Denkmalpflege in Baden-Württemberg - 3 | 2020 49. Jahrgang

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Denkmalpflege in Baden-Württemberg - 3 | 2020 49. Jahrgang
Denkmalpflege
3 | 2020
               in Baden-Württemberg
49. Jahrgang   N A C H R I C H T E N B L AT T D E R L A N D E S D E N K M A L P F L E G E
Denkmalpflege in Baden-Württemberg - 3 | 2020 49. Jahrgang
Inhalt

                                              137 Editorial                                         178 Nationaltheater Mannheim
                                                                                                        Anmerkungen zur bauzeitlichen
                                              138 Die Krankensiedlung Ziegelklinge                      Farbgestaltung der Innenräume
                                                  in Stuttgart                                          Julia Feldtkeller
                                                  Eine Innovation der 1920er Jahre für
Das Feldsiechenhaus in                            Tuberkulosekranke und ihre Familien               184 Das älteste Gebäude Wertheims
Gaildorf diente einstmals                         Inken Gaukel / Angelika Reiff                         Zur bauhistorischen Untersuchung
der Absonderung anstecken-                                                                              und Restaurierung der „Münze“
der Kranker. Foto: RPS-LAD,
                                              146 Dem Kurgast zum Wohle und zur                         Markus Numberger / Karsten Preßler
Martin Hahn.                                      Erholung
                                                  Der Terrassengarten des Sanatoriums               192 Die badischen Rheinbrücken –
                                                  St. Blasien – Voruntersuchungen zur                   Teil 2
                                                  Sanierung                                             Vor 75 Jahren: Die Zerstörung der
                                                  Volkmar Eidloth / Petra Martin / Karin Schinken       Brücken zwischen Maxdorf und Mann-
                                                                                                        heim
                                              153 Symbole ihrer Zeit                                    Ulrich Boeyng
                                                  Architektonische Relikte des Tank-
                                                  stellenbaus von den Anfängen bis in               198 Ausdauer lohnt sich
                                                  die 1950er Jahre in Baden-Württem-                    Die Rettung eines ehemaligen
                                                  berg                                                  Rebmannhauses in Sipplingen
                                                  Franz Arlart                                          Martina Goerlich

                                              160 „…Denn nun geht es nach der                       204 Die Wartung der Chorfenster von
                                                  Mühle“                                                St. Dionys in Esslingen
                                                  Die Drehers- und die Kochlinsmühle                    Erfahrungen und Herausforderungen
Denkmalpflege                                     am Neckar in Rottweil                                 Peter Berkenkopf / Dunja Kielmann /
                                                                                                        Melanie Rager
in Baden-Württemberg                              Stefan King
N A C H R I C H T E N B L AT T
DER LANDESDENKMALPFLEGE                       165 Hunderte Köhler, Tausende Meiler                  211 Denkmalporträt
                                                  Relikte der Holzkohleproduktion in der                Schutz vor Ansteckung anno 1887
3/ 2020 49. Jahrgang
                                                  Kulturlandschaft                                      Das Isolierkrankenhaus in Tübingen
Herausgeber: Landesamt für Denkmal-               Ralf Hesse / Oliver Nelle                             Sabine Kraume-Probst
pflege im Regierungspräsidium Stuttgart.
Berliner Straße 12, 73728 Esslingen a.N.
                                              172 „Viel Gemeingeist und Liebe                       212 Denkmalporträt
gefördert vom Ministerium für Wirtschaft,
Arbeit und Wohnungsbau Baden-                     wurzelt in den Bürgerherzen“                          Schutz vor Ansteckung anno 1531
Württemberg – Oberste Denkmalschutz-
                                                  Die Instandsetzung der Gottesacker-                   Das Feldsiechenhaus in Gaildorf
behörde.
                                                  kapelle auf dem Crailsheimer Ehren-                   Martin Hahn
Verantwortlich im Sinne des Presserechts:
Präsident des Landesamtes für Denkmal-            friedhof
pflege Prof. Dr. Claus Wolf                                                                         213 Mitteilungen
Schriftleitung: Dr. Irene Plein                   Folker Förtsch / Jan Hofacker / Karin Krüger /
                                                  Helga Steiger
Stellvertretende Schriftleitung: Grit Grafe                                                         217 Personalia
Redaktionsausschuss:
Dr. Dieter Büchner, Dr. Andreas Haasis-
Berner, Daniel Keller, Dr. Melanie Mertens,
Dr. Oliver Nelle, Karin Schinken, Dr. Anne-
Christin Schöne, Susann Seyfert, Dr. André
Spatzier
Produktion:
Verlagsbüro Wais & Partner, Stuttgart
Lektorat: André Wais / Annine Fuchs
Gestaltung und Herstellung:
Hans-Jürgen Trinkner, Rainer Maucher
Druck: Offizin Scheufele, Stuttgart
Postverlagsort: 70178 Stuttgart
Erscheinungsweise: vierteljährlich
Auflage: 29 500

                                                  Bankverbindung:
                                                  Landesoberkasse Baden-Württemberg,
                                                  Baden-Württembergische Bank Karlsruhe,
                                                  IBAN DE02 6005 0101 7495 5301 02
                                                                                                         Dieser Ausgabe liegt eine Beilage der
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Nachdruck nur mit schriftlicher Geneh-                                                                   Denkmalstiftung Baden-Württemberg
                                                  Verwendungszweck:
migung des Landesamtes für Denkmal-                                                                      bei. Sie ist auch kostenlos bei der
                                                  Öffentlichkeitsarbeit Kz 8705171264618.
pflege. Quellenangaben und die Über-                                                                     Geschäftsstelle der Denkmalstiftung
lassung von zwei Belegexemplaren                  Wenn Sie eine Spendenbescheinigung wünschen,           Baden-Württemberg, Charlottenplatz 17,
an die Schriftleitung sind erforderlich.          bitte Name und Anschrift angeben.                      70173 Stuttgart, erhältlich.
Denkmalpflege in Baden-Württemberg - 3 | 2020 49. Jahrgang
Editorial
Liebe Leserinnen und Leser,

