Leben zwischen Diskriminierung und Integration - Flüchtlinge in Schleswig-Holstein und der Welt: Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein

Die Seite wird erstellt Rafael Kluge
 
WEITER LESEN
Leben zwischen Diskriminierung und Integration - Flüchtlinge in Schleswig-Holstein und der Welt: Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein
Nr. 61/62 winter 2012

                                      Magazin für Migration und Flüchtlingssolidarität in Schleswig-Holstein

                                                    Flüchtlinge in Schleswig-Holstein und der Welt:

                                                                       Leben zwischen
                                                    Diskriminierung und Integration
                        www.frsh.de
Leben zwischen Diskriminierung und Integration - Flüchtlinge in Schleswig-Holstein und der Welt: Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein
Editorial

                          Asyl-politisches Déjà-vu
Sowohl im Bundesrat als auch im Bundestag sind die Anträge         Serbische Studien belegen, dass Romakinder in Sonderschu-
auf Abschaffung des Asylbewerberleistungsgesetzes abge-            len mit einem Anteil von mehr als 30% deutlich überreprä-
lehnt worden. Im Bundesrat hat die Abstimmung im Plenum            sentiert sind. Die Europäische Kommission gegen Rassismus
keine Mehrheit gefunden, da einige A-Länder die Antragstel-        und Intoleranz (ECRI) stellt fest, dass die Mehrheit aller Roma
ler aus Schleswig-Holstein, Brandenburg, Rheinland Pfalz           in Serbien von Gelegenheitsjobs wie beispielsweise dem Sam-
und Bremen hängen gelassen haben. In der Asyldebatte               meln von Altmetall lebt und dass kaum Roma in staatlichen
herrscht stattdessen Déjà-vu.                                      Betrieben beschäftigt sind. Die Slums der serbischen Roma
                                                                   sind immer wieder polizeilichen Razzien unterworfen. Und
Mal eben um 20 Jahre zurückdrehen will die Bundesregie-            ganze Siedlungen werden zum Zweck der Vertreibung der
rung die asylpolitische Uhr. Noch vor wenigen Monaten rea-         Menschen planiert.
gierte sie kleinlaut auf Anforderung des Bundesverfassungs-
gerichts, die Unteilbarkeit der Menschenwürde durch eine           Auch in Mazedonien leben Roma oft in abgeschiedenen
Überarbeitung des Asylbewerberleistungsgesetzes zu erfüllen.       Siedlungen, wo sie keinen oder nur beschränkten Zugang
Der Bundesinnenminister legte inzwischen den Entwurf               zu grundlegenden Diensten haben. Romakinder sind in Son-
eines Gesetzespakets vor, das alten Wein in neue Schläuche         derschulen ebenfalls überrepräsentiert. Bildungsaufklärung
füllt. Mit populistischer Begründungsprosa polemisiert das         für Eltern gibt es nicht. 70% aller Roma in Mazedonien sind
BMI gleichzeitig von massenweisem Asylmissbrauch durch             arbeitslos, eine Zahl deutlich über dem Landesdurchschnitt.
Menschen aus Serbien und Mazedonien. Die Visafreiheit für          Um die Gesundheit von Roma kümmert sich niemand,
Serbien und Mazedonien gelte es zurückzunehmen. Die Redu-          Zugang zu medizinischen Dienstleistungen ist faktisch nicht
zierung der sozialen Versorgung und bundesweite Sachleis-          vorhanden.
tungspraxis soll durchgesetzt werden. „Asylantragsteller aus
Herkunftsländern, die nicht für politische Verfolgung bekannt      Derweil verbrennt Syrien. 440.000 registrierte Flüchtlinge
sind, sollen eine geringere Unterstützung erhalten“, heisst es     zählte das UNHCR Ende November allein in den Nachbar-
da und lässt ahnen, dass sich längst nicht nur Balkanflücht-       staaten der Arabischen Republik. Angesichts des internatio-
linge im Fadenkreuz befinden. Mit ausgemusterten Soldaten          nalen und Binnenflüchtlingsdramas fordert der schleswig-
ist einstweilen ein Asylschnellverfahren für serbische Schutz-     holsteinische Innenminister, von seinen Kollegen in Bund und
suchende installiert, dessen Verfassungswidrigkeit billigend in    Ländern weitgehend unbeachtet, im Sommer 2012 die ver-
Kauf genommen wird. Diese kaum verholen vor allem gegen            stärkte Aufnahme von syrischen Flüchtlingen. Die EU-Kom-
Roma gerichteten Maßnahmen, mobilisieren offenbar kalku-           missarin für Humanitäre Hilfe, Kristalina Georgieva, beteuert
liert antiziganistische Ressentiments in der Bevölkerung.          Mitte November gar, Deutschland habe ihr die Aufnahme von
                                                                   5.000 syrischen Flüchtlingen versprochen. Bestätigen mag
Der schleswig-holsteinische Innenminister rät derweil zur          dieses Versprechen bis zum Redaktionsschluss dieses Heftes
Gelassenheit. Von einem Missbrauch des Asylrechts zu spre-         niemand.
chen, sei leichtfertig und gefährlich, erklärt Andreas Breitner,
um aber gleichzeitig zu betonen, dass Armut zu Hause keinen        Nach einvernehmlicher Verlängerung des Syrien-Abschiebe­
Rechtsanspruch auf Asyl oder ein allgemeines Bleiberecht           stopps bleiben Betroffene in Kettenduldungen gefangen.
begründe. Allerdings ist im internationalen Flüchtlingsrecht       Doch eigentlich stünde ihnen jetzt eine Aufenthaltserlaubnis
und in der deutschen Rechtssprechung anerkannt, dass               zu, beklagt Pro Asyl: „Das Gesetz ist an diesem Punkt eindeu-
schwerwiegende Beeinträchtigungen sozialer, wirtschaftlicher       tig und kann nicht nur zum Teil angewandt werden.“ Asylan-
und kultureller Rechte bei der Asylgewährung zu berücksich-        hörungen von syrischen Flüchtlingen werden erst einmal aus-
tigen sind.                                                        gesetzt. Und das Rücknahmeabkommen, von Deutschland
                                                                   mit dem inzwischen gern als „verbrecherisch“ beschimpften
Doch die Kassandrarufe von Pro Asyl und anderen Menschen-          Assad-Regime 2008 abgeschlossen, bleibt unangetastet. Es
rechtsorganisationen sind den meisten Medien allenfalls            wird wohl das Vertragswerk sein, zu dem sich eine etwaige
Fußnoten wert. Selbst die EU-Kommission stellt fest, dass es       künftige Damaszener Regierung zunächst ohne wenn und
nicht allein die Armut sei, die die Menschen austreibe. Roma       aber zu bekennen hat, bevor nennenswerte deutsche Unter-
in allen Balkanstaaten seien einer umfassenden Diskriminie-        stützung fließt.
rung und Ausgrenzung ausgesetzt: Kein Zugang zu Bildung
und Ausbildung, Gesundheitsversorgung und Arbeitsmarkt.
Es leben circa 60% der geschätzt 450 000 Roma in Serbien
                                                                                                                  Kiel, 3.12.2012
in unsicheren und unhygienischen Lebensverhältnissen; 30%
                                                                                                                 gez. Martin Link
haben keinen Zugang zu Trinkwasser; 70% keine Entsorgung
von Müll und Abwässern.

2 · 12/2012 · Der Schlepper Nr. 61/62 · www.frsh.de
Leben zwischen Diskriminierung und Integration - Flüchtlinge in Schleswig-Holstein und der Welt: Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein
Inhalt

