Auswertung der Szene-Umfrage Einleitung - der Wandel in der Schwulen-Community

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Wie tickt die Szene? Befragung der schwulen Community in München 2013

Auswertung der Szene-Umfrage
Einleitung – der Wandel in der Schwulen-Community
Seit einigen Jahren klagen die Wirte der schwulen Szene Münchens darüber, dass immer weniger Gäste in ihre
Lokale kommen und ihr Stammpublikum ausbleibt. Teilweise sind Bars, die vor einigen Jahren nur schwule oder
bisexuelle Männer besucht haben, heute beim heterosexuellen Publikum ebenso beliebt. So entwickelt sich das
bisher vom schwulen Leben dominierte Glockenbachviertel immer mehr zum allgemeinen In-Viertel, das schon
lange nicht mehr das ist, was es für viele schwule Männer einmal war: ein Stück Heimat. Der Wandel in der
Szene ist allgegenwärtig. So hat sich zum Ende des Jahres die ehrenamtliche Gruppe der Vertrauensmänner -
das waren die Streetworker der Münchner Aids-Hilfe und des Schwulenzentrums Sub - aufgelöst, da inzwischen
die meisten alteingesessenen Wohnzimmerkneipen schließen mussten. Ihr letztes Projekt war die Szene-
Umfrage, die wir hier vorstellen.

Die Befragung
Das Projekt Prävention im Sub und die Münchner Aids-Hilfe hatten die Szene-Umfrage initiiert, um den Wandel in
der schwulen Szene zu dokumentieren und um in diesem Zusammenhang auch die Rolle des Internets zu
erfassen. Als Vergleich sollte eine Befragung aus dem Jahr 2000 dienen, die beide Vereine damals im Rahmen
der Aktion „Freundliche Szene“ durchgeführt hatten. Es ging ihnen auch darum, die HIV-Prävention in München
an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Die Vertrauensmänner haben also einen Fragebogen entworfen, der
den Vergleich zur 2000er-Umfrage möglich machte. Die Teilnehmer konnten die Fragen sowohl online als auch in
Papierform1 ausfüllen. Den Internet-Link haben die Verantwortlichen über diverse Mail-Verteiler von Münchner
Party-Betreibern und sozialen Einrichtungen der schwulen Szene verbreitet. Zudem berichtete das
Szenemagazin Leo über die Aktion. Befragungszeitraum war Juli bis Oktober 2013. Insgesamt 774 Männer
haben gültige und auswertbare Fragebögen abgeliefert.2 Da einzelne Teilnehmer die Online-Befragung
abgebrochen haben, ergibt sich bei manchen Fragen eine kleinere Grundgesamtheit.3

Die Befragten der Stichprobe
Die Männer, die die Umfrage erreicht hat, haben eine gewisse Anbindung an die Szene. Schließlich haben
Münchner Aids-Hilfe und Sub die Erhebung auch ausschließlich dort durchgeführt. Männer, die die Szene
überhaupt nicht nutzen, sind deshalb nicht vertreten.

Das Alter der befragten Männer lag zwischen 17 und 74 Jahren.4 Das Durchschnittsalter betrug 38,31 Jahre.5 Es
wurden sechs Altersgruppen gebildet, folgende Tabelle zeigt die Altersverteilung.

1 Der Fragebogen lag im Café des Sub e.V. und in der Münchner Aids-Hilfe an der Anmeldung der Beratungsstelle in Papierform aus,
ebenso am Präventions-Infostand während des Christopher Street Day 2013 und des Hans-Sachs-Straßenfestes 2013.
2 Davon wurden 114 Fragebögen in Papierform abgegeben.
3 Dass manche Teilnehmer den Fragebogen nur unvollständig ausgefüllt haben, hängt sehr wahrscheinlich mit seinem Umfang

zusammen. So manche (sehr ausführliche) Frageteile haben die Teilnehmer ausgelassen. Beim Fragebogen in Papierform kam das nicht
vor.
4 Unterteilt man die Befragten in vier gleich große Teile, ergeben sich folgende Altersspannen der einzelnen Gruppen: 17-29 Jahre, 30-37

