Open-Access-Tage 2021: Partizipation - B.I.T. online

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Open-Access-Tage 2021: Partizipation - B.I.T. online
Hirschmann | Rees                                                                                                            REPORTAGEN                                    1

Open-Access-Tage 2021: Partizipation
Barbara Hirschmann, Rainer Rees
Hirschmann | Rees

Vom 27. bis 29. September 2021 fand die 15. Ausgabe der Open-Access-Tage, der größten
deutschsprachigen Konferenz zu Open Access und Open Science, statt. Drei Tage lang diskutierten
Vortragende und Teilnehmende unter dem Tagungsmotto „Partizipation“ die vielfältigen
Herausforderungen, vor denen die Open-Access-Bewegung insbesondere mit Blick auf die Themen
Teilhabe und Chancengleichheit steht. Ausgerichtet wurde die Konferenz vom Projekt
open-access.network, aufgrund der COVID-19-Pandemie im Online-Format.

Eröffnungs-Keynote
❱ Einen gelungenen Einstieg in das Tagungsthema
bereitete Laura Czerniewicz von der Universität Kap-
stadt mit ihrer Keynote zu Open Access und sozia-
ler Gerechtigkeit1. Sie erinnerte die Teilnehmenden
daran, dass bereits in den beiden „Gründungsdoku-
menten“ der Open-Access-Bewegung, der Budapest
Open Access Initiative (2002)2 und der Berlin Decla-
ration of Open Access (2003)3 die Intention vorhan-
den war, durch Open Access bessere Bedingungen
für mehr soziale Gerechtigkeit zu schaffen. Dieselbe
Intention stellt sie zwar auch in Entwürfen aktueller
Policy-Dokumente, wie der UNESCO Empfehlung zu                           nicht um transformative Lösungsstrategien handle.
Open Science4, fest, doch sei die aktuelle Situation                     In der anschließenden Diskussion sprach sich Czer-
im wissenschaftlichen Publikationswesen weit davon                       niewicz dafür aus, dass gerade etablierte Forschende
entfernt, diesen Anspruch tatsächlich einzulösen. Im                     ihre privilegierte Position dafür nutzen sollten, gegen
Diskurs um Open Access sowie den vorherrschenden                         die neokolonialen Strukturen des Wissenschaftsbe-
Geschäftsmodellen konstatiert sie eine dreifache Ge-                     triebs zu agieren.
rechtigkeitsproblematik – nämlich jene der ungerech-
ten Verteilung von Ressourcen (maldistribution), der                     Vorträge und Workshops
fehlenden Anerkennung und Repräsentation (misre-                         In den nachfolgenden Vortragssessions und Work-
cognition) sowie des ungleichen Zugangs zu Macht                         shops wurde dem Thema Partizipation vor allem durch
(misframing). Sie belegte dies mit zahlreichen Bei-                      einen Fokus auf nichtkommerzielle Publikationsinfra-
spielen, die zeigten, wie sowohl Forschende aus dem                      strukturen Rechnung getragen. Den Start machte ein
Globalen Süden als auch Forschung über den Globa-                        Workshop mit dem Titel „How Open Infrastructure
len Süden durch die derzeit praktizierten Formen des                     Benefits Libraries“, in welchem in Panels und Grup-
Open Access in eine neue Unsichtbarkeit und Abhän-                       pendiskussionen die Beziehung zwischen Bibliothe-
gigkeit gedrängt werden und wie sich das sogenann-                       ken und Betreibern offener Infrastrukturen diskutiert
te Open Web zunehmend fragmentiere und ausschlie-                        wurde. In weiteren Sessions stellten die Vortragen-
ßend wirke. Auch vorhandene Ansätze, welche derlei                       den innovative fachspezifische Publikationsdienste
Ungerechtigkeiten zu überwinden helfen sollen – von                      abseits der kommerziellen Verlagsangebote, Finan-
APC-Waivers über Initiativen wie Research4Life5 –                        zierungsmodelle für OA-Buchpublikationen sowie ver-
bewertete sie ambivalent, da es sich um affirmative,                     schiedene Mehrwertdienste rund um Open Access

1 Czerniewicz, Laura: Open access and social justice, 2021. https://doi.org/10.5281/zenodo.5543440
2 Chan, Leslie/ Cuplinkas, Darius Cuplinkas/ Eisen, Michael et al.: Budapest Open Access Initiative, 2002. 
  https://www.budapestopenaccessinitiative.org [01.11.2021].
3 Max Planck Gesellschaft et al.: Berlin Declaration on Open Access to Knowledge in the Sciences and Humanities, 2003. 
  https://openaccess.mpg.de/Berliner-Erklaerung [01.11.2021].
4 UNESCO: Draft Recommendation on Open Science, 2021. https://unesdoc.unesco.org/ark:/48223/pf0000378841 [01.11.2021].
5 https://www.research4life.org [01.11.2021].

www.b-i-t-online.de                                                                                                        24 (2021) Nr. 6                        online
                                                                                                                                             Bibliothek. Information. Technologie.
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2                     REPORTAGEN                                                                                                                               Hirschmann | Rees

                                        – vom Zeitschriften-Empfehlungstool bis zum ORCID-                       me für Open-Access-Publikationskosten sowie die
                                        Monitoring – vor. Ein Highlight in dieser Programm-                      Herausforderungen des Compliance Monitoring für
                                        schiene erwartete die Teilnehmenden zum Ende der                         Open-Access-Mandate. Die Vermittlung von Open-
                                        Veranstaltung: eine Session mit dem Titel „Glänzende                     Access-Themen an Studierende, Mitarbeitende und
                                        Aussichten: Standards für nicht-kommerziellen OA“.                       Multiplikatorinnen/Multiplikatoren war Thema der
                                        Isabella Meinecke, Tim Boxhammer und Xenia van                           Session „OA in der Aus- und Weiterbildung“, hier lag
                                        Edig gaben hier einen Einblick in die institutionellen                   ein besonderer Fokus auf kollaborativen und partizi-
                                        Publikationsdienste der SUB Hamburg6 und der TIB                         pativen Vermittlungsformaten.
                                        Hannover7 und konnten überzeugend darlegen, war-
                                        um gerade Bibliotheken in besonderem Maße dafür                          Postersession
                                        geeignet sind, Publikationsangebote zu schaffen, bei                     Die Postersession der Open-Access-Tage fand eben-
                                        denen Compliance mit Standards und Best Practices                        falls virtuell auf Gather.town10 statt. So konnten die
                                        nicht nur leere Schlagwörter bleiben. Zuvor stellte Va-                  Teilnehmenden mit ihrem Avatar von Poster zu Poster
                                        nessa Proudman die Ergebnisse einer von Coalition                        schlendern, fast wie auf einer physischen Veranstal-
                                        S in Auftrag gegebenen und von Science Europe fi-                        tung. Der Charme der an frühe Videospiele erinnern-
                                        nanzierten Studie8 zum „Community-driven open ac-                        den Grafik von Gather.town trug dazu bei, dass sich
                                        cess publishing“ vor9. Sie belegte anhand konkreter                      die Teilnehmenden größtenteils sehr schnell zurecht-
                                        Zahlen, dass die oft wahrgenommene Übermacht der                         fanden.
                                        APC-basierten Zeitschriften gegenüber den nicht-                         Thematisch spannten die Poster einen breiten Rah-
                                        APC-basierten sich zumindest im Publikationsout-                         men auf. Bei einer Mehrheit der Poster lag der Fokus
                                        put nicht belegen lässt: Während in APC-pflichtigen                      aber auf Projekten und Initiativen die einen kollabo-
                                        Zeitschriften jährlich ca. 450.000 Artikel erscheinen,                   rativen oder institutionsübergreifenden Ansatz hatten
                                        sind es in Diamond OA Zeitschriften immerhin auch                        und so dem Konferenzmotto durchaus gerecht wur-
                                        bereits 350.000 Artikel. Den zahlreichen Herausfor-                      den. Schwerpunkte waren technische Implementie-
                                        derungen, vor denen Diamond OA Herausgeber ste-                          rungen, disziplinspezifische Initiativen und hier spe-
                                        hen, empfiehlt die Studie durch Maßnahmen des Ca-                        ziell die Geistes- und Sozialwissenschaften, regiona-
                                        pacity Building zu begegnen – seien es Partnerschaf-                     le Projekte und Open Access für spezielle Publikati-
                                        ten, gemeinsame Trainings, Projekte und Services                         onstypen. Etwas bedauerlich war, dass nur zwei der
                                        – sowie durch die Entwicklung nachhaltiger Finanzie-                     18 Poster nicht aus Deutschland kamen. Gerade bei
                                        rungsmodelle. Insgesamt hat diese Studie sicherlich                      diesem Motto wäre ein breiteres Herkunftsspektrum
                                        maßgeblich dazu beigetragen, die Leistungen der ak-                      wünschenswert gewesen.
                                        tuell knapp 30.000 institutionellen, community-ba-                       Einen medienneutralen Publikationsprozess zu entwi-
                                        sierten und wissenschaftsgetriebenen Diamond-OA-                         ckeln, der geringes technisches Know-how benötigt,
                                        Zeitschriften mit Daten zu belegen und damit an die                      kostengünstig und daher auch für kleinere Einrichtun-
                                        Oberfläche der Open-Access-Diskussion zu holen.                          gen und Verlage attraktiv wäre, ist das Ziel von Open
                                        Auch abseits der vom Konferenzmotto geprägten Vor-                       Source Academic Publishing Suite11. Ein weiteres vor-
                                        träge und Workshops gab es an diesen Open-Access-                        gestelltes Projekt war OPTIMETA12, das die Attrakti-
                                        Tagen einiges zu entdecken und zu diskutieren. In der                    vität von unabhängigen Open-Access-Zeitschriften
                                        Session „Aktuelles von den Forschungsförderern“                          erhöhen will, indem es OJS13 Plugins entwickelt, die
                                        diskutierten Vortragende der Deutschen Forschungs-                       die Erfassung von Zitationsnetzwerken und den räum-
                                        gemeinschaft und des Schweizer Nationalfonds ak-                         lichen und zeitlichen Metadaten von Artikeln ermög-
                                        tuelle Entwicklungen rund um ihre Förderprogram-                         licht.

