Predigt zum Buch Rut am 24.01.2021 3. Sonntag nach Epiphanias

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Predigt zum Buch Rut am 24.01.2021 3. Sonntag nach Epiphanias
Predigt zum Buch Rut am 24.01.2021 3. Sonntag nach Epiphanias

Bildquelle: Pixabay

Liebe Gemeinde!

Sie ist in Finnland geboren und aufgewachsen. Ihr Mann ist Österreicher. Im
Sommer feiern sie ihren 20. Hochzeitstag. In ihren Eheringen ist ein Bibelvers
eingraviert, ihr Trauspruch. Es ist ein Vers aus dem Bibeltext, der für heute
Predigttext ist.
„Wo du hingehst, da will ich auch hingehen;
Wo du bleibst, da bleibe ich auch.
Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.“
Den beiden war bewusst, was sie in ihre Ehe mitbringen, in ihre Familie: zwei
Familien, zwei Heimaten, zwei Sprachen, zwei Mentalitäten, zwei Geschichten.
Ein großer Reichtum, aber auch eine große Herausforderung.
Deshalb war es ihnen wichtig, einander bei der Trauung zuzusprechen: Deine
Familie, deine Heimat, deine Sprache sind mir kostbar und ich will sie mir zu
eigen machen. Und dein Glaube an Gott ist auch mein Glaube. Das ist ihr
Fundament. Das war es für die ersten 20 Jahre Ehe und so soll es mit Gottes
Hilfe bleiben, solange sie leben. Daran erinnert sie ihr Trauspruch.

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Predigt zum Buch Rut am 24.01.2021 3. Sonntag nach Epiphanias
Ursprünglich wurden diese Worte aber nicht bei einer Hochzeit gesprochen.
Sondern von einer Frau zu einer anderen Frau: Die Schwiegertochter zur
Schwiegermutter. Rut zu Noomi.
Noomi war Israelitin, aus Bethlehem. Sie musste aber mit ihrem Mann und den
beiden Söhnen nach Moab fliehen, weil in ihrer Heimat Hungersnot herrschte.
Dort in Moab heirateten die beiden Söhne einheimische Frauen, Rut und Orpa.
Viele glückliche Jahre vergehen, wo die Familie im Ausland wohnt. Dann
passiert die große Katastrophe: Noomis Mann stirbt. Und einige Zeit später
sterben auch die beiden Söhne. Noomi beschließt, dass nichts mehr sie im
Ausland hält. Sie will zurück in die Heimat, wo die Hungersnot inzwischen
vorbei ist und wieder bessere Zeiten herrschen.
Zu ihren Schwiegertöchtern sagt sie: bleibt ihr hier bei euren Familien, hier
geht´s euch gut. Orpa verabschiedet sich, aber Rut sagt: Nein, kommt gar nicht
in Frage, ich bleib bei dir, ich geh mit dir, ich kümmere mich um dich.
Und da spricht sie genau diese Worte, die in so manchem Ehering eingraviert
sind:
„Wo du hingehst, da will ich auch hingehen;
Wo du bleibst, da bleibe ich auch.
Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.“