                                            Schleswig-Holstein                                                                                             Europa
„Unser Leitsatz ist, Flüchtlings- und                                                Resettlement in Dänemark
Integrationspolitik zusammen zu denken“                                              Silke Nissen................................................................... 45
Martin Link.................................................................... 4
                                                                                     Kein blindes Vertrauen in die Sicherheit anderer
„Willkommenskultur braucht                                                           Mitgliedsstaaten
Willkommensstruktur“                                                                 Marei Pelzer................................................................. 48
Andreas breitner (Dokumentation)................................. 6
                                                                                     Dublin II-Flüchtlinge im Fadenkreuz der
Aktionstag „refugee welcome“                                                         Bundespolizei
Andrea Dallek................................................................ 8      Martin Link.................................................................. 50
„... der gegenwärtige Bundesinnenminister steht                                      Lampedusa - Kein sicherer Hafen
uns auf den Füßen“                                                                   Judith Gleitze............................................................... 54
Interview mit Serpil Midyatli............................................ 9
                                                                                     Ungarn - Systemische Mängel im Aufnahme- und
„... dass die Freiheit eines der höchstrangigen                                      Asylsystem
Verfassungsgüter ist“                                                                Karl Kopp..................................................................... 56
Interview mit Burkhard Peters...................................... 11
                                                                                     Beratungsgremium für Frontex
„Das Schlaueste bleibt, diese Haftanstalt aufzulösen                                 Stefan Kessler............................................................... 59
Interview mit Lars Harms. ............................................. 13
                                                                                     Roma: Gedenken ohne Verantwortung?
Abschiebungshaft gehört abgeschafft                                                  Andrea Dallek.............................................................. 60
Silke Nissen................................................................... 15
                                                                                     Malta: Der Wind hat sich verschärft
Unterbringung von Flüchtlingen in Schleswig-                                         Fanny Dethloff............................................................ 63
Holstein
Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein e.V......................... 18                    Piraten: Die Abgehängten dieser Erde
                                                                                     Susann Witt-Strahl..................................................... 64
klarSchiff bei lifeline
Enno Schöning............................................................ 21
Familientrennung per Abschiebung                                                                                                                 integration
Daniel Kummetz. .......................................................... 23
                                                                                     Paradigmenwechsel in der Integrationspolitik
                                                                                     Martin Link.................................................................. 67
                              Fluchtursachen Weltweit                                Fairer Start ins Leben - für alle
                                                                                     Medibüro...................................................................... 69
Flucht aus Syrien
Susanne Schmitter........................................................ 24         Zuwanderung im ländlichen Raum
                                                                                     Gudrun Kirchhoff. ...................................................... 70
Gaza: Demütiugen und erniedrigen
Avram Noam Chomsky.................................................. 27              Erfolgreiche Integration – Was ist das eigentlich?
                                                                                     Dirk Hauer................................................................... 73
Rassismus in Israel
Martin Forberg............................................................ 30
Israel: Der Antisemitismus, über den man nicht                                                                                           Diskriminierung
berichtet
Amira Hass.................................................................... 34    Die Abwertung der Anderen
                                                                                     Beate Küpper................................................................. 77
Iraq: Tausend Geschichten der Flucht
Naurus Amin. ............................................................... 36      Antiislamische Vorbehalte
                                                                                     Prof. Dr. em. Brun-Otto Bryde................................... 79
Weißrussland: Ein Land, das in Angst lebt
Belaruska. .................................................................... 38   „Der nächste Schritt der Mohammedaner wird
                                                                                     sein, Rendsburg ganz zu übernehmen“
Tunesien: Vergessen in der Wüste                                                     Martin Link.................................................................. 82
Sabine Schmidtke. ......................................................... 40
Türkei: Trotz Hungerstreit und Inhaftierung von
JournalistInnen kaum Thema in deutschen Medien                                                                                    Arbeit und Bildung
Astrid Willer................................................................ 43
                                                                                     Wer nützt, kann bleiben
                                                                                     Astrid Willer / Johanna Boettcher.............................. 84
                                                                                     Nach Bleiben kommt Dasein
                                                                                     Dr. Norbert Cyrus....................................................... 89

		                                                                                                    www.frsh.de · Der Schlepper Nr. 61/62 · 12/2012 · 3
Leben zwischen Diskriminierung und Integration - Flüchtlinge in Schleswig-Holstein und der Welt: Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein
Schleswig-Holstein

       „Unser Leitsatz ist, Flüchtlings- und Inte-
         grationspolitik zusammen zu denken“
                                                                                    Erste Zwischenbilanz der
                                                                                Flüchtlingspolitik der neuen
Martin Link arbeitet beim Flüchtlingsrat
Schleswig-Holstein e.V.                                                 Landesregierung nach sechs Monaten

„Viele Schritte in die                             „Schleswig-Holstein ist ein                 Landesregierung, ist die Aufgabe zuge-
                                                Einwanderungsland. Wir setzen auf              sprochen worden, ein Konzept zur
richtige Richtung!“                             gesellschaftlichen Zusammenhalt und            Interkulturellen Öffnung der Landes- und
                                                die Partizipation aller Menschen. Wir          anderer Verwaltungen zu erarbeiten. Das
So überschrieb der                              wollen diesen Menschen in Schleswig-           aus VertreterInnen sämtlicher rele-
                                                Holstein ein Zuhause und eine Zukunft          vanter Ministerien, Kommunalverbände,
Flüchtlingsrat seine                            bieten. Unser Leitsatz ist, Flüchtlings- und   Bildungsinstitutionen, der
Presseerklärung zum                             Integrationspolitik zusammen zu denken.“       Wohlfahrtsverbände und von
                                                Diese im Koalitionsvertrag formulierte         MigrantInnenorgansiationen zusammenge-
frisch veröffentlichten                         Abkehr von einer Politik, die Flüchtlinge      setzte Gremium hat sich die Erarbeitung
                                                bis dato aus der Integrationsförderung         eines Grundsatzkonzeptes vorgenommen.
Kieler Koalitionsvertrag                        weitgehend ausgrenzte, hat                     Dieses soll darauf abzielen, nicht nur die
                                                Innenminister Breitner am 14. September        Notwendigkeit interkultureller Öffnung in
am 4. Juni 2012. Ein                            bei seiner Grundsatzrede anlässlich einer      der Einwanderungsgesellschaft, son-
halbes Jahr danach                              vom Innenministerium und der LAG der           dern auch den möglichen „Gewinn“ für
                                                freien Wohlfahrtsverbände gemeinsam            effektives Verwaltungshandeln bewusst zu
deuten sich Konkretionen                        organisierten Tagung nochmals ausdrück-        machen.
                                                lich bestätigt (siehe Dokumentation
zu den vielfältigen                             auf S. 6) Der inzwischen vom Kabinett             Hinsichtlich des ständigen
                                                beschlossene Landeshaushalt 2013 deutet        Konfliktthemas „Mitwirkungspflicht“
flüchtlings- und                                an, wo dieser Paradigmenwechsel kon-           Betroffener an aufenthaltsbeen-
integrationspolitischen                         kret werden soll.                              denden Maßnahmen kündigt der
                                                                                               Koalitionsvertrag an, „wir werden den
Ankündigungen der                                  Um es gleich vorweg zu sagen:               bundesgesetzlichen Ermessensspielraum
                                                Der Flüchtlingsrat wird die im                 ausschöpfen und gemeinsam mit
neuen Landesregierung                           Koalitionsvertrag angekündigte institutio-     dem Flüchtlingsbeauftragen und der
an.                                             nelle Förderung erhalten. Entsprechende        Landesregierung ermessensleitende
                                                Mittel sind im Haushaltsentwurf ein-           Hinweise erarbeiten.“ Darüber hinaus
                                                gestellt. Und wir freuen uns nicht nur         kündigten die Koalitionäre im Sommer
                                                für uns, sondern auch für die Türkische        an: „Per Erlass werden wir regeln,
                                                Gemeinde Schleswig-Holstein, die eben-         dass Arbeitsverbote nicht mehr als
                                                falls institutionell gefördert werden soll.    Sanktionsmittel verhängt werden dürfen.“
                                                                                               Inzwischen sind zu diesen Themen
                                                  Auch sollen die im Haushaltsjahr 2012        Gespräche zwischen dem zustän-
                                                vollzogenen Kürzungen bei der Förderung        digen Innenministerium und u.a. der
                                                der Migrationssozialberatungen ab 2013         AG Migration & Arbeit (Flüchtlingsrat
                                                zurückgenommen werden.                         SH, Landeszuwanderungsbeauftragter
                                                                                               SH, Diakonie SH, Netzwerk Land in
                                                  „Wir brauchen eine neue, akzeptie-           Sicht!, IQ-Projekt access) aufgenom-
                                                rende Willkommenskultur, die sich auch         men worden. Die Fachaufsicht verweist
                                                im konkreten Verwaltungshandeln wider-         allerdings im Wesentlichen auf einen
                                                spiegelt.“ erklärt der Koalitionsvertrag.      Erlass vom 10. März 2009 (siehe www.
                                                Dem Begleitausschuss zum Aktionsplan           frsh.de) und sieht zeitnah keinen weiteren
                                                Integration, dem seit März 2012                Handlungsbedarf.
                                                bestehenden Integrationsbeirat der

4 · 12/2012 · Der Schlepper Nr. 61/62 · www.frsh.de
Leben zwischen Diskriminierung und Integration - Flüchtlinge in Schleswig-Holstein und der Welt: Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein
Schleswig-Holstein

