STUDIE S - ALLIANZEN, KOOPERATIONEN, PLATTFORMEN - ORF Public Value

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STUDIE
                                                          S

                                    MEDIENQUALITÄT IM DISKURS
PUBLIC VALUE JAHRESSTUDIE

                            ALLIANZEN, KOOPERATIONEN,
                                  PLATTFORMEN
                            GEMEINWOHLORIENTIERTE MEDIENQUALITÄT IN DER NETZWERKGESELLSCHAFT
PUBLIC VALUE ST UDIE                                                                                            VORWORT

                                                                                                                                            VOM BROADCASTER
                                                                                                                                             ZUR PLATTFORM
                                                                                                                             Öffentlich-rechtliche Medien erfüllen eine öffentliche Aufgabe. Das gilt
                                                                                                                             auch im digitalen Zeitalter. Als wesentliches Unterscheidungsmerkmal
                                                                                                                             zu ihren kommerziellen Konkurrenten sind sie verpflichtet, ein Ange-
                                                                                                                             bot für die gesamte Bevölkerung zu erstellen. Ihr demokratiepolitischer
                                                                                                                             Auftrag geht daher weit über ein Geschäftsmodell hinaus. Wie aber
                                                                                                                             kann es gelingen, dem Anspruch des „Rundfunks der Gesellschaft“
                                                                                                                             auch unter den Bedingungen globaler digitaler Kommunikation zu
                                  DIE 5 QUALITÄTSDIMENSIONEN                                                                 entsprechen? Ist es überhaupt möglich, den „sozialen Medien“ der Da-
                                                                                                                             tenkonzerne etwas entgegenzusetzen? Die beobachtbaren technologi-
  INDIVIDUELLER WERT                     GESELLSCHAFTSWERT                             ÖSTERREICHWERT
            VERTRAUEN                                 VIELFALT                               IDENTITÄT
                                                                                                                             schen und gesellschaftlichen Umbrüche spitzen diese Fragestellungen
             SERVICE                                ORIENTIERUNG                          WERTSCHÖPFUNG                      zu: Bürger/innen sind längst nicht mehr passive Konsument/innen,
          UNTERHALTUNG                              INTEGRATION                            FÖDERALISMUS                      sondern interaktive Nutzer/innen, die unter zahlreichen Möglichkeiten
              WISSEN                                BÜRGERNÄHE
                                                                                                                             öffentlicher Kommunikation wählen und daran teilnehmen können.
         VERANTWORTUNG                                 KULTUR
                                                                                                                                Öffentlich-rechtliche Medien sind dadurch herausgefordert: Wie er-
         INTERNATIONALER WERT                                       UNTERNEHMENSWERT                                         reichen sie ihr Publikum? Wie lösen sie das Problem der „Findability“,
                   EUROPA-INTEGRATION                                           INNOVATION                                   ihrer Zugänglichkeitt und ihrer Relevanz für die Bevölkerung? Was
                   GLOBALE PERSPEKTIVE                                         TRANSPARENZ
                                                                                                                             bedeutet die Realität einer digitalen Netzwerkgesellschaft für ihre in-
                                                                                KOMPETENZ
                                                                                                                             stitutionelle Rolle in demokratischen Gesellschaften? Öffnen sie sich
                                                                                                                             gegenüber anderen Medien, den Bildungs- und Kultureinrichtungen
                                                                                                                             und nicht zuletzt der (Zivil)gesellschaft? Welche Allianzen sind erfor-
Public Value, die gemeinwohlorientierte Qualität der öffentlich-rechtlichen                                                  derlich, um den neuen Herausforderungen der digitalen Medienwelt
Medienleistung des ORF, wird in insgesamt 18 Kategorien dokumentiert,                                                        zu entsprechen? Und nicht zuletzt: Wie erfüllen sie ihre (öffentlich-
die zu fünf Qualitätsdimensionen zusammengefasst sind.                                                                       rechtlichen) Funktionsaufträge angesichts der technologischen und
Mehr dazu auf zukunft.ORF.at.                                                                                                gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die mehr Partizipation, Ver-
                                                                                                                             netzung, Interaktion, Flexibilität eingedenk fragmentierter Bevölke-
                                                                                                                             rungsgruppen erfordern?
                                                                                                                                Diese Fragen stehen im Mittelpunkt der vorliegenden Public Value
                                                                                                                             Jahresstudie. Diese wurde in Kooperation mit der European Broadcas-
                                                                                                                             ting Union, dem Bayerischen Rundfunk und dem ZDF erarbeitet. In ihr
                                                                                                                             geht es um die Entwicklung digitaler Plattformen, die auf Allianzfähig-
                                                                                                                             keit und Kooperation beruhen. Um der Heterogenität des Themas zu
                                                                                                                             entsprechen, wurden unterschiedliche Wissenschaftler/innen damit
                                                                                                                             beauftragt, ihre fachspezifischen Analysen und Perspektiven beizutra-
                                                                                                                             gen. Sie sollen dabei helfen, die Qualitätsdebatte der öffentlich-recht-
                                                                                                     – gedruckt nach der
                                               DESIGN:
                                                                                             Richtlinie „Druckerzeugnisse”   lichen Medien der digitalen Transformation unserer Gesellschaft anzu-
                                               ORF Marketing & Creation GmbH & Co KG
 HERAUSGEBER UND HERSTELLER:                                                                 des Österreichischen            passen und zukunftsorientiert weiterzuentwickeln.
 Österreichischer Rundfunk, ORF                FÜR DEN INHALT VERANTWORTLICH:                Umweltzeichens,
 Würzburggasse 30, 1136 Wien                   ORF-Generaldirektion Public Value, BR         ORF Druckerei, UW 1237
                                                                                                                                              KONRAD MITSCHKA        KLAUS UNTERBERGER
 1. Auflage, © ORF 2019 Reaktionen, Hinweise und Kritik bitte an: zukunft@ORF.at                                                                          ORF PUBLIC VALUE

                                                         2                                                                                                      3
PUBLIC VALUE ST UDIE                                                   PUBLIC VALUE ST UDIE

                            INHALT                                  RUNDFUNK DER GESELLSCHAFT 3.0
                                                                                           UNIV.-PROF. IN DR. IN BARBARA THOMASS,
                                                                                               RUHR-UNIVERSITÄT BOCHUM
                                     5
           RUNDFUNK DER GESELLSCHAFT 3.0
                    UNIV.-PROF. IN DR. IN BARBARA THOMASS,
                                                                    Öffentlich finanzierter und öffentlich kontrollierter Rundfunk, der mit
                         RUHR-UNIVERSITÄT BOCHUM
                                                                    einem öffentlichen Auftrag ausgestattet ist, steht aus vielerlei Perspek-
                                                                    tiven in der Kritik. Eine Antwort aus dem wissenschaftlichen Diskurs,
                                   23                               die in die Praxis der Medienpolitik eingegangen ist, ist der Public Value
              VOM PUBLIC NETWORK VALUE                              – der gesellschaftliche Wert der Institution des öffentlichen Rundfunks,
                ZUM PUBLIC OPEN SPACE                               der seine Legitimität begründen soll. Was jedoch als Public Value an-
                    UNIV.-PROF. DR. THOMAS STEINMAURER,
                                                                    erkannt werden soll, ist nicht nur ein Feld gesellschaftlicher und me-
                           UNIVERSITÄT SALZBURG
                                                                    dienpolitischer Auseinandersetzungen, sondern ist auch – angesichts
                                                                    sich rapide wandelnder Bedingungen im Mediensystem – einem Wan-
                                   35                               del unterworfen, bzw. muss sich dynamisch den sich wandelnden Be-
   COMMONS ALS ÖFFENTLICH-RECHTLICHE AUFGABE                        dingungen anpassen. Die Frage steht, welche Auswirkungen sich durch
                     UNIV.-PROF. DR. LEONHARD DOBUSCH,              die kommunikationstechnologischen und gesellschaftlichen Verände-
                           UNIVERSITÄT INNSBRUCK
                                                                    rungen für die öffentlich-rechtliche Medienproduktion des ORF erge-
                                                                    ben und wie es gelingen kann, eine unterscheidbare Medienqualität
                                  46                                im Sinn der Erfüllung des gesetzlichen öffentlich-rechtlichen Auftrages
ZUR AKTUALITÄT VON KUNST UND MUSEEN IM POLITISCHEN                  effizient, kreativ und innovativ auszurichten.
  DISKURS UND DIE CHANCEN DER DIGITALEN ÖFFNUNG
                      PROF. IN DR. IN MARION ACKERMANN,             Angesichts der Tatsache, dass der Wettbewerb im globalisierten Me-
        GENERALDIREKTORIN DER STAATLICHEN KUNSTSAMMLUNGEN DRESDEN
                                                                    dienmarkt durch internationale aufgestellte Player bestimmt wird,
                                                                    deren Umsatz das Budget eines öffentlich-rechtlicher Anbieters in ei-
                                   52                               nem Kleinstaat um ein vielhundertfaches überschreitet, ergibt sich die
         WISSEN SCHAFFEN UND VERBREITEN                             Herausforderung, dass der ORF mit anderen Akteuren Kräfte bündeln
 ALLIANZEN IM WISSENSCHAFTS- UND BILDUNGSBEREICH                    muss, damit die Produktion von Qualitätsmedien für die gesamte Be-
                    UNIV.-PROF. DR. THOMAS O. HÖLLMANN,             völkerung zugänglich und relevant bleibt, und er seinen demokratie-
          PRÄSIDENT DER BAYERISCHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN
                                                                    politischen Funktionsauftrag trotz veränderter Bedingungen weiterhin
                                                                    erfüllen kann. Welche Kooperationen und Allianzen könnten dies sein?
                                  60                                Wie kann ein öffentlich-rechtliches Medienunternehmen die Anliegen
         MOVING FAST OR MOVING FORWARD?                             zahlreicher und offensichtlich unterschiedlicher gesellschaftlicher
                             PROF. DR TIM RAATS,                    Schichten erfüllen? Worauf stützen öffentlich-rechtliche Medien ihr
                    IMEC-SMIT, VRIJE UNIVERSITEIT BRUSSEL           Selbstverständnis als „Rundfunk der Gesellschaft“ und welche Ange-
                                                                    bote zur Partizipation sind sie in der Lage zu entwickeln? Mit wem kann
                                                                    der ORF kooperieren, um sicherzustellen, dass seine Medienprodukti-
                                                                    on die Bevölkerung erreicht und er ihre Anliegen wahrnimmt und ver-
                                                                    mittelt? Und noch grundsätzlicher gefragt: Wie entsteht ein Gespräch
                                                                    von Bürgerinnen und Bürgern zu relevanten Fragen in einer demokra-
                                                                    tischen Gesellschaft?
                                                                    Eine wesentliche Antwort auf diese Fragen liegt in der Perspektive, die
                                                                    mit der These „Öffentlich-rechtliche Rundfunkanbieter müssen Platt-