das Feldsiechenhaus von Gaildorf, die Kranken-
siedlung Ziegelklinge, das Tübinger Isolierkran-
kenhaus und der Kurgarten von St. Blasien sind
vier Kulturdenkmale, die in der vorliegenden Aus-
gabe des Nachrichtenblattes der Landesdenkmal-
pflege Baden-Württemberg vorgestellt werden
und stellvertretend für viele andere vom Umgang
mit hochinfektiösen Erkrankten in der Vergangen-
heit Zeugnis ablegen.
Dieser unterscheidet sich in seinem Grundsatz zu-
nächst nicht von den aktuellen Maßnahmen der
Separierung und späteren Rehabilitation der
Patienten, obwohl wir heute zweifellos über un-
gleich bessere medizinische Methoden und Kennt-
nisse verfügen, um Infektionen zu verhindern und
zu heilen. Ebenso wie Seuchenzüge eine histori-        nahmen verfasst, Denkmaleigenschaften über-
sche Konstante und im Zuge des Zivilisationspro-       prüft, Förderanträge bearbeitet und Förderungen
zesses stete Begleiter der menschlichen Gemein-        gewährt. Das archäologische Grabungswesen, im
schaften sind, ist es auch deren Auseinanderset-       Vorfeld von Baumaßnahmen auf historischem
zung mit Epidemien und Pandemien.                      Grund unverzichtbar, ruhte zu keiner Zeit. Auch
In unzähligen schriftlichen Quellen wird die Be-       in den Restaurierungswerkstätten, in den For-
drohung durch tödliche Infektionskrankheiten ge-       schungsgruppen, im Publikationswesen und der
schildert, und der berechtigte Schrecken davor hat     Verwaltung wurde, teils im Schichtdienst, teils im
sich so im kollektiven Unterbewusstsein verankert.     Home Office, durchgehend weitergearbeitet. Nur
Ähnliches gilt für Zeugnisse der Sachkultur ein-       öffentliche Veranstaltungen mit Publikum konnten
schließlich der bildenden Kunst. Im Gegensatz zu       und können bis auf Weiteres nicht stattfinden und
den literarischen Quellen rufen diese Bauwerke,        werden so weit wie möglich in den virtuellen Raum
Kunstwerke und Artefakte allein durch ihre physi-      verlegt. Dies gilt bedauerlicherweise auch für den
sche Präsenz aber eine unmittelbarere Erfahrung        Tag des offenen Denkmals 2020, der traditionell
beim Betrachten, Besichtigen oder Berühren her-        am zweiten Sonntag im September begangen
vor. So werden Gebäude wie Siechenhäuser, Spi-         wird. Der Charme dieses zentralen Denkmalfes-
täler, Sanatorien und Kurbäder fast automatisch        tes besteht vor allem darin, dass im Alltag unzu-
zu Mahn- und Erinnerungsorten, zu Denkmalen            gängliche, oft unbekannte und in Privateigentum
im echten Sinne des Wortes. Ob diese allerdings        befindliche Kulturdenkmale für wenige Stunden
eher zu einer von Vernunft gesteuerten Gelassen-       von der Öffentlichkeit besichtigt werden können.
heit angesichts der aktuellen Bedrohung durch das      An diesem Tag treffen sich Tausende von Denkmal-
Coronavirus auffordern, oder das Nachdenken            begeisterten auf engstem Raum – ein nicht kal-
über sie vielmehr tiefverwurzelte Urängste triggert,   kulierbares Risiko in Zeiten einer sich schnell ver-
sei dahingestellt. Es sind weniger bequeme Denk-       breitenden letalen Krankheit, gegen die es bislang
male, so viel ist sicher.                              weder eine durchgehend wirksame Therapie noch
Es ist der gesetzliche Auftrag der Landesdenkmal-      einen Impfstoff gibt. Es bleibt zu hoffen, dass die
pflege, sich unabhängig von dergleichen Wertun-        Rahmenbedingungen im kommenden Jahr es er-
gen, unabhängig von der ästhetischen Qualität,         lauben werden, den Tag des offenen Denkmals
von der historischen Bedeutung oder emotionalen        wie gewohnt zu feiern, und auch auf diese Weise
Bezügen, aber auch unabhängig von äußeren Ein-         die Bedeutung des kulturellen Erbes weiterhin im
flüssen um den Erhalt, die Pflege und die Erfor-       öffentlichen Bewusstsein verankert bleibt. Hierzu
schung aller Kulturdenkmale zu kümmern. Dieser         mag auch dieses aktuelle Heft der „Denkmal-
Verpflichtung kommt das Landesamt für Denk-            pflege in Baden-Württemberg“ beitragen, bei des-
malpflege im Regierungspräsidium Stuttgart auch        sen Lektüre ich Ihnen viel Vergnügen wünsche.
während der gegenwärtigen Corona-Pandemie,
im Rahmen der jeweiligen Verordnungen, unge-           Prof. Dr. Claus Wolf
brochen nach. So weit wie möglich wurden und           Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege
werden Ortstermine wahrgenommen, Stellung-             im Regierungspräsidium Stuttgart

                                                                      Denkmalpflege in Baden-Württemberg   3 | 2020   137
Denkmalpflege in Baden-Württemberg - 3 | 2020 49. Jahrgang
Die Krankensiedlung Ziegelklinge
      in Stuttgart
      Eine Innovation der 1920er Jahre
      für Tuberkulosekranke und ihre Familien
      Nach dem Ersten Weltkrieg war laut den statistischen Erhebungen Tuberkulose
      die gefährlichste Infektionskrankheit mit Todesfolge in Stuttgart. Der Erreger
      dieser langwierigen und unheilbaren Krankheit verbreitete sich schnell. Die
      Krankenhäuser zeigten sich mit der Betreuung der Patienten überlastet und die
      Stadtwohnungen der meisten Kranken erfüllten nicht die hygienischen Bedin-
      gungen, die für eine häusliche Pflege erforderlich waren. Auf Initiative der
      Württembergischen Landesversicherungsanstalt plante das Stuttgarter Hoch-
      bauamt am Stadtrand Stuttgarts eine Siedlung speziell für Tuberkulosekranke,
      bestehend aus fünf dreigeschossigen Reihenhauszeilen in Flachdachbauweise.
      Zeitgleich zu der Unterstützung der Experimentalbauten der Ausstellung
      „Die Wohnung“ des Deutschen Werkbundes am Weißenhof initiierte das städ-
      tische Hochbauamt mit diesem Wohnquartier eine Siedlung in der Haltung
      des Neuen Bauens in Stuttgart.
      Inken Gaukel/ Angelika Reiff

      Der Clou                                               sive Ausführung der Gebäude mit Feifel-Mauer-
                                                             werk für einen guten Schall- und Wärmeschutz; ei-
      Nachdem auch heute wieder über Ansteckungs-            nen zentralen Kachelofen, der das Erdgeschoss di-
      gefahr und Quarantäne diskutiert wird, soll der        rekt beheizt und die oberen Etagen mit einer
      erste Blick dem damals ungewöhnlichen Grund-           Warmluftheizung versorgt; eine eingemauerte Ba-
      risskonzept der einzelnen Reihenhäuser gelten. Zu-     dewanne, deren Ausführung Schmutzwinkel und
      nächst folgt die Aufteilung der Häuser bekannten       damit Infektionsherde vermeidet und die unge-
      Mustern: Im Erdgeschoss befinden sich ein Wind-        wöhnliche Kombination von Klappläden und Roll-
      fang mit Garderobe, eine großzügige Küche und          jalousien im Wohnzimmer.
      auf Hausbreite ein Wohn-Ess-Zimmer; im Ober-
      geschoss ein Elternschlafzimmer, zwei Kinderzim-       Die Entstehungsgeschichte
      mer und ein Bad. Die Besonderheit des Konzepts,
      von der damaligen Tagespresse als „Clou“ be-           Bereits im Mai 1926 behandelte die Bauabteilung
      zeichnet, findet sich im Dachgeschoss in Form ei-      des Stuttgarter Gemeinderates den Wunsch der
      nes Zimmers auf Hausbreite, verbunden mit einer        Landesversicherungsanstalt Württemberg, spe-
      Dachterrasse. Dieses Zimmer, auch „Tagesraum für       zielle Wohnungen für Tuberkulosekranke mit städ-
      den Kranken“ genannt, ist fast eine eigene kleine      tischen Mitteln zu errichten. Grundlage für den An-
      Wohnung mit großer Terrasse. Es wird ergänzt           trag war das Anfang 1925 beschlossene Wohn-
      durch ein zusätzliches WC auf derselben Ebene          bauprogramm, in dessen Rahmen die Stadt
      und ist von den Abläufen der eigentlichen Woh-         Stuttgart zur Bekämpfung der Wohnungsnot in
      nung getrennt. Die Idee dahinter war die Integra-      den Jahren 1925/26 insgesamt 2000 Wohnein-
      tion des Kranken in die Familie bei gleichzeitigem     heiten mit einem Volumen von 8,6 Millionen
      Schutz, was nach den Erkenntnissen der Zeit die        Reichsmark errichten oder fördern wollte. Aller-
      Heilung beförderte, die Allgemeinheit von Kosten       dings waren im Mai 1926 erst gut 1400 Woh-
      entlastete und planmäßig sogar Heimarbeit er-          nungen konkret geplant oder im Bau. Damit er-
      möglichen sollte (Abb. 1). Zur Rohbaufertigstel-       öffnete sich die Möglichkeit für die Förderung wei-
      lung erschien am 11. Oktober 1928 im Stuttgarter       terer Projekte. Das berühmteste Vorhaben, das
      Neuen Tagblatt ein ausführlicher Artikel, der einige   nachträglich vom Wohnbauprogramm profitierte,
      spezielle Aspekte der Häuser erläuterte: die mas-      ist die Werkbundsiedlung am Weißenhof. Ende Juli

