Hochwasser 2013 - Ein Erfahrungsbericht aus Bayern
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Erfahrungsaustausch Betrieb von Hochwasserrückhaltebecken in Baden-Württemberg
21. Jahrestagung 2014 - Berichtsband, S. 16–23
Hochwasser 2013 – Ein Erfahrungsbericht aus Bayern
Uwe Kleber-Lerchbaumer
Zusammenfassung before the year 2000 would certainly causing higher values
of damages.
Das Hochwasser 2013 war hinsichtlich der beobachteten
Niederschlags- und Abflusswerte sowie in Anbetracht der Nevertheless the experiences gained in 2013 illustrates,
aufgetretenen Schäden an wasserbaulichen Anlagen, öf- that beside regular normative standards based on design
fentlichen und privaten Infrastrukturen das schadensträch- discharge volumes measures to assure systemical security
tigste der Hochwasserereignisse der letzten Jahrzehnte. Da- of flood protection structures or systems in case of over-
bei wurden an einigen Pegeln im Donaugebiet die höchsten load charges are required desperately. Thus, consequent
Wasserstände seit Beginn der Aufzeichnungen registriert. realisations of outstanding flood protection projects as
well as development and implementation of resilient con-
Auch in Anbetracht der Deichbrüche an der Unteren Do- struction techniques - comprising flood polder, spillway
nau, der Unteren Isar und der Tiroler Ache sowie den Über- sections, erosion-resistant and overtopable cross sections
schwemmungen in bebauten Bereichen an der Unteren - dominate the actual agenda in hydraulic engineering.
Mangfall ist festzustellen, dass die seit 2000 im Rahmen
des Aktionsprogrammes AP2020 durchgeführten Sanie- 1. Darstellung des Niederschlags- und Hochwasser-
rungen und Neubauten erfolgreich waren und größere geschehens
Schäden wirksam verhindert haben. Das gleiche Ereignis
hätte vor 2000 wesentlich höhere Schäden verursacht. Stationäre Tiefdruckzellen bestimmten im Mai 2013 die
Großwetterlage in Europa. Die dabei entstandene aus-
Dabei verdeutlicht das Hochwasser 2013 die Notwendig- gedehnte Troglage über Mitteleuropa führte durch deren
keit, über die normierten Anforderungen an den techni- meridionale Zirkulation polare Kaltluft nach Bayern und
schen Hochwasserschutz hinausgehende Betrachtungen bewirkte ausgeprägte Luftmassengrenzen zwischen der
der systemischen Sicherheit von Hochwasserschutzanla- nordwestlich einströmenden Kaltluft und subtropischer
gen weiter zu entwickeln und voranzutreiben. Dies schließt Warmluft über dem kontinentalen Ost- und Südosteuro-
neben einer konsequenten Umsetzung der noch ausste- pa. Entlang dieser Frontalzone kam es immer wieder zu
henden Sanierungen und Neubauten die Berücksichtigung ergiebigen Niederschlägen. Über Ost- und Südosteuropa
resilienter, d.h. mindestens begrenzt überlastbarer Bau- entstanden zudem kontinuierlich lokale Bodentiefdruck-
weisen ein. Hierzu zählen neben Flutpoldern und Entlas- gebiete, die sich mit mediterraner Warmluft intensivierten
tungsstrecken auch erosionsstabile, überströmbar ausge- und west- bzw. südwestlich zogen. Durch die Zufuhr der
bildete Querschnitte. feuchtwarmen Luft setzte ab dem 30. Mai 2013 (Tief „Fre-
derik“) ein nahezu viertägiger Dauerregen in Südbayern ein.
Abstract Die orographische Hebung der Warmluftmassen an der
Alpennordseite bewirkte dabei zwischen Berchtesgadener
In regard with precipitation, discharge volumes and values Land und Karwendel die höchsten gemessenen Nieder-
of damages affecting state, communal and private structu- schlagshöhen (Aschau-Stein: 406 mm in 96h). Hierbei wur-
res and infrastructures the 2013 flood event has to be con- den örtlich statistische Wiederkehrzeiten zwischen 500 und
sidered as one the most hazardous natural disaster during 1000 Jahren erreicht. Aber auch unmittelbar südlich einer
the last decades. Some river gauges in the Danube basin etwa über Landshut und Würzburg verlaufenden Frontalzo-
reached highest water levels ever been recorded. ne bildeten sich massive Niederschlagszellen (vgl. Abb. 1).
