Bewerbungsunterstützung erhöht die Kita-Inanspruchnahme von Kindern aus bildungsferneren Familien

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FORSCHUNGSERGEBNISSE

Henning Hermes, Philipp Lergetporer, Frauke Peter, Simon Wiederhold, Vera Freundl
und Olivia Wirth*

Bewerbungsunterstützung erhöht die
Kita-Inanspruchnahme von Kindern
aus bildungsferneren Familien

Eine Vielzahl bildungsökonomischer Studien zeigt,
                                                                                                                                                    IN KÜRZE
dass sich frühkindliche Betreuungsangebote in Kin-
dertageseinrichtungen (Kitas) positiv auf die Entwick-
lung von Kindern und deren spätere Bildungs- und                            Kinder aus bildungsferneren Familien profitieren besonders
Arbeitsmarktchancen auswirken (vgl. Currie und Al-                          stark vom Besuch einer Kindertageseinrichtung (Kita), besu-
mond 2011; Fryer et al. 2020). Vor allem Kinder aus                         chen diese aber deutlich seltener. Wir untersuchen, ob Infor-
bildungsferneren Familien profitieren von der Kita-In-
                                                                            mationen und Unterstützungsmaßnahmen für Familien bei
anspruchnahme, weshalb Kitas einen wichtigen Bei-
trag zur Herstellung von Bildungsgerechtigkeit leisten                      der Bewerbung um einen Kitaplatz die sozioökonomische Un-
können (vgl. Currie 2001; Schütz et al. 2008; Björklund                     gleichheit in der Kita-Inanspruchnahme verringern kann. In
und Salvanes 2011). Allerdings sind Kinder aus Fami-                        der hier betrachteten Studie mit über 600 Familien mit Kin-
lien mit geringerem Bildungsniveau in Kitas oftmals                         dern unter drei Jahren erhalten zufällig ausgewählte Eltern
unterrepräsentiert: In Deutschland beispielsweise be-                       Informationen und ein personalisiertes Unterstützungsangebot
suchen Kinder unter drei Jahren aus bildungsferneren
                                                                            für ihre Kita-Bewerbung. Diese Maßnahme erhöht die Bewer-
Familien deutlich seltener eine Kita als gleichaltrige
Kinder aus bildungsnäheren Familien – und das trotz                         bungsquote und die Kita-Inanspruchnahme von bildungsfer-
öffentlicher Förderung von Kitaplätzen und einem                            neren Familien deutlich. Auf bildungsnähere Familien hat die
Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung für Kinder ab                            Maßnahme hingegen keine Auswirkungen, wodurch sie die so-
der Vollendung des ersten Lebensjahres (Jessen et                           zioökonomische Ungleichheit im Kita-Besuch stark reduziert.
al. 2020).1                                                                 Unsere Befunde legen nahe, dass bildungsfernere Familien
     Eine mögliche Erklärung für diese sozioökono-
                                                                            aufgrund fehlender Informationen bzw. einer zu hohen Kom-
mischen Unterschiede in der Kita-Inanspruchnahme
sind Barrieren, mit denen sich insbesondere Eltern                          plexität des Kita-Bewerbungsprozesses oftmals nicht dazu in
mit geringerem Bildungsniveau im Bewerbungsver-                             der Lage sind, die von ihnen gewünschten frühkindlichen Be-
fahren um einen Kitaplatz konfrontiert sehen. Der                           treuungsangebote auch tatsächlich in Anspruch zu nehmen.
Kita-Markt in Deutschland ist durch Platzknappheit,
dezentrale Entscheidungsprozesse und undurchsich-
tige Priorisierungskriterien gekennzeichnet. Um einen
Kitaplatz zu erhalten, müssen sich Eltern frühzeitig                    und einhalten. Vor allem Eltern aus bildungsferne-
informieren, die notwendigen Formulare ausfüllen                        ren Schichten stellt die Komplexität des Kita-Bewer-
und eine Reihe von Deadlines (z.B. Bewerbungs-                          bungsprozesses vor besondere Herausforderungen:
schluss oder Tage der offenen Tür) im Blick haben                       Ihnen fehlen häufiger wichtige Informa­tionen über
                                                                        das Bewerbungsverfahren und das nötige Know-
* Dr. Henning Hermes ist Assistant Professor am FAIR Center of          how, um den Bewerbungsprozess erfolgreich zu
Excellence der Norwegian School of Economics (NHH) Bergen.
Prof. Philipp Lergetporer ist Assistant Professor an der Technischen
                                                                        meistern.
Universität München School of Management, Fakultät für Wirt-                 Vor diesem Hintergrund untersuchen Henning
schaftswissenschaften, und Forschungsprofessor am ifo Institut
München. Dr. Frauke Peter ist stellvertretende Abteilungsleiterin der
                                                                        Hermes, NHH Bergen, Philipp Lergetporer, Techni-
Abteilung »Bildungsverläufe und Beschäftigung« des DZHW Hanno-          sche Universität München und ifo Institut, Frauke
ver. Prof. Simon Wiederhold ist Professor für Volkswirtschaftslehre,
insb. Makroökonomik, an der Katholischen Universität (KU) Eich-
                                                                        Peter, DZHW Hannover, und Simon Wiederhold, KU
stätt-Ingolstadt und Forschungsprofessor am ifo Institut München.       Eichstätt-Ingolstadt, in einem groß angelegten Feld­
Vera Freundl ist Fachreferentin am Zentrum für Bildungsökonomik
des ifo Instituts München. Olivia Wirth ist Studentin der Volkswirt-
                                                                        experiment, ob die Bereitstellung von relevanten
schaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München.       Informationen zum Kita-Bewerbungsprozess sowie
Details zu den hier berichteten Untersuchungen und Ergebnissen
finden sich in Hermes et al. (2021). Wir danken der Jacobs Stiftung
                                                                        ein personalisiertes Unterstützungsangebot für die
für finanzielle Unterstützung des Projekts.                             Kita-Bewerbung die sozioökonomische Ungleichheit
1
   Jessen et al. (2020) kategorisieren das Bildungsniveau von Famili-
en danach, ob die Eltern das Abitur haben oder nicht. Die Autoren
                                                                        in der Kita-Inanspruchnahme reduzieren kann. Der
der hier berichteten Studie folgen dieser Einteilung.                   vorliegende Beitrag fasst die Studienergebnisse zu-

