Reibereien bei der Heiteren FahneDie Idealisten sind an ihre Grenzen gestossen
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Reibereien bei der Heiteren FahneDie Idealisten sind an ihre Grenzen gestossen Die Kulturbeiz Heitere Fahne in Wabern gibt sich eine hierarchischere Struktur – und verliert deswegen zentrale Mitstreiter. Der Fall zeigt, wie schwierig der Übergang vom kleinen Freundschaftsprojekt zum etablierten Kulturbetrieb sein kann. Céline Graf Publiziert: 05.04.2021, 18:05 2 Kommentare 2 Im kreativen Kosmos der Heiteren Fahne in Wabern hat ein Strukturprozess zu Spannungen geführt. Foto: Adrian Moser Ausgerechnet im August 2020, an dem Wochenende, das für das Team der Heiteren Fahne eines der schönsten des Jahres hätte werden sollen, war der Tiefpunkt erreicht. Das Festival am Waldrand auf der Wiese der Bächtelen-Stiftung war eines der raren Open-Air-Festivals, die trotz Pandemie stattfinden konnten. «Aber wir waren alle total deprimiert», erinnert sich Rahel Bucher. «Wir hatten das Gefühl, wir kriegen es nicht hin, wir finden keinen Weg, der für alle aufgeht.»
Die Heitere Fahne, Kulturbeiz, kreativer Kosmos und inklusive Institution am Fuss des
Gurten seit 2013, steckte tief in einer «Beziehungskrise», wie Bucher,
Programmmacherin und Gründungsmitglied des Betreibervereins Frei_Raum, es nennt.
Was war geschehen, dass die Heitere Fahne in einem dramatischen Newsletter im
September 2020 von «Orientierungslosigkeit, Enttäuschung, Verzweiflung» schrieb? Im
E-Mail war eine Frage fett markiert: «Kann man am eigenen Glück verzweifeln?»
Wie die meisten Krisen von Organisationen hatte sich auch diese schon seit einiger Zeit
angebahnt. Es ist der Fall eines kulturell und sozial engagierten Kollektivs, das voller
Tatendrang und Idealismus, ohne genauen Plan und ohne Geld anfing und dann vom
eigenen Erfolg überrannt wurde. Und das beinahe in die Brüche ging, als man versuchte,
Lösungen für diese erfolgsbedingten Probleme zu finden.
Pioniere der Inklusion
Vergangene Woche, am 1. April, startete die Heitere Fahne mit einer neuen Organisation.
Sie besteht aus einer fünfköpfigen Geschäftsleitung und sechs «Planeten», wie die
Ressorts heissen: Kultur, Küche, Herz (was etwa Ausbildung, Inklusion, Beiz und
Tagesstrukturen umfasst), Büro,
Konfetti (Eventmanagement) und Grümpel (Infrastruktur, Technik, Deko). «Das war ein
riesiger Wechsel für uns», sagt Bucher, die in der Leitung ist und für das
Kulturprogramm zuständig bleibt.
Im Gründungsjahr 2013 bestand das Kollektiv Frei_Raum aus einem halben Dutzend
Freunden, die punktuell zusammen Theaterprojekte organisierten. Sie hatten das
Bedürfnis, einen Ort das ganze Jahr über zu bespielen, suchten aber nicht aktiv. Auf
einem Spaziergang entdeckten sie das leer stehende Haus in Wabern. «Der Ort hat
sozusagen uns gefunden», sagt Bucher.
Das Berner Publikum lernte die Heitere Fahne, wie das Lokal nun hiess, mit dem ersten
Gugus-Gurte-Festival im Sommer desselben Jahres kennen. Die bunte, überschaubare
und etwas wildere Alternative zum Open Air auf dem Berner Hausberg ist seither einer
der Fixpunkte im Kulturprogramm der Heitere, zu dem auch Theater, Konzerte und
Rollschuhdiscos gehören. Auch von Anfang an in Betrieb war das Restaurant: laut
Bucher ein wichtiger «Türöffner» fürs Kulturangebot.
WEITER NACH DER WERBUNG
«Ich bin glücklich, jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde.»
Abdallah Ramadan, Koch in der Heiteren Fahne
Das andere Ziel sei gewesen, «Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen,
mit oder ohne Behinderung, mit Migrationshintergrund, einfach alle, die in unserer
Gesellschaft leben, zusammenzubringen». Damit gelten die Betreiberinnen in der
Schweiz im Kulturbereich als Pioniere. «Sie waren ihrer Zeit voraus», sagt Robert
Schmuki, Experte für das Management von Non-Profit-Organisationen am Center for
Philanthropy Studies der Universität Basel.
