Substanzaufgabe als Stadtentwicklung

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Substanzaufgabe als Stadtentwicklung
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                                                Substanzaufgabe als Stadtentwicklung
                                        Aktueller Nutzungsdruck im geschlossenen Gründerzeitquartier

                                                                                                                    TOBIAS PANKE

 SUMMARY                                                               Denkmallandschaft
 A large proportion of the historic urban fabric in                    Die wechselhafte Geschichte der etwa 950 Jahre
 the city of Görlitz is composed of intact and cohe-                   alten Stadt Görlitz mit ihren unterschiedlichen Ein-
 sive housing stock dating from the Wilhelmine era.                    flüssen, die nicht zuletzt der wechselnden Landes-
 Through decreasing population levels and intraur-                     zugehörigkeit zu verdanken sind, lässt sich bis heute
 ban migration, entire districts have seen and are                     ablesen. Als erste Boomzeit ist das Spätmittelalter
 now seeing a massive rise in the rate of vacancy. In                  und die Frühe Neuzeit zu bewerten, ehe die Stadt
 a situation such as this, how can urban functions be                  aufgrund von wirtschaftlichen Veränderungen und
 supported and new forms of residential occupation                     den Folgen des Oberlausitzer Pönfalls ab der Mitte
 implemented?                                                          des 16. Jahrhunderts eine erste Rezession erlebte.
      Residences for senior citizens represent just one                     Durch den Dreißigjährigen Krieg und seine Fol-
 possibility for reactivating these unused buildings.                  gen sowie die wirtschaftliche Bedeutungslosigkeit
 Large rental corporations and tenants' associations                   im 18. Jahrhundert gelang es der Stadt nicht, an die
 in particular are eager to invest in these kinds of                   wirtschaftliche Prosperität vergangener Jahrhun-
 repurposing concepts.                                                 derte anzuknüpfen. Erst mit dem landesherrschaft-
      The majority of the Wilhelmine-era buildings in                  lichen Wechsel von Sachsen nach Preußen 1815
 Görlitz still possess their original interior fixtures                als Teil der Sächsischen Reparationen begann eine
 and finishes: colour schemes, flooring, plasterwork,                  zweite Blüte, die bis zum Ausbruch des Zweiten
 stairwells, heating stoves and doors all remain in-                   Weltkrieges anhielt. Durch die Grenzfestsetzung
 tact. Due to the introduction of new building norms                   der Oder-Neiße-Linie nach 1945 lag Görlitz nun
 such as handicapped accessibility, however, and                       am Rande der DDR. Mit der Wende 1989/90 wurde
 also as a result of financial considerations, many                    Görlitz Teil Sachsens und ist seitdem die östlichste
 buildings are being retrofitted with elevators, a de-                 Stadt Deutschlands.
 velopment that presents a major threat to the his-
 toric significance contained in their materials and                   Das Image des Ästhetischen
 construction.                                                         Seit den 1990er Jahren spielt denkmalpflegeri-
      Can and should historic preservation considera-                  sches Handeln eine zentrale Rolle in der touristi-
 tions be set aside and the material integrity of these                schen Vermarktung der Stadt. Die nahegelegenen
 buildings be relinquished in order to facilitate their                Braunkohlekraftwerke und die Vernachlässigung
 repurposing – indeed, for the sake of repurposing?                    der historischen Bausubstanz während der DDR
      Görlitz is by no means an isolated example                       hatten Görlitz zu einer grauen Stadt mit desolatem
 of an urban centre in an economically and infra­                      Baubestand werden lassen. Die Aufbruchstimmung
 structurally underdeveloped region. Yet it can serve                  der Nachwendezeit hinterließ sichtbare Spuren des
 as a clear example of the conflict between historic                   Erfolges, ganze Straßenzüge wurden durchsaniert,
 preservation and the necessity for development, and                   scheinbar dem Verlust preisgegebene Objekte konn-
 the approaches being sought to resolve that conflict.                 ten gerettet werden.
                                                                           Dabei lag der Fokus vor der Jahrtausendwende
                                                                       auf der Sanierung der ältesten Stadtteile wie Alt-
                                                                       stadt und Nikolaivorstadt sowie dem Zentrum1. In
                                                                       den 2000er und 2010er Jahren weiteten sich die Sa-
                                                                       nierungsgebiete auf die Gründerzeitquartiere aus.