Despite of grave damages caused by dyke failures on Die seit Anfang Mai 2013 anhaltenden Niederschläge hat-
Lower Danube, Lower Isar and Tyrolian Ache as well as ten landesweit eine nahezu vollständige Sättigung der
flooded urban sections on Lower Mangfall, rehabilitation Böden und eine mindestens partielle Beaufschlagung von
measures and newly constructed floodprotection structu- Hochwasserrückhalteräumen in Stauanlagen bewirkt. So
res yet finished within the framework of Action Program konnten auch die insgesamt geringeren Niederschläge in
AP2020 yet mitigated more grave monetary an non-mo- Schwaben, Franken und der Oberpfalz regionale und lo-
netary hazards effectively. The 2013 flood event occurring kale Überschwemmungen verursachen. Erste kritische
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Abb.1: Infrarot-Satellitenbilder vom 31.05.2013 20:00 Uhr (links) und 02.06.2013 11:00 Uhr (rechts, beide
Bayerisches Landesamt für Umwelt, 2013)
Hochwasserscheitel traten ab 31. Mai im Maingebiet und ohne ausgeprägten Hochwasserscheitel bis zum 08.06.
an den nördlichen Donauzuflüssen auf. Der Schwerpunkt über Meldestufe 4. Eine in der Donau am 9. und 10. Juni
des Hochwassers 2013 lag aber eindeutig in den südost- ablaufende zweite Hochwasserwelle hatte nicht mehr die
bayerischen Flussgebieten zwischen der Paar bzw. Ilm im befürchtete bzw. vorhergesagte Intensität (vgl. Abb. 7).
Westen und der Salzach im Osten. Hier wurden an einigen An Paar (ab Schrobenhausen), Ilm (ab Pfaffenhofen), Isar
Pegeln die höchsten jemals gemessenen Wasserstände (ab Volkmannsdorf), Donau (ab Deggendorf), Salzach,
und Abflüsse registriert. Mit Ausnahme der Amper und der Saalach, Tiroler Ache, Alz und Mangfall (ab Weyarn) wur-
Isar zwischen Sylvensteinspeicher und Ampermündung den bezogen auf die Scheitelabflüsse statistische Wie-
wurde an allen Flussgebieten die höchste Meldestufe 4 derkehrzeiten von 100 Jahren erreicht oder überschritten.
erreicht (vgl. Abb. 2 und Abb. 3). Der Hochwasserscheitel Hier wurden trotz optimaler Aktivierung der verfügbaren
in Passau (03.06., 16:00 Uhr) wurde durch die der Donau Hochwasserrückhalteräume in Talsperren und Hochwas-
etwa eineinhalb Tage vorauslaufende Hochwasserwelle des serrückhaltebecken (vgl. Abb. 4 und Abb. 5) sowie einem
Inn-Salzach-Flussgebietes bewirkt. Die infolge der Deich- hochwasserangepassten Betrieb der Staustufen und der
brüche gekappte Hochwasserwelle der Donau überlagerte Retentionswirkung natürlicher Seen die Bemessungs-
die ablaufende Innwelle und hielt den Pegel Passau-Donau wasserspiegellagen der technischen Hochwasserschutz-
Abb. 2 (links): Meldestufen, die während des Hochwassers vom 31.05. bis 13.06.2013 erreicht oder überschritten wur-
den. Grüne Punktsymbole kennzeichnen Pegel, an denen die Wasserstände unterhalb der Meldestufe 1
blieben (Bayerisches Landesamt für Umwelt, 2013)
Abb. 3 (rechts): Jährlichkeiten der Scheitelabflüsse an ausgewählten Gewässern beim Hochwasser im Mai und Juni 2013
(vorläufige Auswertung, Bayerisches Landesamt für Umwelt, 2013).
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anlagen zum Teil deutlich überschritten. Aber auch an al- durchgeführten Sanierungen und Neubauten eindrucksvoll
len anderen südbayerischen Donauzuflüssen östlich des bewährten, konnten noch nicht sanierte, abschnittsweise
Lechs traten kritische Beaufschlagungen der technischen bordvoll bzw. über Deichkrone beaufschlagte Deiche nur
Hochwasserschutzanlagen auf. Während sich die seit 2000 mit immensem technischem und logistischem Aufwand ver-
Abb. 4: Beaufschlagung der staatlichen Wasserspeicher und des Forggensee beim Hochwasser 2013
(Bayerisches Landesamt für Umwelt, 2013).
