STUDIE S - ALLIANZEN, KOOPERATIONEN, PLATTFORMEN - ORF Public Value
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STUDIE S MEDIENQUALITÄT IM DISKURS PUBLIC VALUE JAHRESSTUDIE ALLIANZEN, KOOPERATIONEN, PLATTFORMEN GEMEINWOHLORIENTIERTE MEDIENQUALITÄT IN DER NETZWERKGESELLSCHAFT
PUBLIC VALUE ST UDIE VORWORT VOM BROADCASTER ZUR PLATTFORM Öffentlich-rechtliche Medien erfüllen eine öffentliche Aufgabe. Das gilt auch im digitalen Zeitalter. Als wesentliches Unterscheidungsmerkmal zu ihren kommerziellen Konkurrenten sind sie verpflichtet, ein Ange- bot für die gesamte Bevölkerung zu erstellen. Ihr demokratiepolitischer Auftrag geht daher weit über ein Geschäftsmodell hinaus. Wie aber kann es gelingen, dem Anspruch des „Rundfunks der Gesellschaft“ auch unter den Bedingungen globaler digitaler Kommunikation zu DIE 5 QUALITÄTSDIMENSIONEN entsprechen? Ist es überhaupt möglich, den „sozialen Medien“ der Da- tenkonzerne etwas entgegenzusetzen? Die beobachtbaren technologi- INDIVIDUELLER WERT GESELLSCHAFTSWERT ÖSTERREICHWERT VERTRAUEN VIELFALT IDENTITÄT schen und gesellschaftlichen Umbrüche spitzen diese Fragestellungen SERVICE ORIENTIERUNG WERTSCHÖPFUNG zu: Bürger/innen sind längst nicht mehr passive Konsument/innen, UNTERHALTUNG INTEGRATION FÖDERALISMUS sondern interaktive Nutzer/innen, die unter zahlreichen Möglichkeiten WISSEN BÜRGERNÄHE öffentlicher Kommunikation wählen und daran teilnehmen können. VERANTWORTUNG KULTUR Öffentlich-rechtliche Medien sind dadurch herausgefordert: Wie er- INTERNATIONALER WERT UNTERNEHMENSWERT reichen sie ihr Publikum? Wie lösen sie das Problem der „Findability“, EUROPA-INTEGRATION INNOVATION ihrer Zugänglichkeitt und ihrer Relevanz für die Bevölkerung? Was GLOBALE PERSPEKTIVE TRANSPARENZ bedeutet die Realität einer digitalen Netzwerkgesellschaft für ihre in- KOMPETENZ stitutionelle Rolle in demokratischen Gesellschaften? Öffnen sie sich gegenüber anderen Medien, den Bildungs- und Kultureinrichtungen und nicht zuletzt der (Zivil)gesellschaft? Welche Allianzen sind erfor- Public Value, die gemeinwohlorientierte Qualität der öffentlich-rechtlichen derlich, um den neuen Herausforderungen der digitalen Medienwelt Medienleistung des ORF, wird in insgesamt 18 Kategorien dokumentiert, zu entsprechen? Und nicht zuletzt: Wie erfüllen sie ihre (öffentlich- die zu fünf Qualitätsdimensionen zusammengefasst sind. rechtlichen) Funktionsaufträge angesichts der technologischen und Mehr dazu auf zukunft.ORF.at. gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die mehr Partizipation, Ver- netzung, Interaktion, Flexibilität eingedenk fragmentierter Bevölke- rungsgruppen erfordern? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt der vorliegenden Public Value Jahresstudie. Diese wurde in Kooperation mit der European Broadcas- ting Union, dem Bayerischen Rundfunk und dem ZDF erarbeitet. In ihr geht es um die Entwicklung digitaler Plattformen, die auf Allianzfähig- keit und Kooperation beruhen. Um der Heterogenität des Themas zu entsprechen, wurden unterschiedliche Wissenschaftler/innen damit beauftragt, ihre fachspezifischen Analysen und Perspektiven beizutra- gen. Sie sollen dabei helfen, die Qualitätsdebatte der öffentlich-recht- – gedruckt nach der DESIGN: Richtlinie „Druckerzeugnisse” lichen Medien der digitalen Transformation unserer Gesellschaft anzu- ORF Marketing & Creation GmbH & Co KG HERAUSGEBER UND HERSTELLER: des Österreichischen passen und zukunftsorientiert weiterzuentwickeln. Österreichischer Rundfunk, ORF FÜR DEN INHALT VERANTWORTLICH: Umweltzeichens, Würzburggasse 30, 1136 Wien ORF-Generaldirektion Public Value, BR ORF Druckerei, UW 1237 KONRAD MITSCHKA KLAUS UNTERBERGER 1. Auflage, © ORF 2019 Reaktionen, Hinweise und Kritik bitte an: zukunft@ORF.at ORF PUBLIC VALUE 2 3
PUBLIC VALUE ST UDIE PUBLIC VALUE ST UDIE INHALT RUNDFUNK DER GESELLSCHAFT 3.0 UNIV.-PROF. IN DR. IN BARBARA THOMASS, RUHR-UNIVERSITÄT BOCHUM 5 RUNDFUNK DER GESELLSCHAFT 3.0 UNIV.-PROF. IN DR. IN BARBARA THOMASS, Öffentlich finanzierter und öffentlich kontrollierter Rundfunk, der mit RUHR-UNIVERSITÄT BOCHUM einem öffentlichen Auftrag ausgestattet ist, steht aus vielerlei Perspek- tiven in der Kritik. Eine Antwort aus dem wissenschaftlichen Diskurs, 23 die in die Praxis der Medienpolitik eingegangen ist, ist der Public Value VOM PUBLIC NETWORK VALUE – der gesellschaftliche Wert der Institution des öffentlichen Rundfunks, ZUM PUBLIC OPEN SPACE der seine Legitimität begründen soll. Was jedoch als Public Value an- UNIV.-PROF. DR. THOMAS STEINMAURER, erkannt werden soll, ist nicht nur ein Feld gesellschaftlicher und me- UNIVERSITÄT SALZBURG dienpolitischer Auseinandersetzungen, sondern ist auch – angesichts sich rapide wandelnder Bedingungen im Mediensystem – einem Wan- 35 del unterworfen, bzw. muss sich dynamisch den sich wandelnden Be- COMMONS ALS ÖFFENTLICH-RECHTLICHE AUFGABE dingungen anpassen. Die Frage steht, welche Auswirkungen sich durch UNIV.-PROF. DR. LEONHARD DOBUSCH, die kommunikationstechnologischen und gesellschaftlichen Verände- UNIVERSITÄT INNSBRUCK rungen für die öffentlich-rechtliche Medienproduktion des ORF erge- ben und wie es gelingen kann, eine unterscheidbare Medienqualität 46 im Sinn der Erfüllung des gesetzlichen öffentlich-rechtlichen Auftrages ZUR AKTUALITÄT VON KUNST UND MUSEEN IM POLITISCHEN effizient, kreativ und innovativ auszurichten. DISKURS UND DIE CHANCEN DER DIGITALEN ÖFFNUNG PROF. IN DR. IN MARION ACKERMANN, Angesichts der Tatsache, dass der Wettbewerb im globalisierten Me- GENERALDIREKTORIN DER STAATLICHEN KUNSTSAMMLUNGEN DRESDEN dienmarkt durch internationale aufgestellte Player bestimmt wird, deren Umsatz das Budget eines öffentlich-rechtlicher Anbieters in ei- 52 nem Kleinstaat um ein vielhundertfaches überschreitet, ergibt sich die WISSEN SCHAFFEN UND VERBREITEN Herausforderung, dass der ORF mit anderen Akteuren Kräfte bündeln ALLIANZEN IM WISSENSCHAFTS- UND BILDUNGSBEREICH muss, damit die Produktion von Qualitätsmedien für die gesamte Be- UNIV.-PROF. DR. THOMAS O. HÖLLMANN, völkerung zugänglich und relevant bleibt, und er seinen demokratie- PRÄSIDENT DER BAYERISCHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN politischen Funktionsauftrag trotz veränderter Bedingungen weiterhin erfüllen kann. Welche Kooperationen und Allianzen könnten dies sein? 60 Wie kann ein öffentlich-rechtliches Medienunternehmen die Anliegen MOVING FAST OR MOVING FORWARD? zahlreicher und offensichtlich unterschiedlicher gesellschaftlicher PROF. DR TIM RAATS, Schichten erfüllen? Worauf stützen öffentlich-rechtliche Medien ihr IMEC-SMIT, VRIJE UNIVERSITEIT BRUSSEL Selbstverständnis als „Rundfunk der Gesellschaft“ und welche Ange- bote zur Partizipation sind sie in der Lage zu entwickeln? Mit wem kann der ORF kooperieren, um sicherzustellen, dass seine Medienprodukti- on die Bevölkerung erreicht und er ihre Anliegen wahrnimmt und ver- mittelt? Und noch grundsätzlicher gefragt: Wie entsteht ein Gespräch von Bürgerinnen und Bürgern zu relevanten Fragen in einer demokra- tischen Gesellschaft? Eine wesentliche Antwort auf diese Fragen liegt in der Perspektive, die mit der These „Öffentlich-rechtliche Rundfunkanbieter müssen Platt- 4 5
