KIELER KONJUNKTUR-BERICHTE - Euroraum im Frühjahr 2022
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KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 88 (2022|Q1)
KIELER
KONJUNKTUR-
BERICHTE
Euroraum
im Frühjahr 2022
Abgeschlossen am 17. März 2022
© Angela Husfeld/ IfW Kiel
Nr. 88 (2022|Q1)
Jens Boysen-Hogrefe, Dominik Groll, Stefan Kooths,
Nils Sonnenberg und Ulrich Stolzenburg
Forschungszentrum
Konjunktur und Wachstum
1KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 88 (2022|Q1)
INHALTSVERZEICHNIS
Kriegsschock lastet auf Erholung
Angebotsseitige Engpässe beschränken die Produktion ........................................................ 6
Niedrige Arbeitslosigkeit und – bislang – geringe Lohndynamik ............................................. 7
Zögerlicher Kurswechsel in der Geldpolitik ............................................................................ 8
Defizite in den öffentlichen Haushalten sinken, verfehlen aber das Vorpandemieniveau ..... 10
Ausblick: Erholung durch den Energiepreisschock ausgebremst ......................................... 11
Literatur ............................................................................................................................... 30
2KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 88 (2022|Q1)
KRIEGSSCHOCK LASTET AUF ERHOLUNG
Jens Boysen-Hogrefe, Dominik Groll, Stefan Kooths,
Nils Sonnenberg und Ulrich Stolzenburg
Die Wirtschaftsleistung im Euroraum hat zuletzt erst- Nach kräftigen Zuwächsen im Sommerhalb-
mals wieder ihr Vor-Corona-Niveau erreicht. Die kon- jahr 2021 hat die gesamtwirtschaftliche Pro-
sumbezogene Mobilität war ungeachtet der hohen In- duktion im Schlussquartal nur noch mäßig
fektionszahlen seit Jahresbeginn nur wenig beein- zugelegt. Mit den Fortschritten in der Impfkam-
trächtigt, und Frühindikatoren zur Zuversicht von Un- pagne und den sinkenden Fallzahlen ab dem
ternehmen und Verbrauchern zeigten bis zum Februar Frühjahr 2021 konnten viele Beschränkungen
eine gute Stimmung an. Somit waren im Jahresverlauf zur Infektionskontrolle zurückgenommen wer-
eigentlich kräftige Zuwächse der wirtschaftlichen Akti- den. Die Wirtschaftsleistung im Euroraum stieg
vität und eine vollständige Erholung von den Belastun- im zweiten und dritten Quartal 2021 kräftig um
gen der Corona-Pandemie angelegt. Vor allem im ers- jeweils mehr als 2 Prozent. Ein erneuter Anstieg
ten Halbjahr 2022 behindern die Auswirkungen des der Infektionszahlen im Herbst und Winter, die
Krieges in der Ukraine jedoch die Konjunktur. Die Wirt- rasche Ausbreitung der Virusvariante Omikron
schaftstätigkeit wird insbesondere über den Kanal ho- sowie hartnäckige Probleme in den internationa-
her Energiepreise gedämpft, wodurch heimische len Lieferketten bremsten die Erholung jedoch
Kaufkraft abgezogen wird. Wenngleich Russland und zunächst wieder aus (Abbildung 1).
die Ukraine als Absatzmärkte vielerorts nur von nach-
geordneter Bedeutung sind, dürfte die wirtschaftliche
Aktivität auch durch gestörte Lieferketten, weniger
Handelstätigkeit und die stark gestiegene Unsicher-
heit beeinträchtigt werden. Für das zweite Halbjahr
und das kommende Jahr erwarten wir wieder eine Abbildung 1:
kräftigere Konjunktur. Insgesamt dürfte das Bruttoin- Bruttoinlandsprodukt im Euroraum
landsprodukt im Jahr 2022 um 2,8 Prozent zulegen, Kettenindex (2019 Q4 = 100) Prozent
gefolgt von 3,1 Prozent (2023). Die Verbraucherpreise 115 15
Veränderung
steigen im laufenden Jahr mit voraussichtlich 5,2 Pro- Niveau
zent so stark wie nie zuvor seit Bestehen der Wäh- 110 10
rungsunion. Im Folgejahr dürfte die Teuerung mit
2,8 Prozent erneut oberhalb des Inflationsziels liegen. 105 5
100 0
95 -5
90 -10
85 -15
1.6 -6.5 5.3 2.8 3.1
80 -20
I II III IV I II III IV I II III IV I II III IV I II III IV
2019 2020 2021 2022 2023
Kasten 1: Erholungsprozess seit Beginn der Corona-Pan- Quartalsdaten, preis-, kalender- und saisonbereinigt,
Veränderung gegenüber dem Vorquartal (rechte Skala).
demie (S. 16 – 24) Gerahmt: Jahresdaten, Veränderung gegenüber dem Vorjahr in
Prozent.
Kasten 2: Inflationsdruck gewinnt an Breite (S. 25 – 29) Quelle: Eurostat, Volkswirtschaftliche Gesamtrechungen. grau
hinterlegt: Prognose des IfW Kiel.
3KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 88 (2022|Q1)
Die wirtschaftliche Aktivität im Euroraum hat Prozent) und Portugal (1,4 Prozent) war der
das Vorkrisenniveau zuletzt wieder über- Rückstand ebenfalls überdurchschnittlich. Merk-
schritten. Nach Ländern aufgeschlüsselt gab es lich höher als vor der Krise lag das Bruttoinlands-
zum Teil erhebliche Unterschiede beim erreich- produkt zuletzt in Finnland, den Benelux-Staa-
ten Produktionsniveau im Vergleich zum ten, Slowenien und den baltischen Staaten. In Ir-
Schlussquartal 2019 (Abbildung 2). Spanien war land wurde das Produktionsniveau der Vorkri-
mit 4 Prozent immer noch am weitesten vom senzeit sogar um mehr als 15 Prozent überschrit-
Vorkrisenstand entfernt, bei Deutschland (1,1 ten.1
Abbildung 2:
Vorkrisenvergleich des Bruttoinlandsprodukts nach Ländern
1Bereits seit einigen Jahren wurden wiederholt unge- für Irland ausgewiesen. Diese gehen maßgeblich auf
wöhnlich hohe Zuwachsraten und starke Fluktuatio- Steuergestaltungsaktivitäten multinationaler Unter-
nen in den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen nehmen zurück (Stolzenburg 2016).
4KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 88 (2022|Q1)
Der Erholungsprozess von der Corona-Krise Energie und unverarbeiteten Lebensmitteln aus-
ist je nach Wirtschaftsbereich und Verwen- blendet, lag im Februar bei 2,9 Prozent und da-
dungsaggregat unterschiedlich weit voran- mit auf dem höchsten Niveau seit Bestehen der
gekommen, was Aufhol- und Nachholpoten- Währungsunion.
ziale für die bevorstehenden Quartale birgt.
Der Inflationsdruck gewinnt an Breite. Dies ist
Verwendungsseitig blieben insbesondere der
bereits anhand der Daten von vor Beginn des
private Konsum und der Dienstleistungshandel
Krieges in der Ukraine und dem dadurch ausge-
noch etwas unter ihrem Vorkrisenstand. Auch in
lösten neuerlichen Energiepreisschock erkenn-
den Ausrüstungsinvestitionen besteht weiteres
bar (Kasten 2). In Deutschland ist das Ausmaß
Aufholpotenzial für die kommenden Quartale
des höheren Preisauftriebs bis zum Januar noch
(Kasten 1). Zudem dürfte ein Teil des während
ausgeprägter als in den übrigen großen Ländern
der Pandemie unterbliebenen Konsums, der sich
des Euroraums. Zudem hat es in Deutschland
in aufgestauten Ersparnissen der privaten Haus-
seit Bestehen der Währungsunion noch nie eine
halte widerspiegelt, der unterbliebenen Reisen
solche Breite des Preisauftriebs, gemessen an
(Dienstleistungshandel) sowie der unterlassenen
der Zahl der betroffenen Produktkategorien, ge-
Investitionen im Prognosezeitraum nachgeholt
geben. In den anderen Ländern – etwa in Italien
werden. Produktionsseitig waren es vor allem die
und Spanien – und auch im Euroraum insgesamt
Bereiche Handel, Verkehr und Gastgewerbe,
hat es hingegen bereits früher Episoden mit ei-
Sonstige Dienstleister und das Produzierende
nem vergleichbar breiten Preisauftrieb gegeben.