                                     4                                                                      5
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formen werden“ eröffnet wird. Warum dies so ist, wie eine Plattform-       kationsverhalten in den digitalen Kommunikationsinfrastrukturen und
perspektive für öffentlich-rechtliche Medien aussehen könnte, und wa-      die Beeinflussung von Selektion und Verarbeitung von Informationen
rum dies eine Antwort ebenso auf die demokratiepolitischen wie die         durch Algorithmen, die den Unternehmensziele kommerziell agierender
europäischen Herausforderungen sein kann, will dieser Beitrag analy-       intermediärer Akteure wie Facebook und Google dienen, bei (ebd. 480).
sieren.
                                                                           Selbstverständlich führen die beobachtbaren medientechnologischen
Demokratiepolitische Herausforderungen                                     Umbrüche auch zu Entwicklungen, die aus demokratiepolitischer Per-
Medien spielen eine entscheidende Rolle bei der Ausgestaltung und Sta-     spektive durchaus zu begrüßen sind: Bürger/innen sind längst nicht
bilisierung oder Destabilisierung sozialer Ordnung (Altmeppen et al.).     mehr passive Konsument/innen, sondern aktive Prosument/innen, also
Diese Aussage ist in pluralistisch verfassten Gesellschaften im Lichte     interaktive Nutzer- und Gestalter/innen, die nicht mehr von einigen we-
der demokratischen Ordnung zu präzisieren. Medien können eine ord-         nigen, zentralen Informationsangeboten abhängig sind, sondern eine
nende Funktion haben, in dem sie mittels Faktenvermittlung Klarheit        Vielzahl an Möglichkeiten, Wahl- und Entscheidungsfreiheiten haben,
und Orientierung liefern, das gesellschaftliche Gespräch motivieren        sich ihr Weltbild aus den zur Verfügung stehenden Medienangeboten
und damit im besten Falle die notwendigen Kompromisse beim Aus-            zu zimmern. Nur: Welche Perspektive die dominantere wird, die Disso-
gleich von Interessengegensätzen vorbereiten helfen. Oder sie produ-       nanz, die gesellschaftlichen Zusammenhalt unterminiert, oder die Viel-
zieren das Gegenteil: Unordnung in dem Sinne, dass sie Empörungen,         stimmigkeit, die in ein prosperierendes gesellschaftliches Miteinander
Antagonismen und Desorientierungen hervorrufen, die schlimmsten-           mündet, ist derzeit vollkommen offen. Lange konnte man davon ausge-
falls in eine Situation von Chaos oder Apathie münden (die Situation       hen, dass der öffentliche-rechtliche Rundfunk als bedeutender Faktor
rund um den Brexit vor dem 29. März 2019 mag dafür ein Beispiel lie-       der Medienordnung eine wichtige Rolle im Hinblick auf Orientierung
fern). Welcher Pfad angelegt wird, hängt ganz wesentlich von der be-       und Konsonanz der gesellschaftlichen Stimmen spielte. Er konnte seine
stehenden Medienordnung ab, von der Ausgestaltung der Medienmärk-          Integrations-, Orientierungs-, Bildungs-, Informations- und Unterhal-
te, ihrer Regulierung, den Angeboten, die daraus resultieren, und den      tungsfunktion in einem relativ überschaubaren Medienmarkt ausüben
Möglichkeiten zur Rezeption dieser Angebote.                               und war für viele Menschen die erste Anlaufadresse, wenn es darum
                                                                           ging, medial vermittelte kommunikative Bedürfnisse zu stillen. Er
Die gegenwärtigen Medienordnungen in den westlichen Industriege-           konnte diese Position auch in einem kommerzialisierten Medienmarkt
sellschaften – und so auch in Österreich – sind eher darauf angelegt,      behaupten.
das zu produzieren, was man in Entlehnung eines musiktheoretischen
Begriffes als Kakophonie bezeichnen könnte. In der Auseinanderset-         Doch das Hinzutreten der Intermediäre, das infolge von Globalisierung,
zung mit der Entwicklung von Öffentlichkeiten stellen Pfetsch et al.       Digitalisierung und Medienkonvergenz die Mediensysteme grundstür-
(2018) fest, dass Kommunikation in digitalisierten Öffentlichkeiten zwar   zend verändert hat, stellt diese Leistungen zunehmend in Frage, weil
einerseits zu einer Vielfalt, andererseits aber auch zu einem Zustand      sie in dissonanten Öffentlichkeiten marginalisiert werden. Nun verfü-
geführt hat, in dem „die Synchronität nicht notwendigerweise aufein-       gen Mediennutzer/innen in der digitalen Welt der Kommunikation über
ander bezogener Stimmen und Botschaften als Kennzeichen von Öffent-        eine unüberschaubare Menge an Information, und trotz der zahlreichen
lichkeiten beschrieben werden“ kann (Pfetsch et al. 2018, 479). Sie prä-   Möglichkeiten aktiver Partizipation, die sich bieten, legen bisherige
gen dafür den Terminus der dissonanten Öffentlichkeiten. Dissonanzen       Befunde die Befürchtung nahe, dass diese Plethora an Möglichkeiten
in Öffentlichkeiten verstehen sie als Situationen, „in denen vielfältige   nicht zu breiteren und vertieften Formen demokratischer Partizipati-
Akteure synchron und asynchron Themen, Informationen und Meinun-           on führt, sondern die Tendenzen, die demokratische Willensbildungs-
gen artikulieren, zwischen denen Spannungen, Gegensätze oder Brü-          prozesse unterminieren, dominieren (Eilders 2013). Dazu gehört, dass
che bestehen. Dissonanz umfasst dabei sowohl ein bezugloses Neben-         die Zahl der Info-Avoider, also jener Menschen, die aufgrund der Über-
einander verschiedener Öffentlichkeitsbeiträge als auch die explizite      frachtung der Medienangebote, der Gratismedien und der Fragmentie-
Gegenrede zur (vermeintlich) hegemonialen Perspektive“ (ebd. 482).         rung der Gesellschaft in individualisierte „Echokammern“ traditionelle
Zu diesen Dissonanzen tragen manipulierte digitale Wahlkampfkom-           Medien verweigern, zunimmt. All diese Entwicklung tragen dazu bei,
munikation, algorithmengesteuerte Social Bots, aggressives Kommuni-        dass sich die Stimmen derer, die die digitalen Kommunikationsinfra-

