Bayerische Gletscher im Klimawandel - ein Statusbericht - Bayerisches Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit - www.klima.bayern.de - Cambio ...

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                                  Bayerisches Staatsministerium für
                                           Umwelt und Gesundheit

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               1910

                                        Nördlicher Schneeferner, Zugspitzplatt: Vergleich 1910/2009

         Bayerische Gletscher im Klimawandel –
                               ein Statusbericht

                                                  www.klima.bayern.de
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2         Vorwort

            Gletscher faszinieren den Menschen seit        Im Bewusstsein um die Bedeutung hoch-
            jeher. Gletscher sind unberührte Naturwun-     alpiner Naturräume dürfen Gletscher nicht
            der, sensible Ökosysteme, Wasserspeicher,      als tote Eismassen in den Höhen der Gebirge
            Orte der Schönheit und der Magie, der          betrachtet werden. Sie verdienen unsere
            Beständigkeit und des Wandels zugleich.        ganze Aufmerksamkeit als ein grundlegender
            Diese Werke der Schöpfung und Evolution        Baustein des sensiblen und schützenswerten
            gilt es zu bewahren und zu schützen.           „Öko- und Geosystems Hochgebirge“. Unsere
                                                           Gletscher sind markante Zeichen der Bayeri-
            Gletscher sind aber auch Mahnmale des
                                                           schen Alpen, insbesondere der Berchtes-
            Klimawandels. Sie reagieren in beispiellosem
                                                           gadener Alpen und des Wettersteingebirges.
            Tempo auf die Veränderung des globalen
                                                           Sie tragen zur Attraktivität der Gebiete bei.
            Klimasystems, das durch die Emission von
                                                           Helfen Sie mit, damit auch die nachfolgenden
            Treibhausgasen aufgrund menschlicher
                                                           Generationen die Schönheit der Alpen
            Aktivitäten zunehmend erwärmt wird. Überall
                                                           bewundern und genießen können!
            auf der Erde schmelzen Gletscher ab und
            ziehen sich in größere Höhen zurück.           Bei Dr. Christoph Mayer, Kommission für
                                                           Erdmessung und Glaziologie der Bayerischen
            Der Klimawandel ist eine der größten
                                                           Akademie der Wissenschaften, sowie
            Bedrohungen der Alpen und ihrer Gletscher.
                                                           Dr. Wilfried Hagg, Department für Geographie
            Die Natur reagiert hier besonders deutlich,
                                                           der Ludwig-Maximilians-Universität München,
            weil sich zahlreiche empfindliche Gebiete
                                                           bedanken wir uns für die Erstellung des
            und naturbelassene Landschaften auf relativ
                                                           zu Grunde liegenden wissenschaftlichen
            kleinem Raum befinden. Der nachhaltige
                                                           Berichts.
            Schutz wertvoller und klimasensitiver Öko-
            systeme in den Alpen, wie Bergwälder oder
            alpine Wildflüsse sowie der Schutz gefähr-
            deter Tier- und Pflanzenarten gehören
            deshalb zu den vordringlichen Aufgaben der
            nächsten Jahre. Als einziges deutsches
            Bundesland mit Alpenanteil hat Bayern dabei
            eine besondere Verantwortung für den Natur-
            und Umweltschutz im Gebirge.

            Als Folgen des Klimawandels können sich
            in den alpinen Regionen zahlreiche Gefahren-
            momente ergeben. Diese Georisiken, wie
            Fels- und Eisschlag oder Murenabgänge,
            müssen rechtzeitig vermieden oder einge-
            dämmt werden. Im Rahmen der Bayerischen
            Klima-Anpassungsstrategie wurden zum
            Schutz von Mensch und Natur in den Alpen
            bereits umfangreiche Konzepte erarbeitet.
            Die Themenbereiche erstrecken sich
            vom Wildbachschutz, der Erstellung von         Dr. Marcel Huber MdL     Melanie Huml MdL
            Gefahrenhinweiskarten, nachhaltigen            Staatsminister           Staatssekretärin
            Schutzmaßnahmen im Bergwald, über
            die Kartierung von Permafrost, einem Klima-
            aktionsplan Alpenkonvention bis zur Neu-
            ausrichtung der Umweltforschungsstation
            Schneefernerhaus zu einer der weltweit
            führenden Klima- und Wetterforschungs-
            stationen. Die Veränderung des alpinen
            Raums durch den Klimawandel wird
            im Rahmen internationaler Forschungs-
            vorhaben untersucht.

Zugspitze
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3

An der Bayerischen Akademie der Wissen-           Der vorliegende Gletscherbericht hätte
schaften wird seit fast 50 Jahren Gletscher-      ohne die jahrzehntelange Beobachtung der
forschung betrieben. Lange bevor die              bayerischen Gletscher nicht geschrieben
Diskussion um den Klimawandel und die             werden können. Der Zustand der Gletscher in
Reaktion der Gletscher die Tagesordnung           Bayern, aber auch alpenweit, ist besorgnis-
beherrschte, untersuchten Wissenschaft-           erregend. Die weitere Entwicklung ist jedoch
lerinnen und Wissenschaftler in München           alles andere als klar, da die vorherrschenden
die Zusammenhänge zwischen den klima-             Prozesse im Vergehen der Gletscher bis
tischen Verhältnissen und der Entwicklung         heute nicht vollständing verstanden sind.
der Gebirgsgletscher. Dabei geht die „Mün-        Daher muss die Beobachtung auch in den
chener Schule“ der Gletscherforschung bis         nächsten Dekaden fortgeführt werden.
ins 19. Jahrhundert zurück, als Sebastian
Finsterwalder die erste wissenschaftliche         Der vorliegende Bericht stellt eine wichtige
Karte eines Geltschers aus Vermessungs-           Zusammenfassung der bisher gewonnenen
aufnahmen entwickelte.                            Erkenntnisse dar und veranschaulicht auch
                                                  dem fachfremden Leser die Faszination des
Die Gletscherentwicklung wirkt wie ein Filter
                                                  Hochgebirges mit seinem „ewigen Eis“.
für das Wettergeschehen: Nur langfristige
Änderungen spiegeln sich in den Gletschern
wider. Dies erlaubt es den Forschern, die
relevanten Prozesse im Klimageschehen zu
identifizieren und zu bewerten. Allerdings
benötigt diese Forschung auch einen langen
Atem, da die Entwicklungen über lange Zeit-
räume beobachtet und registriert werden
müssen. Erst dann erschließt sich der wahre
Wert der Beobachtungen in einem großen
Zusammenhang. Daher ist die Gletscher-
forschung zu Recht in der Bayerischen
Akademie der Wissenschaften beheimatet,
einer Institution, die langfristige Forschungs-
projekte als eine ihrer Kernaufgaben versteht.

                                                  Prof. Dr. Karl-Heinz Hoffmann

                                                  Präsident der Bayerischen Akademie
                                                  der Wissenschaften
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Zugspitzkreuz
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Inhaltsverzeichnis                                                                         5

Vorwort                                                                                2

1. Gletscherrückgang – eine dramatische Folgereaktion des Klimawandels in den Alpen    6

2. Methoden der Gletscherforschung                                                     8

3. Einflussfaktoren auf die Entwicklung von Gletschern in den Alpen                   10

4. Bedeutung der Alpengletscher im Wasserkreislauf                                    13

5. Gletscher in Bayern heute – eine Bestandsaufnahme                                  14

  Nördlicher Schneeferner                                                             16

  Südlicher Schneeferner                                                              17

  Höllentalferner                                                                     18

  Watzmanngletscher                                                                   19

  Blaueis                                                                             20

6. Entwicklung der Gletscher in Bayern                                                21

  Historische Aufzeichnungen seit dem 18. Jahrhundert                                 21

  Systematische Erfassung der bayerischen Gletscher ab 1950                           22

  Ausblick in die Zukunft der bayerischen Gletscher                                   25

7. Ein Blick nach Europa: Haben die Gletscher der Alpen eine Zukunft?                 26

  Alpengletscher im Überblick                                                         26

  Schweizer Alpengletscher                                                            27

  Österreichische Alpengletscher                                                      27

Zusammenfassung                                                                       29

Glossar                                                                               30

Fachliteratur und Quellen                                                             32

Allgemeine Literatur zum Thema Gletscher                                              34

Internetquellen                                                                       34

Impressum                                                                             36
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6                                    1. Gletscherrückgang – eine dramatische Folgereaktion
                                           des Klimawandels in den Alpen