Jahre, 38-46 Jahre, 47-74 Jahre.
5 Betrachtet man nur das Alter der Befragten, die den Fragebogen im Café des Sub e.V. oder am Empfang der Münchner Aids-Hilfe e.V.

abgegeben haben, ergibt sich ein Durchschnitt von 43,9 Jahren.
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Wie tickt die Szene? Befragung der schwulen Community in München 2013

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                         30,6 %
                         n=199
                                      25,4 %
    30%
                                      n=165
                                                   18,9 %
            15,8 %                                 n=123
    20%     n=103
                                                                                              Alter (n=650)
                                                                6,3 %
    10%                                                         n=41         2,9 %
                                                                             n=19

    0%
             Bis 25      26-35        36-45        46-55        56-65 Über 65

Über 80% der Befragten haben ihren Wohnort in München.

                                                        Wohnort
    100%

                      80,6 %
    80%

    60%

                                                                                                    Wohnort (n=671)
    40%

                                                 14,2 %
    20%
                                                                            5,2 %
     0%
                   München                     Umland                    Anderswo

Wie auch im Jahr 2000 war das Bildungsniveau der Befragten erstaunlich hoch. Rund 70% haben eine
Hochschulreife oder einen Hochschulabschluss.6

6Der Umfang des Fragebogens und die Dauer der Befragung könnten ein Grund dafür sein, dass überwiegend Leute mit hohem
Bildungsniveau das Formular ausgefüllt haben.
                                                                                                                         2
Wie tickt die Szene? Befragung der schwulen Community in München 2013

                                               Bildungsabschluss
    50%     46,1 %

    40%

    30%
                           23,8 %
                                          19,2 %
    20%
                                                                                                             Jahr 2013 (n=577)
    10%                                                   6,4 %                          4,5 %               Jahr 2000
                                                                            0
     0%

Mit dem hohen Bildungsabschluss geht ein hohes Einkommen einher. Mehr als 45% der Befragten haben ein
Netto-Einkommen von mehr als 2000 Euro.7

                                                   Nettoeinkommen
    35%
                          29,7%
    30%                                                      27,2%
    25%                                      23,2%

    20%     17,9%                     17,5%                                  17,7%
                                                                    15,6%
                   13,0%                                                                                 Jahr 2013 (n=576)
    15%                           12,7%              12,5%
                                                                                                         Jahr 2000 (n=401)
    10%                                                                             6,8%
                                                                                            6,2%
    5%
    0%
               Über       2000 bis 1500 bis 1000 bis Unter Keine
              3000€        3000 € 2000 € 1500 € 1000 € Antwort

Die Frage nach dem Beziehungsstatus zeigt eine bekannte Tendenz. Etwa die Hälfte der Befragten lebt in einer
Beziehung, die andere Hälfte bilden Singles.8 Im Vergleich zum Ergebnis aus dem Jahr 2000 wäre es
interessant, zu untersuchen, ob schwule Männer aufgrund des rechtlichen und gesellschaftlichen Wandels in
unserer Gesellschaft heute treuer sind.

7 Im Vergleich zwischen den Jahren 2000 und 2013 haben wir das Durchschnittseinkommen nicht um die Inflation korrigiert. Das
Durchschnittseinkommen der Befragten im Jahr 2000 lag bei 1.563,70 € (Umrechnungsfaktor 1,956 von DM in €). Das
Durchschnittseinkommen im Jahr 2013 liegt bei 2.089,85 €. Dies entspricht einer Steigerung von 33,65% (526,15 €).
8 Vgl. Michael Bochow, Axel J. Schmidt, Stefanie Grote: Schwule Männer und HIV/Aids: Lebensstile, Szene, Sex 2007 - eine Befragung im

Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Köln. AIDS-Forum DAH, Bd. 55, Berlin 2010.
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Wie tickt die Szene? Befragung der schwulen Community in München 2013

                       Hast Du eine feste Beziehung zu einem Mann?
 60%
                   52,6%
           49,1%
 50%