Tobias Panke, Substanzaufgabe als Stadtentwicklung. Aktueller Nutzungsdruck im geschlossenen Gründerzeitquartier, in: Herold, Raabe (Hrsg.),
Erhaltung. Akteure – Interessen – Utopien, Heidelberg: arthistoricum.net 2021, S. 31-37, https://doi.org/10.11588/arthistoricum.694.c12181
Substanzaufgabe als Stadtentwicklung
32   Substanzaufgabe als Stadtentwicklung                                                               Tobias Panke

     Vor allem der Deutschen Stiftung Denkmalschutz          Altstadt noch die Gründerzeitquartiere als Sach-
     (DSD) ist es zu verdanken, dass Millionenbeträ-         gesamtheit im Sinne des Gesetzes deklariert. Hier
     ge in die Sanierung der historischen Bausubs-           klafft offensichtlich eine Lücke zwischen dem me-
     tanz flossen, gleichwohl führte dies auch zu einer      dial Tradierten und der Realität. Ist ein Superlativ
     medialen Aufmerksamkeit. So titelte Welt.de am          erst einmal im Umlauf, ist es schwer ihn mit dem
     17. April 2015: „Der Gründer der Deutschen Stif-        Tatsächlichen in Einklang zu bringen.
     tung Denkmalschutz, Gottfried Kiesow, nannte                 Görlitz wird also als historisch überlieferte, na-
     Görlitz die ‚schönste Stadt Deutschlands‘ und un-       hezu unzerstörte Stadt vermarktet. Ein ästhetisches
     terstützte die Bürger bei der Sanierung ihrer Häu-      Gesamtensemble, ein Kunstwerk. Dabei treten
     ser.“2                                                  einzelne Highlights wie die Art-Déco-Turnhalle
          Aber auch eine bis 2016 jährlich erfolgte Spen-    (1926), die Neue Synagoge (Lossow und Kühne,
     de, die sogenannte Altstadtmillion, sorgte für regel-   1911) und das Jugendstilkaufhaus (Carl Schmanns,
     mäßige überregionale Beachtung. Das durch eine          1913) zurück. An der Ästhetisierung historischer
     Stiftung verwaltete Geld war explizit für denk-         Bausubstanz war auch die amtliche Denkmalpflege
     malpflegerische Maßnahmen bestimmt. Hierdurch           nicht unbeteiligt. Der perforative Ansatz der sächsi-
     konnten gezielt aufwendige Methoden durchge-            schen Denkmalpflege sorgte vor allem in den Nach-
     führt, herausragende Details restauriert und he-        wendejahren für Rückbauten ganzer Zeitschichten.
     rausfordernde Projekte umgesetzt werden. Die            Die kurze zeitliche Distanz führte zum Verschwin-
     Wandlung vom vernachlässigten grauen Städtchen          den von DDR-Ladeneinbauten in gründerzeitlichen
     am Rande der Republik zu einem architektonischen        Gebäuden etwa auf der Hauptgeschäftsstraße, der
     Kleinod mündete in Leistungsschauen wie Das             Berliner Straße. Aber auch barocke Überformungen
     Wunder der Görlitzer Altstadtmillion (Ausstellung       an den Kaufmannshöfen wurden zugunsten der
     und Publikation, 2017), Görlitz – Auferstehung eines    ästhetisch bevorzugten Zeitphase der Renaissan-
     Denkmals (Ausstellung und Publikation, 2017) und        ce zurückgebaut. So verschwanden Stuckdecken,