Abb. 5: Speicherbewirtschaftung Sylvenstein (Bayerisches Landesamt für Umwelt, 2013)
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teidigt werden. Dies betraf vor allem die Donauausbaustre- größere Schäden an privaten und öffentlichen Infrastruktu-
cke zwischen Straubing und Vilshofen. An der Unteren Isar ren verursacht. Einige Beispiele für erfolgreich umgesetz-
(Fischerdorf) sowie an der Donau (Auterwörth, Mülhamer te Schutzkonzepte sind die Maßnahmen zum Schutz des
Schleife) konnte ein Versagen der auf HQ30 bemessenen, Kloster Weltenburg (vgl. Abb. 6) und der Städte Freising
breitflächig überströmten Altdeiche nicht verhindert wer- und Moosburg. Diese Brennpunkte bei den Hochwasser-
den. Letztlich bewirkten diese Deichbrüche eine Entlas- ereignissen 1999, 2002 und 2005 haben das Hochwasser
tung für die weiteren kritisch belasteten Deichstrecken. Ein 2013 unbeschadet und sicher überstanden.
weiterer Deichbruch ereignete sich an der Tiroler Ache bei
Grabenstätt. Die Überschwemmungen bebauter Bereiche 2. Hochwasserschäden an staatlichen Hochwasser-
an der Mangfall in Bad Aibling, Kolbermoor und Rosenheim schutzanlagen
basierten auf einem Ausufern im Bereich nicht bedeichter,
durch Notdämme gesicherter Abschnitte und dem Über- Die nachfolgenden Darstellungen beschreiben die drei we-
strömen noch nicht sanierter Altdeiche. Ein Deichversagen sentlichen Schadensbilder durch das Versagen von Hoch-
mit einer vermutlich katastrophalen Auswirkung auf die Ro- wasserschutzanlagen während des Hochwassers 2013. Sie
senheimer Innenstadt konnte verhindert werden. sind exemplarisch zu verstehen. Daneben hat es weitere,
hinsichtlich der Auswirkungen deutlich weniger gravierende
Das Hochwasserereignis 2013 verursachte alleine in Bay- Deichbrüche (z. B. Saalach bei Piding) und vielfältige Schä-
ern Schäden von rund 1,3 Milliarden EUR. Damit ist dieses den an staatlichen wie nichtstaatlichen Bauwerken gegeben.
Ereignis im Kalenderjahr 2013 aus Sicht der Haupt- und
Rückversicherer weltweit als eine der schadensträchtigs- 2.1 Donau Straubing-Vilshofen
ten Naturkatastrophen einzustufen. Allein an staatlichen
Gewässern und Anlagen entstand ein Bedarf von mehr als An der Donau kam es ab dem Bereich der Isarmündung bis
100 Millionen EUR für Sofortmaßnahmen zur Beseitigung Jochenstein zu einem HQ100 erreichenden bzw. überschrei-
akuter Hochwasserschäden. Dabei muss in Anbetracht tenden Scheitelabfluss. Dabei wurden die maßgebenden
des Ausmaßes des Hochwasserereignisses im Vergleich Bemessungswasserstände der Hochwasserschutzanlagen
zu den Hochwasserereignissen 1999, 2002 und 2005 die erreicht oder überschritten (vgl. Abb. 7 und Abb. 8).
Wirksamkeit und Effizienz bisher durchgeführter Sanierun-
gen und Neubauten an staatlichen Hochwasserschutzan- Während die sanierten und neuerrichteten Hochwasser-
lagen sowie an staatlichen und nichtstaatlichen Stauanla- schutzanlagen das Hochwasser 2013 unbeschadet über-
gen hervorgehoben werden. Hochwasserereignisse lassen standen und die hoch vulnerablen Kernstädte z. B. von
sich auf Grund der differenzierten meteorologischen und Deggendorf und Straubing wirkungsvoll schützten, wurden
hydrologischen Randbedingungen im Allgemeinen zwar die noch nicht sanierten, auf etwa HQ30 dimensionierten
nicht miteinander vergleichen, das Hochwasser 2013 hätte Altdeiche der Donauausbaustrecke Straubing – Vilshofen
bei Zustand der Hochwasserschutzanlagen vor Einleitung einschließlich der umfangreichen Rückstaudeiche kritisch
des Aktionsprogrammes 2020 aber unbestritten erheblich bis überkritisch belastet. Der Scheitelwasserstand lag hier
im Bereich der Deichkronen, auf längeren Deichstrecken
kam es zu breitflächigen Überströmungen. Die Sicherung
dieser gefährdeten Abschnitte erforderte eine sehr intensi-
ve, langwierige Verteidigung (vgl. Abb. 9).