 40%
                               28,5%
 30%                                                    24,5%
                                     19,8%                                               Jahr 2013 (n=650)
                                                18,3%
 20%
                                                                                         Jahr 2000 (n=401)
 10%                                                               4,2%     3,2%
   0%
               Nein          Ja, ohne Sex Ja, mit Sex Keine Antwort
                            außerhalb der außerhalb der
                              Beziehung     Beziehung

In der aktuellen Umfrage haben wir weniger Männer erreicht, die angeben, HIV-positiv zu sein. Diese Anzahl ist
zu gering, um sie mit den Angaben aus dem Jahr 2000 vergleichen zu können. Jedoch ist auffällig, dass mehr
Befragte aussagen, ihren HIV-Status zu kennen und damit weniger Männer ungetestet sind. Das spricht für die
positive Wirkung unserer laufenden Testkampagnen. Jeder Mann, der Sex mit Männern hat, sollte sich
idealerweise einmal im Jahr auf HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen testen lassen, um seine
Restrisiken abzuklären. Im Jahr 2000 war die HIV-Infektion erst seit ein paar Jahren behandelbar; seitdem ist ein
positives HIV-Testergebnis - überspitzt formuliert - kein Todesurteil mehr. In den vergangenen Jahren haben wir
viele Kampagnen lanciert, die zum regelmäßigen HIV-Test motivieren. Das Wissen über den eigenen HIV-Status
kann Spätfolgen der Infektion verhindern.

                                                 HIV-Status
 80%
                               69,7%
 70%
 60%
                                        52,1%
 50%
 40%                                                                                     Jahr 2013 (n=572)
                 27,9%                                                                   Jahr 2000 (n=401)
 30%
           15,0%                                      16,5%
 20%
                                             10,5%
 10%                                                               4,6% 3,5%

   0%
            ungetestet       HIV-negativ        HIV-positiv Keine Antwort

Außerdem haben wir gefragt, wie die Teilnehmer selbst ihre Sexualität definieren. Demnach haben
hauptsächlich schwule und bisexuelle Männer an der Umfrage teilgenommen. Den weitergefassten Begriff
„Queer“ haben aber auch ein paar Männer gewählt.
                                                                                                                4
Wie tickt die Szene? Befragung der schwulen Community in München 2013

                                     Selbstdefinition: Sexualität
 100%
                      90,7%
   80%

   60%

   40%
                                                                                 Selbstdefinition (n=654)
   20%
                           5,0%         2,0%                     1,2%
                                                    1,1%
    0%

Ergebnis 1: Offenheit mit der eigenen Sexualität
Neben dem Wandel in der Szene hat uns interessiert, wie die Befragten mit ihrer Sexualität umgehen. Dazu
haben wir den Kreis der Personen erhoben, die sich geoutet haben. Außerdem haben wir untersucht, wie sich
der Freundeskreis der Teilnehmer zusammensetzt und wie zufrieden die Leute mit sich selbst sind.

Beim Thema Outing wurde deutlich, dass die befragten schwulen Männer sehr offen mit ihrer Sexualität
umgehen. Fast 75% geben an, dass sie bei allen oder den meisten Familienmitgliedern geoutet sind. Im
Freundskreis ist dieser Prozentsatz noch höher – was nicht verwunderlich ist, da sich die meisten Menschen für
gewöhnlich einen homogenen Freundeskreis suchen. Im Bekanntenkreis und im beruflichen Umfeld zeigt sich
außerdem eine hohe Anzahl geouteter Männer.

               Wer weiß, dass Du schwul/bisexuell/trans* bist? (n=657)
 100%
                                    1,4%
                                    4,0%              4,6%
   90%           7,6%                                                   12,6%
                 5,5%               5,8%              6,5%
   80%           7,5%              16,1%              16,3%             11,6%
   70%                                                                                      Keine Antwort
                19,9%                                                   17,0%               Keiner
   60%
   50%                                                31,0%                                 Die wenigsten
   40%                                                                  25,1%               Einige
                                   68,0%
   30%          54,6%                                                                       Die meisten
   20%                                                36,2%                                 Alle
                                                                        28,3%
   10%
    0%
                Familie           Freunde          Bekannte        Berufl. Umfeld

                                                                                                                 5
Wie tickt die Szene? Befragung der schwulen Community in München 2013

Weil an der Aktion zu wenige Ältere teilgenommen haben, beschränken wir den Vergleich der Altersgruppen in
Bezug auf das Outing auf die Altersgruppen bis 55 Jahre.