                                                                                            Hamburgs kommt den aus zahlreichen
                                                                                            zivilgesellschaftlichen Organisationen
            „Wir brauchen eine neue, akzeptierende                                          erhobenen Forderung nach einer großzü-
                                                                                            gigen Ausgestaltung einer künftigen stich-
         Willkommenskultur, die sich auch im konkreten                                      tagsunabhängigen Bleiberechtsregelung
                                                                                            derzeit wohl am nächsten.
              Verwaltungshandeln widerspiegelt“,
                                                                                               „Die Unterbringung von Asylsuchenden
                 erklärt der Koalitionsvertrag                                              ist zum Teil problematisch“, stellt der
                                                                                            Koalitionsvertrag u. E. richtig fest.
                                                                                            Genauer zur Bewertung des Status Quo
                                                                                            angefragt, hat die Landesregierung inzwi-
                                                                                            schen allerdings einen Bericht vorgelegt,
                                                                                            der kaum geeignet ist, die Grundlagen
                                                                                            für eine künftige humanitär angemessene
                                                                                            Umsetzung der Wohnverpflichtung zu
                                                                                            schaffen. Der Innen- und Rechtsausschuss
   „Gute Kenntnisse der deutschen             dafür auch künftig – mangels besonderer       hat das Thema zuletzt am 26. September
Sprache sind der zentrale Schlüssel           Widerstände – nicht minder intensiv die       2012 abgehakt. Inwieweit die Vorschläge
für eine erfolgreiche Integration.            Finanzen des Landes in Anspruch nehmen        des Landesbeauftragten für Flüchtlings-,
Auch für Menschen im Asylverfahren            wird.                                         Asyl- und Zuwanderungsfragen oder des
und ohne sicheren Aufenthaltstitel ist                                                      Flüchtlingsrates zur Verbesserung der
der Spracherwerb lebensnotwendig.               Mit der Ankündigung „wir werden uns         Unterbringungspolitik Berücksichtigung
Wir werden daher die Sprach- und              im Bundesrat für eine stichtagsunabhän-       finden sollen, ist nicht bekannt. Unsere
Integrationskurse für diese Menschen          gige Bleiberechtsregelung mit realistischen   Vorschläge (PE v. 27.9.2012 – www.
öffnen“, verspricht der Koalitionsvertrag.    Anforderungen für die Betroffenen             frsh.de) behalten damit weiterhin
Im Haushalt 2013 sind indes keine Mittel      einsetzen“, greift die Landesregierung        Forderungsqualität.
eingeplant, die auf die Sprachförderung       ein Projekt ihrer Vorgängerin auf. Der
für Flüchtlinge abzielen. Laut Auskunft des   Koalitionsvertrag verspricht, dass das
zuständigen Innenministeriums soll hier       „Bleiberecht eine deutlich humanitäre
zunächst versucht werden, Bundesmittel        Handschrift tragen und den Menschen
in Anspruch zu nehmen, die ggf. schon         eine verlässlichen Perspektive auf ein
2013 zu konkreten Angeboten führen            dauerhaftes Aufenthaltsrecht bieten“
sollen.                                       müsse. Inzwischen ist die Diskussion
                                              im Bundesrat weitergeführt worden,
„Wir wollen einen Paradigmenwechsel           andere Bundesländer haben mit eigenen
in der Abschiebepolitik“, verspre-            Vorschlägen die schleswig-holsteinische
chen die Koalitionäre, und „wir halten        Initiative sekundiert. Der Vorschlag
Abschiebehaft grundsätzlich für eine
unangemessene Maßnahme und werden
uns deshalb auf Bundesebene für die
Abschaffung der Abschiebehaft einset-            Wahlrecht für                              abgeschlossene Wahlaktion als
                                                                                            einen Auftakt, den Ausschluss von
zen.“ Dafür brauche es allerdings einen
längeren Atem, räumte Innenminister
                                                 MigrantInnen                               Menschen wegen ihres Passes
                                                                                            in Schleswig-Holstein weiterhin
Breitner unlängst ein. Gegner Nr. 1 bei          Der Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein      öffentlich zu thematisieren. Eine
diesem Projekt dürfte die Bundespolizei          e. V. war Mitinitiator der Kampagne        Möglichkeit dazu wird unter anderem
sein. Für 28 Personen wurde zwi-                 „Jede Stimme zählt“, die im April          die Kommunalwahl im Mai 2013 in
schen Januar und September 2012 von              2012 eine symbolische Wahl für             Schleswig-Holstein sein.
schleswig-holsteinischen Kommunal-               MigrantInnen organisiert hat. Das          Das Ergebnis der Wahlkampagne
und Landesbehörden erfolgreich Haft              Ziel der Wahlkampagne war es auf           „Jede Stimme zählt!“ 2012 in Kiel sieht
beantragt. Dem steht die Zahl von                das Demokratiedefizit aufmerksam           wie folgt aus:
gleichzeitig 192 Betroffenen gegenüber,          zu machen. Denn die von der Wahl
die auf Betreiben der Bundespolizei im           ausgeschlossenen Menschen sind                  SPD: 40%
Rendsburger Abschiebungsgefängnis ein-           zwar von fast allen politischen                 CDU: 21%
gesperrt worden sind. Der Bundespolizei          Entscheidungen auf Bundes- oder                 LINKE: 13%
sind landespolitische Paradigmenwechsel          Landesebene direkt betroffen,                   Grüne: 12%
offenbar egal. Sie erklärte u. a. dem            von der politischen Partizipation               FDP: 1%
Landesbeirat für die Abschiebungshaft in         durch Wahlen aber bleiben sie                   SSW: 0%
Schleswig-Holstein gegenüber, dass sie           ausgeschlossen.                                 Ungültig: 13%
keine Veranlassung sähe, künftig weniger         Die VeranstalterInnen der Kampagne
intensiv Abschiebungshaft zu beantragen.         „Jede Stimme zählt!“ sehen die             Mehr Informationen auf http://www.
Zu erwarten ist, dass die Bundespolizei                                                     jedestimme2012.de.

		                                                                                     www.frsh.de · Der Schlepper Nr. 61/62 · 12/2012 · 5
Leben zwischen Diskriminierung und Integration - Flüchtlinge in Schleswig-Holstein und der Welt: Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein
Schleswig-Holstein

         Innenminister Andreas Breitner anlässlich der Fachtagung „Willkommens-
              kultur braucht Willkommensstruktur“ am 14. September 2012 in Kiel

                                                                                                             Dokumentation

  Sehr geehrter Herr Ernst-Basten,                  Neben allen schwierigen – vor allem         Antrag für den Bundesrat vor, bei dem
sehr geehrte Damen und Herren,                   finanziellen – Rahmenbedingungen,              es im Kern darum geht, die betrof-
                                                 in denen auch wir uns in den näch-             fenen Personengruppen in die bereits
  als ich nach fast zehn Jahren wieder das       sten Jahren bewegen müssen, gibt der           bestehenden Leistungssysteme nach
Innenministerium betrat, fiel mir Eines          Koalitionsvertrag klare Vorgaben für unser     den SGB zwei und zwölf einzubringen.
sofort auf: Es gibt jetzt auf jeder Etage, auf   gemeinsames politisches Handeln. Dabei
jedem Flur und an jedem Kreuzungspunkt           wird manches schneller umzusetzen sein,      • Wir wollen die Sprach- und
Wegeschilder.                                    anderes wird die ganze Legislaturperiode       Integrationskurse auch für Menschen
                                                 brauchen:                                      im Asylverfahren und ohne sicheren
   Auch wenn es einfache Schilder sind,                                                         Aufenthaltstitel öffnen.
wurde mir eines ganz deutlich: Ich fühlte        • Wir sind für den flächendeckenden
mich, noch bevor ich einem Menschen                Erhalt der Migrationssozialberatungen      • Wir halten Abschiebehaft grund-
dort begegnete, angesprochen und                   in Schleswig-Holstein.                       sätzlich für eine unangemessene
Willkommen. Es ist für mich aber auch                                                           Maßnahme und wollen uns deshalb auf
ein Sinnbild meiner Arbeit: Denn seit            • Wir sind für eine Abschaffung des            Bundesebene für die Abschaffung der
der letzten Regierungsumbildung ist der            Asylbewerberleistungsgesetzes. Im            Abschiebehaft einsetzen.
Innenminister in Schleswig- Holstein auch          Moment bereiten wir gemeinsam mit
wieder Integrationsminister. Und ich kann          Rheinland-Pfalz einen entsprechenden
Ihnen versichern: Die Integrationspolitik
ist ein Schwerpunkt der Arbeit der
neuen Landesregierung. Und ein wich-
tiges Thema ist dabei das „Willkommen-
                                                      SSW will Ausländer-                     lebender AusländerInnen
                                                                                              von diesem demokratischen
heißen“ von Zugewanderten. Natürlich                  wahlrecht erweitern                     Grundrecht ausgeschlossen. Um die
beginnt unsere Integrationspolitik nicht              Südschleswigscher Wählerverband         Integration zu verbessern, müsse
beim Punkt Null – jede Landesregierung                                                        auch die Möglichkeit der politischen
baut auf den Leistungen der Vorgänger                 Pressemitteilung Nr. /2012              Mitgestaltung für AusländerInnen
auf. Deshalb werden wir auch den von                                                          ausgeweitet werden, begründete
der alten Regierung beschlossenen                     Husum, 15-09-2012                       Landesvorstandsmitglied Christian
Aktionsplan Integration als Grundlage                                                         Dirschauer den Resolutionsantrag.
                                                      Alle in Schleswig-Holstein lebenden
für eine gemeinsame Flüchtlings- und
                                                      AusländerInnen sollen künftig ein       „Es ist für einen modernen
Integrationspolitik nutzen:
                                                      Wahlrecht bei Kommunal- und             demokratischen Staat unhaltbar,
                                                      Landtagswahlen ausüben können.          weiterhin einen größeren Teil der
  Das heißt: Wir werden ihn umset-
zen und dort, wo es nötig ist, auch                   Das forderte der SSW auf seinem         Bevölkerung davon abzuhalten
weiterentwickeln.                                     heutigen Landesparteitag in Husum.      am demokratischen Prozess
                                                      In seiner Resolution fordert der        teilzunehmen“, so der Flensburger,
   Die Regierungskoalition von SPD,                   Wählerverband die Landesregierung       der an diesem Punkt bereits im
Bündnis90/ Die Grünen und SSW erkennt                 dazu auf, sich auf Bundesebene für      Koalitionsvertrag mitgearbeitet hatte.
ohne Umschweife und semantische                       eine entsprechende Änderung des
Verbiegungen an, dass Schleswig-Holstein              Ausländerwahlrechts einzusetzen.
sich zu einem Einwanderungsland
                                                                                              Per Dittrich, Pressesprecher
entwickelt hat. Sie setzt daher auf                   Bisher dürfen nur hier wohnende
gesellschaftlichen Zusammenhalt und                   AusländerInnen aus anderen EU-          Schiffbrücke 42
die Teilhabe aller Menschen. Wir wollen               Staaten ein Wahlrecht ausüben, und      24939 Flensburg
diesen Menschen in Schleswig-Holstein                 das auch nur bei Kommunalwahlen.        Tel. 0461/144 08 302
ein Zuhause und eine Zukunft bieten.                                                          Mobil 0152/0161 2276
Deshalb denken wir Flüchtlings- und                   Damit werde ein großer Teil seit        per.dittrich@ssw.de
Integrationspolitik zusammen. Das ist                 vielen Jahren in Schleswig-Holstein     www.ssw.de
unser Leitsatz - ohne Wenn und Aber!