Am 03.05. kam es erst zum Versagen des Donauhauptdei-
ches unterhalb des Schöpfwerkes Auterwörth, unmittelbar
danach brach der Isarhauptdeich im Bereich der Isarmün-
dung oberhalb der BAB A3 Regensburg-Passau. In beiden
Fällen wurde das Versagen durch Erosion der landseitigen
Böschungen infolge lang anhaltendem Überströmen der
Deichkronen verursacht.
Der Deichbruch an dem Schöpfwerk Auterwörth (vgl.
Abb. 10) verursachte eine rückwärtige Flutung des Pol-
ders Auterwörth (Mülhamer Schleife). Der Rückstau
reichte bis in die Ortschaft Niederalteich. Insgesamt wur-
Abb. 6: Kloster Weltenburg an der Donau ge- de etwa 19 Millionen m³ Speichervolumen aktiviert, die
schützt durch das mobile Hochwasser- 2 bis 2,5 m hoch überflutete Fläche lag zwischen 8 bis 9
schutzsystem (Hajo Dietz Fotografie, km². Die schlagartig freigegebene Breschenbreite betrug
Bunzlauer Straße 63, D-907473 Nürnberg) 220 m. Der Deichquerschnitt wurde bis zum Deichlager
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Abb. 7 (links): Wellenablauf an der Donau (Rohdaten, Bayerisches Landesamt für Umwelt, 2013)
Abb. 8 (rechts): Wellenablauf an der Isar (Rohdaten, Modellsimulation für Plattling, Bayerisches Landesamt für
Umwelt, 2013)
Abb. 9: Ruckasing, Gde. Osterhofen, Deichverteidigung durch Erhöhung der Deichkrone beziehungsweise
Auflastschüttungen (Bayerisches Landesamt für Umwelt und WWA Deggendorf, 2013)
Abb. 10: Deichbruch Auterwörth, Bruchstelle und Schadensbeseitigung nach dem Hochwasser 2013
(Bayerisches Landesamt für Umwelt und WWA Deggendorf, 2013)
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Abb. 11: Deichbruch Isar, Bau eines Notdeiches zum Schutz vor der zweiten Hochwasserwelle (Bayerisches
Landesamt für Umwelt und WWA Deggendorf 2013)
erodiert, auf der Binnenfläche entstanden im Bereich schluss der Durchführung durch den Autobahndamm
der Initialbresche größere Auskolkungen. Die auf einen konnte die Flutung der bebauten Bereiche in Natternberg
deutlich tieferen Vorflutpunkt ausgelegten Ableiterdei- und Fischerdorf verzögert aber nicht verhindert werden.
che an der Hengersberger Ohe wurden nach dem Bruch Immerhin gelang es, Zeit für Evakuierungen und nachge-
des Hauptdeiches breitflächig überströmt und brachen lagerte Objektschutzmaßnahmen zu gewinnen. Gleich-
beidseitig. Der Markt Winzer und der Markt Hengersberg wohl entstanden beim Bruch des Isardeiches im Ver-
konnten durch den Bau von Notdeichen entlang der gleich zum vorab beschriebenen Deichbruch Auterwörth
Staatsstraße St2125 vor Überschwemmungen geschützt wesentlich höhere Schäden an privaten und öffentlichen
werden. Infrastrukturen.
Zu beachten ist, dass der Polder Auterwörth (Mülhamer Zu beachten ist, dass die bereits bestehenden Do-
Schleife) auch im Endausbau des Hochwasserschutz- nau-Hauptdeiche zwischen Mettenufer und Fischerdorf
systems Straubing-Vilshofen als Rückhalteraum erhalten das Hochwasserereignis unbeschadet überstanden.