                                                                                 ifo Schnelldienst   9 / 2021   74. Jahrgang   15. September 2021   41
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     sammen (Hermes et al. 2021 für eine detaillierte Dar-                  Gründe dafür sein, dass in Deutschland trotz deut-
     stellung des Forschungsprojekts).                                      licher Übernachfrage Kitaplätze unbesetzt bleiben:
                                                                            In einer Umfrage mit mehr als 400 Kitaleiter*innen,
     HINTERGRUND: FRÜHKINDLICHE BETREUUNG                                   die von Hermes et al. (2021) durchgeführt wurde,
     IN DEUTSCHLAND                                                         gibt mehr als die Hälfte an, dass in ihrer Einrichtung
                                                                            mindestens ein Platz nicht besetzt ist. Mehr als ein
     In Deutschland hat jedes Kind ab dem Alter von ei-                     Drittel sagt sogar, dass mehr als fünf Plätze nicht
     nem Jahr einen Rechtsanspruch auf eine Kinderbe-                       besetzt sind.
     treuung (Kita oder Kindertagespflege). Dabei wird die                       Schließlich ist in Deutschland die Kita-Inan-
     Betreuung in einer Kita bei weitem nicht von allen                     spruchnahme stark vom familiären Hintergrund ab-
     in Anspruch genommen: Etwa ein Drittel der Kinder                      hängig: So zeigen etwa Jessen et al. (2020), dass Kin-
     unter drei Jahren wird in einer Kita betreut, wobei                    der von Eltern ohne Abitur eine um 14 Prozentpunkte
     die Betreuungsquote mit zunehmendem Alter stark                        geringere Wahrscheinlichkeit haben, eine Kita zu be-
     ansteigt (1% für Kinder unter einem Jahr, 29% für                      suchen, als Kinder von Eltern mit Abitur. Dieser Unter-
     Einjährige, 55% für Zweijährige) (Autorengruppe Bil-                   schied nach dem elterlichen Bildungsabschluss bleibt
     dungsberichterstattung 2020). Frühkindliche Betreu-                    auch dann bestehen, wenn man berücksichtigt, dass
     ung wird in hohem Maße öffentlich subventioniert.                      die Nachfrage von bildungsferneren Eltern nach Kin-
     Die öffentliche Hand übernimmt etwa drei Viertel der                   derbetreuung geringer ist. Die hier vorgestellte Studie
     Gesamtkosten, so dass Eltern im Durchschnitt etwa                      untersucht, inwieweit die Beseitigung von Barrieren
     250 Euro pro Monat für einen Kitaplatz zahlen (Spiess                  bei der Kita-Bewerbung dabei hilft, die sozioökono-
     2013; Felfe und Lalive 2018). Einkommensschwächere                     mischen Unterschiede in der Kita-Inanspruchnahme
     Familien haben in der Regel Anspruch auf Gebühren­                     zu verringern.
     ermäßigung oder -befreiung.                                                 Die hier vorgestellte Studie wurde in zwei Groß-
          Im deutschlandweiten Durchschnitt übersteigt                      städten (Einwohnerzahl > 100 000) in Rheinland-Pfalz
     die Nachfrage nach Kitaplätzen das Angebot deut-                       durchgeführt. Der Anteil an Kindern in frühkindlicher
     lich: So wünschen sich im Durchschnitt 44% der El-                     Betreuung ist in Rheinland-Pfalz mit 31% vergleich-
     tern einen Betreuungsplatz, aber nur 31% der Kinder                    bar mit dem deutschlandweiten Durchschnitt (Auto-
     besuchen tatsächlich eine Kita (Jessen et al. 2020).                   rengruppe Bildungsberichterstattung, 2020), in den
     Aufgrund der dezentralen Organisation der Kinderbe-                    beiden betrachteten Städten ist er etwas geringer