                                        6 Meinecke, Isabelle/ Boxhammer, Tim: ‚Shine bright like a diamond‘. Wie institutionelle Publikationsdienste offene Wissenschaft fördern, 2021.
                                          https://doi.org/10.5281/zenodo.5535475
                                        7 Van Edig, Xenia: Nicht-kommerziell ist nicht genug. Warum formale Standards auch für IHRE Publikation eine Rolle spielen (sollten), 2021.
                                          https://doi.org/10.5281/zenodo.5530335
                                        8 Bosman, Jeroen/ Frantsvåg, Jan Erik/ Kramer, Bianca et al.: OA Diamond Journals Study. Part 1: Findings, 2021.
                                          https://doi.org/10.5281/zenodo.4558704
                                        9 Proudman, Vanessa: Building human and financial capacity for Diamond OA, 2021. https://doi.org/10.5281/zenodo.5535775
                                        10 https://www.gather.town [01.11.2021].
                                        11 Söllner, Konstanze/ Putnings, Markus/ Hoffmann, Astrid et al.: Open Source Academic Publishing Suite (OS-APS): Medienneutrales
                                           OA-Publizieren im eigenen Corporate Design, 2021. https://doi.org/10.5281/zenodo.5526591
                                        12 Nüst, Daniel/ Hauschke, Christian/ Cordts, Anette et al.: Das Projekt OPTIMETA – Stärkung des Open-Access-Publikationssystems durch
                                           offene Zitationen und raumzeitliche Metadaten, 2021. https://doi.org/10.5281/zenodo.5526785
                                        13 OJS: Open Journal Systems. https://pkp.sfu.ca/ojs/ [01.11.2021].

                     online 24 (2021) Nr. 6
Bibliothek. Information. Technologie.
                                                                                                                                                               www.b-i-t-online.de
Open-Access-Tage 2021: Partizipation - B.I.T. online
Hirschmann | Rees                                                                                                                    REPORTAGEN                                    3

Optisch sehr gelungen war ein Poster14, das die Er-                      Open-Access-Community auf dem Weg zur Bildung
gebnisse einer Umfrage unter Forschenden, Biblio-                        einer echten epistemischen Gemeinschaft dienen.
thekarinnen und Bibliothekaren vorstellte. Neben                         Die Open-Access-Tage 2021 zeichneten sich durch ei-
großen Potentialen von Open Access an den Einrich-                       ne gelungene Mischung von detailreichen fachlichen
tungen, wurde als größtes Defizit fehlende Infrastruk-                   Beiträgen mit Vorträgen und Diskussionen, die das
tur ausgemacht. Wie solche Probleme teils auf Lan-                       Big Picture und den roten Faden zum Tagungsthema
des- oder auf Bundesebene gelöst werden können,                          boten, aus. Offen blieb die Frage, wie eine Konferenz
wurde anhand von zwei weiteren Postern gezeigt15,16.                     für den deutschsprachigen Raum dem partizipativen
Das BMBF geförderte Verbundprojekt OAPEnz17 will                         Anspruch auf globaler Ebene mit Blick auf die Vortra-
die Partizipation der Geistes-, Sozial- und Bildungs-                    genden tatsächlich gerecht werden kann.
wissenschaften bei Open Access erhöhen, indem es                         Den Konferenzorganisatorinnen und -organisatoren
die Veröffentlichung eines „lebendigen“ Handbuchs                        gebührt ein Dank für die professionelle Vorbereitung
zum Thema „Politik und Geschlecht“ auf der Publika-                      und Umsetzung dieser Online-Tagung, inklusive zahl-
tionsplattform PUBLISSO fördert. Alle Posterbeiträge                     reicher Möglichkeiten zum informellen Austausch von
sind auf der Zenodo Community «Open-Access-Tage                          spontanen Thementischen bis hin zum Spieleabend
2021»18 verfügbar.                                                       in Gather.town. Einem Wiedersehen vor Ort in Bern
                                                                         im nächsten Jahr sehen wohl die meisten Teilnehmen-
Abschluss-Keynote                                                        den mit Freude entgegen. ❙
Am letzten Konferenztag erwartete die Teilnehmen-
den eine weitere Keynote19, diesmal von Margo Bar-
gheer von der SUB Göttingen. Aus einer ethnogra-
phisch geleiteten Perspektive auf Open Access als
kulturellem Phänomen argumentierte Bargheer, dass
der partizipative Anspruch von Open Access nicht al-
lein durch einen möglichst freien Zugriff auf Inhalte
eingelöst werden könnte, sondern dass sich rund um
das Thema Open Access eine „epistemische Gemein-
schaft“ bilden müsse, die zur eigentlichen Treiberin
von Veränderungen werden kann. Sie sieht diese epi-
stemische Gemeinschaft als Netzwerk von Expertin-
nen und Experten, die sich gemeinsamen Werten ver-                                         Barbara Hirschmann
pflichten, gemeinsame Ziele definieren und dadurch                                         ETH-Bibliothek, ETH Zürich
Macht erlangen, um Veränderungen zu bewirken. Ei-                                          barbara.hirschmann@library.ethz.ch
ne solche notwendige Veränderung sei es, die Zivil-                                        orcid.org/0000-0003-0289-0345
gesellschaft mittels echter Beteiligung in die Diskus-
sion um Open Access hereinzuholen. Nur so sei der
Weg von den aktuellen Bedingungen der Ungleichheit                                         Dr. Rainer Rees
nicht nur zu Chancengleichheit, sondern hin zu Ge-                                         ETH-Bibliothek, ETH Zürich
rechtigkeit zu schaffen. Die neu überarbeitete Platt-                                      rainer.rees@library.ethz.ch
form open-access.network – deren Relaunch eben-                                            orcid.org/0000-0003-4963-2319
falls im Rahmen der Open-Access-Tage stattfand –
könnte aus Bargheers Sicht der deutschsprachigen

14 Halbherr, Verena/ Reimer, Nadine/ Paichard, Marine et al.. Open Access an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften und Pädagogischen
   Hochschulen in Baden-Württemberg: Potentiale und Defizite, 2021. https://doi.org/10.5281/zenodo.5526742
15 Eppelin, Anita/ Falkenburg, Philipp: Eine neue Open-Access-Adresse im Land Brandenburg: Die Vernetzungs- und Kompetenzstelle Open
   ­Access Brandenburg — VuK, 2021. https://doi.org/10.5281/zenodo.5526617
16 Kirchner, Andreas/ Schneider, Hannah/ Schultze-Motel, Paul: Open Access Helpdesk: Behind the Scenes, 2021.
   https://doi.org/10.5281/zenodo.5526716
17 Geuenich, Michael/ Deller, Franziska/ Sper, Vivian: OAPEnz. Open-Access-Publikation von enzyklopädischen Handbüchern, 2021. 
   https://doi.org/10.5281/zenodo.5526661
18 https://zenodo.org/communities/oat21/search?page=1&size=20&type=poster [01.11.2021].
19 Bargheer, Margo: Partizipation durch Open Access – ein nur teilweise eingelöstes Versprechen, 2021.
   https://doi.org/10.5281/zenodo.5535609

www.b-i-t-online.de                                                                                                                24 (2021) Nr. 6                        online
                                                                                                                                                     Bibliothek. Information. Technologie.
Open-Access-Tage 2021: Partizipation - B.I.T. online
4                     REPORTAGEN                                                                                                                  Seeliger | Gröpler