                                                    Sowohl Ausmaß und Geschwindigkeit der                       Dass der Gletscherschwund ein sich
                                                    globalen Erderwärmung als auch die vom                      selbst verstärkender Prozess ist, lässt seine
                                                    Menschen emittierten Treibhausgase als                      Folgen noch gefährlicher werden. Die starke
                                                    wesentliche Ursache des Klimawandels sind                   Reduktion heller Schnee- und Firnflächen
                                                    unbestritten. Aufgrund des Klimawandels                     durch Abschmelzprozesse führt vermehrt
                                                    sind während der vergangenen hundert                        zu dunkleren, schneefreien Flächen, welche
                                                    Jahre die Lufttemperaturen in Bayern je nach                die Sonnenstrahlung besser absorbieren und
                                                    Region um 0,5 bis 1,2 ° C im Jahresmittel                   sich dadurch weiter aufwärmen. Auch die
                                                    angestiegen, am stärksten in den beiden                     Intensität der Sonneneinstrahlung, Luftdruck
                                                    letzten Jahrzehnten (Bayerisches Landesamt                  und -bewegung, Art und Menge von Nieder-
                                                    für Umwelt, 2008).                                          schlägen gehorchen in Höhenlagen anderen
                                                                                                                Gesetzmäßigkeiten als im Tal. So fallen die
                                                    Regionale Klimamodelle und Ergebnisse
                                                                                                                Sommerniederschläge auch in höheren
                                                    aus der Klimaforschung zeigen, dass ins-
                                                                                                                Gebirgslagen inzwischen meist als Regen
                                                    besondere das sensible Ökosystem Alpen in
                                                                                                                und nicht mehr als Schnee. Massenverluste
                                                    den kommenden Jahrzehnten weiter von
                                                                                                                und Abschmelzen der Gletscher werden
                                                    einem überdurchschnittlichen Lufttempera-
                                                                                                                so unterstützt.
                                                    turanstieg betroffen sein wird. Schon jetzt ist
                                                    die Temperaturzunahme in den Alpen nahezu                   In den europäischen Alpen gibt es noch
                                                    doppelt so groß wie der globale Durchschnitts-              etwa 5000 Gletscher. Davon liegen
                                                    wert, d. h. bis zu 2 ° C. Natur und Umwelt
                                                                                                                Q   43 % in der Schweiz (= ca. 1050 km2) ,
                                                    werden dadurch erheblich beeinträchtigt. So
                                                                                                                Q   23 % in Italien (= 560 km2),
                                                    führte der Klimawandel in den Alpen zu einem
                                                                                                                Q   19 % in Österreich (= 560 km2),
                                                    Anstieg der Schneegrenze um 250 bis 300 m
                                                                                                                Q   14 % in Frankreich (= 350 km2).
                                                    mit gravierenden Auswirkungen – auch auf
                                                    die Gletscher. Die 0 ° C-Grenze hat sich z. B. im
                                                                                                                Weniger als einen Quadratkilometer umfas-
                                                    Hitzesommer 2003 für mehrere Wochen auf
                                                                                                                sen die Gletscherflächen der fünf deutschen
                                                    eine Höhe von 4 000 m nach oben verschoben.
                                                                                                                Gletscher in Bayern (Alean, J., 2010).
                                                    Die Folgen des Klimawandels sind in den
                                                    Alpen besonders weitreichend und gravierend,
                                                    weil das Ökosystem Alpen aufgrund der räum-
                                                    lichen Enge, der zahlreichen spezialisierten
                                                    Lebensgemeinschaften und deren geringen
                                                    Wander- bzw. Ausweichmöglichkeiten sehr
                                                    empfindlich und verwundbar ist.

Gletscher in den Alpen

Legende
                                                                                                                                                       LINZ            WIEN
  STÄDTE                                                               D E U T S C H L A N D                  MÜNCHEN
  Gletscher
                                                                                                                                     SALZBURG
  Berggipfel
                                                                                                          Zugspitze
                                                                 BASEL                                    2 962 m                          Dachstein
                                                                                                                         Watzmann
                                                                                                                                           2 995 m
                                                                           ZÜRICH            Nebelhorn                   2 307 m
                                                    S C H W E I Z            Säntis          2 224 m            INNSBRUCK           Ö S T E R R E I C H
                                                                             2 501 m
                                                                                        FL                                      Großglockner
                                                                                                                                                                      GRAZ
                                                          BERN                               Wildspitze                         3 798 m
                                                                                             3 768 m
                                                                                                                              N                        KLAGENFURT
F R A N K R E I C H                    LAUSANNE
                                                      Jungfrau
                                                                                                                        L P E                                          MARIBOR
                                                      4158m
                                                                                                  Ortler             TA
                                                                                                                 O S
                                                                                                  3 905 m
                  GENÈVE                                                                                                     S L O                     W E N I E N
                                                                                                                                                          JUBLIJANA
                                                                Monte Rosa 4634 m                           TRENTO             UDINE
                                         N

                                                           Matterhorn 4477m
               LYON                           Montblanc
                                                4 807m
                                     P E

                                                       Gran Paradiso                MILANO
                                                       4601m                                              VERONA                                              K R O A T I E N
                             S T A L

          GRENOBLE
                                                              TORINO

                                                                                        I T A L I E N

                                                                             GENOVA
                         W E

                                             NICE
Bayerische Gletscher im Klimawandel - ein Statusbericht - Bayerisches Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit - www.klima.bayern.de - Cambio ...
7

Weltweit warnen Gletscherforscher vor              Da sich in der kurzen Zeit des Abschmelzens
den dramatischen Veränderungen des                 die Vegetation nicht an die eisfreien Flächen
„ewigen Eises“, die seit der beginnenden           anpassen kann, verbleiben unbewachsene
Industrialisierung um die Mitte des 19. Jahr-      Geröllhalden und Wasserflächen, die poten-
hunderts ablaufen. Beispiele finden sich           zielle Gefahrenquellen darstellen.
weltweit: die 400 Gletscher des Transili-Alatau,   Zu den sogenannten Georisiken gehören
einer Gebirgsgruppe des Nord-Tien-Schan-           abstürzende Felsbrocken, Eisschlag oder
Gebirges in Zentralasien haben von 1955            Murenabgänge, die ganze Landschaften und
bis 1990 ca. 32 % ihres Volumens verloren          Orte in montanen Regionen bedrohen.
(Uvarov & Vilesov, 1998), die berühmten
                                                   Durch den Klimawandel ausgelösten Folgen
weißen Kappen des Mount Kenia und
                                                   für die Alpen sind u.a.:
des Kilimandscharo in Ostafrika schmelzen
so schnell, dass sie in den nächsten Dekaden       Q   Zunahme von Hitzewellen
ganz verschwunden sein werden (Dow &               Q   Anstieg der winterlichen Lufttemperatur
Downing, 2007). In den kanadischen Rocky               stärker als der sommerlichen
Mountains sind mehrere Gipfel zum                  Q   Zunahme von Extremwetter-Ereignissen
ersten Mal seit 2.500 Jahren eisfrei (Dow &            und Hochwasser
Downing, 2007).                                    Q   Verschiebung der Vegetationszonen in
                                                       die Höhenlagen
Das weitere Abschmelzen der Eismassen
                                                   Q   massiver Gletscherrückgang
in Grönland wird mit einem erheblichen
                                                   Q   Zunahme alpiner Gefahren,
Anstieg der Meeresspiegel einhergehen, von
                                                       wie Steinschlag, Murenabgänge
dem insbesondere Inseln im Pazifik und
                                                   Q   Abnahme der Tage mit Frost im Winter
küstennahe Städte u. a. im asiatischen Raum
                                                   Q   Rückgang der Schneefälle, früherer Beginn
bedroht sind. Das Schmelzen der Gletscher
                                                       der Schneeschmelze
verändert die Wasserführung von Flüssen
und führt zu Wasserknappheit für Millionen
                                                   Diese alpinen Gefahren für Mensch und
von Menschen auf der Welt. Wichtige
                                                   Natur müssen rechtzeitig vermieden oder
Trinkwasserspeicher gehen durch die
                                                   eingedämmt werden.
Gletscherschmelze verloren. Von gewaltigen
Wassermassen schmelzender Gletscher ge-
bildete Seen, wie z. B. im Himalaya, brechen
ihre natürlichen Dämme und überfluten
ganze Regionen.

Die Gletscher in den europäischen Alpen
sind inzwischen bis auf etwa ein Drittel ihres
Volumens im Jahr 1850 zurückgegangen
und haben nahezu die Hälfte ihrer Fläche
verloren (Zemp et al., 2007). Ursächlich ist die
zunehmende Erwärmung der Lufttemperatur
durch den Klimawandel.
Bayerische Gletscher im Klimawandel - ein Statusbericht - Bayerisches Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit - www.klima.bayern.de - Cambio ...
8                                2. Methoden der Gletscherforschung

                                           Da Gletscher auf Klimaveränderungen                  Ein wichtiger Schritt für die genaue Ver-
                                           und nicht so sehr auf einzelne warme Jahre           messung der Gletscher war die Einführung
                                           (= Witterung) reagieren, liefern sie wertvolle       der terrestrischen Photogrammetrie durch
                                           Beweise für langfristige Veränderungen.              Sebastian Finsterwalder, bei der anhand
                                           Die Zeichen der Ausdehnung und der Rück-             zweier ähnlicher Fotografien eines Ortes
                                           züge sind im „ewigen Eis“ deutlich zu                eine dreidimensionale Abbildung abgeleitet
                                           sehen und ermöglichen es, klimatische Ver-           wird (s. a. Glossar). Seit dem Ende des
                                           änderungen aus Zeiten abzuleiten, von denen          zweiten Weltkrieges kam für die großräumige
                                           keine Messwerte vorliegen. Die Gletscher             Vermessung zunehmend die Luftbildphoto-
                                           werden häufig als das Gedächtnis der                 grammetrie zum Einsatz. Die Auswertungen
                                           historischen Klimaentwicklung bezeichnet.            wurden seit den 1950er Jahren am Institut
                                           Wie in einem Archiv können in den Tiefen             für Photogrammetrie und Fernerkundung der
                                           der Eismassen der polaren Eisschilde durch           Technischen Universität München sowie seit
                                           Bohrkerne Relikte der Vergangenheit wie              1964 in Zusammenarbeit mit der Kommission
                                           Staub, Ruß, Pflanzenteile, Gasbläschen               für Glaziologie der Bayerischen Akademie der
                                           gefunden und bewertet werden. Gebirgs-               Wissenschaften durchgeführt.
                                           gletscher geben über ihre ehemaligen Aus-
                                           dehnungen, die als Moränen lange in der              In neuerer Zeit konnten die Untersuchungen
                                           Landschaft sichtbar bleiben, wertvolle Hin-          an bayerischen Gletschern durch mehrere
                                           weise zur Rekonstruktion des Paläoklimas.            neuere Messverfahren verbessert werden.
                                                                                                Neben terrestrischen Laserscan-Aufnahmen
                                           Die bayerischen Gletscher werden seit vielen         für die Ableitung der Topographie kommen
                                           Jahrzehnten regelmäßig untersucht, um die            auch satellitengestützte GPS-Verfahren zum
                                           Veränderungen der Eismassen in Zeiten des            Einsatz. An den kleineren Gletschern kann
                                           Klimawandels zu dokumentieren und zu                 die Topographie auch mit reflektorloser
                                           bewerten (Hagg et al., 2008; Heilig et al., 2010).   Tachymetrie, die die Bestimmung des Winkels
                                           Die Basis bilden die ersten topographischen          und der Distanz zwischen Objekten und
                                           Karten der bayerischen Gletschergebiete, die         Betrachter mit dem Theodoliten zugrunde legt
                                           aus dem 19. Jahrhundert datieren.                    (s. a. Glossar), bestimmt werden (Abb. 2.2).
                              Abb. 2.1:                                                         Dies hat den Vorteil, dass man in engen
            Bohrkern im Gletscherfirn                                                           Tälern nicht durch unzureichenden Satelliten-
                                                                                                empfang behindert wird.