                                   6                                                                          7
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strukturen als Bedrohung demokratischer Verhältnisse sehen, mehren.       im europäischen Kontext zukommen. Dies soll mit dem Rekurs auf das
Hat der durchkommerzialisierte Medienmarkt schon bisher eine Zu-          Konzept der europäischen Öffentlichkeit geschehen.
nahme von Personalisierung komplexer Politikprozesse, Sensationa-
lisierung der Berichterstattung und extremer Komplexitätsreduktion        Mit der Gründung der EU hat sich die europäische Integration von ei-
mit sich gebracht (Trappel et al. 2015), so konnte durch einen starken    nem primär wirtschaftlichen zu einem umfassend politischen und
öffentlich-rechtlichen Sektor am Medienmarkt eine gewisses Niveau         gesellschaftlichen Projekt entwickelt. Durch die Erweiterung der po-
an Standards der Informationsgebung und Kommentierung aufrecht­           litischen Ziele und zunehmenden Verlagerung nationaler Kompeten-
erhalten werden.                                                          zen auf europäische Ebene ist die demokratietheoretische, aber auch
                                                                          handlungsrelevante Frage der Anbindung der europäischen Bevölke-
Starke Qualitätsmedien nahmen im publizistischen Wettbewerb eine          rung über die Öffentlichkeit eine relevante Erfordernis geworden. Die
positive Rolle zur Aufrechterhaltung journalistischer Standards ein.      fundamentale Idee, dass demokratische Prozesse einen Kommunika-
Durch das Hinzutreten von Akteuren vielfältiger Art, die sich in keiner   tionsraum benötigen, in dem politische Entscheidungen diskursiv vor-
Weise mehr an die tradierten und geltenden journalistischen und Kom-      bereitet, Informationen und Meinungen zwischen Bürger/innen und
munikationsnormen halten, droht sich die Situation drastisch zu ver-      politischen Akteuren ausgetauscht und die Kritik- und Kontrollfunkti-
ändern – nicht mehr der im Öffentlichkeitsideal nach Habermas’scher       on ausgeübt werden, ist dabei von der nationalen auf die europäische
Prägung angestrebte Austausch rationaler Argumente dominiert den          Ebene übertragen worden (Thomaß 2002). Medien kommt dabei eine
öffentlichen Diskurs, sondern es droht das – durch Großbuchstaben in      zentrale Funktion zu, wobei diese Übertragung nicht in dem Sinne zu
den sogenannten sozialen Medien besonders deutlich markierte – Ge-        leisten ist, dass europäische Medien eine europäische Öffentlichkeit
schrei. Weil das Internet zu einem weitgehend kommerziellen Raum ge-      herstellen. Dass dies ein Fehlschluss ist, haben viele Versuche gezeigt,
worden ist, konnten sich die Hoffnungen auf eine Demokratisierung der     solche Medien zu gründen. Ob The European, Euronews oder Arte –
Öffentlichkeit nicht erfüllen. Der Vorschlag, dass ein „Civic Commons     Medien von wahrhaft europäischen Anspruch oder Tenor sind entwe-
Online” benötigt werde und dass ÖRM einzigartig positioniert seien,       der wieder eingestellt worden, oder erreichen nur ein kleines, elitäres
einen solchen Deliberationsraum zu schaffen, der sowohl die Öffent-       Publikum (Thomaß 2004). Als wichtiger Motor europäischer Öffentlich-
lichkeit als auch die parlamentarische Debatte ergänzt (z.B. Bua 2009;    keiten haben sie nicht funktioniert. Demgegenüber hat sich in der For-
Ramsey 2013), ist deshalb nur konsequent. Es steht die Frage, wie der     schung das Modell der Europäisierung von nationalen Öffentlichkeiten
Kern des öffentlich-rechtlichen Auftrages, Rückgrat der Demokratie zu     als das wahrscheinlichere etabliert, das besagt, dass sich die Bericht-
sein, für die gegenwärtige und zukünftige Medienlandschaft gesichert      erstattung in den jeweils nationalen Medien zunehmend europäischen
werden kann. Diese demokratiepolitische Herausforderung steht aber        Themen widmet – sei es, dass über die Vorgänge in Brüssel, dass über
nicht nur für die nationale Ebene, sondern auch für die europäische,      die Verhältnisse in anderen Ländern, die den eigenen Themen ähneln
wie der nachfolgende Absatz erläutern soll.                               berichtet wird, oder dass große Krisenthemen, die alle Länder betreffen,
                                                                          aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet werden. Brüggemann et al.
Europäische Herausforderungen                                             (2009) sahen fünf Treiber einer so sich europäisierenden transnationa-
Seit vielen Jahren befindet sich die Europäische Union in einer dauer-    len Öffentlichkeit: (1) transnationale Medien in Europa, (2) verschie-
haften Krise und steht unter erhöhtem Legitimationsdruck. Dennoch ist     dene Akteursgruppen als Sprecher einer europäischen Öffentlichkeit,
die Europäische Union für die Bewahrung zukünftiger Entwicklungs-         (3) die Europäisierung nationaler Mediendebatten, (4) die Ausprägung
chancen der Europäerinnen und Europäer von größter Bedeutung, und         europäischer Medienevents und (5) die Entstehung europäisierter Me-
ein Diskurs für die Stärkung der europäischen Meinungsbildung ist         dien- und Bürgerpublika. Im Lichte der jüngeren Entwicklungen sind
wichtiger denn je. Doch die abnehmende Fähigkeit von Medien, pro-         jedoch alle diese fünf mit erheblichen Makeln behaftet, wenn man sie
duktiv zur demokratischen Ordnung beitragen zu können, erfährt im         mit Blick auf das „Demokratiedefizit“ (Kluth 1995) in der EU betrachtet,
europäischen Kontext eine weitere Unterminierung. Dies liegt sowohl       und haben sich auch nicht so entwickelt, wie Brüggemann et al. es vor
an der Besonderheit der Politikherstellung und -darstellung innerhalb     zehn Jahren konstatiert hatten. (1) Zu den transnationalen Medien sind
der Europäischen Union als auch an der Situation der europäischen         keine weiteren hinzugetreten, und die genannten bestehenden stagnie-
Medien. Doch zunächst ist dafür zu klären, welche Aufgaben Medien         ren in ihrer Reichweite. (2) Da es überwiegend nationale Regierungen