138   Denkmalpflege in Baden-Württemberg 3 | 2020
Denkmalpflege in Baden-Württemberg - 3 | 2020 49. Jahrgang
1 Grundrisse der Planung
                                                                                                                    des Städtischen Hochbau-
                                                                                                                    amtes vom Juli 1927.

1926 beschloss der Gemeinderat die Förderung         Baugesuch für 26 Reihenhäuser, aufgeteilt in fünf
der Weißenhofsiedlung, weshalb die Gebäude           Zeilen ein. Eine Befreiung für die Unterschreitung
nach Ausstellungsende von der Stadt als Miet-        der Abstandsflächen hielten die Planer wegen der
wohnungen bewirtschaftet wurden.                     Ausführung mit „ebenem“ Dach statt des bau-
Die Suche nach einem Grundstück für die Woh-         rechtlich zulässigen Satteldaches für unproble-
nungen für Tuberkulosekranke führte bereits im       matisch, zumal die Gebäudezeilen am steilen
Sommer 1926 zu dem Vorschlag, das Gelände an         Hang gestaffelt platziert waren (Abb. 3). Von städ-
der Ziegelklinge in Heslach, einen nach Südosten     tischer Seite wurde das Bauvorhaben genehmigt,
orientierten Steilhang in Waldnähe, zu verwenden.    allerdings legten acht von zehn Nachbarn Wider-
Die Baukosten für diese Sonderwohnform in            spruch ein, da sie die Ansteckungsgefahr und ei-
schwierigem Gelände wurden vom Städtischen           nen Wertverlust ihrer Grundstücke und Häuser
Hochbauamt von vornherein höher beziffert, als für   fürchteten. Auch ein Vororttermin konnte die Be-
die Standardwohnungen kalkuliert, nämlich mit        denken nicht zerstreuen, sieben Nachbarn hielten
400 000 Reichsmark für 25 Einheiten. Zunächst        ihre Einwendungen aufrecht. Im November 1927
konnte keine Förderung für den Bau durchgesetzt      trug der Amtsarzt sein Gutachten dem Bezirks-
werden. Erst nach der Abrechnung des Wohnbau-        beirat vor und wies darin nach, dass die Anste-
programms im Frühjahr 1928 und der Feststellung      ckungsgefahr nicht größer sei als in einer Stadt-
eines Überschusses erhielt das Projekt einen Zu-     wohnung. Damit galten die Bedenken als zurück-
schuss von 115 000 Reichsmark. Die restliche Bau-    gewiesen. Die Frage einer eventuellen Wert-
summe wurde von der Landesversicherungsanstalt       minderung wurde als baurechtlich nicht relevant
Württemberg, durch Darlehen der Wohnungskre-         erachtet und die Planung nach eingehender Dis-
ditanstalt und der Ortskrankenkasse erbracht.        kussion einstimmig beschlossen. Dennoch dauerte
Das Städtische Hochbaumt begann umgehend mit         die Erteilung der Baugenehmigung noch bis Ende
den Planungen und reichte am 22. Juli 1927 ein       Februar 1928.

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Denkmalpflege in Baden-Württemberg - 3 | 2020 49. Jahrgang
2 Perspektivische Ansicht
der Architekten Schieber
und Schleicher, März
1928.

                            Ausführungsplanung durch                             überarbeitet. Auffällig ist die Veränderung im
                            freie Architekten                                    obersten Geschoss: Ursprünglich war es allseitig
                                                                                 gegenüber dem Hausgrund zurückversetzt, in der
                            Anfang März 1928 wurde die Ausführung der ge-        neuen Planung lagen die Außenwände an der Ein-
                            planten Siedlung entsprechend der genehmigten        gangsseite und an den Stirnseiten auf den Wän-
                            Pläne an die Architekten Ernst Schleicher und Al-    den der darunter liegenden Etagen, was den Bau-
                            bert Schieber, beide Mitglieder des Deutschen        körper vereinheitlichte. Dafür wurde die Brüstung
                            Werkbundes, vergeben. Der Gemeinderatsbe-            der Dachterrasse nach außen geschoben und die
                            schluss verwies ausdrücklich auf die bereits ge-     Terrasse betont (Abb. 2; 3). Dieses Detail stieß auf
                            leistete Vorarbeit des Hochbauamtes, die das Ho-     Ablehnung und musste zurückgenommen wer-
                            norar reduzierte. Noch im März 1928 begann die       den. Außerdem erhielten die Stirnseiten zusätzli-
                            weitere Planungsarbeit. Zuerst reichten die Archi-   che Fenster, die auf der Eingangsseite entfielen,
                            tekten ein Umbaugesuch für das vorhandene Gar-       was die Eingangsseite mit einer durchgehenden
                            tenhaus, 1904 von den Gebrüdern Kärn errichtet,      Wandfläche zu den Ecken hin beruhigte. Die Über-
                            zur Schwesternstation für die gesamte Siedlung       eckfenster an den Reihenendhäusern blieben er-
3 Schnitte des ersten       ein. Ende April 1928 war ein Änderungsbauge-         halten, wurden aber noch entschiedener ausge-
Entwurfs und der Überar-    such für die Reihenhäuser fertig. Die neuen Ar-      führt. Ein weiterer Eingriff fand durch die Drehung
beitung vom April 1928.     chitekten hatten den Entwurf an etlichen Stellen     der Treppe statt, was bergseitig zu einer Verklei-