und bei Überschreiten des HQ30-Abflusses zu Aufrecht- Ein letztlich verheerender oberstromiger Deichbruch im
erhaltung der Gebietsretention geflutet werden soll. Im Bereich Steinkirchen mit einer dann erfolgenden Durch-
Bereich der Bruchstelle ist hierzu ein Flutungsbauwerk strömung des Polders Steinkirchen-Fischerdorf konnte
vorgesehen. Problematisch war, dass die hierfür not- letztlich verhindert werden. Hierbei half, dass die Be-
wendigen Binnensicherungen (zweite Deichlinien) noch aufschlagung der Deiche oberhalb der Isarmündung et-
nicht existierten. Gleichwohl gilt, dass ein Versagen der was geringer ausfiel. Die Bruchstelle soll aufgrund der
Donauhauptdeiche etwa im Flussabschnitt Halbmeile geschilderten örtlichen Verhältnisse, insbesondere der
– Niederalteich wesentlich gravierendere Hochwasser- Querung mit der Isarflutrinne im Endausbau des Hoch-
schäden bewirkt hätte. Die in diesen Abschnitten inten- wasserschutzkonzeptes großräumig zurück verlegt wer-
sivierte, letztlich erfolgreiche Verteidigung der Deiche hat den.
die Ortschaften Winzer, Niederalteich und Hengersberg
vor schwersten Hochwasserschäden bewahrt. 2.2 Mangfall
Der Deichbruch an der Isarmündung (vgl. Abb. 11) ver- Die historischen HQ30-Hochwasserschutzanlagen an der
ursachte eine rückwärtige Flutung des Polders Steinkir- Mangfall werden derzeit im Zuge des weit fortgeschrit-
chen-Fischerdorf. Der Rückstau betraf den gesamten tenen Hochwasserschutzkonzeptes Mangfalltal saniert
unteren Polder mit den Ortschaften Fischerdorf und Nat- oder neu errichtet. Sie wurden während des Hochwas-
ternberg. Insgesamt wurde etwa 51 Millionen m³ Spei- sers 2013 unterhalb von Weyarn mit HQ50 bis HQ100 be-
chervolumen aktiviert. Auch hier bildete sich schlagartig aufschlagt. Der Bemessungswasserspiegel der sanierten
eine etwa 320 m breite Bresche. Die Bruchstelle befand oder neuerrichteten Hochwasserschutzanlagen wurde
sich in einem schwer zugänglichen Bereich unmittelbar dabei in einigen Abschnitten erreicht oder überschritten,
oberhalb der Trassierung des Deiches quer durch eine die noch nicht sanierten Altanlagen entsprechend über-
historische Isar-Flutrinne. Mit dem Aufbau eines Notdei- lastet. An den Pegeln Bad Aibling und Rosenheim wurden
ches entlang der BAB A3 und dem provisorischen Ver- dabei die bisher größten Wasserstände registriert.
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Das Hochwasserregime der Mangfall wird durch die 2.3 Tiroler Ache
Rückhaltewirkung des Tegernsees und Schliersees we-
sentlich beeinflusst. Die gezielte Deichöffnung zur teilwei- Die durchgehend auf HQ100 bemessenen Hochwasser-
sen Polderflutung im Bereich des geplanten Flutpolders schutzanlagen an der Tiroler Ache wurden bei Hochwasser
Weidachwiesen zur Entlastung der kritisch beaufschlag- 2013 deutlich über HQ100 beaufschlagt. Dabei kann unter
ten Unteren Mangfall hatte wegen des derzeit nur gerin- Berücksichtigung des nicht quantifizierbaren Abschlages
gen verfügbaren Hochwasserrückhaltevolumens nur sehr zum Rothgraben infolge des Deichbruches oberstrom der
begrenzte Auswirkungen. A94 Inntaldreick-Rosenheim bei Staudach für den Unter-
lauf ein Scheitelabfluss im Bereich eines HQ300 unterstellt
werden. Dieser Deichbruch wurde nach Augenschein
vorrangig durch wasserseitige Auskolkungen bedingt
durch strömungsbedingte Turbulenzen im Umfeld was-
serseitiger Großgehölze ausgelöst. Der so geschwäch-
te Deichquerschnitt erodierte bis in die Deichkrone und
brach schließlich nach Ausbildung einer Initialbresche
infolge lokaler Überströmung. Die sich herausbildende
Breschenbreite lag bei rund 80 m.
Abb. 12: Rosenheimer Ortsteil Schwaig an der
Mangfall (Hajo Dietz Fotografie, Bunzlauer
Straße 63, D-907473 Nürnberg)
In der Folge kam es zu erheblichen Schäden in Rosen-
heim, Kolbermoor und Bad Aibling. Während die sanier-
ten Hochwasserschutzanlagen das Hochwasserereignis
abgesehen von einzelnen, wegen der erosionsstabilen
Innendichtungssysteme unproblematischen Erosions- Abb. 13: Überflutung der Bundesautobahn A8, An-
schäden auf wasserseitigen Böschungen schadlos über- schlussstelle Grabenstätt (Hajo Dietz Foto-
standen, wurden sowohl die Altanlagen als auch die nicht grafie, Bunzlauer Straße 63, D-907473
mit Hochwasserschutzanlagen gesicherten Uferbereiche Nürnberg)
(z. B. Straßendämme) kritisch bis überkritisch belastet.
