Die Hamburger Sternwarte als Vorschlag für eine Nominierung zum UNESCO-Welterbe - Darstellung der kulturhistorischen Bedeutung, möglicher ...

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Die Hamburger Sternwarte

                             als

Vorschlag für eine Nominierung zum UNESCO-Welterbe

         Darstellung der kulturhistorischen Bedeutung,
                  möglicher Verfahrenswege,
        Vergleichsanalyse und Abschätzung der Chancen

                       Matthias Hünsch

                    Hamburg, Februar 2021

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Zusammenfassung

Die zwischen 1906 und 1912 erbaute Hamburger Sternwarte in Bergedorf ist ein herausragendes
Beispiel für ein astronomisches Observatorium, das für den Übergang von der klassischen
Astronomie zur modernen Astrophysik steht. Sie kann aufgrund ihres Charakters als
Gruppenanlage, ihrer repräsentativen Architektur, ihres vielfältigen Instrumentenbestandes, ihrer
großen Bedeutung für die Entwicklung der astronomischen Wissenschaft wie auch der
Teleskoptechnik und nicht zuletzt aufgrund ihres hervorragenden, originalen Erhaltungszustands
und ihrer authentischen Nutzung als wissenschaftliches Forschungsinstitut diesen Umbruch in fast
einmaliger Weise darstellen. Hierin liegt der außergewöhnliche universelle Wert (OUV) dieser
Stätte.

Zwar hat der Mensch seit Anbeginn den Himmel beobachtet und aus den Erscheinungen und
Bewegungen der Himmelskörper Erkenntnisse gewonnen, doch hat die eigentliche Erforschung des
Universums und Formierung des modernen Weltbildes erst mit der Erfindung des Teleskops vor
rund 400 Jahren begonnen. Seit mehr als 300 Jahren sind Sternwarten die Orte des astronomischen
Erkenntnisgewinns. Mit der Entwicklung der Teleskope gelang zunächst die Messung exakter
Winkel und Positionen. Dies bildete die Grundlage für die genaue Zeit- und Ortsbestimmung, die
u.a. Voraussetzung für die Erschließung der Erde und die Entstehung des weltweiten Handels und
der Schifffahrt war. Umfangreiche Kataloge von Sternpositionen konnten so gewonnen werden. In
der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ermöglichten neue physikalische Techniken (Fotografie,
Photometrie, Spektroskopie) einen neuen Ansatz zur Erforschung der Himmelskörper an sich, ihrer
Zusammensetzung und ihrer Entwicklung. Erst jetzt konnte die Menschheit eine genaue Vorstellung
über die Größe, Struktur und Entwicklung des Weltalls gewinnen. Der Wandel von der klassischen,
winkelmessenden Astronomie zur modernen Astrophysik gegen Ende des 19. Jahrhunderts markiert
so einen bedeutenden Wendepunkt in Bezug auf die Erforschung des Weltalls und somit auch der
Kultur- und Wissenschaftsgeschichte der Menschheit.

Nur sehr wenige Sternwarten auf der Welt können diesen Umbruch dokumentieren. Manche haben
diesen Wandel nicht vollzogen, andere haben die klassische Astronomie völlig aufgegeben oder
sind erst danach entstanden. Viele Sternwarten sind im Laufe der Zeit baulich und instrumentell
stark verändert worden. Mit den genannten Kriterien ist die Hamburger Sternwarte fast einzigartig.

Zwar gibt es bereits einige astronomischen Einträge in der Welterbeliste, die meisten sind jedoch
archäoastronomische Stätten, sehr wenige sind neuzeitliche Sternwarten seit Erfindung des
Teleskops, und diese sind wiederum als Teil eines Ensembles mit einer ganz anderen Begründung
zum Welterbe geworden. Um so erstaunlicher ist es, dass es bisher kein einziges neuzeitliches
optisches Observatorium gibt, das aufgrund seiner Bedeutung für die astronomische Wissenschaft
zum Welterbe ernannt wurde. Sternwarten zählen somit zu einer stark unterrepräsentierten
Kategorie von Stätten in der Welterbeliste.

Grundsätzlich erscheint aus fachlicher Sicht eine Einzelbewerbung der Hamburger Sternwarte
sinnvoll und aussichtsreich. Zwar wird vielfach die Ansicht vertreten, eine serielle Bewerbung sei
aussichtsreicher, doch besteht zumindest fachlich dazu kein Anlass. Die Bedeutung der Hamburger
Sternwarte im Kontext des Wandels zur Astrophysik und somit auch ihr OUV wird nicht durch eine
serielle Nominierung mit einem ähnlichen Observatorium vergrößert. Das Beispiel des
Radioobservatoriums in Jodrell Bank/Großbritannien zeigt, dass auch in jüngerer Zeit eine
Einzelbewerbung aus einem europäischen Staat erfolgreich sein kann.

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Zu den drei näher betrachteten Möglichkeiten einer seriellen Bewerbung kann aus fachlicher Sicht
zusammengefasst werden:
   •   Die Sternwarte in La Plata/Argentinien ist das zur Hamburger Sternwarte am besten
       vergleichbare Observatorium, hat aber ansonsten keine historischen Verbindungen zu
       Hamburg. Der Vorteil wäre politisch-taktischer Art, weil Argentinien in der Welterbeliste
       unterrepräsentiert ist. Auf der anderen Seite steht die Notwendigkeit, die zuständigen Stellen
       in Argentinien von einer seriellen Bewerbung und der Federführung für diesen Antrag zu
       überzeugen. Das hatte sich in der Vergangenheit als schwierig erwiesen, doch bestehen
       inzwischen neue Kontakte dorthin.
   •   Die Observatorien in Kasan/Russische Föderation unterscheiden sich zu stark von der
       Hamburger Sternwarte, und es bestehen auch inhaltlich und historisch keine Verbindungen.
       Auch politisch-taktisch ergeben sich keine Vorteile einer seriellen Bewerbung.
   •   Das ehemalige Astrophysikalische Observatorium Potsdam auf dem Telegrafenberg ist von
       seiner astronomiehistorischen Bedeutung wichtiger als Bergedorf, ist aber hinsichtlich
       Integrität und Authentizität erheblich eingeschränkt. So ist die ursprüngliche
       Instrumentierung nur noch teilweise vorhanden, und die Einrichtungen werden nur noch in
       geringem Maße für die astronomische Wissenschaft genutzt. Inhaltlich und historisch
       ergeben sich Verbindungen durch die beiden großen Repsold-Refraktoren, die
       Spektraldurchmusterung der Eichfelder und die sich z.T. überschneidenden Arbeitsgebiete
       der Forschung.

Daraus ergibt sich, dass eine serielle Bewerbung der Hamburger Sternwarte nur mit La Plata oder
Potsdam in Frage kommt. Die Begründung des OUV müsste dabei allerdings unterschiedlich
vorgenommen werden:
   •   Hamburg allein würde seinen OUV vor allem als herausragendes und besonders gut
       erhaltenes Beispiel aus der Zeit des Umbruchs in noch aktiver Nutzung beziehen.
   •   Hamburg zusammen mit La Plata würde eine Verstärkung des OUV allein durch die
       Verdoppelung der Zahl der Stätten beziehen. Um die politisch-taktischen Vorteile
       auszunutzen, müsste Argentinien die Federführung übernehmen und den Antrag
       formulieren.
   •   Hamburg zusammen mit Potsdam würden den OUV dadurch darstellen, dass sie sich zwar
       voneinander unterscheiden aber gegenseitig ergänzen: Potsdam als erstes
       astrophysikalisches Observatorium der Welt in klassischer Anlageform und
       Instrumentierung mit herausragender Bedeutung und Architektur, aber heute kaum noch
       astrophysikalisch genutzt (wohl aber das Gelände als Wissenschaftspark). Hamburg als
       später entstandenes Observatorium, für beide Zweige der Astronomie konzipiert, in
       moderner Anlageform, umfassender Instrumentierung und repräsentativer Architektur, das
       noch weitgehend original erhalten ist und als Forschungsinstitut genutzt wird.
Im nächsten Schritt wäre zu klären, ob in Argentinien und im Land Brandenburg entsprechende
Bereitschaft bestünde, eine serielle Bewerbung zusammen mit der Hamburger Sternwarte
vorzubereiten. Wenn dies in beiden Fällen nicht der Fall sein sollte, wäre eine Einzelbewerbung der
Hamburger Sternwarte dennoch ein sinnvoller und aussichtsreicher Weg.