Für den Grossteil der heute rund 35 Kollektivmitglieder ist die Heitere Fahne, die 2018
den Kulturpreis der Stadt Bern erhielt, mittlerweile Ausbildungs- oder Arbeitsstätte undweit mehr als ein Hobby – so wie für Abdallah Ramadan, einen der Köche, der auch zum Interview erscheint. Rahel Bucher (42) und Abdallah Ramadan (29) freuen sich, wenn im Restaurant und im Theatersaal wieder Gäste sitzen. Foto: Adrian Moser Er emigrierte 2015 aus Eritrea in die Schweiz. In die Heitere Fahne kam er über ein Praktikum. «Die Leute sind sehr nett, wie eine Familie», beschreibt Ramadan seinen ersten Eindruck des Hauses. Er strahlt. «Ich bin seit vier Jahren hier, und ich bin glücklich, jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde.» Man schaue, dass alle zufrieden seien. Für ihn sei es nicht nur Arbeit, sondern er lerne viel, und es mache ihm Spass. Dass hier die Selbstverwirklichung von Mitarbeiterinnen und Helfern mindestens so viel Platz hat wie das Angebot für die Öffentlichkeit, ist schon nur ob der handgefertigten Dekorationen zu erahnen, welche die Gäste vom Eingang über die Terrasse bis hinein ins getäferte Restaurant und sogar im WC vorfinden. Flöhe im Hamsterrad Nicht nur optisch scheint sich die «Idealistenkiste», wie man sich auch bezeichnet, ständig zu verändern. «Die Heitere ist sehr schnell gewachsen», sagt Rahel Bucher. Das Gugus-Gurte-Festival füllt jeweils die Bude, das Säbeli-Bum-Fest andere Plätze in der Stadt. Im Durchschnitt veranstaltet die Heitere Fahne pro Jahr 100 Kulturanlässe plus gebuchte Events wie Hochzeiten und Geschäftsessen. Seit 2020 bezieht sie jährlich 170’000 Franken öffentliche Gelder. Und gerade ist – mithilfe der Gemeinden Köniz und Bern – ein Gesuch unterwegs für eine Vierjahresförderung als Kulturinstitution von regionaler Bedeutung.
Doch das Wachstum hat sich schlecht vertragen mit dem Selbstverständnis der
Macherinnen und Macher, wie in den letzten Jahren klar wurde. Das Kollektiv Frei_Raum
hatte, obwohl das Kernteam von der Ehrenamtlichkeit zur Lohnarbeit übergegangen
war, offiziell nie Funktionen und Strukturen definiert. «Alles war frei, eher chaotisch,
und jeder hat einfach mal ausprobiert», sagt Bucher. Bei einigen Personen lag zwar mit
der Zeit die meiste Verantwortung, allerdings blieben diese Rollen «unausgesprochen».
«Neben dem konstanten Output hatten wir uns selbst vernachlässigt.»
Rahel Bucher, Programmmacherin
Nach fünf Jahren seien sie erschöpft und müde gewesen, so Bucher. «Energetisch war
uns der Idealismus über den Kopf gewachsen. Neben dem konstanten Output hatten wir
uns selbst vernachlässigt.» Die Zeit zum Durchatmen fehlte häufig, weil am Abend noch
ein Anlass gestemmt werden musste. Wie gerufen ertönt im Hintergrund eine
Schleifmaschine, die das Gespräch unterbricht.
Die Stanley-Thomas-Johnson-Stiftung bot ihnen schliesslich an, sie bei einem
Strukturprozess zu unterstützen. Robert Schmuki vom Center for Philanthropy Studies,
der diesen Prozess seit Herbst 2019 begleitet hat, sagt: «Sie standen am Ende einer
Pionierphase. Nun ging es darum, zu schauen, was klarer definiert werden muss, damit
man wieder gut funktionieren und kreativ sein kann.» Die Leute seien stark in ihre
Tagesabläufe eingebunden gewesen, und bei einzelnen Personen habe sich informelle
Entscheidungsmacht wie «in einem Nadelöhr» angestaut. Schmuki braucht Bilder eines
«Sacks voller Flöhe» und eines «Hamsterrads» für die Situation, in der sich die Heitere
damals befunden habe.
«Sicher keine Hierarchien»
Was als kleines Projekt von Freunden begonnen hatte, sollte durch den Strukturprozess
auch hinter den Kulissen jener etablierten Kulturorganisation entsprechen, zu der die
Heitere Fahne vordergründig längst geworden war – mit Organigramm,
Arbeitsprozessen und allem, was dazugehört. Doch an der Frage, welches Modell man
sich wünschte, schieden sich die Geister. «Sicher keine Hierarchien» sei zuerst gefordert
worden, sagt Schmuki.Wie viel Hierarchie verträgt es? Darüber stritt sich das Kollektiv.
Foto: Adrian Moser
In den Workshops befasste sich das Kollektiv mit demokratischen Organisationsformen
wie der Soziokratie, die gemäss Schmuki seit den 2010er-Jahren nicht nur bei Non-
Profit-Organisationen im Aufschwung sind. Doch die Frage, wie viel Selbstorganisation
oder Hierarchie das Haus mit seiner inklusiven Philosophie verträgt – oder eben
benötigt –, führte zu «heftigen Diskussionen», wie Rahel Bucher sagt.
Die Theatermacherin und ehemalige «Bund»-Redaktorin zählt zu denen, die sich stark
für den Strukturprozess einsetzten. Andere waren eher skeptisch. Schwelende Konflikte
sind dabei aufgebrochen. Vor allem zwischenmenschlich und emotional sei dieser
Prozess deutlich schwieriger geworden, als Bucher das erwartet hätte: «Da bin ich auf
die Welt gekommen. Manchmal frage ich mich, ob sich das alles gelohnt hat.»