Gewerbe (ohne Baugewerbe), die hinsichtlich ih-
Da die Effekte der gestiegenen Energie- und
rer erreichten Bruttowertschöpfung noch hinter
Produzentenpreise noch nicht vollständig auf der
dem Vorkrisenstand zurückhingen.
Verbraucherstufe angekommen sind und die
Die Verbraucherpreise zogen bis zuletzt dras- Energiepreise durch den Krieg in der Ukraine
tisch an. Im Gefolge steigender Energiepreise jüngst erneut befeuert wurden, spricht gleich-
erhöhte sich die Inflation seit Jahresbeginn 2021 wohl vieles dafür, dass immer mehr Produktka-
kontinuierlich auf ein Rekordniveau von 5,8 Pro- tegorien von dem starken Preisauftrieb erfasst
zent im Februar 2022 (Abbildung 3). Auch die werden und die kommenden Monate weitere Re-
Kernrate der Inflation, die Preisänderungen von korde bei der Verbraucherpreisinflation bringen
werden.
Abbildung 3:
Verbraucherpreise
Prozent Kernrate
6 Gesamtindex
5
4
3
2
1
0
-1
2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022
Monatsdaten; Veränderung gegenüber dem Vorjahr. Kernndex:
Gesamtindex ohne Energie und unverarbeitete Lebensmittel.
Quelle: Eurostat, Preisstatistik.
5KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 88 (2022|Q1)
Angebotsseitige Engpässe be- Abbildung 4:
schränken die Produktion Produktionslücke im Euroraum
Prozent EU-Kommission (2022: -1,2%)
4
Im laufenden Jahr sind die anhand von Po- OECD (-3%)
IWF (-1,6%)
tenzialschätzungen gemessenen Produkti-
onskapazitäten noch unterausgelastet. Wer- 2
den die jüngsten Schätzungen der Europäischen
Kommission zur Produktionslücke im Euroraum 0
mit der hier vorgelegten Konjunkturprognose des
IfW Kiel – d.h. mit den Zuwachsraten der Jahre -2
2021 bis 2023 – kombiniert, so liegt die Produk-
tionslücke im laufenden Jahr bei -1,2 Prozent
-4
(Abbildung 4). In Verbindung mit der jüngsten
Potenzialschätzung des Internationalen Wäh-
rungsfonds (IWF) liegt die entsprechend ange- -6
passte Produktionslücke 2022 bei -1,6 Prozent,
mit Daten der OECD liegt sie bei -3 Prozent. Die -8
1999 2003 2007 2011 2015 2019 2023
gesamtwirtschaftlichen Produktionskapazitäten Jahresdaten. An die BIP-Prognose des IfW Kiel angepasste
in der Währungsunion sind demnach im Jahr Schätzung der Produktionslücke. In Klammern:
Produktionslücke für das laufende Jahr.
2022 noch unterausgelastet und tendieren 2023
Quellen: Internationaler Währungsfonds, WEO (Januar 2022);
wieder zur Normalauslastung. OECD, Economic Outlook (Dezember 2021); Europäische
Kommission, Herbstprognose 2021.
Angebotsseitige Engpässe behindern weiter-
hin die Produktion. Bei Industrieunternehmen
waren die Produktionskapazitäten – zum Zeit-
Abbildung 5:
punkt der jüngsten Befragung im Januar 2022 – Kapazitätsauslastung
leicht überdurchschnittlich ausgelastet. Die Ka-
Prozent Industrie
pazitätsauslastung bei den privaten Dienstleis- Dienstleister
95
tern, bei denen diese Kennzahl seit 2011 erho- Mittelwert Industrie
ben wird, lag zu Jahresbeginn in etwa auf dem Mittelwert: Dienstleistungen
mehrjährigen Durchschnitt (Abbildung 5). Der 90
Anteil der Unternehmen, die einen Mangel an
Nachfrage als wesentlichen produktionslimitie- 85
renden Faktor angeben, liegt sowohl bei Indust-
rie als auch bei Dienstleistern unter dem histori-
80
schen Durchschnitt (Abbildung 6). Unterdessen
zeigen die Befragungen, dass zuletzt ein massi-
ver Mangel an Ausrüstung und Material hinzuge- 75
treten ist – so gaben mehr als die Hälfte der In-
dustrieunternehmen dies als produktionslimitie-
70
rendem Faktor an, der mit Abstand höchste An-
teil seit Bestehen der Währungsunion. Darüber
hinaus wird vermehrt über einen Mangel an 65
1999 2001 2003 2005 2007 2009 2011 2013 2015 2017 2019 2021
Fachkräften als angebotsseitige Restriktion be-
Quartalsdaten, saisonbereinigt. Gestrichelt:e Linien: Mittelwerte
richtet. Die Angaben darüber sind sowohl bei In- seit 1999.
dustrieunternehmen als auch bei Dienstleistern Quelle: Europäische Kommission, Industry Survey und Services
auf neue Rekordstände geklettert. Alles in allem Survey; Berechnungen des IfW Kiel.
ist die Währungsunion mit erheblichen angebots-
seitigen Knappheiten konfrontiert.
6KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 88 (2022|Q1)
Abbildung 6: Niedrige Arbeitslosigkeit und – bis-
Produktionslimitierende Faktoren
lang – geringe Lohndynamik
Prozent
70 Nachfrage
Die Arbeitslosigkeit ist trotz der drastischen
60 Produktionseinbrüche der Corona-Krise auf
ein neues Rekordniveau gefallen. Ausgehend
50
von einer Erwerbslosenquote im Euroraum von
7,4 Prozent (ohne Deutschland: 9 Prozent) im
40
Februar 2020 ist sie nach einem vorübergehen-
30
den Anstieg während der Pandemie wieder rück-
läufig und im Januar des laufenden Jahres bis
20 auf 6,8 Prozent gefallen, den niedrigsten Stand
Industrie
Dienstleister
seit Bestehen der Währungsunion (Abbildung 7).
10 Mittelwert Industrie Im Euroraum ohne Deutschland (8,3 Prozent) ist
Mittelwert: Dienstleistungen sie dagegen noch etwas mehr als einen Prozent-
0
1999 2001 2003 2005 2007 2009 2011 2013 2015 2017 2019 2021
punkt vom historischen Tiefstand im Vorfeld der
Globalen Finanzkrise entfernt (7 Prozent).
Prozent Arbeitskräfte
30
Abbildung 7:
25
Arbeitslosenquote und Beschäftigung
Prozent Millionen
20 16 166
Euroraum ohne Deutschland
15
14 162
10
5 Euroraum
12 158
0
1999 2001 2003 2005 2007 2009 2011 2013 2015 2017 2019 2021
Prozent Ausrüstung / Material 10 154
50
8 150
40
Beschäftigung Euroraum
(rechte Skala)
30 6 146
2006 2008 2010 2012 2014 2016 2018 2020 2022
20 Monatsdaten, saisonbereinigt.
Quelle: Eurostat, Arbeitsmarktstatistik; eigene Berechnungen.
10
0
Die Zahl der Beschäftigten hat das Vorkrisen-
1999 2001 2003 2005 2007 2009 2011 2013 2015 2017 2019 2021 niveau inzwischen überschritten, die Zahl der
geleisteten Arbeitsstunden allerdings noch
Quartalsdaten, saisonbereinigt. Anteil der Unternehmen, die feh- nicht. Die Beschäftigtenzahl fiel im ersten Kri-
lende Nachfrage / Arbeitskräfte / Ausrüstung und Material als
Hemmnis für die eigene Produktion ansehen. Gestrichelte Li- senhalbjahr um insgesamt 3,1 Prozent, erholte
nien: Mittelwerte seit 1999.
sich aber allmählich und lag zuletzt 0,4 Prozent
Quelle: Europäische Kommission, Industry Survey und Services
Survey; Berechnungen des IfW Kiel.
über diesem Niveau. Weitaus drastischer war
der Einbruch bei den gesamtwirtschaftlich
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geleisteten Arbeitsstunden, bei denen sich auch reale Entwertung der Arbeitnehmereinkommen.
die Arbeitszeitreduzierung von Personen in Zwar ist der Verteilungsspielraum nicht erhöht,
Kurzarbeit niederschlägt, die formal beschäftigt insoweit die Preissteigerungen vor allem auf-
bleiben. Vom vierten Quartal 2019 bis zum zwei- grund höherer Importpreise zustande kommen,
ten Quartal 2020 fielen die geleisteten Arbeits- doch dürfte die Arbeitnehmerseite gleichwohl er-
stunden um 17,6 Prozent – zuletzt lag diese Zahl warten, dass die aktuell erlittenen realen Kauf-
noch knapp 2 Prozent unter dem Vorkrisenni- kraftverluste in den bevorstehenden Tarifent-
veau (Abbildung 8). scheidungen berücksichtigt werden. Insgesamt
wird die Lohndynamik angesichts zunehmender
Abbildung 8: Anspannungen am Arbeitsmarkt und einer ho-
Beschäftigung im Euroraum hen Verbraucherpreisinflation im Prognosezeit-
2019 Q4 = 100
raum wohl spürbar zunehmen.