 Wildau – ein virtueller Wiederholungstäter
 KI-Technologien und Roboter werden hier noch getrennt diskutiert

 Frank Seeliger und Johanna Gröpler
 Seeliger | Gröpler

                                        ❱ In Abwandlung eines Zitats in der                                                    Bericht zu zukunftsfesten Biblio-
                                        ethnologischen Ausstellung des                                                         theken entstanden.2
                                        neu eröffneten Berliner Humboldt-                                                      Lag der Fokus der Panelisten di-
                                        Forums möge man die Klammer                                                            verser Provenienz (Architekt, Mi-
                                        setzen: I have a library frame of re-                                                  crosoft,     Goethe-Institut,   For-
                                        ference and a librarian worldview.                                                     schungseinrichtung bis Bibliothek)
                                        Um diesen Standpunkt zu teilen,                                                        insgesamt auf dem realen Raum,
                                        gleichfalls über den gesetzten Rah-                                                    lud der spätere Nachmittag zu
                                        men hinaus zu blicken, dafür kann                                                      dessen Erweiterung um digitale
                                        man sich u.a. in das brandenburgi-                                                     Angebote ein. Es folgte das erste
                                        sche Retreat begeben.                                                                  deutschsprachige wie informelle
                                        Für das jährlich im September                                                          Treffen der Anwender-Community
                                        stattfindende Wildauer Bibliotheks-                                                    von Robotern in Bibliotheken, Ma-
                                        symposium1 an der Technischen                                                          schinen, die in den physischen Ort
                                        Hochschule Wildau wurde die 13                                                         eingreifen und sich nur dort tum-
                                        zu einer Glückszahl. So oft fand das weiland um RFID                 meln können. Es war ein Erfahrungsaustausch, der
                                        herum entstandene Symposium schon statt und die                      formaler – so die Antragsstellung – auf dem nahen-
                                        drei Themenschwerpunkte trugen über beide Nach-                      den Leipziger Bibliothekskongress 2022 mit einem
                                        mittage die online-Konferenz und mit ihnen die ca.                   eigenen Programmpunkt fortgeführt werden soll.
                                        100 diskussionsfreudigen Teilnehmerinnen und Teil-                   Viele haben in der Zeit der Pandemie ihre Entwick-
                                        nehmer. Man weiß zwar um die Gunst, dass diese                       lungsteams nicht ruhen lassen, was z.B. im Nachgang
                                        virtuelle Veranstaltungsform einiges erleichtert, wie                des Symposiums mit der Vergabe des Deutschen Le-
                                        die Teilhabe oder Expertinnen und Experten aus nah                   sepreises 2021 in der Kategorie „Leseförderung mit
                                        und fern zusammenzubringen, aber sie fordert gleich-                 digitalen Medien” sichtbar wurde. Dieser ging für den
                                        falls Kompromisse ein, z.B. den fehlenden informellen                sogenannten Leseroboter namens Ada an die Stadt-
                                        Austausch und direkten Draht zueinander. Und das                     bücherei Frankfurt.3 Ada wurde mit Unterstützung
                                        war gleichfalls das Thema zum Auftakt, der Raum, vir-                des Wildauer RoboticLabs4 aufgesetzt und reist als
                                        tuell versus real. Wie bedingen sich beide, muss man                 Leseroboter durch Frankfurts Stadtteilbibliotheken,
                                        zwillingsgleich beide Welten exakt gleich bespielen,                 was etwas an die Aktion des Goethe-Institutes mit
                                        oder hat das eine dem anderen gegenüber einen Vor-                   “robots in residence” erinnert.5 Die Kinder reagieren
                                        zug? Stellte sich die Frage anfangs vorwiegend den                   sehr aufgeschlossen auf den beweglichen Kameraden
                                        Kundinnen und Kunden von Informationseinrichtun-                     und können z.B. über die Plattform OpenRoberta6 Ada
                                        gen, Service am dritten Ort oder online in Anspruch                  sogar in Adas Code Factory mitprogrammieren, um
                                        zu nehmen, so stellt sich nun die Frage ebenfalls für                den Nao live tanzen oder sprechen zu lassen. Tech-
                                        Bibliotheksteams. Lohnt, wenn man wählen kann, der                   nische Barrieren stellen sich beim Sprachverständnis
                                        Weg zur Arbeit oder reicht Homeworking? Anders ge-                   heraus, ebenfalls datenschutzrechtliche Fragen sind
                                        fragt, welches sind die Mehrwerte physischer Prä-                    zu klären. Im Beitrag von der TH Wildau wurde die
                                        senz im Office, was ich in der Telearbeit und damit                  wiedererlangte Bedeutung des großen Roboters der
                                        zu Hause nicht vorfinde? Hierzu ist ein gesonderter                  Marke Pepper hervorgehoben, der ab Oktober für die

                                        1   www.bibliothekssymposium.de [15. November 2021].
                                        2   www.password-online.de/ vom 8. November 2021 [15. November 2021].
                                        3   https://youtu.be/Isipk8Og8kU [15. November 2021].
                                        4   https://icampus.th-wildau.de/icampus/de/roboticlab [15. November 2021].
                                        5   https://www.goethe.de/prj/one/de/gea/for/rip.html#i6903818 [15. November 2021].
                                        6   https://lab.open-roberta.org/ [15. November 2021].

                     online 24 (2021) Nr. 6
Bibliothek. Information. Technologie.
                                                                                                                                                 www.b-i-t-online.de
Open-Access-Tage 2021: Partizipation - B.I.T. online
Seeliger | Gröpler                                                                                                                       REPORTAGEN                                                          5

Bibliothek die Einzelschulungen übernimmt, nach de-
nen der 24/7 Zugang den Hochschulangehörigen er-
möglicht wird. Es wurden dabei gleichfalls Grenzen in
der Ausstattung mit Sensorik dieser Maschine her-
vorgehoben, was z.B. die Navigation in geschlosse-
nen Räumen erschwert. Andere Einsatzszenarien zur
kontaktfreien Orientierungshilfe und Kommunikation
mit Nutzerinnen und Nutzer und Nutzern, wie sie die
Pandemie gerade benötigt, wurden diskutiert. Ob es
das Befolgen von Hygienerichtlinien betrifft, das Sitz-
platzmanagement, die Überprüfung von aufgestellten
Regeln etc., Einrichtungen wie in Luzern arbeiten an
prototypischen Umsetzungen. Wie für Wildau etablie-
ren sich auch dort studentische Teams, welche Ent-
wicklungen an Pepper forcieren. Es wurde deutlich,
dass die Integration von Roboterfunktionalitäten in
den Bibliotheksbetrieb mühsame Kleinarbeit erfor-

                                                                                                                                                   © Fotos: Henning Wiechers
dert, Durchhaltevermögen, um schließlich das tech-
nisch Leistbare in einem vernünftigen Rahmen zu
bringen, der Fachkolleginnen/-kollegen wie Besuche-
rinnen/Besucher für sich einnimmt. Dem visionären
Vorschub, wie Science Fiction Medien Roboter agie-
ren lassen, ist dabei kaum nachzukommen. Das Rei-
                                                                         Pepper namens Wilma in der Bibliothek
fen erfolgt in teils sehr kleinen Schritten. Debattiert
wurde in dem Zuge ebenfalls, ob der Einsatz offener
Hard- wie Software zu eigens für Informationseinrich-
tungen konzipierten Robotern zielführender ist, als
mit fertigen Produkten Wünsche und Ideen umzuset-
zen.
Anders als auf dem internationalen Symposium in
Pretoria im November zu ‚Robots and AI in Libraries‘7
wurde auf dem hiesigen Hochschulcampus ‚noch‘
sauber getrennt zwischen den flinken menschenähn-
lichen Maschinen auf der einen und KI-Technologien
auf der anderen Seite. Um den kabellos-ferngesteuer-
ten Homunkulus zu einem autonom betriebenen Ro-
boter werden zu lassen, der aktuelle Umwelteinflüsse
auf eigene Interaktionen mittels KI-ähnlicher Algorith-
men mit berücksichtigt, klaffen zwischen Fiktion und
Wirklichkeit noch Welten bzw. haben beide zueinan-                       gener Bibliothekssymposien seit 2017. Auf dem dies-
der noch mehr als eine gute Wegstrecke vor sich, um                      jährigen lag das diskursive Hauptaugenmerk auf der
massen- wie praxistauglich zu werden.                                    Grundsätzlichkeit von KI-Assistenz in Informations-
Zu dem großen Komplex von Digitalisierung und Auto-                      einrichtungen und auf der Weiterbildung. In diesem
matisierung gilt es, eigene Kompetenzen aufzubauen                       Jahr erschien in der gleichen Zeitschrift in zwei Tei-
und Entwicklungen aus dem Bereich der KI-Technolo-                       len der Beitrag: „Zum erfolgversprechenden Einsatz
gie breit auf das Anwendungsgebiet Bibliotheken zu                       von KI in Bibliotheken. Diskussionsstand eines White
reflektieren, nicht nur auf Roboter. KI als Zukunfts-                    Papers in progress“,8 welcher aktuell ins Englische
technologie stand mehrmals im Fokus vorangegan-                          übertragen wird, um die Grundlage für eine Session