PUBLIC VALUE ST UDIE RUNDFUNK DER GESELLSCHAF T 3.0 formen werden“ eröffnet wird. Warum dies so ist, wie eine Plattform- kationsverhalten in den digitalen Kommunikationsinfrastrukturen und perspektive für öffentlich-rechtliche Medien aussehen könnte, und wa- die Beeinflussung von Selektion und Verarbeitung von Informationen rum dies eine Antwort ebenso auf die demokratiepolitischen wie die durch Algorithmen, die den Unternehmensziele kommerziell agierender europäischen Herausforderungen sein kann, will dieser Beitrag analy- intermediärer Akteure wie Facebook und Google dienen, bei (ebd. 480). sieren. Selbstverständlich führen die beobachtbaren medientechnologischen Demokratiepolitische Herausforderungen Umbrüche auch zu Entwicklungen, die aus demokratiepolitischer Per- Medien spielen eine entscheidende Rolle bei der Ausgestaltung und Sta- spektive durchaus zu begrüßen sind: Bürger/innen sind längst nicht bilisierung oder Destabilisierung sozialer Ordnung (Altmeppen et al.). mehr passive Konsument/innen, sondern aktive Prosument/innen, also Diese Aussage ist in pluralistisch verfassten Gesellschaften im Lichte interaktive Nutzer- und Gestalter/innen, die nicht mehr von einigen we- der demokratischen Ordnung zu präzisieren. Medien können eine ord- nigen, zentralen Informationsangeboten abhängig sind, sondern eine nende Funktion haben, in dem sie mittels Faktenvermittlung Klarheit Vielzahl an Möglichkeiten, Wahl- und Entscheidungsfreiheiten haben, und Orientierung liefern, das gesellschaftliche Gespräch motivieren sich ihr Weltbild aus den zur Verfügung stehenden Medienangeboten und damit im besten Falle die notwendigen Kompromisse beim Aus- zu zimmern. Nur: Welche Perspektive die dominantere wird, die Disso- gleich von Interessengegensätzen vorbereiten helfen. Oder sie produ- nanz, die gesellschaftlichen Zusammenhalt unterminiert, oder die Viel- zieren das Gegenteil: Unordnung in dem Sinne, dass sie Empörungen, stimmigkeit, die in ein prosperierendes gesellschaftliches Miteinander Antagonismen und Desorientierungen hervorrufen, die schlimmsten- mündet, ist derzeit vollkommen offen. Lange konnte man davon ausge- falls in eine Situation von Chaos oder Apathie münden (die Situation hen, dass der öffentliche-rechtliche Rundfunk als bedeutender Faktor rund um den Brexit vor dem 29. März 2019 mag dafür ein Beispiel lie- der Medienordnung eine wichtige Rolle im Hinblick auf Orientierung fern). Welcher Pfad angelegt wird, hängt ganz wesentlich von der be- und Konsonanz der gesellschaftlichen Stimmen spielte. Er konnte seine stehenden Medienordnung ab, von der Ausgestaltung der Medienmärk- Integrations-, Orientierungs-, Bildungs-, Informations- und Unterhal- te, ihrer Regulierung, den Angeboten, die daraus resultieren, und den tungsfunktion in einem relativ überschaubaren Medienmarkt ausüben Möglichkeiten zur Rezeption dieser Angebote. und war für viele Menschen die erste Anlaufadresse, wenn es darum ging, medial vermittelte kommunikative Bedürfnisse zu stillen. Er Die gegenwärtigen Medienordnungen in den westlichen Industriege- konnte diese Position auch in einem kommerzialisierten Medienmarkt sellschaften – und so auch in Österreich – sind eher darauf angelegt, behaupten. das zu produzieren, was man in Entlehnung eines musiktheoretischen Begriffes als Kakophonie bezeichnen könnte. In der Auseinanderset- Doch das Hinzutreten der Intermediäre, das infolge von Globalisierung, zung mit der Entwicklung von Öffentlichkeiten stellen Pfetsch et al. Digitalisierung und Medienkonvergenz die Mediensysteme grundstür- (2018) fest, dass Kommunikation in digitalisierten Öffentlichkeiten zwar zend verändert hat, stellt diese Leistungen zunehmend in Frage, weil einerseits zu einer Vielfalt, andererseits aber auch zu einem Zustand sie in dissonanten Öffentlichkeiten marginalisiert werden. Nun verfü- geführt hat, in dem „die Synchronität nicht notwendigerweise aufein- gen Mediennutzer/innen in der digitalen Welt der Kommunikation über ander bezogener Stimmen und Botschaften als Kennzeichen von Öffent- eine unüberschaubare Menge an Information, und trotz der zahlreichen lichkeiten beschrieben werden“ kann (Pfetsch et al. 2018, 479). Sie prä- Möglichkeiten aktiver Partizipation, die sich bieten, legen bisherige gen dafür den Terminus der dissonanten Öffentlichkeiten. Dissonanzen Befunde die Befürchtung nahe, dass diese Plethora an Möglichkeiten in Öffentlichkeiten verstehen sie als Situationen, „in denen vielfältige nicht zu breiteren und vertieften Formen demokratischer Partizipati- Akteure synchron und asynchron Themen, Informationen und Meinun- on führt, sondern die Tendenzen, die demokratische Willensbildungs- gen artikulieren, zwischen denen Spannungen, Gegensätze oder Brü- prozesse unterminieren, dominieren (Eilders 2013). Dazu gehört, dass che bestehen. Dissonanz umfasst dabei sowohl ein bezugloses Neben- die Zahl der Info-Avoider, also jener Menschen, die aufgrund der Über- einander verschiedener Öffentlichkeitsbeiträge als auch die explizite frachtung der Medienangebote, der Gratismedien und der Fragmentie- Gegenrede zur (vermeintlich) hegemonialen Perspektive“ (ebd. 482). rung der Gesellschaft in individualisierte „Echokammern“ traditionelle Zu diesen Dissonanzen tragen manipulierte digitale Wahlkampfkom- Medien verweigern, zunimmt. All diese Entwicklung tragen dazu bei, munikation, algorithmengesteuerte Social Bots, aggressives Kommuni- dass sich die Stimmen derer, die die digitalen Kommunikationsinfra- 6 7