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Inhalt

1. Einleitung                                                                  6

2. Der kultur- und wissenschaftshistorische Kontext                            8

3. Sternwarten und astronomische Stätten als kulturgeschichtliche Denkmale     10

4. Geschichte und Besonderheiten der Hamburger Sternwarten                     13

5. Vergleichsanalyse                                                           17
5.1 Sternwarten, die bereits in der Welterbeliste der UNESCO aufgeführt sind   18
5.2 Sternwarten auf nationalen Tentativlisten                                  25
5.3 Andere Sternwarten, die mit der Hamburger Sternwarte vergleichbar sind     32

6. Kritik des Fachbeirates an dem Vorschlag von 2012                           43

7. Verfahren und Chancen einer Bewerbung                                       44
7.1 Begründung des Außergewöhnlichen Universellen Wertes (OUV)                 44
7.2 Mögliche Verfahrenswege einer Welterbe-Nominierung                         46
7.3 Abschätzung der Chancen                                                    49

Literatur und Quellen                                                          51

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1. Einleitung

Als im Jahre 2007 der Vorsitzende des Vorstands der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und
Kuratoriumsmitglied der Deutschen Stiftung Welterbe, Prof. Gottfried Kiesow, die Hamburger
Sternwarte besichtigte, veranlasste ihn dieser Besuch zu dem spontanen Vorschlag, die Stadt
Hamburg möge sich bei der UNESCO um die Eintragung der Sternwarte in die Liste des Welterbes
bewerben. Im Oktober des folgenden Jahres fand in Bergedorf das internationale ICOMOS-
Symposium „Cultural Heritage of Astronomical Observatories (around 1900) – From Classical
Astronomy to Modern Astrophysics“ statt, das die kulturhistorische Bedeutung von Sternwarten im
Kontext des Übergangs von der klassischen Astronomie zur modernen Astrophysik herausarbeiten
sollte. Ein wesentliches Resultat dieser Tagung war die Erkenntnis, dass astronomische Stätten,
namentlich der neuzeitlichen Astronomie seit Erfindung des Teleskops, in der Welterbeliste
unterrepräsentiert sind. Diese Tatsache war auch der UNESCO in das Bewusstsein getreten und
führte bereits 2004 im Verbund mit der Internationalen Astronomischen Union (IAU) zu der
Initiative „Astronomy and World Heritage“. Ein weiteres Resultat war, dass die Hamburger
Sternwarte ein herausragendes Beispiel für eine Sternwarte am Übergang von der klassischen
Astronomie zur modernen Astrophysik darstellt, und sich mit vergleichbaren Observatorien
weltweit messen kann. Ziel des Symposiums war es außerdem, vergleichbare Sternwarten als
potentielle Kooperationspartner für eine serielle Bewerbung zu identifizieren und für eine
Zusammenarbeit zu gewinnen. Als besonders geeignet stellte sich die Sternwarte in La Plata,
Argentinien, heraus.

Am 18. Februar 2010 beauftragte der Hamburgische Senat die Kulturbehörde, einen Anmeldetext
für die deutsche Tentativliste für das UNESCO-Welterbe auszuarbeiten. Im folgenden Jahr erging
der Vorschlag an Argentinien, gemeinsam mit der Hamburger Sternwarte eine serielle
transnationale Bewerbung für die Sternwarte in La Plata zu vorzubereiten. Schon im Februar 2011
bekundete die argentinische Regierung ihren Willen zur Zusammenarbeit, woraufhin im Mai eine
Delegation aus Hamburg die Sternwarte in La Plata besuchte und Kontakte zu den dortigen
Wissenschaftlern und Behörden knüpfte. Eine formale Bewerbung kam jedoch aus verschiedenen
Gründen nicht zustande, unter anderem auch, weil die Sternwarte in La Plata in Argentinien nicht
als Denkmal eingetragen war.

Im August 2012 wurde der Anmeldetext für die Sternwarte bei der Kultusministerkonferenz (KMK)
eingereicht. Neben der Sternwarte hatte Hamburg auch den jüdischen Friedhof in Altona
vorgeschlagen. Nach einer eingehenden Bewertung der insgesamt 31 eingegangenen Vorschläge
der Bundesländer durch einen 11-köpfigen Fachbeirat hat die KMK am 12. Juni 2014 nur neun
Vorschläge für die Aufnahme in die deutsche Tentativliste empfohlen. Darunter war an zweiter
Stelle der jüdische Friedhof in Altona, nicht jedoch die Hamburger Sternwarte. Zwar wurde eine
grundsätzliche Bedeutung der Sternwarte anerkannt und eine serielle Bewerbung zusammen mit La
Plata empfohlen, doch konnte der Fachbeirat das Potential zum OUV1 [...] nicht bestätigen. (siehe
auch Abschnitt 6). Zwar wurde auf Arbeitsebene eine erneute Kontaktaufnahme mit La Plata
vorgenommen, doch hatte sich in der Zwischenzeit die politische und personelle Situation in
Argentinien völlig verändert. Das Land durchlief eine schwere Wirtschaftskrise, und die
Realisierung einer gemeinsamen Welterbe-Bewerbung unter Federführung Argentiniens schien in
weite Ferne gerückt. Somit waren auch in Hamburg die Bemühungen um eine weitere Nominierung
der Sternwarte für das Welterbe auf Eis gelegt. Die 2015 bei der UNESCO eingereichte Bewerbung
für den jüdischen Friedhof wurde im Januar 2018 zurückgezogen, da signalisiert wurde, dass eine

1   OUV – Outstanding Universal Value (außergewöhnlicher universeller Wert); dies ist das entscheidende Kriterium
    für eine Aufnahme in die Welterbeliste.

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nationale Bewerbung (anders als eine serielle transnationale Bewerbung mit den Niederlanden –
Amsterdam und Curacao) voraussichtlich chancenlos wäre.

Im Mai 2018 sprach sich die Bezirksversammlung Bergedorf dafür aus, das Verfahren um eine
Nominierung der Hamburger Sternwarte wieder aufzunehmen und voranzutreiben. Auf die
entsprechende Anfrage des Bezirksamtsleiters antwortete die Kulturbehörde, dass ein erneuter
Vorschlag für die deutsche Tentativliste zu gegebener Zeit erfolgen werde.

Da die ab 2016 erfolgte Fortschreibung der Tentativliste 2024 ausläuft, sprach sich die KMK am
16. Oktober 2019 für die weitere Fortschreibung der Tentativliste aus und forderte die Bundesländer
zur Abgabe neuer Vorschläge auf. Diese müssen bis zum Oktober 2021 eingereicht werden.

Auf ihrer Sitzung am 29.10.2020 hat die Bezirksversammlung Bergedorf einstimmig beschlossen,
der Bezirksamtsleiter möge sich bei der Kulturbehörde und den zuständigen Stellen der Stadt dafür
einsetzen, die Aufnahme der Hamburger Sternwarte auf die deutsche Tentativliste zu betreiben.

Vor diesem Hintergrund ist eine baldige Entscheidung darüber erforderlich, ob die Hansestadt
Hamburg beabsichtigt, die Hamburger Sternwarte erneut der KMK für die deutsche Tentativliste
vorzuschlagen. Dabei ist einerseits die im Abschlussbericht von 2014 geäußerte Kritik zu
berücksichtigen, zum anderen die veränderte Situation hinsichtlich potentieller Partner für eine
serielle Bewerbung. Die Sternwarte La Plata ist inzwischen als Teil eines umfassenden
städtebaulichen Antrags auf die Tentativliste von Argentinien gekommen. Auf der anderen Seite
gibt es seit einiger Zeit Kontakte zur Sternwarte in Kasan/Russische Föderation, die kürzlich
ebenfalls auf die nationale Tentativliste Russlands gesetzt wurde. Es ist somit erforderlich, die
bisherige Begründung des Vorschlags zu überdenken und die möglichen Vergleichsobjekte
eingehend zu studieren. Die verschiedenen Möglichkeiten einer UNESCO-Welterbe-Bewerbung
müssen sorgfältig betrachtet und gegeneinander abgewogen werden, um die Chancen einer
Bewerbung realistisch einzuschätzen. Zu diesem Zweck hat das Denkmalschutzamt Hamburg die
vorliegende Studie in Auftrag gegeben.