7 www.up.ac.za/cf-robotics_ai2021 [15. November 2021].
8 Seeliger, Frank/ Puppe, Frank/ Ewerth, Ralph/ Koch, Thorsten/ Kasprzik, Anna/ Maas, Jan Frederik/ Poley, Christoph/ Mödden, Elisabeth/
  Degkwitz, Andreas/ Greifeneder, Elke: „Zum erfolgversprechenden Einsatz von KI in Bibliotheken. Diskussionsstand eines White Papers in
  progress“. Teil 1, in: b.i.t.online 24(2021) S. 173-178; Seeliger, Frank/ Puppe, Frank/ Ewerth, Ralph/ Koch, Thorsten/ Kasprzik, Anna/ Maas,
  Jan Frederik/ Poley, Christoph/ Mödden, Elisabeth/ Degkwitz, Andreas/ Greifeneder, Elke: „Zum erfolgversprechenden Einsatz von KI in Bib-
  liotheken. Diskussionsstand eines White Papers in progress“. Teil 2, in: b.i.t.online 24(2021) S. 290-299.

www.b-i-t-online.de                                                                                                                    24 (2021) Nr. 6                                              online
                                                                                                                                                                               Bibliothek. Information. Technologie.
Open-Access-Tage 2021: Partizipation - B.I.T. online
6                     REPORTAGEN                                                                                                                     Seeliger | Gröpler

                                                                                    © Fotos: Henning Wiechers
Nao-Roboter                             auf dem Weltbibliothekskongress bzw. der 87th IFLA                      eines bereits vorliegenden Textes ein. Das Recherche-
aus dem                                 WLIC 2022 Dublin zu sein. Dieser zweiteilige Beitrag                    ergebnis wird in Form einer „research map“ darge-
­Wildauer
                                        liefert den Ausgangspunkt für die Fortsetzung des vir-                  stellt, in der man über das Auswählen von Schlagwor-
 ­RoboticLab
                                        tuellen Symposiums in den zweiten Nachmittag.                           ten entweder passende Papers entdecken oder durch
                                        Die Frage: „Wie kann eine Universitätsbibliothek In-                    das Ausschließen von Konzepten und Schlagworten
                                        formationsanfragen ihrer Nutzerinnen und Nutzer                         die Ergebnisliste eingrenzen und die Suchanfrage kon-
                                        am besten bedienen?“ stand zu Anfang (eines gan-                        kretisieren kann. Wenn Plagiatssoftware nach Ähn-
                                        zen Fragenkatalogs, der nach dem erwähnten Artikel                      lichkeiten von Zitatstellen und Inhalten zwischen ei-
                                        noch abzuarbeiten war) im Fokus. Die Expertinnen                        ner zu prüfenden Arbeit und Publikationen sucht im
                                        und Experten kamen aus der KI-Forschung, der KI-be-                     Sinne guter wissenschaftlicher Praxis, dann liegt bei
                                        zogenen Produktentwicklung, aus der Leitung großer                      dem Produkt Iris.ai der matching-Fokus darauf, eine
                                        Bibliotheken und aus dem Umgang mit öffentlichen                        Fragestellung oder Forschungsidee durch Hinweise zu
                                        wie strukturierten Daten im Umfeld von Informations-                    vergleichbaren Konzepten in Publikationen reifen und
                                        einrichtungen und Wikidata als Ausgangspunkt für                        anreichern zu lassen. Eine interdisziplinär aufgesetz-
                                        weitere Anwendungen wie ebenfalls KI.                                   te Testphase betrifft aktuell die Wildauer Hochschule.
                                        Naturgemäß ging es dabei sowohl um die Unterstüt-                       Die Einschränkung der Nutzbarkeit von neuen KI-
                                        zung der Kundinnen und Kunden bei der Recherche                         Tools auf Open-Access-Literatur wurde in dem Sinne
                                        als auch der Bibliotheksmitarbeiterinnen/-mitarbei-                     thematisiert, dass trotz rechtlicher Möglichkeiten für
                                        ter beispielsweise bei der Sacherschließung. Dabei                      ein Text- und Datamining (TDM) zur semantischen Er-
                                        herrschte Konsens, dass die klassischen Recherche-                      schließung des lizenzierten Bestandes die praktische
                                        mittel nicht notwendigerweise Bestand haben müs-                        Anwendbarkeit sehr eingeschränkt ist. Ähnlich den
                                        sen, um das Informationsbedürfnis von unterschied-                      datenschutzrechtlichen Bestimmungen, die persona-
                                        lichsten Nutzerinnen und Nutzern zu bedienen. Zu-                       lisierte Services schwerlich gedeihen lassen, liefern
                                        nehmend an Bedeutung gewinnen Funktionen wie                            TDM-Ansätze kaum Erfolge, welche im Wettbewerb
                                        personalisierte Informationszuschnitte und -extrakte                    mit anbieterähnlichen Dienstleistungen wie von den
                                        sowie nachfragegerechte Recherchevorschläge. Dar-                       Verlagen selbst mithalten könnten. Vertragliche Rest-
                                        aus resultierende Angebote und Dienste basieren bis-                    riktionen bestehen z.B. beim TDM darin, dass den Bi-
                                        lang ausschließlich auf Open-Access-Publikationen.                      bliotheken für die Erfassung der Metadaten TDM teil-
                                        Neben dem semantischen Recherchedienst YEWNO,                           weise zwar erlaubt ist, den Endnutzerinnen und -nut-
                                        welcher an der Bayerischen Staatsbibliothek seit Jah-                   zern allerdings nicht.
                                        ren Verwendung findet9, kam hier ein Tool aus Nor-                      Eine andere, typischerweise mit KI-Technologie asso-
                                        wegen zum Tragen. Das KI-basierte Tool Iris.ai10 geht                   ziierte Anwendung, sind Chatbots als Frage-Antwort-
                                        über eine Schlagwortsuche o.ä. hinaus. Das Tool star-                   Maschinen an der Nutzerinnen- und Nutzerschnitt-
                                        tet erst nach ausreichender Beschreibung des Prob-                      stelle, wie sie bereits seit Jahren von Bibliotheken
                                        lems bzw. Hinterlegung von Text. Kundinnen und Kun-                     genutzt werden. Viele Chatbots sind allerdings wie-
                                        den beschreiben ein Problem oder geben ein Abstract                     der eingestellt worden, u.a. wegen der aufwendigen

                                        9 https://www.bsb-muenchen.de/suchen-und-finden/yewno/ [15. November 2021].
                                        10 https://iris.ai/ [15. November 2021].

                     online 24 (2021) Nr. 6
Bibliothek. Information. Technologie.
                                                                                                                                                    www.b-i-t-online.de
Open-Access-Tage 2021: Partizipation - B.I.T. online
Seeliger | Gröpler                                                                                                                      REPORTAGEN                                    7