PUBLIC VALUE ST UDIE RUNDFUNK DER GESELLSCHAF T 3.0 strukturen als Bedrohung demokratischer Verhältnisse sehen, mehren. im europäischen Kontext zukommen. Dies soll mit dem Rekurs auf das Hat der durchkommerzialisierte Medienmarkt schon bisher eine Zu- Konzept der europäischen Öffentlichkeit geschehen. nahme von Personalisierung komplexer Politikprozesse, Sensationa- lisierung der Berichterstattung und extremer Komplexitätsreduktion Mit der Gründung der EU hat sich die europäische Integration von ei- mit sich gebracht (Trappel et al. 2015), so konnte durch einen starken nem primär wirtschaftlichen zu einem umfassend politischen und öffentlich-rechtlichen Sektor am Medienmarkt eine gewisses Niveau gesellschaftlichen Projekt entwickelt. Durch die Erweiterung der po- an Standards der Informationsgebung und Kommentierung aufrecht litischen Ziele und zunehmenden Verlagerung nationaler Kompeten- erhalten werden. zen auf europäische Ebene ist die demokratietheoretische, aber auch handlungsrelevante Frage der Anbindung der europäischen Bevölke- Starke Qualitätsmedien nahmen im publizistischen Wettbewerb eine rung über die Öffentlichkeit eine relevante Erfordernis geworden. Die positive Rolle zur Aufrechterhaltung journalistischer Standards ein. fundamentale Idee, dass demokratische Prozesse einen Kommunika- Durch das Hinzutreten von Akteuren vielfältiger Art, die sich in keiner tionsraum benötigen, in dem politische Entscheidungen diskursiv vor- Weise mehr an die tradierten und geltenden journalistischen und Kom- bereitet, Informationen und Meinungen zwischen Bürger/innen und munikationsnormen halten, droht sich die Situation drastisch zu ver- politischen Akteuren ausgetauscht und die Kritik- und Kontrollfunkti- ändern – nicht mehr der im Öffentlichkeitsideal nach Habermas’scher on ausgeübt werden, ist dabei von der nationalen auf die europäische Prägung angestrebte Austausch rationaler Argumente dominiert den Ebene übertragen worden (Thomaß 2002). Medien kommt dabei eine öffentlichen Diskurs, sondern es droht das – durch Großbuchstaben in zentrale Funktion zu, wobei diese Übertragung nicht in dem Sinne zu den sogenannten sozialen Medien besonders deutlich markierte – Ge- leisten ist, dass europäische Medien eine europäische Öffentlichkeit schrei. Weil das Internet zu einem weitgehend kommerziellen Raum ge- herstellen. Dass dies ein Fehlschluss ist, haben viele Versuche gezeigt, worden ist, konnten sich die Hoffnungen auf eine Demokratisierung der solche Medien zu gründen. Ob The European, Euronews oder Arte – Öffentlichkeit nicht erfüllen. Der Vorschlag, dass ein „Civic Commons Medien von wahrhaft europäischen Anspruch oder Tenor sind entwe- Online” benötigt werde und dass ÖRM einzigartig positioniert seien, der wieder eingestellt worden, oder erreichen nur ein kleines, elitäres einen solchen Deliberationsraum zu schaffen, der sowohl die Öffent- Publikum (Thomaß 2004). Als wichtiger Motor europäischer Öffentlich- lichkeit als auch die parlamentarische Debatte ergänzt (z.B. Bua 2009; keiten haben sie nicht funktioniert. Demgegenüber hat sich in der For- Ramsey 2013), ist deshalb nur konsequent. Es steht die Frage, wie der schung das Modell der Europäisierung von nationalen Öffentlichkeiten Kern des öffentlich-rechtlichen Auftrages, Rückgrat der Demokratie zu als das wahrscheinlichere etabliert, das besagt, dass sich die Bericht- sein, für die gegenwärtige und zukünftige Medienlandschaft gesichert erstattung in den jeweils nationalen Medien zunehmend europäischen werden kann. Diese demokratiepolitische Herausforderung steht aber Themen widmet – sei es, dass über die Vorgänge in Brüssel, dass über nicht nur für die nationale Ebene, sondern auch für die europäische, die Verhältnisse in anderen Ländern, die den eigenen Themen ähneln wie der nachfolgende Absatz erläutern soll. berichtet wird, oder dass große Krisenthemen, die alle Länder betreffen, aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet werden. Brüggemann et al. Europäische Herausforderungen (2009) sahen fünf Treiber einer so sich europäisierenden transnationa- Seit vielen Jahren befindet sich die Europäische Union in einer dauer- len Öffentlichkeit: (1) transnationale Medien in Europa, (2) verschie- haften Krise und steht unter erhöhtem Legitimationsdruck. Dennoch ist dene Akteursgruppen als Sprecher einer europäischen Öffentlichkeit, die Europäische Union für die Bewahrung zukünftiger Entwicklungs- (3) die Europäisierung nationaler Mediendebatten, (4) die Ausprägung chancen der Europäerinnen und Europäer von größter Bedeutung, und europäischer Medienevents und (5) die Entstehung europäisierter Me- ein Diskurs für die Stärkung der europäischen Meinungsbildung ist dien- und Bürgerpublika. Im Lichte der jüngeren Entwicklungen sind wichtiger denn je. Doch die abnehmende Fähigkeit von Medien, pro- jedoch alle diese fünf mit erheblichen Makeln behaftet, wenn man sie duktiv zur demokratischen Ordnung beitragen zu können, erfährt im mit Blick auf das „Demokratiedefizit“ (Kluth 1995) in der EU betrachtet, europäischen Kontext eine weitere Unterminierung. Dies liegt sowohl und haben sich auch nicht so entwickelt, wie Brüggemann et al. es vor an der Besonderheit der Politikherstellung und -darstellung innerhalb zehn Jahren konstatiert hatten. (1) Zu den transnationalen Medien sind der Europäischen Union als auch an der Situation der europäischen keine weiteren hinzugetreten, und die genannten bestehenden stagnie- Medien. Doch zunächst ist dafür zu klären, welche Aufgaben Medien ren in ihrer Reichweite. (2) Da es überwiegend nationale Regierungen 8 9