               Bei "allen" bzw. "den meisten" geoutet nach Altersgruppen
    100%                                                 94,20%
                  85,3%           87,90%
                                                         83,9%              88,00%
    80%                                 79,4%
                                                                            79,3%
              63,5%
    60%                                                                                     ...geoutet in Familie
                                                                                            …im Freundeskreis
    40%                                                                                     …bei Bekannten
                                                                                            …im beruflichen Umfeld
    20%

     0%
                 Bis 25           26-35             36-45            46-55

Es zeigt sich, dass die bis 25-Jährigen in allen Bereichen - bis auf den eigenen Freundeskreis - weniger geoutet
sind als alle anderen Gruppen. Es scheint also immer noch eine gewisse Zeit zu dauern, bis die Jüngeren ganz
zu ihrer Sexualität stehen. Die Abfrage zur Konstellation des Freundeskreises zeigt folgende Graphik:9

                   Wie setzt sich Dein engerer Freundeskreis zusammen?
    50%                           47,5%
                                          41,9%
                    37,9%
    40%
               29,0%
    30%
    20%
                                                    12,7% 12,5%
    10%                                                                 6,0% 7,0%          4,8%                  Jahr 2013
                                                                                                  0,7%
     0%                                                                                                          (n=669)

                                                                                                                 Jahr 2000
                                                                                                                 (n=401)

Im Vergleich mit den Prozentwerten aus dem Jahr 2000 wird deutlich, dass die Freundeskreise durchlässiger
werden und offener sind als damals. Weniger Befragte haben hauptsächlich schwule Freunde; mehr haben einen
gleichermaßen schwulen/heterosexuellen Freundeskreis.

9Die Kategorien waren „Überwiegend schwule Männer“, „Schwul & hetero gleichermaßen“, „Frauen & nichtschwule Männer“, „Keinen
engeren Freundeskreis“ und „Keine Antwort“ – Für die graphische Darstellung haben wir Abkürzungen verwendet.
                                                                                                                               6
Wie tickt die Szene? Befragung der schwulen Community in München 2013

Die Befragten sind zudem meist glücklich und zufrieden mit ihrem Leben. Wir haben auch untersucht, wie
frustriert die Leute sind und nach dem Wunsch gefragt, „hetero“ sein zu wollen, um die positiven Aussagen im
Umkehrschluss bestätigen zu können. Nachstehende Graphik macht das deutlich:

               Wie geht's Dir als schwuler/bisexueller oder trans*Mann? (n=579)
 100%
               2,30%             2,40%
               13,8%             10,0%
  80%
                                                  44,7%
                                34,90%                                               Keine Antwort
  60%         37,30%
                                                                   72,90%            Stimme gar nicht zu

  40%                                                                                Stimme eher nicht zu
                                                  29,9%                              Stimme eher zu
                                47,00%
  20%         40,20%                                                                 Stimme voll zu
                                                 13,30%            10,5%
                                                                   4,80%
    0%                                            4,70%            4,00%
            Bin glücklich    Bin zufrieden    Bin frustriert    Wäre lieber
                                                                 hetero

Ergebnis 2: Szene wirkt sozialer
Betrachtet man das Ausgehverhalten der befragten Männer im Vergleich zum Jahr 2000 wird sichtbar, dass die
Leute in der Szene seltener unterwegs sind als vor 13 Jahren. Das gilt zumindest dann, wenn man ausschließlich
die Kategorie „Häufige Besuche“ heranzieht:

            Besuch von Szene-Orten in den vergangenen 12 Monaten
                (Vergleich der Zustimmung zu "Häufige Besuche")
   80%                  72,0%

   60%
                    49,9%
           39,0%                           37,0%
   40%
                                  27,0%                22,9%
                              22,3%     21,2%
   20%
                                                     4,2%      5,1% 11,2%
                                                                        2,1%             Jahr 2013 (n=633)
     0%                                                                                  Jahr 2000 (n=401)