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2. Der kultur- und wissenschaftshistorische Kontext

Die kulturgeschichtliche Bedeutung der Sternwarten ist nur zu verstehen, wenn man die Geschichte
der Astronomie näher betrachtet. Diese Entwicklung spiegelt einen bedeutenden Beitrag zur
Kulturgeschichte der Menschheit wider, führte sie doch dazu, dass sich die Menschen über ihre
Stellung im Kosmos bewusst werden konnten.

Zu allen Zeiten haben die Menschen voller Bewunderung und Ehrfurcht in den Himmel geschaut.
Sonne, Mond, Planeten und Sterne waren von allen Teilen der Erde sichtbar. Während die
(Fix-)Sterne unveränderlich schienen, bewegten sich Sonne, Mond und die Planeten durch die
Sternbilder. Aus dem Sonnenstand konnte man die ungefähre Uhrzeit ableiten. Der Anblick des
Sternhimmels und der Sonnenlauf durch die Tierkreissternbilder bildeten den Verlauf der
Jahreszeiten ab, und in den Bewegungen des Mondes und der Planeten erkannte man gewisse
Regelmäßigkeiten. So entstanden die Grundlagen für das Kalenderwesen. Vieles aber, was man am
Himmel sehen konnte, blieb unerklärlich und wurde dem Wirken von Göttern zugeschrieben. Den
ersten Seefahrern fiel zudem auf, dass der Himmelsanblick von verschiedenen Teilen der Erde
unterschiedlich war. Die Sternbilder zeigten die Himmelsrichtungen an und ermöglichten eine
grobe Kursbestimmung für die Schiffe.

Bis in das 16. Jahrhundert glaubten die Menschen, die Erde stünde im Mittelpunkt des Weltalls, und
alle anderen Himmelskörper umkreisten sie. Schon im antiken Griechenland hatte es modernere
Vorstellungen des Weltbildes gegeben, und Eratosthenes hatte mit erstaunlicher Genauigkeit den
Erdumfang bestimmt. Dieses Wissen ging allerdings im Mittelalter in Europa weitgehend verloren,
wurde aber durch die Araber bewahrt. Mit der kopernikanischen Wende 1543 ging das Zeitalter der
Entdeckungen einher. Nunmehr stand die Sonne im Mittelpunkt, und die Planeten einschließlich der
Erde umkreisten sie. Nur der Mond umkreiste als einziger und nächstgelegener Himmelskörper die
Erde. Allerdings blieb dieses Weltbild lange Zeit kontrovers, und erst die Beobachtungen Galileis
mit einem der ersten Teleskope verhalfen dem heliozentrischen Weltbild zum Durchbruch.

Mit der Erfindung des Fernrohrs um 1608 begann eine bis heute andauernde stürmische
Entwicklung in der astronomischen Wissenschaft. Unzählige schwächere Sterne konnten beobachtet
werden, Planeten zeigten Oberflächendetails, Nebelflecke und Sternhaufen wurden erkennbar, und
vor allem die Genauigkeit von Winkelmessungen ließ sich enorm steigern2. Letzteres bildete die
Grundlage für die genaue Orts- und Zeitbestimmung, die zur Hauptaufgabe der Sternwarten im 18.
und 19. Jahrhundert werden sollte. Astronomie hatte zu dieser Zeit eine sehr hohe praktische
Bedeutung, und die Sternwarten waren insbesondere für die Bestimmung und Weiterverbreitung der
genauen Uhrzeit zuständig, die nun auf Sekundenbruchteile genau angegeben werden konnte.
Weitere wichtige Aufgaben waren die Festlegung von genauen Fixpunkten für die Landvermessung
sowie – für die astronomische Navigation in der Seefahrt – die Herausgabe von nautischen
Tafelwerken und die Prüfung von Sextanten und Chronometern. Ohne die genauen astronomischen
Winkelmessungen wäre weder die Erschließung der Erde noch der globale Handel möglich
gewesen. In diesem Zusammenhang entstanden in vielen Sternwarten umfangreiche Sternkataloge.
Von Sternen ließen sich aber nur die Positionen genau bestimmen, über ihre Eigenschaften war
kaum etwas bekannt, denn sie erschienen auch in den größten Teleskopen nur als Lichtpunkte.
Demzufolge bildeten Fernrohre mit genauen Winkelmesseinrichtungen – u.a. Meridiankreise,
Transitinstrumente, Okularmikrometer – die wichtigsten Instrumente der Sternwarten, allesamt mit
Linsenoptiken ausgestattet. Das Spiegelteleskop war ebenfalls bereits im 17. Jahrhundert erfunden
worden, doch verhinderten die technischen Schwierigkeiten mit den schwer handhabbaren
Metallspiegeln zunächst deren Verbreitung.
2   Die Disziplin der exakten Bestimmung von Winkeln und Positionen in der Astronomie wird Astrometrie genannt.

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In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfolgten mehrere Entdeckungen und Erfindungen, die
den Charakter der astronomischen Wissenschaft stark veränderten. Physikalische Methoden hielten
Einzug in die beobachtende Astronomie: Die Fotografie ermöglichte die objektive Dokumentation
der Beobachtungen und ließ bei langen Belichtungszeiten viel schwächere Objekte erkennen als
zuvor. Die Photometrie gestattete die Messung genauer Sternhelligkeiten. Vor allem aber die
Spektroskopie ermöglichte es durch die Aufnahme von Spektren der Objekte, deren physikalische
Eigenschaften – Temperatur, Bewegung in der Sichtlinie, chemische Zusammensetzung u.a. – zu
erforschen. Man konnte nun erheblich mehr über die Himmelskörper in Erfahrung bringen als nur
ihre Position am Himmel. Die Erforschung der Himmelskörper an sich rückte immer mehr ins
Zentrum der Wissenschaft. Parallel dazu verlief die technische Entwicklung dergestalt, dass immer
größere Durchmesser – sowohl für Linsen wie auch für Spiegel – realisierbar wurden. Der
Durchmesser des Objektivs ist die wichtigste Kenngröße eines Teleskops. Je größer der
Durchmesser, desto mehr Licht kann das Teleskop sammeln, desto schwächere Objekte werden
beobachtbar. Auch das Auflösungsvermögen – die Erkennbarkeit feiner Details – steigt mit dem
Objektivdurchmesser, sofern die Luft dafür ausreichend ruhig ist. Linsendurchmesser von mehr als
50 cm wurden etwa ab 1870 erzielbar und erreichten um 1900 mit 102 cm (Yerkes-Obs., USA) ihr
technisch mögliches, wegen der Durchbiegung des Glases bedingtes Maximum. Fast alle großen
Refraktoren sind vor 1930 gebaut worden. Teleskopspiegel aus Metall waren zwar schon im 19.
Jahrhundert bis zu 183 cm Durchmesser gebaut worden, hatten aber gegenüber Linsen gravierende
Nachteile. Sie sind extrem schwer, haben ein geringes Reflexionsvermögen und mussten oft
nachpoliert werden. Andererseits konnten sie, weil rückseitig unterstützt, mit größerem
Durchmesser realisiert werden als Linsen. Glasspiegel mit Silberbeschichtung kamen ab etwa 1870
erstmals zum Einsatz, blieben aber zunächst die Ausnahme. Spiegelteleskope mit mindestens 100
cm Durchmesser gab es gegen Ende des 19. Jahrhunderts nur vereinzelt, doch wuchs ihre Zahl im
20. Jahrhundert stetig an. 1917 setzte der Hooker-Spiegel auf dem Mt. Wilson in den USA mit 254
cm Durchmesser neue Maßstäbe und sollte 30 Jahre lang unübertroffen bleiben.

Allmählich gewannen die Astronomen eine Vorstellung über die Strukturen im Kosmos, die
Eigenschaften und die Entwicklung von Sternen und Galaxien und später auch über die Größe und
Entwicklungsgeschichte des gesamten Universums. Grundfragen der Menschheit, wie nach dem
Alter und dem Ursprung der Welt, konnten erstmals auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt
werden. Zudem beeinflussten die Erkenntnisse der astronomischen Wissenschaft andere Bereiche
des Kulturlebens wie Kunst, Literatur und sogar die Musik.