     Fernsehbeiträgen beispielsweise Görlitz – Schatzt-      Portale und Wandoberflächen aus dem 18. Jahrhun-
     ruhe der Geschichte (ZDF, 2016).                        dert. Neben der Denkmalpflege unterstützte auch
          Auch das Marketing der Stadt hat dieses Pfund      die Stadtbildgestaltung diesen Prozess. So wurde
     für sich entdeckt und wirbt auf seiner Webseite mit     beispielsweise in der Altstadt ein Großteil DDR-zeit-
     dem architektonischen Schatz der Stadt: „Wer Gör-       licher Straßenlaternen durch Gaslaternenimitate
     litz besucht wird augenblicklich zum Zeitreisenden.     ersetzt. Das Image Görlitz als schöne, unzerstörte
     Denn auf wenigen hundert Metern lassen sich hier        Stadt basiert daher nicht auf der Marketingstrategie
     Schätze aus mehr als einem halben Jahrtausend           einer Werbeagentur, sondern ist das Resultat eines
     europäischer Architekturgeschichte entdecken.           Prozesses. Spannend dabei ist, dass ihr touristi-
     Mit Bauwerken aus Spätgotik, der Renaissance, des       sches Image hauptsachlich auf Architektur aufbaut,
     Barocks und des Jugendstils gilt Görlitz heute als      und hierbei durch die Fixierung auf das Gesamtbild
     städtebauliches Gesamtkunstwerk.“3                      „Stadt“ Architektur auch für ein fachfremdes Publi-
          Dabei haben sich in vielen Beiträgen Unsauber-     kum touristisch erschlossen werden kann.
     keiten eingeschliffen. Oft ist von 4.000 Einzeldenk-
     malen (nach aktueller Zählung sind es ca. 3.200)        Die schrumpfende Stadt
     und Deutschlands größtem Flächendenkmal die             Mit der industriellen Revolution wuchs auch Gör-
     Rede. So titelte Welt.de am 07.07.2003 „Rund 3.500      litz zu einer bevölkerungsreichen Stadt an. Hatte
     Gebäude stehen in Görlitz unter Denkmalschutz,          sie 1850 noch 20.000 Einwohner*innen, waren es
     zusammen bilden sie das größte zusammenhän-             in den 1930er um die 95.000 Einwohner*innen.
     gende Flächendenkmal in Deutschland.“4 Woher            Aufgrund von Flüchtlingsströmen erreichte der
     die Denkmalanzahl entnommen ist, lässt sich nicht       deutsche Teil der nun geteilten Stadt 1945 eine
     mehr ermitteln. Auch der Begriff des Flächendenk-       Bevölkerungszahl von ca. 100.000 und erlangte
     mals scheint nicht mehr aus dem Orbit eingefangen       dadurch kurzzeitig den Großstadtstatus. Die nun
     werden zu können. Optisch stellen die kartierten        entstandene dezentrale Lage in der DDR, aber auch
     Denkmale in der Summe eine Fläche dar, doch ein         der in allen Industrienationen vorhandene Trend
     Flächendenkmal kennt das sächsische Denkmal-            der die Sterberate unterschreitenden Geburtenrate
     schutzgesetz nicht. Auch sind weder die Görlitzer       sorgten in Görlitz für einen Bevölkerungsrückgang
Substanzaufgabe als Stadtentwicklung
Tobias Panke                                                               Substanzaufgabe als Stadtentwicklung   33