                                   8                                                                         9
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sind, die in der Debatte der Qualitätspresse das medial veröffentlichte    Dieser Gedanke verbindet die Potenziale des Internets mit früheren
Wort über EU-Politik führen (vgl. Wessler et al. 2008), wird mit ihnen     Überlegungen, was der öffentliche Rundfunk für eine europäische Öf-
auch die nationale Sicht auf europäische Themen mittransportiert.          fentlichkeit leisten kann (Thomaß 2006). Dass durch die europäische
Und die ist überwiegend von einem sehr einfachen Muster geprägt: Er-       Integration ein größerer Raum politischen Handelns entstanden ist,
folge werden dem Handeln der eigenen Regierung zugeschrieben, für          der einer Begleitung durch eine grenzüberschreitende Öffentlichkeit
Misserfolge wird „Brüssel“ verantwortlich gemacht, das mal als Büro-       bedarf, ist oben ausgeführt worden. Die Rolle, die der öffentliche Rund-
kratiemonster, mal als Geld verschlingender Moloch erscheint. (3) Die      funk dabei spielen kann, speist sich aus dem Vorteil, dass er aufgrund
Europäisierung nationaler Mediendebatten, im Sinne einer Konvergenz        der gesellschaftlichen Bindung, die ihn auf grundlegende kulturelle
der jeweiligen Agenden, ist seit der Finanzkrise von 2008 dadurch ge-      oder gesellschaftliche Zwecke verpflichtet, leichter in den Prozess der
kennzeichnet, dass vor allem Vorwurfshaltungen und Stereotype beim         Europäisierung von Öffentlichkeiten einzubinden ist. Denn er stellt
Blick auf andere Länder vorwiegen. Damit werden Konflikte, die inner-      eine Form der Rundfunkregulierung dar, die auf dem Konsens beruht,
halb der EU existieren, die jedoch Konflikte um unterschiedliche Posi-     dass Rundfunk bestimmte demokratische, gesellschaftliche und kultu-
tionen zu Auseinandersetzungen zwischen Volkscharakteren stilisiert        relle Bedürfnisse zu befriedigen hat, die jenseits von Konsumentenin-
– eine Interpretation, die einem sachlichen Diskurs mehr als abträg-       teressen liegen. Dafür wird er in gewissem Maße vor den Kräften des
lich sind. Hillje spricht sogar von eine „Dysfunktionalität europäischer   Marktes geschützt (z.B. durch den Rundfunkbeitrag), es werden ihm
Öffentlichkeit“ (Hillje 2019, 10). (4) Europäische Medienereignisse wie    Verpflichtungen auferlegt (z. B. zur Grundversorgung, zur Berücksichti-
z.B. der Eurovision Song Contest erreichen zwar große Publika, doch        gung von bestimmten Programminhalten zu maßgeblichen Anteilen in
haben auch sie nationale Egoismen mehr in den Mittelpunkt gestellt,        seinem Programm), und diese Privilegien und Verpflichtungen werden
als etwa das gemeinsame Feiern einer vielfältigen europäischen Kultur.     durch Kontrollstrukturen abgesichert (Syvertsen 2003).
(5) Die Entstehung europäisierter Medien- und Bürgerpublika schließ-
lich ist der interessanteste Aspekt im gegebenen Zusammenhang, weil        Hieran gilt es anzuknüpfen, wenn nach den Möglichkeiten einer euro-
hier die potenziale der digitalen Kommunikationsinfrastruktur in den       päischen Plattform gefragt wird, die den Erfordernissen einer demokra-
Mittelpunkt rücken.                                                        tisch orientierten Kommunikation im europäischen Rahmen Genüge
                                                                           tun kann. Denn dass Trolle, Fakenews und Hassbotschaften in den so-
Es ist ja nicht so, dass das Internet per se die Dissonanz und Kakopho-    genannten sozialen Medien – also die Kakophonie, die in dissonanten
nie produziert, die oben genannt wurden. Es „kann geographische,           Öffentlichkeiten entsteht – für den demokratischen Diskurs Übles be-
sprachliche und kulturelle Grenzen besser überwinden als jedes an-         deuten, gilt einmal mehr für den europäischen Diskurs, in dem vor al-
dere Medium“ (Hillje 2019, 15). Es bietet einen Kommunikationsraum,        lem Nationalisten sich die Aufmerksamkeitsökonomie der Digitalkon-
zu dem in Europa mittlerweile – mit großen Schwankungen zwischen           zerne zu Nutze machen und Entsprechendes verbreiten. Warum dies so
den einzelnen Ländern – 89 % der Bevölkerung Zugang haben (statis-         ist, und warum das Konzept einer Plattform für europäische Öffentlich-
ta). Es bietet vielfältigste Vernetzungsmöglichkeiten, sprachliche Hür-    keiten hoch relevant ist, soll im nächsten Paragraph geklärt werden.
den werden in kürzester Zeit durch intelligente Übersetzungssysteme
überwunden sein, es bietet eine transnationale Struktur, es begleitet      Die Grenzenlosigkeit oder die Grenzen der Plattformökonomie
die Nutzer fast ständig – beste Voraussetzungen, einen integrativen        Die Veranstalter der wichtigsten Industriemesse der Welt, der Han-
Kommunikationsraum zu bieten, der Information, Austausch und Par-          nover Messe, bezeichnen die Plattformökonomie als Herzstück der
tizipation auf und zwischen allen Ebenen des komplexen europäischen        digitalen Revolution (Hannovermesse), machen sie für märchenhafte
politischen Systems erlauben würde – in einer besseren als der der-        Wachstumszahlen verantwortlich und fragen: „Was macht Plattformbe-
zeitigen Medienordnung. Doch es sind diese Potenziale des Internet,        treiber wie Google, Apple, Facebook und Amazon so erfolgreich? Und
zusammen mit den demokratiepolitischen und den europapolitischen           was können produzierende Unternehmen von ihnen lernen?“ Zunächst
Herausforderungen, die die Begründung für eine Plattformperspektive        stellt die Plattformökonomie ein neuartiges Geschäftsmodell dar, mit
für öffentlich-rechtliche Medien abgeben.                                  dem sich die Kundenbeziehungen also so grundsätzlich optimieren las-
                                                                           sen, dass jedwede Branche davon profitieren könnte. Nun ist es seit je
                                                                           eine fundamentale Betrachtung von Medien, dass sie eben nicht nur

                                  10                                                                          11
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Güter wie jede andere Branche produzieren und am Markt vertreiben,          merziellen Anbietern billigend in Kauf genommen werden. Die massive
sondern meritorische Güter, also Güter an denen ein besonderes gesell-      Verarbeitung und Verwertung von Nutzerdaten, auf der die Geschäfts-
schaftliches Interesse besteht, und die vom Markt nicht ohne weiteres       modelle der Plattformbetreiber basieren, stehen häufig in Konflikt mit
bzw. nicht in ausreichendem Maße und ausreichender Qualität bereit          dem Datenschutz.
gestellt werden. Es ist also danach zu fragen, welche Besonderheiten
die Plattformökonomie für Medien bereithält und wie sie das Angebot         Während die traditionellen Geschäftsmodelle der Medienbranche auf
von Medien verändert.                                                       der Werbevermarktung von Spots, Anzeigen und Beilagen und teilweise
                                                                            einem direkten Erlösmodell für journalistische Inhalte durch Subscri-
Im Kern bedeutet die Plattformökonomie die systemische Vernetzung           ber-Modelle/Abonnement bzw. Einzelverkaufserlöse beruhen, haben
von Hardware- und Softwareprodukten, monetarisierbaren Daten und            sich diese Geschäftsmodelle im Rahmen der digitalen Transformati-
Services und das gemeinsame Agieren in einem Wertschöpfungsnetz-            on und der damit verbundenen Medienkonvergenz zugunsten neuer
werk. Digitale Plattformen agieren mittels Informationstechnologie          nicht-journalistischer digitaler Geschäftsmodelle verändert. Nun sind
auf zweiseitigen Märkten, sie vermitteln zwischen externen Herstellern      die Plattformen, die den meisten Traffic auf sich vereinen können, die
und Kunden, und werden dafür ggf. von den einen mit Transaktions-           erfolgreichsten. Sie arbeiten nach der Logik der Aufmerksamkeitsöko-
gebühren, von den anderen in jedem Fall mit Daten finanziert. Diese         nomie. Algorithmen verstärken die Verbreitung unerwünschter Inhalte
Daten werden dann gewinnbringend für hochgradig personalisierte             wie Hate-Speech. Kommunikation und Transaktionen auf Plattformen
Werbung eingesetzt. Dabei können Unternehmen durchaus die eigene,           sind anfällig für Irreführung durch Intransparenz, Manipulation und
bisher geschlossene Plattform gezielt für Fremdanbieter öffnen oder         Verzerrungen, und erlauben Microtargeting, das sich jedweder öffentli-
mit bisherigen Konkurrenten kooperieren. Ein Grundprinzip dieser            chen Kontrolle entzieht.
digitalen Plattformökonomie besteht darin, eine Vielzahl von (unter-
schiedlichen) Anbietern mit ihren Angeboten zusammenzubringen und           Schaut man sich die großen Player in der Plattformökonomie an, so
sie unterschiedlichen Kunden auf einer gemeinsamen Plattform anzu-          kann man feststellen, dass es sich in jedem Falle um digitale Mono-
bieten. Sie können dies, weil sie eine digitale Infrastruktur anbieten,     pole handelt und dass sie ihre jeweiligen Sektoren dominieren. Sie ha-
die diese Vernetzung von Anbietern und Nachfragern auf vielfältige          ben diesen riesigen Wettbewerbsvorteil erreicht, weil sie die enormen
Weise ermöglichen. Je intensiver und zahlreicher diese Vernetzungen         Datensammlungen, die sie im Zuge ihrer Geschäftstätigkeit angehäuft
sind, desto mehr Daten entstehen, die weitere Vernetzungen generie-         haben, mit exponentieller Steigerung zur Gewinnmaximierung wieder
ren. Je mehr Nutzer also eine Plattform hat, desto erfolgreicher kann sie   einsetzen können. Mittlerweile sind von den großen Fünf der Plattfor-
Mitwettbewerber verdrängen. Online-Plattformen wie Facebook, You-           mökonomie – Google, Apple, Facebook, Amazon und Microsoft – viele
Tube, Wikipedia und Amazon haben im vergangenen Jahrzehnt wirt-             weitere Plattformen und Anwendungen infrastrukturell abhängig, weil
schaftliche und soziale Entwicklungen so sehr geprägt, dass mitunter        sie Daten und Kundenstämme der genannten nutzen. Der Wettbewerb
bereits von einer Plattformgesellschaft gesprochen wird. Ihr Erfolg auf     in der Plattformökonomie ist also schon längst ausgehebelt. Die so ent-
zwei- oder mehrseitigen Märkten ist u.a. darauf zurückzuführen, dass        standenen Monopolisierungsprozesse werden durch die der Plattfor-
ihre Funktionen in hohem Maße automatisiert ausgeführt werden. Ein          mökonomie inhärenten Netzwerkeffekte beschleunigt. Damit werden
entscheidendes Merkmal der Plattformökonomie ist, dass die materiel-        die Mechanismen benannt, die bewirken, dass eine höhere Mitglieder-
len Güter oder Dienstleistungen in den Hintergrund treten, und die Ver-     zahl einer Plattform zu einer Nutzensteigerung aller an der Plattform
fügungsgewalt über die Kombination von Angebot und Nachfrage auf            beteiligten Personen führt. Auf Facebook findet sich diese Dynamik
einer Plattform das Geschäftsmodell ausmacht und die dazugehörigen          genauso wie auf Plattformen, die Güter oder Dienstleistungen vermit-
Daten (wer fragt was nach, wer bietet was?) den eigentlichen Wert des       teln. Diese Netzwerkeffekte führen zu einem „sich selbst verstärkenden
Unternehmens ausmachen. Airbnb besitzt keine Hotels oder Betten,            Wachstumsprozess einzelner Plattformen, sobald diese einen gewissen
Uber keine Autos, Amazon ist kein Warenproduzent. Und die großen            Schwellenwert an Mitgliedern erreicht haben und erschweren poten-
Informationsplattformen verfügen über keine Redaktionen. Mit der zu-        ziellen Konkurrent/innen den Eintritt in den Markt“ (Arthur 1996). Die
nehmenden Verbreitung von Internet-Plattformen und dem Trend zur            Monopolstellung der großen Plattformanbieter erlaubt es ihnen auch,
Automatisierung gehen jedoch vielfältige Risiken einher, die von kom-       durch Ausnutzung rechtlicher Grauzonen die häufig unzureichend