100
Zögerlicher Kurswechsel in der
Geldpolitik
95
90
Die hohe Inflation erfordert eine Reaktion der
Geldpolitik. Die zuletzt stark gestiegene Ver-
85 braucherpreisinflation ist zwar größtenteils durch
Beschäftigung (Köpfe)
Geleistete Arbeitsstunden
die hohen Energiepreise verursacht. Doch auch
Arbeitsstunden je Beschäftigten die für die Europäische Zentralbank maßgebli-
80
IV I II III IV I II III IV che Kernrate der Inflation lag zuletzt mit 2,9 Pro-
2019 2020 2021 zent deutlich über dem Zielwert und so hoch wie
nie zuvor seit Bestehen der Währungsunion.
Quartalsdaten.
Auch die stark nach oben revidierten Inflations-
Quelle: EZB; Berechnungen des IfW Kiel.
prognosen für die kommenden Jahre – etwa vom
Mitarbeiterstab der EZB – liegen inzwischen sehr
Bislang blieb die Lohnentwicklung im Euro- nah am Inflationsziel (EZB 2022). Marktbasierte
raum noch sehr verhalten, sie dürfte sich je- Inflationserwartungen zeigen ebenfalls Werte
doch künftig verstärken. Im vierten Quartal an, die im Einklang mit den geldpolitischen Zie-
2021 lagen die Tarifverdienste lediglich um 1,5 len stehen und gehen in der kurzen Frist sogar
Prozent über dem Vorjahresquartal. Die effektiv darüber hinaus. Somit wären die Bedingungen
gezahlten Arbeitnehmerentgelte je Beschäftigten erfüllt, um den Expansionsgrad der Geldpolitik
stiegen zwar um 3,5 Prozent gegenüber dem schrittweise zurückzunehmen. Denn bei einer
Vorjahresquartal. Dieser relativ hohe Wert erklärt anhaltenden Verfehlung des Inflationsziels nach
sich jedoch durch die Rückkehr von Arbeitneh- oben droht eine Entankerung der Inflationser-
mern aus der Kurzarbeit, bei denen die geleiste- wartungen und eine Verfestigung erhöhter Infla-
ten Lohnzahlungen mit der höheren Arbeitszeit tionsraten (Beckmann et al. 2022). Diese Be-
stiegen, ohne dass die Zahl der Beschäftigten fürchtung besteht umso mehr, als die Inflation in
davon beeinflusst war. Somit war die Lohndyna- den kommenden Monaten voraussichtlich noch
mik bis zum Schlussquartal des Vorjahres unter merklich anziehen dürfte.
dem Strich noch sehr verhalten. Dies dürfte sich Die Europäische Zentralbank beendet die An-
jedoch alsbald verändern. Im Euroraum ist die leihekäufe wohl zur Jahresmitte, lässt die üb-
Arbeitslosenquote im historischen Vergleich ge- rigen Instrumente aber zunächst unverän-
ring und es besteht – gemäß Unternehmensbe- dert. Die Leitzinsen bleiben zunächst auf den
fragungen – eine spürbare Knappheit an Arbeits- seit geraumer Zeit sehr niedrigen Niveaus (Ab-
kräften, was die Verhandlungsposition der Ar- bildung 9a). Sie sollen erst „eine gewisse
beitnehmer stärkt. Darüber hinaus bewirkt die Zeit“ („some time“), nachdem die Anleihekäufe
merklich höhere Verbraucherpreisinflation eine beendet wurden, angehoben werden. Die
8KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 88 (2022|Q1)
Abbildung 9:
Monetäre Rahmenbedingungen
9KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 88 (2022|Q1)
Nettokäufe im Rahmen des Pandemie-Notfall- Überraschungen bei der Verbraucherpreisinfla-
programms (PEPP), die bereits auf rund 60 Mrd. tion gab, entfachte dies eine Debatte um eine an-
Euro pro Monat reduziert worden sind, laufen stehende geldpolitische Straffung, und auch die
Ende März aus. Um diesen Rückgang des mo- EZB kündigte an, Inflationsgefahren zu begeg-
netären Stimulus abzufedern, steigen die Net- nen und Preisstabilität sicherzustellen. An den
tokäufe im Rahmen des Anleihekaufprogramms Märkten wurde daraufhin mit einem Ende der
APP zunächst von derzeit 20 Mrd. Euro pro Mo- Nettokäufe und einem ersten Zinsschritt in der
nat auf 40 Mrd. Euro pro Monat im April. An- zweiten Jahreshälfte gerechnet. Zeitgleich zeigte
schließend wird dieser Betrag allerdings – früher sich zwischenzeitlich einige Nervosität unter An-
als bislang erwartet – auf 30 Mrd. Nettozukäufe legern, da ein solcher geldpolitischer Kurswech-
im Mai und 20 Mrd. Euro im Juni reduziert. Ins- sel die Finanzierungsbedingungen der zum Teil
gesamt werden damit die ursprünglich in Aus- hoch verschuldeten Mitgliedsländer verschlech-
sicht gestellten Nettokäufe für das Jahr 2022 um tern dürfte. Dabei ist fraglich, ob die EZB das Ziel
180 Mrd. Euro gekürzt. Sofern der mittelfristige der Preisstabilität konsequent verfolgen kann,
Inflationsausblick anschließend im Einklang mit wenn dies eine Staatsschuldenkrise hervorrufen
dem Inflationsziel steht, werden die Nettokäufe und den Zusammenhalt der Währungsunion ge-
im dritten Quartal beendet. Rückflüsse aus fällig fährden könnte (Fiedler et al. 2020). Mit dem
werdenden Anleihen werden bis auf Weiteres Krieg in der Ukraine und der damit verbundenen
und in jedem Fall bis nach einem ersten Zins- Dämpfung der ökonomischen Aktivität wurde zu-
schritt vollumfänglich reinvestiert. Die Reinvesti- nächst erwartet, dass der Zeitpunkt der anste-
tionen aus dem PEPP Programm folgen dabei henden Straffung nach hinten verschoben
keinem fixen Schema, sondern können flexibel würde, was die Anleihezinsen fallen ließ. Mit der
nach Ländern und Sektoren aufgeteilt werden. Entscheidung, die Nettozukäufe sogar früher als
Dies umfasst auch Anleihen von Griechenland, bisher erwartet zu beenden, stiegen die Zinsen
die unter dem regulären APP Programm nicht und Risikoaufschläge einiger Länder wieder an.
gekauft werden. Die geldpolitische Normalisierung droht ein Ba-
lanceakt zu werden.
Die Kreditbedingungen für den Privatsektor
waren bis zuletzt günstig. Die Zinsen für nicht-
finanzielle Unternehmen blieben laut Kreditkos-
tenindikator der EZB im Januar nahezu unverän- Defizite in den öffentlichen
dert bei 1,4 Prozent, die für Wohnungsbaukredite Haushalten sinken, verfehlen
bei 1,3 Prozent (Abbildung 9b). Die Kreditauf-
aber das Vorpandemieniveau
nahme der nichtfinanziellen Unternehmen zog
zuletzt an, und die Darlehenssumme in diesem
Segment lag zuletzt 4,4 Prozent über dem Wert Die Lage der öffentlichen Haushalte dürfte
im Vorjahresmonat, nahezu derselbe Zuwachs sich im Verlauf des vergangenen Jahres et-
wie bei Krediten an private Haushalte (Abbil- was entspannt haben. Die Finanzierungsdefi-
dung 9c). Das Geldmengenwachstum hatte sich zite einiger großer Mitgliedsländer fielen im Jahr
mit Ausbruch der Pandemie und den geldpoliti- 2021 deutlich geringer aus als zuvor erwartet.
