Geister der Vergangenheit
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Geister der Vergangenheit | norient.com 31 Oct 2021 11:01:48
Geister der Vergangenheit
by Olaf Karnik
Seit einigen Jahren geistert der Begriff «Hauntology» durch
die britische Musiklandschaft. Damit versucht man die
schillernden Klänge von Elektro-Formationen wie Burial oder
den Sound des Ghost-Box-Labels ästhetisch zu erklären. Es
scheint, als meldete sich hier in alten Klangsignaturen
Unheimliches und Verdrängtes.
«Hauntology» – damit ist weniger ein Genre gemeint als ein Konzept, das die
musikästhetischen Diskurse in Grossbritannien in den letzten Jahren
mitbestimmte. Der Begriff geht zurück auf Jacques Derrida, der in «Marx'
Gespenster» darzulegen versuchte, wie die menschliche Existenz am Anfang
des 21. Jahrhunderts von Geistern der Vergangenheit besessen ist. Als
Beispiel führte Derrida insbesondere den Marxismus an, der den Kapitalismus
auch nach dem Ende des real existierenden Sozialismus noch heimsuche. –
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Seit 2006 wird Derridas Hauntology-Konzept von britischen Pop-
Theoretikern wie Simon Reynolds oder Mark Fisher (alias K-Punk)
thematisiert. Sie beziehen die Idee auf Sounds, wie sie in den Dubstep-
Nocturnes von Burial, den halluzinatorischen Soundscapes von Leyland Kirby
(aka The Caretaker), den psychedelisch verklärten Sample-Songs von
Broadcast oder im retrofuturistischen Sound-Design des Ghost-Box-Labels
zu hören sind.
Gespenstisches Knistern
«Es gab einige Formationen, deren Musik sich im weitesten Sinne als
gespenstisch bezeichnen liess», sagt Mark Fisher. «Am offensichtlichsten
war das beim Label Ghost Box – schon der Name hat ja etwas Geisterhaftes.»
Das Label, das sich auf englische Elektronika zwischen den fünfziger und
siebziger Jahren und ihrem Bezug zur Fernsehästhetik jener Zeit spezialisiert
hat, hinterlasse einen esoterischen Eindruck. Zur gleichen Zeit sei die Gruppe
Mordant Music mit ihrem Album «Dead Air» aufgetaucht, das einige
Ähnlichkeiten mit den Ghost-Box-Veröffentlichungen aufwies. Die grösste
Sache war 2006 indes die Veröffentlichung des ersten Burial-Albums, das
tatsächlich über alle Massen gespenstisch klang. Und es enthielt ein zentrales
klangliches Element, das für hauntologische Musik oft kennzeichnend ist: Das
Knistern alter, gesampleter Vinyl-Schallplatten, im Mix in den Vordergrund
gerückt, wurde zu einem charakteristischen Bestandteil des
Klanguniversums. Wie Mordant Music beschäftigte sich auch Burial mit
Erinnerung und dem Verlust von Zukunft. «Die verlorene Zukunft, die in
Burials Musik betrauert wird, ist jene, die einem in den neunziger Jahren die
Dance-Music versprach – in Jungle, Garage, 2-Step», erklärt Marc Fisher.
Auf dem Blog k-punk.abstractdynamics.org schreibt Fisher, der auch als
kapitalismuskritischer Buchautor in Erscheinung getreten ist, unsere
Gegenwart stehe, was Zukunftsentwürfe betreffe, im Vergleich mit der
Vergangenheit schlecht da. Vielleicht deshalb klingen und knistern die alten
Zukunftsentwürfe im Sound der Hauntology manchmal auch fast etwas
nostalgisch. Nostalgie an sich ist Theoretikern wie Fisher noch kein Problem.
Problematisch sei für die Gegenwartskultur indes Nostalgie im Sinne des
«Nostalgie-Modus» – es handelt sich dabei um einen Begriff des
amerikanischen Literaturwissenschafters Frederic Jameson: Dieser ging aus
vom Film «Body Heat» aus den frühen achtziger Jahren, der sich auf
inhaltlicher Ebene nicht auf die Vergangenheit bezog, formal aber – in der
Nachahmung von Stilmitteln aus den vierziger Jahren – überaus nostalgisch
war. Filme wie «Body Heat», findet Jameson, seien symptomatisch für die
Unfähigkeit, ein spezifisches Bild der Gegenwart zu zeichnen.
Diese Unfähigkeit, schreibt nun Mark Fisher, sei charakteristisch für die
kulturelle Gegenwart schlechthin – und besonders relevant für Pop: «In den
achtziger und neunziger Jahren konnte man Musik – insbesondere Dance –
noch als Gegenpart zum verstehen.» Während der britische Indie-Rock
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bereits damals unter diese Kategorie fiel, beschwor Dance trotz Sampling
und anderen Techniken der Rekombination den Geist einer Pop-Moderne,
eines populären Modernismus: «Was hier produziert wurde, klang völlig
neuartig.» Unterdessen aber sei auch Dance dem «Nostalgie-Modus»
anheimgefallen. «Die Krise ist seit Mitte der nuller Jahre offensichtlich.»