     treuung unterscheidet sich die Platzvergabe je nach                    (20–30%). Beide Städte nutzen ein zentralisiertes
     Region, Trägerschaft (z.B. öffentlich, kirchlich oder                  Online-Bewerbungssystem, die Zulassungsentschei-
     privat) und sogar zwischen einzelnen Kitas. Oft gibt                   dungen werden jedoch eigenständig durch die Kitas
     es keine transparenten Priorisierungskriterien für die                 getroffen und nicht zwischen den Einrichtungen ko-
     Kitaplatz-Vergabe.2 Für Eltern stellt der Kita-Bewer-                  ordiniert. Die Kita-Betreuung ist in Rheinland-Pfalz
     bungsprozess eine große Herausforderung dar. Um                        für Kinder ab zwei Jahren kostenlos. Für Kinder unter
     bei der Platzvergabe erfolgreich zu sein, müssen sie                   zwei Jahren sind die Gebühren vergleichsweise gering
     sich frühzeitig bewerben, möglicherweise mehrere                       und hängen vom Einkommen, der Anzahl der Kinder
     Bewerbungen verschicken und den Überblick über                         im Haushalt und der Anzahl der gewünschten Betreu-
     verschiedene Fristen, Zulassungsentscheidungen und                     ungsstunden pro Woche ab.
     Wartelisten behalten. Der Prozess erfordert auch das
     Ausfüllen umfangreicher Formulare und das Einrei-                      DIE STUDIE
     chen zahlreicher Dokumente. Besonders für Eltern,
     denen es an Wissen, Zeit oder finanziellen Ressourcen                  Vor diesem Hintergrund untersuchen Hermes et al.
     mangelt, ist es häufig schwierig, sich in diesem Umfeld                (2021), ob eine Maßnahme zum Abbau möglicher Bar-
     zurecht zu finden.                                                     rieren im Kita-Bewerbungsprozess die sozioökonomi-
          Mehrere Studien weisen darauf hin, dass das Ver-                  schen Unterschiede in der Kita-Inanspruchnahme ver-
     gabeverfahren für Kitaplätze ineffizient ist. Einerseits               ringern kann. Dazu wurde eine Stichprobe von 607 Fa-
     stehen manche Familien trotz Rechtsanspruch jahre-                     milien mit Kindern unter einem Jahr im Rahmen eines
     lang auf Wartelisten, bevor sie einen Betreuungsplatz                  randomisierten Feldexperimentes un­tersucht (vgl.
     finden (Carlsson und Thomsen 2015). Andererseits                       Box »Methodik der Studie« für Details). Um die kau-
     erhalten Familien oftmals Platzangebote von meh-                       salen Effekte der Maßnahme auf Kita-Inanspruch-
     reren Einrichtungen, da die Aufnahmeentscheidun-                       nahme zu untersuchen, wurden die Familien zufällig
     gen zwischen den Kitas nicht koordiniert werden,                       in zwei Gruppen eingeteilt: eine »Treatmentgruppe«
     wodurch sich die Wartezeiten für andere Familien                       (320 Familien), und eine »Kontrollgruppe« (287 Fami-
     weiter verlängern (Fugger et al. 2017). Dies können                    lien). Die Familien in der Treatmentgruppe erhielten
                                                                            im Rahmen der Maßnahme Hilfe zum Abbau mög­
     2
        Insofern es Kriterien gibt bzw. diese an die Eltern kommuniziert    licher Barrieren bei der Kita-Bewerbung, die Fami-
     werden, umfassen sie häufig die Erwerbstätigkeit beider Elternteile,
     ob Eltern alleinerziehend sind oder ob Geschwisterkinder bereits
                                                                            lien in der Kontrollgruppe hingegen nicht. Durch die
     dieselbe Kita besuchen.                                                zu­fällige Einteilung zeigt die Kontrollgruppe auf, wie