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Denkmalpflege in Baden-Württemberg - 3 | 2020 49. Jahrgang
nerung des Untergeschosses und damit zu einer            ursprünglich geplanten Markisen wurde zuguns-                   4 Talseite der Reihen-
Kostenreduzierung führte (Abb. 1; 10)                    ten günstigerer Vorhänge verzichtet.                            hauszeilen, Frühjahr
Am 22. Mai 1928 erging die Baugenehmigung für            1932 schlug der Stadtarzt vor, ein Reihenhaus als               1929.
das Untergeschoss, nach der ausdrücklich ge-             Ledigenheim für junge Frauen mit offener Tuber-
                                                                                                                         5 Talseite der Reihen-
wünschten Korrektur der Dachterrassenausfüh-             kulose zu nutzen, da diese oft als Untermieterin-
                                                                                                                         hauszeilen, Frühjahr
rung am 5. Juni 1928 dann die gesamte Freigabe.          nen wohnten und so ein großes Infektionsrisiko
                                                                                                                         2019.
Trotz der extremen Hanglage gelang es, den Roh-          darstellten. Im Frühjahr 1933 startete das auf ein
bau Anfang Oktober 1928 fertigzustellen.                 Jahr angelegte Experiment. Gleichzeitig wurde der
Ernst Schleicher reichte noch im September 1928          Kreis der Wohnberechtigten erweitert, da sich im-
ein „Baugesuch über die Herstellung von Zufahr-          mer noch nicht genügend interessierte Familien
ten, Gängen und Einfriedigungen“ ein. Neben den          finden ließen, die alle Kriterien erfüllten. Zunächst
aufwändigen Treppenanlagen, welche die Sied-             wurden Kranke mit geschlossener (abgekapselte
lung von der Talseite her erschließen, wurden im         Infektionsherde) Tuberkulose zugelassen, dann
terrassierten Gelände auch Gemeinschaftsflächen          auch anderweitig Versicherte und schließlich
wie Wäschetrockenplätze und Bereiche zum Aus-            schrieb man die Wohnungen im Amtsblatt der
klopfen von Teppichen eingerichtet. Dazwischen           Stadt Stuttgart zur freien Vermietung aus. Ab 1934
lagen stark geböschte Rasenflächen mit einzelnen         wandelte sich die „Krankensiedlung“ Ziegelklinge
Bäumen.                                                  zu einer Siedlung mit gesunden Bewohnern. Das
Der weitere Ausbau ging schnell, sodass noch vor         Experiment war gescheitert.
Weihnachten 1928 die Schlusskontrolle durch das
Baurechtsamt erfolgte und der Gemeinderat im Ja-         Die Resonanz
nuar 1929 eine Besichtigung der fertigen Häuser
auf der Tagesordnung hatte (Abb. 4; 6).                  „Die Bauzeitung“ begann im August 1929 ihre
                                                         Sonderseiten zu „Das neue Stuttgart“ mit der Tuber-
Die Nutzung                                              kulose-Siedlung. Der Autor verwies auf die Erstma-
                                                         ligkeit einer solchen Siedlung sowie auf die bau-
Die Wohnungen wurden zum 1. Februar 1929 ver-            technischen Besonderheiten und die kurze Bauzeit
mietet. Allerdings ließen sich nur 21 Familien finden,   von nur sechs Monaten. Als Architekten wurden
die allen Kriterien entsprachen: Das an offener,         Schleicher und Schieber in Gemeinschaft mit dem
also ansteckender Tuberkulose erkrankte Familien-        Städtischen Hochbauamt genannt. Im Dezember
mitglied musste bei der Landesversicherungs-             1929 druckte auch die Berliner Architekturzeit-
anstalt Württemberg versichert sein, und die             schrift „Der Neubau“ einen Artikel ab und nannte
kinderreiche Familie sollte aus dem Kreis der Kriegs-    entgegen späteren Veröffentlichungen ausschließ-
beschädigten stammen. Die fünf weiteren Woh-             lich Baurat Cloos als Architekt. Das ist deshalb er-
nungen gingen an weniger kinderreiche Familien,          wähnenswert, weil die Siedlung heute als Werk von
allerdings mit dem Vorbehalt einer Kündigung falls       Albert Schieber und Ernst Schleicher bekannt ist.
sich passendere Mieter finden ließen. Im April kon-      Im Februar 1933 veröffentlichte Richard Döcker
trollierten Mitglieder des Gemeinderates und Ärzte       in der internationalen Monatsschrift „die neue
des Gesundheitsamtes die Wohnverhältnisse und            stadt“ einen umfangreichen Artikel mit dem Titel
stellten einige Mängel und Lücken in der Ausstat-        „Stuttgart – die schöne und moderne Stadt“. Ne-
tung fest. So mussten beispielsweise Schäden im          ben eigenen Bauten, dem Heslacher Hallenbad
Belag ausgebessert werden, um die erforderliche          und dem Tagblatt-Turmhaus zeigte er die Tuber-
Hygiene durchsetzen zu können. Außerdem fehl-            kulose-Siedlung als gelungenes Beispiel für das
ten noch Liegestühle für die Luftkuren auf den           Neue Bauen. Wichtiges Kriterium für ihn war, dass
Dachterrassen, etliche Betten und einheitliche Ver-      sich die Bauten ideal in die Stuttgarter Topografie
schattungsmöglichkeiten für die Terrassen. Auf die       einfügten und modernen Grundsätzen folgten.

                                                                         Denkmalpflege in Baden-Württemberg   3 | 2020   141
Denkmalpflege in Baden-Württemberg - 3 | 2020 49. Jahrgang
nen in der Krankensiedlung, die schnell den Na-
                                                                               men Hustenburg bekam, stigmatisierte auch die
                                                                               gesunden Bewohner. So gab es Schwierigkeiten
                                                                               bei der Arbeitssuche oder im Berufsleben, Kinder
                                                                               wurden in der Schule wegen der Ansteckungsge-
                                                                               fahr gemieden oder gar vom Unterricht ausge-
                                                                               schlossen und die Verehelichung der Bewohner
                                                                               war gehemmt, wie es in einer Besprechungsnotiz
                                                                               des Sozialamtes vom 30. Januar 1934 hieß. Die Fa-
                                                                               milien taten sich also immer schwerer, den Le-
                                                                               bensunterhalt zu verdienen und waren folglich auf
                                                                               Unterstützung angewiesen. Ein Mietzuschuss war
                                                                               aber nicht im Sinne der Bauherrschaft, weshalb
                                                                               das Pilotprojekt schließlich 1934 schrittweise auf-
                                                                               gegeben wurde.