Ob Robbie Williams im Vierziger-Jahre-Swing-Modus, Amy Winehouse mit
ihrer originalgetreuen Kopie vom Soul der sechziger Jahre oder jene zahllosen
Bands, die die Musik der achtziger Jahre aufleben lassen (vom Post-Punk bis
zum Synthi-Pop) – im Mainstream finden sich zahlreiche Beispiele für den
«Nostalgie-Modus». Wo aber Rückblick und Pastiche zum Normalfall
geworden sind, wird Geschichte gerade gelöscht: Sie ist als solche nicht mehr
erkennbar – denn alles wird Gegenwart. Im Vergleich dazu erweist sich die
Musik der Hauntology als geradezu utopisch. So wird etwa in der Musik von
Ghost-Box-Acts wie The Focus Group, Belbury Poly oder The Advisory Circle
ein Zusammenhang von Wissenschaft und Mystik imaginiert, der nichts mit
der tatsächlichen Geschichte zu tun hat. Und die Gruppe Demdike Stare hat
in neogotischer Düsternis jüngst auf drei Alben (jetzt auf der 3-CD-Box
«Tryptych» erschienen) zwar alte Horrorfilm-Soundtracks, Ethno-Samples,
Dub-Effekte, Techno und Industrial synthetisch vereint. Es geht dabei aber
gerade nicht um die Reinszenierung eines etablierten historischen Kanons,
sondern um die Neu-Kontextualisierung von Vergessenem und Verdrängtem.
Oft sind in alten Sounds Zukunftsentwürfe enthalten, die nie realisiert
wurden, und Horrorvisionen, die nicht eingetreten sind. Das eine wie das
andere wird von der Hauntology an die Oberfläche gespült, neu zur
Disposition gestellt.
Das Unheimliche
Und plötzlich erscheint die musikalische Vergangenheit nicht mehr als ein
sicheres ästhetisches Terrain – es ist das Unverdaute, das Unheimliche, das in
dieser Klang-Archäologie hervortritt. Wunderbar deutlich wird dies auf der
DVD «MisinforMation», die Mordant Music in Zusammenarbeit mit dem
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Central Office of Information veröffentlicht hat. Eine archivarische,
«hauntologische» Arbeit, die nichts Museales an sich hat. «Im Museum wird
die Vergangenheit aufbewahrt», sagt Mark Fisher, «das Archiv kann hingegen
für aktuelle Projekte genutzt werden. So gerade ist zu verstehen.» Auf der
DVD «MisinforMation» finden sich nun Ausschnitte aus Lehr- und
Dokumentarfilmen der siebziger und achtziger Jahre, die vom COI damals für
Schulen und für das öffentlichrechtliche Fernsehen produziert wurden. Die
Bilder aber werden mit einem dräuenden, mit Echo verhangenen Score von
Mordant Music unterlegt, der von Originalkommentaren der Tonspur nur
noch einzelne Worte oder Silben übrig lässt.
Wo der sinnstiftende Kommentar wegfällt, ermöglichen die Bilder eine neue
Lesart der Dinge und Verhältnisse. So mutiert ein ursprünglich optimistisches
Feature über «New Towns» (Hochhaussiedlungen am Stadtrand) in
Grossbritannien zum «Dark Social Template» – ein schauderhaftes Siebziger-
Jahre-Bild, das einem heute bald unendlich fern, bald unbequem vertraut
vorkommen muss. So stellt sich am Ende des Mordant-Music-Remix nicht
hübsche Sepia-Sentimentalität ein, sondern ein Bild von Ödnis und
Trostlosigkeit ebenso wie von düsterer Schönheit und Unheimlichkeit, von
Geheimnis und neuen Chancen.
→ CDs, LPs und DVDs
Demdike Stare. Forest of Evil. Modern Love. LP.
Demdike Stare. Liberation Through Hearing. Modern Love. LP.
Demdike Stare. Voices of Dust. Modern Love. LP.
Moon Wiring Club. A Spare Tabby at the Cat’s Wedding. Gecophonic. LP/CD.
Mordant Music & Central Office of Information. MisinforMation. DVD. BFI.
The Advisory Circle. Mind How You Go. Revised Edition. 7”-Singles: Ghost Box Study Series
01–04. Ghost Box. LP/CD
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→ Published on December 28, 2011
→ Last updated on August 07, 2020
Olaf Karnik arbeitet vorwiegend als Autor und Kritiker (unter anderem für WDR 3,
Neue Zürcher Zeitung, Spex). Er hat Bücher und Buchbeiträge veröffentlicht und ist
als Dozent an verschiedenen Hochschulen tätig.
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