                                                                                                               7
Wie tickt die Szene? Befragung der schwulen Community in München 2013

Sowohl die Erhebung aus dem Jahr 2000 als auch die aktuelle haben die gleichen Besuchsfrequenzen
abgefragt.10 In der Kategorie „Häufige Besuche“ gibt es wie gesagt deutliche Unterschiede zu früher, allen voran
bei den Saunas. Nimmt man indes die Kategorie „Gelegentlichen Besuche“ hinzu, zeigt sich, dass immer noch
sehr viele Männer ausgehen, jedoch nicht mehr ganz so häufig wie noch im Jahr 2000. Das könnte ein Grund
dafür sein, dass einige Lokale schließen mussten. Fakt ist jedoch, dass der Hauptteil der schwulen Männer
ausgeht und auch vor Ort für die HIV-Prävention erreicht werden kann.

 Häufigkeit Besuch von                                                 Häufige       Häufige
 Lokalen in den vergangenen                                            Nutzung       Nutzung
 12 Monaten
 n=633
                  täglich oder            Nur am         Mehr-              Jahr          Jahr Ge-              Über-        Keine
                  mehrmals                Wochen-        mals im            2013          2000 legen-           haupt        Ant-
                  wöchentlich             ende           Monat                                 tlich            nicht        wort

 Gayfriendly                   9,16%         7,27%         22,59%        39,02%           -         41,07%       13,11%      6,79%
 Schwule Lokale               13,43%        11,69%         24,80%        49,92%           72,%      36,97%        7,90%      5,21%
 Schwule Disko/                3,48%        10,11%          8,69%        22,27%           27,%      40,13%       30,81%      6,79%
 Club/
 Party
 Schwule                        7,42%         1,90%        11,85%        21,17%           37,%      24,64%       47,87%      6,32%
 Gruppen-                                                                                *11 %
 angebote/
 Vereine
 Schwule Sauna                  0,63%         0,79%         3,00%         4,42%         *22,9%      24,96%       64,30%      6,32%
 Pornokino                      0,63%         0,79%         1,58%         3,00%                     11,53%       78,67%      6,79%
 Klappen/Parks                  1,90%         0,00%         3,16%         5,06%          11,2%      13,74%       74,88%      6,32%
  (Cruising)
 Sexparty                       0,16%         0,47%         1,58%         2,21%           -           8,21%      82,94%      6,64%
 (kommerziell)
 Sexparty (privat)              0,63%         0,63%         0,79%         2,05%           -           8,37%      82,78%      6,79%
*Der Besuch schwuler Gruppen wurde im Jahr 2000 separat abgefragt. Dass damals sehr viel mehr Männer in die Sauna gegangen sind,
liegt sehr wahrscheinlich daran, dass die Befragung (in Papierform) im Jahr 2000 auch in den Münchner Männer-Saunen auslag.

Bleibt die Frage, wie schwule Männer in der Münchner Szene ausgehen. Die Teilnehmer der aktuellen Umfrage
geben an, sich eher mit Freunden und Bekannten zu treffen als alleine aufzubrechen. Das liegt zum einen daran,
dass es heutzutage viel weniger Stammkneipen und Bars mit Wohnzimmercharakter gibt. In der Vergangenheit
konnte man(n) beruhigt alleine ausgehen; in den Stammkneipen fanden sich Freunde und Bekannte von selbst
ein. Alleine ausgehen – das hieß früher auch, auf der Suche nach Sex zu sein. Heute spielt hier das Internet die
Hauptrolle.

10Die Vergleichszahlen setzen sich aus den Kategorien rechts davon („Täglich“/„Mehrmals wöchentlich“, „Nur am Wochenende“,
„Mehrmals im Monat“) zusammen.
                                                                                                                                   8
Wie tickt die Szene? Befragung der schwulen Community in München 2013

                                 Gehst Du eher alleine oder mit anderen aus?
     60%                                 53,6%
     50%
                                                                      42,6%
     40%
                                                              31,1%
                                                  29,2%
     30%                 26,7%
                                                                                                                 Jahr 2013 (n=618)
     20%
               11,8%
                                                                                                                 Jahr 2000 (n=401)
     10%                                                                               3,6% 1,5%
       0%
                 Eher alleine             Eher    Sowohl aus Keine Antwort
                                     zusammen mit   auch
                                        anderen