                                                                               Die Instandsetzung

                                                                               Die Stuttgarter Wohnungs-und Städtebaugesell-
                                                                               schaft mbH (SWSG), die seit 1986 die Siedlung be-
                                                                               treut, strebte 2010 eine grundlegende Instand-
                                                                               setzung der Häuser sowie eine Anpassung an heu-
                                                                               tige Standards an. Neben der Erneuerung der
                                                                               Haustechnik, einer Modernisierung im Innern und
                                                                               der Errichtung zusätzlicher Balkone, stand die ener-
                                                                               getische Sanierung im Fokus der Sanierungspla-
                                                                               nung. Angedacht waren die Anbringung eines
                                                                               Wärmedämmverbundsystems und von Solaranla-
                                                                               gen auf den Dachflächen.
                                                                               Zu diesem Zeitpunkt war die Siedlung als Kultur-
                                                                               denkmal zwar erfasst, ihr bauhistorischer Stellen-
                                                                               wert konnte jedoch ohne detaillierte Recherche
                                                                               nicht wissenschaftlich fundiert benannt werden.
                                                                               Zur Beurteilung der architekturgeschichtlichen Be-
                                                                               deutung und der Überlieferungsqualität der
                                                                               Wohnsiedlung wurde daher eine bauhistorische
                                                                               Dokumentation in Auftrag gegeben. Dem von der
                                                                               Autorin Inken Gaukel erstellten Gutachten gelang
                                                                               es, den dokumentarischen und innovativen Wert
                                                                               der Siedlung als Pilotprojekt der Krankenfürsorge
6 Siedlung Ziegelklinge    Die Siedlung Ziegelklinge erfüllte sowohl mit den   und für die Architekturauffassung des Neuen Bau-
von Südosten, um 1930.     Dachterrassen als auch mit der Baukörperanord-      ens herauszustellen. Der anhand von Planunterla-
                           nung den von Döcker propagierten Terrassentyp,      gen und einer Begehung der Wohnungen erstellte
7 Siedlung Ziegelklinge    vgl. Artikel zu Richard Döcker im Nachrichten-      Bauphasenplan verdeutlichte die gute Überliefe-
von Süden, 2020.
                           blatt 1/ 2020 (Abb. 6; 7).                          rung. Die Instandsetzungen, beispielsweise in der
                                                                               Nachkriegszeit sowie insbesondere 1986/87, hat-
                           Die Gründe für das Scheitern                        ten auf grundlegende Veränderungen verzichtet.
                                                                               Die Eingriffe beschränkten sich auf die Erneuerung
                           Die waldnahe Lage der Siedlung am Steilhang         der Fenster sowie auf die Modernisierung der
                           sorgte zwar für ein gutes Klima, erschwerte den     Wand- und Fußbodenoberflächen. Wie die ersten
                           lungenkranken Bewohnern aber den Zugang. Der        Untersuchungen des Restaurators Erwin Raff er-
                           Weg von der Straßenbahnhaltestelle bis zur Sied-    gaben, lagen an den Außenfassaden die bauzeit-
                           lung und die Treppenanlagen innerhalb der Sied-     lichen Oberflächen unter jüngeren Putzschichten
                           lung waren kaum zu bewältigen. Ebenso erleich-      und Farbfassungen verborgen. Das Spiel zwischen
                           terte die Verteilung der Wohnung auf drei Ebenen    den materialsichtigen Gliederungselementen, wie
                           zwar die Trennung von gesunden und kranken Fa-      den Ziegelbändern an den Eckausbildungen und
                           milienmitgliedern, wurde von den damaligen Be-      Türrahmungen sowie den Betonwerksteinfenster-
                           wohnern aber als unpraktisch beurteilt. Das Woh-    bänken und den Putzoberflächen hatte durch das

                     142   Denkmalpflege in Baden-Württemberg 3 | 2020
Denkmalpflege in Baden-Württemberg - 3 | 2020 49. Jahrgang
Überarbeiten der Oberflächen an Wirkung einge-        gieeffiziente Technik konnten die Anforderungen
büßt.                                                 des Erneuerbare-Wärme-Gesetz Baden-Württem-
Auf Grundlage der gewonnenen Erkenntnisse ge-         berg (EWärmeG BW) erfüllt werden. Allerdings er-
lang es, die SWSG und das Architekturbüro für         forderten die Leitungsführung und die Einrichtung
eine behutsame Konzeption zu gewinnen, die auf        der Übergabestationen in jedem Keller erhebliche
der einvernehmlich formulierten, konservatori-        Bestandseingriffe in die Gebäude und Freianlagen.
schen Zielsetzung beruhte: Die Siedlung sollte mit    Auf eine Dämmung der Außenwände wurde zu-
ihrem Alleinstellungsmerkmal als historisches Pi-     gunsten der Erhaltung der Putzoberflächen innen
lotprojekt der Krankenfürsorge sowie in der Um-       und außen und der Bewahrung des charakteristi-
setzung dieser Bauaufgabe in der Formensprache        schen Erscheinungsbilds verzichtet. Dach und Kel-
des Neuen Bauens weiterhin ablesbar und be-           lerdecke erhielten eine Isolierung. Die nicht bau-
fragbar bleiben. Unter dieser Prämisse minimierte     zeitlichen Fensterelemente wurden durch zweifach
Architekt Stefan Früh von der ARP – Architekten-      isolierverglaste Holzfenster ersetzt, die sich in Tei-
partnerschaft Stuttgart GbR die Eingriffe in die      lung und Gliederung durch Wiener Sprossen an der
Grundrissstruktur. Das kleine Bad im Obergeschoss     bauzeitlichen Gestaltung orientieren. Es gelang, die
wurde zur Dusche mit WC umgeplant, das ei-            bauzeitlichen Klappläden zu erhalten und zu repa-
gentliche Bad mit zeitgemäßer Ausstattung im          rieren. Jüngere Klappläden wurden in Anlehnung
ehemaligen Trockenraum des Dachgeschosses vor-        an den ursprünglichen Bestand ersetzt (Abb. 5).
gesehen. Auf zusätzliche Balkone wurde verzich-       Nach einer längeren Vorbereitungsphase, wäh-
tet (Abb. 1; 8; 10).                                  rend der die Neuvermietung gestoppt und ein so-
Die energetische Optimierung basierte auf der Stel-   zialverträgliches Umzugskonzept für die verblie-
lungnahme zu Wärmeschutzstandards und Ge-             benen Mieter ausgearbeitet wurde, konnte die
bäudetechnik. Sie führte letztendlich zum Konzept     Durchführung der Maßnahmen 2017 bis 2019 ab-
einer zentralen Wärmeversorgung mittels eines         schnittsweise erfolgen.
Blockheizkraftwerks, das in einem separaten Tech-     Baubegleitend führte die Restauratorin Dr. Julia
nikgebäude eingerichtet wurde. Durch diese ener-      Feldtkeller exemplarisch im Innern zweier Gebäude

                                                                                                                      8 Schnitt aus dem
                                                                                                                      Maßnahmenplan fur
                                                                                                                      die Instandsetzung.

                                                                      Denkmalpflege in Baden-Württemberg   3 | 2020   143
Denkmalpflege in Baden-Württemberg - 3 | 2020 49. Jahrgang
9 Eingangsseite, 2019.

10 Geschosse aus dem
Maßnahmenplan fur die
Instandsetzung.

                    144   Denkmalpflege in Baden-Württemberg 3 | 2020
im Sperlingweg eine Untersuchung durch, die Ein-
blicke in die bauzeitliche Farbgestaltung ver-
mittelte. Decken und Wände erhielten zur Bauzeit
einen einheitlichen Verputz und einen monochro-
men Anstrich, besonders häufig ließ sich eine Gelb-
fassung beispielsweise im Flur, Treppenhaus und
im Dachgeschoss nachweisen. Das lichte Gelb
sollte wohl die Sonne auch in das Krankenzimmer
holen. Die Treppe setzte sich mit einer rotbraunen
Holzlasur ab. An der Holzausstattung, zu der auch
die Hauseingangstüren zählen, dominierten weiße
und graue Anstriche. Eine Umsetzung der Befunde
im Inneren der Wohnungen wurde nur bedingt
vorgenommen, die Farbigkeit der Außenfassade
orientiert sich ebenfalls am Befund. Auf die Freile-
gung der ursprünglich materialsichtigen Gliede-
rungselemente wurde bewusst verzichtet (Abb. 9).
In Bezug auf die Ausstattung besaßen Reparatur
und Instandsetzung von Anfang an Vorrang vor ei-
ner Erneuerung. Die prägenden Ausstattungsele-
mente, wie beispielsweise die Treppen, die sicht-
baren Elemente der ehemaligen Warmluftheizung
sowie alle bauzeitlichen Außen- und Innentüren
blieben erhalten.
Das Stuttgarter Neue Tagblatt hatte 1928 den Ta-
gesaufenthaltsraum für die Kranken, ein sonniges
und luftiges Zimmer, das durch eine Glastür Zutritt
auf die gedeckte Terrasse gewährt, als Clou des Ge-
bäudes bezeichnet. Unverändert ermöglicht die
Sonnenterrasse den heutigen Bewohnern Ent-
spannung und Erholung. (Abb. 11; 12).