schen Maßnahmen zur Stabilisierung der Fi- Maßgeblich waren das Auslaufen von Pande-
nanzmärkte stark beschleunigt, hier haben sich miemaßnahmen und die konjunkturelle Erho-
die Zuwachsraten zuletzt etwas reduziert. Die lung. Diese Faktoren dürften auch im Verlauf des
Geldmengen M1 (mit 9,1 Prozent im Vorjahres- Jahres 2022 zu einem Rückgang der Finanzie-
vergleich) und M3 (mit 6,5 Prozent) legten aber rungsdefizite führen, wenngleich die aktuelle au-
immer noch kräftig zu (Abbildung 9e). ßenpolitische Lage zum einen die konjunkturelle
Die Zinsen auf Staatsanleihen und die Risiko- Erholung belastet und zum anderen zu Mehraus-
gaben führen wird. So dürften unter anderem in-
aufschläge einiger Mitgliedsländer haben
ternationale Transferzahlungen zulegen und
sich erhöht. Die Renditen von Staatsanleihen
im Euroraum waren im Verlauf des vergangenen Ausgaben zur Bewältigung der Fluchtmigration
aus der Ukraine anfallen. Für den Euroraum ins-
Jahres leicht aufwärtsgerichtet (Abbildung 9d).
gesamt rechnen wir mit einem Fehlbetrag in
Als es zum Jahreswechsel wiederholte Aufwärts-
10KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 88 (2022|Q1)
Relation zum Bruttoinlandsprodukt von 3,7 Pro- Ausblick: Erholung durch den
zent. Im Euroraum ohne Deutschland dürfte er Energiepreisschock ausge-
sich auf 4,2 Prozent belaufen (Tabelle 1). Unter
dem Strich dürfte die Finanzpolitik im Jahr 2022
bremst
restriktiv ausgerichtet sein, da der Wegfall der
Corona-Hilfsmaßnahmen im Vergleich zu den Für die Prognose ist unterstellt, dass die Be-
neu beschlossenen Ausgaben überwiegt. einträchtigungen der Corona-Pandemie ab
dem Frühjahr keine Rolle mehr spielen, der
Tabelle 1:
Ukraine-Krieg und die Spannungen mit Russ-
Budgetsaldo des Staates im Euroraum 2020–2023
land hingegen auf den gesamten Prognose-
2020 2021 2022 2023
zeitraum ausstrahlen. Die Auswirkungen der
Deutschland -4.3 -3.7 -2.5 -2.0 Corona-Pandemie ebben ab. Die konsumbezo-
Frankreich -9.1 -7.0 -4.7 -3.4 gene Mobilität (Bereiche Einzelhandel und Frei-
Italien -9.6 -7.2 -5.1 -3.4 zeiteinrichtungen) lag zwar im ersten Quartal ins-
Spanien -11.0 -6.9 -4.6 -3.8
gesamt unter dem Niveau des Vorquartals, war
aber trotz der extrem hohen Inzidenzen in Eu-
Niederlande -4.2 -3.6 -1.8 -1.2
ropa nur wenig beeinträchtigt (Abbildung 10).
Eine Ausnahme waren die Niederlande zu Jah-
Euroraum -7.2 -5.6 -3.7 -2.8 resbeginn, wo die Mobilität stärker zurückging.
Euroraum ohne Deutschland -8.6 -6.4 -4.2 -3.0 Eine Überlastung der Gesundheitssysteme
Prozent in Relation zum Bruttoinlandsprodukt. scheint derzeit nicht mehr zu drohen. Mit dem
Quelle: Eurostat, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen; fortschreitenden Abbau der noch verbliebenen
Berechnungen des IfW Kiel; grau hinterlegt: Prognosen Infektionsschutzmaßnahmen und dem zu erwar-
des IfW Kiel.
tenden saisonalen Rückgang der Infektionszah-
len rechnen wir mit dem weitgehenden Wegfall
Im Jahr 2023 dürften die Defizite abermals zu- der Belastungen durch die Pandemie ab dem
rückgehen. Insbesondere Italien und Spanien Frühjahr. Dies, in Verbindung mit einer während
werden dabei von den Transfers im Rahmen des der Pandemiephase aufgebauten Überschusser-
EU-Next-Generation Programms profitieren. sparnis, lässt für sich genommen auf einen kräf-
Doch werden die Finanzierungssalden auch in tigen Anstieg des privaten Verbrauchs schlie-
diesen Ländern wohl kaum auf das Vorpandemi- ßen. Allerdings verlängern die Kriegsfolgen die
eniveau zurückkehren. So dürfte die Pandemie Lieferengpässe in der Industrie. Diese dürften
zumindest in einzelnen Mitgliedsländern weiter- sich nun erst ab der Jahresmitte allmählich auf-
hin nachwirken, während zugleich vielerorts Aus- lösen und zusätzliche industrielle Aktivität zulas-
gaben für Rente und Gesundheit zulegen wer- sen. Der Krieg in der Ukraine und die Spannun-
den. Auch dürften die im Zuge des Ukraine- gen mit Russland bewirken zudem, dass die
Kriegs hinzugetretenen Haushaltsbelastungen Energiepreise im gesamten Prognosezeitraum
aus dem Jahr 2022 weiterhin eine Rolle spielen. auf erhöhten Niveaus verbleiben, was die realen
Vor diesem Hintergrund ließ die EU Kommission verfügbaren Einkommen reduziert und – wiede-
durchblicken, dass sie auch im Jahr 2023 nicht rum für sich genommen – den privaten Ver-
zu den normalen Regeln der Haushaltsüberwa- brauch dämpft. Im Ergebnis wird die postpande-
chung zurückkehren wird, so dass es von dieser misch angelegte Erholung durch die Verwerfun-
Seite keinen Konsolidierungsdruck geben wird. gen des Ukraine-Kriegs gebremst.
Das Finanzierungsdefizit im Jahr 2023 für den
Frühindikatoren deuten zwar auf einen weite-
Euroraum insgesamt dürfte sich auf 2,8 Prozent
ren Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts hin,
in Relation zum Bruttoinlandsprodukt belaufen.
sie spiegeln aber überwiegend noch nicht die
Im Euroraum ohne Deutschland fällt es mit 3 Pro-
Auswirkung des Krieges in der Ukraine wider.
zent etwas höher aus. Alles in allem dürfte die
Der Markit-Einkaufsmanagerindex (PMI) stieg im
Finanzpolitik in der Währungsunion im kommen-
Februar auf 55,5 Punkte und lag damit deutlich
den Jahr in etwa neutral ausgerichtet sein.
oberhalb der Expansionsschwelle von 50. Auch
11KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 88 (2022|Q1)
Abbildung 10:
Mobilitätsdaten in ausgewählten Ländern
Prozent DEU FRA ITA ESP NLD
0
-20
-40
-60
-80
-100
1.1.2020 1.4.2020 1.7.2020 1.10.2020 1.1.2021 1.4.2021 1.7.2021 1.10.2021 1.1.2022 1.4.2022
Tagesdaten, Einzelhandel und Freizeiteinrichtungen, Abweichung ggü. gleichem Wochentag im Zeitraum Januar bis Februar 2020.
Quelle: Google Covid-19 Mobility Report.
der Economic Sentiment Indicator (ESI) der Eu- besuche – die wirtschaftliche Aktivität bei den
ropäischen Kommission zog im Februar an und personennahen Dienstleistungen im Vergleich
lag mit 114 Punkte deutlich oberhalb des lang- zum Vorquartal zunächst reduziert haben.
fristigen Mittelwerts. Dem entgegen stehen die Dämpfend wirken auch hohe Fehlzeiten gerade
hohen Energiepreise, die mit dem Kriegsaus-
bruch abermals neue Höchststände erklommen
haben und die Verbraucher und Unternehmen zu Abbildung 11:
Konjunkturindikatoren
Anpassungsreaktionen zwingen und Kaufkraft
2019 = 100 Industrieproduktion
abschöpfen. Für die Zeit nach dem Kriegsaus- Bauproduktion
110
bruch, also insbesondere für den März, sind nur Einzelhandelsumsatz
wenig belastbare Informationen vorhanden. Der
– recht volatile – Sentix-Indikator zur Messung 100
der konjunkturellen Zuversicht unter Finanzin-
vestoren gab im März deutlich nach, und auch
Aktienkurse an großen europäischen Börsen- 90
plätzen haben seit Jahresbeginn zeitweilig um
bis zu 20 Prozent nachgegeben. Die hohe Vola-
tilität an den Finanzmärkten ist Ausdruck einer 80
großen Unsicherheit, auch über die konjunkturel-
len Folgen des Krieges.
70
Für den Jahresauftakt zeichnet sich ein mo-
derater Rückgang der Wirtschaftsleistung ab.
Die Wintermonate waren noch geprägt von der 60
Sorge um die Auswirkungen stark steigender In- 1 2 3 4 5 6 7 8 9 101112 1 2 3 4 5 6 7 8 9 101112 1 2
fektionszahlen mit der Omikron-Variante. Auch 2020 2021 2022
wenn sich diese Befürchtungen aufgrund der Monatsdaten, saisonbereinigt. Industrieproduktion: ohne Bau.
