Wie blickt die Welt auf Deutschland? Folge 5: Frankreich - NDR

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Wie blickt die Welt auf Deutschland? Folge 5: Frankreich

von Sabine Wachs

Die deutsch-französische Freundschaft gilt als Herzstück Europas: Aus Erbfeinden sind nach dem
Zweiten Weltkrieg Freunde und Partner geworden. Politisch spielt das Tandem innerhalb der EU und
bei internationalen Krisen eine wichtige Rolle. Aber die deutsch-französische Freundschaft ist viel
mehr, sie wird von Millionen Menschen im Alltag gelebt. Dass daran noch einmal etwas zu rütteln sein
könnte, hat jahrzehntelang niemand für möglich gehalten. Das Pandemiejahr 2020 mit seinen
Grenzschließungen hat die Freundschaft dann aber doch auf eine harte Probe gestellt. Unsere
Frankreichkorrespondentin Sabine Wachs ist an der Grenze zu Frankreich groß geworden, sie weiß,
dass Corona vor allem in den Grenzregionen den freundschaftlichen Blick auf die deutschen
Nachbarn ziemlich empfindlich getrübt hat:

„Mehrere Personen haben von Problemen an der deutsch-französischen
Grenze in Petite-Rosselle berichtet.“ Lese ich auf Facebook und traue
meinen Augen nicht. Der Post, verfasst Anfang August 2021, ist der
Zeugenaufruf eines französischen Abgeordneten der Region Moselle,
die direkt ans Saarland grenzt. „Die deutsche Polizei“, steht dort weiter,
„habe Grenzgänger, die zur Arbeit oder zum Einkaufen nach
Deutschland wollten, blockiert, einige müssten sogar Strafe zahlen. Wir
benötigen so schnell wie möglich schriftliche Zeugenaussagen oder
Fotos von den Bußgeldern, um die Probleme zu melden.“

Was ist da schon wieder los, frage ich mich. Die Grenzen sind doch
wieder offen. Wir sind doch schon wieder weiter als im März 2020, als
Deutschland ohne Absprache mit seinen Nachbarn Schlagbäume
runtergelassen hat. Seit Monaten gibt es bei der Einreise nach
Deutschland Ausnahmeregeln für Grenzgänger. 24 Stunden dürfen sich
Französinnen und Franzosen ohne Test- oder Impfnachweis im Saarland
aufhalten. Nur wissen das die Bundespolizisten, die aus Hessen an die
deutsch-französische Grenze beordert wurden, leider nicht. Und die
Emotionen auf französischer Seite kochen wieder hoch.
Ich scrolle mich durch mehr als 300 Kommentare auf Facebook. Fast
ausschließlich wütende und geschockte Reaktionen, hauptsächlich von
Menschen, die auf der französischen Seite der Grenze leben.

„Die können kommen und die Wasserregale in unseren Supermärkten
plündern. Solange die für Plastikflaschen kein Pfand zahlen müssen,
haben die auch keine Angst, sich anzustecken, aber wehe wir kommen
rüber…Das ist was ganz anderes.“

Das ist noch einer der harmloseren Wutausbrüche und trotzdem fasst er
die Stimmungslage vieler Französinnen und Franzosen im Grenzgebiet
gut zusammen: Die hyper-korrekten Deutschen, die Besserwisser,
diejenigen, die die Pandemie eigentlich im Griff hätten, gäbe es da nicht
das coronaverseuchte Nachbarland.

Das klingt extrem hart. Und das ist es auch. Der Blick vieler Menschen in
der französischen Grenzregion auf die deutschen Nachbarn hat sich
durch die Pandemie völlig verändert. Besonders traurig macht mich das
„die“ und „wir“, diese Abgrenzung, die es auf einmal wieder gibt – und
zwar von beiden Seiten. Lange Zeit war da nämlich nur ein „wir“ – „wir“ in
der Grenzregion, einem gemeinsamen Wirtschaftsraum, vor allem aber
einem gemeinsamen Lebensraum.

Ich bin genau dort aufgewachsen. In Saarbrücken, einer Stadt, die direkt
an Frankreich grenzt, in einer Stadt, in der man fast genauso viel
Französisch hört wie Deutsch. In einer Region, in der Französinnen und
Franzosen keine Ausländer, sondern Mitbürger sind.