                               Abb. 2.2:
Beispiel der reflektorlosen Tachymetrie
        am Watzmanngletscher, 2009.
Bayerische Gletscher im Klimawandel - ein Statusbericht - Bayerisches Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit - www.klima.bayern.de - Cambio ...
9

Für die Bestimmung der Eisdicke wurden                                                        Die Messungen zu den Eisvolumina und die
Messungen mit Bodenradarapparaturen                                                           turnusmäßige Vermessung der Topographie
durchgeführt. Im Gegensatz zur Vermessung                                                     der bayerischen Gletscher wurden in den
der Oberfläche muss dafür der Gletscher                                                       Jahren 2006 bis 2010 durch die Kommission
auf Profilen mehrfach überquert werden                                                        für Erdmessung und Glaziologie durchge-
(Abb. 2.4). Das Radargerät wird dabei über                                                    führt. Die wissenschaftlichen Auswertungen
die Eisoberfläche gezogen, die eindringen-                                                    liegen diesem Bericht zugrunde (Heilig,
den Radarwellen werden am Felsuntergrund                                                      Mayer & Hagg, 2010).
reflektiert und die so erzeugten Echos
aufgezeichnet (Abb. 2.3). Aus der Laufzeit
dieser Echosignale kann die Dicke des
Gletschereises bestimmt werden.

                                                                                                                                                                   Abb. 2.3 (oben):
                                                                                                                                                                   Ergebnis einer Radaruntersuchung
                                                                                                                                                                   am nördlichen Schneeferner:
                                                                                                                                                                   Am Felsuntergrund ist der Signal-
                                                                                                                                                                   wechsel klar zu sehen (blauer Pfeil),
                                                                                                                                                                   in Bereichen mit Schuttverfüllungen
                                                                                                                                                                   ist die Reflexion weniger deutlich
                                                                                                                                                                   (mittlerer Bereich, roter Pfeil).

                                                                                                                                                                   Abb. 2.4 (links):
                                                                                                                                                                   Einsatz eines Bodenradars
                                                                                                                                                                   im Hochgebirge zur Eisdicken-
                                                                                                                                                                   messung am Blaueis, 2006.

                                                                                                                                                                   Abb. 2.5:
  5267800                                                                                                                                                   1040   Beispiel der Auswertung einer Tachy-
                                                                                                                                                            1030   metermessung für die Eiskapelle,
                                                                                                                                                            1020
  5267750                                                                                                                                                          ein ausgedehntes Schneefeld am Fuß
                                                                                                                                                            1010
                                                                                                                                                            1000   der Watzmann-Ostwand.
                                                                                                                                                             990
  5267700                                                                                                                                                    980
                                                                      0
                                                                    92                                                                                       970
                                          970

                                                                                                                                                             960
  5267650                                                                                                                                                    950
                                                                                                                           REF02                             940
                                                                                                   870

                                                                                                                                                             930
  5267600                                                                                                                                                    920
                                                                                                                                                             910
                                                                                                                                                             900
  5267550                                                                                                                                                    890
                                                                                                                                                             880
                                                          PP01                                                                                               870
                                                                                                                REF01
  5267500                                                                                                                                                    860
                                                                                                                                                             850
                                                                                                                                                             840
  5267450                                                                                                                                                    830
                                                                                               0          100        200         300 Meter                   820

  5267400
            3344300

                                3344400

                                                          3344500

                                                                                    3344600

                                                                                                                 3344700

                                                                                                                                        3344800
                      3344350

                                                3344450

                                                                          3344550

                                                                                                     3344650

                                                                                                                              3344750

                                                                                                                                                  3344850
Bayerische Gletscher im Klimawandel - ein Statusbericht - Bayerisches Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit - www.klima.bayern.de - Cambio ...
10                              3. Einflussfaktoren auf die Entwicklung
                                        von Gletschern in den Alpen

                                            Gletscher bestehen aus Eis, einem Material,       Folgende Faktoren beeinflussen die
                                            das sich im Vergleich zu anderen Feststoffen      Entwicklung von Gletschern:
                                            auf der Erdoberfläche fast ständig nahe an
                                            seinem Schmelzpunkt befindet. Während die
                                                                                              Lufttemperatur
                                            Kristalle von frischem Schnee noch locker
                                            nebeneinander liegen, ein großes Luftporen-       In den meisten Regionen der Erde werden
                                            volumen von bis zu 95 % aufweisen und des-        im Sommer Temperaturen erreicht, bei denen
                                            halb von geringer Dichte sind (ca. 0,1 g/cm3),    Eis schmilzt. Nur im extremen Hochgebirge
                                            besitzt der Altschnee (= Firn) bereits eine       und im Inneren Grönlands und der Antarktis
                                            Dichte von 0,5 g/cm3. Hat sich der Firn durch     bleiben die Temperaturen das ganze Jahr
                                            den Druck der Schneemassen in Gletschereis        unter dem Schmelzpunkt. In allen anderen
                                            verwandelt, ist er schwer und fest geworden       Regionen der Erde wird zumindest ein
                                            (Dichte = 0,8 – 0,9 g/cm3) und kann sich wie      Teil des Gletschereises im Jahresverlauf
                                            eine zähe Flüssigkeit ins Tal bewegen (Alean,     schmelzen, während Neuschnee den Verlust
                                            2010).                                            wieder ausgleicht.

                                                                                              Blickt man in die Vergangenheit, so war in der
Temperatur (°C)
                                                                                              Zeit zwischen etwa 1500 bis 1850 das Klima
 11                                                                                           in Mitteleuropa durch zahlreiche kühle Sommer
                                                                                              geprägt (Glaser, 2001). Dies führte dazu,
10,5                 Innsbruck
                                                                                              dass die Alpengletscher an Fläche zunahmen
                     Zugspitze (korr.)
 10                  Hoher Peißenberg (korr.)                                                 und gegen 1850 ihre maximale Ausdehnung
 9,5
                                                                                              seit der letzten Kaltzeit erreichten.

     9                                                                                        Mit dem Beginn der Industrialisierung und
                                                                                              der zunehmenden Erwärmung der Lufttempe-
 8,5
                                                                                              ratur (Abb. 3.1) begannen die Gletscher in den
     8                                                                                        Alpen jedoch abzuschmelzen.
 7,5                                                                                          Aus Abbildung 3.2 ist ersichtlich, dass die
     7                                                                                        Lufttemperaturen – nur während des Sommer-
                                                                                              halbjahres – in den Jahren 1947 bis 1975 eine
 6,5
                                                                                              kurze Phase der Abkühlung um etwa 0,8 ° C
     6                                                                                        aufwiesen. Dies führte zu einem allgemein
     Jahr    1800       1825      1850         1875    1900    1925    1950    1975    2000   beobachteten Gletschervorstoß um 1980.
                                                                                              Nach 1975 zeigen jedoch auch die mittleren
                              Abb. 3.1:
                                                                                              Lufttemperaturen im Sommer eine zunehmen-
  Mittlere Jahreslufttemperaturen seit
  Beginn der Aufzeichnungen an den                                                            de Erwärmung an.
 Wetterstationen Innsbruck, Zugspitze
   und Hoher Peißenberg. Die Reihen
     der Stationen Hoher Peißenberg
     und Zugspitze wurden (Gradient
          von 0.6 °C pro 100 m) auf die
 Meereshöhe von Innsbruck korrigiert.
            (HISTALP, Auer et al., 2007)

                                                                                              Abb. 3.2
Temperatur (°C)
                                                                                              Mittlere Lufttemperaturen während
16                                                                                            der Sommermonate seit Beginn
                                                                                              der Aufzeichnungen an den Wetter-
15                                                                                            stationen Innsbruck, Zugspitze
                                                                                              und Hoher Peißenberg. Die Reihen
                                                                                              der Stationen Hoher Peißenberg
14                                                                                            und Zugspitze wurden (Gradient von
                                                                                              0.65°C pro 100 m) auf die Meeres-
13                                                                                            höhe von Innsbruck korrigiert.
                                                                                              (Auer et al., 2007)

12
                    Innsbruck
                    Zugspitze (korr.)
11
                    Hoher Peißenberg (korr.)

10

     Jahr   1800       1825     1850       1875       1900    1925    1950    1975    2000
11

Niederschlag

Neben der Lufttemperatur beeinflussen                                          Höhe (m)
Menge, Art und Häufigkeit von Niederschlags-
ereignissen die Entwicklung von Gletschern.
                                                                                     2 000           kontinentales     maritimes
In Gebirgen nimmt der Niederschlag meist
                                                                                                     Klima             Klima
mit der Höhe zu und kann in Gipfelregionen
leicht das Doppelte der Menge von Tallagen
erreichen.

Niederschlag und Temperatur bestimmen                                                1 500
im Wesentlichen den höhenabhängigen
Massenumsatz eines Gletschers (Abb. 3.3).