Einzelhandelsumsatz: deflationiert; Umsatz Gastgewerbe/
meist geringeren Krankheitsschwere nicht be- Beherbergung: nominal.
wahrheitet haben, dürften die Vorsichtsmaßnah-
Quelle: Eurostat, Konjunkturstatistik.
men – etwa durch unterbliebene Restaurant-
12KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 88 (2022|Q1)
in Berufen, die in Präsenz ausgeübt werden Sanktionen gedämpft und erst in der zweiten
müssen, da die extrem hohen Fallzahlen in Ver- Jahreshälfte wieder merklich zulegen. Vom
bindung mit bestehenden Isolations- und Qua- Staatskonsum sind dagegen nur wenig zusätzli-
rantänevorschriften die Produktion zeitweise be- che Impulse zu erwarten, da mögliche neue Aus-
hindert haben dürften (Ademmer et al. 2022: gaben im Zuge der Ukraine-Krise lediglich den
Kasten 1). Die Industrieproduktion (ohne Bau) Wegfall der Corona-Hilfsmaßnahmen kompen-
lag im Januar zwar merklich höher als im Vor- sieren dürften.
quartal. Die Einzelhandelsumsätze lagen jedoch
Im Jahr 2022 wird der Produktionsanstieg
darunter, und auch die Bauproduktion entwi-
wohl bei 2,8 Prozent liegen, im Jahr 2023 er-
ckelte sich zum Jahresende relativ schwach (Ab-
warten wir einen Zuwachs um 3,1 Prozent
bildung 11). Insgesamt rechnen wir für das erste
(Abbildung 1). Wir haben damit unsere Einschät
Quartal mit einem Rückgang der Wirtschaftsleis-
zung aus der Winterprognose (Gern et al. 2021)
tung im Euroraum um 0,4 Prozent.
für den Anstieg des Bruttoinlandsprodukts im Eu-
Die hohen Energiepreise verringern die real roraum im Jahr 2022 aufgrund des Krieges und
verfügbaren Einkommen und dämpfen im der Energiepreisexplosion um 7 Zehntel redu-
weiteren Verlauf die Erholung des privaten ziert und für das kommende Jahr nicht verändert
Verbrauchs. Höhere Energiepreise, denen kein (Tabelle 3). Für das dritte Quartal 2022 rechnen
entsprechender Anstieg der Nominaleinkommen wir mit wieder kräftigeren Zuwächsen, die unter-
gegenübersteht, schöpfen Kaufkraft von den pri- jährigen Produktionszuwächse im Jahr 2023 lie-
vaten Haushalten ab und bremsen für sich ge- gen schließlich nur noch geringfügig über der Po-
nommen die Erholung des privaten Konsums. tenzialrate. Der Anstieg der Wirtschaftsleistung
Ein Teil der eingebüßten Kaufkraft dürfte zwar wird im übrigen Euroraum im laufenden Jahr
durch einen Rückgang der Sparquote aufgefan- wohl etwas höher und im Jahr 2023 etwas gerin-
gen werden, doch ceteris paribus verläuft der ger ausfallen als in Deutschland (Abbildung 12).
Pfad des preisbereinigten privaten Verbrauchs
Im Jahr 2022 wird der Produktionsanstieg
im gesamten Prognosezeitraum flacher (Ta-
wohl bei 2,8 Prozent liegen, im Jahr 2023 er-
belle 2). Die Investitionstätigkeit dürfte sich an-
warten wir einen Zuwachs um 3,1 Prozent
gesichts anhaltend günstiger Finanzierungsbe-
(Abbildung 1). Wir haben damit unsere Einschät-
dingungen und aufgrund von unterbliebenen In-
zung aus der Winterprognose (Gern et al. 2021)
vestitionen während der Corona-Pandemie wei-
für den Anstieg des Bruttoinlandsprodukts im Eu-
ter steigern. Im Jahresverlauf dürfte auch der
roraum im Jahr 2022 aufgrund des Krieges und
Dienstleistungshandel weiter zulegen. Der Wa-
der Energiepreisexplosion um 7 Zehntel redu-
renhandel wird dagegen wohl zunächst durch die
ziert und im kommenden Jahr nicht verändert
Auswirkungen des Ukraine-Kriegs und der
(Tabelle 3). Im dritten Quartal 2022 rechnen wir
Tabelle 2:
Eckdaten zur Konjunktur im Euroraum
2021 2022 2023 Jahresraten
I II III IV I II III IV I II III IV2021 2022 2023
Bruttoinlandsprodukt -0.1 2.2 2.3 0.3 -0.4 0.5 1.4 1.0 0.7 0.5 0.5 0.5 5.3 2.8 3.1
Inländische Verwendung -0.2 2.3 2.1 1.0 -0.3 0.7 1.4 1.0 0.7 0.5 0.5 0.4 4.1 3.6 3.1
Privater Verbrauch -2.3 3.9 4.5 -0.6 -0.8 1.0 2.0 1.1 0.6 0.5 0.4 0.4 3.5 3.9 3.5
Staatsverbrauch -0.5 2.3 0.3 0.5 0.1 0.4 -0.1 0.0 0.1 0.1 0.1 0.1 3.8 1.4 0.3
Anlageinvestitionen 0.1 1.3 -0.9 3.5 0.6 0.5 1.5 1.5 1.3 1.0 0.8 0.8 4.3 4.6 4.7
Vorratsänderungen 1.1 -0.5 -0.1 0.4 0.0 0.0 0.0 0.0 0.0 0.0 0.0 0.0 0.4 0.1 -0.0
Außenbeitrag 0.1 0.0 0.2 -0.7 -0.1 -0.2 0.0 0.1 0.1 0.0 0.0 0.0 1.3 -0.6 0.1
Exporte 1.3 2.8 1.7 2.9 -1.3 0.5 2.2 1.9 1.1 1.0 1.0 1.0 10.9 4.5 5.4
Importe 1.2 3.1 1.4 4.6 -1.2 1.0 2.3 1.8 1.1 1.1 1.0 1.0 8.6 6.1 5.5
Bruttoinlandsprodukt: kalender-, preis- und saisonbereinigt; Quartalswerte: Veränderung gegenüber dem Vorquartal (Pro-
zent); Jahreswerte: preis- und kalenderbereinigt, Veränderung gegenüber dem Vorjahr (Prozent). — Vorratsveränderung,
Außenbeitrag: Beitrag zur Veränderungsrate des preisbereinigten Bruttoinlandsprodukts in Prozentpunkten, saisonbereinigt.
Quelle: Eurostat, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen; eigene Berechnungen; grau hinterlegt: Prognose des IfW Kiel.
13KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 88 (2022|Q1)
Tabelle 3:
Bruttoinlandsprodukt, Verbraucherpreise und Arbeitslosenquote in den Ländern des Euroraums 2020–2023
Gewicht Bruttoinlandsprodukt Verbraucherpreise Arbeitslosenquote
2020 2021 2022 2023 2020 2021 2022 2023 2020 2021 2022 2023
Deutschland * 29,5 -4,9 2,9 2,2 3,7 0,4 3,2 5,8 3,4 3,8 3,5 3,0 2,9
Frankreich 20,2 -8,0 7,0 3,1 2,3 0,5 2,1 3,5 2,3 8,0 7,9 7,2 6,8
Italien 14,5 -9,1 6,6 2,8 2,5 -0,1 2,0 5,2 2,1 9,3 9,6 8,7 8,3
Spanien 9,8 -10,8 5,0 5,2 4,3 -0,3 3,0 5,7 2,7 15,5 14,8 12,3 11,5
Niederlande 7,0 -3,8 4,8 2,7 2,9 1,1 2,8 6,6 3,0 4,9 4,2 3,3 3,0
Belgien 4,0 -5,7 6,1 2,5 2,3 0,4 3,2 7,1 2,9 5,8 6,3 5,2 4,9
Österreich 3,3 -6,8 4,6 3,2 2,9 1,4 2,8 4,8 3,0 6,0 6,2 4,7 4,2
Irland 3,3 5,9 13,4 1,0 3,5 -0,5 2,4 5,2 3,6 5,9 6,3 5,0 4,5
Finnland 2,1 -2,3 3,3 1,1 2,2 0,4 2,1 3,8 2,5 7,7 7,7 6,7 6,4
Portugal 1,8 -8,4 4,9 5,1 3,6 -0,1 0,9 3,9 2,8 7,1 6,6 6,0 5,9
Griechenland 1,4 -8,7 7,9 2,8 3,2 -1,3 0,6 5,2 2,4 16,4 14,8 12,9 12,0
Slowakei 0,8 -4,4 3,0 0,4 3,2 2,0 2,8 7,6 5,0 6,7 6,8 6,5 5,7
Luxemburg 0,6 -1,8 6,9 1,4 2,8 0,0 3,5 5,1 2,9 6,7 5,6 5,1 5,0
Slowenien 0,4 -4,8 8,1 5,2 3,5 -0,3 2,1 5,8 3,4 5,0 4,8 4,2 3,9
Litauen 0,4 0,0 4,8 1,2 3,4 1,1 4,6 9,7 5,1 8,5 7,1 7,3 6,3
Lettland 0,3 -3,8 4,5 0,7 4,1 0,1 3,2 7,1 5,3 8,1 7,6 7,5 6,5
Estland 0,2 -2,6 8,2 2,7 3,4 -0,6 4,5 8,9 5,1 6,9 6,2 5,0 4,5
Zypern 0,2 -5,0 5,5 1,5 2,2 -1,1 2,3 4,8 2,8 7,6 7,5 6,2 5,5
Malta 0,1 -8,2 9,3 4,1 3,2 0,8 0,7 5,3 4,0 4,4 3,6 3,0 2,9
Euroraum 100,0 -6,4 5,3 2,8 3,1 0,3 2,6 5,2 2,8 8,0 7,7 6,7 6,3
Euroraum ohne Deutschland 70,5 -7,0 6,3 3,0 2,9 0,2 2,3 5,0 2,6 9,5 9,2 8,0 7,5
Gewicht: auf der Grundlage des Bruttoinlandsprodukts zu Preisen und Wechselkursen von 2020 (Prozent). — Bruttoinlands-
produkt: preis- und kalenderbereinigt, Veränderung gegenüber dem Vorjahr (Prozent). — Verbraucherpreise: Veränderung
gegenüber dem Vorjahr (Prozent), harmonisierter Verbraucherpreisindex (HVPI). — Arbeitslosenquote: standardisiert nach
dem ILO-Konzept (Prozent), Ländergruppen gewichtet auf der Grundlage der Erwerbspersonenzahl von 2020. * Zahlen kön-
nen von denen im Deutschland-Konjunkturbericht abweichen, wo die Zuwachsraten für das Bruttoinlandsprodukt in der Regel
nicht kalenderbereinigt und Verbraucherpreise gemäß VPI-Abgrenzung (statt HVPI) ausgewiesen werden; zudem bezieht
sich die hier ausgewiesene ILO-Erwerbslosenquote auf die Erwerbspersonen gemäß Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnun-
gen (statt auf die Erwerbspersonen gemäß Mikrozensus).
Quelle: Eurostat, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen; eigene Berechnungen; grau hinterlegt: Prognose des IfW Kiel.
mit wieder kräftigeren Zuwächsen, die unterjäh- rechnen. Auch hohe Import- und Produzenten-
rigen Produktionszuwächse im Jahr 2023 liegen preise brauchen einige Zeit, bis sie sich teilweise
schließlich nur noch geringfügig über der Poten- über die verschiedenen Produktionsstufen in die
zialrate. Der Anstieg der Wirtschaftsleistung wird Verbraucherpreise durchwirken (Koester et al.
im übrigen Euroraum im laufenden Jahr wohl et- 2021). Für die kommenden Monate ist daher mit
was höher und im Jahr 2023 etwas geringer aus- einem zusätzlichen Anstieg der Verbraucher-
fallen als in Deutschland (Abbildung 12). preisinflation auf mehr als 6 Prozent zu rechnen.
In der zweiten Jahreshälfte wird der preisstei-
Die Inflation dürfte zunächst weiter anziehen.
gernde Effekt der Energiekomponente geringer,
Die hohen Preisnotierungen an den Energie-
weil die Preise von Rohöl und Erdgas annahme-
märkten sind bisher noch nicht vollständig in die
gemäß etwas nachgeben. Zudem sind die Ener-
Verbraucherpreise überwälzt worden (Ademmer
giepreise im Jahresverlauf 2021 bereits gestie-
et al. 2022: Kasten 2). Sollten die Energiepreise
gen, sodass der Vorjahresvergleich weniger
wie unterstellt nur langsam zurückgehen und auf
drastisch ausfällt. Insgesamt werden die Ver-
erhöhten Niveaus verbleiben, ist in den kommen-
braucherpreise im Jahresdurchschnitt 2022 wohl
den Monaten mit zusätzlichen Preissprüngen zu
14KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 88 (2022|Q1)
Abbildung 12: des Jahres 2022 wohl bei 6,7 Prozent liegen und
Bruttoinlandsprodukt im Euroraum ohne Deutschland im Folgejahr weiter auf 6,3 Prozent (2023) fallen.
Kettenindex (2019 Q4 = 100) Prozent
Damit erreicht die Erwerbslosenquote im Prog-
115 15
Veränderung nosezeitraum neue historische Tiefstände. Im
Niveau Euroraum ohne Deutschland fällt sie von 8 Pro-
110 10
zent im laufenden Jahr auf 7,5 Prozent im Jahr
2023.
105 5
Für diese Prognose gibt es beträchtliche Auf-
100 0
wärts- und Abwärtsrisiken. So könnte eine
große Corona-Infektionswelle in China, wo die
Bevölkerung in der Breite nur einen unzureichen-
95 -5
den Impfschutz hat, die weltwirtschaftlichen Han-
dels- und Lieferverflechtungen massiv beein-
90 -10
trächtigen. Zahlreiche Vorleistungs- und Kon-
sumgüter würden dann knapp, was deren Preise
85 -15
treiben und die Inflation zusätzlich anheizen
1.8 -7.1 6.2 3.0 2.9
würde. Zudem würden auch in Europa erhebli-
80 -20
I II III IV I II III IV I II III IV I II III IV I II III IV che Produktionsausfälle drohen. Auch könnte
2019 2020 2021 2022 2023 eine weitere Eskalation des Ukraine-Kriegs, z.B.
auf weitere Länder, zusätzliche Verwerfungen
Quartalsdaten, preis-, kalender- und saisonbereinigt,
Veränderung gegenüber dem Vorquartal (rechte Skala). mit sich bringen. Selbst bei einer Ausweitung der
Gerahmt: Jahresdaten, Veränderung gegenüber dem Vorjahr in Kriegshandlungen innerhalb der Ukraine nach
Prozent.
Westen dürften zusätzliche Flüchtlingsströme in
Quelle: Eurostat, Volkswirtschaftliche Gesamtrechungen. grau
hinterlegt: Prognose des IfW Kiel. Millionenhöhe in Richtung der Europäischen
Union in Bewegung gesetzt werden. Auch ein
bereits öffentlich diskutierter vollständiger Liefer-
stopp von Energierohstoffen aus Russland wäre
um 5,2 Prozent, im kommenden Jahr um 2,8 Pro- kurzfristig kaum zu kompensieren und dürfte ei-
zent steigen. Zwar dürfte die Energiekompo- nen zusätzlichen Anstieg der Energiepreise mit
nente im Jahr 2023 preisdämpfend wirken, aller- sich bringen, der ökonomische Aktivität vielerorts
dings rechnen wir weiterhin mit erhöhten Preis- unterbinden und verschiedene Industrien in Mit-
anstiegen bei Nahrungsmitteln und einem zu- leidenschaft ziehen würde. Doch auch Auf-
sätzlichen Anstieg der Kerninflation auf etwas wärtsrisiken sind vorhanden, etwa wenn die
mehr als 3 Prozent, da gestiegene Produzenten- Kriegshandlungen abebben und ein Waffenstill-
preise erst mit Verzögerung auf die Preise der stand erreicht werden kann – in dem Fall würden
Verbraucherstufe durchwirken. Die Entwicklung sich die Energiepreise wohl rascher zurückbilden
der Inflation ist freilich stark von den Annahmen als bislang erwartet. Es ist zwar auch dann nicht
über Energiepreise getrieben und somit höchst vorstellbar, dass die Sanktionen gegen Russland
ungewiss. Hier orientieren wir uns an Futures- zügig zurückgenommen und sich die Handelsbe-
Märkten und nehmen für den Ölpreis der Sorte ziehungen alsbald normalisieren werden, aber
Brent an, dass dieser im Jahresverlauf wieder die Befürchtungen einer drohenden Energiekrise
nachgibt und Ende 2023 bei 85 US-Dollar liegen und die gegenwärtig hohe Unsicherheit über die
wird. Für den europäischen Gaspreis (TTF, Nie- bedrohte Sicherheitslage würden wieder stärker
derlande) nehmen wir an, dass der Preis für ei- in den Hintergrund rücken. Die Auftriebskräfte
nen Kubikmeter Erdgas bis zum Jahresende nach Ende der Belastungen durch Pandemie
hoch bleibt, bis Ende 2023 aber wieder auf könnten in diesem Szenario einen stärkeren Pro-
knapp 60 Euro zurückgeht. Zudem unterstellen duktionszuwachs mit sich bringen als in dieser
wir eine Konstanz des Wechselkurses. Prognose unterstellt, und die zuletzt hohe Infla-
tion würde sich mit den dann wohl rasch sinken-
Die Arbeitslosigkeit dürfte im Prognosezeit-
den Energiepreisen automatisch zurückbilden.
raum historisch niedrig bleiben. Die Erwerbs-
losenquote im Euroraum wird im Durchschnitt
15KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 88 (2022|Q1)
Kasten 1
Erholungsprozess seit Beginn der Corona-Pandemie
Die Wirtschaftsleistung im Euroraum hat im vierten Quartal das Vorkrisenniveau – also das Produkti-
onsniveau des vierten Quartals 2019 - überschritten. Dahinter steht jedoch eine nach Ländern, Wirtschafts-
bereichen und Verwendungszwecken heterogene Entwicklung, die im Folgenden nachgezeichnet wird.