Und der Blick der Grenzfranzosen auf die Grenzdeutschen war,
zumindest seit ich denken kann, meist wohlwollend: eine gelebte
Nachbarschaft, respektvoll und anerkennend. Mit Corona hat sie einen
Knacks bekommen. Pendler fürchteten um ihre Arbeitsplätze, lange
Staus sorgten für Unmut an den Grenzübergängen, Französinnen und
Franzosen, die zum Beispiel nach der Arbeit im Saarbrücker
Krankenhaus noch eben schnell einkaufen gingen – sie hatten ja einen
gültigen Passierschein –, wurden auf dem Supermarktparkplatz
beschimpft: „dreckiger Franzose“, „Virenschleuder“. Das überwunden
geglaubte Misstrauen gegenüber den Deutschen kam mit Wucht zurück.

Während der Hochphase der Pandemie von März bis Mitte Juni 2020
waren die Grenzen geschlossen. Erst nach Wochen und großem
Engagement regionaler Politiker von beiden Seiten der Grenze konnte
eine Ausnahmeregelung für Grenzgänger durchgesetzt werden. Besser
hat es das aber kaum gemacht. Straßensperren wurden an den Grenzen
aufgebaut. Ohne triftigen Grund – und der Familienbesuch fiel nicht
darunter – galt: überqueren verboten. Nur wenige Grenzübergänge
waren offen, kontrolliert zuerst einmal nur von der deutschen Polizei. Auf
einmal standen die wieder da, an der Grenze, erzählte mir eine
Französin. Deutsche Polizisten. Ein Auge zudrücken und die Leute
pragmatisch über die Grenze lassen? Fehlanzeige: Man habe
Vorschriften und an die werde sich strikt gehalten. Deutsch korrekt,
Gründlichkeit par excellence. Während meiner gesamten Schulzeit an
einer deutsch-französischen Schule, mit französischen Lehrerinnen und
Schülern, galt die „deutsche Gründlichkeit“ immer eher als Plus denn als
negative Eigenschaft. Zum Beispiel, als die Polizei direkt vor unserer
Schule eine Halteverbotszone einrichtete. Eltern, aus Frankreich und aus
Deutschland, blockierten nämlich nach Schulschluss regelmäßig die
Straße, damit ihre Kinder bloß keinen Meter zu viel laufen mussten, um
ins Auto zu steigen. Gefährliches Chaos, für uns Schüler und für andere
Autofahrer. Also griff die Polizei durch, verteilte Strafzettel. Deutsche
Gründlichkeit, die gut ankam. Nun ist sie für viele Menschen im
französischen Grenzgebiet wieder der Inbegriff der deutschen
Machtdemonstration und ein klares „Ihr seid bei uns nicht willkommen“.

Im Rest von Frankreich allerdings war und ist noch immer kaum etwas
von den Ressentiments gegen Deutsche zu spüren. Während der
Hochphase der Pandemie verfolgte ich die angespannte Situation in
meiner Heimat, im deutsch-französischen Grenzgebiet, von Paris aus,
wo ich nun lebe und arbeite.

Dort schauten viele Menschen eher anerkennend nach Deutschland und
auf die Deutschen. Im Gegensatz zu Frankreich lief das
Coronamanagement anfangs ja gut. Durchdachter, sagten einige meiner
französischen Freunde. Die Deutschen können eben organisieren. Keine
Krankenhäuser an der Belastungsgrenze, niedrige Fallzahlen, kein allzu
harter Lockdown. Vor allem die Kanzlerin und ihre ruhige, pragmatische
Art, ihre natürliche Autorität wurden immer wieder hervorgehoben. Ganz
anders agiere sie als Frankreichs Präsident Macron und die französische
Regierung, die ihren Bürgerinnen und Bürgern kein Vertrauen
entgegenzubringen schienen und alles mit harter staatlich-
zentralistischer Hand regeln wollten. Bewunderung für die Deutschen
und ihr Krisenmanagement, dort wo kaum einer persönlich von den
Auswirkungen betroffen war.