42   ifo Schnelldienst   9 / 2021   74. Jahrgang   15. September 2021
FORSCHUNGSERGEBNISSE

                                                                                                                          METHODIK DER STUDIE

Die Stichprobe wurde aus der Grundgesamtheit aller                      video gezeigt und eine Karte mit Kontaktinformatio­
Familien mit Kindern im Alter von bis zu einem Jahr                     nen für das personalisierte Unterstützungsangebot
basierend auf Einwohnermeldeamtsdaten gezogen. Im                       ausgehändigt. Familien in der Kontrollgruppe wurde
Vorfeld erhielten alle Familien ein Einladungsschreiben                 hingegen kein Video gezeigt, und sie erhielten keine
per Post, in dem angeboten wurde, an einem univer-                      Kontaktinformationen für die personalisierte Unter-
sitären Forschungsprojekt teilzunehmen. Die Basiser-                    stützung. Die Ergebnisvariablen wurden im Rahmen
hebung wurde in Form von persönlichen Interviews                        einer Folgebefragung nach neun Monaten (zwischen
zwischen August und Oktober 2018 durchgeführt. Ins-                     Mai und Juli 2019) als Telefoninterviews durchgeführt.
gesamt wurden 607 Familien für die Studie rekrutiert.                   Hierbei konnten mehr als 85% der Familien aus der
Die zufällige Zuteilung der Familien in Treat­ment- und                 Basiserhebung wiederbefragt werden. Weiterführende
Kontrollgruppe wurde unmittelbar nach der Basiser-                      Analysen zeigen, dass die zufällige Gruppenzuteilung
hebung durchgeführt.                                                    keine Auswirkungen auf die Wiederbefragungswahr-
     Im Anschluss an die Basiserhebung wurde den                        scheinlichkeit hat.
Familien in der Treatmentgruppe das Informations-