Dieser Übergang von der klassischen, winkelmessenden Astronomie des 19. Jahrhunderts zur
modernen Astrophysik des 20. Jahrhunderts stellt einen entscheidenden Wendepunkt in der
Kulturgeschichte der Menschheit in Bezug auf die Erforschung des Himmels dar. Er manifestiert
sich in den Sternwarten durch einen Wandel in der Arbeitsweise und der Instrumentierung.
Nunmehr waren lichtstarke, farbreine Optiken und Nachführeinrichtungen für lange
Belichtungszeiten erforderlich. Dies ließ sich mit den Ende des 19. Jahrhunderts aufkommenden
Spiegelteleskopen mit Glasspiegeln großen Durchmessers erheblich besser realisieren als mit den
Linsenoptiken zuvor.

Nach dem Zweiten Weltkrieg spielten die klassischen Aufgaben der Zeit- und Ortsbestimmung nur
noch eine untergeordnete Rolle in der Arbeit der Sternwarten. Heute ist Astronomie
gleichbedeutend mit Astrophysik und stellt praktisch reine Grundlagenforschung dar.

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3. Sternwarten und astronomische Stätten als kulturgeschichtliche Denkmale

Als Sternwarten im weitesten Sinne werden Orte und Einrichtungen bezeichnet, die vor allem oder
ausschließlich der Beobachtung astronomischer Erscheinungen am Himmel dienen. Natürlich kann
grundsätzlich von jedem Punkt der Erde aus der Himmel betrachtet werden, doch ist es unmittelbar
einleuchtend, dass nicht alle Orte gleichermaßen geeignet sind. Eine freie (Rundum-)Sicht
möglichst bis zum Horizont ist dafür ein naheliegendes Kriterium, das zum Beispiel auf Bergen,
Hügeln oder Hochebenen erfüllt ist. Aber auch klimatische Gesichtspunkte (große Zahl klarer
Nächte) und eine möglichst störungsfreie Beobachtung (keine Erschütterungen, kein Streulicht)
spielen eine wichtige Rolle.

In diesem weiten Sinne haben schon die Menschen der Frühzeit geeignete Beobachtungsplätze
gefunden, die heute als archäoastronomische Stätten Beachtung finden. Sie dienten unter anderem
der Bestimmung von Tages- und Jahreszeiten, insbesondere der Ermittelung von Sonnenwenden
und Äquinoktien (Tag- und Nachtgleichen). Beispiele hierfür sind u.a. die Anlagen von Stonehenge
und Avebury in England, Cheomseongdae in Südkorea, Gaocheng (bei Dengfeng, China),
Samarkand (Usbekistan) oder Chichén Itzá in Mexiko, wobei in vielen Fällen nicht eindeutig
geklärt ist, ob diese Stätten wirklich der astronomischen Beobachtung oder vorrangig kultischen
Zwecken dienten. Die Ausrichtung bestimmter architektonischer Merkmale nach ausgezeichneten
Himmelsrichtungen lässt dies jedoch vermuten. Zahlreiche dieser prähistorischen Observatorien
sind bereits in der UNESCO-Liste des Welterbes vertreten, da sie einen bedeutenden Einfluss auf
die Kulturgeschichte ihrer Region hatten.

Im engeren Sinne versteht man unter Sternwarten die baulichen Anlagen zur astronomischen
Beobachtung mit Teleskopen, wobei die Urform mit öffnungsfähigen und drehbaren Dächern schon
auf die Uraniborg von Tycho Brahe im Jahr 1580 und damit noch knapp in die vorteleskopische
Zeit zurückgeht. Im 17. Jahrhundert entstanden die ersten Sternwarten heutiger Prägung (Paris
1672, Greenwich 1675, Berlin 1711), oft noch als Plattformen auf Dächern oder als Türme oder
Anbauten mit hohen Fenstern, und eher selten als eigenständige Gebäude. Mit zunehmender
Verbesserung der Teleskope war allerdings eine solide Fundamentierung ein aufkommendes
Problem, das man besten durch einen stabilen, bis zum Boden durchgehenden und vom übrigen
Gebäude isolierten Pfeiler lösen konnte. Die Sternwartengebäude wurden somit niedriger. Im 18.
Jahrhundert und bis weit in das 19. Jahrhundert hinein entstanden Sternwarten meist als zentrale
Gebäude, oft in klassizistischer Architektur und mit kreuzförmigem oder T- oder U-förmigem, in
Nord-Süd-Richtung ausgerichtetem Grundriss. Als deren markantestes Merkmal stachen die
halbkugelförmigen, gelegentlich auch zylindrischen Kuppeln hervor. Diese Kuppeln waren mit
einem verschließbaren Spalt versehen und drehbar, so dass für das Teleskop eine Ausrichtung in
alle Richtungen und Winkelhöhen möglich war. Andererseits boten sie den empfindlichen
Teleskopen ausreichend Schutz gegen Witterung und andere Störeinflüsse. Zu den ersten
Sternwarten in dieser Bauweise zählen diejenigen von Dunsink (Dublin, 1785), Gotha (Seeberg,
1791), Göttingen (1816), München (1819), Cambridge (1823), Edinburgh (1824) und Berlin (1835).
Mit ausgedehnterem Grundriss und mehreren Kuppeln waren die Sternwarten in Helsinki (1834),
Pulkowo (St. Petersburg, 1839) und Bonn (1845) prägend.

Die strenge Ausrichtung der Sternwartenbauten war vor allem durch die Meridiankreise und
Transitinstrumente vorgegeben, die nur um eine Achse in Nord-Süd-Richtung drehbar waren und
dadurch eine feste Gebäudeorientierung erforderten. Durch einen meistens mit Klappen
verschließbaren Spalt im Dach und in den Wänden war die Beobachtung der Gestirnsdurchgänge
im Meridian möglich. Diese Instrumentengattung ging in seiner neuzeitlichen Form auf den
Hamburger Feinmechaniker und Sternwartengründer Johann Georg Repsold (1770-1830) zurück

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und wurde zum prägenden Element der Sternwarten im 19. Jahrhundert. Mit ihnen ließen sich nicht
nur Gestirnspositionen auf genaueste Weise bestimmen, sie gestatteten vor allem die exakte Zeit-
und Ortsbestimmung, die damals die wichtigste Dienstleistungsaufgabe der Sternwarten war.

Die Anordnung der Teleskope in oder auf einem größeren Gebäude, das auch anderen Zwecken wie
Wohnen, Verwaltung, Bibliothek oder Werkstätten dient und somit auch beheizt ist, hat für die
Beobachtung allerdings einen gravierenden Nachteil: Die aus dem Gebäude aufsteigende warme
Luft vermischt sich mit der kalten Umgebungsluft und führt zu turbulenten Strömungen, die den
Verlauf des einfallenden Lichtes in schneller und erratischer Weise beeinflussen. Die Sternbildchen
flimmern, werden unscharf, feine Details etwa auf Planetenoberflächen sind nicht mehr erkennbar.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts reifte daher die Erkenntnis, die Kuppeln und Teleskope nicht auf
den Dächern bestehender Gebäude sondern als eigenständige Beobachtungsgebäude, möglichst weit
voneinander und von den sonstigen Gebäuden getrennt anzulegen. Solche so genannten
Gruppenanlagen entstanden erstmals in Nizza (1886), La Plata (1894) und Heidelberg-Königstuhl
(1900). Auch die Hamburger Sternwarte (1912) zählt zu den frühesten Gruppenanlagen, die in der
Folge die dominierende Anlageform für neuzeitliche Sternwarten wurde.