Literatur und Quellen

Martin Hahn: Ziegelklinge, in: Christina Philipp (Hrsg):
Wohnorte². 90 Wohnquartiere in Stuttgart von 1890          Glossar                                                         11 Krankenzimmer im
bis 2017, Stuttgart 2017, S. 106– 109.                                                                                     Dachgeschoss eines
Dr. Julia Feldtkeller: Dokumentation zur restauratori-     Feifel-Mauerwerk                                                Reihenmittelhauses,
schen Untersuchung des Putz- und Fassungsbestands          Speziell entwickelte Hakensteine des Schwäbisch                 2019.
(unveröffentlicht), Tübingen 2016.                         Gmünder Baustofflieferanten Albert Feifel verhindern
                                                           durchgehende Fugen und lassen in der Wand Hohl-                 12 Dachterrasse eines
Erwin Raff: restauratorischer Untersuchungsbericht
                                                           räume entstehen. Dadurch wird eine bessere Dämm-                Reihenendhauses, 2019.
der Außenfassaden (unveröffentlicht), Denkendorf           qualität erzielt.
2010 mit Ergänzungen 2016.
Inken Gaukel: Bauhistorische Dokumentation zur             Inken Gaukel
Siedlung Ziegelklinge, Stuttgart-Süd (unveröffent-         Architekturhistorikerin
licht), Stuttgart 2010.                                    Alexanderstraße 12b
Sylvylen Hähner-Rombach: Sozialgeschichte der Tu-          70184 Stuttgart
berkulose vom Kaiserreich bis zum Ende des Zweiten
Weltkriegs unter besonderer Berücksichtigung Würt-         Angelika Reiff
tembergs, Stuttgart 2000.                                  Landesamt für Denkmalpflege
Frank Gericke: Die Stadt als Bauherr. Stuttgarter Woh-     im Regierungspräsidium Stuttgart
nungsbau der 20er Jahre, Stuttgart 1997.                   Dienstsitz Esslingen

                                                                           Denkmalpflege in Baden-Württemberg   3 | 2020   145
Dem Kurgast zum Wohle und zur Erholung
                            Der Terrassengarten des Sanatoriums
                            St. Blasien – Voruntersuchungen zur
                            Sanierung
                            Ehrenamtliches Engagement von Bürgern vor Ort, Unterstützung lokaler Politi-
                            ker sowie die Expertise verschiedener Fachgutachter und des Landesamtes für
                            Denkmalpflege zielen auf die langfristige Erhaltung des Sanatoriumsgartens in
                            St. Blasien. Um dieses Ziel erreichen zu können, bedarf es fundierter Grund-
                            lagenarbeit von der akribischen Archivrecherche über die sorgfältige Bestands-
                            dokumentation bis zum Maßnahmenkonzept.
                            Volkmar Eidloth/ Petra Martin/ Karin Schinken

                            St. Blasien – vom Kloster zum Kurort                 Dazu gilt es sich zu vergegenwärtigen: Im 19. und
                                                                                 frühen 20. Jahrhundert forderte die Schwindsucht,
                            Bis zur Säkularisation bestand der Ort St. Blasien   wie die Lungentuberkulose in der Zeit genannt
                            im Südschwarzwald aus wenig mehr als dem wohl        wird, mehr Opfer als jede andere Krankheit. Noch
                            im 9. Jahrhundert entstandenen gleichnamigen         um 1900 starb jeder siebte Erwachsene in Europa
                            Benediktinerkloster. Unweit des Feldbergs auf        daran. Zwar hatte 1882 Robert Koch den Tuber-
                            770 m Höhe gelegen, stieg der Ort im Lauf des        kulose-Erreger entdeckt. Impfungen gab es aller-
                            19. Jahrhunderts zu einer „herrliche[n] Sommer-      dings erst in den 1920er Jahren in Frankreich; eine
                            frische und ein[em] geschätzten Höhenluftkurort“     antibiotische Therapie mit Streptomycin stand gar
                            auf, wie die Jubiläumsausgabe des Bäderalmanach      erst ab 1944 zur Verfügung. Die gängige Behand-
                            1907 vermeldet. Zu der Zeit beträgt die Kurfre-      lungsmethode für die Tuberkulose war die Freiluft-
                            quenz (das heißt Kurgäste pro Jahr) in St. Blasien   therapie. Schon 1854 hatte der Arzt Hermann
                            6300 Kurgäste, darunter viele Prominente aus Po-     Brehmer im schlesischen Görbersdorf (heute So-
                            litik, Wirtschaft und Kunst. Es gab ein modernes     kołowsko Polen) damit begonnen, Tuberkulose-
                            Kurhaus sowie mehrere Kuranstalten und Sana-         kranke mit Luft- und Liegekuren zu behandeln und
                            torien.                                              die erste Lungenheilanstalt eröffnet, die auch ei-

1 Dr. Haufe’s Sanatorium,
Ansichtskarte 1896.

                    146     Denkmalpflege in Baden-Württemberg 3 | 2020
nen weitläufigen Park umfasste. Fast zeitgleich ent-
deckte der deutsche Arzt Alexander Spengler in
Davos die therapeutische Wirkung des Hochge-
birgsklimas.
Die Idee zu einem Lungensanatorium in St. Blasien
hatte 1876 Peter Dettweiler, ein ehemaliger As-
sistenzarzt Brehmers in Görbersdorf. Realisiert
wurde sie sechs Jahre später durch den in Davos
ausgebildeten Lungenarzt Paul Haufe, der sich
1878 hier als Allgemeinarzt niedergelassen hatte.
1882 eröffnete Haufe neben seiner Arztvilla ein Sa-
natorium; die beiden Gebäude verband eine ver-
glaste Galerie mit Liegehalle (Abb. 1). 1895 ver-
kaufte Haufe den Komplex an den Medizinalrat Al-
bert Sander, unter dessen Leitung von 1900 bis
1908 ein großer Neubau erfolgte, der den verbin-
denden Wandelgang ersetzte; gärtnerisch gestal-
tet war nur der Haupteingangsbereich (Abb. 2).
Das Sanatorium St. Blasien genoss zu dieser Zeit
international einen hervorragenden Ruf. Mit Aus-
bruch des Ersten Weltkriegs musste die inzwischen
unter der Leitung des habilitierten Lungenarztes
Adolf Bacmeister stehende Anstalt deutliche Ein-
brüche bei den internationalen Gäste- und Pa-
tientenzahlen hinnehmen. Dem versuchte man
mit umfangreichen baulichen Modernisierungs-
maßnahmen entgegenzuwirken. 1921 bis 1923
wurden dazu nach Plänen des Freiburger Archi-
tekten Wilhelm Rutsch ein neuer Westflügel ge-
baut und von 1923 bis 1925 am Südhang davor
nun der Sanatoriumsgarten angelegt (Abb. 3).