sich die Kita-Inanspruchnahme in der Treatment-                         Ausfüllen und Einreichen von Anträgen oder die Erin-
gruppe ohne unsere Maßnahme entwickelt hätte.                           nerung an wichtige Termine wie Bewerbungsfristen
     Die getestete Maßnahme besteht aus zwei Tei-                       oder Tage der offenen Tür bei den Kitas. Analog zum
len: Informationsbereitstellung und personalisierte                     Informationsvideo wurden die Hilfskräfte angewie-
Bewerbungsunterstützung. Um mögliche Wissens­                           sen, die Eltern nicht von einer bestimmten Form der
lücken zum Kita-Bewerbungsverfahren zu schließen,                       Kinderbetreuung zu überzeugen, sondern ihnen zu
wurde den Eltern ein kurzes Informationsvideo gezeigt                   helfen, die von den Eltern gewünschte Betreuungs-
(4 min). Das Video informierte darüber, dass alle El-                   form zu realisieren.
tern in Deutschland einen Rechtsanspruch auf einen
Kinderbetreuungsplatz nach dem ersten Geburtstag                        ERGEBNISSE
des Kindes haben, dass die frühkindliche Betreuung
im untersuchten Bundesland für alle Kinder ab zwei                      Abbildung 1 zeigt die Ergebnisse der Studie. Die Wir-
Jahren kostenlos ist, dass es für Kinder unter zwei                     kung der Maßnahme wird getrennt nach dem elterli-
Jahren Gebührenermäßigungen (z. B. für einkommens-                      chen Bildungsniveau dargestellt. Familien, in denen
schwache Familien) gibt und dass eine frühzeitige Be-                   der befragte Elternteil kein Abitur hat, werden als
werbung bei mehreren Kitas die Chance erhöht, einen                     »bildungsfernere Familien« bezeichnet (42%), jene
Kitaplatz zu bekommen.3 Das Ziel der Informationsbe-                    mit Abitur als »bildungsnähere Familien« (58%).4 Für
reitstellung bestand darin, den Eltern die Suche nach                   bildungsfernere Familien zeigen sich große und sta-
einem Betreuungsplatz zu erleichtern, und nicht, sie                    tistisch hochsignifikante Effekte der Unterstützungs-
von einem bestimmten Betreuungsmodell zu überzeu-                       maßnahmen auf die Kita-Bewerbung und auf die tat-
gen. Das Video betonte daher, dass die frühkindliche                    sächliche Kita-Inanspruchnahme. Neun Monate nach
Betreuung in Kitas nur eine von mehreren Betreuungs-                    der Maßnahme ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich
möglichkeiten ist und dass es allein die Entscheidung                   bildungsfernere Familien in der Treatmentgruppe um
der Eltern ist, welche Möglichkeit sie wählen. Zudem                    einen Kitaplatz bewerben, um 21 Prozentpunkte hö-
erhielten die Eltern das Angebot einer personalisierten                 her als jene von bildungsferneren Familien in der Kon-
Bewerbungsunterstützung durch speziell geschulte                        trollgruppe (vgl. oberer dunkelblauer Balken). Auf die
studentische Hilfskräfte, die die Familien bei der Kita-                Bewerbungswahrscheinlichkeit von bildungsnäheren
platzsuche und Bewerbung unterstützten. Dazu gehör-                     Familien haben die Unterstützungsmaßnahmen kei-
ten beispielsweise die Beschaffung von Informationen                    nen Effekt (oberer hellblauer Balken). Damit nivelliert
über Bewerbungsverfahren, die Unterstützung beim                        die Maßnahme fast den gesamten sozioökonomischen
                                                                        Unterschied bei der Kita-Bewerbung (oberer grauer
3
   Tatsächlich zeigen bisherige Studien, dass Eltern fehlende Infor-    Balken), der in der Kontrollgruppe zu beobachten ist.
mationen über Bewerbungsverfahren und -fristen als ein wichtiges
Hindernis bei der Kitaplatzsuche ansehen (Camehl et al. 2018; Stahl
et al. 2018). Hermes et al. (2021) zeigen zudem, dass bildungsfernere
                                                                        4
Eltern in Bezug auf zentrale Informationen deutliche Wissenslücken          Unsere Ergebnisse bleiben auch dann erhalten, wenn wir »bil-
aufweisen: Eltern ohne Abitur wissen im Vergleich zu Eltern mit Abi-    dungsfernere« Familien so definieren, dass keiner der beiden Eltern-
tur deutlich seltener, dass sie einen Rechtsanspruch auf Kinderbe-      teile das Abitur hat. Auch bei umfassenderen Definitionen für den
treuung haben, dass sie sich nicht bei der nächstgelegenen Kita an-     sozioökonomischen Hintergrund, bei denen die Informationen zum
melden müssen und dass für Kinder ab zwei Jahren im Studien-Bun-        Bildungsabschluss mit Haushaltseinkommen und/oder Alleinerzie-
desland keine Gebühren erhoben werden.                                  hungsstatus kombiniert werden, erzielen wir sehr ähnliche Ergebnisse.