Pflege der dahinterliegenden Knowledge-Base. Ange-                          (auch aus dem Bereich Digital Humanities) einen fach-
regt wurde eine gemeinsame Orchestrierung mehre-                            lichen Einstieg in die Welt der Algorithmen, des ma-
rer Chatbots bei bibliotheksübergreifenden Diensten                         schinellen Lernens, des Deep Learning, Mustererken-
zur Qualitätsverbesserung und Verringerung des War-                         nung und allgemein KI-Technologien zu ermöglichen.
tungsaufwandes. Nicht selten erwarten Nutzerinnen                           Mittels des methodischen Ansatzes, aus der Neugier-
und Nutzer – ähnlich wie beim Einsatz von Robotern                          de an praktischen KI-Anwendungen in vertiefendes
– mehr vom Chatbot, als das automatisch generier-                           Wissen zu KI einzusteigen, stehen das Entwickeln von
te Antwortspektrum tatsächlich ermöglicht. Eine Lö-                         Verständnis und Nachvollziehbarkeit im Vordergrund.
sung könnte die automatische Weiterleitung an eine                          Das als Zertifikatskurs angelegte Curriculum soll einen
menschliche Ansprechperson mit Angabe der Kon-                              Quereinstieg in das Thema ermöglichen. In der Struk-
taktdaten und -zeiten sein. Ein Beispiel für den kon-                       tur folgt es dem Ansatz Einführung und Voraussetzun-
kreten Einsatz ist der Chatbot von Sci-Hub für den                          gen, Grundlagen, Methoden, Werkzeuge, Einsatzsze-
Messenger Telegram, der nach der Eingabe einer DOI                          narien und Anwendungsbeispiele. Nach Absolvierung
das File in den Messengerchat stellt.11 Diese wäre                          des Curriculums soll mit dem angeeigneten Wissen
übertragbar auf die Bibliotheksrecherche, die direkt                        der sinnvolle und machbare Einsatz von KI auf die je-
im Messenger, einer Anwendung, die ohnehin eine                             weilige Einrichtung hin und den damit einhergehenden
große Anzahl an Menschen in Gebrauch hat, durchge-                          Aufgaben reflektiert werden können. Hierzu wird am
führt werden könnte.                                                        1. April 2022 ein zwei Online-Semester umfassender
Ein zentraler Wunsch der Diskutanten war auch die                           Zertifikatskurs starten. Das auf neun Module (jeweils
zentrale Nutzung von Community based research.                              10 x 90 Minuten) angelegte Curriculum wurde von den
Das heißt, dass das Ranking-Verfahren eigener Disco-                        Modulverantwortlichen steckbriefartig vorgestellt und
very- bzw. suchmaschinenbasierter Systeme bisheri-                          mit Interessenten diskutiert. Während erste Module
ge Nutzungen für die Listenerstellung mit einfließen                        Grundfertigkeiten wie in Python-Programmierung, der
lässt. Dabei muss die Auswertung bisherigen Recher-                         Datenaufbereitung und den dahinterliegenden statis-
cheverhaltens nicht nur auf die eigene Einrichtung be-                      tischen Verfahren liefern, fokussieren sich spätere
schränkt bleiben. Dies könne Anfängerinnen und An-                          auf Themenfelder wie Schriftenerkennung, Natural
fängern bei der Recherche helfen und Fortgeschrit-                          Language Processing (NLP), automatische Inhaltser-
tene wie bei Iris.ai auf Artikel aufmerksam werden                          schließung über Tools wie Annif,12 Federated Learning.
lassen, derer sie ansonsten nicht habhaft geworden                          Ein Modul wird sich mit den ethischen Aspekten zu KI
wären. Aber auch der Austausch der Bibliotheken mit                         beschäftigen, wie sie über den sogenannten Bias im-
der Wirtschaft und anderen potenziellen Anwendern                           mer wieder zum Tragen kommen. Es war allen Betei-
ist erwünscht.                                                              ligten wichtig, nach dem schriftlichen Aufschlag über
Zwei Panelisten wünschen sich generell mehr Expe-                           den Status quo zu KI und Bibliotheken ein Angebot zu
rimentierfreude seitens der Bibliotheken, allerdings                        schaffen, welches die Lücke zwischen Wissensstand
müssten dafür auch die entsprechenden Rahmenbe-                             und Herausforderung durchaus spielerisch zu schlie-
dingungen geschaffen werden, sodass auch Projekte                           ßen hilft. ❙
mit nicht garantiertem Erfolg im öffentlichen Bereich
möglich sind. Budgetierung und Vergaberecht sind
zwei Einflussgrößen. Bei der Anwendung von KI-Tech-
                                                                                               Frank Seeliger
nologien sieht man die Verbundzentralen als mögli-                                             Leiter der Hochschulbibliothek
che Mittler zwischen den Welten.                                                               TH Wildau
Im Fazit des ersten Teils zu KI-Technologien bleibt die                                        fseeliger@th-wildau.de
große Herausforderung bewusst, die auf Informations­
einrichtungen zukommt, wollen sie auch diese neuen,
technologiegetriebenen Möglichkeiten auf ihre Da-                                              Johanna Gröpler
tenbestände und Zuständigkeiten fest verankert se-                                             Projektmitarbeiterin in der Hoch-
hen. Ein steiniger Weg ist vorgezeichnet, gleichfalls                                          schulbibliothek und Koordinatorin der
die Vision.                                                                                    Schreibwerkstatt an der TH Wildau
Im zweiten Teil stand die Herausforderung im virtu-                                            johanna.groepler@th-wildau.de
ellen Raum, interessierten Kolleginnen und Kollegen

11 Erlinger, Christian: „Instant-Messenger Bots als alternative Suchoberfläche“, in: Informationspraxis Bd. 5, Nr. 1 (2019) S. 1-8.
12 https://annif.org/ [15. November 2021].

www.b-i-t-online.de                                                                                                                   24 (2021) Nr. 6                        online
                                                                                                                                                        Bibliothek. Information. Technologie.
Open-Access-Tage 2021: Partizipation - B.I.T. online
8                     REPORTAGEN                                                                                                              Ockenfeld

 Informationsreife, Erklärvideos auf TikTok,
 ­Vorgangsdokumentation mittels Tickets – und
  ­immer wieder der Ruf nach Informationskompetenz
 DGI-Forum am 28. und 29. Oktober 2021 diskutierte Konzeption, Steuerung und
 ­Evaluation der Informationsvermittlung und des Wissensaustauschs auf Distanz.

 Marlies Ockenfeld

                                        Erstmals online                                          senzworkshops traten Einzelinterviews über Video-
                                        ❱ Das DGI-Forum ist die Plattform für einen offenen      konferenzsysteme, deren räumliche Ungebundenheit
                                        wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Dis-     die Einbindung von schwer erreichbaren Personen
                                        kurs rund um aktuelle Themen im Umfeld „Informati-       ermöglichte. Digitale Workshops gelangen besser,
                                        on und Wissen“. Wie viele andere Tagungen konnten        wenn sich die beteiligten Personen kannten, über-
                                        sich im Pandemiejahr 2021 Fachleute aus Wissen-          schaubare Aufgaben gestellt wurden und der Fokus
                                        schaft, Bildung, Wirtschaft, Medien und Gesellschaft     auf dem Informationsaustausch oder dem Bearbeiten
                                        nicht wie zuvor im Zweijahresrhythmus in der tradi-      bereits bekannter Aufgaben lag.
                                        tionsreichen Leucorea der Lutherstadt Wittenberg         Tamara Heck und Sylvia Kullmann führten im Zusam-
                                        treffen, sondern begegneten sich in einem virtuellen     menhang mit der Vermittlung von Ergebnissen laufen-
                                        Videokonferenzraum. So passte das Tagungsthema           der Forschungsarbeiten den Begriff Informationsreife
                                        „Informationsvermittlung in Zeiten der Distanz“ nicht    ein. Die Besonderheiten der Wissenschaftskommu-
                                        nur in die Zeit, sondern auch zum Ort der Tagung, an     nikation sind vielen Außenstehenden nicht vertraut,
                                        der am 28. und 29. Oktober insgesamt knapp 60 Per-       so dass es leicht zu Missverständnissen und Skepsis
                                        sonen eine temporäre Netzgemeinschaft bildeten,          gegenüber wissenschaftlichen Ergebnissen kommt,
                                        darunter etliche, die sicherlich nicht nach Wittenberg   wenn diese im Verlauf des Forschungsprozesses re-
                                        gereist wären. Knapp 30 der Angemeldeten tauchten        vidiert werden müssen. Hier sind einerseits Vermitt-
                                        nicht auf, eine inzwischen fast übliche No-Show-Ra-      lungsinstanzen gefragt, andererseits müssen sich
                                        te bei unentgeltlichen Veranstaltungen im Netz. Von      auch die wissenschaftlich Tätigen ihrer Verantwor-
                                        denen, die dabei waren, gab es neben den Beiträgen       tung bewusst sein, gerade in Zeiten von Open Sci-
                                        im öffentlichen Chat oder mündlichen Diskussions-        ence, wo vorläufige Ergebnisse rasch publiziert wer-
                                        beiträgen auch viel bilateralen Austausch in privaten    den.
                                        Chats. Nach neunzehn Monaten hatten die meisten          Gunhild Berg untersuchte die Bedeutung von Social
                                        eine erfolgreiche Lernkurve hinter sich und gingen       Media zur Wissenschaftskommunikation in verschie-
                                        routiniert mit den Möglichkeiten der Plattform um.       denen Altersgruppen und wies auf die wachsende
                                        Zum Ausprobieren neuer Formen des gemeinsamen            Bedeutung von TikTok als Medium zur Informations-
                                        Forschens, Lernens, Lehrens und Arbeitens gehörte,       beschaffung und zum Wissensaustausch für die Jün-
                                        dass die Vortragenden zusätzlich zum üblichen Ab-        geren hin. Das Goethe-Institut reagiert darauf bereits
                                        stract vorab ein maximal zehnminütiges Video ein-        mit Lernvideos zum Deutschlernen. Die Probleme
                                        reichten, das als Teaser auf ihren Vortrag neugierig     und Gefährdungen wie Schutz persönlicher Daten,
                                        machen sollte. Wer sich angemeldet hatte, bekam Zu-      Intransparenz, Desinformation, problematische In-
                                        griff darauf und konnte sich vorab bereits mit einigen   halte dieser Werbeplattformen werden nicht hinläng-
                                        Thesen vertraut machen.                                  lich wahrgenommen. Die Förderung der Informations-
                                                                                                 kompetenz ist deshalb weiterhin dringlich und muss
                                        Forschung, Wissenschaft und Beratung                     dort erfolgen, wo sich die Zielgruppen aufhalten und
                                        Antje Michel von der FH Potsdam berichtete über die      informieren, also in den Social Media, die in ihrer Un-
                                        Erfahrungen in einem interdisziplinären Forschungs-      mittelbarkeit auch eine interaktive Bedarfsermittlung
                                        projekt zur räumlichen Mobilitätsplanung mit einem       und Beratung ermöglichen. Professorin Judith Acker-
                                        hybriden Workshop-Konzept und mithilfe eines digita-     mann nutzt für ihre kurzen Erklärvideos, etwa zur Li-
                                        len SmartUpLab-Stadtmodells. An die Stelle von Prä-      teraturrecherche, dafür erfolgreich ebenfalls TikTok.