«Man hat sich für den weniger mutigen Weg entschieden.»
Simon Maag, Leiter Infrastruktur
Die ideellen Kämpfe kosteten viel Kraft und strapazierten Freundschaften. Das bedauert
auch Simon Maag. Er hätte ein partizipatives System ohne Gesamtleitung interessanter
gefunden. Aber um dieses zu entwickeln, hätte es seiner Meinung nach mehr Zeit und
Aufwand benötigt. «Man hat sich für den einfacheren und weniger mutigen Weg
entschieden», sagt er. «Wir hatten den Anspruch, dass in einem idealistischen Haus alles
möglich ist. Aber vielleicht ist das nicht so.»Der Kiosk mit gebastelten Tischbomben ist momentan nur online in Betrieb. Foto: Adrian Moser
Maag konnte sich immer weniger identifizieren mit seiner Tätigkeit, die Motivation schwand. Parallel stieg sein Bedürfnis, wieder mehr Zeit für anderes zu haben. Darum verlässt der 39-jährige Elektrofachmann, der 2017 dazustiess und sich um die Infrastruktur und Logistik gekümmert hat, die Heitere Fahne im Herbst. Ebenfalls aus Unzufriedenheit über die Reorganisation hört, wie mehrere Quellen bestätigen, mit Olivier Eicher, der die Finanzen verwaltet hat, eine weitere Schlüsselfigur auf, und jemand nimmt eine Auszeit. Sie möchten gegenüber dem «Bund» keine Stellung nehmen. Kosmische Sprache Dass einzelne Leute gehen würden, sei in einem solchen Prozess durchaus normal, sagt der Berater Robert Schmuki. «Es hat mit dem Verlust von Wichtigkeit zu tun, mit der Frage, wozu man sich verpflichten will, oder auch mit Altersunterschieden – die ältere Gründergeneration möchte vielleicht irgendwann stabilere Strukturen als die Jüngeren.» Sich einzugestehen, dass eine komplette Selbstorganisation für das so heterogene Haus in der relativ kurzen Umbauphase nicht realistisch sei, habe vor einem halben Jahr zur grossen Krise geführt. Inzwischen stosse allerdings das erarbeitete «Planetensystem» mit mehreren «Umlaufbahnen» der Mitwirkung und einer Sprache, die zur Identität des Hauses passe, auf breite Akzeptanz. Es sei zudem möglich, so Schmuki, dass die Geschäftsleitung als eine Art «Promotor des Wechsels» funktioniere und man sich dem hierarchielosen Ideal später annähere. Das glaubt auch Rahel Bucher. «Man kann es vielleicht zuerst auf einzelnen Planeten ausprobieren.» Tacos-Maschine schlummert Während sich die frischen Abläufe und Konstellationen erst einspielen müssen und im Juni mit der Stiftung evaluiert werden, kann das Programmteam bei der anstehenden Kultursaison unter Corona-Bedingungen auf die Erfahrungen von 2020 zurückgreifen. Sofern es erlaubt ist, wird es Veranstaltungen geben, vornehmlich wieder in kleinen, mobilen und für draussen konzipierten Formaten. Abdallah Ramadan hofft derweil, dass in der Küche bald wieder mehr los ist und die neue Tacos-Maschine aus Mexiko, die ihnen geschenkt worden ist, endlich zum Einsatz kommt. Allenfalls werden sie nochmals einen Versuch mit Take-away-Essen starten, was im Winter nicht rentiert habe.
Noch ungebraucht: Die Tacos-Maschine aus Mexiko. Foto: Adrian Moser Auch das Festival am Waldrand soll im Sommer wieder stattfinden, dieses Mal auf drei Wochen ausgedehnt. Rahel Bucher erinnert sich, wie an der letzten Ausgabe nach dem niederschmetternden ersten Abend am zweiten Abend plötzlich alle gemeinsam an einem Konzert getanzt hätten. Ein versöhnlicher Moment sei das gewesen. «Wie in einer Beziehung, wenn man den Gipfel der Krise überwunden hat und sich wieder näherkommt – aber gleichzeitig weiss, dass man noch viel Arbeit vor sich hat.» Ausblick auf die Kultursaison Als Alternativen im Lockdown initiiert, führt die Heitere Fahne in Wabern dieses Jahr ihre «Radio Jensits»-Sendungen auf RaBe, den Onlinekiosk mit Selbstgemachtem, den Vermittlungsdienst für Brieffreundschaften und die Disco-Livestreams weiter. Virtuell gezeigt wird auch der nächste «Blöffer»-Schwank «Das Jubiläum» des Berner Theaterunikats Timmermahn (8. April bis 1. Mai). Und die Festivals? Säbeli Bum soll im Juni als fahrende Karawane durch Bern ziehen, Gugus-Gurte im Juli erneut im Kleinformat die Terrasse bespielen und Am Waldrand im August drei Wochen dauern. (cgr)
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