                                                                                    ifo Schnelldienst   9 / 2021   74. Jahrgang   15. September 2021   43
FORSCHUNGSERGEBNISSE

Abb. 1                                                                                                                    also tatsächlich auf die Verringerung von Barrieren
Effekte der Unterstützungsmaßnahmen auf Kita-Bewerbung und -Inanspruchnahme                                                bei der Kita-Bewerbung zurückzuführen sein.
Sozioökonomischer Unterschied bei Bewerbung fast vollständig geschlossen, bei Inanspruchnahme
mehr als halbiert
                                                                                                                          ZUSAMMENFASSUNG
                                                                  Sozioökonomischer Unterschied
                                                                  Maßnahmeneffekt für bildungsfernere Familien
Kita-Bewerbung                                                    Maßnahmeneffekt für bildungsnähere Familien              Die vorgestellte Studie von Hermes et al. (2021) unter-
                                                      22                                                                  sucht, ob die Bereitstellung von Informationen und ein
                                                 21                                                                       personalisiertes Unterstützungsangebot für Kita-Be-
                                                                                                                          werbungen die Kita-Inanspruchnahme insbesondere
Kita-Inanspruchnahme
                                                                                                                          für bildungsfernere Familien erhöhen kann. Die Studie
                                                                  28
                                                                                                                          zeigt, dass sich durch die Unterstützungsmaßnahmen
                                           16                                                                             die Wahrscheinlichkeit für bildungsfernere Familien,
              –1                                                                                                          sich um einen Kitaplatz zu bewerben, um 21 Prozent-
                0                                10                                   20                        30        punkte erhöht. Die Wahrscheinlichkeit, tatsächlich
                                                                                                     Prozentpunkte
Anmerkungen: Die Abbildung zeigt die Effekte der Unterstützungsmaßnahmen (»Maßnahmeneffekt«) auf Bewerbung
                                                                                                                          einen Kitaplatz in Anspruch zu nehmen, steigt für
um und Inanspruchnahme von Kitaplätzen zur frühkindlichen Betreuung. Um die Größe der Effekte zu veranschauli-             bildungsfernere Familien um 16 Prozentpunkte. Das
chen, ist jeweils auch die Differenz in der jeweiligen Variable zwischen bildungsferneren und bildungsnäheren Familien
(»sozioökonomischer Unterschied«) in der nicht an den Maßnahmen teilnehmenden Kontrollgruppe angegeben.                   Bewerbungsverhalten und die Kita-Inanspruchnahme
Quelle: Darstellung des ifo Instituts auf Basis von Hermes et al. (2021).                                © ifo Institut
                                                                                                                          von bildungsnäheren Familien ändern sich durch die
                                                                                                                          Unterstützungsmaßnahmen hingegen nicht. Dadurch
                                                                                                                          wird der große sozioökonomische Unterschied in der
                                        Darüber hinaus erhöhen die Unterstützungsmaß-                                     Nutzung frühkindlicher Betreuungsangebote, der in
                                   nahmen die Wahrscheinlichkeit von bildungsferneren                                     der Kontrollgruppe beobachtet wird, erheblich ver-
                                   Familien, tatsächlich einen Kitaplatz in Anspruch zu                                   ringert. Aus diesen Ergebnissen lässt sich schlussfol-
                                   nehmen, um 16 Prozentpunkte (unterer dunkelblauer                                      gern, dass bildungsfernere Familien aufgrund fehlen-
                                   Balken). Der Maßnahmeneffekt ist für bildungsfer-                                      der Informationen bzw. einer zu hohen Komplexität
                                   nere Familien mit anfänglich geringem Wissen über                                      des Kita-Bewerbungsprozesses oftmals nicht dazu in
                                   frühkindliche Betreuung oder auch für jene mit Migra-                                  der Lage sind, von ihnen gewünschte frühkindliche
                                   tionshintergrund besonders stark ausgeprägt. Ähn-                                      Betreuungsangebote auch tatsächlich in Anspruch
                                   lich zum Bewerbungsverhalten haben die Unterstüt-                                      zu nehmen.