6 · 12/2012 · Der Schlepper Nr. 61/62 · www.frsh.de
Leben zwischen Diskriminierung und Integration - Flüchtlinge in Schleswig-Holstein und der Welt: Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein
Schleswig-Holstein

                                                                                           Organisation, in einem Unternehmen
                                                                                           oder auch privat - sowie in gesellschaft-
     „Was zählt ist, dass Schleswig-Holstein für alle hier                                 lichen Prozessen, muss sich aber auch in
                                                                                           politischen Entscheidungen und struktu-
     lebenden Menschen gemeinsame Heimat ist. Unsere                                       rellen Veränderungen niederschlagen.

           Zukunft heißt: Vielfalt macht stark!“                                              Sehr geehrte Damen und Herren,

                                                                                              alle Menschen mit Migrations­
                                                                                           hintergrund sollen sich in Schleswig-
                                                                                           Holstein willkommen und dazugehö-
                                                                                           rig fühlen. Das ist ein Ziel, das viele
                                                                                           Facetten der Lebensbedingungen in
• Wer dauerhaft in Deutschland lebt,          einbezieht - sowohl Neuzuwanderinnen         Schleswig-Holstein umfasst, von den
  muss das Recht bekommen zu blei-            und Neuzuwanderer als auch bereits           Arbeitsbedingungen in den Betrieben
  ben. Wir werden uns im Bundesrat            hier lebende Menschen mit und ohne           über Bildungs-, Kinderbetreuungs-
  für eine stichtagsunabhängige               Migrationshintergrund.                       und Freizeitangebote, die Bereiche
  Bleiberechtsregelung mit realistischen                                                   der öffentlichen Infrastruktur und die
  Anforderungen für die Betroffenen             „Willkommenskultur“ braucht                Gesundheitsversorgung bis hin zur
  einsetzen.                                  Haltung. Auch wir Schleswig-                 gesellschaftlichen Partizipation. Für die
                                              HolsteinerInnen suchen gerne nach            Verankerung einer Willkommens- und
   Zudem muss das Bleiberecht eine            Unterschieden. Statt Schleswig-Holstein      Anerkennungskultur ist die öffentliche
deutlich humanitäre Handschrift               sehen wir schnell „KielerInnen“,             Verwaltung ebenso gefragt wie Wirtschaft
tragen und den Menschen eine verläss-         „LübeckerInnen“, „NordfriesInnen“            und Gesellschaft.
lichen Perspektive auf ein dauerhaftes        oder „FehmarnerInnen“. Befreien wir
Aufenthaltsrecht bieten.                      uns von den trennenden Kategorien.              Erfolgreich kann diese Willkommens-
                                              Machen wir bei Mitbürgerinnen und            und Anerkennungskultur nur sein, wenn
• Wir wollen eine Bundesratsinitiative        Mitbürgern keine Unterschiede mehr           sie von allen Menschen in Schleswig-
  auf Abschaffung des Optionszwanges          zwischen Bodenständigen, Zugereisten         Holstein gelebt wird. Eine gelebte
  und die Zulassung von Mehrstaatigkeit       oder AusländerInnen. Was zählt, ist, dass    Willkommenskultur ist das beste Rezept
  mit dem Ziel auf den Weg bringen, die       Schleswig-Holstein für alle hier leben-      für die Zukunftsfähigkeit unseres Landes.
  Einbürgerungsquote zu erhöhen.              den Menschen gemeinsame Heimat ist.
                                              Unsere Zukunft heißt: Vielfalt macht           Damit schließe ich inhaltlich den Kreis
   Ein weiterer Punkt aus dem                 stark!                                       zur heutigen Fachtagung. Denn wir
Koalitionsvertrag findet sich inhaltlich in                                                brauchen Modelle, um den Menschen
Ihrer heutigen Fachtagung wieder: Es ist        „Willkommenskultur“ macht auch             zu helfen, mit Fremdheit umzugehen
das Thema Willkommenskultur. Doch             attraktiv. Deutschland ist längst nicht      und gleichzeitig Mechanismen, den
Koalitionsvertrag hin oder her: Eine          nur Einwanderungsland. Es wandern            Zuwanderern die Integration in die für sie
Willkommenskultur in Schleswig-Holstein       qualifizierte deutsche Fachkräfte            neue Gesellschaft zu erleichtern.
muss vor allem gelebt werden. Sie lässt       ab, Zugewanderte kehren in ihre
sich nicht auf Knopfdruck verordnen. Hier     Herkunftsländer zurück.                       Oder kurz gesagt: Eine
sind wir alle gefordert.                                                                   Willkommenskultur braucht
                                                 Aus verschiedenen Gründen sehen           Willkommensstruktur.
   Denn „Willkommenskultur“ betrifft          sie dort für sich bessere Perspektiven.
alle. Sie steht für den Gedanken, dass        Deutschland hat in den letzten 15 Jahren        Sehr geehrte Damen und Herren,
Integration, egal ob gesellschaftlich         über eine halbe Million Staatsbürger
oder arbeitsmarktbezogen, nicht nur           mehr ins Ausland abgegeben als von              ich wünsche mir daher, dass noch
eine Leistung der Migrantinnen und            dort Menschen zugewandert sind.              mehr als bisher dieses Thema aufge-
Migranten ist, sondern auch eine Aufgabe      Wir sind angewiesen auf ausländische         griffen wird und gemeinsam Ideen und
der gesamten Gesellschaft, mit all ihren      Fachkräfte. Aber Arbeitsplätze allein        konkrete Schritte entwickelt werden.
bereits in Schleswig-Holstein lebenden        bringen niemanden nach Schleswig-            Veranstaltungen wie der heutige Fachtag
Menschen und ihren Institutionen.             Holstein. Wir müssen als Gesellschaft        sind auf diesem Weg ein notwendiger und
                                              zeigen, dass uns die Vielfalt, um die wir    wirkungsvoller Baustein.
  Und „Willkommenskultur“ meint alle.         werben, auch willkommen ist. Dazu
Häufig wird der Begriff lediglich auf         gehört, dass sich unsere Gesellschaft           Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
Neuzugewanderte angewendet. In einem          weiter interkulturell öffnet: Von der
Einwanderungsland wie Deutschland, das        Verwaltung, über unsere Unternehmen
seit vielen Jahrzehnten Migrantinnen und      bis hin zu jedem Einzelnen – sei es als
Migranten beheimatet, reicht dies aber        Nachbar oder als Vereinsmitglied.“ Und
nicht aus. Grundlage muss eine Kultur der     schließlich: „Willkommenskultur“ braucht
Anerkennung und Wertschätzung gesamt-         Umsetzung. Willkommenskultur zeigt sich
gesellschaftlicher Vielfalt sein, die alle    in persönlichen Begegnungen - in einer

		                                                                                        www.frsh.de · Der Schlepper Nr. 61 · 12/2012 · 7
Leben zwischen Diskriminierung und Integration - Flüchtlinge in Schleswig-Holstein und der Welt: Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein
Schleswig-Holstein

  Aktionstag „refugees welcome“

                                                                                         Solidarität mit Flüchtlingen
Andrea Dallek ist Mitarbeiterin beim
Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein                                                              auf die Straße tragen