PUBLIC VALUE ST UDIE RUNDFUNK DER GESELLSCHAF T 3.0 sind, die in der Debatte der Qualitätspresse das medial veröffentlichte Dieser Gedanke verbindet die Potenziale des Internets mit früheren Wort über EU-Politik führen (vgl. Wessler et al. 2008), wird mit ihnen Überlegungen, was der öffentliche Rundfunk für eine europäische Öf- auch die nationale Sicht auf europäische Themen mittransportiert. fentlichkeit leisten kann (Thomaß 2006). Dass durch die europäische Und die ist überwiegend von einem sehr einfachen Muster geprägt: Er- Integration ein größerer Raum politischen Handelns entstanden ist, folge werden dem Handeln der eigenen Regierung zugeschrieben, für der einer Begleitung durch eine grenzüberschreitende Öffentlichkeit Misserfolge wird „Brüssel“ verantwortlich gemacht, das mal als Büro- bedarf, ist oben ausgeführt worden. Die Rolle, die der öffentliche Rund- kratiemonster, mal als Geld verschlingender Moloch erscheint. (3) Die funk dabei spielen kann, speist sich aus dem Vorteil, dass er aufgrund Europäisierung nationaler Mediendebatten, im Sinne einer Konvergenz der gesellschaftlichen Bindung, die ihn auf grundlegende kulturelle der jeweiligen Agenden, ist seit der Finanzkrise von 2008 dadurch ge- oder gesellschaftliche Zwecke verpflichtet, leichter in den Prozess der kennzeichnet, dass vor allem Vorwurfshaltungen und Stereotype beim Europäisierung von Öffentlichkeiten einzubinden ist. Denn er stellt Blick auf andere Länder vorwiegen. Damit werden Konflikte, die inner- eine Form der Rundfunkregulierung dar, die auf dem Konsens beruht, halb der EU existieren, die jedoch Konflikte um unterschiedliche Posi- dass Rundfunk bestimmte demokratische, gesellschaftliche und kultu- tionen zu Auseinandersetzungen zwischen Volkscharakteren stilisiert relle Bedürfnisse zu befriedigen hat, die jenseits von Konsumentenin- – eine Interpretation, die einem sachlichen Diskurs mehr als abträg- teressen liegen. Dafür wird er in gewissem Maße vor den Kräften des lich sind. Hillje spricht sogar von eine „Dysfunktionalität europäischer Marktes geschützt (z.B. durch den Rundfunkbeitrag), es werden ihm Öffentlichkeit“ (Hillje 2019, 10). (4) Europäische Medienereignisse wie Verpflichtungen auferlegt (z. B. zur Grundversorgung, zur Berücksichti- z.B. der Eurovision Song Contest erreichen zwar große Publika, doch gung von bestimmten Programminhalten zu maßgeblichen Anteilen in haben auch sie nationale Egoismen mehr in den Mittelpunkt gestellt, seinem Programm), und diese Privilegien und Verpflichtungen werden als etwa das gemeinsame Feiern einer vielfältigen europäischen Kultur. durch Kontrollstrukturen abgesichert (Syvertsen 2003). (5) Die Entstehung europäisierter Medien- und Bürgerpublika schließ- lich ist der interessanteste Aspekt im gegebenen Zusammenhang, weil Hieran gilt es anzuknüpfen, wenn nach den Möglichkeiten einer euro- hier die potenziale der digitalen Kommunikationsinfrastruktur in den päischen Plattform gefragt wird, die den Erfordernissen einer demokra- Mittelpunkt rücken. tisch orientierten Kommunikation im europäischen Rahmen Genüge tun kann. Denn dass Trolle, Fakenews und Hassbotschaften in den so- Es ist ja nicht so, dass das Internet per se die Dissonanz und Kakopho- genannten sozialen Medien – also die Kakophonie, die in dissonanten nie produziert, die oben genannt wurden. Es „kann geographische, Öffentlichkeiten entsteht – für den demokratischen Diskurs Übles be- sprachliche und kulturelle Grenzen besser überwinden als jedes an- deuten, gilt einmal mehr für den europäischen Diskurs, in dem vor al- dere Medium“ (Hillje 2019, 15). Es bietet einen Kommunikationsraum, lem Nationalisten sich die Aufmerksamkeitsökonomie der Digitalkon- zu dem in Europa mittlerweile – mit großen Schwankungen zwischen zerne zu Nutze machen und Entsprechendes verbreiten. Warum dies so den einzelnen Ländern – 89 % der Bevölkerung Zugang haben (statis- ist, und warum das Konzept einer Plattform für europäische Öffentlich- ta). Es bietet vielfältigste Vernetzungsmöglichkeiten, sprachliche Hür- keiten hoch relevant ist, soll im nächsten Paragraph geklärt werden. den werden in kürzester Zeit durch intelligente Übersetzungssysteme überwunden sein, es bietet eine transnationale Struktur, es begleitet Die Grenzenlosigkeit oder die Grenzen der Plattformökonomie die Nutzer fast ständig – beste Voraussetzungen, einen integrativen Die Veranstalter der wichtigsten Industriemesse der Welt, der Han- Kommunikationsraum zu bieten, der Information, Austausch und Par- nover Messe, bezeichnen die Plattformökonomie als Herzstück der tizipation auf und zwischen allen Ebenen des komplexen europäischen digitalen Revolution (Hannovermesse), machen sie für märchenhafte politischen Systems erlauben würde – in einer besseren als der der- Wachstumszahlen verantwortlich und fragen: „Was macht Plattformbe- zeitigen Medienordnung. Doch es sind diese Potenziale des Internet, treiber wie Google, Apple, Facebook und Amazon so erfolgreich? Und zusammen mit den demokratiepolitischen und den europapolitischen was können produzierende Unternehmen von ihnen lernen?“ Zunächst Herausforderungen, die die Begründung für eine Plattformperspektive stellt die Plattformökonomie ein neuartiges Geschäftsmodell dar, mit für öffentlich-rechtliche Medien abgeben. dem sich die Kundenbeziehungen also so grundsätzlich optimieren las- sen, dass jedwede Branche davon profitieren könnte. Nun ist es seit je eine fundamentale Betrachtung von Medien, dass sie eben nicht nur 10 11
PUBLIC VALUE ST UDIE RUNDFUNK DER GESELLSCHAF T 3.0 Güter wie jede andere Branche produzieren und am Markt vertreiben, merziellen Anbietern billigend in Kauf genommen werden. Die massive sondern meritorische Güter, also Güter an denen ein besonderes gesell- Verarbeitung und Verwertung von Nutzerdaten, auf der die Geschäfts- schaftliches Interesse besteht, und die vom Markt nicht ohne weiteres modelle der Plattformbetreiber basieren, stehen häufig in Konflikt mit bzw. nicht in ausreichendem Maße und ausreichender Qualität bereit dem Datenschutz. gestellt werden. Es ist also danach zu fragen, welche Besonderheiten die Plattformökonomie für Medien bereithält und wie sie das Angebot Während die traditionellen Geschäftsmodelle der Medienbranche auf von Medien verändert. der Werbevermarktung von Spots, Anzeigen und Beilagen und teilweise einem direkten Erlösmodell für journalistische Inhalte durch Subscri- Im Kern bedeutet die Plattformökonomie die systemische Vernetzung ber-Modelle/Abonnement bzw. Einzelverkaufserlöse beruhen, haben von Hardware- und Softwareprodukten, monetarisierbaren Daten und sich diese Geschäftsmodelle im Rahmen der digitalen Transformati- Services und das gemeinsame Agieren in einem Wertschöpfungsnetz- on und der damit verbundenen Medienkonvergenz zugunsten neuer werk. Digitale Plattformen agieren mittels Informationstechnologie nicht-journalistischer digitaler Geschäftsmodelle verändert. Nun sind auf zweiseitigen Märkten, sie vermitteln zwischen externen Herstellern die Plattformen, die den meisten Traffic auf sich vereinen können, die und Kunden, und werden dafür ggf. von den einen mit Transaktions- erfolgreichsten. Sie