Ein weiteres Kriterium in der Entwicklung von Sternwarten ist die Lage. Anfangs meistens noch
mitten in den Städten gelegen, verlagerte man sie mit der zunehmenden Luftverschmutzung durch
Industrie und Verkehr und der Beeinträchtigung durch Streulicht der Straßenbeleuchtung um die
Wende zum 20. Jahrhundert typischerweise in die Vorstädte oder die nähere Umgebung. Dort war
es seinerzeit noch ausreichend dunkel, und die Erreichbarkeit war ebenfalls ein wichtiges Kriterium.
Noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts erkannte man die Vorzüge hoher Berge für die
astronomische Beobachtung, weniger wegen der freien Rundumsicht sondern eher wegen der
ruhigen Luftverhältnisse und den oftmals unterhalb des Gipfels gelegenen Wolken. Die ersten
permanenten Bergobservatorien (Mt. Hamilton – Lick-Obs., USA, 1888; Pic du Midi, Frankreich,
1907) blieben wegen der schwierigen Erreichbarkeit und der harten Bedingungen zunächst die
Ausnahme. Es zeigte sich aber vor allem in Nordamerika, dass klimatisch besser geeignete trockene
Gegenden (Kalifornien, Arizona) wesentlich häufigere und genauere Beobachtungen ermöglichten.
Mit dem fortschreitenden Wachstum der Städte, der Zunahme der allgemeinen Beleuchtung und
den immensen Investitionskosten für große Teleskope rückte die Frage der Effizienz mehr und
mehr in den Vordergrund, so dass für neue Observatorien nach dem Zweiten Weltkrieg andere
Kriterien maßgeblich wurden: Möglichst viele klare Nächte, ruhige Luftverhältnisse, kein
künstliches Streulicht durch Zivilisation, geringer Wasserdampfgehalt für Infrarotbeobachtungen
etc. So entstanden die größten Sternwarten der heutigen Zeit in wenigen, besonders geeigneten
Regionen: der Atacama-Wüste in Chile, im Südwesten der USA und auf hohen Bergen von Inseln
im Ozean wie Hawai‘i und La Palma.

Erfolgte die Beobachtung des Himmels bis in das 20. Jahrhundert hinein ausschließlich im Bereich
des sichtbaren Lichtes, so wurden ab 1930 – beginnend mit dem Bereich der Radiostrahlung –
zunehmend andere Wellenlängenbereiche erschlossen. Erst mit dem Beginn der Weltraumfahrt
gelangen dann auch Beobachtungen im infraroten, ultravioletten, Röntgen- und
Gammastrahlenbereich. Sie bedeuteten einen erneuten riesigen Schub neuer Erkenntnisse und
erforderten eigene, speziell darauf ausgerichtete Forschungsstätten (Radioteleskope,
„Weltraumbahnhöfe“, Bodenstationen etc).

Die Erforschung des Himmels ist seit Anbeginn ein wesentlicher Teil der menschlichen Kultur. Die
Formung des Weltbildes, die Entschlüsselung der Struktur des Kosmos und der Ursprünge der
Himmelskörper und des Lebens zählen unzweifelhaft zu den größten Geistesleistungen der

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Menschheit. Ohne Astronomie hätte es keine Entdeckung ferner Kontinente gegeben. Handel und
Seefahrt, ja viele Aspekte des täglichen Lebens sind – ohne dass es uns bewusst ist – auf die
Erkenntnisse der Astronomie gegründet. Es ist daher unzweifelhaft berechtigt, astronomische
Stätten in das Welterbe der Menschheit aufzunehmen.

Erstaunlicherweise finden sich in der UNESCO-Welterbe-Liste in Bezug auf astronomische Stätten
fast nur prähistorische Stätten. Wie in Abschnitt 5 näher ausgeführt wird, sind gegenwärtig nur vier
neuzeitliche Sternwarten (Pulkovo, Greenwich, Tartu und das Radioobservatorium Jodrell Bank in
Großbritannien) in der Liste vertreten, wobei die ersten beiden Teil eines umfassenden Ensembles
sind, bei denen der Charakter als astronomische Forschungsstätte nicht im Vordergrund steht. Tartu
ist Teil des so genannten „Struve-Bogens“ zur Erdvermessung, der sich vom Nordkap bis zum
Schwarzen Meer erstreckt. Lediglich Jodrell Bank ist als das erste große Radioteleskop ein
Einzelobjekt.

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4. Geschichte und Besonderheiten der Hamburger Sternwarte

Handel und Seefahrt erforderten auch in der Hansestadt Hamburg die Notwendigkeit der genauen
Zeit- und Ortsbestimmung. Auf Initiative des Oberspritzenmeisters Johann Georg Repsold entstand
1825 auf der ehemaligen Bastion Henricus in den aufgelassenen Wallanlagen das Gebäude der
ersten Hamburger Sternwarte, die am 31.10.1833 auf Beschluss der Bürgerschaft im Verbund
mit der Navigationsschule als Staatsinstitut übernommen wurde. Ganz der Tradition verhaftet
bildeten ein Meridiankreis und ein Passageinstrument den Kern der instrumentellen Ausstattung
der Sternwarte. Erst 1867 kam das Äquatorial hinzu, ein Refraktor mit genauen
Winkelmesseinrichtungen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verschlechterten sich die
Beobachtungsbedingen nahe dem Stadtzentrum und dem Hafen so sehr, dass eine Verlegung der
Sternwarte unumgänglich wurde. Von 1906-1912 entstand unter der Leitung des Direktors Richard
Schorr in Bergedorf, ca. 20 km südöstlich des Hamburger Stadtzentrums, eine neue
Sternwartenanlage, die zu den größten und modernsten ihrer Zeit zählte. Modern war vor allem die
Form als Gruppenanlage mit freistehenden Kuppelgebäuden für die einzelnen Teleskope sowie –
davon getrennt – Hauptdienstgebäude, Direktoren- und Beamtenwohnhäusern. Diese Anlageform
wurde in Bergedorf besonders konsequent umgesetzt. So liegen sämtliche Beobachtungsgebäude
östlich der Fahrstraße, die das Sternwartengelände ungefähr in Nord-Süd-Richtung zweiteilt,
während alle Wohn-, Verwaltungs- und sonstige Gebäude westlich der Straße angeordnet sind.

Dem damaligen Zeitgeist entsprechend wurden die Gebäude nach einem Entwurf von Albert Erbe
überwiegend in neobarocken Formen ausgeführt. Das ist besonders am schlossartigen
Hauptdienstgebäude, aber auch an den Kuppelgebäuden des Großen Refraktors, des
Spiegelteleskops, des Lippert-Teleskops sowie des Meridiankreisgebäudes zu erkennen mit vielen
runden Formen, ovalen Fenstern und teilweise Mansardendächern. Demgegenüber wurden das
Direktorenwohnhaus, das Große und kleine Beamtenwohnhaus in etwas schlichterer, aber immer
noch repräsentativer Architektur ausgeführt.

Modern waren aber auch die Instrumente der führenden deutschen Hersteller: Repsold, Steinheil
und Carl Zeiss. Zwar hatte die Sternwarte weiterhin ihre traditionellen Aufgaben des Zeitdienstes zu
erfüllen, doch Schorr hatte von Anbeginn die instrumentelle Ausstattung auch auf die Bedürfnisse
der neu aufkommenden Astrophysik ausgerichtet.

Die klassische Richtung war vor allem durch den neuen Meridiankreis mit 19 cm Öffnung und
230 cm Brennweite repräsentiert, der von der traditionsreichen Hamburger Firma A. Repsold und
Söhne hergestellt wurde. Dieser Hersteller von astronomischen Instrumenten ging auf den Gründer
der Hamburger Sternwarte, J.G. Repsold, zurück und war bis zum Produktionsende 1919 weltweit
einer der führenden Hersteller der mechanischen Teile von Teleskopen und
Winkelmessinstrumenten. Der Meridiankreis fand seine Aufstellung in einem tonnenförmigen Bau
mit zu öffnendem Dach im Südosten des Sternwartengeländes. Jahrzehntelang diente der
Meridiankreis der Bestimmung der genauen Uhrzeit für Hamburg und Norddeutschland. Darüber
hinaus war er an zwei international bedeutsamen Sternkatalogprojekten, dem Zweiten und Dritten
Katalog der Astronomischen Gesellschaft (AGK2 bzw. AGK3) beteiligt. Er lieferte die
Referenzpositionen für die Anhaltsterne in bestimmten Zonen, auf deren Grundlage mit
fotografischen Aufnahmen die Positionen weiterer 200.000 Sterne bestimmt wurden. Nach einer
umfassenden Modernisierung und Umstellung auf automatische Registrierung der Sterndurchgänge
wurde der Meridiankreis 1967 nach Perth/Westaustralien verbracht, um dort bis Mitte der 1980er
Jahre für einen Sternkatalog des Südhimmel die Positionen zu liefern. Um 1990 kam der
Meridiankreis zurück nach Deutschland, allerdings in das Deutsche Museum nach München. Es

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laufen gegenwärtig Verhandlungen mit dem Museum, den Meridiankreis wieder zurück nach
Hamburg zu holen.

