Teilchenbeschleuniger LHC: Neustart für die Weltmaschine

Die Seite wird erstellt Franziska Hansen
 
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Teilchenbeschleuniger LHC: Neustart für die Weltmaschine
http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/teilchenbeschleuniger-lhc-am-cern-startet-wieder-a-
    1021822.html

    Teilchenbeschleuniger LHC: Neustart für die
    Weltmaschine
    Eine Multimedia-Reportage von Christoph Seidler, Martin Sümening und Thies Schnack

    Anderthalb Jahre lang stand der mächtigste Teilchenbeschleuniger der Welt still -
    weil er noch kraftvoller werden sollte. Mit dem Neustart wollen Forscher nun dem
    dunklen Teil des Universums seine Geheimnisse entreißen.

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    Der Einfachheit halber, sagt Gianluigi Arduini, könne man sich das Ganze als eine Art
    Eisenbahnzug vorstellen. Aber selbst das ist gar nicht so simpel - schließlich redet der
    Mann von einem Zug mit 2800 Waggons, von denen jeder einzelne mit 120 Milliarden
    Passagieren besetzt ist. Damit nicht genug: "Die Wagen sind extrem schnell, sie bewegen
    sich mit Lichtgeschwindigkeit", sagt der italienische Physiker. Ab und zu, sagt er in
    Englisch mit melodischem Singsang, stoßen die Wagen zusammen - und dann wird es
    interessant.

    Wer zu Besuch am Europäischen Kernforschungszentrum (Cern) ist, muss sich an derartige
    Vergleiche gewöhnen. Zu weit entfernt von der Alltagswelt ist das, was hier passiert ist -
Teilchenbeschleuniger LHC: Neustart für die Weltmaschine
und bald wieder passieren wird. Nach anderthalb Jahren Wartungspause geht der Large
Hadron Collider (LHC), der mächtigste Teilchenbeschleuniger der Welt, in wenigen Tagen
wieder an die Arbeit. Mit fast dem Doppelten der bisherigen Kollisionsenergie werden dann
die Partikel aufeinander rasen.

Klicken Sie in die interaktive Grafik, um mehr über die Umbauarbeiten zu
erfahren:

CMS
LHCb
ATLAS
ALICE
LHC
2013 haben die Cern-Forscher das langgesuchte Higgs-Boson nachgewiesen - das letzte
Puzzleteil im Standardmodell der Physik. Doch dieses Modell beschreibt nur die sichtbare
Materie, die gerade einmal fünf Prozent des Universums ausmacht. Beim zweiten Lauf des
LHC verfolgen die Forscher nun ein monumentales Ziel: Sie wollen das Universum jenseits
der gewöhnlichen Materie erforschen. Das Higgs-Teilchen soll als Brücke in die Welt von
Dunkler Energie und Dunkler Materie dienen.

Gianluigi Arduini, Chef der Gruppe für Beschleuniger- und Strahlenphysik am Cern, steht
im Kontrollraum, von dem aus der Start vorbereitet wird. Große Fenster geben den Blick
frei auf die unten grünen und oben weißen Gipfel des Jura an der schweizerisch-
französischen Grenze. Doch niemand der gut 30 Mitarbeiter im Raum hat Augen für die
Postkartenlandschaft. Die (vielen) Männer und (nicht ganz so vielen) Frauen starren auf
Computermonitore, telefonieren, diskutieren. Es ist verdammt viel zu tun in den
kommenden Tagen.

Sehen Sie sich im Cern-Kontrollraum um:
Teilchenbeschleuniger LHC: Neustart für die Weltmaschine
Teilchenbeschleuniger LHC: Neustart für die Weltmaschine
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                                                                  Foto: SPIEGEL ONLINE

Vermutlich noch in diesem Monat wird im LHC erst ein Teilchenstrahl angeschaltet, dann
der zweite. Ab Ende Mai sollen dann in einer 27 Kilometer langen Vakuumröhre, die etwa
hundert Meter tief im Boden vergraben ist, Pakete winziger Elementarteilchen mit
ungekannter Wucht aufeinanderprallen.

Wie die Kollisionen zustande kommen, erfahren Sie im Video:
Teilchenbeschleuniger LHC: Neustart für die Weltmaschine
Cern
Im Cern-Kontrollzentrum gibt es vier rote Schalter. Sie erlauben ein blitzschnelles
Abschalten des Strahls, wenn es zu Problemen am LHC kommen sollte. Das gleiche würden
auch zahlreiche Computersysteme automatisch tun, wenn sie unnormale Messewerte
bemerkten. In diesem Fall werden die Protonen aus dem Ring hinausgelenkt und landen in
einem mächtigen Kohlenstoffblock, dem sogenannten beam dump. Dort werden die
Partikel in einer Art kontrolliertem Auffahrunfall abgebremst, sodass sie keinen Schaden
mehr anrichten können.