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sichergestellte Privatsphäre ihrer Nutzer/innen für die Datengenerie-      weniger Plattformen also den öffentlichen Meinungsraum gestalten,
rung, die weitere Verwertungen erlaubt, zu verletzen. Die Algorithmen,     wenn Facebook zum Quasi-Monopolisten für die Orchestrierung von
die die Selektion und Präsentation von Suchergebnissen und Informa-        Öffentlichkeit geworden ist, dann stellt sich die Frage der Funktiona-
tionen steuern, sind darauf angelegt, ein Maximum an personalisierten      lität der Plattformökonomie für die gesellschaftliche Kommunikation.
Daten zu erheben, um Werbung so passgenau wie möglich zu platzie-          Die ökonomische Macht der Plattformen ist somit demokratierelevant,
ren. Die Logik der Information ist am zahlungskräftigen Konsumenten        weil sie die Voraussetzungen einer demokratischen Öffentlichkeit ge-
ausgerichtet, nicht am Bürger.                                             fährdet, ohne dass irgendeine gesellschaftliche Kontrolle diese Macht
                                                                           bislang einhegen konnte.
Die Dramatik der Folgewirkungen im Bereich von Information, Kommu-
nikation und Unterhaltung lässt sich mit dem Stichwort der Disruption      Es ist also nicht so, dass das Überangebot an medialen Inhalten – Con-
annähernd erfassen. Die Plattformanbieter bringen neue Medienfor-          tent, wie das dann unterschiedslos genannt wird – ein an demokrati-
mate hervor, diese verändern Nutzungserwartungen und Nutzerver-            scher Öffentlichkeit orientiertes Informationsangebot überflüssig ma-
halten. Die entstandene Wirklichkeit digitaler Medienangebote ist eine     chen würde – im Gegenteil. Die Informationsflut erfordert es geradezu,
Welt von multiplen Realitäten, die parallel nebeneinander existieren.      dass es verlässliche Orientierung gibt. Insofern stellt sich die Frage, wie
Falsch­informationen haben zugenommen, Halb- und Viertelwahr-              öffentlich-rechtliche Medien sich im Rahmen dieser Plattformökono-
heiten kursieren, ein emotionaler Aufreger wird durch den nächsten         mie aufstellen und entwickeln sollten.
scheinbar noch skandalöseren verdrängt, Verschwörungstheorien
verbreiten sich viral in großer Geschwindigkeit, Vorurteile und vor-       Öffentlich-rechtliche Medien als Plattform
schnelle Urteile verdrängen gesichertes Wissen. Die fälschlicherweise      Aus den oben aufgeführten Besonderheiten der Plattformökonomie
als sozial bezeichneten Netzwerke befeuern diesen Schwelbrand, der         und ihren Konsequenzen für das mediale Angebot sollte deutlich ge-
sich in die solide Information hineinfrisst, mit immer neuen Angeboten     worden sein, dass sie für das Mediennutzungsverhalten eine enorme
und Funktionalitäten, die von machtvollen Intermediären mit einem          Bedeutung haben, und dass sie gegenwärtig fast ausschließlich im Sin-
großen Forschungs- und Entwicklungsetat ständig aufs Neue ersonnen         ne einer Kapitalverwertungslogik agieren, nicht orientiert an den Inte-
werden (Thomaß 2018).                                                      resse der Allgemeinheit. Das Gemeinwohlinteresse, das an der Wiege
                                                                           der Etablierung der öffentlich-rechtlichen Medien lag, ist hier vollkom-
Information und Kommunikation sind entscheidende Instrumente der           men abwesend. Die Frage steht also, ob starke Plattformen geschaffen
Macht, konstatierte der spanische Soziologe Manuell Castells in seinem     werden können, die eine Alternative und dem Publikum eine leicht
wichtigen Werk über die Netzwerkgesellschaft (2001). Da die Plattform-     erkennbare Anlaufstelle für Inhalte bieten, welche die Kriterien und
ökonomie das genannte Oligopol von fünf gigantischen Netzkonzernen         Standards erfüllen, die bislang für öffentlich-rechtliche Medien gelten.
hervorgebracht hat, sind stark vermachtete Strukturen entstanden, de-      Derzeit sind verschiedene Modelle in der Debatte. Sie gegeneinander
ren Geschäftsmodelle letztlich auf Big Data beruhen. „Facebook wird        abzuwägen, um herauszukristallisieren, welche Allianzen erforder-
nicht dazu betrieben, dass wir alle unsere Ideen austauschen. Sondern      lich sind, um den neuen Herausforderungen der digitalen Medienwelt
damit Werbende mehr Daten über uns erhalten. Das ist die primäre           3.0 zu entsprechen, ist die entscheidende Aufgabe für die öffentlich-
Funktion. Alles andere ist ein Nebenprodukt“, konstatiert der Ökonom       rechtlichen Medien in naher Zukunft. Denn es sollte klar geworden
Srnicek (2018). Die Algorithmen, die das jeweilige Angebot steuern,        sein, dass angesichts der Übermacht der Digitalkonzerne in der Platt-
versetzen die Nutzer in separierte digitale Realitäten, wenn diese nicht   formökonomie ein einzelner öffentlich-rechtlicher Sender, zumal ein
ihrerseits aktiv werden und Angebote kennen und nutzen, mit denen          vergleichsweise kleiner wie der ORF, hoffnungslos damit überfordert
sie diesen Filterblasen entkommen können. Wo solche Filterblasen als       ist, dieser Marktmacht alleine Paroli bieten zu können. Die verschiede-
vorwiegende Kommunikationsräume sich ausdehnen, wächst die Ent-            nen Modelle zu einer Plattform der bzw. mit den öffentlich-rechtlichen
fremdung zwischen einzelnen sozialen Gruppen und insbesondere zwi-         Medien orientieren sich an unterschiedlichen Vorstellungen und Prä-
schen Eliten und breiten Teilen der Bevölkerung. Gelingt es nicht, diese   missen. Als Public Open Space bezeichnen Holznagel et al. (2016) ei-
verschiedenen Gruppen zusammenzuführen, vertieft sich die ohnehin          nen nationalen öffentlichen Kommunikationsraum, der die Angebote
bereits bestehende soziale Spaltung noch weiter. Wenn die Algorithmen      des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit anderen, für den politischen