                                   zungsmaßnahmen keine Auswirkung auf die Kita-Inan-                                          Die diskutierten Barrieren bei der Kita-Bewerbung
                                   spruchnahme von bildungsnäheren Familien (unterer                                      sind sicherlich nur einer von mehreren Faktoren, die
                                   hellblauer Balken). Zusammengenommen verringern                                        die sozioökonomische Ungleichheit in der Kita-Inan-
                                   folglich die Unterstützungsmaßnahmen den sozioöko-                                     spruchnahme erklären.5 Dies spiegelt sich auch darin
                                   nomischen Unterschied in der Kita-Inanspruchnahme                                      wider, dass die Unterstützungsmaßnahmen den Un-
                                   um mehr als die Hälfte.                                                                terschied in der Kita-Bewerbung nach Bildungsstand
                                        Außerdem analysieren Hermes et al. (2021) mög-                                    zwar vollständig beseitigen, nicht aber den Unter-
                                   liche Mechanismen, die die Effekte auf die Kita-Inan-                                  schied in der Kita-Inanspruchnahme. Die Untersuchung
                                   spruchnahme erklären könnten. Die Unterstützungs-                                      zusätzlicher Faktoren für die verbleibende frühkind-
                                   maßnahmen erhöhen nicht nur die Bewerbungswahr-                                        liche Bildungsungleichheit ist also ein interessanter
                                   scheinlichkeit, sondern auch die Wahrscheinlichkeit,                                   Gegenstand zukünftiger Forschung.
                                   während des Bewerbungsverfahrens eine Kita vor Ort                                          Aus politischer Sicht haben unsere Ergebnisse di-
                                   zu besuchen – ein wichtiger Faktor für den Erhalt ei-                                  rekte Implikationen für die Gestaltung von Politikmaß-
                                   nes Betreuungsplatzes. Fast die Hälfte des Effektes                                    nahmen, die Chancengleichheit in der Gesellschaft för-
                                   der Unterstützungsmaßnahmen auf die Kita-Inan-                                         dern sollen. Unsere Studie lässt darauf schließen, dass
                                   spruchnahme kann auf diese beiden Veränderungen                                        bildungsfernere Familien beispielsweise Schwierig-
                                   im Bewerbungsverhalten zurückgeführt werden. Die                                       keiten haben, sich in komplexen, dezentralen Bewer-
                                   in der Treatmentgruppe dokumentierte Erhöhung des                                      bungs- oder Antragsverfahren zurechtzufinden. Der
                                   Wissens über das Kita-Bewerbungsverfahren spielt                                       Abbau von Barrieren durch die Vereinfachung solcher
                                   dagegen für die Erklärung des Effektes der Unter-                                      Verfahren (z.B. durch Verringerung des bürokratischen
                                   stützungsmaßnahmen auf die Kita-Inanspruchnahme                                        Aufwands, Zentralisierung des Zulassungssystems und
                                   keine entscheidende Rolle.                                                             Bereitstellung leicht verständlicher Informationen)
                                        Schließlich belegen die Daten auch, dass die Un-                                  kann eine einfache, aber wirksame Strategie sein, um
                                   terstützungsmaßnahmen keinen Einfluss darauf ha-                                       allen Familien gleichermaßen Zugang zu Politikmaß-
                                   ben, ab wann Eltern für ihr Kind eine Kinderbetreuung                                  nahmen zu ermöglichen und damit die Persistenz von
                                   in Anspruch nehmen wollen oder wie viel sie bereit                                     Ungleichheit zu verringern.
                                   wären, für einen Betreuungsplatz zu bezahlen. In Ein-
                                   klang mit dem Studienziel haben die Unterstützungs-                                    5
                                                                                                                             Weitere potenzielle Faktoren sind zum Beispiel sozioökonomische
                                                                                                                          Unterschiede in der elterlichen Nachfrage nach Kinderbetreuung,
                                   maßnahmen also nicht die Betreuungswünsche der                                         regionale Engpässe von Plätzen und Kinderbetreuungsgebühren
                                   Eltern beeinflusst. Die Maßnahmeneffekte dürften                                       (Jessen et al. 2020).

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FORSCHUNGSERGEBNISSE

LITERATUR                                                                  Felfe, C. und R. Lalive (2018), »Does Early Child Care Affect Children’s
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