Unter dem Motto                                    Der Aktionstag fand im Rahmen                In der Mitte des Aktionstages, ab
                                                der Interkulturellen Wochen 2012 in          etwa 13 Uhr, beteiligten sich ca. 150
„refugees welcome                               Kiel statt. Zum 20jährigen Jubiläum          Personen an einer Demonstration durch
                                                der Interkulturellen Wochen war das          die Kieler Innenstadt. Mit verschie-
– Solidarität mit                               Hauptthema „Flüchtlinge“, wie seiner-        denen Transparenten sowie Parolen
                                                zeit auch bei den ersten Interkulturellen    und kurzen Redebeiträgen wurden
Flüchtlingen auf                                Wochen in Kiel. Eine Vielzahl von            Forderungen nach einem bedingungs-
die Straße tragen“                              Veranstaltungen wurden von unterschied-      losen Bleiberecht und sozialer Teilhabe
                                                lichen kirchlichen und nicht kirchlichen     von Flüchtlingen auf die Straße getragen.
haben verschiedene                              Organisationen, Einrichtungen und            Die Teilnehmenden protestierten damit
                                                Gruppen organisiert.                         u. a. gegen die isolierte Unterbringung in
antirassistische                                                                             Unterkünften, Verbote, Abschiebungshaft
                                                   Der Aktionstag begann um 11               und das Hin- und Herschieben von
Organisationen und                              Uhr auf dem Europaplatz mit                  Flüchtlingen innerhalb Europas. Die
Gruppen am 22.                                  Informationsständen, vielen Gesprächen       Kritik richtete sich gegen die europä-
                                                sowie Kaffee und Kuchen. Zum                 ische und deutsche Flüchtlingspolitik,
September 2012 zum                              Beispiel informierte das Medibüro            ein wenig Hoffnung gab es durch den
                                                Kiel über die fehlende medizinische          Koalitionsvertrag auf Änderungen auf
Aktionstag nach Kiel                            Versorgung von Personen ohne Papiere,        Landesebene. Hier werde sich zeigen,
                                                die ZBBS, der Flüchtlingsrat und der         ob den Versprechungen und Beschlüssen
eingeladen.                                     Vormundschaftsverein lifeline beant-         auch entsprechende Taten folgen. Der
                                                worteten Fragen zu Situation von             Ausgrenzung setzen die VeranstalterInnen
                                                Flüchtlingen, die Rosa-Luxemburg-Stiftung    Solidarität entgegen und forderten grund-
                                                informierte über ihr Bildungsprogramm.       legende Änderungen der Flüchtlingspolitik
                                                Viele weitere Stände und Gruppen waren       und Aufenthaltsgesetzgebung.
                                                anwesend.
                                                                                               Die VeranstalterInnen bewerteten
                                                   Durch ein buntes kulturelles Programm     den Aktionstag rückblickend als Erfolg.
                                                wurde auf die prekäre Situation von          Es haben sich viele Menschen mit
                                                Flüchtlingen öffentlich hingewiesen. Einer   eigener Fluchterfahrung beteiligt, viele
                                                Straßentheatergruppe aus Rendsburg           Interessierte konnten sich in längeren
                                                involvierte spontan viele Personen und       Gesprächen informieren und sehr viele
                                                stellte sehr bildlich die Abschottung        einkaufende Personen nahmen Flugblätter
                                                gegenüber Flüchtlingen dar. Große            und Informationsblätter gern entgegen.
                                                Aufmerksamkeit erlangte auch ein kurzer
                                                Auftritt der Neumünsteraner Band
                                                „The Rush“. Sehr eindrücklich stellte ein
                                                Mitglied der Hamburger Asylmonologe
                                                mit musikalischer Begleitung einzelne
                                                Erfahrungsberichte von Flüchtlingen
                                                dar. Einen ruhigeren Abschluss fand das
                                                Kulturprogramm mit dem Auftritt der
                                                Irish Folk Band Sominka.

8 · 12/2012 · Der Schlepper Nr. 61/62 · www.frsh.de
Leben zwischen Diskriminierung und Integration - Flüchtlinge in Schleswig-Holstein und der Welt: Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein
Schleswig-Holstein

                                                          „... der gegenwärtige
                                                          Bundesinnenminister
                                                      steht uns auf den Füßen“
Reinhard Pohl ist Mitglied im Flücht-
lingsrat Schleswig-Holstein und hat für
das Magazin „Der Schlepper“ drei Land-                                            Interview mit Serpil Midyatli,
tagsabgeordnete zur Abschiebungshaft
befragt.                                                                        Landtagsabgeordnete der SPD,
                                                                                          zur Abschiebungshaft
                                                Der Schlepper: Ihr habt im Programm         Abschiebung in ein anderes europäisches
                                              und im Koalitionsvertrag zwei Punkte          Land festgehalten werden, und es ist
                                              stehen: Abschaffung der Abschiebehaft         nun mal vom äußeren Eindruck her ein
                                              und Hafterleichterungen in Rendsburg.         Gefängnis. Wir wollen also im ersten
                                              In welchem Verhältnis stehen diese            Schritt diese Anstalt so offen wie möglich
                                              beiden Pläne zueinander? Wenn man die         nach innen machen. Nach außen muss
                                              Abschiebehaft abschafft, muss man ja          sie geschlossen bleiben, das geht im
                                              nichts erleichtern.                           Moment nach den Gesetzen nicht anders.
                                                                                            Es gab ja Gespräche dazu, auch mit dem
                                                Serpil Midyatli: Ja, das stimmt. Die        Flüchtlingsrat, auch mit der Diakonie, und
                                              SPD-Fraktion hatte ja schon in der letzten    es gibt eine Sammlung von Möglichkeiten,
                                              Legislaturperiode einen Antrag gestellt       den Zustand zu verbessern.
                                              zur Schließung der Abschiebehaftanstalt.
                                              Es ist logisch, dass wir das in den             Der Schlepper: Sind für Dich
                                              Koalitions­verhandlungen mit auf den          auch getrennte Lösungen vorstell-
                                              Tisch gepackt haben. Wir wollen die           bar? Es gibt ja Abschiebehäftlinge von
                                              Haftanstalt schließen. Dass das nicht         den Ausländerbehörden, und es gibt
                                              so schnell und einfach geht, ist allen        Abschiebehäftlinge, die als Durchreisende
                                              Fachleuten und Experten ja bekannt. Es        von der Bundespolizei festgenommen
                                              handelt sich um eine EU-Richtlinie, aber      wurden. Ist es für Dich vorstellbar,
                        Foto: Reinhard Pohl
                                              die Abschaffung ist unser Ziel, für die       erst einmal nur für einen Bereich die
                                              wir auch auf Bundesebene Mehrheiten           Abschiebehaft abzuschaffen?
                                              schaffen wollen. Die Fraktion ist im
                                              Moment dabei ganz genau zu schauen,              Serpil Midyatli: So weit sind wir
                                              wie es die anderen EU-Länder machen,          noch gar nicht. Wir sehen uns noch die
                                              welche anderen Möglichkeiten gibt es,         verschiedenen Möglichkeiten an. Bei den
Serpil Midyatli gehört                        denn die anderen Länder setzen ja die         Ausländerbehörden ist es so, dass längst
                                              gleiche EU-Richtlinie um. Wenn andere         nicht alle, die abgeschoben werden,
dem Landtag seit                              Länder das anders machen, wäre es für         auch in Abschiebehaft kommen. Es
2009 an. Die SPD                              uns ein guter Ansatzpunkt für eine andere     geht ja auch anders. Es gibt Gespräche,
                                              Regelung auf Bundesebene.                     und viele reisen auch alleine aus, damit
verfügt aktuell über                                                                        sie später auch legal wieder einreisen
                                                 Da das ein langer Weg ist und wir          können. Für die meisten funktioniert
22 Abgeordnete                                dafür auch Mehrheiten brauchen, wollen        ja jetzt schon die Abschiebung, wenn
und ist die stärkste                          wir schon jetzt etwas tun. In Rendsburg       es denn sein muss, ohne dass sie in
                                              werden ja Menschen festgehalten, die          Abschiebehaft genommen werden. Ich
Regierungsfraktion.                           nichts verbrochen haben. Die meisten          kann mir vorstellen, dass es hier noch
                                              Menschen in Abschiebehaft befinden            mehr Möglichkeiten gibt. Ich habe mit
Serpil Midyatli ist                           sich auf der Durchreise, sie werden           dem ehemaligen Flüchtlingsbeauftragten
                                              nach der Dublin-II-Verordnung gar nicht       Wulf Jöhnk intensiv diskutiert, er geht von
stellvertretende                              in ihre Herkunftsländer abgeschoben,          sieben bis acht Personen pro Jahr aus, bei
Fraktionsvorsitzende                          sondern sollen in ein anderes europä-         denen ohne Haft eine Abschiebung nicht
                                              isches Land. Daher fragen wir schon mal       möglich wäre. Und da könnte ich mir
und Sprecherin für                            nach dem Sinn der Haftanstalt, wenn           vorstellen, dass man diese Menschen auch
                                              über 85 Prozent der Menschen nur zur          in der Landesunterkunft in Neumünster
Integration.