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und kulturellen Diskurs wichtigen Angeboten wie die von Museen oder          chen, wie wichtig ihm die Kooperation mit kommerziellen Anbietern
Wissenschafts- und Kultureinrichtungen zusammengeführt und für die           erscheint. Es sollen Verlage, aber auch Institutionen aus Wissenschaft
Zielgruppen öffentlich-rechtlicher Medien leichter zugänglich macht.         und Kultur beteiligt werden. Die Initiative solle unterschiedlichste Ge-
Sie beschreiben diese Plattform als Vernetzung oder Bündelung eige-          schäftsmodelle zulassen, den Zugang auch zu den Nutzerdaten und ge-
ner und ausgewählter Inhalte Dritter, die den Nutzerinnen und Nutzern        meinsame Log-in-Systeme.
die Auswahl und Orientierung erleichtern soll und stellen als Notwen-
digkeit heraus, dass „ein klar definierter Auftrag bestehen, die Finan-      Wilhelm bezieht sich dabei auf das Beispiel Österreich, wo unter der
zierung geklärt werden und die redaktionelle Verantwortung beim ÖRR          Vermittlung der Nachrichtenagentur APA der ORF und die wichtigen
liegen“ muss (ebd. 95).                                                      Verlagshäuser in eine neue Beziehung getreten sind. Die Austria Vi-
                                                                             deoplattform der APA gilt als ein internationales Vorzeigeprojekt, das
Vorangegangen war bereits die BBC, die mit einem open space genann-          zeigen soll, wie die Zusammenarbeit zwischen öffentlich-rechtlichem
ten Angebot online gegangen war, das versprach: „Members of the pu-          Rundfunk und privaten Medienunternehmen funktionieren kann. EPOS
blic explore issues important to them“ (BBC). Für die Erneuerung ihrer       ist der weitergehende Ansatz einer Gruppe von Wissenschaftlern, die
Charter kündigte die BBC in 2015 an, dass sie ihren iPlayer unter dem        mit einem European Open Space (EPOS) ein Projekt zur Konzipierung
Label „Ideas Service“ für andere Institutionen aus Kultur, kulturellem       öffentlicher Freiräume in der digital vernetzten Öffentlichkeit anregen
Erbe und wissenschaftlichen Institutionen öffnen wolle: „Central to the      wollen (Thomass et al. 2017). Es geht ihnen dabei um „Räume, die dem
Ideas Service will be strong curation, through a combination of editorial,   öffentlichen Interesse dienen, frei sind von staatlichen und marktwirt-
algorithmic and social methods“ (BBC 2015:70). Im Januar 2018 ging BBC       schaftlichen Einflüssen und europäische Ausmaße haben“ (Grassmuck
ideas dann online (BBC 2018). Der Dienst ist heute – gemessen an den         2018). Die Idee zu dem Projekt leitet sich aus der Feststellung ab, dass
ursprünglichen Ansprüchen – ein eher bescheidenes Angebot an Kurzvi-         öffentlich-rechtliche Medien auch in der digitalen Medienwelt einer der
deos mit Meinungen, Alltagsgeschichten und künstlerischen Filmen. Ein        wichtigsten Orte für öffentliche Politik, Kultur und Integration bleiben.
ähnliches Angebot findet sich bei der Australian Broadcasting Corporati-
on: ABC Open „publishes and broadcasts stories made by regional Aus-         Vier konstitutive Elemente sind dabei vorgesehen: die öffentlich-recht-
tralians. All across Australia, people are creating great videos, photos     licher Medien selbst, öffentliche Wissensinstitutionen wie Europeana
and written stories to share on the ABC. ABC Open brings these stories       – ein Netzwerk von annähernd 4000 Kulturorganisationen aus ganz
together for you to explore.” (ABC Open)                                     Europa – , zivilgesellschaftliche Wissensinstitutionen wie Wikipedia
                                                                             und Bürger/innen. Die Tatsache, dass zivilgesellschaftliche Wissens-
Die deutsche Kulturplattform zdfkultur, die das ZDF gemeinsam mit 35         Allmendgemeinschaften wie Open Access Science, Freie Software,
Partnern aus den Bereichen Musik und Theater, Kino, Kunst, Kabarett,         Wikipedia und Open Educational Resources sich für qualitätsgesicher-
Lesen, Reisen, Design und Gaming im Februar 2019 gelauncht hat, ist          tes, relevantes, quellengestütztes Wissen für das Gemeinwohl und für
eingebunden in die relativ erfolgreiche Mediathek, und stellt einen An-      freien und universellen Zugang dazu engagieren, macht sie zu einem
satz dar, durch Kooperation mit nicht-kommerziellen Partnern ein viel-       natürlichen Partner für öffentlich-rechtliche Medien, die gleiche Werte
fältiges Angebot auf einer Plattform zu schaffen, dabei aber die eigene      vertreten. Die vierte Säule, die der Bürger/innen, wird für notwendig
Marke prägnant zu halten. Eine Kooperation mit dem anderen öffentlich-       erachtet, weil durch sie über Kommentare, Empfehlungen, Kuratie-
rechtlichen Anbieter in Deutschland, der ARD, ist nicht geplant.             rung, Inhalteproduktion sowie Governance die wiederkehrenden For-
Der Vorsitzende der ARD, Ulrich Wilhelm, ist mit einem Vorschlag an          derungen nach einem nicht-kommerziellen Youtube (Hündgen 2013)
die Öffentlichkeit getreten, nach dem öffentlich-rechtliche und kom-         und nach Partizipation als Grundlage für die gesellschaftliche Integ-
merzielle Medien gemeinsam auf einer Plattform auftreten sollten: „Die       ration realisiert wird. Das wesentliche Merkmal von EPOS gegenüber
Initiative, die ich vorschlagen möchte, ist, dass wir versuchen, neben       den bisher genannten Projekten und Angeboten ist die europäische Di-
die Nutzung von Facebook, Google und anderen eine weitere Möglich-           mension. Sie wird vor dem Hintergrund der Notwendigkeit einer euro-
keit zu stellen, eine Plattform, die nach unseren Werten ausgerichtet        päischen Öffentlichkeit begründet, weshalb EPOS von Anfang an pan-
ist“ (FAZ 2018) . Dass er diesen Vorschlag beim Kongress des Bundes-         europäisch gedacht werden soll.
verbandes deutscher Zeitungsverleger unterbreitete, mag unterstrei-