arbeiten nach der Logik der Aufmerksamkeitsöko- gebühren, von den anderen in jedem Fall mit Daten finanziert. Diese nomie. Algorithmen verstärken die Verbreitung unerwünschter Inhalte Daten werden dann gewinnbringend für hochgradig personalisierte wie Hate-Speech. Kommunikation und Transaktionen auf Plattformen Werbung eingesetzt. Dabei können Unternehmen durchaus die eigene, sind anfällig für Irreführung durch Intransparenz, Manipulation und bisher geschlossene Plattform gezielt für Fremdanbieter öffnen oder Verzerrungen, und erlauben Microtargeting, das sich jedweder öffentli- mit bisherigen Konkurrenten kooperieren. Ein Grundprinzip dieser chen Kontrolle entzieht. digitalen Plattformökonomie besteht darin, eine Vielzahl von (unter- schiedlichen) Anbietern mit ihren Angeboten zusammenzubringen und Schaut man sich die großen Player in der Plattformökonomie an, so sie unterschiedlichen Kunden auf einer gemeinsamen Plattform anzu- kann man feststellen, dass es sich in jedem Falle um digitale Mono- bieten. Sie können dies, weil sie eine digitale Infrastruktur anbieten, pole handelt und dass sie ihre jeweiligen Sektoren dominieren. Sie ha- die diese Vernetzung von Anbietern und Nachfragern auf vielfältige ben diesen riesigen Wettbewerbsvorteil erreicht, weil sie die enormen Weise ermöglichen. Je intensiver und zahlreicher diese Vernetzungen Datensammlungen, die sie im Zuge ihrer Geschäftstätigkeit angehäuft sind, desto mehr Daten entstehen, die weitere Vernetzungen generie- haben, mit exponentieller Steigerung zur Gewinnmaximierung wieder ren. Je mehr Nutzer also eine Plattform hat, desto erfolgreicher kann sie einsetzen können. Mittlerweile sind von den großen Fünf der Plattfor- Mitwettbewerber verdrängen. Online-Plattformen wie Facebook, You- mökonomie – Google, Apple, Facebook, Amazon und Microsoft – viele Tube, Wikipedia und Amazon haben im vergangenen Jahrzehnt wirt- weitere Plattformen und Anwendungen infrastrukturell abhängig, weil schaftliche und soziale Entwicklungen so sehr geprägt, dass mitunter sie Daten und Kundenstämme der genannten nutzen. Der Wettbewerb bereits von einer Plattformgesellschaft gesprochen wird. Ihr Erfolg auf in der Plattformökonomie ist also schon längst ausgehebelt. Die so ent- zwei- oder mehrseitigen Märkten ist u.a. darauf zurückzuführen, dass standenen Monopolisierungsprozesse werden durch die der Plattfor- ihre Funktionen in hohem Maße automatisiert ausgeführt werden. Ein mökonomie inhärenten Netzwerkeffekte beschleunigt. Damit werden entscheidendes Merkmal der Plattformökonomie ist, dass die materiel- die Mechanismen benannt, die bewirken, dass eine höhere Mitglieder- len Güter oder Dienstleistungen in den Hintergrund treten, und die Ver- zahl einer Plattform zu einer Nutzensteigerung aller an der Plattform fügungsgewalt über die Kombination von Angebot und Nachfrage auf beteiligten Personen führt. Auf Facebook findet sich diese Dynamik einer Plattform das Geschäftsmodell ausmacht und die dazugehörigen genauso wie auf Plattformen, die Güter oder Dienstleistungen vermit- Daten (wer fragt was nach, wer bietet was?) den eigentlichen Wert des teln. Diese Netzwerkeffekte führen zu einem „sich selbst verstärkenden Unternehmens ausmachen. Airbnb besitzt keine Hotels oder Betten, Wachstumsprozess einzelner Plattformen, sobald diese einen gewissen Uber keine Autos, Amazon ist kein Warenproduzent. Und die großen Schwellenwert an Mitgliedern erreicht haben und erschweren poten- Informationsplattformen verfügen über keine Redaktionen. Mit der zu- ziellen Konkurrent/innen den Eintritt in den Markt“ (Arthur 1996). Die nehmenden Verbreitung von Internet-Plattformen und dem Trend zur Monopolstellung der großen Plattformanbieter erlaubt es ihnen auch, Automatisierung gehen jedoch vielfältige Risiken einher, die von kom- durch Ausnutzung rechtlicher Grauzonen die häufig unzureichend 12 13
PUBLIC VALUE ST UDIE RUNDFUNK DER GESELLSCHAF T 3.0 sichergestellte Privatsphäre ihrer Nutzer/innen für die Datengenerie- weniger Plattformen also den öffentlichen Meinungsraum gestalten, rung, die weitere Verwertungen erlaubt, zu verletzen. Die Algorithmen, wenn Facebook zum Quasi-Monopolisten für die Orchestrierung von die die Selektion und Präsentation von Suchergebnissen und Informa- Öffentlichkeit geworden ist, dann stellt sich die Frage der Funktiona- tionen steuern, sind darauf angelegt, ein Maximum an personalisierten lität der Plattformökonomie für die gesellschaftliche Kommunikation. Daten zu erheben, um Werbung so passgenau wie möglich zu platzie- Die ökonomische Macht der Plattformen ist somit demokratierelevant, ren. Die Logik der Information ist am zahlungskräftigen Konsumenten weil sie die Voraussetzungen einer demokratischen Öffentlichkeit ge- ausgerichtet, nicht am Bürger. fährdet, ohne dass irgendeine gesellschaftliche Kontrolle diese Macht bislang einhegen konnte. Die Dramatik der Folgewirkungen im Bereich von Information, Kommu- nikation und Unterhaltung lässt sich mit dem Stichwort der Disruption Es ist also nicht so, dass das Überangebot an medialen Inhalten – Con- annähernd erfassen. Die Plattformanbieter bringen neue Medienfor- tent, wie das dann unterschiedslos genannt wird – ein an demokrati- mate hervor, diese verändern Nutzungserwartungen und Nutzerver- scher Öffentlichkeit orientiertes Informationsangebot überflüssig ma- halten. Die entstandene Wirklichkeit digitaler Medienangebote ist eine chen würde – im Gegenteil. Die Informationsflut erfordert es geradezu, Welt von multiplen Realitäten, die parallel nebeneinander existieren. dass es verlässliche Orientierung gibt. Insofern stellt sich die Frage, wie Falschinformationen haben zugenommen, Halb- und Viertelwahr- öffentlich-rechtliche Medien sich im Rahmen dieser Plattformökono- heiten kursieren, ein emotionaler Aufreger wird durch den nächsten mie aufstellen und entwickeln sollten. scheinbar noch skandalöseren verdrängt, Verschwörungstheorien verbreiten sich viral in großer Geschwindigkeit, Vorurteile und vor- Öffentlich-rechtliche Medien als Plattform schnelle Urteile verdrängen gesichertes Wissen. Die fälschlicherweise Aus den oben aufgeführten Besonderheiten der Plattformökonomie als sozial bezeichneten Netzwerke befeuern diesen Schwelbrand, der und ihren Konsequenzen für das mediale Angebot sollte deutlich ge- sich in die solide Information