Mit wachsendem zeitlichem Abstand verliert der Vergleich mit den Aktivitätsniveaus des Schlussquar-
tals 2019 zwar an Aussagekraft, da das Produktionspotenzial in der Zwischenzeit zugelegt haben dürfte
und sich die Potenzialwachstumsrate je nach Land – und auch je nach Wirtschaftsbereich – unterscheidet.
Auch kann das Aktivitätsniveau der makroökonomischen Aggregate im vierten Quartal 2019 durch Son-
dereffekte beeinflusst gewesen sein, was ein Heranziehen dieser Größe als Referenz problematisch ma-
chen kann. Gleichwohl erscheint es trotz dieser Einschränkungen sinnvoll, nach zwei Jahren Pandemie
eine Bilanz der Krisenbetroffenheit und des Erholungsprozesses nachzuzeichnen. Irland wird im Folgen-
den aus dem Euroraum-Aggregat herausgerechnet, da dessen Makrodaten seit einigen Jahren stark durch
steuergestaltende Transaktionen multinationaler Unternehmen verzerrt werden (Stolzenburg 2016.
Bruttoinlandsprodukt
Das Bruttoinlandsprodukt hat seinen Tiefpunkt im zweiten Quartal 2020 erreicht, wobei der Einbruch in
Frankreich, Italien und insbesondere Spanien noch etwas tiefer war als in vielen anderen Ländern (Abbil-
dung K1-1). Bis zuletzt hing Spanien auch im Erholungsprozess deutlich hinterher und lag im vierten Quar-
tal noch 4 Prozent unter dem Vorkrisenniveau, während es in Deutschland, Frankreich, Italien und weiteren
Ländern wie den Niederlanden wieder in der Nähe oder knapp darüber lag. Die Wirtschaftsleistung im
Euroraum ohne Irland lag zuletzt noch rund 0,3 Prozent unter dem Vorkrisenstand.
Abbildung K1-1:
Bruttoinlandsprodukt
Prozent Nach Mitgliedsländern Prozent Beiträge zur Veränderung
4 2
0 0
-2
-4
-4
-8
-6
DE
-12 FR -8
IT DE
ES -10 FR
-16 Übrige IT
-12 ES
-20 Übrige
-14
-24 -16
IV I II III IV I II III IV IV I II III IV I II III IV
2019 2020 2021 2019 2020 2021
Quartalsdaten, preis-, kalender- und saisonbereinigt. Links: Veränderung des Aggregats nach Mitgliedsländern im Vergleich zum vierten
Quartal 2019, rechts: Beitrag der Mitgliedsländer zur Veränderung des Aggregats im Euroraum ohne Irland. Quelle: Eurostat, Volkswirtschaft-
liche Gesamtrechnungen; Berechnungen des IfW Kiel.
Verwendung
Mit Ausnahme des Staatskonsums sind die verwendungsseitigen Aggregate im zweiten Quartal 2020
alle deutlich eingebrochen (Abbildung K1-2). Ex- und Importe sowie Bruttoanlageinvestitionen haben sich
jedoch rasch erholt und haben den Vorkrisenstand (im Euroraum ohne Irland) inzwischen wieder über-
schritten. Der Staatskonsum überschritt das Vorkrisenniveau bereits wieder seit dem dritten Quartal 2020.
Der private Konsum bremste dagegen die Erholung und lag auch zuletzt noch drei Prozent unter seinem
Vorkrisenniveau. Mit dem Wegfall der verbleibenden Beschränkungen und der weiteren Normalisierung
des Konsumverhaltens im Verlauf des Jahres 2022 dürfte die Konjunktur im Euroraum somit durch einen
überproportionalen Zuwachs beim privaten Konsum unterstützt werden.
16KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 88 (2022|Q1)
Abbildung K1-2:
Verwendungsaggregate, Euroraum ohne Irland
Quartalsdaten, preis-, kalender- und saisonbereinigt. Links: Veränderung der Aggregate im Vergleich zum vierten Quartal 2019, rechts: Bei-
träge zur Veränderung des Bruttoinlandsprodukts im Euroraum ohne Irland (nicht importbereinigt). Quelle: Eurostat, Volkswirtschaftliche Ge-
samtrechnungen; Berechnungen des IfW Kiel.
In der Aufschlüsselung des privaten Konsums nach Mitgliedsländern zeigt sich, dass zuletzt insbeson-
dere Spanien, aber auch Deutschland, noch ein Stück vom Vorkrisenniveau entfernt waren (Abbildung K1-
3). Frankreich, Italien und viele weitere Mitgliedsländer konnten die Lücke dagegen bis zum vierten Quartal
2021 wieder schließen.
Abbildung K1-3:
Privater Verbrauch
Quartalsdaten, preis-, kalender- und saisonbereinigt. Links: Veränderung des Aggregats nach Mitgliedsländern im Vergleich zum vierten
Quartal 2019, rechts: Beitrag der Mitgliedsländer zur Veränderung des Aggregats im Euroraum. Quelle: Eurostat, Volkswirtschaftliche Gesam-
trechnungen; Berechnungen des IfW Kiel.
Der Staatskonsum ist (aufgrund unterschiedlicher Buchungspraxis in den VGR) lediglich in Frankreich
in der Hochphase der Pandemie stark eingebrochen (Abbildung K1-4). Später stützte der Staatsverbrauch
in allen Mitgliedsländern die Konjunktur und lag bereits früh wieder über dem Vorkrisenstand, nicht zuletzt
aufgrund staatlicher Ausgaben im Zuge der Pandemiebekämpfung. Zuletzt überstieg der Staatsverbrauch
sein Niveau aus dem vierten Quartal 2019 im Euroraum ohne Irland um mehr als 5 Prozent.
17KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 88 (2022|Q1)
Abbildung K1-4:
Staatsverbrauch
Prozent Nach Mitgliedsländern Prozent Beiträge zur Veränderung
10 6
5 4
0 2
DE
FR
-5 IT 0
ES DE
Übrige FR
-10 -2 IT
ES
Übrige
-15 -4
IV I II III IV I II III IV IV I II III IV I II III IV
2019 2020 2021 2019 2020 2021
Quartalsdaten, preis-, kalender- und saisonbereinigt. Links: Veränderung des Aggregats nach Mitgliedsländern im Vergleich zum vierten
Quartal 2019, rechts: Beitrag der Mitgliedsländer zur Veränderung des Aggregats im Euroraum ohne Irland. Quelle: Eurostat, Volkswirtschaft-
liche Gesamtrechnungen; Berechnungen des IfW Kiel.
Die Bruttoanlageinvestitionen im Euroraum ohne Irland lagen im vierten Quartal 2021 wieder über dem
Vorkrisenstand (Abbildung K1-5). Dies gilt auch für Wohnungs- und Wirtschaftsbau sowie die Investitionen
in Sonstige Anlagen (bzw. geistiges Eigentum). Lediglich die Ausrüstungsinvestitionen lagen im Pande-
mieverlauf durchgängig und bis zuletzt merklich unterhalb des vor der Krise verzeichneten Niveaus. Die
im Vergleich zum Vorkrisenniveau unterbliebenen Investitionen summieren sich über die zwei Jahre auf
rund 14 Prozent der im Jahr 2019 insgesamt verzeichneten Ausrüstungsinvestitionen und lassen darauf
schließen, dass es für die kommenden Quartale ein weiteres Aufhol- und Nachholpotenzial bei den Inves-
titionen in Ausrüstungsgüter geben könnte.