		                                                                                         www.frsh.de · Der Schlepper Nr. 61 · 12/2012 · 9
Leben zwischen Diskriminierung und Integration - Flüchtlinge in Schleswig-Holstein und der Welt: Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein
Schleswig-Holstein

unterbringen könnte. Das sind aber bis         zen sind. Da hat das Justizministerium          Der Schlepper: Ihr wollt ja als Ziel
jetzt nur Diskussionen und Überlegungen,       jetzt geguckt, was geht und was nicht         die Abschiebehaft komplett abschaf-
es gibt noch keine Entscheidungen.             geht. Und diese Gespräche, auch mit der       fen. Befürworter der Abschiebehaft
Wir wollen auch auf die ausgearbeitete         Leitung der Einrichtung in Rendsburg,         sagen, wenn man Grenzen hat, wenn
Übersicht aus den anderen europäischen         verlaufen sehr, sehr positiv. Die Leitung     man ein Aufenthaltsrecht hat, wenn der
Ländern warten, weil es da vielleicht noch     ist sehr kooperativ und hat schon gesagt,     Staat entscheidet wer bleiben darf und
ganz andere Modelle gibt, die wir mit          dass sie sich viele Erleichterungen gut       wer nicht bleiben darf, braucht man in
diskutieren wollen. Die Fußfessel, auch        vorstellen kann. Das Hauptproblem             letzter Konsequenz auch die Mittel das
das wird ja diskutiert, wollen wir nicht,      ist wie in anderen Gefängnissen der           durchzusetzen. Verzichtest Du mit der
das kann ich jetzt schon sagen. Denn auch      Personalmangel. Einiges kann mit dem          Abschiebehaft nicht auch auf das Mittel,
die Fußfessel macht krank. Es gibt Studien     vorhandenen Personal nicht umgesetzt          eine Ausreiseaufforderung durchzusetzen?
dazu, die zeigen psychische Verletzungen       werden, und ich weiß noch nicht, wo
bei den Betroffenen. Das ist definitiv         wir an anderer Stelle Personal einsparen         Serpil Midyatli: Wenn man dieje-
keine Möglichkeit, die ich meiner Fraktion     können, um es in dieser Anstalt einzu-        nigen, die sich der Abschiebung mit
vorschlagen werde.                             setzen. Es ist eine Mammutaufgabe zu          allen Mitteln widersetzen, später in der
                                               prüfen, wie wir so viel Hafterleichterung     Landesunterkunft unterbringt und sie das
   Der Schlepper: Die Abschiebehaft­           wie möglich hinbekommen, ohne dass uns        nutzen, um unterzutauchen – das ist das
einrichtung in Rendsburg heißt ja aus-         die finanzielle Lage im Wege steht.           Risiko, was man dann eben tragen muss.
drücklich nicht „Gefängnis“, sondern                                                         Aber schon jetzt ist es ja so, dass die mei-
„Einrichtung“. Organisatorisch ist               Der Schlepper: Kannst Du einige der         sten Menschen, die abgeschoben werden,
es aber eine Außenstelle des Kieler            Punkte von der Liste nennen?                  gar nicht in Abschiebehaft genommen
Gefängnisses, der Justizvollzugsanstalt.                                                     werden. Es funktioniert ja bei der großen
Wenn es anders organisiert werden soll            Serpil Midyatli: Es geht zum Beispiel      Mehrheit ohne Haft.
als ein Gefängnis, wäre es dann nicht          um das Persönliche, also zum Beispiel
logisch, es in eine andere Trägerschaft zu     die Möglichkeit, ein Handy zu besit-             Der Schlepper: Gibt es schon einen
geben? Könnte es auch eine Außenstelle         zen. Das wird wohl umgesetzt, so dass         konkreten Zeitplan? Bis wann sollen die
der Landesunterkunft für Flüchtlinge in        sie jederzeit Kontakt zu Angehörigen          Hafterleichterungen eingeführt sein,
Neumünster sein?                               aufnehmen können. Dann geht es darum,         in welchem Zeitrahmen wollt Ihr die
                                               sich eigene Mahlzeiten zuzubereiten.          Bundesgesetzgebung verändern?
  Serpil Midyatli: Für die Abschiebungen       Da gibt es schon Pläne zu Räumen und
                                                                                                Serpil Midyatli: Zu den Hafterleichte­
selbst ist ja das Innenministerium zustän-     Kosten, es gibt auch Modelle aus anderen
                                                                                             run­gen habe ich bei den Gesprächen mit
dig. Für die Abschiebehaftanstalt ist          Bundesländern. Dann geht es um das
                                                                                             dem Justizministerium vertreten, dass
das Justizministerium zuständig. Das           Recht auf eigene Kleidung, dass sie diese
                                                                                             das schnell gehen kann, weil man es mit
erschwert unsere Arbeit ein wenig, weil        Jogginganzüge und die Schlappen nicht
                                                                                             Erlassen regeln kann. Ich hoffe, dass wir
wir es eben mit zwei Institutionen zu          mehr tragen müssen. Dann geht es um
                                                                                             noch dieses Jahr Entscheidungen haben,
tun haben. Ich denke schon, es könnte          die Einschlusszeiten über Mittag, also
                                                                                             und dann sollte der Erlass schnell kommen.
eine richtige Schlussfolgerung sein: Wenn      die Möglichkeit, auch gemeinsam Mittag
                                                                                             Ich hoffe also, dass wir das in den ersten
wir die Menschen nicht mehr einschlie-         zu essen. Das hat zum Beispiel auch mit
                                                                                             Monaten des Jahres 2013 umgesetzt
ßen, muss die Einrichtung auch nicht           Personal und Personalkosten zu tun. Aber
                                                                                             ha­ben. Es ist einer der prägnantesten
im Justizministerium angesiedelt sein.         wenn wir schon den Nachteinschluss
                                                                                             Punkte in unseren integrationspolitischen
Es kommt darauf an, welche Form die            nicht weg bekommen, der wird wohl blei-
                                                                                             Vorstellungen, die im Koalitionsvertrag als
Einrichtung später hat, danach entschei-       ben müssen, dann sollten wir es zumin-
                                                                                             „Willkommenskultur“ bezeichnet werden,
det sich dann, wo sie angesiedelt ist. Ich     dest schaffen, diesen Einschluss am Tag
                                                                                             es gehört zum Paradigmenwechsel in der
habe aber nicht den Eindruck, dass solch       abzuschaffen. Außer dem Nachteinschluss
                                                                                             Flüchtlingspolitik, und da muss jetzt schnell
ein Wechsel ein Problem ist. Ich glaube        ist es schwierig mit den Vorschlägen,
                                                                                             geliefert werden. Da spielt niemand auf
zum Beispiel, dass das Justizministerium       zusätzliche Freizeitaktivitäten anzubie-
                                                                                             Zeit, es ist einer der ersten Punkte, die wir
nicht traurig sein wird, wenn es dafür         ten. Das ist auch räumlich schwierig, es
                                                                                             in der Koalition konkret umsetzen. Einen
nicht mehr zuständig ist.                      ist ja nun mal ein alten Gefängnis. Und
                                                                                             Zeitplan für die Schließung der Einrichtung
                                               wenn wir diese Anstalt letztlich schließen
                                                                                             gibt es noch nicht. Das Innenministerium
  Der Schlepper: Es ist ja auch die Frage:     wollen, können wir jetzt nicht Millionen in
                                                                                             arbeitet mit an einer Übersicht, welche
Wie sind die Leute ausgebildet, die dort       einen Umbau stecken.
                                                                                             Möglichkeiten es innerhalb der gültigen
arbeiten? Jetzt sind sie ausgebildet, in
                                                                                             EU-Richtlinie gibt. Wir gucken parallel
einem Gefängnis zu arbeiten. Kann das            Ein wichtiger Punkt ist die Verbesserung
                                                                                             auch nach den Möglichkeiten und nach den
auch ein Hindernis für Veränderungen           der Gesundheitsversorgung. Da sind wir
                                                                                             Erfahrungen in den anderen EU-Ländern.
sein, wenn die Leute nicht für eine andere     ganz stark dran. Und da gibt es für mich
                                                                                             Da wir da auch eine Bundesregelung finden
Einrichtung ausgebildet sind?                  auch nicht das Argument der finanziellen
                                                                                             müssen, kann ich keinen Zeitplan sagen.
                                               Knappheit: Die Menschen dort müssen
                                                                                             Es wird keine schleswig-holsteinische
  Serpil Midyatli: Das ist für mich            medizinisch vernünftig versorgt werden.
                                                                                             Regelung geben, und der gegenwärtige
schwer zu beantworten. Wir haben dem           Die Achtung der menschlichen Würde
                                                                                             Bundesinnenminister steht uns auf den
Justizministerium jetzt zehn oder zwölf        darf keine Finanzfrage sein.
                                                                                             Füßen.
Punkte gegeben und sie beauftragt zu
prüfen, ob diese Forderungen umzuset-

10 · 12/2012 · Der Schlepper Nr. 61/62 · www.frsh.de
Schleswig-Holstein

                       „...dass die Freiheit eines der
               höchstrangigen Verfassungsgüter ist“
                                                                              Interview mit Burkhard Peters,
Reinhard Pohl ist Mitglied im Flücht-
lingsrat Schleswig-Holstein und hat für                                 Landtagsabgeordneter der GRÜNEN,
das Magazin „Der Schlepper“ drei Land-
tagsabgeordnete zur Abschiebungshaft                                                   zur Abschiebungshaft
befragt.