In den sehr trockenen Gebirgen Zentralasiens
wird in den höchsten Gletscherregionen nur
                                                                                     1 000
wenig Schnee abgelagert. Die Eisschmelze an
den Gletscherzungen beträgt nicht mehr als
wenige Meter im Jahr. Demgegenüber
reichen die Gletscherzungen in Gebirgen
nahe der Meeresküste mit sehr viel Nieder-
                                                                                        500            Gleichgewichtslinie
schlag oft bis weit in die Täler hinunter,
da die großen Schneemassen zu einer starken
Gletscherbewegung führen. An solchen
Gletscherzungen können Schmelzraten von
10 bis 20 m pro Jahr beobachtet werden
(Anderson et al., 2006). Gletscher, die solch
enorme Massen an Eis transportieren,                    -8   -6          -4     -2            0        2          4     6      8
reagieren schnell auf Veränderungen des           Massenbilanz (m/a)

Niederschlags oder der Temperatur.
                                                                                                             Abb. 3.3 (oben):
In Abb. 3.4 werden Niederschlagsauf-                                                                         Abhängigkeit der Massenbilanz vom
zeichnungen aus dem inneralpinen Inntal                                                                      Niederschlag: trockene/kontinentale
                                                                                                             Gebiete zeigen deutlich geringere
(Innsbruck) mit der Staulage am Nordrand
                                                                                                             Massenumsätze als feuchte/maritime
der Alpen (Oberstdorf) verglichen. Es wird
                                                                                                             Gebiete.
ersichtlich, dass in der Staulage während
eines Jahres mehr als doppelt so viel
Niederschlag fällt wie in den inneren Alpen-
tälern. Zudem zeigt sich eine deutlich          Niederschlag (mm)
messbare Zunahme des Jahresniederschlags
                                                2 200
an beiden Stationen. Zwischen den Jahren
1900 und 2000 erhöhte sich der mittlere
                                                2 000
Jahresniederschlag in Innsbruck um etwa
70 mm (9 %) und in Oberstdorf um knapp
80 mm (4,5 %).                                  1 800

                                                1 600

                                                                       Innsbruck
                                                1 400
                                                                       Linearer Trend
                                                                       Oberstdorf
                                                1 200
                                                                       Linearer Trend

                                                1 000

                                                 800

                                                Jahr 1860         1880        1900            1920         1940       1960     1980      2000

                                                                                                             Abb. 3.4:
                                                                                                             Jahresniederschlag an den Stationen
                                                                                                             Innsbruck und Oberstdorf.
                                                                                                             (Auer et al., 2007)
12

                                                                                     Reaktionszeit
Sommerniederschlag (mm)
                                                                                     Die Gletscher reagieren mit zeitlicher
1 400                                                                                Verzögerung auf die Klimaentwicklung
                                                                                     (= Reaktionszeit des Gletschers, s. a. Glossar).
                                                                                     Die Reaktionszeit kann je nach Größe des
1 200
                                                                                     Gletschers, seiner Lage und den lokalen
                                                                                     klimatischen Bedingungen zwischen wenigen
1 000               Innsbruck                                                        Jahren und einigen Dekaden liegen. Eine steile
                    Linearer Trend                                                   Topographie und ein hoher Massenumsatz
                    Oberstdorf                                                       führen zu einer kurzen Reaktionszeit.
 800
                    Linearer Trend

 600
                                                                                     Gleichgewicht und Massenumsatz

                                                                                     Für die Beurteilung der Klimaempfindlich-
 400
                                                                                     keit von Gletschern sind die Lage der Gleich-
                                                                                     gewichtslinie und der Massenumsatz
 200                                                                                 (s. a. Glossar) wichtig. An der Gleichgewichts-
    0                                                                                linie schmilzt genauso viel Eis im Jahres-
                                                                                     verlauf ab, wie durch Schneefall wieder
Jahr    1860    1880       1900        1920      1940     1960    1980       2000
                                                                                     hinzukommt. Wird es wärmer, verschiebt
Winterniederschlag (mm)                                                              sich die Gleichgewichtslinie in größere
                                                                                     Höhen. Eine Faustzahl für die Veränderung
1 400               Insbruck                                                         der Lufttemperatur mit der Höhe ist 6,5 ° C
                    Linearer Trend                                                   pro 1000 m Höhenänderung (Kuhn, 1979).
                    Oberstdorf
1 200
                    Linearer Trend
                                                                                     Geometrie
1 000
                                                                                     Die Reaktion von Gletschern auf Veränder-
                                                                                     ungen der Umgebungsbedingungen ist auch
 800
                                                                                     stark von ihrer Form (= Geometrie) abhängig.
                                                                                     Die Länge eines Gletschers nimmt mit
 600                                                                                 abnehmender Steilheit des Untergrundes
                                                                                     deutlich zu. Dies bedeutet, dass eine Tempe-
                                                                                     raturveränderung bei flachen Gletschern
 400
                                                                                     größere Flächenanteile betrifft und eine
                                                                                     weitaus stärkere Reaktion im Hinblick auf die
 200                                                                                 Gletscherlänge zur Folge hat, als bei steilen
   0                                                                                 Gletschern.
Jahr    1860    1880       1900        1920      1940     1960    1980       2000    Gletscher werden nicht nur vom Klima
                                                                                     beeinflusst, sie können auch Einfluss auf
                                                                                     das Klima nehmen.
                          Abb. 3.5:    Ein Vergleich der Sommer- und Winter-
     Vergleich von Sommer- (oben)      niederschläge zeigt eine Zunahme der          Ursächlich sind zum einen ihre gewaltige
 und Winterniederschlag (unten) für    Winterniederschläge im Nordstau der Alpen     Ausdehnung und der große Massenumsatz,
    die beiden Stationen Innsbruck
                                       (Abb. 3.5). Während in Innsbruck im Sommer    zum anderen die starke Reflexion des
                   und Oberstdorf.
                                       etwa doppelt so viel Niederschlag fällt wie   eingestrahlten Sonnenlichts an ihren schnee-
                 (Auer et al., 2007)
                                       im Winter, gleichen sich die Niederschlags-   bedeckten, weißen Oberflächen (= Albedo,
                                       mengen in Oberstdorf an (800 mm gegen-        s. a. Glossar). Sie beeinflussen so die Bilanz
                                       über 1050 mm).                                der Sonneneinstrahlung, die großräumigen
                                                                                     Wettersysteme und die Meeresströmungen.
                                                                                     Ein globales Abschmelzen der Gletscher
                                                                                     verstärkt deshalb den fortschreitenden Klima-
                                       Die wichtigsten Ursachen des
                                                                                     wandel, weil mehr einfallendes Sonnenlicht in
                                       Gletscherrückgangs:
                                                                                     den zurückbleibenden schnee- und eisfreien,
                                       Q   Frühlings- und Sommermonate mit           d. h. dunklen Gebieten, absorbiert wird und
                                           intensiver Sonneneinstrahlung             zu einer weiteren Erwärmung führt.
                                       Q   wenig Schneezuwachs im Winter
                                           (Massenumsatz)
                                       Q   erhöhte Lufttemperaturen
                                       Q   sommerliche Regenereignisse bis
                                           in große Höhen
4. Bedeutung der Alpengletscher im Wasserkreislauf                                                    13