Abbildung K1-5:
Bruttoanlageinvestitionen, Euroraum ohne Irland
Quartalsdaten, preis-, kalender- und saisonbereinigt. Links: Veränderung des Aggregats nach Mitgliedsländern im Vergleich zum vierten
Quartal 2019, rechts: Beitrag zur Veränderung der Bruttoanlageinvestitionen im Euroraum ohne Irland. Quelle: Eurostat, Volkswirtschaftliche
Gesamtrechnungen; Berechnungen des IfW Kiel.
Die Bauinvestitionen (als Summe aus Wohnungs- und Wirtschaftsbau) lagen zuletzt leicht oberhalb des
Vorkrisenniveaus (Abbildung K1-6). Es gibt allerdings auffällige Unterschiede: Während die Bauaktivität in
Spanien den bereits deutlich vor der Corona-Krise verzeichneten stetigen Rückgang fortsetzte und bis
zuletzt auf der Erholung der Bauinvestitionen im Euroraum-Aggregats lastete, stiegen die Bauinvestitionen
in Italien im Jahr 2021 merklich an. Hintergrund könnte der seit Mitte 2020 gestartete „Superbonus 110“ in
Italien sein, der Investitionen in die Energieeinsparung mit hohen Steuervergünstigungen belohnt und ei-
nen Boom im Bausektor ausgelöst hat.
18KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 88 (2022|Q1)
Abbildung K1-6:
Bauinvestitionen
Quartalsdaten, preis-, kalender- und saisonbereinigt. Links: Veränderung des Aggregats nach Mitgliedsländern im Vergleich zum vierten
Quartal 2019, rechts: Beitrag der Mitgliedsländer zur Veränderung des Aggregats im Euroraum ohne Irland. Quelle: Eurostat, Volkswirtschaft-
liche Gesamtrechnungen; Berechnungen des IfW Kiel.
Bei den Ausrüstungsinvestitionen trägt insbesondere die geringere Investitionstätigkeit in Deutschland
zu der Schwäche des Aggregatwertes bei (Abbildung K1-7). Dies dürfte nicht zuletzt mit den Problemen in
den internationalen Lieferketten zusammenhängen, die sich entstehungsseitig auch in der industriellen
Wertschöpfung widerspiegelt. Zwar lagen die Ausrüstungsinvestitionen auch in Frankreich bis zuletzt unter
dem Vorkrisenniveau, doch in geringerem Ausmaß als in Deutschland. In Spanien zogen sie zuletzt merk-
lich an. Die Investitionen in Sonstige Anlagen (nicht abgebildet), die im Zeitverlauf üblicherweise stetig
zulegen, sind im Euroraum-Aggregat stark durch extreme Schwankungen der gemeldeten Zahlen aus Ir-
land verzerrt. In den großen Mitgliedsländern liegen sie jedoch durchgängig oberhalb des Vorkrisenni-
veaus.
Abbildung K1-7:
Ausrüstungsinvestitionen
Prozent Nach Mitgliedsländern Prozent Beiträge zur Veränderung
10 5
5
0
0
-5 -5
-10
-10
-15
DE
-20 -15 FR
DE IT
-25 FR ES
IT -20 Übrige
-30 ES
Übrige
-35 -25
IV I II III IV I II III IV IV I II III IV I II III IV
2019 2020 2021 2019 2020 2021
Quartalsdaten, preis-, kalender- und saisonbereinigt. Links: Veränderung des Aggregats nach Mitgliedsländern im Vergleich zum vierten
Quartal 2019, rechts: Beitrag der Mitgliedsländer zur Veränderung des Aggregats im Euroraum ohne Irland. Quelle: Eurostat, Volkswirtschaft-
liche Gesamtrechnungen; Berechnungen des IfW Kiel.
Die Warenexporte, die den Intrahandel umfassen, lagen bereits im gesamten Jahr 2021 knapp über
dem Vorkrisenniveau (Abbildung K1-8). In Frankreich lagen sie jedoch bis zuletzt leicht darunter, und in
Deutschland überschritten sie es erst durch ein starkes viertes Quartal 2021.
19KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 88 (2022|Q1)
Abbildung K1-8:
Warenexporte
Prozent Nach Mitgliedsländern Prozent Beiträge zur Veränderung
10 5
5
0
0
-5 -5
-10
-10
-15
DE
-20 -15 FR
DE IT
-25 FR ES
IT -20 Übrige
-30 ES
Übrige
-35 -25
IV I II III IV I II III IV IV I II III IV I II III IV
2019 2020 2021 2019 2020 2021
Quartalsdaten, preis-, kalender- und saisonbereinigt. Links: Veränderung des Aggregats nach Mitgliedsländern im Vergleich zum vierten
Quartal 2019, rechts: Beitrag der Mitgliedsländer zur Veränderung des Aggregats im Euroraum ohne Irland. Quelle: Eurostat, Volkswirtschaft-
liche Gesamtrechnungen; Berechnungen des IfW Kiel.
Der Dienstleistungshandel umfasst den von der Pandemie stark beeinträchtigten Tourismus-Bereich.
So brachen die Dienstleistungsexporte vor allem in Mittelmeerländern wie Italien und Spanien mit einem
starken Standbein im Tourismus empfindlich ein (Abbildung K1-9). Die wirtschaftliche Aktivität in diesem
Bereich belastete über weite Strecken die Erholung, und erst im vierten Quartal 2021 – außerhalb der
Tourismussaison – konnte die Lücke zum großen Teil geschlossen werden.
Abbildung K1-9:
Dienstleistungsexporte
Prozent Nach Mitgliedsländern Prozent Beiträge zur Veränderung
10 5
0
0
-10
-5
-20
-30 -10
-40
-15
DE
-50 DE FR
FR IT
IT -20
-60 ES
ES
Übrige
Übrige
-70 -25
IV I II III IV I II III IV IV I II III IV I II III IV
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Quartalsdaten, preis-, kalender- und saisonbereinigt. Links: Veränderung des Aggregats nach Mitgliedsländern im Vergleich zum vierten
Quartal 2019, rechts: Beitrag der Mitgliedsländer zur Veränderung des Aggregats im Euroraum ohne Irland. Quelle: Eurostat, Volkswirtschaft-
liche Gesamtrechnungen; Berechnungen des IfW Kiel.
Bei den Warenimporten sind die Vorkrisenniveaus seit Jahresbeginn ebenfalls wieder überschritten
worden, wobei das vierte Quartal 2021 gerade auf der Importseite einen kräftigen Anstieg brachte (Abbil-
dung K1-10).
20KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 88 (2022|Q1)
Abbildung K1-10:
Warenimporte
Quartalsdaten, preis-, kalender- und saisonbereinigt. Links: Veränderung des Aggregats nach Mitgliedsländern im Vergleich zum vierten
Quartal 2019, rechts: Beitrag der Mitgliedsländer zur Veränderung des Aggregats im Euroraum ohne Irland. Quelle: Eurostat, Volkswirtschaft-
liche Gesamtrechnungen; Berechnungen des IfW Kiel.
Die Dienstleistungsimporte (einschließlich Tourismus) haben die Vorkrisenniveaus zwar noch nicht wie-
der erreicht, erholen sich jedoch stetig und schließen zusehends die Lücke zum Vorkrisenniveau (Abbil-
dung K1-11).
Abbildung K1-11:
Dienstleistungsimporte
Quartalsdaten, preis-, kalender- und saisonbereinigt. Links: Veränderung des Aggregats nach Mitgliedsländern im Vergleich zum vierten
Quartal 2019, rechts: Beitrag der Mitgliedsländer zur Veränderung des Aggregats im Euroraum ohne Irland. Quelle: Eurostat, Volkswirtschaft-
liche Gesamtrechnungen; Berechnungen des IfW Kiel.
Entstehung
Die verschiedenen Wirtschaftsbereiche waren sehr unterschiedlich von den Auswirkungen der Pande-
mie beeinträchtigt (Abbildung K1-12). Besonders betroffen waren bis zuletzt kontaktintensive Dienstleis-
tungsbereiche wie Handel, Transport und Gastgewerbe sowie Sonstige Dienstleister, die den Kunst- und
Kulturbereich sowie die Freizeitwirtschaft umfassen. Auch die Unternehmensdienstleister waren über weite
Strecken der Pandemie merklich belastet. In der Frühphase verzeichneten auch weitere Bereiche wie das
Produzierende Gewerbe (einschließlich des Bausektors) aufgrund von Produktionsstillegungen markante
Einbrüche, die aber – anders als bei den kontaktintensiven Dienstleistern – rasch wieder wettgemacht
wurden.
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