Burkhard Peters ist                             Der Schlepper: Was ist
                                             denn aus Deiner Sicht oder
Rechtsanwalt und                             grüner Sicht die Priorität? Soll
                                             die Abschiebehaft vordring-
wurde im Mai 2012 in                         lich ganz abgeschafft werden,
                                             oder konzentriert man sich
den Landtag gewählt.                         auf das, was im eigenen
Die Fraktion von                             Zuständigkeitsbereich liegt?

Bündnis 90 / Die Grünen                        Burkhard Peters: Im
                                             Interesse der betroffenen
hat 10 Abgeordnete,                          Personen halte ich es für
                                             dringend erforderlich, sich
Burkhard Peters ist unter                    zunächst auf die hiesigen
anderem Sprecher für                         Verhältnisse zu konzentrie-
                                             ren und auf das, was wir
Flüchtlingspolitik.                          im Lande machen können.
                                             Denn das Problem der
   Der Schlepper: Im Koalitionsvertrag       gesetzlichen Abschaffung der
ist einerseits gesagt worden, dass die       Abschiebehaft ist ein ganz
Abschiebehaft insgesamt abgeschafft          dickes Brett, da müssen viele
werden soll. Andererseits ist gesagt         Akteure einbezogen werden.
worden, das Gefängnis in Rendsburg           Unter den gegenwärtigen
abgeschafft, humanisiert, durch eine         Mehrheitsverhältnissen auf                                            Foto: Reinhard Pohl
andere Einrichtung ersetzt werden. In        Bundesebene sehe ich dafür überhaupt
welchem Verhältnis stehen die beiden         keine Chance. Das wäre aus meiner                Burkhard Peters: Auch das ist wieder
Forderungen zueinander? Wenn die             Sicht ein Projekt, das möglicherweise         ein Zuständigkeitsproblem. Für diese
Abschiebehaft insgesamt abgeschafft wird,    erst nach einer für rot-grün erfolgreichen    Dublin-II-Fälle sind die Antragsteller die
erledigt sich der andere Punkt ja von        Bundestagswahl im nächsten Jahr ange-         Bundespolizei und das CSU-geführte
selbst.                                      gangen werden kann.                           Bundesinnenministerium hat über diese
                                                                                           Verfahren die Herrschaft. Auch da können
   Burkhard Peters: Die Differenzierung         Der Schlepper: Jetzt gibt es bei der       wir auf Landesebene wieder sehr schwer
ergibt sich aus der Zuständigkeit für        Zusammensetzung der Insassen eine             Einfluss nehmen. Wir können auf unsere
die verschiedenen Forderungen. Die           ganz entscheidende Veränderung. Als           Ausländerbehörden Einfluss nehmen im
Abschaffung der Abschiebehaft insgesamt      das Gefängnis vor 10 Jahren eingerich-        Bereich der Antragstellung, und es hat
ist nicht möglich auf dem Wege eines         tet wurde, waren es Abschiebefälle der        sich in der letzten Zeit schon erwiesen,
Landesgesetzes, sondern ist nur bundes-      örtlichen Ausländerbehörden. Jetzt sind       dass eine zurückhaltende Handhabung
gesetzlich zu regeln. Das müsste also im     es zu mehr als zwei Dritteln Hin- und         der Abschiebehaft durch die hiesigen
Bundestag und Bundesrat geschehen.           Herschiebungen des Dublin-II-Systems. Es      Ausländerbehörden durchaus praktiziert
Deshalb ist im Koalitionsvertrag auch eine   sind Flüchtlinge, die „nur“ in ein anderes    wird, so dass wir vor allen Dingen die
Bundesratsinitiative auf Abschaffung der     europäisches Land sollen. Wie soll damit      leidigen Dublin-II-Fälle haben. Und dort
Abschiebehaft vereinbart worden. Auf         umgegangen werden? Ist es aus Deiner          ist es so, dass auf Seiten der Bundespolizei
Landesebene wäre es allerdings möglich,      Sicht vielleicht möglich, die Abschiebehaft   überhaupt keine Bereitschaft besteht, in
einfach kein Abschiebegefängnis mehr         für Dublin-II-Fälle getrennt vom Rest der     irgendeiner Weise zu kooperieren und
vorzuhalten, sondern die Abschiebungen       Diskussion abzuschaffen?                      von diesem Instrument zurückhaltender
durch andere, mildere Mittel zu sichern.

		                                                                                  www.frsh.de · Der Schlepper Nr. 61/62 · 12/2012 · 11
Schleswig-Holstein

Gebrauch zu machen. Ich denke, dass            eines demokratischen Verfassungsstaates        und viele andere Erleichterungen mehr.
Herr Innenminister Breitner schon versu-       einfach nicht würdig. Deswegen bleibe ich      In diesem Bereich sind Entscheidungen
chen sollte, in der Innenministerkonferenz     dabei, dass unter dem Gesichtspunkt der        schon getroffen worden, das
oder über den Bundesinnenminister              Verhältnismäßigkeit staatlichen Handelns       Justizministerium hat uns berichtet, dass
Einfluss zu nehmen. Aber davon kann man        das Institut der Abschiebehaft insgesamt       mit der Gefängnisleitung weitestgehend
sich nicht allzuviel versprechen.              nicht akzeptabel ist.                          unsere Forderungen besprochen worden
                                                                                              sind und auch erfüllt werden.
   Der Schlepper: Jetzt heißt das                Der Schlepper: Jetzt plant Ihr ja, die
Gefängnis in Rendsburg offiziell               Haft in Rendsburg zu erleichtern. Ihr            Der Schlepper: Gibt es auf Seiten
Abschiebehafteinrichtung. Es sollte ja         diskutiert den Ersatz durch eine andere        der Grünen auch Überlegungen,
auch kein Gefängnis sein, es geht ja nicht     Einrichtung oder andere Einrichtungen.         Hafterleichterungen durch Zuordnung
um Strafhaft. Es ist aber organisatorisch      Besteht nicht die Gefahr, wenn man die         eines Rechtsanwalts umzusetzen?
eine Außenstelle des Gefängnisses in Kiel.     Haftbedingungen ausreichend erleichtert
Wenn Ihr plant, die Haftbedingungen zu         hat, dass die Koalition eines Tages sagt:        Burkhard Peters: Das halten wir für
verändern, zu humanisieren, ist es dann        Die Abschaffung der Abschiebehaft gelingt      eine sinnvolle Forderung. Wie gesagt,
nicht sinnvoll, dass die ganze Einrichtung     sowieso nicht, also sind wir jetzt mit der     die Haftanordnung ist ein erheblicher
in eine andere Zuständigkeit kommt?            Humanisierung zufrieden?                       Eingriff in das Freiheitsrecht, und es gibt
Es könnte ja auch eine Außenstelle der                                                        andere rechtliche Bereiche, wo dieser
Landesunterkunft in Neumünster werden.            Burkhard Peters: Ich denke, dass            schwerwiegende Eingriff daran geknüpft
                                               gerade wir als Grüne immer dahinter            wird, dass zum Beispiel zwingend ein
  Burkhard Peters: Das halten wir für          her sein müssen, dass die Erleichterung        Pflichtverteidiger beigeordnet wird
unbedingt erstrebenswert. Denn solange         der Haftbedingungen nicht das Endziel          oder ein Verfahrensbevollmächtigter. Es
die Abschiebehaftanstalt unter dem             sein darf, sondern dass die Abschiebehaft      muss nicht unbedingt ein Rechtsanwalt
Regime des Justizministeriums und damit        als Rechtsinstitut insgesamt abgeschafft       sein, es kann auch eine Person sein aus
dem Regime der Gefängnisverwaltung             gehört. Es muss immer im Kopf bleiben,         dem Bereich der Migrationsberatung
steht, wird es auch immer gefängnis-           dass dies auf Bundesebene das Ziel ist, auf    mit besonderen Kenntnissen, um der
ähnliche Strukturen geben, es wird immer       das wir und alle anderen Akteure hinar-        betroffenen Person helfen zu können
eine gefängnis-mäßige Denkart bei der          beiten wollen.                                 und Haftalternativen frühzeitig aufzeigen
Behandlung des Problems vorherrschen.                                                         zu können. Wichtig ist nur, dass diese
Das liegt einfach in der Natur der Sache          Der Schlepper: Welche Maßnahmen             Beratung bereits vor der ersten Anhörung
und der handelnden Personen. Es wäre           sind jetzt konkret geplant? Kannst             durch das Amtsgericht ermöglicht wird.
schon ein großer Gewinn, wenn es aus           Du, auch wenn die Grünen nicht der
diesem Regime ausgelagert wird.                größte Koalitionspartner sind, für die            Der Schlepper: Jetzt habt Ihr einerseits
                                               Humanisierung der Haft, die neue               vor, die Haft zu erleichtern. Andererseits
   Der Schlepper: Jetzt sagen                  Einrichtung und die Abschaffung der            ist auch die Rede davon, diese Einrichtung
Befürworter der Abschiebehaft: Wenn es         Abschiebehaft irgendwelche Zeitpläne           zu schließen und durch etwas anderes zu
Grenzen gibt, Grenzkontrollen, Visa, ein       beschreiben?                                   ersetzen. Gibt es da schon konkretere
Aufenthaltsrecht, das den Aufenthalt auch                                                     Vorstellungen?
beschränkt und beendet, muss es auch              Burkhard Peters: Grundsätzlich ist es
in letzter Konsequenz ein Zwangsmittel         so, dass zwischen den Koalitionspartnern         Burkhard Peters: Nein, da gibt
geben, die Aufenthaltsbeendigung durch-        im Punkt Abschiebehaft große Einigkeit         es bisher noch keine konkreteren
zusetzen. Und wenn jemand untertaucht,         besteht. Es muss was passieren, und das        Vorstellungen. Ich weiß aber, dass im
muss es danach auch möglich sein, ihn in       Institut der Abschiebehaft muss insge-         Bereich der Diakonie und des Jesuit
Haft zu nehmen, wenn es denn gelingt.          samt abgewickelt werden. Von daher             Refugee Service Europe verschiedene
Wenn die Abschiebehaft abgeschafft             haben wir als Grüne nicht die Rolle,           und sehr konkrete Vorstellungen entwi-
wird, was sagst Du den Befürwortern            eine besonders radikale Position einzu-        ckelt worden sind, die Alternativen zur
von Grenzkontrollen, wozu gibt es              nehmen. Der Zeitplan im Hinblick auf           gängigen Abschiebehaftpraxis darstellen.
dann noch Einreisebestimmungen und             eine Bundesratsinitiative ist allerdings       Auch im europäischen Vergleich hinkt
Aufenthaltsbestimmungen?                       schwer vorauszusagen. Wir sollten das in       Deutschland hinterher. Dies muss inner-
                                               Abstimmung mit anderen Bundesländern           halb der Koalition dringend abgesprochen
  Burkhard Peters: Dem kann ich                bald auf den Weg bringen. Es ist aber          werden, um hier in Schleswig-Holstein
immer nur entgegensetzen, dass die             schwer abzuschätzen, ob und wann ein           entsprechende Projekte auf die Beine zu
Freiheit eines der höchstrangigen              Erfolg eintreten wir, weil es wie gesagt auf   stellen.
Verfassungsgüter ist, die wir über-            geänderte Mehrheiten auf Bundesebene
haupt kennen. Der Staat darf in dieses         ankommen wird. Was wir hier in
Grundrecht der Freiheit nur unter extrem       Schleswig-Holstein als erstes machen
eingeschränkten Bedingungen eingreifen.        können ist, die konkreten Haftbedingen
Die Unverhältnismäßigkeit zwischen dem         der Menschen in Rendsburg zu erleich-
vorgeworfenen Verstoß gegen auslän-            tern, ihnen zum Beispiel die Benutzung
derrechtlichen Verwaltungsvorschriften         eines Handys zu ermöglichen, dass sie
und der Folge einer im Einzelfall mehr als     ihre eigene Kleidung behalten können,
sechs Monate möglichen Inhaftierung ist        sich selber Essen zuzubereiten können