hineinfrisst, mit immer neuen Angeboten worden sein, dass sie für das Mediennutzungsverhalten eine enorme und Funktionalitäten, die von machtvollen Intermediären mit einem Bedeutung haben, und dass sie gegenwärtig fast ausschließlich im Sin- großen Forschungs- und Entwicklungsetat ständig aufs Neue ersonnen ne einer Kapitalverwertungslogik agieren, nicht orientiert an den Inte- werden (Thomaß 2018). resse der Allgemeinheit. Das Gemeinwohlinteresse, das an der Wiege der Etablierung der öffentlich-rechtlichen Medien lag, ist hier vollkom- Information und Kommunikation sind entscheidende Instrumente der men abwesend. Die Frage steht also, ob starke Plattformen geschaffen Macht, konstatierte der spanische Soziologe Manuell Castells in seinem werden können, die eine Alternative und dem Publikum eine leicht wichtigen Werk über die Netzwerkgesellschaft (2001). Da die Plattform- erkennbare Anlaufstelle für Inhalte bieten, welche die Kriterien und ökonomie das genannte Oligopol von fünf gigantischen Netzkonzernen Standards erfüllen, die bislang für öffentlich-rechtliche Medien gelten. hervorgebracht hat, sind stark vermachtete Strukturen entstanden, de- Derzeit sind verschiedene Modelle in der Debatte. Sie gegeneinander ren Geschäftsmodelle letztlich auf Big Data beruhen. „Facebook wird abzuwägen, um herauszukristallisieren, welche Allianzen erforder- nicht dazu betrieben, dass wir alle unsere Ideen austauschen. Sondern lich sind, um den neuen Herausforderungen der digitalen Medienwelt damit Werbende mehr Daten über uns erhalten. Das ist die primäre 3.0 zu entsprechen, ist die entscheidende Aufgabe für die öffentlich- Funktion. Alles andere ist ein Nebenprodukt“, konstatiert der Ökonom rechtlichen Medien in naher Zukunft. Denn es sollte klar geworden Srnicek (2018). Die Algorithmen, die das jeweilige Angebot steuern, sein, dass angesichts der Übermacht der Digitalkonzerne in der Platt- versetzen die Nutzer in separierte digitale Realitäten, wenn diese nicht formökonomie ein einzelner öffentlich-rechtlicher Sender, zumal ein ihrerseits aktiv werden und Angebote kennen und nutzen, mit denen vergleichsweise kleiner wie der ORF, hoffnungslos damit überfordert sie diesen Filterblasen entkommen können. Wo solche Filterblasen als ist, dieser Marktmacht alleine Paroli bieten zu können. Die verschiede- vorwiegende Kommunikationsräume sich ausdehnen, wächst die Ent- nen Modelle zu einer Plattform der bzw. mit den öffentlich-rechtlichen fremdung zwischen einzelnen sozialen Gruppen und insbesondere zwi- Medien orientieren sich an unterschiedlichen Vorstellungen und Prä- schen Eliten und breiten Teilen der Bevölkerung. Gelingt es nicht, diese missen. Als Public Open Space bezeichnen Holznagel et al. (2016) ei- verschiedenen Gruppen zusammenzuführen, vertieft sich die ohnehin nen nationalen öffentlichen Kommunikationsraum, der die Angebote bereits bestehende soziale Spaltung noch weiter. Wenn die Algorithmen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit anderen, für den politischen 14 15
PUBLIC VALUE ST UDIE RUNDFUNK DER GESELLSCHAF T 3.0 und kulturellen Diskurs wichtigen Angeboten wie die von Museen oder chen, wie wichtig ihm die Kooperation mit kommerziellen Anbietern Wissenschafts- und Kultureinrichtungen zusammengeführt und für die erscheint. Es sollen Verlage, aber auch Institutionen aus Wissenschaft Zielgruppen öffentlich-rechtlicher Medien leichter zugänglich macht. und Kultur beteiligt werden. Die Initiative solle unterschiedlichste Ge- Sie beschreiben diese Plattform als Vernetzung oder Bündelung eige- schäftsmodelle zulassen, den Zugang auch zu den Nutzerdaten und ge- ner und ausgewählter Inhalte Dritter, die den Nutzerinnen und Nutzern meinsame Log-in-Systeme. die Auswahl und Orientierung erleichtern soll und stellen als Notwen- digkeit heraus, dass „ein klar definierter Auftrag bestehen, die Finan- Wilhelm bezieht sich dabei auf das Beispiel Österreich, wo unter der zierung geklärt werden und die redaktionelle Verantwortung beim ÖRR Vermittlung der Nachrichtenagentur APA der ORF und die wichtigen liegen“ muss (ebd. 95). Verlagshäuser in eine neue Beziehung getreten sind. Die Austria Vi- deoplattform der APA gilt als ein internationales Vorzeigeprojekt, das Vorangegangen war bereits die BBC, die mit einem open space genann- zeigen soll, wie die Zusammenarbeit zwischen öffentlich-rechtlichem ten Angebot online gegangen war, das versprach: „Members of the pu- Rundfunk und privaten Medienunternehmen funktionieren kann. EPOS blic explore issues important to them“ (BBC). Für die Erneuerung ihrer ist der weitergehende Ansatz einer Gruppe von Wissenschaftlern, die Charter kündigte die BBC in 2015 an, dass sie ihren iPlayer unter dem mit einem European Open Space (EPOS) ein Projekt zur Konzipierung Label „Ideas Service“ für andere Institutionen aus Kultur, kulturellem öffentlicher Freiräume in der digital vernetzten Öffentlichkeit anregen Erbe und wissenschaftlichen Institutionen öffnen wolle: „Central to the wollen (Thomass et al. 2017). Es geht ihnen dabei um „Räume, die dem Ideas Service will be strong curation, through a combination of editorial, öffentlichen Interesse dienen, frei sind von staatlichen und marktwirt- algorithmic and social methods“ (BBC 2015:70). Im Januar 2018 ging BBC schaftlichen Einflüssen und europäische Ausmaße haben“ (Grassmuck ideas dann online (BBC 2018). Der Dienst ist heute – gemessen an den 2018). Die Idee zu dem Projekt leitet sich aus der Feststellung ab, dass ursprünglichen Ansprüchen – ein eher bescheidenes Angebot an Kurzvi- öffentlich-rechtliche Medien auch in der digitalen Medienwelt einer der deos mit Meinungen, Alltagsgeschichten und künstlerischen Filmen. Ein wichtigsten Orte für öffentliche Politik, Kultur und Integration bleiben. ähnliches Angebot findet sich bei der Australian Broadcasting Corporati- on: ABC Open „publishes and broadcasts stories made by regional Aus- Vier konstitutive Elemente sind dabei vorgesehen: die öffentlich-recht- tralians. All across Australia, people are creating great videos, photos licher Medien selbst, öffentliche Wissensinstitutionen wie Europeana and written stories to share on the ABC. ABC Open brings these stories – ein Netzwerk von annähernd 4000 Kulturorganisationen aus ganz together for you to explore.” (ABC Open) Europa – , zivilgesellschaftliche Wissensinstitutionen wie