Der Große Refraktor mit 60 cm Öffnung und 9 m Brennweite stammt ebenfalls von der Firma
Repsold und wurde mit einem Objektiv der Münchner Firma Steinheil ausgestattet. Später kam ein
zweites, austauschbares Objektiv hinzu, das speziell für die Fotografie konzipiert war. Der Große
Refraktor ist der viertgrößte Refraktor in Deutschland und steht weltweit etwa an 25. Stelle. Nach
dem Potsdamer Refraktor ist es das zweitgrößte noch existierende Repsold-Instrument. Das
Teleskop befindet sich in einer 13 m durchmessenden Kuppel, die ebenso wie die eindrucksvolle
fahrbare Hebebühne von der Firma Zeiss stammt. Aufgrund seiner Linsenoptik zählt der Große
Refraktor technisch gesehen ebenfalls eher noch zu den klassischen Instrumenten, doch wurde er
schon recht bald für astrophysikalische Beobachtungen benutzt, namentlich für die Fotografie und
die Spektroskopie. Nach dem zweiten Weltkrieg diente er vorübergehend der Sonnenbeobachtung
und später der zeitlich hochauflösenden Photometrie. So konnten mit ihm Ende der 1960er Jahre die
Lichtblitze des gerade entdeckten Pulsars im Crabnebel verfolgt werden. Zuletzt diente der Große
Refraktor wieder klassischen Zwecken, nämlich den genauen relativen Positionsbestimmungen von
Sternen für bestimmte Programme. Seit ca. 1990 wird das Teleskop nicht mehr für
wissenschaftliche Zwecke verwendet und dient vornehmlich der Öffentlichkeitsarbeit der
Sternwarte. Eine umfassende Sanierung von Gebäude und Teleskopkuppel wurde von 2015 bis
2020 durchgeführt.

Ebenfalls mit Linsenoptiken ausgestattet, aber von Anfang an für astrophysikalische Anwendungen
vorgesehen war der Lippert-Astrograph, der aufgrund einer Schenkung des wohlhabenden
Hamburger Kaufmanns und Amateurastronomen Eduard Lippert beschafft werden konnte. Dieses
komplett von Zeiss gelieferte Teleskop bestand aus einer Kombination von fünf Teleskopen auf
einer gemeinsamen Montierung, von denen drei für rein fotografische Beobachtungen und zwei zur
erforderlichen Nachführung bei den langen Belichtungszeiten eingesetzt wurden. Das wichtigste
Projekt am Lippert-Astrographen war die Bergedorfer Spektraldurchmusterung, die Bestimmung
der Spektraltypen von rund 173.500 Sternen mit einem Objektivprisma im Rahmen eines
internationalen Programms zur Stellarstatistik (Kapteynsche Eichfelder). Ein weiteres
Forschungsfeld am Lippert-Astrographen waren die veränderlichen Sterne, für die tausende
Fotoplatten belichtet wurden. Außerdem konnten mit dem Teleskop zahlreiche Kometen und
Kleinplaneten entdeckt werden. Der Lippert-Astrograph ist im Laufe der Zeit mehrfach umgebaut
worden. Von seinen ursprünglichen Optiken ist nur noch ein Leit- und ein Sucherfernrohr
installiert. Anstelle der Astrographen befindet sich heute ein 60 cm-Spiegelteleskop auf der
Montierung. Die Astrographenobjektive sind aber noch in der Sammlung der wissenschaftlichen
Geräte der Sternwarte vorhanden. Das Lippert-Teleskop wird seit vielen Jahren vor allem für die
wissenschaftliche Lehre sowie für die Öffentlichkeitsarbeit eingesetzt. Gegenwärtig (2020) wird das
Kuppelgebäude baulich saniert.

Ganz und gar auf die Astrophysik ausgerichtet war das Spiegelteleskop mit 1 m
Spiegeldurchmesser und 3 m Brennweite, das als extrem lichtstarkes Newton-System 1911 von
Zeiss geliefert wurde und seinerzeit das viertgrößte funktionierende Spiegelteleskop der Welt war.
Zudem ist es das erste große Spiegelteleskop von Zeiss. Besonders zukunftsweisend waren die
Arbeiten Walter Baades, der in den 1920er Jahren mit diesem Teleskop veränderliche Sterne,
Kugelsternhaufen und Galaxien aufnahm. Dabei entdeckte er isolierte Sterne im galaktischen Halo
und legte somit die Grundlage seiner Idee der verschiedenen Sternpopulationen, auf der heute
unsere Vorstellungen vom Aufbau und der Entwicklung der Galaxien basieren. Nach dem Krieg
wurde der 1m-Spiegel auf ein Nasmyth-System mit 15 m Brennweite umgebaut und mit einem
Prismenspektrografen ausgestattet. Bis in die 1970er Jahre entstanden so tausende von mittel- und

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hochaufgelösten Sternspektren, die der Untersuchung besonderer Sterntypen dienten. Das Teleskop
ist nahezu im Originalzustand erhalten und wurde vom Förderverein der Sternwarte denkmalgerecht
restauriert.

Von der alten Sternwarte in den Wallanlagen wurde noch das ehemalige Hauptinstrument, das
Äquatorial mit 26 cm Öffnung, sowie das alte Passageinstrument nach Bergedorf verlagert und dort
neu aufgestellt. Das Äquatorial ist noch vorhanden und stellt einen eindrucksvollen Vertreter der
klassischen Astronomie des 19. Jahrhunderts dar.

In den 1920er und 30er Jahren stellte das Wirken des Optikers Bernhard Schmidt auf der
Hamburger Sternwarte ein besonders wichtiges Kapitel dar. Schmidt erfand 1930 ein sog.
komafreies optisches System, das die Schwäche der bisherigen Spiegelteleskope, nur kleine
Gesichtsfelder scharf abbilden zu können, überwand. Der allererste Schmidt-Spiegel mit 36 cm
Öffnung und 48 cm Spiegeldurchmesser ist im Schmidt-Museum der Sternwarte als originales
Ausstellungsstück erhalten. In der Folge entstanden weltweit Schmidt-Teleskope, die tiefe
fotografische Durchmusterungen des Himmels überhaupt erst ermöglichten. 1954 konnte die
Hamburger Sternwarte den damals zweitgrößten Schmidt-Spiegel der Welt auf ihrem Gelände
aufstellen. Dieses lichtempfindliche Teleskop litt allerdings recht bald unter der Aufhellung durch
künstliches Streulicht der Stadt und wurde daher 1975 abgebaut und später auf dem Calar Alto in
Südspanien wieder aufgestellt. An seine Stelle kam das moderne Oskar-Lühning-Teleskop (OLT)
mit 1,20 m Öffnung, das noch heute das drittgrößte Teleskop in Deutschland ist und trotz der
ungünstigen Witterungs- und Streulichtbedingungen weiterhin für die wissenschaftliche Forschung
und Lehre eingesetzt werden kann.

Die zunehmende „Lichtverschmutzung“ des Himmels über der Hamburger Sternwarte führte ab den
1960er Jahren zu einer allmählichen Verlagerung der Beobachtungen an günstiger gelegene
auswärtige Observatorien, namentlich dem Deutsch-Spanischen Astronomischen Zentrum auf dem
Calar Alto in Andalusien und der Europäischen Südsternwarte (ESO) in Chile. Letztere hat
sogar in Hamburg ihre Wurzeln, da der Direktor der Hamburger Sternwarte, Otto Heckmann, 1962
der erste Generaldirektor der ESO wurde. Daneben lieferten Weltraumobservatorien wie das
Hubble Space Telescope, der International Ultraviolet Explorer oder das Röntgenobservatorium
ROSAT u.a. immer mehr Beobachtungsdaten. Die Auswertung der Daten, die Arbeiten der
Theoretischen Astrophysik sowie die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses finden bis
heute auf dem Sternwartengelände in Bergedorf statt. Für die letztere Aufgabe werden auch immer
noch die historischen wie auch die modernen Teleskope genutzt. Seit 1968 ist die Hamburger
Sternwarte ein wissenschaftliches Institut der Universität Hamburg und bildet mit ihrer Arbeit
einen der Forschungsschwerpunkte des Fachbereichs Physik innerhalb der MINT-Fakultät.