in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. So pe-      das heißt das Ausufern weiterer Einfamilienhaus-
gelte sich die Einwohnerzahl um das Jahr 2010 auf       siedlungen muss auch politisch und mehrheitlich
ca. 55.000 ein. Seit 2015 ist die Bevölkerung auf       abgelehnt werden. Allerdings muss derzeit jeder
57.000 Bewohner*innen gestiegen.                        Wohnungsneubau mit mehr als drei Wohneinheiten
                                                        vom Stadtrat freigegeben werden.
Innerstädtische Migrationsbewegungen                         Leidtragende dieser Migrationsbewegungen
Die Ablehnung des Sozialismus gegenüber der grün-       sind die Gründerzeitquartiere. Derzeit stehen in
derzeitlichen Stadt als Repräsentation des kapitalis-   Görlitz ca. 7.000 Wohnungen leer. Betroffen sind
tischen 19. Jahrhunderts, fehlende Finanzmittel und     vornehmlich die Innenstadt West und der südliche
schließlich auch der noch nicht erkannte zukünfti-      Teil der Innenstadt. Bei einem Gesamtwohnungsbe-
ge Bevölkerungsschwund sorgten zu DDR-Zeiten für        stand von etwa 32.000 Wohneinheiten entspricht
die Entstehung neuer Wohnquartiere an den Rand-         dies etwa einem Leerstand von 22 Prozent.5 Die
lagen der Stadt. Zunächst wurden in den Stadtteilen     Folgen sind unübersehbar. Der jahrzehntelange
Weinhübel (ab 1956) im Süden, Rauschwalde (ab           Nutzungsausfall sorgt gleichsam für nachlassen-
1975) im Südwesten und schließlich in Königshufen       den Bauunterhalt. Dabei folgt die Schädigung der
(1978–1987) im Norden Großwohnsiedlungen mit            Objekte dem typischen Verfallsmuster: Mängel in
typisierten Wohnblöcken (IW 64, WBS 70) erreich-        der Dachhaut oder Dachentwässerung führen zum
tet. Somit kam es zu einer ersten innerstädtischen      Eindringen von Regenwasser, was hölzerne Bauteile
Migrationsbewegung: Die Menschen verließen die          wie Dachstuhl und Zwischendecken beeinträchtigt.
Häuser der innerstädtischen Lagen und zogen an die      Diese lösen sich durch den mit der Feuchtigkeit
Stadtränder. Den mit allen Annehmlichkeiten (Zen-       einhergehenden biogenen Befall auf und verlieren
tralheizung, Licht, Luft) ausgestatteten Neubauten      schließlich ihre das Gebäude aussteifende Wirkung.
hatten die vernachlässigten und unmodernisierten        Derzeit sind etwa 160 Gebäude in ihrem Erhalt ge-
Altbauten nichts entgegenzusetzen.                      fährdet, davon 70 akut. Mitarbeiter des Amtes für
     Nach 1990 setzte ein doppelter Trend ein: Ka-      Stadtentwicklung kontrollieren regelmäßig den Zu-
pitalgewinn, Individualisierung und staatliche För-     stand dieser Objekte.
dermittel halfen der Bevölkerung Wohneigentum
zu erwerben. So entschieden sich einige Görlitzer,      Folgen für gründerzeitliche Kulturdenkmale
verfallene Gebäude in der Altstadt zu erwerben und      Die Wohnbebauung der Görlitzer Gründerzeit
zu privaten Wohnhäusern umzunutzen. In erster           zeichnet sich durch mehrere Aspekte aus. Das brei-
Linie boten sich kleinere Handwerkerhäuser als          te Spektrum dessen, was an Wohnbauaufgaben ab
Einfamilienhäuser in zentraler Lage an. So ist die      1871 umgesetzt werden musste, ist in Görlitz re-
Nikolaivorstadt mit ihren kleinen Häusern aus dem       präsentativ überliefert. So ist von großbürgerlichen
Spätmittelalter und der Neuzeit das erste Quartier,     Stadtvillen mit Vorgärten, etwa auf der Augusta­
das nach 1990 komplett durchsaniert war. Andere         straße, bis hin zu viergeschossigen Arbeiterhäusern
hingegen erfüllten sich den Traum von der eige-         (Spremberger Straße) jeder Bautyp vertreten. Hinzu
nen Scholle in städtischen Randlagen oder auf dem       kommt, dass durch geringe Schädigungen im Zwei-
Lande. So entstanden ab den 1990er Jahren neue          ten Weltkrieg komplette Straßenzüge und gesam-
Einfamilienhaussiedlungen wie beispielsweise Am         te Quartiere durchgehend von gründerzeitlicher
Stockborn oder in Rauschwalde und lösten somit          Blockrandbebauung geprägt sind. Bebauung aus
eine zweite innerstädtische Migrationswelle aus.        den Zwischen- und Nachkriegsjahren unterbricht
     Trotz Nachhaltigkeitsdebatten, Verkehrspro-        die geschlossenen Straßenzüge nicht. Darüber hi-
blemen und dem anzweifelbaren Sinn in struk-            naus sorgte die Vernachlässigung der Gebäude für
turschwachen Regionen Neubauten als Kapitalan-          die unberührte Überlieferung ihrer Ausstattung. So
lage zu implementieren, ist der Wunsch nach dem         weisen vor allem die bis heute unsanierten Objek-
Eigen­heim auf der grünen Wiese in Görlitz ein an-      te die Ausstattung ihrer Erbauungszeit auf: Öfen,
haltender Trend. Ohne das komplette Stadtgebiet         Gasleitungen, Ausmalungen, Böden, Stuckdecken,
mit Bebauungsplänen zu belegen, die Neubauten           Türen und Fenster sind seit mehr als hundert Jah-
grundsätzlich ausschließen, ist dieser Trend kaum       ren unverändert vorzufinden. Die hohe künstleri-
aufzuhalten. Dabei müssen Bebauungspläne vom            sche Qualität, die allen Gründerzeitbauten gemein
Stadtrat bzw. seinen Gremien genehmigt werden,          ist, zeugen von dem hohen Anspruch und Reichtum
Substanzaufgabe als Stadtentwicklung
34                   Substanzaufgabe als Stadtentwicklung                                                                Tobias Panke