Trotz Überströmung und massiver Erosionsschäden hat
der linksseitige Altdeich im Bereich Kolbermoor standge- Der Abschlag erfolgte in Richtung Rothgraben zum
halten. Hierdurch konnte eine verheerende Flutung der Chiemsee (Hirschauer Bucht). Der Rothgraben-Durchlass
Kernstadt Rosenheim abgewendet werden. In den süd- an der BAB A8 wurde dabei deutlich überlastet. Dies be-
lich der Mangfall gelegenen Ortsteilen von Kolbermoor wirkte eine mehrstündige Überströmung der BAB A8 im
und Rosenheim, konnten Überflutungen bebauter Berei- Bereich der Anschlussstelle Grabenstätt (vgl. Abb. 13).
che trotz massiver und umfangreicher Verteidigungs- und Bebaute Bereiche waren nicht gefährdet. Die gefährdeten
Notfallmaßnahmen nicht verhindert werden. Dabei kam linksseitig gelegenen Ortschaften Grassau und Übersee
es sowohl zur Überströmung von Hochwasserschutzan- wurden durch das Deichversagen entlastet.
lagen als auch durch Ausuferungen in nicht durch Hoch-
wasserschutzanlagen gesicherten Gewässerabschnitten 3. Zusammenfassung und Ausblick
(vgl. Abb. 12).
Diese Zusammenstellung verdeutlicht, dass im Zuge des
Nach Abschluss des Hochwasserschutzkonzeptes Aktionsprogrammes 2020 durchgeführte Maßnahmen
Mangfall einschließlich des Flutpolders Feldolling werden einen wirksamen Beitrag zum Hochwasserschutz dar-
die beim Hochwasser 2013 noch erkennbaren Schwach- stellen. Das Hochwasserereignis 2013 verdeutlicht aber
stellen einem durchgehenden, auf HQ100 konzipierten auch, dass selbst ein allen Anforderungen genügender
Schutzsystem gewichen sein. Hochwasserschutz stets limitiert ist. Dabei darf beim
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Überschreiten der Bemessungsansätze das Schadensri-
siko für die geschützten Bereiche – z. B. infolge schlagar-
tigen Versagens – nicht erhöht werden.
Dies erfordert angepasst bauliche Lösungen des techni-
schen Hochwasserschutzes. Mit dem sogenannten sys-
temischen Hochwasserschutz kann die Systemresilienz
entscheidend verbessert werden, damit eine Überlastung
von Hochwasserschutzanlagen nicht zu unkalkulierbaren
Schäden führt. Dazu zählen Flutpolder für eine gesteuerte
Entlastung, aber auch gezielt errichtete Überlaufstrecken
zur ungesteuerten Entlastung in geeignete natürliche
Hochwasserrückhalteräume. Schadlos überlastbare Bau-
werke, wie z. B. massive Hochwasserschutzwände und
Deiche mit statisch wirksamen Dichtungssystemen für
systemrelevante Abschnitte, ergänzen und vervollständi-
gen resiliente Schutzsysteme.
Das Deichversagen an der Tiroler Ache verdeutlicht zu-
dem, dass technischer Hochwasserschutz eine ange-
passte Nutzung und Gestaltung insbesondere durch-
strömter Vorländer beinhalten muss. Vorlandmanagement
ist demnach zur Sicherstellung der Gebrauchstauglichkeit
von Hochwasserschutzanlagen zwingend erforderlich.
Mit Fortschreibung des Aktionsprogramms 2020
(2020plus) sollen genau diese Schwerpunkte stärker be-
tont werden
Literaturverzeichnis
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[4] Deutscher Wetterdienst (Hg.): Das Hochwasser Bayerisches Landesamt für Umwelt
an Elbe und Donau im Juni 2013. Wetterentwick- Referat 62 – Wasserbautechnik
lung und Warnmanagement des DWD. Hydromete- Haunstetter Str. 112
orologische Rahmenbedingungen. Offenbach D 86161 Augsburg
2013 uwe.kleber-lerchbaumer@lfu.bayern.de
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