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Die Projektgruppe stellt verschiedene Möglichkeiten vor, welche Form           Nutzen im Hinblick auf die europäische Integration bieten (ebd. 133).
EPOS annehmen könnte: „Es könnte eine einzige europaweite Plattform            Hillje entwickelt auch Vorschläge, welche Akteure ein solches Angebot
sein, die alle Inhalte und Funktionen in 24 Amtssprachen für alle zum          bei unbedingter Beachtung des Unabhängigkeitsgebotes organisieren
Filtern bereitstellt oder mehrere thematisch getrennte Plattformen. Es         könnten und sieht in der Europäischen Rundfunkorganisation EBU den
könnte eine Meta-Site sein, die Inhalte von Tausenden von föderierten          geeigneten Rahmen, in dem eine Plattform Europa entstehen könnte
Partnersites aggregiert und kuratiert wie Europeana oder ein Netzwerk          (ebd. 136).
dezentraler Produktion und Distribution wie Investigate-Europe.eu. Sie
könnte auch gar keine eigenständige Form annehmen, sondern darin               Und schließlich hat sich eine weitere Forschergruppe um den Begriff
bestehen, die europäischen digitalen Kapazitäten in den bestehenden            EPIC (European Public Information & Communication Space) geschart,
nationalen und regionalen Medien zu stärken“ (Grassmuck 2018).                 der vor allem auf Förderung der Europäischen Gesellschaft fokussiert.
                                                                               Es sollen Konzepte entwickelt werden für “platforms and services so
Zentral für EPOS ist, dass die Plattform den traditionellen Auftrag der        that European citizens can inform themselves through multiple che-
öffentlich-rechtlichen Medien, also die Bereitstellung von Informatio-         cked sources (legacy media/cultural archives/citizen sources); discuss
nen, Bildung, und Kultur, um den Zugang zu den Speichern des kultu-            current issues in a fair not-mainly commercial focused environment;
rellen Erbes und zur aktuellen Kultur und Wissensproduktion in Festi-          collaborate on ideas & solutions for European challenges and be able to
vals, Universitäten, politischer Bildung usw. erweitert. Sie unterstützt       set civic agendas on a European scale” (Sarikakis 2019).
die P2P-Kuratierung und -Produktion von Wissen und Software und die
Bereitstellung eines Raums für demokratische Deliberation (ebd.). Da-          Potenziale von ÖRR als Plattform
mit würden sich in EPOS vier Gruppen zusammenschließen, die jede               Auffällig an diesen verschiedenen Initiativen, die sich personell teils
für sich dem öffentlichen Interesse verpflichtet sind, auch wenn durch-        überschneiden, teils parallel ähnliche Konzepte wägen, ist, dass sie
aus kategorial verschiedene Akteure und Wissensbestände vereint                alle von der defizitären Öffentlichkeit ausgehen, die gegenwärtig durch
würden. Sie teilen jedoch fundamental Werte und Orientierungen und             das kommerzielle Internet vermachtet ist, dass sie die öffentlich-recht-
unterscheiden sich damit von der Gewinnorientierung kommerzieller              lichen Medieninstitutionen als Kern sehen und dass sie einen europä-
Medien.                                                                        ischen Rahmen setzen. Auffällig ist aber auch, dass mit Ausnahme der
                                                                               Initiative, die vom ARD-Vorsitzenden Wilhelm ausgeht, Vertreter öffent-
„Plattform Europa“ nennt Hillje (2019) sein Modell, das wesentliche Ge-        licher-rechtlicher Medienanbieter eher zurückhaltend in der Diskussion
danken des oben genannten EPOS beinhaltet und ebenso konsequent                insbesondere der europäischen Dimension sind. Dabei sind die Chan-
auf europäische Öffentlichkeit orientiert. Hillje geht davon aus, dass         cen, die eine Plattform öffentlich-rechtlicher Medien im Verbund mit
auch in der digitalen Welt – analog zum dualen Rundfunksystem – ne-            anderen nicht-kommerziellen Anbietern bietet, vielfältig (Grassmuck
ben den kommerziellen öffentliche Plattformen installiert werden soll-         2018): Öffentlich gefördertes Wissen würde im öffentlichen Interesse im
ten (Hillje 2019,129). Er plädiert für eine Plattform Europa, die den kultu-   Kontrast zu kommerziellen Medien sichtbarer und „an Anerkennung,
rellen, sozialen und demokratischen Raum eröffnet, der als Ergänzung           Reichweite und Legitimität gewinnen. Bürger/innen erhalten ein One-
zum Wirtschaftsraum der EU notwendig wäre. Damit greift er die Dik-            Stop-Portal für zuverlässige, qualitativ hochwertige Informationen und
tion von den kulturellen, sozialen und demokratischen Bedürfnissen             Debatten, für aktuelle Kultur und Kulturerbe, das Orientierung in Zei-
der Gesellschaft auf, die zu befriedigen der deutsche Rundfunkstaats-          ten von Post-Faktizität und Hassreden bietet. Schließlich würde die eu-
vertrag als Aufgabe für die öffentlich-rechtlichen Medien vorschreibt.         ropäische Demokratie von einem Raum frei von Staats- und Marktin-
Um solch eine europäische Plattform für die Nutzer/innen attraktiv zu          teressen profitieren, einem Raum des europaweiten Austausches, der
machen, soll die Plattform neben Nachrichten ebenso Angebote für En-           Meinungsbildung und Deliberation“ (ebd.).
tertainment, Shopping und social networking machen. Die Plattform
sollte ein europäisches Nachrichtenangebot bieten, mit Instrumenten            Eine prinzipielle und frühzeitig zu klärende Frage ist die nach den
und Informationen politisches Engagement auf EU-Ebene fördern, mit             Allianzen, die öffentlich-rechtliche Medien auf einer Plattform ein-
europäischen Serienproduktionen zu einem Bewusstsein eines Euro-               gehen würden. Der Vorschlag des ARD-Vorsitzenden Wilhelm, der
pean Way of Life beitragen und Apps beinhalten, die einen praktischen          die Zusammenarbeit mit kommerziellen Anbietern sucht, ist darauf

                                    18                                                                           19
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ausgerichtet, von Anfang an eine relevante Größenordnung zu errei-        zustimmen, der die in der Europäischen Rundfunkunion vereinten öf-
chen, die Sichtbarkeit garantiert. Weil davon auszugehen ist, dass        fentlichen Sender als geeignete Treiber einer europäischen nicht-kom-
keine Plattform gegenwärtig den Wettbewerbsvorsprung, den die             merziellen Plattform sieht. Derzeit werden etliche öffentlich-rechtliche
kommerziellen US-basierten Plattformen haben, aufholen könnte,            Angebote über Drittplattformen verbreitet. Dies ist in der gegenwärti-
ist das Größenargument insbesondere eines, das für kleinere Staaten       gen Konstellation der Plattformökonomie eine erzwungene Notwen-
wie Österreich hoch relevant ist. Andererseits haben die öffentlich-      digkeit, die nur eine ergänzende Funktion haben sollte. Ziel sollte es
rechtlichen Anbieter auf eigenen Plattformen die besten Chancen,          vielmehr sein, das Publikum dort abzuholen und möglichst auf das
den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Eine gemeinsame, of-            genuin eigene Angebot zu leiten. Ansonsten droht, dass die öffentlich-
fene und nicht kommerzielle Plattform aller öffentlich-rechtlichen        rechtlichen Angebote als solche nicht erkennbar sind, und sie sich in
Anbieter als „Public Open Space“ in einem gegebenen Land könnte           einem kommerziellen Umfeld bewegen, das den Vorgaben für eigene
eine gewisse Anziehungskraft entfalten. Wenn auf dieser Plattform         Angebote nicht genügt.
nicht nur öffentlich-rechtlich produzierte Inhalte verfügbar sind, son-
dern beispielsweise auch solche von Museen, der Bundeszentrale für        Fazit
politische Bildung, der Wikipedia etc. ist das Potenzial ungleich grö-    Öffentlich-rechtliche Medien zu Plattformen auf europäischer Ebene
ßer. Auf europäischer Ebene gedacht – wie bei EPOS, EPIC oder der         weiterzuentwickeln, die den neuen Bedingungen der digitalen Medi-
Plattform Europa – sind Sichtbarkeit, Legitimität und Attraktivität       enwelt 3.0 entsprechen, ist in diesem Beitrag als notwendige Perspek-
ungleich größer, wenn auch viele ungelöste Fragen zu klären wären,        tive vorgeschlagen worden, um eine Antwort auf demokratiepolitische
wovon die der Finanzierung, der Governance und der Sprachgestal-          und europapolitische Herausforderungen sowie die Defizite der Platt-
tung sicher die vordringlichsten sind.                                    formökonomie zu geben. Dafür sind neue Allianzen erforderlich. Diese
                                                                          sind in allen Bereich zu suchen und zu finden, wo öffentlich geförder-
Vor allem aber sind die Qualitätsparameter zu entwickeln, die die         tes Wissen und kulturelle Inhalte generiert und ausgetauscht werden.
Defizite kommerzieller Plattformen hinter sich lassen, aber auch die      Damit die Plattformisierung (Helmond) nicht allein den Geschäftsin-
Elemente, die ihre Attraktivität ausmachen. Neben einem möglichst         teressen der großen Player dient, ist eine an demokratischen Rahmen-
umfangreichen Angebot muss ein Open Space nutzerfreundlich, über          bedingungen orientierte Plattform relevanter Größe zu entwickeln, die
diverse Endgeräte zugänglich und vor allem auffindbar sein. Nutzer/       Partizipation, Vernetzung und Interaktion von Bürger/Innen befördert.
innen sollten sicher gehen können, dass sie Angebote von höchsten         Ihrer Erreichbarkeit und ihrer Relevanz für die Bevölkerung wird sie
journalistischen und ethischen Standards finden. Dies ist nicht ohne      durch ein ebenso informatives, wie nützliches und unterhaltsames
eine kompetente Kuratierung zu erreichen. Dabei sollte das Angebot        Angebot erlangen. Öffentlich-rechtliche Medien konnten bisher einen
vernetzungsoffen sein und die Allianz unterschiedlicher Akteure mög-      großen Anteil der Bevölkerung an sich binden und für sich begeistern.
lich machen, damit der Vielfaltsgedanke, der zu Inklusion und sozia-      Diese sind ein Potenzial, das es zu erweitern gilt, um eine öffentliche
ler Kohäsion beitragen soll, durch die Plattform realisiert wird. Durch   Plattform, einen Open Space am besten europäischer Größenordnung
Bewertungs-und Kommentarfunktionen sollten dem Publikum vielfäl-          zu einem Kommunikationsraum zu machen, in dem unterschiedliche
tige Mitwirkungsmöglichkeiten eröffnet werden. Datensicherheit, die       Bevölkerungsgruppen sich austauschen und an dem Reichtum europä-
Persönlichkeitsschutz garantiert und Datenmissbrauch ausschließt ist      ischer Kultur teilhaben und in dem qualitätsvolle Informationen Demo-
zu gewährleisten. Oberstes Qualitätskriterium ist die Relevanz der An-    kratie erfahrbar machen.
gebote für den demokratischen Diskurs, welches zugleich als Kriterium
dienen muss, wenn die Allianz unterschiedlicher Akteure möglich sein
soll. Die Verwirklichung dieser Ziele auf einer Plattform von relevan-
ter Größenordnung würde eine enorme Kraftanstrengung und potente
Akteure erfordern. Wie groß die Arbeit dafür sein wird, mag man er-
messen, wenn man in Rechnung stellt, dass die sehr überschaubare
Plattform zdfkultur alleine eineinhalb Jahre zur Vorbereitung benötigte
– allerdings mit einem sehr kleinen Team. Insofern ist Hillje nur zu-