                     einer aufstrebenden Stadt des ausgehenden 19. Jahr-         nen. Stattdessen wurde beispielsweise der Stadtteil
                     hunderts. Selbst die Fassaden der Arbeiterhäuser            Königshufen bis in die 2010er Jahre aufgewertet.
                     sind reich mit Stuckdekor überzogen. Ungestaltete,          Die Bauten des Typs WBS 70 wurden umfangreich
                     zurückhaltende Fassaden existieren nicht. Selbst            saniert und mit Aufzügen ausgestattet; um das Ge-
                     die Hauseingänge sind in diesen Objekten kunstvoll          biet besser an die Innenstadt anzubinden, erfolgte
                     gestaltet.                                                  der Bau einer zusätzlichen Straßenbahntrasse. Ziel
                         Somit ist ein Großteil der Görlitzer Gründerzeit-       des kommunalen Großvermieters KommWohnen
                     bebauung Kulturdenkmal im Sinne des sächsischen             (ehem. Wohnungsbaugesellschaft Görlitz) ist der
                     Denkmalschutzgesetzes. Der Denkmalwert der                  Transformationsprozess zu einer durchgrünten,
                     gründerzeitlichen Wohnbebauung ist in den frühen            kleinteiligen „Gartenstadt“.6
                     1990er Jahren erkannt worden. Dabei handelt es                   Dadurch ist der Konkurrenzdruck auf die in-
                     sich nicht um Sachgesamtheiten, sondern stets um            nerstädtischen Gründerzeitwohnungen enorm ge-
                     Einzelkulturdenkmale. Damit haben die genann-               stiegen, der gesamtstädtische Wohnraum nur wenig
                     ten Quartiere einen Denkmalbestand von bis zu               reduziert und der Erhalt der randständigen Viertel
                     100 Prozent (Abb. 1). Der Objektverfall wird daher          manifestiert worden. Ein weiterer Rückbau dieser
                     nicht nur zum städtebaulichen Problem, sondern pri-         Stadtgebiete ist derzeit weder wirtschaftlich noch
                     mär zu einem denkmalschutzrechtlichen. Die ent-             politisch umsetzbar.
                     scheidende und aktuelle Fragestellung der Stadtent-
                     wicklung in Görlitz ist daher, wie die leerstehenden        Ideen und Akteure
                     Objekte wieder einer Nutzung zuzuführen sind.               Somit bleiben nur die Möglichkeiten des freien
                                                                                 Marktes, die Gründerzeitgebäude mit Leben zu fül-
                     Die Aufwertung der Ränder als misslungener                  len, wobei bei einem Leerstand von einem Fünftel
                     Stadtumbau                                                  des Gesamtwohnungsbestandes ein Wohnungs-
                     Auch die Großwohnsiedlungen der 1950er bis                  markt als nicht mehr funktionierend betrachtet
                     1980er Jahre verloren durch Abwanderung und in-             werden muss. Daher scheint es nur naheliegend,
                     nerstädtische Migration nach 1990 Einwohner*in-             zur Aktivierung der Gründerzeitquartiere ande-
                     nen. Die seitens der Stadtverwaltung aufgekom-              re Nutzungen als Wohnnutzungen zuzulassen. Es
                     mene Idee, sich großflächig von ganzen Quartieren           gilt Funktionen, die bisher die Randlagen erfüllt
                     innerhalb dieser Siedlungen zu trennen, das heißt           haben, in die Stadt zurückzuholen. Aufgrund der
                     einen Totalabbruch der äußeren Blöcke durchzufüh-           hohen Denkmaldichte können diese Funktionen al-
                     ren, konnte nicht umgesetzt werden. Hierzu waren            lerdings nicht durch Neubauten erfüllt werden, da
                     die Großvermieter als Eigentümer nicht zu gewin-            schlichtweg kein Raum zur Verfügung steht. Bau-