Ausgehen wird also sozialer. Das zeigen die Antworten der Leute, wenn wir sie nach ihren Ausgeh-Intentionen
fragen. Wir haben gleichzeitig erhoben, welche Absicht schwule Männer in München anderen schwulen Männern
unterstellen, die in die Szene gehen. Denn die Ansichten über die anderen spiegeln natürlich ebenso die eigene
Motivation.11 Sehr klar wird der Unterschied zwischen unterstellter und eigener Absicht bei der
Antwortmöglichkeit „Einen Sexpartner finden“. Sex suchen demnach hauptsächlich die anderen, selten man(n)
selbst.

                                        Vergleich der Absichten beim Szenebesuch
                                          – Direkte & indirekte Abfrage (n=625)
          100%                                  91,0% 87,7%
                                  78,7% 82,6%                     77,4%
            80%                              77,6%
                                                        69,8%       61,6%
            60%                                             68,2%
                   38,6% 36,6% 35,5%
            40%
            20%                                                                                         Mehrzahl der Schwulen
             0%                                                                                         Du selbst

Die folgende Tabelle zeigt im Detail: Im Vergleich zum Jahr 2000 wird die schwule Szene heute deutlich sozialer
wahrgenommen; Sex spielt eine geringere Rolle. Die Absicht, einen Lebens- oder Sexpartner zu finden, hat im

11   Die abgefragte Absicht der anderen ist die projizierte eigene Absicht und als ehrlichere Antwort zu verstehen.
                                                                                                                                     9
Wie tickt die Szene? Befragung der schwulen Community in München 2013

Vergleich zu früher abgenommen. Mehr Zustimmung fanden in unserer aktuellen Befragung die rein sozialen
Absichten.12

 Übersicht der                     Was erwartet die Mehrzahl der                     Was erwartest Du vom Ausgehen?
 Zustimmungen in %                 Schwulen vom Ausgehen?

                                   2013                     2000                     2013                     2000

 Festen                            38,6 %                   58,0 %                   36,6 %                   40,9 %
 Freund/Lebenspartner
 finden

 Einen Sexpartner finden           78,7 %                   88,7 %                   35,5 %                   48,1 %

 Leute kennenlernen                82,6 %                   65,1 %                   77,6 %                   62,6 %

 Sich mit                          91,0 %                   63,6 %                   87,7 %                   65,3 %
 Freunden/Bekannten
 treffen

 Abschalten                        69,8 %                   27,9 %                   68,2 %                   33,4 %

 Das Gefühl, unter sich            77,4 %                   55,0 %                   61,6 %                   45,9 %
 zu sein

Auch bei nachstehenden Aussagen zeigt sich teilweise, dass die Leute mit der Szene zufriedener sind als früher.
Die negativ assoziierten Aussagen kommen allesamt weniger gut an als noch 2000. Die schwulen Männer
nehmen die Münchner Szene positiver wahr.13

     Positive Aussage                       Zustimmung Jahr 2013                         Zustimmung Jahr 2000

 Ich passe in die Szene                     51,6%                                        53,4%

 Ich fühle mich begehrt                     48,3%                                        54,1%

 Der Kontakt zum                            35,6%                                        49,2%
 Barmann/Bedienung ist mir
 wichtig
 Ich fühle mich beim Ausgehen               72,2%                                        58,0%
 entspannt
 Bedienungen in der Regel                   82,7%                                        84,3%
 freundlich
 Mir ist egal, was andere von mir           51,3%                                        --
 denken
 Die Menschen sind freundlich               70,6%                                        61,8%

12 Nachstehend haben wir die Antworten „Stimme voll zu“ und „Stimme eher zu“ zusammengefasst. Bei den Altersgruppen gibt es keine
großen Unterschiede.
13 Die erste Tabelle enthält die positiven Aussagen, die zweite Tabelle die negativen.