                     online 24 (2021) Nr. 6
Bibliothek. Information. Technologie.
                                                                                                                                     www.b-i-t-online.de
Open-Access-Tage 2021: Partizipation - B.I.T. online
Ockenfeld                                                                                                          REPORTAGEN                                    9

Das Moderatorenteam des DGI-Forum 2021, Marlies               Gegenüberstellung von herkömmlichen und digitalen Maßnahmen zur
Ockenfeld, Justine Schöne, Michael Borchardt und Stefa-       ­Motivation, Information, Inspiration und Befähigung (Copyright Accenture)
nie Klein, mit der ersten Referentin Prof. Dr. Antje Michel

Welche Werkzeuge bei der Beratung auf Distanz an              che Formen der Wissensarbeit relativ einfach in den
die Stelle herkömmlicher Kommunikationsformen tre-            virtuellen Raum verlegt werden können und welche
ten, erläuterte Marie-Eve Menger von Accenture am             nur in einem physischen Umfeld gelingen. Sie betonte
Beispiel des Change-Managements, einem Prozess,               die Bedeutung von persönlichem Kontakt beim Ler-
der stark auf Informationsaustausch, gemeinsame               nen, etwa im Verhältnis Meister und Lehrling, wo die
Erarbeitung und Aneignung neuer Arbeitsprozesse               persönliche körperliche Anwesenheit und die unmit-
ausgerichtet ist. Leitungskräfte, die nicht mehr auf          telbare Mitwirkung im Arbeitsprozess den erfolgrei-
Betriebsversammlungen motivieren können, müssen               chen Wissenserwerb mitentscheiden. Aber auch im
lernen, sich in Videos an die Belegschaft zu wenden,          Umfeld der White-Color-Arbeit, im Büroumfeld, ent-
und an die Stelle gemeinsamer Mittagessen zur Ins-            stehen bei Gruppentreffen Ergebnisse und Ideenblit-
piration treten virtuelle Lunch- oder Coffee-Sessions,        ze, die im virtuellen Umfeld nicht erreicht werden,
bei denen man auf Kosten des Arbeitgebers Essen               und auch durch Techniken wie thinking aloud nicht
nach Hause bestellt und dann in einem Videokonfe-             kompensiert werden können. Zur Wissenserzeugung
renzraum zusammentrifft und plaudert.                         bedarf es der Anwesenheit anderer Menschen, des
Mut machte Ruth Elsholz, Leiterin des Bereichs Know-          direkten Blickkontakts. Eine Kernfrage lautet daher:
ledge Transfer bei PwC, allen Informationsprofis. Sie         Wie organisieren wir Wissensarbeit, was lässt sich
sieht einen pandemiebedingten Modernisierungs-                auch gut allein @home effizient erledigen und wozu
schub, der der Branche neuen Schwung verleihen                braucht man die Präsenz anderer menschlicher Kör-
kann. Der Frust über den zeitlichen und mentalen Auf-         per. Das Büro ist nicht überholt, sondern bleibt ein
wand für eigene Recherchen, für die man nicht ausrei-         stabilisierender Ort.
chend trainiert ist, führt zurück zur Einschaltung der        Monika Hagedorn-Saupe erläuterte an vielen Beispie-
professionellen Informationsabteilungen. Ihr Fazit:           len, wie Museen von der Naturkunde über Kunst bis
Mehr Chancen für digitale Informationsaufbereitung            hin zu Technik ausprobieren, welche digitalen Tech-
sind auch mehr Chancen für diejenigen, die es kön-            niken geeignet sind, um Vermittlungsarbeit im Muse-
nen. Nachwuchskräfte tun sich mit der Berufswahl              um zu unterstützen. Die teilnehmenden18 Museen
FaMI dennoch schwer, weil die Bezeichnung wenig               des Verbundprojekts museum4punkt0 fungieren als
sexy und das Berufsbild erklärungsbedürftig ist.              Testräume, in denen immer wieder unter Beteilung
                                                              der Besucherinnen und Besucher verschiedene digi-
Wissenstransfer @home und in                                  tale Lösungen hinsichtlich ihrer Akzeptanz getestet
Organisationen                                                werden. Alle Lösungen werden als Open Source ent-
Auf einen in der Digitalisierungseuphorie etwas zu            wickelt und können von anderen Museen an ihre The-
kurz kommenden Aspekt ging Waltraut Ritter ein. Als           men angepasst und nachgenutzt werden. Treiber sind
Geschäftsführerin von Knowledge Dialogues (Hong               jedoch nie die digitalen Techniken, sondern die Inhal-
Kong/Berlin) und engagiert in anwendungsorientier-            te, die vermittelt werden sollen. Dabei zeigte sich et-
ten Projekten an der Schnittstelle zwischen Wissen-           wa, dass Emotionen besser über Objekte vermittelt
schaft, Wirtschaft und Gesellschaft mit jahrelanger           werden, Originaldokumente zum Lesen aber digital
Erfahrung im asiatischen Raum untersucht sie, wel-            bereitgestellt werden sollten.

www.b-i-t-online.de                                                                                              24 (2021) Nr. 6                        online
                                                                                                                                   Bibliothek. Information. Technologie.
Open-Access-Tage 2021: Partizipation - B.I.T. online
10                         REPORTAGEN                                                                                                                Ockenfeld

                                                                                                     Voraussetzungen und Methoden gelungener Informa-
                                                                                                     tionsvermittlung in Zeiten der Distanz?“ sowie „Wel-
                                                                                                     che Impulse, offene Fragen und/oder Anregungen
                                                                                                     nehmen Sie aus der Tagung mit?“) auf interaktiven
                                                                                                     Brainstorming-Seiten abgeben bzw. andere Kommen-
                                                                                                     tare mit einem „Like“ stützen.
                                                                                                     Stellvertretend sei je ein Kommentar zitiert:
                                                                                                     „Fähigkeit, zu akzeptieren, dass wir nicht alles mitbe-
                                                                                                     kommen können; Bereitschaft, Informations-Lücken
                                                                                                     zu akzeptieren und durch Kommunikation / gelebte
                                                                                                     Fehlerkultur zu schließen.“
                                                                                                     „Ich fand’s super und die Diskussionen müssen / soll-
                                                                                                     ten speziell auch in der DGI weiterverfolgt werden.
                                                                                                     Das Thema ist sehr vielfältig und vielschichtig, wie
Das Büro ist trotz Homeoffice nicht tot, sondern der Raum, wo Wissen entsteht.                       wir gesehen haben, aber hilft ja nix. Unsere Exper-
                                                                                                     tise ist einfach gefragt und das Konzept ‚Informati-
                                        Ticketsysteme begegnen uns immer häufiger. Sie               onskompetenz‘ ist zu erweitern und vor allen Dingen
                                        werden in agilen Projekten oder bei der Bearbeitung          ‚einzufordern‘! Das hat nicht nur etwas mit ‚Distanz‘
                                        von Kundenanfragen eingesetzt. Janina Berger be-             zu tun, sondern mit vielen gesellschaftlichen Umbrü-
                                        fasst sich mit ihnen als Instruktionstexte und auch          chen, die zu begleiten, zu moderieren, zu vermitteln
                                        Kommunikationsmedien, mit denen im Verlauf ihrer             sind. Vom Klima angefangen. Andere Krisen (Coro-
                                        arbeitsteiligen Abarbeitung gleichsam nebenbei die           na, Hate-Speech und Demokratiegefährdende Stim-
                                        Vorgangsdokumentation entsteht.                              mungsmache usw. bedürfen einer Profession, die
                                        Weitere Themen waren Erfahrungen mit einem trans-            weiß, wie man kommuniziert, moderiert etc. – über
                                        nationalen universitären Onlinekurs zur Informations-        die Social Networks hinaus und auch den heiß ge-
                                        kompetenzvermittlung sowie die Aus- und Weiterbil-           laufenen Medienmarkt. Die (Informations)Wissen-
                                        dung von Lehrpersonen, angefangen von den Grund-             schaftlerInnen und (Informations)PolitikerInnen sind
                                        schulen bis hin zur Erwachsenenbildung und die zwar          gefragt und sollten sich einmischen, nach vorne
                                        stark unterschiedliche, aber doch wieder fast überall        drängen!“
                                        unzureichende Situation an den Schulen.                      Maßgeblich mitgestaltet, moderiert und technisch
                                        Die Themen Informationsdidaktik, pädagogische Kon-           durchgeführt wurde die DGI-Tagung von zwei Promo­
                                        zepte für den Distanzunterricht, Herausforderungen           tionsstudentinnen aus Halle, Stefanie Klein und J­ustine
                                        für die Lehrkräfte, Informationskompetenz und Feh-           Schöne, die die Textfassungen einiger Beiträge sowie
                                        lerkultur im Digitalen beherrschten auch die Podi-           eine Zusammenfassung der ­Podiumsdiskussion und
                                        umsdiskussion am Abend.                                      des Chatverlaufs 2022 als OA-Tagungsband auf dem
                                                                                                     Publikationsserver der Martin-Luther-Universität
                                        Zum Schluss                                                  Halle-Wittenberg veröffent­lichen wollen. Sie dürfen
                                        Zum Abschluss konnte, wer wollte, noch einen Kom-            sich über das durchweg positive Feedback zu Recht
                                        mentar zu zwei Fragen („Was sind für Sie Merkmale,           ­freuen. ❙