Vielleicht kennen Sie die Geschichte von Rut schon. Wenn nicht, kann ich nur
empfehlen, die Geschichte von Rut und Noomi einmal ganz in der Bibel zu
lesen. Sie ist eine spannende kurze Novelle in nur 4 Kapiteln über Freundschaft,
Liebe und Loyalität in schweren Zeiten, die am Ende, so viel darf ich verraten,
zu einem richtigen Happy End führen. Und es geht, anders als so oft in der
Bibel, fast nur um Frauen, die ihr Leben in die eigene Hand nehmen und sich ihr
gutes Recht verschaffen.
So viel will ich heute verraten: Die Moabiter waren in Israel überhaupt nicht
geschätzt. Und trotzdem wurde Rut dort aufgenommen. Rut, die Ausländerin,
die Fremde, wurde am Ende sogar die Urgroßmutter von König David, dem
allerwichtigsten König in Israels Geschichte. Und als Vorfahrin von David ist
sie auch eine Vorfahrin von Jesus.
Bemerkenswert daran: Die Bibel widmet ein ganzes Buch einer Ausländerin,
einer Fremden, einer Frau! Rut ist ein Beispiel dafür, wie die Bibel mit Fremden
umgeht. Andere Beispiele sind Abraham und Sara, Josef und seine Brüder,
Mose und das ganze Volk Israel und letztendlich Jesus selbst, denn nach
Matthäusevangelium musste Jesus mit seinen Eltern nach Ägypten fliehen, vor
dem König Herodes. Sie alle waren Flüchtlinge, sie alle mussten ihre Heimat
verlassen. Sie wissen, wie es ist, in der Fremde zu sein; wie es ist, nirgends
willkommen zu sein.
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In der Bibel finde ich immer wieder Geschichten und Aussagen, die mir deutlich
machen: Bei Gott ist jeder Mensch willkommen. Jedes Kind, jede Frau, jeder
Mann. Aus allen Völkern, aus allen Religionen. Gottes Türen sind offen für alle.
Für mich – und für alle anderen auch.
Und deshalb tut es mir so im Herzen weh, wenn ich Bilder von Flüchtlingen in
Bosnien-Herzegowina sehe die versuchen, im Wald den Winter unter ein paar
Zeltplanen zu überleben, weil das alte Lager Lipa abgebrannt ist. Weiter
kommen sie nicht, über die kroatische Grenze. Sie werden mit Gewalt
zurückgetrieben. Kinder, Frauen und Männer in haarsträubenden Verhältnissen.
In nassen Zelten ohne Boden, im Schneematsch, zusammengekauert um ein
Feuer aus allem, was sie finden können, Holz, Zweige, Plastik, Müll. Sie haben
keine Perspektive im Leben. Sie können nicht zurück – und sind auch nirgends
willkommen.
Es macht mich so ohnmächtig und traurig, weil ich nicht weiß, was ich tun
könnte. Außer vielleicht Geld spenden.
Und gleichzeitig lese ich Ruts Geschichte, und auch diesen Vers, der zwei
Menschen aus zwei Nationen miteinander verbindet. Und da sehe ich, wie Rut
ihr Herz öffnet, mutig ihr Herz öffnet für Noomi und für Noomis Volk, und wie
sie auch dort in der Fremde Menschen findet, die ihr Herz für sie öffnen. Wie
gut, dass es Menschen gibt wie Rut! Ja, es gibt sie, immer noch.
Helfer verteilen in Bosnien-Herzegowina Essen. Sie kochen einmal am Tag
warme Suppe und Tee und bringen ihn in den Wald, damit die Menschen wieder
warm werden. Organisieren Decken und weitere Zeltplanen zum Schutz gegen
den Winter. Vermitteln Kindern und Frauen leerstehende Häuser, zwar ohne
Strom und Wasser, aber immerhin mit Dach über dem Kopf. Zum Verzweifeln
ist es trotzdem. Es ist nur ein Lindern der Not, keine Lösung des Problems.
Und dann denke ich an Abraham und an Mose und an Jesus, und dann weiß ich:
Gott ist dort, mitten drin. Gott ist auch bei den Menschen auf der Flucht. Er lässt
keinen Menschen allein, sondern er geht mit seinen Menschenkindern.
Er begegnet ihnen in der Solidarität der Helferinnen und Helfer vor Ort, auch in
der Solidarität der Politikerinnen und Politiker in Europa, die sich für
menschenwürdige Immigration einsetzen und für eine Verbesserung der
Verhältnisse in den Herkunftsländern. Gott geht mit, er geht mit allen, und er
bewegt Menschen dazu, solidarisch miteinander zu sein, führt sie im
Verborgenen, im Hintergrund bis sich seine Fügung einstellt, bis das Ziel
erreicht ist. Gott ist ein mitgehender Gott, und das macht mir Mut auf unserem
Weg durch die Corona-Krise.
Ein Bibelwissenschaftler hat den Inhalt der Geschichte von Rut mal so
zusammengefasst: Es geht um die Erlösung von Menschen aus der Not durch
gegenseitige Solidarität, die in der Gottesfurcht gründet.

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Solidarität als Weg aus der Not. Und Gott als Grund der Solidarität. Beides passt
gut in unsere jetzige Zeit, zu unseren Herausforderungen.
Auch das Gottesbild der Erzählung ist uns nah: Gott teilt im Buch Rut kein
Meer. Er heilt keine Kranken. Er wirft nicht plötzlich Manna und Wachteln vom
Himmel. Er besiegt keine Feinde. Er spricht mit niemandem und keiner sieht
ihn.
Im Buch Rut zeigt sich Gott als einer, der die Frauen im Verborgenen zu ihrem
Ziel führt. Der dafür sorgt, dass sich am Ende alles fügt, obwohl zu Beginn alles
aussichtslos erscheint. Das Ziel der Frauen ist auch sein Ziel: Rut und Noomi
suchen nach einer Familie, nach einem Zuhause, wo sie versorgt und geborgen
sind. Gott sucht nach einer Familie für seinen Sohn Jesus, der Jahrhunderte
später als Nachkomme Davids auch Nachkomme von Rut sein wird.
Das passt gut zu unserer eigenen Erfahrung: Gottes Fügung und Führung
ereignen sich einfach im Hintergrund, im Verborgenen. Er hat einen Plan mit
uns, den wir im Vertrauen auf ihn gehen, durch Zeiten der Not und in Solidarität
miteinander und mit Fremden.
Gott wird Erlösung und Glück schenken, am Ende wird sich seine Führung
zeigen und alles wird sich fügen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre
unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Bildquelle: Pixabay

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