Abb. 1: Görlitz, Innenstadt West, Denkmalkartierung mit rot markierten Einzeldenkmalen (Stand Februar 2020).
Tobias Panke                                                                   Substanzaufgabe als Stadtentwicklung                35

lich einfach umzusetzende Nutzungsänderungen
spielen hierbei eine untergeordnete Rolle – Büro-
oder Praxisräume lassen sich einfach und ohne gro-
ße bauliche Veränderungen in ein gründerzeitliches
Wohnhaus integrieren.
     Durch die städtische Überalterung ist betreu-
tes und seniorengerechtes Wohnen stark nachge-
fragt. Normierungen durch den Gesetzgeber und
Fördermittelgeber (beispielsweise der Sächsischen
Aufbaubank oder der KfW) sind im Denkmal ohne
hohen Substanzverlust nur schwer umzusetzen.
     So entschied sich das städtische Wohnungsun-
ternehmen KommWohnen zum Erwerb und Umbau
der Leipziger Straße 19, 20 und 20a. Es handelt            Abb. 2: Leipziger Straße 19, 20, 20a (April 2016).
sich hierbei um drei repräsentative, viergeschossige
Gebäude mit aufwendigem Dekor, Figurennischen
und Balkonen (Abb. 2). Während das Eckgebäude
(20a) schwer geschädigt war, wiesen Nummer 19
und 20 nur wenige Schäden auf. So war sämtliche
baufeste Ausstattung erhalten geblieben. Neben der
historistischen Erstausstattung (Türen, Geländer,
Böden) hatte sich auch eine Art-Déco-Ausmalung
der 1920er Jahre erhalten.7
     KommWohnen titelte im Bautagebuch ihrer
Website am 16.04.2019 Leipziger Straße 19/20/20a.
Baustart fürs nächste Gründerzeitprojekt: „[…] In der
Leipziger Straße 19, 20 und 20a starten die Bauar-
beiten für unser nächstes großes Projekt. In den drei
benachbarten Gebäuden entstehen seniorengerech-
te Wohnungen in unterschiedlichen Größen. Dafür            Abb. 3: Leipziger Straße 20, Deckenausmalung in der Durchfahrt aus der Zeit
werden die Häuser miteinander verbunden [...].             der letzten Jahrhundertwende bzw. der 1920er Jahre (vor Herbst 2019).
Dadurch kann ein Aufzug alle drei Gebäude er-
schließen. Die Wohnungen werden barrierearm              dran. Auch sie werden nach historischem Vorbild er-
sein, bodengleiche Duschen und große Balkone ha-         neuert. Schließlich stehen die Häuser unter Denk-
ben. An den Straßenseiten werden die historischen        malschutz.“9
Balkone der Häuser Nummer 19 und 20 wiederher-
gestellt. Das Projekt ist aus der Richtlinie Senioren-   Wie kann ein derart grober, eben nicht pfleglicher
gerechtes Wohnen finanziell gefördert. […] Wie es        Umgang mit Kulturdenkmalen erklärt werden?
aktuell in den Häusern aussieht und welche Spuren
die früheren Mieter hinterlassen haben, zeigen fol-      1. Nicht die Nutzung orientiert sich am Bestand,
gende Fotos:“8 (Abb. 3). Von den erwähnten Spuren           sondern der Bestand wird der Nutzung unter-
der Vormieter hat sich indes nichts erhalten. Beson-        worfen. Die massiven Eingriffe sind im Eckge-
ders stark wurde das mittlere Gebäude (Nr. 20) we-          bäude vertretbar. So wurden hier die Zwischen-
gen des einzubringenden Aufzuges entkernt. Das              decken in Beton ausgeführt, da die bauzeitlichen
kunstvoll gestaltete Treppenhaus ist verschwunden           Decken bereits weggebrochen waren. Die Ein-
(Abb. 4). Doch auch restaurierungsfähige Bauteile,          griffe in den anderen beiden Gebäuden führen
wie die Balkone an der Front, werden ausgetauscht.          zu unwiederbringlichen Substanzverlusten und
Hierzu hat der Eigentümer seine eigene Interpre-            negieren den Charakter des Kulturdenkmals.
tation denkmalpflegerischen Handelns: „An Haus-          2. Als wirtschaftlich potentester Vermieter sieht
nummer 20 sind die alten Balkone im Moment noch             sich der Großvermieter als einziges Unterneh-
36                   Substanzaufgabe als Stadtentwicklung                                                             Tobias Panke

                                                                             Probleme
                                                                             Dieses Agieren zieht denkmalrechtliche und denk-
                                                                             maltheoretische Fragestellungen nach sich:

                                                                             Vorbildwirkung
                                                                             Wie verhält es sich mit der Vorbildwirkung, wenn
                                                                             die städtische Wohnungsbaugesellschaft bei glei-
                                                                             chen Sachverhalten, sprich gleichartigen Gebäuden,
                                                                             anders agiert als man es einem weniger potenten
                                                                             Investor zubilligen würde?