   Die Alpengletscher sind im Wasserkreislauf        Bedeutung nichteuropäischer Gletscher-
   eine wichtige Speichergröße, die den Abfluss      gebiete im Wasserhaushalt
   aus den Hochgebirgsregionen in die Flüsse
                                                     Während die Bedeutung der Gletscher im
   im Tal reguliert. Noch werden die Hoch-
                                                     Wasserkreislauf der Alpen nur inneralpin
   gebirgsflüsse durch das Abschmelzen der
                                                     eine Rolle spielt, ist sie in anderen Gebirgs-
   Eisreserven im Sommer gespeist und können
                                                     regionen wesentlich ausgeprägter. In Zentral-
   deshalb nicht trocken fallen. Sind diese
                                                     asien erhalten ausgedehnte Gebiete während
   Reserven abgeschmolzen, wird die Wasser-
                                                     des Sommers kaum Regen. Landwirtschaft,
   führung der Gebirgsflüsse in erster Linie auf
                                                     Industrie und Gesellschaft sind auf ge-
   das veränderliche Niederschlagsangebot
                                                     speichertes Wasser angewiesen. Die starke
   angewiesen sein. Gletscher wirken sich aber
                                                     Vergletscherung des Tien Schan und des
   nicht nur auf die Niedrigwasserführung der
                                                     Pamir tragen dort wesentlich zur sommer-
   Gebirgsflüsse aus. Überlagern sich Gletscher-
                                                     lichen Wasserversorgung bei.
   schmelze und starke Regenfälle, kann es
   auch zu gefährlichen Hochwasserereignissen        Im Zusammenhang mit dem Abschmelzen
   kommen.                                           der Alpengletscher wird häufig auch auf
                                                     den Anstieg des globalen Meeresspiegels
   Gletscher spielen derzeit vor allem für den
                                                     hingewiesen. Das Abschmelzen der großen
   inneralpinen Wasserkreislauf vergletscherter
                                                     Eismassen der Antarktis und Grönlands
   Einzugsgebiete mit > 30 % Vergletscherung
                                                     entspräche einem Anstieg des Meeres-
   eine Rolle. Im Hochsommer, wenn die
                                                     spiegels um mehr als 60 m. Das Gesamt-
   Schneeschmelze bereits vorbei ist und die
                                                     volumen der alpinen Gletscher und kleineren
   Gletscherschmelze ihren Höhepunkt erreicht,
                                                     Eiskappen weltweit kann nur zu einer
   kann das Wasser in den Flüssen solcher
                                                     Erhöhung des Meeresspiegels um 15 bis
   Gebiete bis über 80 % aus Gletscherschmelz-
                                                     37 cm beitragen (Lemke et al., 2007).
   wasser bestehen, z. B. in Vent im Ötztal
   (Weber et al., 2010). Bereits in Innsbruck (ca.   In den letzten 140 Jahren ist der Meeres-
   4 % Vergletscherung des Einzugsgebiets)           spiegel um etwa 20 cm angestiegen, wobei
   betrug der über das Jahr gemittelte Beitrag       sich die Geschwindigkeit des Anstiegs in den
   zum Abfluss aus der Gletscherschmelze in          letzten 15 Jahren mit 3,1 mm/Jahr beinahe
   der Dekade 1990 bis 2000 nur noch 8 %.            verdoppelt hat (Beckley et al., 2007). Etwas
   Während heißer und trockener Sommermo-            weniger als die Hälfte dieses Anstiegs wird
   nate kann jedoch der Anteil des Flusswassers      auf das Abschmelzen der Gebirgsgletscher
   im Inn bei Innsbruck zwischen 20 % und 30 %       und Eiskappen außerhalb der Polarregionen
   von Gletschern stammen (Weber et al., 2009).      zurückgeführt. Der Anteil der Alpengletscher
                                                     spielt dabei eine untergeordnete Rolle
                                                     (Dyurgerov und Meier, 2005).
   Gletscher wirken als Wasserreserve im
   Sommer. Das Schmelzwasser
                                                     Bedeutung der bayerischen Gletscher für
   Q   ergänzt geringe Niederschläge in den
                                                     den Wasserhaushalt
       Gebirgsflüssen,
   Q   sorgt für ausgeglichene Pegelstände           Das Gesamtvolumen aller bayerischen
       in den Flüssen,                               Gletscher von 9,45 Millionen m³ entspricht
   Q   hält die Temperatur der Gebirgsflüsse auf      etwa der Menge an Wasser, die bei einem
       niedrigem Niveau, was die Gefahr einer        mittleren Abfluss innerhalb von 38 Stunden
       Eutrophierung in heißen Sommermonaten         in der Isar durch München fließt. Dies zeigt,
       verringert und                                dass die bayerischen Gletscher für den
   Q   führt zu konstanteren Abflussverhältnissen     Wasserhaushalt von geringer Bedeutung
       und einer besseren Planbarkeit der Wasser-    sind. Da der Anteil des Gletscherwassers
       verfügbarkeit, u. a. bei der Wasserkraft-     in der Isar aus der Zugspitzregion stammt
       nutzung.                                      und selbst im Sommer nur wenige Promille
                                                     beträgt, haben die kleinen Gletscher in
   Fallen Gletscherschmelze und starke               Bayern keinen signifikanten Einfluss auf den
   Niederschlagsereignisse im Frühjahr oder          Wasserhaushalt im Einzugsgebiet.
   Frühsommer zusammen, können sich auch
                                                     Das zunehmende Abschmelzen der Gletscher
   folgende Nachteile und Gefahren ergeben:
                                                     setzt schon seit über 160 Jahren mehr Wasser
   Q   Hochwasserereignisse                          frei als durch den Niederschlag wieder
   Q   Bedrohung der Fauna der Gebirgsflüsse          hinzukommt. Dies bedeutet, dass derzeit die
   Q   Georisiken, Murenabgänge                      Flüsse im Sommer aufgrund des Gletscher-
   Q   Einschränkung der Wasserkraftnutzung          schmelzwassers mehr Wasser führen. Der
                                                     Einfluss der Gletscher auf die Wasserführung
                                                     der Flüsse in den Alpen wird durch die
                                                     fortschreitende Flächenabnahme jedoch
                                                     kontinuierlich zurückgehen.
14                            5. Gletscher in Bayern heute – eine Bestandsaufnahme

Lage der fünf bayerischen Gletscher

                                                                     MÜNCHEN
Legende             D E U T S C H L A N D
                                                                                          EBERSBERG
  STÄDTE                  ( B AY E R N )
  Gletscher                                                         STARNBERG

                               KAUFBEUREN                                                                     TRAUNSTEIN
                                         WEILHEIM                                     ROSENHEIM

                                                                           BAD TÖLZ
                KEMPTEN
                                                                                                                   BERCHTES-
                                                                                                                      GADEN
                                                                                                                      Blaueis
                                                   GARMISCH-                                           Watzmanngletscher
SONTHOFEN                                          PARTENKIRCHEN

       OBERSTDORF                                 Höllentalferner                Ö S T E R R E I C H
                                   Nördlicher
                                 Schneeferner
                                                Südlicher
                                                Schneeferner
15

Insgesamt beträgt die Fläche der bayerischen      Flächenmäßig sind der nördliche Schnee-
Gletscher derzeit noch etwa 70 ha. Die mittlere   ferner und der Höllentalferner an der Zugspitze
Dicke aller Gletscher beträgt 13,5 m, jedoch      mit weitem Abstand die größten Gletscher
mit deutlichen Unterschieden zwischen den         in Bayern. Der nördliche Schneeferner be-
Gletschern. Daraus ergibt sich ein Gesamt-        inhaltet trotz vergleichbarer Größe fast doppelt
volumen von 9,45 Mio. m3. In den noch             so viel Eis wie der Höllentalferner.
vergletscherten Gebirgsregionen Bayerns
                                                  Die anderen drei Gletscher, der südliche
ist das Zusammenspiel zwischen hohen
                                                  Schneeferner, der Watzmanngletscher und
Niederschlägen, niedrigen Lufttemperaturen
                                                  das Blaueis, sind wesentlich kleiner und
im Sommer und den geographischen
                                                  spielen hinsichtlich des Eisvolumens eine
Gegebenheiten gerade noch ausreichend für
                                                  untergeordnete Rolle.
das Vorkommen von Gletschern, obwohl
sie unterhalb der klimatischen Schneegrenze       Der südliche Schneeferner und der Watz-
liegen (Hagg, 2008). Der fortschreitende          manngletscher haben in den letzten 5 Jahren
Klimawandel wird dieses Zusammenspiel             stark an Fläche verloren und besitzen schon
gravierend ändern.                                seit Jahren keine Zone mehr, in der sich
                                                  der Winterschnee über den Sommer hält
In den bayerischen Alpen gibt es fünf             (Abb. 5.1).
Gletscher:

auf dem Zugspitzmassiv (Höhe 2962 m)                                                                 Abb. 5.1:
im Wettersteingebirge                                                                                Die letzten Eisreserven des aperen
                                                                                                     südlichen Schneeferners (oben)
Q   Nördlicher Schneeferner (Zugspitzplatt)                                                          und des Watzmanngletschers (unten).
Q   Südlicher Schneeferner (Zugspitzplatt)                                                           Am südlichen Schneeferner sieht
Q   Höllentalferner (Nordseite der Zugspitze)                                                        man links die Schneedepots der
                                                                                                     Zugspitzbahn AG. Der restliche
auf dem Watzmann (Höhe 2713 m)                                                                       Gletscher ist in den letzten Jahren
und Hochkalter (Höhe 2607 m) in den                                                                  schon Mitte des Sommers schneefrei.

Berchtesgadener Alpen:
Q   Watzmanngletscher (Watzmannkar,
    östlich des Grates von der Watzmann-
    Mittelspitze zum Hocheck) und
Q   Blaueis (Kar nördlich des Hochkalter).

Nach Abschluss der letzten Vermessungs-
periode in 2007 und 2009 durch die Kommis-
sion für Erdmessung und Glaziologie der
Bayerischen Akademie der Wissenschaften
ergaben sich folgende Flächen und
Volumina für Bayerns Gletscher (Tabelle 1):

Volumina der bayerischen Gletscher (2007):        Volumen (Mio m³) mittl. Dicke (m) max. Dicke (m)   Tabelle 1:
                                                                                                     Übersicht zu charakteristischen
Nördlicher Schneeferner                           5,16              16,8            52               Größen der bayerischen Gletscher.
Südlicher Schneeferner                            0,4                4,6            16

Höllentalferner                                   2,9               11,7            48

Watzmanngletscher                                 0,6                5,9            16

Blaueis                                           0,4                3,8            13

Flächen der bayerischen Gletscher (2009):         Fläche (ha)       höchster        tiefster
                                                                    Punkt (m)       Punkt (m)

Nördlicher Schneeferner                           27,8              2 792           2 556

Südlicher Schneeferner                             4,8              2 665           2 557

Höllentalferner                                   24,7              2 569           2 203

Watzmanngletscher                                  5,6              2 119           1 998

Blaueis                                            7,5              2 368           1 937
16                                      Nördlicher Schneeferner

                     Abb. 5.2 (oben):     Der nördliche Schneeferner auf dem Zug-            Im Gegensatz zu allen anderen Gletschern
  Der nördliche Schneeferner im Jahr      spitzplatt (Abb. 5.2) ist der größte und höchst-   besitzt er eine ausgeprägte Zunge und ein
   2009. Im oberen Bereich ist ein Teil   gelegene Gletscher in Bayern. Er entstand          relativ stabiles Akkumulationsgebiet; er weist
des Gletschereises durch Geröll vom
                                          nach der Abtrennung des östlichen Teils des        im mittleren Bereich auch noch eine Spalten-
  Schneefernerkopf bedeckt. Deutlich
                                          Plattachferners und besetzt heute eine             zone auf, die für unerfahrene Bergsteiger
ist die Muldenform der umgebenden
           Topographie zu erkennen.       Karmulde unterhalb des Schneefernerkopfes.         durchaus gefährlich sein kann (Abb. 5.3).
                                          Aufgrund der Lage direkt östlich des Grates
                                                                                             Seit 1979 schmilzt der nördliche Schneeferner
                                          zwischen Zugspitze und Schneefernerkopf
                                                                                             wie alle bayerischen Gletscher kontinuierlich
                                          treten dort sehr hohe Niederschläge auf, die
                                                                                             zurück. In den letzten Jahren wird der Massen-
                                          ursprünglich die Ursache für die Ausbildung
                                                                                             verlust aber hauptsächlich durch eine Ver-
                                          des Gletschers waren.
                                                                                             minderung der Eisdicke sichtbar. Aufgrund
                                          Der nördliche Schneeferner sieht, wie es der       seiner Muldenlage führt ein Abschmelzen der
                                          Name bereits andeutet, eher wie ein großes         Ränder zwar zu einem Einsinken des
                                          Schneefeld aus, wogegen der Höllentalferner        Gletschers, aber nur mit geringen Flächen-
                                          die typischen Merkmale eines Gletschers zeigt,     änderungen. Mit knapp 50 m maximaler
                                          d. h. Eisbewegung, Spalten und getrenntes          Eisdicke ist der nördliche Schneeferner auch
                            Abb. 5.3:     Akkumulations- und Ablationsgebiet.                der Gletscher mit den größten Eisreserven.
      Das Spaltengebiet im mittleren
        Bereich des Höllentalferners.
Südlicher Schneeferner                                                        17

Der südliche Schneeferner war kurz nach        Abb. 5.4:
dem Zerfall des Plattachferners der größte     Der südliche Schneeferner im
Gletscher in Bayern. Da die Topographie des    Jahr 2005. Der Gletscher füllt nur
                                               noch eine kleine Karmulde direkt
Untergrundes nicht so günstig ist, wie am
                                               unterhalb des Grates aus.
nördlichen Schneeferner (keine ausgeprägte
                                               Die benachbarten Rinnen sind
Muldenlage), verfügt er über deutlich          durch Schneefelder bedeckt.
geringere Eisdicken.