12 · 12/2012 · Der Schlepper Nr. 61/62 · www.frsh.de
Schleswig-Holstein

                                            „Das Schlaueste bleibt,
                                     diese Haftanstalt aufzulösen.“
                                                                                               Reinhard Pohl ist Mitglied im Flücht-
                                     Interview mit Lars Harms,                                 lingsrat Schleswig-Holstein und hat für
                                                                                               das Magazin „Der Schlepper“ drei Land-
                               Landtagsabgeordneter des SSW,                                   tagsabgeordnete zur Abschiebungshaft
                                                                                               befragt.
                                         zur Abschiebungshaft

Lars Harms ist Vorsitzender                 günstigere Variante. Und wenn man so
                                            finanzielle Mittel freisetzt, kann man sie
des SSW im Landtag. Die                     auch nutzen, um Integrationsleistungen
                                            für diese Menschen zu erbringen. Denn
Gruppe besteht aus drei                     nicht jeder, der in Abschiebehaft ist, muss
                                            auch abgeschoben werden. Es ist ein
Abgeordneten.                               Gutteil von Menschen dabei, die hier auch
                                            eine Perspektive haben sollten.
   Der Schlepper: Im Koalitionsvertrag
ist vereinbart, sich für die Abschaffung      Der Schlepper: Was ist denn aus Sicht
der Abschiebehaft einzusetzen und die       des SSW die Priorität: Abschiebehaft
Abschiebehafteinrichtung in Rendsburg       humaner gestalten? Oder Abschiebehaft
abzuschaffen. Das sind ja zwei ver-         ganz abschaffen?                                                            Foto: SSW
schiedene Fragen. Wie wollt Ihr im
Landesrecht weitermachen? Wie wollt Ihr        Lars Harms: Ganz eindeutig:                 haben, die wir für unsere Gesellschaft und
im Bundesrecht weitermachen? Gibt es        Abschiebehaft abschaffen. Es gibt immer        unseren Arbeitsmarkt nützen können und
da Absprachen, in welchem Zeitraum Ihr      noch eine rechtliche Grundlage, die sagt:      die wir brauchen.
Euch um welches Thema kümmern wollt?        Politische Flüchtlinge werden aufge-
                                            nommen, alle anderen müssen zurück                Der Schlepper: Jetzt sagen die
   Lars Harms: Erst mal haben wir           gehen. Das ist der Grundsatz, von dem          Jahresberichte des Beirates für
jetzt versucht, die Situation in der        wir glücklicherweise viele Ausnahmen           die Abschiebehaft, dass sich die
Abschiebehaft in Rendsburg zu erleich-      machen. Ich bin der Auffassung, dass es        Zusammensetzung der Abschiebehäftlinge
tern. Das ist der erste Schritt, den wir    so sein muss, dass die Leute, die her-         in den vergangenen Jahren entscheidend
gemacht haben. Der zweite Schritt ist,      kommen und von denen wir wissen,               verändert hat. Als die Anstalt eingerich-
dass wir uns jetzt überlegen müssen,        dass sie in absehbarer Zeit nicht in ihre      tet wurde, saßen dort Leute ein, die von
wie wir bundespolitisch vorgehen. Das       Heimatländer zurück können, und dass           den einzelnen Ausländerbehörden in
ist ja nicht losgelöst voneinander. Eine    sind ja nicht nur Leute, die formal von        Schleswig-Holstein abgeschoben werden
Überlegung ist, neue Räumlichkeiten zu      ihrem Staat politisch verfolgt werden,         sollten. Jetzt sind es zu mehr als zwei
schaffen, von außen nach innen offen,       sondern das sind auch Leute, die zum           Dritteln Leute, die ein Asylverfahren
aber von innen nach außen entsprechend      Beispiel unter religiöser Diskriminierung      in einem anderen Mitgliedsland des
der derzeitigen Gesetzeslage geschlos-      zu leiden haben, die aufgrund der              Schengener Abkommens haben. Sie
sen. Da müsste man aber gucken, ob          Angehörigkeit zu einer bestimmt                werden nur innerhalb Europas hin- und
es Gebäude gibt, die für solch eine         Volksgruppe keine Perspektiven zu Hause        hergeschoben. Deutschland macht es
Einrichtung geeignet sind. Eine zweite      haben, dass wir denen frühzeitig, wirklich     mit Abschiebehaft, andere Länder geben
Möglichkeit wäre es, die betroffenen        so früh wie möglich Integrationsleistungen     schlicht einen Bescheid und setzen
Menschen dezentral unterzubringen.          anbieten und es ihnen ermöglichen, sich        eine Frist, selbst ins zuständige Land
Es sind ja nicht so viele Menschen,         hier in unserer Gesellschaft zurecht zu        für das Asyl zurück zu kehren. Ist diese
wenn man es mit der Gesamt-Migration        finden. Wir müssen ihnen insbesondere          Veränderung nicht auch ein Grund,
überhaupt vergleicht. Gesetzlich ist eben   ermöglichen, Deutschkurse zu belegen,          die Anstalt in Schleswig-Holstein zu
immer noch vorgeschrieben, dass man         damit sie hier am Arbeitsmarkt und in der      schließen?
die Menschen so unterbringt, dass man       Gesellschaft Fuß fassen können. Unsere
sie abschieben kann. Aber solch eine        Einstellung ist ganz eindeutig: Wir wollen        Lars Harms: Deswegen haben wir
Unterbringung ist auch möglich, wenn        diese Leute hier auch halten. Wir glauben,     ja auch gesagt, dass die Abschiebehaft
man sie dezentral unterbringt und zum       dass viele Flüchtlinge, die in Abschiebehaft   überhaupt keinen Sinn macht. Die
Beispiel Meldeauflagen anordnet. Das ist    sind, durchaus auch Qualifikationen            Menschen, die ein Asylverfahren in einem
eine wesentlich humanere und kosten-                                                       anderen Schengenland haben, haben hier

		                                                                                  www.frsh.de · Der Schlepper Nr. 61/62 · 12/2012 · 13
Sie können auch lesen