                                        Ausgewählte Links
                                        Das Tagungsprogramm mit Abstracts unter https://dgi-info.de/dgi-forum-2021-programm/
                                        Die Videos sind ausgehend von der Webseite https://dgi-info.de/dgi-forum-2021/ erreichbar.
                                        Das Brainstorming am Schluss erfolgte mittels https://kits.blog/tools/
                                        Beschreibung des Moduls Informationsdidaktik in Halle unter https://studienangebot.uni-halle.de/medienbildung-lehramt-35
                                        Erklärvideos von Forschungsprofessorin für Digitale und vernetzte Medien in der Sozialen Arbeit an der FH Potsdam
                                        Dr. Judith Ackermann https://www.tiktok.com/@dieprofessorin

                                                        Marlies Ockenfeld
                                                        Präsidentin der DGI
                                                        Ockenfeld@dgi-info.de

                     online 24 (2021) Nr. 6
Bibliothek. Information. Technologie.
                                                                                                                                            www.b-i-t-online.de
Wagner | Heck                                                                                              REPORTAGEN                                 11

Barcamp Open Data –
Forschen mit verfügbaren Daten
Alice Wagner und Tamara Heck
Wagner | Heck

❱ Mal angenommen, alle Forschende teilen ihre For- lungsoptionen beim Teilen und vor allem Nachnutzen
schungsdaten und können auf eine gut vernetzte Inf- von Forschungsdaten.
rastruktur zugreifen, um Daten zu finden. Ist das der Der Impulsvortrag2 zum Auftakt des Barcamps kam
Schlüssel, um Open Data in der Forschung zu reali- von Thomas Lösch, Mitarbeiter am Forschungsda-
sieren? Oder fehlt ein wichtiger Aspekt, der bei Open tenzentrum Bildung am DIPF | Leibniz-Institut für
Data mitunter vernachlässigt wird? Denn neben dem Bildungsforschung und Bildungsinformation. Lösch
Willen, Forschungsdaten zu teilen und einer guten In- begann mit einer Begriffsklärung zur Bedeutung von
frastruktur, die dies erst ermöglicht, stehen offene „Nachnutzung von Daten”. Denn das Nachnutzen
Forschungsdaten auch für die Nachnutzung bereit – kann vielseitig verstanden werden: Forschende kön-
und diese wird nicht automatisch durch das Teilen in nen Daten anderer nachnutzen, sie können eigene
Infrastrukturen realisiert. Die Nachnutzung, das heißt ältere Daten nachnutzen, sie können mit verfügba-
„Forschung mit verfügbaren Daten“, war daher Fokus ren Daten wissenschaftliche Erkenntnisse überprü-
des Barcamp Open Data.
Zentrale Diskussionspunkte bei
der Nachnutzung von Forschungs-
daten sind unter anderem das Po-
tential der Nachnutzbarkeit. Hier-
bei spielt unter anderem die Do-
kumentation und technische Be-
reitstellung der Daten eine Rolle,
deren Leitlinien unter dem Stich-
wort „FAIR Data”1 diskutiert wer-
den. Daneben sind fachspezifische
Anforderungen an Forschungs-
daten relevant, wie Zielgruppen,
an denen Daten erhoben wurden.
Kontroverse Ansichten gibt es wei-
terhin bezüglich Transparenz und
                                       Abbildung 1: Folie aus dem Impulsvortrag von Thomas Lösch zu einer Reviewstudie über empi-
Flexibilität bei induktivem und de- rische Arbeiten zu Open Science. Link zur Studie von Skupien et al. (2021):
duktivem Erkenntnisgewinn bei der https://www.researchgate.net/project/Mapping-Open-Science-Research-A-Systematic-Review-of-
Nachnutzung. Folglich entscheiden Empirical-Studies-on-Open-Science
sich Forschende in der Tendenz
doch eher dazu, eigene Daten neu zu erheben. Auch fen, aber auch neue Fragestellungen mit diesen Da-
das Teilen der eigenen Forschungsdaten und des- ten beantworten. Hinsichtlich dieser Vielfältigkeit und
sen Nutzen sehen viele Forschende noch skeptisch. in Bezug auf wissenschaftliche Fragestellungen und
Demgegenüber verspricht das Teilen und Nachnut- Methoden, sind die Potentiale des Nachnutzens von
zen von Forschungsdaten eine verbesserte Qualität Daten nicht in allen Forschungskontexten gleich bzw.
und Transparenz von Forschungsdaten sowie Zeit und werden von Forschenden anders wahrgenommen.
Ressourcenersparnis, die bei der Erhebung von neu- Dass Open Data und dessen Facetten in vielen Stu-
en Daten anfallen würden. Das Barcamp Open Data dien erforscht wird, zeigte Lösch am Beispiel eines
bot eine disziplinübergreifende Plattform zur Reflek- aktuellen Reviews (Abb 1). Nach empirischen Studi-
tion über Chancen, Herausforderungen und Hand- en zu Open Access ist Open Data das zweithäufigste

1 https://www.go-fair.org/fair-principles
2 Verfügbar unter https://osf.io/xh2sa

www.b-i-t-online.de                                                                                        24 (2021) Nr. 6                        online
                                                                                                                             Bibliothek. Information. Technologie.
12                         REPORTAGEN                                                                                                                              Wagner | Heck

                                                                                                                   Abbildung 2: Screenshot des Barcamp-Sessionplans
                                                                                                                   mit den hauptverantwortlichen Teilnehmenden, die die
                                                                                                                   ­Themen einbrachten.
                                                                                                                    Link: https://barcamps.eu/barcamp-open-data/
                                                                                                                   events/6353521d-f2cf-430e-9758-80fcab7a0362#sessions