Der südliche Schneeferner erlitt den größten
Flächenverlust aller bayerischen Gletscher
und bedeckt heute nur noch eine Fläche von
weniger als 5 ha (Abb. 5.4).
18                                     Höllentalferner

                             Abb. 5.5:   Der Höllentalferner liegt in einer tiefen       Der Höllentalferner ist der einzige Gletscher,
   Der Höllentalferner im Jahr 2010.     Senke nördlich des Zugspitzgipfels und wird     der noch über eine echte Gletscherzunge
    Die Zunge des Gletschers ist auf     nach Süden hin von mehr als 300 m hohen         verfügt und im oberen Bereich einen Schnee-
beiden Seiten mit Schutt bedeckt, so
                                         Felswänden beschattet (Abb. 5.5). Auch nach     zuwachs aufweist. Ein wesentlicher Teil der
       dass das Eis nur im mittleren
                                         Westen und Nordwesten ist der Gletscher         Akkumulation im oberen Teil des Gletschers
Bereich zu erkennen ist. Dort wird es
    von tiefen Schmelzwasserrinnen       von hohen Felswänden eingerahmt, durch          stammt von Lawinenabgängen aus der
 durchzogen. Der obere Bereich des       die ein Klettersteig auf die Zugspitze führt.   Felsumrahmung. Die steile Topographie und
 Gletschers liegt fast den ganzen Tag    Die geschützte Lage und das hohe Nieder-        der ausgeprägte Massenumsatz führen zu
   im Schatten und erhält im Winter      schlagsaufkommen tragen dazu bei, dass          einer deutlichen Gletscherbewegung, die sich
  große Mengen an Lawinenschnee.         der heute zweitgrößte Gletscher in den          an einer Stufe des Untergrundes im mittleren
                                         Bayerischen Alpen, etwa 300 m tiefer als        Teil des Gletschers in einigen großen Spalten
                                         der nördliche Schneeferner gelegen, noch        zeigt. Im Gletschervorfeld des Höllentalferners
                                         existiert.                                      ist wie an keinem anderen Gletscher in Bayern
                                                                                         die neuzeitliche Geschichte der Gletscher-
                                                                                         vorstöße zu erkennen. Moränenwälle zeugen
                                                                                         von den Hochständen des Gletschers
                                                                                         um 1820, 1850, 1920 und dem letzten kurzen
                                                                                         Vorstoß, der etwa 1980 endete.
Watzmanngletscher                                                                                                          19

                                                                                              Abb. 5.6 (oben):
                                                                                              Der Watzmann.

                                                                                              Abb. 5.7:
                                                                                              Der Watzmanngletscher im
                                                                                              Jahr 2006. Der Gletscher ist schon
                                                                                              weit in die Karmulde hinein
                                                                                              abgeschmolzen. Die Altschneereste
                                                                                              im oberen (rechten) Gletscher-
                                                                                              bereich sind in den letzten Jahren
                                                                                              verschwunden, so dass der
                                                                                              Gletscher Masse verloren hat.

Der Watzmanngletscher östlich der Mittel-       Die Wärmeperiode in den 1940er-Jahren
spitze des Watzmanns (Abb. 5.6) ist mit einer   führte dazu, dass der Gletscher in einzelne
mittleren Höhe von nur 2060 m über dem          Firnflecken zerfiel und nicht mehr als
Meer der tiefstgelegene Gletscher in Bayern.    Gletscher wahrgenommen wurde. Dieses
                                                Schicksal steht dem Gletscher auch heute
Alle bisherigen Beobachtungen belegen,
                                                wieder unmittelbar bevor (Abb. 5.7).
dass der Watzmanngletscher deutlicher als
die anderen Gletscher auf klimatische Ver-
änderungen reagiert. Während alle anderen
Gletscher in der Periode von 1949 bis 1959
noch erheblich an Masse verloren, zeigte der
Watzmanngletscher bereits einen Zuwachs.
Der Gletscher hat bis etwa 1980 den größten
Zuwachs aller bayerischen Gletscher ver-
zeichnet und ist damals deutlich vorgestoßen.
20                                    Blaueis

                         Abb. 5.8:    Das Blaueis ist in einen tiefen Einschnitt      Das Blaueis besteht heute aus zwei Teilen
        Das Blaueis im Jahr 2007.     nördlich des Gipfels des Hochkalter             und besitzt im Mittel über die Gletscherfläche
      Der obere steile Bereich des    eingebettet (Abb. 5.8). Dieser Gletscher ist    die geringste Eisdicke von nur noch knapp
Gletschers ist von der ehemaligen
                                      gleichzeitig der nördlichste und jener mit      4 m. Die Aufteilung des Gletschers führt dazu,
Gletscherzunge im flachen Grund
                                      der tiefsten Gletscherzunge in Bayern.          dass zwei sehr unterschiedliche Eiskörper
   getrennt. Der untere Bereich ist
      heute weitgehend von einer      Durch seine Lage ist er fast das gesamte        existieren. Weil der ehemalige Zungenbereich
    dünnen Schuttschicht bedeckt.     Jahr weitgehend vor Sonneneinstrahlung          keinen Nachschub mehr aus dem höheren
                                      geschützt, während die steilen Felswände        Becken erhält und gleichzeitig auf einer sehr
                                      große Mengen an Lawinenschnee auf               niedrigen Meereshöhe liegt, sind die Massen-
                                      den Gletscher transportieren.                   bilanzverhältnisse sehr ungünstig. Der
                                                                                      obere Bereich hingegen liegt – sehr gut vor
                                      Die erste topographische Aufnahme des
                                                                                      Sonneneinstrahlung geschützt – wesentlich
                                      Gletschers stammt von Anton Waltenberger
                                                                                      höher und erhält durch Lawinen aus den
                                      aus dem Jahr 1889. Zur Zeit der Maximal-
                                                                                      darüber liegenden Felswänden im Winter
                                      ausdehnung, um 1820, bedeckte das Blaueis
                                                                                      reichlich Schnee.
                                      etwa 25 ha. Heute dagegen sind es nur noch
                                      7,5 ha. Das Blaueis gliedert sich in einen
                                      sehr steilen oberen Bereich und eine deutlich
                                      flachere Zunge. Diese beiden Teile hingen bis
                                      vor wenigen Jahren noch zusammen.
6. Entwicklung der Gletscher in Bayern                                                 21
  Historische Aufzeichnungen seit dem 18. Jahrhundert

  Die vermutlich erste kartographische Dar-
  stellung eines Gletschers in Bayern stammt
  aus dem Jahre 1774. Auf einem Kartenblatt
  des Atlas Tyroliensis ist der „Plattacher
  Ferner“ auf dem Zugspitzplatt vermerkt. Zu
  dieser Zeit erstreckte sich die Vergletsche-
  rung über die gesamte Hochfläche, also über
  den heute nördlichen und südlichen Schnee-
  ferner. Dieser Gletscher war mit einer Fläche
  von etwa 300 Hektar der mit Abstand größte
  Gletscher in Bayern (Finsterwalder, 1951).
  Im Vergleich zu einer heutigen Gesamt-
  fläche aller bayerischen Gletscher von etwa
  70 ha ist das eine ansehnliche Größe.

  Im Jahr 1820 wurde das Zugspitzplatt dann
  von Josef Naus erstmals im Detail kartiert
  und der noch zusammenhängende Plattach-
  ferner vermessen (Abb. 6.1). Anlässlich
  dieser Vermessung wurde die Zugspitze
  vermutlich das erste Mal bestiegen. Wie
  in den meisten Gebieten der Alpen war auch
  hier die maximale Ausdehnung der Gletscher
  in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
  erreicht. Je nach Literaturquelle war dies
  zwischen 1820 (Hirtlreiter, 1992) und 1856            Abb. 6.1 (oben):
  (Finsterwalder, 1951).                                Kartographische Darstellung der
                                                        ersten, nicht maßstabsgetreuen
  Erst 72 Jahre nach der ersten Vermessung,             Vermessung des Zugspitzplatts im
  im Jahr 1892, erfolgte die erste vollständige         Jahre 1820. Auf dem Zugspitzplatt
  Aufnahme aller Gletscher in Bayern.                   ist der ausgedehnte Plattachferner
  Im Wettersteingebirge und in den Berchtes-            zu erkennen (max. Breite etwa zwei
  gadener Alpen erfolgte dies durch Sebastian           Kilometer).

