, etc.

6   Dr. Jens Libbe
Krise & Transformation - Difu-Dialog "Ist das noch Krisenmodus oder schon Transformation? " am 15. März 2023
ii. Energiekrise
    • Energiekrisen in der Vergangenheit immer
       wieder aufgetreten
        • Energiekrise als
            a)       wirtschaftliche Krise mit knapper werdenden
                     Energieressourcen und/oder steigenden Energiepreisen
            b)       Krise der Energie(versorgungs)sicherheit
        • Ursächlich zumeist einseitige Abhängigkeiten von
          einzelnen Energieträgern und Lieferanten                              Foto: Jens Libbe

        • Aktuell: 24. Februar 2022 als energiepolitische Zäsur
                 •   2021 lieferte Russland
                     •  rund 35 Prozent der deutschen Rohölimporte und
                     •  rund 55 Prozent der deutschen Gasimporte;
                     •  russische Steinkohle deckte rund 50 Prozent des
                        deutschen Verbrauchs.
        • Energiekrisen bewirken disruptive Veränderungen
            •    können kurzfristig gemildert werden (Preisdeckelungen,
                 staatliche Stützungsmaßnahmen etc.),
            •    erfordern im Kern aber mittel- und langfristige Umstellungen (in
                 Bezug auf Energieträger, Energieverbrauch)

7   Dr. Jens Libbe
ii. Energiekrise
    • Folgen:
        • Nochmalige Beschleunigung der Energiewende
          (Erneuerbare Energien, Energieeffizienz,
          Energieeinsparung, Sektorkopplung)
        • Klimaneutralität plus Bezahlbarkeit von
          überragendem öffentlichen Interesse (EEG-
          Novelle)
            •   Bis 2030 Anteil erneuerbarer Energien am
                Bruttostromverbrauch auf mindestens 80 Prozent.
            •   bis 2035 Stromerzeugung nahezu klimaneutral
        • Transformationsstrategien noch stärker von
          Zielen (klimapolitisch, Versorgungssicherheit)
          her entwickeln
        • Beschleunigung des Umbaus kommunaler
          Energieinfrastrukturen (insb. Wärmewende)

        Energiekrise als Transformationstreiber!

8   Dr. Jens Libbe
iii. Beispiel Covid19-Pandemie
     • Risiken von Pandemien rücken verstärkt ins
        Bewusstsein
          • Die vergangenen 100 Jahre hatten wir Glück (letzte
            große Pandemie war die „Spanische Grippe“); die                      Foto: Jens Libbe
            nächsten Dekaden sollten wir uns nicht darauf
            verlassen.
          • Zoonosen als Infektionskrankheiten nehmen zu.
              •   Eiweiße) oder Viren.
              •   Können wechselseitig übertragen werden zwischen Tieren
                  und Mensch, verursacht durch Bakterien, Pilze, Prionen
                  (krankheitserregende Proteine).
          • Covid19-Pandemie als „Warnschuss“
              •   Es stand relativ schnell Impfstoff bereit (hätte auch anders
                  kommen können).
              •   Ein halbwegs funktionierendes (öffentliches)
                  Gesundheitssystem stand bereit.
              •   Verlauf zunehmend endemisch, saisonale Schwankungen
                  der Erkrankungen werden anhalten.

9   Dr. Jens Libbe
Covid19-Pandemie
      • Folgen:
           • Risiken mgl. Pandemien tendenziell
             steigend: Bevölkerungsdruck, tiefe
             Eingriffe in Naturräume und
             Ökosysteme, starker Verlust an
             Biodiversivität, steigende
             Durchschnittstemperaturen.
           • Pandemie hat das Nachdenken über
             (urbane) Resilienz verstärkt.
               •   Pandemie als Verstärker ohnehin
                   vorhandener Funktionsstörungen
                   (Einzelhandel)
               •   Vorausschauendes Risiko- und
                                                        Quelle: Stadt Rotterdam 2016: 19.
                   Krisenmanagement in Verbindung mit
                   Kommunikationsstrategie elementar
               •   Funktionierende öffentliche
                   Daseinsvorsorge als zentrale Basis

         Funktionsstörung(en) (nur) bei vorausschauendem Handeln
          beherrschbar!