Geht aber alles glatt, werden die Spuren der Teilchenkollisionen von riesigen Detektoren
aufgezeichnet. Ganze Kaskaden an Partikeln entstehen, die schnell wieder zerfallen. Je
heftiger die Zusammenstöße, desto exotischere Partikel können auftauchen. Deshalb
haben die Cern-Ingenieure den LHC in der planmäßigen Abschaltphase so umgebaut, dass
die Kollisionsenergie um fast die Hälfte von 8 auf 13 Teraelektronenvolt steigen soll.

Im Video: Die Aufrüstung des LHC
Teilchenbeschleuniger LHC: Neustart für die Weltmaschine
Cern
Der Nachweis des Higgs-Bosons hat das Standardmodell der Physik komplett gemacht.
Doch dieses Modell reicht nicht ansatzweise aus, um alle tatsächlichen Beobachtungen im
Universum zu erklären - weil es nur die gewöhnliche Materie berücksichtigt. Die aber
macht nur etwa fünf Prozent des Alls aus. Die weitaus größeren Anteile halten die Dunkle
Materie (rund 27 Prozent) und die Dunkle Energie (etwa 68 Prozent). "Das Standardmodell
beschreibt hervorragend die sichtbare Welt, es lässt aber extrem viele Fragen offen", sagt
Cern-Chef Rolf Heuer.

Bisher hat sich das Standardmodell als ausgesprochen stabil erwiesen, auch wenn die
Forscher nach seinen Grenzen gesucht haben. "Bei einer ganzen Reihe von Messungen
haben wir angefangen, Unstimmigkeiten zu sehen", sagt Johannes Albrecht von der TU
Dortmund, der am LHCb-Experiment arbeitet. Diese Unstimmigkeiten seien aber statistisch
nicht signifikant gewesen.

Mit anderen Worten: Die Forscher brauchen mehr Daten. Der zweite Durchgang am LHC
soll sie nun liefern. Erstens wird es in der Vakuumröhre mehr Kollisionen geben, zweitens
werden dabei schwerere Teilchen erzeugt, die sich in längeren Zerfallsketten in andere
Partikel umwandeln können. So können die Wissenschaftler darauf hoffen, neue und
exotische Bewohner des Teilchenzoos zu finden. "Das Higgs ist die Brücke zur Physik
jenseits des Standardmodells", sagt Rolf Heuer. Nun hoffen die Forscher darauf, diese
Brücke beschreiten zu können.

Im Video verrät der Cern-Chef, was er auf der anderen Seite erwartet:
Teilchenbeschleuniger LHC: Neustart für die Weltmaschine
SPIEGEL ONLINE
Ein wichtiger Erklärungsansatz für die Welt auf der anderen Seite ist die Theorie der
Supersymmetrie, kurz Susy genannt. "Sie ist elegant, fundamental, es passt alles", sagt
Andreas Weiler vom Deutschen Elektronen-Synchrotron (Desy), der auch am Cern forscht.
"Die Supersymmetrie ist auch ein mögliches Modell, um Dunkle Materie zu erklären." Sehr
vereinfacht besagt die Theorie, dass es zu jedem uns bekannten Teilchen noch einen
schwereren Partner gibt. Für das Photon, das Lichtteilchen, wäre das zum Beispiel das
Photino. Für ein Boson das Bosino. Nur hat bisher niemand solche Partikel beobachten
können - auch nicht im ersten Lauf des LHC. Nicht wenige Forscher waren deswegen
enttäuscht.

Jetzt könnte sich das ändern, so hofft man jedenfalls. "Ich erhöhe die Wahrscheinlichkeit,
das Biest zu erzeugen", sagt Rolf Heuer. "Das heißt aber nicht, dass wir es auch finden."
Andere sind da optimistischer. So zitierte die BBC die Physikerin Beate Heinemann vom
Atlas-Teilchendetektor mit der Aussage, dass vielleicht schon im Spätsommer das
sogenannte Gluino entdeckt werden könnte. Das wäre der Superpartner des Gluons, das
die Quarks innerhalb von Protonen und Neutronen zusammenhält.

Das Gluino oder andere Susy-Teilchen ließen sich nicht direkt in den beiden großen
Detektoren am LHC nachweisen, sondern nur über ihre Zerfallsprodukte. Zu diesen könnte
das Neutralino gehören, Superpartner verschiedener Bosonen. Nun sind die bereits
bekannten Neutrinos schon wundersam genug: Elektrisch neutral und mit sehr geringer
Masse sausen sie beinahe ungestört durchs Universum. Das Neutralino, auf das ein
Experiment auf der Internationalen Raumstation bereits Hinweise geliefert hat, wäre noch
geheimnisvoller. Andreas Weiler nennt es einen "Standardkandidaten für das leichteste
Teilchen der Dunklen Materie".