  Finsterwalder (Finsterwalder, 1896).
  Zu diesem Zeitpunkt befand sich der Plattach-
  ferner kurz vor seiner Aufspaltung in zwei
  getrennte Gletscher (Abb. 6.2); die Eiskapelle
  am Fuße der Watzmann-Ostwand bildete
  noch einen kleinen eigenständigen Gletscher
  (Abb. 6.3).
                                                        Abb. 6.2:
  Im Zeitraum zwischen 1920 und 1950 schmol-            Der Gletscher auf dem Zugspitz-
  zen alle Gletscher in Bayern weiter ab. Auf           platt kurz vor seiner Aufspaltung in
  dem Zugspitzplatt bildeten sich schließlich           zwei Teile. Aufnahme von 1875.
  drei Gletscher heraus, von denen der östliche         (Waltenberger, 1882)
  Überrest des alten Plattachferners inzwischen
  auch verschwunden ist. Die Eiskapelle verlor
  damals bereits ihre Gletscherzunge. Sie ist
  heute nur noch ein von Lawinen gespeistes
  Schneefeld.

                                                        Abb. 6.3:
                                                        Ausschnitt des Watzmanngletschers
                                                        aus der Originalaufnahme des
                                                        Topographischen Bureaus von 1897
                                                        (Breite des Gletschers etwa 500
                                                        Meter).
22                                    Systematische Erfassung der bayerischen Gletscher ab 1950

                                       Anfang der 1950er Jahre begann die regel-       Die bayerischen Gletscher wiesen um 1850
                                       mäßige Untersuchung und Vermessung aller        noch eine Fläche von etwas mehr als vier
                                       bayerischen Gletscher, die inzwischen im        Quadratkilometer auf, wobei der damals
                                       10-Jahres-Abstand von der Kommission für        noch zusammenhängende Gletscher auf dem
                                       Erdmessung und Glaziologie der Bayerischen      Zugspitzplatt mit 75% den größten Anteil
                                       Akademie der Wissenschaften in München          an der Gesamtfläche hatte. In der Abbildung
                                       durchgeführt wird (Escher-Vetter & Rentsch,     6.4 ist die Entwicklung der Gletscherflächen
                                       1994; www.glaziologie.de).                      in Bayern seit 1950 dargestellt. Es lässt sich
                                                                                       ablesen, dass:
                                       Es existiert heute eine mehr als 60-jährige
                                       Zeitreihe der Gletscherentwicklung in den       Q   Ende der 1950er Jahre die Gesamtfläche
                                       Bayerischen Alpen. Die Beobachtungen am             der bayerischen Gletscher etwa einen Quad-
                                       Schneeferner dokumentieren sogar die                ratkilometer erreichte;
                                       Gletscherentwicklung auf dem Zugspitzplatt
                                       während der letzten 120 Jahre. Berücksichtigt   Q   von Ende der 1950er Jahre bis 1980
                                       man die historischen Kartierungen der               die gesamte Gletscherfläche um ca. 30 %
                                       Berchtesgadener Gletscher, kann auch dort           zunahm. Die bayerischen Gletscher dehnten
                                       die Veränderung der Gletscher seit Ende des         sich jedoch mit unterschiedlicher Ausprä-
                                       19. Jahrhunderts nachvollzogen werden.              gung aus: so zeigt das Blaueis (grüne Linie
                                                                                           in Abb. 6.4) diese Flächenzunahme ver-
                                                                                           zögert erst nach 1970, während der Watz-
                                       Entwicklung der Gletscherflächen in Bayern          manngletscher (schwarze Linie in Abb. 6.4)
                                                                                           seine Fläche in diesem Zeitraum mehr als
                                       Die Veränderung der Gletscherflächen
                                                                                           verdoppelt hat;
                                       spiegelt, insbesondere bei ausgedehnten
                                       Gletscherzungen, sehr gut längerfristige
                                                                                       Q   sich seit etwa 1980 die Gletscherflächen
                                       klimatische Entwicklungen wider.
                                                                                           in Bayern aufgrund des Klimawandels
                                       Die Rekonstruktion der maximalen Gletscher-         dramatisch verringert haben. Der südliche
                      Bilanz:          flächen in Bayern während der letzten Jahr-         Schneeferner verlor 84 % seiner Fläche.
        Die Gesamtfläche der           hunderte erfolgt durch Vermessung von End-          Der nördliche Schneeferner (-32 %) und der
bayerischen Gletscher betrug           moränen, z. B. bei Burghausen, Memmingen,           Höllentalferner (-18 %) mussten dagegen
im Jahr 2009 noch 71 Hektar.           Kaufbeuren oder in der Nähe des Chiemsees.          moderate Flächenverluste hinnehmen;
                                       Endmoränen sind die Zeitzeugen vergangener
                                       Gletscherausdehnungen, weil sie während         Q   seit etwa 2000 der Flächenverlust aller
                                       eines Vorstoßes eingeschlossenes und an der         bayerischen Gletscher eine rapide, klima-
                                       Oberfläche befindliches Geröll zum Zungen-          bedingte Beschleunigung erfahren hat, der
                                       ende des Gletschers transportieren. Dort            einzig der Höllentalferner aufgrund seiner
                                       wird es durch Ausschmelzen deponiert und            Muldenlage noch widerstehen kann.
                                       bildet die Endmoräne. Schmilzt ein Gletscher,
                                       bleibt dieses Moränenmaterial zurück und
                                       markiert die Ausdehnung des vorhergehen-
                                       den Vorstoßes.

                           Abb. 6.4:         Fläche (ha)                                                          Fläche gesamt (ha)
  Entwicklung der Gletscherflächen
                                              50
            in Bayern seit Mitte des                                                                             NSF
20. Jahrhunderts. Der Zeitpunkt der                                                                              SSF           140
      Messungen an den einzelnen                                                                                 HTF
Gletschern ist mit Punkten markiert           40                                                                 WMG
                            (wobei:                                                                              BEI
     NSF = nördlicher Schneeferner                                                                               Gesamt        120
      SSF = südlicher Schneeferner
              HTF = Höllentalferner           30
        WMG = Watzmanngletscher
                     BEI = Blaueis).                                                                                           100

                                              20

                                                                                                                               80

                                              10

                                                                                                                               60

                                                  0

                                           Jahr       1940   1950   1960   1970     1980      1990    2000     2010     2020
23

Entwicklung der Eisdicke der
bayerischen Gletscher

Die Reaktionen der Gletscher auf klima-                                          Eisdickenabnahme 1976 bis 2006
tische Veränderungen zeigen sich nicht nur                                       Nördlicher Schneeferner

in der Veränderung der Gletscherflächen,
sondern auch in der Mächtigkeit des „ewigen                                                                                             N
Eises“ bzw. in der Veränderung dessen
                                                                                                                                 W                O
mittlerer Oberflächenhöhe. Gewinnt ein
Gletscher an Eismasse, so wächst die Höhe                                                                                               S
                                                                                                                                  [m]
an, während sie bei einem Massenverlust                                                                                                      +4 bis 0
abnimmt. Dies ist ein Grund, weshalb die                                                                                                      0
Bestimmung der Höhenänderung mehr                                                                                                             0 bis -2,5
                                                                                                                                        - 2,5 bis -5,0
Aussagekraft in der Gletscherforschung hat,
                                                                                                                                         -5,0 bis -7,5
als die reine Beobachtung der Flächen-                                                                                                      -7,5 bis -10,0
änderung.                                                                                                                               -10,0 bis -15,0
                                                                                                                                        -15,0 bis -20,0
Die Höhendifferenzen aller bayerischen                                                                                                  -20,0 bis -25,0
Gletscher werden in mehrjährigem Abstand                                                                                                -25,0 bis -30,0
erfasst. Detaillierte Aufnahmen der Gletscher-                                                                                          -30,0 bis -40,0

topographie oder schwierige, kontinuierliche
                                                                                                                                  0                   250 Meter
Messungen sind dazu notwendig. In der
Abbildung 6.5 sind Auswertungen der Höhen-
messungen an bayerischen Gletschern in                                           Eisdickenabnahme 1981 bis 2010                Abb. 6.6:
einer Übersicht im Zeitraum von ca. 1950 bis                                     Höllentalferner                               Vergleich der Eisdickenänderung
2009 dargestellt.                                                                                                              der beiden größten bayerischen
                                                                                                                               Gletscher, nördlicher Schneeferner
Die Eisdickenverteilung des nördlichen                                                                                         (oben) und Höllentalferner (unten),
Schneeferners, des Watzmanngletschers und                                                                                      für vergleichbare Zeiträume. Beide
des Höllentalferners ist relativ gleichmäßig,                                                                                  Gletscher haben in den letzten
da sich die Gletscher seit Mitte des 20. Jahr-                                                                                 30 Jahren maximal über 30 m Eis
                                                                                                                               verloren. Im Mittel über die
hunderts in einer Muldenlage befinden.
                                                                                                                               Gletscherfläche sind es bei beiden
Die Entwicklung der Eisdickenverluste ist                                                                                      Gletschern etwa 18 m Eisdicken-
für diese drei Gletscher ähnlich. Der Höllen-                                                                                  abnahme.
talferner besitzt noch eine ausgeprägte
Zunge, an der die höchsten Eisdickeverluste
auftreten, während in seiner stabilen
Akkumulationszone nur geringe Dicken-
änderungen stattfinden.

Die größten Eisdickenverluste für die drei
Gletscher wurden in der wärmsten Dekade
von 1999 bis 2009 beobachtet – der Trend
ist stetig zunehmend (Abb. 6.6).

                                                                                                                               Abb. 6.5:
                                                         1950   1960   1970   1980      1990       2000           2010         Die mittleren Höhenänderungen
         100                                                                                                                   der bayerischen Gletscher während
          50
           0                                                                                                             NSF   der letzten sechs Jahrzehnte (Mayr,
         -50                                                                                                                   2010). Abgesehen von der leichten
        -100                                                                                                                   Zunahme der Eisdicken im Zeitraum
                                                                                                                               von 1970 bis 1980, zeigten alle
          Mittlere Änderung der Oberflächenhöhe (cm/a)

                                                                                                                               Gletscher einen Massenverlust,
                                                                                                                         SSF
                                                                                                                               (wobei:
                                                                                                                               NSF = nördlicher Schneeferner
                                                                                                                               SSF = südlicher Schneeferner
                                                                                                                               HTF = Höllentalferner
                                                                                                                         HTF
                                                                                                                               WMG = Watzmanngletscher
                                                                                                                               BEI = Blaueis).