Wikipedia und Bürger/innen. Die Tatsache, dass zivilgesellschaftliche Wissens- Die deutsche Kulturplattform zdfkultur, die das ZDF gemeinsam mit 35 Allmendgemeinschaften wie Open Access Science, Freie Software, Partnern aus den Bereichen Musik und Theater, Kino, Kunst, Kabarett, Wikipedia und Open Educational Resources sich für qualitätsgesicher- Lesen, Reisen, Design und Gaming im Februar 2019 gelauncht hat, ist tes, relevantes, quellengestütztes Wissen für das Gemeinwohl und für eingebunden in die relativ erfolgreiche Mediathek, und stellt einen An- freien und universellen Zugang dazu engagieren, macht sie zu einem satz dar, durch Kooperation mit nicht-kommerziellen Partnern ein viel- natürlichen Partner für öffentlich-rechtliche Medien, die gleiche Werte fältiges Angebot auf einer Plattform zu schaffen, dabei aber die eigene vertreten. Die vierte Säule, die der Bürger/innen, wird für notwendig Marke prägnant zu halten. Eine Kooperation mit dem anderen öffentlich- erachtet, weil durch sie über Kommentare, Empfehlungen, Kuratie- rechtlichen Anbieter in Deutschland, der ARD, ist nicht geplant. rung, Inhalteproduktion sowie Governance die wiederkehrenden For- Der Vorsitzende der ARD, Ulrich Wilhelm, ist mit einem Vorschlag an derungen nach einem nicht-kommerziellen Youtube (Hündgen 2013) die Öffentlichkeit getreten, nach dem öffentlich-rechtliche und kom- und nach Partizipation als Grundlage für die gesellschaftliche Integ- merzielle Medien gemeinsam auf einer Plattform auftreten sollten: „Die ration realisiert wird. Das wesentliche Merkmal von EPOS gegenüber Initiative, die ich vorschlagen möchte, ist, dass wir versuchen, neben den bisher genannten Projekten und Angeboten ist die europäische Di- die Nutzung von Facebook, Google und anderen eine weitere Möglich- mension. Sie wird vor dem Hintergrund der Notwendigkeit einer euro- keit zu stellen, eine Plattform, die nach unseren Werten ausgerichtet päischen Öffentlichkeit begründet, weshalb EPOS von Anfang an pan- ist“ (FAZ 2018) . Dass er diesen Vorschlag beim Kongress des Bundes- europäisch gedacht werden soll. verbandes deutscher Zeitungsverleger unterbreitete, mag unterstrei- 16 17
PUBLIC VALUE ST UDIE RUNDFUNK DER GESELLSCHAF T 3.0 Die Projektgruppe stellt verschiedene Möglichkeiten vor, welche Form Nutzen im Hinblick auf die europäische Integration bieten (ebd. 133). EPOS annehmen könnte: „Es könnte eine einzige europaweite Plattform Hillje entwickelt auch Vorschläge, welche Akteure ein solches Angebot sein, die alle Inhalte und Funktionen in 24 Amtssprachen für alle zum bei unbedingter Beachtung des Unabhängigkeitsgebotes organisieren Filtern bereitstellt oder mehrere thematisch getrennte Plattformen. Es könnten und sieht in der Europäischen Rundfunkorganisation EBU den könnte eine Meta-Site sein, die Inhalte von Tausenden von föderierten geeigneten Rahmen, in dem eine Plattform Europa entstehen könnte Partnersites aggregiert und kuratiert wie Europeana oder ein Netzwerk (ebd. 136). dezentraler Produktion und Distribution wie Investigate-Europe.eu. Sie könnte auch gar keine eigenständige Form annehmen, sondern darin Und schließlich hat sich eine weitere Forschergruppe um den Begriff bestehen, die europäischen digitalen Kapazitäten in den bestehenden EPIC (European Public Information & Communication Space) geschart, nationalen und regionalen Medien zu stärken“ (Grassmuck 2018). der vor allem auf Förderung der Europäischen Gesellschaft fokussiert. Es sollen Konzepte entwickelt werden für “platforms and services so Zentral für EPOS ist, dass die Plattform den traditionellen Auftrag der that European citizens can inform themselves through multiple che- öffentlich-rechtlichen Medien, also die Bereitstellung von Informatio- cked sources (legacy media/cultural archives/citizen sources); discuss nen, Bildung, und Kultur, um den Zugang zu den Speichern des kultu- current issues in a fair not-mainly commercial focused environment; rellen Erbes und zur aktuellen Kultur und Wissensproduktion in Festi- collaborate on ideas & solutions for European challenges and be able to vals, Universitäten, politischer Bildung usw. erweitert. Sie unterstützt set civic agendas on a European scale” (Sarikakis 2019). die P2P-Kuratierung und -Produktion von Wissen und Software und die Bereitstellung eines Raums für demokratische Deliberation (ebd.). Da- Potenziale von ÖRR als Plattform mit würden sich in EPOS vier Gruppen zusammenschließen, die jede Auffällig an diesen verschiedenen Initiativen, die sich personell teils für sich dem öffentlichen Interesse verpflichtet sind, auch wenn durch- überschneiden, teils parallel ähnliche Konzepte wägen, ist, dass sie aus kategorial verschiedene Akteure und Wissensbestände vereint alle von der defizitären Öffentlichkeit ausgehen, die gegenwärtig durch würden. Sie teilen jedoch fundamental Werte und Orientierungen und das kommerzielle Internet vermachtet ist, dass sie die öffentlich-recht- unterscheiden sich damit von der Gewinnorientierung kommerzieller lichen Medieninstitutionen als Kern sehen und dass sie einen europä- Medien. ischen Rahmen setzen. Auffällig ist aber auch, dass mit Ausnahme der Initiative, die vom ARD-Vorsitzenden Wilhelm ausgeht, Vertreter öffent- „Plattform Europa“ nennt Hillje (2019) sein Modell, das wesentliche Ge- licher-rechtlicher Medienanbieter eher zurückhaltend in der Diskussion danken des oben genannten EPOS beinhaltet und ebenso konsequent insbesondere der europäischen Dimension sind. Dabei sind die Chan- auf europäische Öffentlichkeit orientiert. Hillje geht davon aus, dass cen, die eine Plattform öffentlich-rechtlicher Medien im Verbund mit auch in der digitalen Welt – analog zum dualen Rundfunksystem – ne- anderen nicht-kommerziellen Anbietern bietet, vielfältig (Grassmuck ben den kommerziellen öffentliche Plattformen installiert werden soll- 2018): Öffentlich gefördertes Wissen würde im öffentlichen Interesse im ten (Hillje 2019,129). Er plädiert für eine Plattform Europa, die den kultu- Kontrast zu kommerziellen Medien sichtbarer und „an Anerkennung, rellen, sozialen und demokratischen Raum eröffnet, der als Ergänzung Reichweite und Legitimität gewinnen. Bürger/innen erhalten ein One- zum Wirtschaftsraum der EU notwendig wäre. Damit greift er die Dik- Stop-Portal für zuverlässige, qualitativ hochwertige Informationen und tion von den