                                                                                                                                    10
Wie tickt die Szene? Befragung der schwulen Community in München 2013

 Ich kann mich so geben wie ich     76,0%                                 73,2%
 bin
 Ich genieße die lockere            65,5%                                 62,6%
 Stimmung in der Szene
 Szene ist ein Stück Heimat         43,1%                                 50,1%

 Ich spüre dort Solidarität         46,7%                                 45,5%

 Ich finde in der Regel, was ich    35,7%                                 39,0%
 suche
 Szene ist mir wichtig              52,4%                                 72,5%

 Negative Aussage                   Zustimmung Jahr 2013                  Zustimmung Jahr 2000
 Ohne (Party-)Drogen läuft nichts   9,5%                                  --
 Ohne Alkohol läuft nichts          36,9%                                 33,5%
 Umgang der Leute miteinander ist   34,0%                                 46,8%
 schlecht

 Habe Angst vor Zurückweisung       43,1%                                 54,2%
 Versuche, meine                    34,7%                                 45,0%
 Gefühle/Bedürfnisse nicht zu
 zeigen
 Habe Angst vor Zurückweisung       43,1%                                 54,2%
 Jemanden anzusprechen ist          57,4%                                 60,2%
 schwierig
 Niemand beachtet mich              20,9%                                 22,8%
 Die anderen wirken meist           50,8%                                 62,8%
 arrogant und oberflächlich

 Jeder beobachtet einen             42,9%                                 51,4%
 Wichtig ist, dass mich andere      41,0%                                 51,4%
 männlich finden
 Aussehen ist das Wichtigste in     61,7%                                 74,3%
 der Szene
 Mit über 40 hat man nichts mehr    19,9%                                 28,1%
 in der Szene zu suchen

 Nach dem Sex kennt einen keiner    36,9%                                 51,8%
 mehr
 Anonymität ist mir wichtig         19,9%                                 --
 Gehe öfter frustriert nach Hause   27,3%                                 --

Ergebnis 3: Sex- und Partnersuche finden im Netz statt
Zur Abfrage der Internetnutzung unserer Teilnehmer haben wir eigene Aussagen zur Wahl gestellt. Größtenteil
haben wir uns aber auf die Aussagen-Optionen der Studie „Sexualität und Dating 2.0“ von Martin Dannecker und
Richard Lemke aus dem Jahr 2011 gestützt, die wir hier im Folgenden sehen:

                                                                                                          11
Wie tickt die Szene? Befragung der schwulen Community in München 2013

 Ich nutze Online -Plattformen…        Zustimmung                            Keine Zustimmung
 …zum Zeitvertreib.                                                67,8%                                  16,1%
 …um ein Date zu verabreden mit                                    44,2%                                  38,8%
 jemandem, den ich kenne.
 …um jemanden für reale                                            48,9%                                  34,9%
 Verabredungen zu suchen.
 …einfach nur so.                                                  50,7%                                  30,1%
 …um Kontakt mit Freunden zu                                       64,2%                                  18,4%
 halten.
 …um neue Leute im Chat                                            50,2%                                  34,9%
 kennenzulernen.
 …um mich über andere Dinge als                                    48,9%                                  32,9%
 Sex zu unterhalten.
 …um zu entspannen.                                                41,9%                                  39,1%
 …um in Profilen zu stöbern.                                       56,7%                                  25,3%
 …um Freunde zu finden.                                            40,5%                                  39,5%
 …um mich sexuell zu erregen.                                      41,6%                                  41,8%
 …um zu masturbieren.                                              34,1%                                 48,52%
 …um pornographische Bilder                                        41,5%                                  41,7%
 anzusehen.
 …um im Chat mit sexuellen                                         23,0%                                  59,2%
 Phantasien zu spielen.
 …um schnell jemanden für Sex zu                                   25,0%                                  56,7%
 finden.
 …zur sexuellen Befriedigung.                                      28,8%                                  52,8%
 …um eine/n Beziehung/Partner zu                                   32,4%                                  50,2%
 finden.
 …um Sexdates zu                                                   34,2%                                  48,3%
 planen/verabreden.