                                                                                                                         WMG

                                                                                                                         BEI
24

                                                 Am Beispiel des nördlichen Schneeferners
                                                 zeigt sich, dass vor allem der Bereich des
                                                 Eises mit mehr als 30 m Dicke deutlich
                                                 zurückgegangen ist (Abb. 6.7). Der Bereich
                                                 mit mehr als 50 m dickem Eis ist verschwun-
                                                 den. Trotz dieses massiven Eisverlustes hat
                                                 sich die Gletscherfläche nicht wesentlich
                                                 geändert. Der mittlere Eisdickenverlust von
                                                 etwa 6 m in diesen 7 Jahren hat aber dazu
                                                 geführt, dass nun ein großer Bereich des
                                                 Gletschers weniger als 15 m dick ist. Sollten
                                                 die klimatischen Verhältnisse in den nächsten
                                                 10 Jahren ähnlich sein wie heute, wird der
                                                 nördliche Schneeferner einen erheblichen
                                                 Flächenverlust erfahren.

                        N                        Eisdickenverteilung 1999                        Eisdickenverteilung 2006
                                                 Nördlicher Schneeferner                         Nördlicher Schneeferner
                   W          O

                        S
                        [m]
                                   0
                                   0 bis 2,5
                                  2,5 bis 5,0
                                  5,0 bis 7,5
                                  7,5 bis 10,0
                              10,0 bis 15,0
                              15,0 bis 20,0
                              20,0 bis 25,0
                              25,0 bis 30,0
                              35,0 bis 40,0
                              40,0 bis 50,0
                              50,0 bis 60,0

0   100   200   300    400    500 Meter

                               Abb. 6.7:         Das sehr raue Gelände um den südlichen          Die Eisdicke am Blaueis nimmt seit
     Vergleich der Eisdickenverteilung           Schneeferner füllte sich in den 1970er Jahren   ca. 1990 weniger stark ab, weil durch das
    des nördlichen Schneeferners von             mit Schnee und es bildete sich eine aus-        starke Schmelzen zwischen 1980 und 1989
        1999 (links) und 2006 (rechts).
                                                 gedehnte, aber dünne Eisdecke aus. Diese        mehr Moränenmaterial im tieferen Bereich
                    (Heilig et al., 2010)
                                                 verschwand schon in den darauffolgenden         des Gletschers auf die Oberfläche gebracht
                                                 Jahren, was sich in einem erheblichem           wurde. Dieses schützt den Gletscher
                                                 Flächenverlust widerspiegelt. In den Jahren     vor Sonneneinstrahlung, sobald es einige
                                                 zwischen 1989 und 2006 waren es dann            Zentimeter dick ist. Hier muss jedoch
                                                 vorwiegend die dünneren Randbereiche des        zwischen oberem und unterem Gletscher-
                                                 Gletschers, die vollständig verschwanden.       bereich unterschieden werden: Während
                                                 Seit 2006 ist der Gletscher auf den Bereich     die Eisdicken des unteren Gletscherteils
                                                 der oberen Karmulde begrenzt und das            bereits sehr gering sind, weist der obere
                                                 flächenhafte Abschmelzen dieses mächtige-       Teil des Gletschers durch seine geschützte
                                                 ren Eiskörpers weist vergleichbare Werte wie    Muldenlage nur geringe Mächtigkeits-
                                                 am nördlichen Schneeferner und am Höllen-       änderungen auf.
                                                 talferner auf.

                                                 Bilanz:

                                                 Während der vergangenen drei Jahrzehnte
                                                 (seit ca. 1980) nimmt die Eisdicke aller
                                                 bayerischen Gletscher kontinuierlich ab.
                                                 Die absoluten Dickenverluste des Eises
                                                 sind jedoch von Gletscher zu Gletscher
                                                 entsprechend der lagebedingten Situation
                                                 unterschiedlich.
Ausblick in die Zukunft der bayerischen Gletscher                                                                                                         25

Die bayerischen Gletscher konnten nur           Eisdickenverteilung 2007
wegen ihrer überwiegend geschützten Lagen       Watzmanngletscher

in Gebieten mit außergewöhnlich hoher
                                                                                                              Eisdicke
Akkumulation (Niederschlag als Schnee oder                                                                    [m]
Lawineneintrag) bis heute überdauern.                                                                                     15
Abschmelzen mit der zu erwartenden Klima-                                               [m]
                                                                                                              1 : 5000
                                                                                                15       Watzmanngletschers 2007.
Abschmelzvorgänge sind bereits deutlich                                     0   50     100   150 Meter    (www.bayerische-gletscher.de)
sichtbar. Der untere Teil des Blaueises und
der Watzmanngletscher werden in den             Im Gegensatz zu den kleineren Gletschern
nächsten Jahren verschwinden. Die maxima-       haben der nördliche Schneeferner und der
len Mächtigkeiten dieser beiden Eiskörper       Höllentalferner bessere Bedingungen für
lagen 2007 noch bei etwa 15 m (Abb. 6.8).       eine längere Überlebensdauer (Abb. 6.9).
Bei einem derzeitigen Eisverlust von            Dies liegt einerseits an dem weitaus größeren
etwa 1 m pro Jahr könnten selbst bei gleich-    Eisvolumen der beiden Gletscher, anderer-
bleibenden klimatischen Bedingungen beide       seits aber auch an ihrer Lage. Der nördliche
Eiskörper bis 2020 nahezu verschwunden          Schneeferner liegt etwa 400 m höher als die
sein. Die zunehmende Schuttauflage auf dem      Gletscher in den Berchtesgadener Alpen.
unteren Teil des Blaueises wird diesen          Die relativ offene Exposition Richtung Osten
Zeitpunkt höchstens um wenige Jahre             begünstigt das weitere Abschmelzen.                                                       N
hinauszögern. Der obere Teil des Blaueises                                                                                            W          O
besitzt wesentlich günstigere Akkumulations-    Gletscherentwicklung 2020            Gletscherentwicklung 2020
                                                Höllentalferner                      Nördlicher Schneeferner                               S
bedingungen und weist durch die höhere
                                                                                                                                           [m]
Lage und die starke Schattenlage auch                                                                                                                 0
geringere Schmelzraten auf. Daher kann                                                                                                                0 bis 2,5
erwartet werden, dass dieser Gletscherteil                                                                                                           2,5 bis 5,0
                                                                                                                                                     5,0 bis 7,5
noch längere Zeit überdauern wird.
                                                                                                                                                     7,5 bis 10,0
                                                                                                                                                 10,0 bis 15,0
An der Zugspitze ist vor allem der südliche
                                                                                                                                                 15,0 bis 20,0
Schneeferner von einem völligen Abschmel-                                                                                                        20,0 bis 25,0
zen bedroht. In den letzten Jahren wurden                                                                                                        25,0 bis 30,0
keine Altschneereste am Ende des Sommers                                                                                                         35,0 bis 40,0
                                                                                                                                                 40,0 bis 50,0
mehr beobachtet. Dies und das Fehlen
                                                                                                                                                 50,0 bis 60,0
eines Firnkörpers deuten darauf hin, dass der
Gletscher sein Akkumulationsgebiet schon
                                                                                                          0     100       200       300   400    500 Meter
seit Längerem verloren hat. Daher wird
voraussichtlich auch dieser Gletscher in den    Der Höllentalferner erhält durch seine Lage
nächsten 10 bis 15 Jahren bis auf wenige        etwa 22 % mehr Akkumulation als der                       Abb. 6.9:
Eisreste abgeschmolzen sein.                    nördliche Schneeferner und ist zudem durch                Gletscherentwicklung bis 2020 für
                                                die Ausrichtung gegen Nordosten und die                   den nördlichen Schneeferner (rechts)
Die derzeitige teilweise Abdeckung des                                                                    und den Höllentalferner (links).
                                                hohen Felswände sehr gut gegen Sonnen-
Gletschers durch die Zugspitzbahn AG zur                                                                  Zu sehen ist die resultierende Eis-
                                                einstrahlung geschützt. Aufgrund dieser
Sicherung der Liftstützen wird nach dem                                                                   dickenverteilung. Beide Gletscher
                                                Situation wird vermutlich der Höllentalferner             verlieren deutlich an Volumen
Neubau des Sesselliftes 2012 eingestellt. Der
                                                auch der letzte verbleibende Gletscher in                 und Fläche, bleiben ihrem Charakter
bisher damit verbundene Effekt niedrigerer
                                                Bayern sein.                                              nach aber erhalten.
Schmelzraten war nur auf einen sehr kleinen
Bereich beschränkt und hat, genauso wie         Eine Prognose für das Jahr 2020 für beide
am nördlichen Schneeferner, keinen Einfluss     Gletscher auf der Grundlage der Entwicklung
auf die Entwicklung des Gesamtgletschers.       der letzten zehn Jahre (gleichbleibende klima-
                                                tische Bedingungen) zeigt, dass der nördliche
                                                Schneeferner seine jetzt schon unbedeutende
                                                Zunge verlieren wird und die maximalen
                                                Eisdicken auf etwas über 30 m reduziert
                                                werden. Der Höllentalferner zeigt im Verhält-
                                                nis weniger Verluste und behält noch einen
                                                Großteil seiner Zunge. Auch hier werden die
                                                Eisdicken deutlich abnehmen, die maximalen
                                                Eisdicken aber vermutlich über denen des
                                                nördlichen Schneeferners liegen.
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