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4. Theorien des Wandels und Governance-Forschung bieten
        vielfältige Zugänge für Nachhaltigkeitstransformationen

     •   Soziotechnische Systeme und Nachhaltigkeitstransformationen
         • Mehr-Ebenen-Perspektive
         • Multiphasenmodell
     •   Transition Management (TM) und Strategic Nice Management (SNM)
         •   Koevolution
         •   Transformationsarenen
         •   Laborsituationen
         •   Intervention
     •   Sozial Innovationen
         • neuer soziale Praktiken
     •   Exnovation oder Konversion
         • Abschaffung
         • Umbau/Umstieg
     •   …

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5. Grundlagen zur Gestaltung von Transformationen
         vielfältig in praktischer Umsetzung
            (etwa Projekte der BMBF-Leitinitiative Zukunftsstadt)

      Reflexive Wissensproduktion
      • Gesellschaftliche Wirkungen erzielen und
          Veränderungen bewirken
      • Nicht-Wissen und auch marginalisiertes
          Wissen thematisieren
      • Kritischer Umgang mit Nicht-Nachhaltigkeit,
          Ungleichheit oder auch ungleicher Verteilung
      • Sozial robustes Wissen schaffen und
          gesellschaftlich relevantes Wissen
          bereitstellen
                                                                    https://www.nachhaltige-

       System-, Ziel- und Handlungswissen für                      zukunftsstadt.de/downloads/Synverz_A4
                                                                    _Abschlusspublikation_web.pdf

          Nachhaltige Stadtentwicklung

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Kreative Methoden und Prozesse
      •   Formen sozialen Lernens
           •   Ko-Design, Ko-Produktion
           •   Visionen und Narrative
      •   Gemeinsame wissenschaftliche und
          gesellschaftliche Lernprozesse
      •   Experimentelles Vorgehen
      •   Reallabore als Orte der                    https://www.nachhaltige-

          Wissensproduktion                          zukunftsstadt.de/new/aktuelles/transfer-weblab-urban-
                                                     design-thinking-zum-kennenlernen/

     Strategische Allianzen
     •    Akteure mit ihren Wissensbeständen
          zusammenführen
     •    Akteure des Wandels vernetzen
          (Klimapioniere, Mobilitätspioniere etc.)
     •    Soziale Innovationen vorantreiben          https://www.klimanetze.de

     •    Netzwerkeffekte auslösen
     •    Transformationen (mit)gestalten

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6. Anforderungen an Kommunen sind bekannt, jedoch
        unterschiedlich eingelöst
      Prinzipien guter                          Transformative Fähigkeiten (personell, manageriell und
      Stadtentwicklungspolitik anwenden         organisational) ausbauen
      •   Gemeinwohlorientierung                • Fähigkeit, bestimmte Rollen einzunehmen und Prozesse
                                                   voranzutreiben
      •   Integrierter Ansatz
                                                • Fähigkeit, Neuerungen zu entwickeln und (dauerhaft) zu
      •   Beteiligung und Koproduktion             verankern
      •   Mehr-Ebenen-Ansatz                    • Fähigkeit zur übergreifenden Koordination von Akteuren,
      •   Ortsbezogener Ansatz                     zur ressortübergreifenden Interdisziplinarität und zum
                                                   Agieren und Aushandeln in Netzwerken.

                                                Urbane Transformationen in Politik Verwaltung verankern
                                                • Politische Unterstützung sicherstellen
       Skalierung guter Lösungen vorantreiben
                                                • Nachhaltigkeitsstrategien und -prüfung als Gegenstand aller
       • Transfer guter Lösungen in                Fachbereiche
          Fortbildung, Beratung und
          Forschungsbegleitung                  • Finanzielle, zeitliche und intellektuelle Ressourcen für
                                                   Querschnittsaufgaben
       • Wissens- und
          Vernetzungsplattformen                • Fachübergreifende und agile Arbeitsweisen
       • Erfahrungsaustausch und Coaching       • Schnittstellen optimieren und Datenaustausch
          interkommunal leben                   • Handlungsspielräume in Allianzen erweitern und
       • …                                         Experimente wagen
                                                • ...
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Kontakt

      Dr. Jens Libbe
      Deutsches Institut für Urbanistik (Difu)
      Leiter Forschungsbereich Infrastruktur, Wirtschaft und Finanzen
      Zimmerstrasse 13-15
      10969 Berlin
      Tel. 030/39001-115
      libbe@difu.de

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