Tatsächlich decken sich Danneckers Erkenntnisse mit den unsrigen. Das Internet schafft neben der Alltags- eine
Parallelwelt, die viele schwule Männer aus den unterschiedlichsten Gründen nutzen. Beide Welten existieren -
wie in der Gesamtgesellschaft auch - gleichberechtigt nebeneinander. Bei schwulen Männern geht es um soziale
Kontakte, insbesondere aber auch um Sex und Partnersuche. Die Szene selbst wird - wie berichtet - davon
entlastet und deshalb als sozialer wahrgenommen.

Auf die Infrastruktur der Szene hat das Internet freilich auch seine Auswirkungen. 24,4% der Befragten gaben in
unserer Umfrage an, dass sie weniger ausgehen als noch zu der Zeit, als es das Internet nicht gab oder sie es
nicht nutzten. Auch zeigte sich, dass die Umgangsformen im Netz eher schlecht wegkommen (55,7%).

 Szene und Internet nach persönlichem Gefühl                                        Zustimmung 2013

 Zuhause suche ich im Internet weiter.                                               21,8%

 Seit ich online bin, gehe ich weniger aus.                                          24,4%

                                                                                                              12
Wie tickt die Szene? Befragung der schwulen Community in München 2013

 Ich finde im Netz schneller Sex-Partner.                                            36,4%

 Ich komme bei der Sexsuche nicht über Cybersex hinaus.                              13,6%

 Die Umgangsformen im Netz sind schlecht.                                            55,7%

 Ich bin auch online, wenn ich in der Szene unterwegs bin.                           22,2%

 Im Netz passiert doch nie etwas.                                                    27,8%

 Meine Kontakte im Netz sind frustrierend.                                           27,7%

 Internet ist gut, da finde ich, was ich suche.                                      35,9%

 Wenn ich im Netz nichts finde, gehe ich aus.                                        11,2%

Zusammenfassung
Die Szenebefragung 2013 bestätigt einen starken Wandel in der schwulen Szene Münchens. Das macht
zunächst das Ausgehverhalten der Befragten klar. Es zeigt sich, dass die Männer aus anderen Gründen in die
Szene gehen als früher. Vor 13 Jahren war das Thema Sexualität beim Ausgehen noch allgegenwärtig. Schwule
Männer suchten Bars und Lokale auf, um Sex zu haben und/oder einen Partner für eine Beziehung zu finden,
wenn sie dort nicht einfach ihre Freunde getroffen haben. Heute ist das Internet die Plattform für die Suche nach
Sex und Partnerschaft. Das entlastet die Szene, der sexuelle Druck sinkt und die Leute messen rein sozialen
Bedürfnissen viel mehr Bedeutung bei: Freunde und Bekannte treffen, abschalten, das Gefühl, unter sich zu sein
– das ist 2013 angesagt.

Die Münchner Community ist den schwulen Männern nach wie vor wichtig. Auch wenn Ausgehen flexibler
gehandhabt wird: Schwule binden sich seltener an eine Stammkneipe und besuchen an einem Abend
verschiedene Orte. Das so genannte Szenesterben ist also abhängig von der Perspektive. Das beweisen die
Kommentare zu den offenen Fragen, die wir am Ende der Erhebung gestellt haben. Die jüngere Generation
schätzt die Loyalität und die familiäre Atmosphäre in der Community. Es ist genau das, was die ältere Generation
vermisst. Dies liegt wohl daran, dass die Jüngeren die alteingesessene Kneipenszene weniger nutzen und sie
selbst in einer anderen Community leben.

Das Internet spielt dabei keine Nebenrolle. Obwohl schwule Internet-Plattformen häufig nur als wichtige
Vernetzungsform beschrieben werden, um mit Freunden in Kontakt zu bleiben oder weil man(n) gerne „einfach
nur so“ online ist, spielt es die Hauptrolle beim Ausleben der Sexualität und der Partnersuche. Das Internet
gehört heute einfach dazu.

Kontakt und Information:

Sub e.V., Projekt Prävention
Kai Kundrath, Diplom-Soziologe
Müllerstr. 14, 80469 München
Tel: 089/856 34 64-13
E-Mail: kai.kundrath@subonline.org

© Sub e.V., 2013
                                                                                                               13
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