Anders als im Grenzgebiet, wo das deutsche Krisenmanagement
tausenden Menschen den Alltag zusätzlich schwerer machte.

19 saarländische Bürgermeister und Bürgermeisterinnen versuchten
gegenzusteuern. Mit einer gemeinsamen Videobotschaft an ihre
französischen Partnerstädte. Auf Französisch schickten sie Grüße und
mentale Unterstützung an ihre Kolleginnen und Kollegen jenseits der
Grenze. Es gibt sie doch noch, die Solidarität seitens der Deutschen,
schrieb mir eine Bekannte, als sie das Video sah. Sie sei erleichtert,
dass zumindest auf lokaler und regionaler Ebene etwas passiere, um
das negative Bild der Deutschen wieder etwas aufzuhellen. Anders als
Menschen in ihrem direkten Umfeld war sie nie wirklich wütend auf die
Nachbarn. Sie war, wie ich auch, eher geschockt, erschüttert und tief
traurig darüber, wie schnell eine langsam gewachsene Freundschaft und
Zuneigung in die Brüche gehen kann.

Und dann kam der Tag, an dem das Saarland den ersten französischen
Corona-Patienten aus dem benachbarten Lothringen aufnahm. Dort
waren die Krankenhäuser an ihrer Belastungsgrenze, Intensivpatienten
wurden nach Deutschland, insgesamt 28 ins Saarland ausgeflogen, im
Herbst 2020 nahm das Land noch einmal Menschen aus Frankreich auf.
Von Paris aus hatte ich damals per Telefon eine französische Kollegin
interviewt. Sie arbeitet bei einem Fernsehsender in Lothringen. Zum
ersten Mal seit der Grenzschließung, sagte sie mir, habe sie das Gefühl,
dass doch noch etwas da sei, von der deutsch-französischen
Freundschaft. Eine starke Geste der Solidarität, die viele Menschen auf
der französischen Seite der Grenze schon nicht mehr für möglich
gehalten hatten.

Die Aufnahme der schwer kranken französischen Covid-Patienten, die
wohl ohne saarländische Hilfe nicht überlebt hätten, habe geholfen, die
Wogen ein bisschen zu glätten. Das Misstrauen, die Wut und der Ärger
über das deutsche Verhalten war, wenn auch nicht vergessen,
zumindest abgemildert.

Vielleicht hat sich auch deshalb in Paris und Berlin kaum einer ernsthaft
Gedanken darüber gemacht, ob das deutsch-französische Verhältnis
durch die deutsche Pandemie-Politik massiv geschädigt wurde. Nach
dem katastrophalen Beginn der Krise sind Frankreich und Deutschland
auf politischer Ebene enger zusammengerückt. Ausnahmeregelungen
für Menschen in den Grenzregionen wurden beschlossen, gemeinsame
Testzentren wurden eingerichtet. Nicht nur grenzüberschreitend,
sondern auch auf nationaler Ebene wurde der Dialog, wurde die
Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern verstärkt. Zwar stuft das
deutsche Robert-Koch-Institut immer wieder französische Regionen,
auch Grenzregionen als Hochrisiko- oder Virusvariantengebiete ein,
obwohl die Inzidenzwerte in beiden Ländern auf unterschiedlichen
Grundlagen berechnet werden und somit nicht vergleichbar sind.
Immerhin aber wird nun die französische Seite mit ausreichend Vorlauf
informiert und die Regionen wissen heute mit solchen Situationen
pragmatisch umzugehen. Neue Grenzschließungen gab es nicht mehr.

Trotzdem: Die Wunden, die die Pandemie geschlagen hat, sind noch
nicht vernarbt. Die Wut, der Ärger, das Misstrauen gegen die deutschen
Nachbarn und auch die Traurigkeit, die viele Menschen im französischen
Grenzland empfunden haben, sind gerade einmal mit dünnem Schorf
überzogen. Diese tiefen Wunden müssen gut versorgt und gepflegt
werden, damit sie nicht ständig wieder aufreißen. Und Bundespolizisten,
die ohne Kenntnis der Ausnahmeregelungen Französinnen und
Franzosen an der saarländischen Grenze kontrollieren, sind alles andere
als Wund- und Heilsalbe.
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