                                                                             Umkehrung der Werte
                                                                             Ist es vertretbar, dass die Umnutzung eines Kul-
                                                                             turdenkmals sich ausschließlich an den neuen
                                                                             Nutzungsanforderungen orientiert? Ist der Aus-
                                                                             handlungsprozess aller am Bau Beteiligten somit
                                                                             hinfällig?

                                                                             Denkmalwert
                                                                             Wie sind solche Objekte nach ihrem Substanzver-
                                                                             lust zu bewerten? Kann einem entkernten Grün-
                                                                             derzeitgebäude dieselbe Wertzuweisung anheim
                                                                             kommen, wie einem vorbildlich sanierten? Eine Ka-
                                                                             tegorisierung der Kulturdenkmale kennt das säch-
                                                                             sische Denkmalschutzgesetz nicht. Kann ein aus-
                                                                             gehöhltes Objekt überhaupt noch Kulturdenkmal
                                                                             bleiben? Oder sollten die im inneren aufgelösten
                                                                             Objekte somit rein auf ihren städtebaulichen Wert
                                                                             reduziert werden?

Abb. 4: Leipziger Straße 20 (November 2019).                                 Fassade
                                                                             Denkt man die rein städtebaulichen Werte zu
                        men im Stande, Großprojekte und Projekte in          Ende, steht die amtliche Denkmalpflege vor einem
                        schwierigen Lagen zu verwirklichen und dadurch       Dilemma. Schließlich ist es primär ihre Aufgabe,
                        auch zusätzliche Fördermittel zu akquirieren.        möglichst viel Substanz zu erhalten. Eine reine Fas-
                     3. Es entsteht die Erwartungshaltung, dem Investor      sadendenkmalpflege ist nicht Ziel denkmalpflegeri-
                        größere Spielräume zu eröffnen mit dem finalen       schen Handelns. So war und ist es das Credo der
                        Ziel der Kostenersparnis. Denkmalpflegerische        Stadt, dass sich das, was außen sichtbar ist, auch
                        Auflagen werden als Kostentreiber gesehen.           im Inneren fortsetzt. Damit stehen die gründerzeit-
                     4. Von KommWohnen als kommunaler Wohnungs-              lichen Gebäude in der praktischen Betreuung im
                        gesellschaft kann der denkmalpflegerische            Widerspruch zu bereits betreuten Objekten und zu
                        Mehraufwand steuerlich nicht geltend gemacht         den anspruchsvoll sanierten Objekten der Altstadt.
                        werden. Somit müssen alle Kosten der Bauauf-
                        wendung selbst und mithilfe von Fördermitteln        Problem der amtlichen Denkmalpflege
                        gestemmt werden.                                     Durch den aus dem Leerstand resultierenden Druck
                                                                             muss sich die städtische Denkmalpflege an der
                     Ein solches Konzept zielt vor allem auf eines ab: weg   Marktfähigkeitsmachung leerstehender Objekte
                     von der Substanzdenkmalpflege hin zur rein städte-      beteiligen. Der Verweis auf das gesetzlich definier-
                     baulichen.                                              te Zumutbare ist hierbei eine nicht durchsetzbare
                                                                             Argumentationsgrundlage. So sind derzeit bereits
                                                                             in den gründerzeitlichen Wohngebäuden der Stadt
Tobias Panke                                                                          Substanzaufgabe als Stadtentwicklung    37