                                                                                                                   Eine zentrale Frage auf dem Barcamp war, wie Open
                                                                                                                   Data, sprich das Teilen und Nachnutzen von For-
                                                                                                                   schunsgdaten, in Disziplinen bzw. bei Forschenden
                                                                                                                   etabliert werden kann, wenn dies noch nicht etablier-
                                                                                                                   te Praxis und noch kein Teil der Forschungskultur ist.
                                                                                                                   Um Open Data zu realisieren, müssten Anreize für die
                                                                                                                   datengebenden Forschenden geschaffen und Vortei-
                                        Thema im Themenfeld Open Science. Lösch stellte in                         le sichtbar werden (siehe z.B. Webseite der ZBW4).
                                        diesem Zusammenhang aktuelle Studien vor, die den                          Diskutiert wurden Vorteile wie ein Zitationsgewinn
                                        Einfluss von Faktoren auf das Teilen und Nachnutzen                        durch Datenpublikationen, ein Reputationsgewinn
                                        von Daten untersuchen. Neben persönlichen Fakto-                           für die Forschungskarriere sowie neue Kooperations-
                                        ren wie Motivation und Einstellung sind dies u.a. das                      möglichkeiten. Die Vorteile für die Wissensgemein-
                                        Verhalten innerhalb einer Disziplin sowie das Angebot                      schaft sind die verbesserte Zugänglichkeit zu Daten
                                        an Daten, bspw. über gut strukturierte Infrastruktu-                       und daraus folgend eine effizientere Forschung und
                                        ren, die das Auffinden von Daten erleichtern.                              Lehre. Auch die Öffentlichkeit profitiere von Open Da-
                                        Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus dem                             ta, indem Möglichkeiten für Citizen Science eröffnet
                                        DIPF und den weiteren Leibniz-Instituten GESIS, ZPID                       werden und wirtschaftliche Vorteile für die Privatwirt-
                                        und ZBW geht Lösch im aktuellen Projekt FoniK3 der                         schaft entstehen. Das Vertrauen der Öffentlichkeit
                                        zentralen Frage nach, ob die aktuelle Pandemie die                         in die Wissenschaft wird gestärkt und Forschungser-
                                        Forschungspraktiken verändert hat und Forschen-                            gebnisse werden für diese transparent und nachprüf-
                                        de mehr verfügbare Daten nutzen. Hintergrund ist                           bar gemacht.
                                        zum einen die zunehmende Verfügbarkeit von For-                            Um diese Vorteile zu nutzen, ist bei der Veröffentli-
                                        schungsdaten, einerseits in Online-Repositorien, an-                       chung von Forschungsdaten eine gute Dokumenta-
                                        dererseits in professionellen Forschungsdatenzent-                         tion essentiell. Für eine qualitativ hochwertige Do-
                                        ren, die Daten und Dokumentation langfristig verfüg-                       kumentation, zu der auch ein forschungsprozessbe-
                                        bar machen. Zum anderen waren Datenerhebungen                              gleitendes Forschungsdatenmanagement sowie ein
                                        während COVID-19 für viele Forschende mitunter nur                         Datenmanagementplan gehören, bedarf es laut Teil-
                                        eingeschränkt oder gar nicht möglich, sodass diese                         nehmenden Ressourcen für das Forschungsdatenma-
                                        Forschungsprozesse und Methoden anpassen oder                              nagement von Drittmittelgebern. Diese Ressourcen
                                        ändern mussten. Das Projekt FoniK untersucht mit-                          sind in erster Linie Personalmittel für die Datenauf-
                                        hilfe einer Umfrage die Auswirkung der Pandemie auf                        bereitung, außerdem Sachkosten für die Archivie-
                                        die Nachnutzung von Daten sowie für Forschende                             rung der Daten bei (fach-)spezifischen Forschungs-
                                        ausschlaggebende Aspekte, Daten nachzunutzen.                              datendienstleistern und Repositorien, wie bspw.
                                        Dem Impulsvortrag folgte eine gemeinsame Planung                           Forschungsdatenzentren. Des Weiteren werden Do-
                                        der Barcamp-Sessions unter aktiver Beteiligung al-                         kumentations- und Metadatenstandards gebraucht,
                                        ler Teilnehmenden. Auch als Online-Veranstaltung                           um verfügbare Daten transparent und nachnutzbar
                                        aufgrund der COVID-Situation behielt das Barcamp                           zu machen. In diesem Zusammenhang wurde auf das
                                        seinen typischen Charakter. Das heißt, die Beiträge                        vom Bundesministerium für Bildung und Forschung
                                        und Themen der einzelnen Sessions des Barcamps                             geförderte Forschungsprojekt PsyCuraDat5 aufmerk-
                                        wurden nicht vorab bestimmt, sondern von den Teil-                         sam gemacht, in dessen Rahmen nutzerorientierte
                                        nehmenden zu Beginn der Veranstaltung vorgeschla-                          Kurationskriterien entwickelt werden, welche auf die
                                        gen und in einer gemeinsamen Abstimmung festge-                            Bedürfnisse der Forschenden in ihrer Rolle als Daten-
                                        legt. Am Ende konnten die Teilnehmenden zwischen                           gebende und Datennehmende eingehen. So soll ein
                                        11 Sessions wählen (Abb 2).                                                Standard für die Dokumentation von psychologischen

                                        3 https://www.leibniz-openscience.de/forschung/projekte/laufende-projekte/reusing-research-data-in-a-time-of-crisis-a-change-in-research-
                                          practices-in-the-covid-19-pandemic-fonik
                                        4 https://openeconomics.zbw.eu/open-data
                                        5 https://leibniz-psychology.org/institut/drittmittelprojekte/psycuradat

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                                                                                                                                                              www.b-i-t-online.de
Wagner | Heck                                                                                             REPORTAGEN                                 13

Forschungsdaten entstehen und die Dokumentation
sowie die Nachnutzung dieser Daten effizienter und        Infokasten:
effektiver gemacht werden. Im Gegensatz dazu wurde        Das Barcamp Open Data am 21.09.21 wurde gefördert durch den Leibniz
von Teilnehmenden angemerkt, dass in anderen Dis-         Forschungsverbund Open Science und veranstaltet in Kooperation mit
ziplinen eine ausreichende Infrastruktur zur Realisie-    dem Barcamp Open Science, das jährlich im Frühjahr stattfindet (wie-
rung von Open Data fehle.                                 der am 7.03.2022). Organisiert wurde das Barcamp vom DIPF | Leib-
Dieser Aspekt knüpft an die Herausforderung an,           niz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation und dem
dass Daten für alle gut such- und auffindbar sein         Leibniz-Institut für Psychologie (ZPID), in Kooperation mit der Medien-
müssen, um überhaupt eine Nachnutzung zu er-              pädagogin Kristin Narr, die die Moderation übernahm. Eventseite und
möglichen. Neben der sich im Aufbau befindenden           Dokumentation der Session-Diskussionen:
nationalen Forschungsdateninfrastruktur6 können           https://barcamps.eu/barcamp-open-data
Metasuchmaschinen Abhilfe schaffen, wie die
Angebote B2FIND7 und das GESIS-Portal8. Portale
für Open Government Data sind bspw. das nationale9       camps ist online sicherlich schwerer umzusetzen als
und das europäische Datenportal10 sowie Bundeslän-       bei physischen Treffen, dennoch gab es digitale Meet-
derportale, wie das von einem Teilnehmer vorgestell-     and Greet-Optionen zum Austauschen und Plaudern –
te Open Data-Portal Schleswig Holstein11.                und um in dieser digitalen Welt zumindest den Hauch
Auch Lehrende sollten Studierende bei der Suche          eines Social Events nachzuahmen, wurden die Teil-
nach passenden Datensätzen für Abschluss- oder Se-       nehmenden am Vorabend zu einem Online-Spiel ein-
minararbeiten unterstützen. Voraussetzung hierfür        geladen und lösten gemeinsam einen Sherlock Hol-
ist natürlich, dass Forschungsdaten für Studierende      mes-Fall. Die Idee war sehr gelungen und eine gute
oder andere nicht-beruflich Forschende zugänglich        Alternative zum physischen Netzwerken. Barcamp-
sind. Im weiteren Verlauf der Diskussion ging es dabei   Treffen vor Ort ersetzt die Onlinevariante jedoch nicht
auch um rechtliche Aspekte beim Zweck der Nachnut-       vollends.
zung von Daten. Hier muss zwischen Forschung und         Aufgrund der digital stattfindenden Open Science
Lehre unterschieden werden. Sollen Forschungsda-         Conference wird aber auch das Barcamp Open Sci-
ten für die Lehre genutzt werden dürfen, muss expli-     ence12 am 7. März 2022 wieder digital stattfinden.
zit das Einverständnis von Studienteilnehmenden vor-     Für das Community Building soll es dann nochmal
liegen. Der einfachste Weg ist, dieses Einverständnis    verstärkt Optionen zum Netzwerken und Austausch
schon vor der Datenerhebung einzuholen, was jedoch       geben. ❙
aktuell noch oft vergessen wird.
Neben zahlreichen weiteren Diskussionspunkten,
sammelten die Teilnehmenden dank gemeinschaftli-
cher Dokumentation via Online-Pads Links und Tipps
zu relevanten Datenportalen, Best Practices und Vor-
lagen zum Datenmanagement sowie aktuellen Pro-
jekten und Datenrichtlinien. Die Dokumentationen
der einzelnen Sessions sind mit Klick auf den Sessi-
                                                         Dr. Tamara Heck
ontitel im Sessionplan (Abb. 2) einsehbar.               Informationszentrum Bildung
Der rege Austausch unter den etwa 100 Teilnehmen-        DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung
den des Barcamps kam auch zustande, weil sowohl          und Bildungsinformation
Forschende, Studierende als auch Mitarbeitende aus       heck@dipf.de
Forschungsinfrastruktur-Instituten aus unterschied-      Alice Wagner
lichen Disziplinen teilnahmen. So wurde das Thema        unterstützte das Barcamp als studentische
Open Data aus verschiedenen Perspektiven betrach-        ­Hilfskraft am DIPF.
tet und diskutiert. Der Netzwerkcharakter eines Bar-

6   https://www.nfdi.de
7   http://b2find.eudat.eu
8   https://datasearch.gesis.org
9   https://govdata.de
10 https://data.europa.eu
11 https://opendata.schleswig-holstein.de
12 https://www.open-science-conference.eu/barcamp

www.b-i-t-online.de                                                                                       24 (2021) Nr. 6                        online
                                                                                                                            Bibliothek. Information. Technologie.
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