                                  20                                                                        21
PUBLIC VALUE ST UDIE                                                                         VOM PUBLIC NE T WORK VALUE ZUM PUBLIC OPEN SPACE

                                                                                                                                        VOM PUBLIC NETWORK VALUE
                                                            REFERENZEN

                                                                                                                                          ZUM PUBLIC OPEN SPACE
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Klaus-Dieter Altmeppen, Patrick Don-            s11616-018-0441-1                         zur Rolle der Medien im europäischen                            UNIV.-PROF. DR. THOMAS STEINMAURER,
ges, Matthias Künzler, Manuel Puppis,           Ramsey 2013                               Einigungsprozess. Köln: Herbert von                                    UNIVERSITÄT SALZBURG
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gen der Medien und Strukturen der               Srnicek, Nick (2018b): „Wir müssen        eines notwendigen Konzeptes. In: Graf,
Gesellschaft                                    über Verstaatlichung nachdenken”. In:     Daniela/ Muther, Ekkehard (Hrsg.):       Mit Voranschreiten der Digitalisierung haben sich die Rahmenbedingun-
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p00g8v01                                        talismus-google-amazon-facebook-          Wruk, Dominika / Clara Wolff, Jonas
                                                                                                                                   dert. Wurden zu Beginn der Digitalisierungsentwicklung die Chancen und
BBC (2015): https://downloads.bbc.              verstaatlichung                           Pentzien und Santje Kludas (2018):       Potentiale der globalen Vernetzung mit großer Euphorie gefeiert, stehen
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                                                                                                                                   sonders die ersten Phasen der Entwicklung eines globalen digitalen Kom-
http://www.bbc.co.uk/blogs/aboutt-              internetzugang-in-der-eu-27/              OEW330414, https://www.oekologi-         munikationsnetzwerks waren von großen Erwartungen über mehr Par-
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8677-a7a2e03fa07d                               Space – Öffentlich-rechtliche Medien      article/viewFile/1645/1592
                                                                                                                                   Wohle der Gesellschaft getragen. Angetreten mit dem Versprechen nach
Brüggemann et al., Michael:                     in der digitalen Welt. In: epd Medien     Winfried Kluth: Die demokratische
Bua 2009;                                       16.11.2018                                Legitimation der Europäischen Union.     mehr Demokratie, offenem Zugang zu Wissen und Information sowie der
D’Haenens. Leen                                 Thomass, Barbara et al. (2017): Media     Eine Analyse der These vom Demokra-      Offenheit und Vielfalt für alle Netzwerkteilnehmerinnen und -teilnehmer
Dörr, Dieter/ Bernd Holznagel/Ar-               and public communication in the era       tiedefizit der Europäischen Union aus    sollte das Netz der Netze schon damals ein dem Gemeinwohl verpflichteter
nold Picot (2016) : Legitimation und            of digital platforms: Towards Euro-       gemeineuropäischer Verfassungsper-
Auftrag des öffentlich-rechtlichen              pean Public Open Spaces (EPOS).           spektive. Duncker und Humblot, Berlin
                                                                                                                                   „Public Open Space“ werden. Wie wir heute allerdings feststellen müssen,
Fernsehens in Zeiten der Cloud.                 Application to HERA.                      1995. (Schriften zum europäischen        sollte sich über die Jahre aus einer mitunter „seltsamen Verschmelzung
Hrsg. Vom ZDF https://www.zdf.de/               Thomaß, Barbara (2004): Public Ser-       Recht, 21)                               der kulturellen Boheme aus San Francisco mit den High-Tech-Industri-
assets/161007-gutachten-doerr-holz-             vice Broadcasting als Faktor einer eu-    Sarikakis, Katharine (2019): EUpublic
nagel-picot-100~original                        ropäischen Öffentlichkeit. In: Hagen,     – A Jean Monnet Network Proposal
                                                                                                                                   en von Silicon Valley (...) eine kalifornische Ideologie“ durchsetzen, die
FAZ (26.9.2018): Pläne des ARD-                 Lutz (Hrsg.): Europäische Union und       (unveröffentlichtes Manuskript)          „klammheimlich den frei schwebenden Geist der Hippies mit dem unter-
Vorsitzenden: Eine Plattform, die nach          mediale Öffentlichkeit – Theoretische                                              nehmerischen Antrieb der Yuppies“ zu verbinden wusste und der einem
unseren Werten ausgerichtet ist. https://       Perspektiven und empirische Befunde
                                                                                                                                   ökonomischen Liberalismus im globalen Netz zum Durchbruch verhalf.
www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/          zur Rolle der Medien im europäischen
digitale-plaene-des-ard-vorsitzenden-           Einigungsprozess. Köln: Herbert von                                                (vgl. Barbrook/Cameron 1997) Eine weitreichende Ökonomisierung und
ulrich-wilhelm-15807827.html                    Halem Verlag 2004, 47-63.                                                          Kommerzialisierung der Netzwerke sowie das breit geteilte Missverständ-
Grassmuck, Volker (2019): European              Thomaß, Barbara (2002): Europäische                                                nis bzw. die Idealisierung, dass sich (auch) in den digitalen Diskursräu-
Public Open Spaces (EPOS) – Kurz-               Öffentlichkeit: Stand und Perspekti-
skizze 18. April 2018 http://www.               ven eines notwendigen Konzeptes.
                                                                                                                                   men nur die „sanfte Gewalt des besseren Arguments“ als Maxime einer
vgrass.de/?page_id=3304 –                       In: Graf, Daniela/ Muther, Ekkehard                                                aufgeklärten Öffentlichkeit durchsetzen würde, sorgen heute angesichts
Hannovermesse (Sichtung 4.2.19): https://       (Hrsg.): Streiten um Demokratie. Czer-                                             der digitalen Krisenerscheinungen für breite Ernüchterung. Die weitrei-
www.hannovermesse.de/de/news/top-               min-Verlag, Wien, 129-154.
                                                                                                                                   chende Ökonomisierung und Kommerzialisierung des Netzes brachte eine
themen/platform-economics/                      Wruk, Dominika / Clara Wolff, Jonas
Helmond, Anne (2015): The Web as a Plat-        Pentzien und Santje Kludas (2018):                                                 globale Dominanz digitaler Plattform-Monopolisten hervor, die heute das
form. Data Flows in Social Media. Dissertati-   Einführung in das Schwerpunkt-                                                     Spiel der Kräfte dominieren. Verbunden damit sind neue disruptive Dy-
on. Amsterdam.                                  thema Plattformökonomie. Ökolo-                                                    namiken, wie sie etwa durch die Verbreitung von Fake News oder Social
Hillje, Johannes (2019): Plattform Euro-        gisches Wirtschaften 4.2018 (33)
pa. Bonn: Dietz Nachf.                          DOI 10.14512/OEW330414, https://
                                                                                                                                   Bots hervorgerufen werden. Sie befördern Erosionserscheinungen in den
Kenney, M./Zysman, J. (2016): The               www.oekologisches-wirtschaften.                                                    Diskurskulturen und unterminieren durch ihre destruktiven Kräfte demo-
Rise of the Platform Economy. In: Is-           de/index.php/oew/article/viewFi-                                                   kratische Aushandlungsprozesse. Zuletzt diagnostizierte Pörksen (2018)
sues in Science and Technology, 32/3.           le/1645/1592 Application to HERA.
Pfetsch, Barbara, Maria Löblich,                Thomaß, Barbara (2004): Public
                                                                                                                                   eine Wahrheits- oder Diskurskrise der Demokratie, die generell mit einer
Christiane Eilders (2018): Dissonan-            Service Broadcasting als Faktor einer                                              „großen Gereiztheit“ in der öffentlichen Debattenkultur in Verbindung zu
te Öffentlichkeiten als Perspektive             europäischen Öffentlichkeit. In: Hagen,                                            bringen ist. Und durch eine Vielzahl anderer krisenhafter Phänomene, die
kommunikationswissenschaftlicher                Lutz (Hrsg.): Europäische Union und
                                                                                                                                   vielfach auf zunehmend sich durchsetzende Ökonomisierungstendenzen

                                                               22                                                                                                       23
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