einige Standards der Denkmalpflege unterschritten               bringt nichts, wenn zu Geschäften, ÖPNV und öf-
und werden somit, sofern sie dennoch eingehalten                fentlichen Institutionen keine Verbindung besteht.
werden, seitens der Eigentümer als Entgegenkom-                 Als ein reines Schlafquartier kann ein Gründerzeit-
men betrachtet. Dazu zählen: Wiederverwenden                    viertel nicht funktionieren. Um dies umzusetzen,
bauzeitlicher Dachdeckung, Aufarbeitung der bau-                bedarf es vor allem dreier Dinge: eine kooperative
zeitlichen Fenster, Fußbodenaufarbeitung bzw. ma-               Arbeit mit allen Akteuren, Geld und politischen
terialgerechte Ergänzungen, Putzsanierung außen                 Willen.
und innen. Was bedeutete dies für die städtische
Behörde? Können wir bei weiterer Reduzierung der                Aktuelle Lösungsansätze
Standards die Qualität der Görlitzer Denkmalpflege              Städtebaulich und denkmalpflegerisch bedeutet je-
halten? Oder müssen wir unsere allgemeingültigen                des abgängige Gebäude einen unwiederbringlichen
Ansprüche reduzieren? Sicher ist, dass wir noch                 Verlust an Stadtprägung, Substanz, Information
mehr für die Qualitäten der Gründerzeit werben                  und schließlich Identität. Da bei den meisten dieser
müssen. Wie sind Mieter und Investoren davon zu                 Immobilien die Eigentümerschaft nicht geklärt ist
überzeugen, dass Dielen hochwertiger sind als La-               oder es sich um zahlungsunfähige Eigentümer han-
minat und dass Stuck besser ist als Raufasertape-               delt, muss die Stadt im Zuge von Ersatzmaßnahmen
te. Und kann dies als Marktvorteil kommuniziert                 zunehmend den Erhalt dieser Gebäude gewährleis-
werden? Wie sich aktuell zeigt, haben es auch die               ten. Dies stellt eine wachsende personelle und mas-
qualitativ minder sanierten Wohnungen der 1990er                sive haushälterische Belastung dar.
und 2000er Jahre schwer auf dem Wohnungsmarkt.                       Der Freistaat Sachsen hat nun ein Modellpro-
Vermehrt erreichen die kommunale Denkmalpflege                  jekt mit einigen sächsischen Städten ins Leben ge-
Anfragen, die genau die Qualitäten der gründerzeit-             rufen, bei dem ausgewiesene Objekte durch Zuwen-
lichen Wohnungen erfragen. Der gänzlich falsche                 dungen des Landes gesichert werden sollen. Görlitz
Ansatz ist es, die Schuld für das Nichtfunktionieren            ist eine dieser Städte.
ganzer Quartiere am Leerstand des Kulturdenkmals
festzumachen. Ein Objekt, egal ob rudimentär oder
hochwertig saniert, muss infrastrukturell ins Quar-
tier und somit in die Stadt eingebunden sein. Es

                                                                5   Ergebnis der Wohnraumzählung des Amtes für Stadtent-
Abbildungsnachweis                                                  wicklung 2017.
1   https://denkmalliste.denkmalpflege.sachsen.de               6   http://kommwohnen.de/pages/posts/projekt-tu-dres-
    (01.02.2020).                                                   den-gartenstadt-koenigshufen-139.php (20.02.2020).
2–4 https://kommwohnen.de (01.02.2020).                         7   Etliche Hauseingänge und Treppenhäuser der Görlitzer
                                                                    Gründerzeitgebäude sind um 1900 ein erstes Mal und in
Anmerkungen                                                         den 1920er ein zweites Mal farblich neu gefasst worden.
                                                                    Eine wissenschaftliche Erfassung ist derzeit noch nicht
1   Durch die Verlegung des Stadtzentrums um den heutigen           erfolgt.
    Demiani-, Marien- und Postplatz in der Mitte des
    19. Jahrhunderts, liegt das Stadtzentrum nicht im Bereich   8   https://kommwohnen.de/pages/posts/
    der Altstadt.                                                   baustart-leipz-192020a-528.php?p=60 (02.01.2020).

2   https://www.welt.de/print/die_welt/article139676312/        9   https://kommwohnen.de/pages/posts/
    Goerlitz-Schoenste-deutsche-Stadt.html (04.01.2020).            balkonplatten-leipz-platz-587.php?p=10&g=4
                                                                    (02.01.2020).
3   https://www.goerlitz.de/Denkmal_Goerlitz.html
    (04.01.2020).
4   https://www.welt.de/print-welt/article244590/
    Goerlitz-Verne-Welt.html (04.01.2020).
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