kulturellen, sozialen und demokratischen Bedürfnissen Debatten, für aktuelle Kultur und Kulturerbe, das Orientierung in Zei- der Gesellschaft auf, die zu befriedigen der deutsche Rundfunkstaats- ten von Post-Faktizität und Hassreden bietet. Schließlich würde die eu- vertrag als Aufgabe für die öffentlich-rechtlichen Medien vorschreibt. ropäische Demokratie von einem Raum frei von Staats- und Marktin- Um solch eine europäische Plattform für die Nutzer/innen attraktiv zu teressen profitieren, einem Raum des europaweiten Austausches, der machen, soll die Plattform neben Nachrichten ebenso Angebote für En- Meinungsbildung und Deliberation“ (ebd.). tertainment, Shopping und social networking machen. Die Plattform sollte ein europäisches Nachrichtenangebot bieten, mit Instrumenten Eine prinzipielle und frühzeitig zu klärende Frage ist die nach den und Informationen politisches Engagement auf EU-Ebene fördern, mit Allianzen, die öffentlich-rechtliche Medien auf einer Plattform ein- europäischen Serienproduktionen zu einem Bewusstsein eines Euro- gehen würden. Der Vorschlag des ARD-Vorsitzenden Wilhelm, der pean Way of Life beitragen und Apps beinhalten, die einen praktischen die Zusammenarbeit mit kommerziellen Anbietern sucht, ist darauf 18 19
PUBLIC VALUE ST UDIE RUNDFUNK DER GESELLSCHAF T 3.0 ausgerichtet, von Anfang an eine relevante Größenordnung zu errei- zustimmen, der die in der Europäischen Rundfunkunion vereinten öf- chen, die Sichtbarkeit garantiert. Weil davon auszugehen ist, dass fentlichen Sender als geeignete Treiber einer europäischen nicht-kom- keine Plattform gegenwärtig den Wettbewerbsvorsprung, den die merziellen Plattform sieht. Derzeit werden etliche öffentlich-rechtliche kommerziellen US-basierten Plattformen haben, aufholen könnte, Angebote über Drittplattformen verbreitet. Dies ist in der gegenwärti- ist das Größenargument insbesondere eines, das für kleinere Staaten gen Konstellation der Plattformökonomie eine erzwungene Notwen- wie Österreich hoch relevant ist. Andererseits haben die öffentlich- digkeit, die nur eine ergänzende Funktion haben sollte. Ziel sollte es rechtlichen Anbieter auf eigenen Plattformen die besten Chancen, vielmehr sein, das Publikum dort abzuholen und möglichst auf das den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Eine gemeinsame, of- genuin eigene Angebot zu leiten. Ansonsten droht, dass die öffentlich- fene und nicht kommerzielle Plattform aller öffentlich-rechtlichen rechtlichen Angebote als solche nicht erkennbar sind, und sie sich in Anbieter als „Public Open Space“ in einem gegebenen Land könnte einem kommerziellen Umfeld bewegen, das den Vorgaben für eigene eine gewisse Anziehungskraft entfalten. Wenn auf dieser Plattform Angebote nicht genügt. nicht nur öffentlich-rechtlich produzierte Inhalte verfügbar sind, son- dern beispielsweise auch solche von Museen, der Bundeszentrale für Fazit politische Bildung, der Wikipedia etc. ist das Potenzial ungleich grö- Öffentlich-rechtliche Medien zu Plattformen auf europäischer Ebene ßer. Auf europäischer Ebene gedacht – wie bei EPOS, EPIC oder der weiterzuentwickeln, die den neuen Bedingungen der digitalen Medi- Plattform Europa – sind Sichtbarkeit, Legitimität und Attraktivität enwelt 3.0 entsprechen, ist in diesem Beitrag als notwendige Perspek- ungleich größer, wenn auch viele ungelöste Fragen zu klären wären, tive vorgeschlagen worden, um eine Antwort auf demokratiepolitische wovon die der Finanzierung, der Governance und der Sprachgestal- und europapolitische Herausforderungen sowie die Defizite der Platt- tung sicher die vordringlichsten sind. formökonomie zu geben. Dafür sind neue Allianzen erforderlich. Diese sind in allen Bereich zu suchen und zu finden, wo öffentlich geförder- Vor allem aber sind die Qualitätsparameter zu entwickeln, die die tes Wissen und kulturelle Inhalte generiert und ausgetauscht werden. Defizite kommerzieller Plattformen hinter sich lassen, aber auch die Damit die Plattformisierung (Helmond) nicht allein den Geschäftsin- Elemente, die ihre Attraktivität ausmachen. Neben einem möglichst teressen der großen Player dient, ist eine an demokratischen Rahmen- umfangreichen Angebot muss ein Open Space nutzerfreundlich, über bedingungen orientierte Plattform relevanter Größe zu entwickeln, die diverse Endgeräte zugänglich und vor allem auffindbar sein. Nutzer/ Partizipation, Vernetzung und Interaktion von Bürger/Innen befördert. innen sollten sicher gehen können, dass sie Angebote von höchsten Ihrer Erreichbarkeit und ihrer Relevanz für die Bevölkerung wird sie journalistischen und ethischen Standards finden. Dies ist nicht ohne durch ein ebenso informatives, wie nützliches und unterhaltsames eine kompetente Kuratierung zu erreichen. Dabei sollte das Angebot Angebot erlangen. Öffentlich-rechtliche Medien konnten bisher einen vernetzungsoffen sein und die Allianz unterschiedlicher Akteure mög- großen Anteil der Bevölkerung an sich binden und für sich begeistern. lich machen, damit der Vielfaltsgedanke, der zu Inklusion und sozia- Diese sind ein Potenzial, das es zu erweitern gilt, um eine öffentliche ler Kohäsion beitragen soll, durch die Plattform realisiert wird. Durch Plattform, einen Open Space am besten europäischer Größenordnung Bewertungs-und Kommentarfunktionen sollten dem Publikum vielfäl- zu einem Kommunikationsraum zu machen, in dem unterschiedliche tige Mitwirkungsmöglichkeiten eröffnet werden. Datensicherheit, die Bevölkerungsgruppen sich austauschen und an dem Reichtum europä- Persönlichkeitsschutz garantiert und Datenmissbrauch ausschließt ist ischer Kultur teilhaben und in dem qualitätsvolle Informationen Demo- zu gewährleisten. Oberstes Qualitätskriterium ist die Relevanz der An- kratie erfahrbar machen. gebote für den demokratischen Diskurs, welches zugleich als Kriterium dienen muss, wenn die Allianz unterschiedlicher Akteure möglich sein soll. Die Verwirklichung dieser Ziele auf einer Plattform von relevan- ter Größenordnung würde eine enorme Kraftanstrengung und potente Akteure erfordern. Wie groß die Arbeit dafür sein wird, mag man er- messen, wenn man in Rechnung stellt, dass die sehr überschaubare Plattform zdfkultur alleine eineinhalb Jahre zur Vorbereitung benötigte – allerdings mit einem sehr kleinen Team. Insofern ist Hillje nur zu- 20 21
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