Aber wie findet man das Unbekannte? Die Antwort im Video:
SPIEGEL ONLINE
Der Haken an der Sache mit der Supersymmetrie ist: Niemand weiß, ob es sie wirklich
gibt. "Der Fortschritt ist in der Theorie schneller möglich als im Experiment", sagt Cern-
Chef Heuer. Auch deswegen gibt es viele Modelle der Supersymmetrie, die sich jeweils in
Details unterscheiden. "Es gibt einen Wald an Theorien, darin roden wir nach und nach. Ich
hoffe nur, dass ein paar Bäume stehen bleiben", sagt der Dortmunder Forscher Albrecht.

Mit kleinen Schritten tasten sich die Physiker voran in das unbekannte Land jenseits des
Standardmodells. Es ist ein Land, das sie nicht kennen, für das sie aber viele Landkarten
haben. Nun gilt es herausfinden, welche stimmt. "Wir müssen offen sein, damit uns nichts
durch die Lappen geht", sagt Kerstin Borras vom Desy, die stellvertretende Sprecherin des
CMS-Experiments.

Mehr Eindrücke vom Cern:

Eine Reihe leerer Champagnerflaschen kündet davon, dass man im ersten Durchgang des
LHC bereits recht erfolgreich war: Moët & Chandon, Piper Heidsieck, Bollinger steht auf den
Flaschen, die auf den weißen Schränken am Rand des Kontrollzentrums aufgebaut sind.
Jede von ihnen markiert einen Erfolg beim Betrieb des Beschleunigers. Dabei war alles mit
einem großen Knall losgegangen: Kurz nach dem ersten Start im Jahr 2008 hatte sich ein
Magnet zu stark erwärmt, Heliumleitungen explodierten, 500 Meter des Tunnels wurden
beschädigt. Die Aufräumarbeiten dauerten ein Jahr.

"Es kann immer etwas passieren", sagt Rolf Heuer. Im Gespräch rattert der
Generaldirektor des Cern eine ganze Liste an Verbesserungen herunter, die seine Leute in
den vergangenen Monaten abgearbeitet haben: Im Beschleunigerring wurden 18
gigantische supraleitende Magnete ausgetauscht. Außerdem wurden mehr als zehntausend
elektrische Verbindungen zwischen den Magneten verbessert, unter anderem durch den
Einbau von 27.000 Nebenwiderständen - damit die Magnete bei einem Problem nicht mehr
überhitzen. Im Helium-Kreislauf wurden außerdem 612 Druckentlastungsventile eingebaut,
    um einen erneuten zerstörerischen Gasaustritt zu verhindern. Der Rest ist Hoffen.

    Heuer, seit Januar 2009 Generaldirektor am Cern, gibt sein Amt im kommenden Jahr an
    die Italienerin Fabiola Gianotti ab, die erste Frau an der Spitze des riesigen
    Forschungszentrums. Ist er nicht traurig, da die nächste wissenschaftliche Sensation
    vielleicht schon vor der Tür steht? "Eine wichtige Entdeckung im Leben eines
    Generalsekretärs ist schon gar nicht so schlecht", sagt er.

    Die hat Heuer mit dem Nachweis des Higgs-Bosons gehabt, der 2013 mit dem Nobelpreis
    für Physik belohnt wurde. Die Auszeichnung ging allerdings nicht ans Cern, sondern an die
    Theoretiker Peter Higgs und François Englert, die das Boson fast ein halbes Jahrhundert
    zuvor postuliert hatten. "Ich hätte einen Nobelpreis nicht abgelehnt", sagt Heuer - und
    spricht sich für Änderungen in den Statuten zur Vergabe der Auszeichnung aus. In Zukunft
    sollten auch Organisationen wie das Cern den Preis bekommen können.

    Bis 2035 soll der LHC laufen. Doch was braucht man danach? Eine noch größere und noch
    teurere Anlage? Einen riesigen Ring, wie ihn die Chinesen bauen wollen? Einen
    Linearbeschleuniger, über den man in Japan, aber auch am Cern nachdenkt? Oder einen
    sogenannten Kielfeldbeschleuniger, dessen Anhänger mit den deutlich kompakteren
    Abmaßen einer solcher Anlagen werben? "Es wird einen Push in der Diskussion um neue
    Anlagen geben, wenn wir jetzt etwas Spannendes entdecken", sagt Borras. Dann wird wohl
    auch zu den Champagnerflaschen im Kontrollzentrum noch die eine oder andere
    dazukommen.

    Testen Sie im Quiz, wie gut Sie sich mit Quarks und Higgs-wirklich auskennen:

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