Der Terrassengarten des Lungen-
sanatoriums

Es handelt sich dabei um einen 12 Höhenmeter
überwindenden Terrassengarten mit Stützmauern,
verbindenden Treppenanlagen und mit Vasen ge-
schmückten Balustraden auf einer Fläche von circa      rassenstützmauern verwendete man ursprünglich                  2 Sanatorium St. Blasien,
53 x 43 m. Vom unteren Eingangstor (Abb. 4) mit        Jungfernreben, die ab den 1930er Jahren weitge-                Ansichtskarte 1908.
einem dahinter liegenden grottierten Wandbrun-         hend durch Kletterrosen ersetzt wurden.
nen führt eine zweiläufige Treppe mit Wendepo-         Die Urheberschaft der Gartenanlage wird nach ei-               3 Sanatorium St. Blasien
desten über eine Böschung auf die erste Terrasse       nem Sanatoriumsprospekt von 1930 dem Frei-                     mit dem Sanatoriums-
                                                                                                                      garten, Ansichtskarte
mit einem achteckigen Brunnen in der Mittelachse,      burger städtischen Gartendirektor Robert Schimpf
                                                                                                                      um 1930.
der von zwei großen rechteckigen Beeten mit Som-       zugeschrieben. Zusammen mit dem Architekten
merbepflanzung und Eibenkugeln an den Ecken            Rutsch habe dieser „großzügige, ausgedehnte
flankiert wird. Die rückwärtige Stützmauer ist im      Gartenanlagen mit Aussichtsterrassen, Wandel-
zentralen Bereich durch Rundbogen als eine Art         hallen, Ruhe- und Spielplätze, welche die ganze
Loggia ausgeformt. Über zwei geradlinige Trep-         Anstalt unten bis zum Kurort St. Blasien umgeben“,
penläufe wird die nächste Terrassenebene erreicht.     geschaffen. Ein Gartenplan von Schimpf ließ sich
Diese wird beidseitig von Pergolen begrenzt und        in den Archiven nicht finden. Eine frühe zeichne-
weist drei ähnlich der unteren Terrasse gestaltete     rische Darstellung des Gartengrundrisses gibt ein
Beetkompartimente auf. Auch auf dieser Ebene           von Wilhelm Rutsch gefertigter Lageplan zu einem
wird die Stützmauer mittig durch Rundbögen ge-         auf den 20. Mai 1925 datierten Baugesuch zu Um-
öffnet (Abb. 7). Zwei symmetrisch der Mauer vor-       und Erweiterungsarbeiten des Sanatoriums wieder
gelagerte Treppenaufgänge führen wiederum auf          (Abb. 8). Der Sanatoriumsgarten in St. Blasien er-
die als Altane gestaltete Übergangsebene zum Sa-       weist sich als prominentes Beispiel der Garten-
natorium. Für die Berankung der Pergolen und Ter-      kunstreform in den ersten Jahrzehnten des

                                                                      Denkmalpflege in Baden-Württemberg   3 | 2020   147
4 Eingang zum Garten,     20. Jahrhunderts, die vor allem die Idee der Funk-       Neben seiner zweifellos repräsentativen Funktion
Foto 2017.                tionalität und architektonische Raumvorstellungen        war die Anlage wohl als geschlossener Kur- und
                          verfolgte. Dabei griff sie einerseits gerne auf ältere   Heilgarten ausschließlich für die Sanatoriumsgäste
                          formale Gestaltungsprinzipien zurück – hier sind         bestimmt. Im Hintergrund mag bei seiner Entste-
5 Krocketspiel im         es italienische Terrassengärten der Renaissance          hung auch ein 1911 öffentlich ausgetragener
Sanatoriumsgarten,
                          und des Frühbarock – und leitete andererseits da-        Streit zwischen der städtischen Kurverwaltung und
Foto aus dem Sanatori-
                          raus neue eigene Formen ab. Aufschlussreich ist in       dem Sanatorium nachgewirkt haben. Vorwurf war,
umsprospekt um 1935.
                          diesem Zusammenhang der Fund der Skizzenbü-              durch die von den Tuberkulosekranken ausge-
6 Liegekur im Sanatori-   cher von Robert Schimpf aus den Jahren 1918 bis          hende Ansteckungsgefahr den Ruf des ganzen
umswald, Foto aus dem     1921. Sie enthalten Entwürfe für Vasen, Formge-          Kurortes zu schädigen. Die am anderen Ortsende
Sanatoriumsprospekt um    hölze und Gartenbänke, wie sie auch im Sanato-           gelegene Kuranstalt Friedrichshaus zum Beispiel
1930                      riumsgarten wiederzufinden sind.                         schloss Lungenkranke sogar explizit aus. Mit sei-

                    148   Denkmalpflege in Baden-Württemberg 3 | 2020
nen Terrassen, bequemen Treppenläufen, vielfäl-
tigen Sitzgelegenheiten und nicht zuletzt der
pflanzlichen Ausstattung ermöglichte der Sanato-
riumsgarten den Patienten einen abwechslungs-
reichen Aufenthalt im Freien und diente so glei-
chermaßen der Erholung wie der Zerstreuung.
Letztere bot laut einem Lageplan von 1928 auch
ein so genannter „Golfplatz“ östlich der oberen
Terrasse, auf dem – wie ein zeitgenössisches Foto
zeigt – Krocket gespielt wurde (Abb. 5). Für die in
St. Blasien ebenfalls selbstverständliche Liegekur
standen die privaten loggienartigen Balkone vor
den Zimmern des Sanatoriums und mehrere Lie-
gehallen im anschließenden Wald zur Verfügung
(Abb. 6).

Der Garten als denkmalpflegerische
                                                                                                                     7 Obere Terrasse,
Herausforderung
                                                                                                                     Foto 2017.