Die Anlage der Hamburger Sternwarte auf dem Gojenberg in Bergedorf ist genau zu der Zeit des
Übergangs von der klassischen Astronomie zur modernen Astrophysik entstanden. Durch ihre
Instrumentierung dokumentiert sie diesen Wandel in fast einzigartiger Weise: Die klassische
Richtung mit dem Meridiankreis, dem Äquatorial und dem Großen Refraktor als wichtigste
Vertreter, sowie die Ausrichtung auf die Astrophysik, die durch das 1m-Spiegelteleskop, das
Lippert-Teleskop, den weltersten Schmidt-Spiegel und das moderne Oskar-Lühning-Teleskop
repräsentiert wird. Sie ist eine der ersten Gruppenanlagen, die ab etwa der Jahrhundertwende die
dominierende Bauform moderner Sternwarten werden sollte. Die repräsentative Architektur in
neobarocken Formen sowie die Instrumente sind weitgehend im Originalzustand erhalten
(Kriterium der Integrität). Lediglich das Lippert-Teleskop ist im Laufe der Zeit mehrmals umgebaut
worden. Der Meridiankreis befindet sich zurzeit im Deutschen Museum in München, eine
Rückführung des Instruments nach Hamburg ist geplant.

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Im Unterschied zu vielen anderen Sternwarten in Deutschland und Europa hat die Hamburger
Sternwarte praktisch keine Kriegsschäden erlitten, und auch die Modernisierungen der
Nachkriegszeit sind in eher behutsamer Weise vorgenommen worden. Einzige Neubauten sind das
Kuppelgebäude des Schmidt-Spiegels (heute OLT), das sich gut in das Ensemble der Kuppelbauten
einfügt, sowie das Werkstatt- und das Laborgebäude, die eher in den Randbereichen des Geländes
liegen. Der Charakter des Sternwartenparks ist dadurch in keiner Weise beeinträchtigt worden.
Die Gebäude des Äquatorials, des Meridiankreises, des 1m-Spiegelteleskops sowie in jüngster Zeit
auch die des Großen Refraktors und des Lippert-Teleskops sind ebenso wie das
Hauptdienstgebäude in den vergangenen Jahren mit großem Aufwand denkmalgerecht saniert
worden.

Obwohl die Hamburger Sternwarte weitgehend im Originalzustand erhalten ist und seit 1996 unter
Denkmalschutz steht, beheimatet sie nach wie vor ein aktives, modernes und international
vernetztes Forschungsinstitut mit einer hohen wissenschaftlichen Reputation. Es wird dort nicht nur
aktiv Forschung betrieben, es lässt sich mit dem historischen Instrumentarium auch sehr gut
nachvollziehen, wie die Astronomie in früheren Zeiten gearbeitet hat (Kriterium der Authentizität).

Schließlich sei auch erwähnt, dass die Hamburger Sternwarte in ihrer Geschichte immer wieder
bedeutende Beiträge für die Wissenschaft geleistet hat. Neben der Entdeckung zahlreicher
Kleinplaneten, Kometen und veränderlicher Sterne sind hier vor allem die großen Katalogprojekte
zu nennen: die Zonenunternehmen der Astronomischen Gesellschaft (AG-Kataloge), die
Bergedorfer Spektraldurchmusterung sowie in neuerer Zeit der Hamburg-Quasar-Survey. Auch auf
theoretischem Gebiet hat die Sternwarte bahnbrechende Arbeiten geleistet, wie z.B. die ersten
Computermodelle zur Sternentwicklung oder die Gravitationslinsenforschung. Auf instrumentellem
Gebiet stellt die Erfindung des Schmidt-Spiegels einen Meilenstein dar.

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5. Vergleichsanalyse

Im folgenden werden diejenigen Sternwarten, die entweder bereits in die Welterbeliste der
UNESCO eingetragen sind oder auf nationalen Tentativlisten aufgeführt sind, einer näheren
Betrachtung unterzogen. Des Weiteren werden andere, mit der Hamburger Sternwarte vergleichbare
Objekte betrachtet, die (noch) nicht für das Welterbe vorgeschlagen sind.

Observatorien und astronomische Stätten, die aus der vorteleskopischen Zeit stammen oder niemals
mit optischen Teleskopen ausgestattet waren, werden in der Vergleichsanalyse nicht berücksichtigt.

Für den Vergleich werden hier noch einmal die besonderen Merkmale der Hamburger Sternwarte
hervorgehoben:

   •   Moderne Anlageform als Gruppenanlage mit strikter Trennung der Beobachtungsgebäude
       und sonstiger Gebäude
   •   Lage außerhalb des Stadtzentrums, bezogen auf die Umgebung erhöht
   •   Ausrichtung der instrumentellen Ausstattung und Arbeitsweise auf beide Zweige: a) die
       klassische positionsmessende Astronomie (Astrometrie) und b) die Astrophysik
   •   Errichtung in repräsentativen Architekturformen
   •   Teleskope in verschiedenen Bauformen (Refraktoren und Reflektoren) von namhaften
       Herstellern und in leistungsfähigen Dimensionen vorhanden
   •   Wesentliche Beiträge zur Entwicklung der astronomischen Wissenschaft, insbesondere
       bedeutsame Entdeckungen und Beteiligung an umfangreichen Katalogprojekten
   •   Wegweisende Neuerungen in der Teleskoptechnologie (Erfindung des sog. komafreien
       Spiegelsystems durch Bernhard Schmidt); der welterste Schmidt-Spiegel ist an der
       Hamburger Sternwarte erhalten
   •   Kriterium der Integrität: Sternwarte in wesentlichen Teilen (Baulichkeiten und Instrumente)
       weitgehend original erhalten
   •   Kriterium der Authentizität: Sternwarte in ihrer Funktion stellt Entwicklung der Astronomie
       nachvollziehbar dar und wird als wissenschaftliches Forschungsinstitut genutzt.

In nennenswertem Umfang werden diese Merkmale nur von Sternwarten aus der Zeit zwischen
1850 und 1950 erfüllt. Diese Daten markieren einerseits den ungefähren Beginn der Astrophysik
und andererseits das weitgehende Verschwinden der traditionellen Dienstleistungsaufgaben wie
Zeit- und Ortsbestimmung. In diesem Zeitraum vollziehen die Sternwarten in unterschiedlichem
Maße den Wandel der Astronomie.

Die im Folgenden zum Vergleich herangezogenen Sternwarten werden im Rahmen der oben
genannten Merkmale betrachtet. Dabei werden alle bereits in der Welterbeliste vertretenen
Sternwarten sowie auf nationalen Tentativlisten befindliche Stätten aufgeführt. Darüber hinaus
werden weitere Sternwarten betrachtet, die im Hinblick auf die vorhandenen Merkmale der
Hamburger Sternwarte zumindest ähnlich sind. Sternwartengründungen nach 1950 haben in der
Regel eine rein astrophysikalische Ausrichtung. Sie gelten im Rahmen dieser Vergleichsanalyse
nicht als historisch und werden daher unter den vergleichbaren Sternwarten in Abschnitt 5.3 nicht
berücksichtigt.

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5.1 Sternwarten, die bereits in der UNESCO-Liste des Welterbes aufgeführt sind

Pulkowo, Russland (Ref 540bis)

Das Astronomische Hauptobservatorium Pulkowo befindet sich auf einem Hügel ca. 15 km südlich
des Stadtzentrums von St. Petersburg und wurde 1839 eröffnet. Es zählt seit 1990 als Teil der Stätte
„Historisches Zentrum von St. Petersburg und dazugehörige Gruppen von Monumenten“ zum
Welterbe der UNESCO und ist damit die erste neuzeitliche Sternwarte, die in diese Liste
aufgenommen wurde. Der Schwerpunkt und damit auch der OUV dieser Stätte liegt allerdings in
der städtebaulichen Anlage und seinen zahlreichen Baudenkmälern aus der Zeit vom Barock bis
zum Klassizismus. Auf die Bedeutung der Sternwarte in Pulkowo wird – soweit das aus der
Beschreibung auf der UNESCO-Webseite ersichtlich ist – keinerlei Bezug genommen. Es ist
anzunehmen, dass die Sternwarte allein aufgrund ihrer architektonischen Merkmale als Teil des
Ensembles Historisches St. Petersburg gewertet wird, zumal der Architekt Alexander Pawlowitsch
Brjullow für zahlreiche Bauten in St. Petersburg bekannt ist.

Dessen ungeachtet zählt das Observatorium Pulkowo zu den bedeutendsten Sternwarten des 19.
Jahrhunderts. Sie wurde 1839 auf Initiative des Zaren Nikolaus I. eingerichtet und bestand zunächst
aus einem bemerkenswerten, nach dem Vorbild der Sternwarte von Helsinki errichteten und mit
drei zylindrischen Kuppeln versehenen Zentralgebäude. Dieses war entsprechend den
Himmelsrichtungen ausgerichtet und umfasste zwei Meridiansäle für Transitbeobachtungen und
einen weiteren Saal für Beobachtungen im 1. Vertikal. Die Arbeiten in Pulkowo waren im 19.
Jahrhundert ausschließlich auf die klassischen Aufgaben der Positionsbestimmung von Sternen, des
Zeitdienstes, der Navigation und der Erdvermessung ausgerichtet. Umfangreiche Katalogarbeiten
zu Sternpositionen wurden durchgeführt, darunter Meridianbeobachtungen für den ersten Katalog
der Astronomischen Gesellschaft (AGK1), ferner genaue Bestimmungen der Konstanten von
Aberration, Präzession und Nutation. Das Hauptinstrument war ein 38cm-Refraktor von Merz &
Mahler, der in der mittleren Kuppel aufgestellt und seinerzeit der größte der Welt war. Dieses
Teleskop kam später in das Deutsche Museum nach München, wo es infolge der Bombenangriffe
im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Als erster Direktor wurde Friedrich Georg Wilhelm Struve
berufen, der zuvor die Sternwarte in Dorpat (Tartu) geleitet hatte, und der seine Forschung zu den
Doppelsternen hier fortsetzte. Später (1885) erhielt die Sternwarte Pulkowo einen 76cm-Refraktor,
der in einem separaten Gebäude mit einer achteckigen Kuppel aufgestellt wurde. Das Instrument
stammte von der Hamburger Firma A. Repsold & Söhne und war mit einem Objektiv des
amerikanischen Linsenschleifers Alvan Clark ausgestattet. Es war wiederum seinerzeit – zusammen
mit dem gleich großen Refraktor in Nizza – für knapp drei Jahre der größte Refraktor der Welt. Um
1890 begann in Pulkowo unter dem Direktorat von F. Bredichin der Aufbau einer
astrophysikalischen Abteilung mit einem eigenen Laboratoriumsgebäude. Der Astronom A.
Belopolsky führte spektroskopische Beobachtungen durch und konnte die Radialgeschwindigkeiten
von zahlreichen Sternen bestimmen. Mit einem Zeiss-Astrographen wurde von 1927-1931 ein Teil
der Platten für den AGK2-Katalog aufgenommen, ein Projekt, das in Zusammenarbeit mit den
Sternwarten in Hamburg und Bonn durchgeführt wurde. 1908 übernahm das Pulkowo-
Observatorium eine Privatsternwarte auf der Krim als südliche Außenstelle, in der 1926 ein 1m-
Spiegelteleskop in Betrieb ging.

Während der Belagerung Leningrads durch die deutsche Armee 1941-1944 lag die Sternwarte
direkt in der Frontlinie und wurde durch Artilleriebeschuss und Bombardierungen vollständig
zerstört. Nur einige kleinere Instrumente und Teile der Bibliothek konnten ausgelagert und gerettet
werden, darunter auch das 76cm-Clark-Objektiv des Refraktors. Auch das Teleskop auf der Krim
wurde von deutschen Truppen zerstört. Noch vor Kriegsende wurde der Wiederaufbau des

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Observatoriums beschlossen, das 1954 in nahezu originaler Form wiedereröffnet wurde. Lediglich
die zylindrischen Kuppeln waren durch die typischen halbkugelförmigen ersetzt worden. Anstelle
des zerstörten Refraktors kam 1957 ein aus deutschen Reparationsleistungen gelieferter, von Zeiss
gebauter neuer 65cm-Refraktor zur Aufstellung. Außerdem nahm eine radioastronomische
Abteilung mit mehreren Radioteleskopen ihre Arbeit auf.
Heute ist das Pulkowo-Observatorium immer noch eine aktive Forschungsinstitution, das Kriterium
der Authentizität ist gut erfüllt. Die Gebäude sind allerdings Wiederaufbauten, die Instrumente sind
nur teilweise original erhalten. Zudem ist das Observatorium stark durch den nahegelegenen
internationalen Flughafen von St. Petersburg beeinträchtigt.

Zusammenfassung: Pulkowo lässt sich hinsichtlich seiner Lage, Bedeutung und astronomischer
Forschungshistorie sehr gut mit der Hamburger Sternwarte vergleichen. Die instrumentelle
Ausstattung ist hingegen sehr stark von der klassischen Richtung dominiert, Instrumente für die
Astrophysik fehlen weitgehend, die Anlageform ist eher traditionell und das Kriterium der Integrität
ist nur teilweise erfüllt. Der Status als bereits bestehendes Welterbe fußt nicht auf der Bedeutung als
Stätte der astronomischen Wissenschaft.

Greenwich, Großbritannien (Ref 795)

Das Royal Observatory Greenwich (ROG) bei London dürfte wohl die bekannteste Sternwarte
weltweit sein, was vor allem durch die Lage des Nullmeridians bedingt ist, der durch einen
Meridiankreis des Observatoriums definiert ist. Die mittlere Ortszeit des Nullmeridians ist zugleich
die so genannte Weltzeit (früher Greenwich Mean Time, GMT). Mit Gründungsdatum 1675 ist das
ROG eine der ältesten Sternwarten überhaupt, besteht heute aber nur noch als Museum. Als
wissenschaftliches Institut hat es nach zweimaliger Verlegung seinen Betrieb 1998 eingestellt.

Das Observatorium ist 1997 als Teil der Welterbestätte „Maritmes Greenwich“ in die UNESCO-
Liste des Welterbes aufgenommen worden. Diese Stätte umfasst die gesamte Anlage des Greenwich
Parks einschließlich der dazugehörigen Gebäude, namentlich das ehemalige königliche Schloss
„Queens House“, das Royal Naval College und das National Maritime Museum sowie schließlich
das Old Royal Observatory. Der OUV dieser Stätte wird vorrangig mit der spätbarocken
Architektur der Gebäude und der Anlage des Parks als ein einmaliges Ensemble begründet.
Lediglich im Kriterium (vi) wird auf die Bedeutung des Observatoriums für die Navigation und die
Entwicklung der Astronomie einschließlich der Festlegung des Nullmeridians und der Weltzeit
Bezug genommen.

Das Royal Observatory in Greenwich wurde im Jahre 1675 durch König Charles II. gegründet mit
dem Ziel, die Möglichkeiten der astronomischen Navigation in der Schifffahrt zu verbessern und
insbesondere eine Methode zur genauen Bestimmung des Längengrades herauszufinden. Aus dieser
Zeit stammt der älteste Teil des Observatoriums, das nach dem ersten königlichen Astronomen
benannte Flamsteed House, das von dem berühmten Architekten Christopher Wren entworfen
wurde. In den ersten zwei Jahrhunderten seiner Existenz war das Observatorium ausschließlich mit
den Erfordernissen der Zeitbestimmung und der Navigation befasst. Das Ziel der
Längengradbestimmung war 1766 erreicht, als der erste Nautical Almanac erschien, der seitdem die
dafür notwendigen astronomischen Daten jährlich auflistet. Etwa zur gleichen Zeit wurde das genau
gehende Chronometer von John Harrison erfunden. Die Herausgabe des Jahrbuches erforderte
kontinuierliche Messungen und sicherte somit die weitere Existenz des Observatoriums.

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