Das Sanatorium St. Blasien wird bis heute als Fach-                                                                  8 Lageplan zu einem
klinik für Lungenkrankheiten betrieben. Damit                                                                        Baugesuch (Ausschnitt)
blieb ihm das Schicksal anderer derartiger Heil-                                                                     vom 20. Mai 1925.
stätten erspart, die aufgegeben, in Hotels umge-
wandelt, verfallen oder abgebrochen worden sind.
Allerdings verloren die zum ursprünglichen thera-
peutischen Programm gehörenden Freiräume und
Gartenanlagen des Sanatoriums an Bedeutung,
wurden immer mehr sich selbst überlassen und ver-     tigkeit, fehlende Hangentwässerung, Witterung
kamen. 2015 erwarb die Stadt St. Blasien den Gar-     und mangelnde Pflege in den vergangenen Jahr-
ten mit dem Ziel, zusammen mit einem Förder-          zehnten massive Schäden entstanden sind (Abb.11).
verein die Anlage wieder in Wert zu setzen.           Diese führten unter anderem zum Abrutschen ei-
In ersten Instandsetzungskampagnen wurde auf          nes Stützmauerbereiches unterhalb einer Pergola,
den Terrassen umgebaut, die Oberflächen abge-         Setzungen in den Treppenanlagen, Teilabstürzen
tragen, der Pflanzenbestand entfernt sowie un-        von Balustraden und Rückbaumaßnahmen an der
sachgemäß neue Beete angelegt und Wege ein-           Brunnenanlage. Für die Mauerbereiche sind stati-
gebaut. Das Ganze ohne fachgerechte Analyse           sche Ertüchtigungsmaßnahmen und die Entwick-
und Dokumentation. Angesichts der Schäden an          lung eines Entwässerungssystems erforderlich, um
den Architekturteilen wandte man sich dann an         langfristig die Substanz zu sichern und die stüt-
das Landesamt für Denkmalpflege. Dieses beauf-        zende Funktion der Mauern wiederherzustellen zu
tragte unverzüglich die Anfertigung eines garten-     können (Abb. 10).
denkmalpflegerischen Gutachtens. Darin sollte die
Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der           Betonwerkstein der Firma Brenzinger
Gartenanlage insbesondere hinsichtlich ihrer
pflanzlichen Ausstattung aufgearbeitet und do-        Die Architektur- und Zierelemente des Sanatori-
kumentiert werden. Leider ließen sich keinerlei       umsgartens wurden 1923 bis 1925 von der Firma
Pflanzpläne oder andere archivalische Nachweise       Brenzinger in Freiburg im Breisgau gefertigt. Diese
zur historischen Pflanzenverwendung finden. Da-       hatte bereits in den Jahren zuvor das oberhalb des
für gibt es einen umfangreichen Bestand an Bild-      Gartens liegende Sanatoriumsgebäude in Kalk-
quellen, der Aussagen zur Bepflanzung und ihrer       stein imitierendem Betonwerkstein ausgeführt.
Veränderung erlaubt (Abb. 9). Die gärtnerische        Die „Firma Brenzinger & Cie., Cementwarenfabrik,
Ausstattung des Sanatoriumsgartens hat sich dem-      Bau-Unternehmung“ wurde 1872 in Freiburg-
nach schon sehr früh und wiederholt geändert; bis     Stühlinger durch Julius Brenzinger gegründet und
auf wenige kleine Bereiche und einzelne Relikte ist   war auf die Herstellung von Betonwerkstein spe-
sie heute verloren. Die architektonische Grund-       zialisiert. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ge-
struktur und die baulichen Elemente sind dagegen      wann die neu entwickelte Stahlbetonbautechnik
unverändert erhalten.                                 an Bedeutung und es wurden zunehmend Beton-
Eine große Herausforderung stellt die Betonwerk-      fertigteile sowie Bau- und Brückenbauwerke her-
stein-Architektur dar, da durch eindringende Feuch-   gestellt. 1893 wurde die Firma zur Errichtung ei-

                                                                     Denkmalpflege in Baden-Württemberg   3 | 2020   149
9 Gärtnerische Ausstat-     nes Bauwerkes auf die Weltausstellung in Chicago      Ort, durch Schalungsbau und einen zweischaligen
tung der unteren Terrasse   eingeladen. 1912 galt sie als das größte Beton-       Aufbau aus grobem Kernbeton und feiner Vor-
um 1930 (links oben), um    bauunternehmen Freiburgs. Die guten Material-         satzschale, hergestellt.
1940 (links unten), 1995    kenntnisse und die Erfahrung in der Herstellungs-
(rechts oben) und 2018
                            technik lassen sich noch heute an den qualitäts-      Schäden erkennen, erfassen und
(rechts unten).
                            vollen Sichtoberflächen, der Gefügestruktur und       analysieren
                            Farbigkeit des Betonwerksteins im Sanatoriums-
                            garten ablesen. Die sehr gleichmäßig und präzise      Als Grundlage für die Schadenserfassung und
                            scharrierten Oberflächen aller Betonwerksteinele-     -analyse wurden zunächst seitens des Fachgebie-
                            mente spiegeln die Kenntnisse und Fähigkeiten         tes Baudokumentation und Bauforschung des Lan-
                            aus dem Steinmetzhandwerk wieder, die Julius          desamtes für Denkmalpflege Bildpläne im Maß-
                            Brenzinger als ausgebildeter Steinmetz in die Firma   stab 1:20 erstellt. Diese bilden alle Betonwerk-
                            eingebracht hatte. Neben Zierelementen wie Ba-        steinteile fotorealistisch ab und konnten von dem
                            lustern und Vasen wurden Treppenstufen, Mau-          durch die Stadt St. Blasien beauftragten Fachgut-
                            erabdeckungen und profilierte Bauteile seriell        achter für die Erstellung der Schadenskartierung
                            durch Abformungen produziert. Diese konnten           verwendet werden. Bei dieser phänomenologi-
                            zum Beispiel anhand eines Musterbuches vom            schen Schadenserfassung wurden alle Bauteile hin-
                            Kunden ausgewählt und bestellt werden. Kon-           sichtlich Abplatzungen, Rissen und Schalen bzw.
                            struktive Bauteile wie die Stützwände wurden vor      Hohlräumen überprüft und die Schäden in den

                     150    Denkmalpflege in Baden-Württemberg 3 | 2020
Bildplänen grafisch dokumentiert. Neben der Er-        Konzeptentwicklung
fassung des Schadensumfangs konnte auch die
Häufung der Schäden an den westlichen Mauer-           Risse, Ausbrüche und Ablösungen der äußeren Vor-
bereichen erkannt werden.                              satzschale vom Kernbeton machen eine umfang-
                                                       reiche Restaurierung notwendig, die neben konser-
Materialanalyse und Voruntersuchungen                  vierenden Maßnahmen auch die Wiederherstellung
                                                       der teilweise verloren gegangenen Oberfläche be-
Der Kernbeton besteht aus Grobkorn von bis zu          inhalten wird. Anhand der vorliegenden Material-
mehreren Zentimetern Größe. Neben Gesteins-            untersuchungen soll der verwendete Betonwerk-
bruchstücken aus Granit und Kalkstein konnten          stein in seiner Zusammensetzung nachgestellt und
auch Kiesel und Schlackestücke als Zuschlagstoffe      entsprechend der historischen Technik die Ober-
identifiziert werden. In der feineren Vorsatzschale    flächen wiederhergestellt werden. Dies ermöglicht
ist der hohe Anteil an Kalksteinbruchstücken aus-      einerseits bestmöglich die Verträglichkeit von Be-
schlaggebend für die beige warmtonige Farbge-          standsmaterialien zu neu eingebrachtem Material
bung. Exemplarisch wurde ein Mauerabschnitt            und andererseits lässt sich so ein einheitliches und
mittels Georadar untersucht. Es zeigte sich, dass      harmonisches Gesamtbild erzeugen. Neben dem
im Maueraufbau kein Armierungsstahl bei der Be-        Verfüllen von Hohlräumen, dem Schließen von Ris-
tonherstellung verwendet wurde. Flächige Ablö-         sen und dem statisch-konstruktiven Wiederher-
sungen befinden sich hauptsächlich zwischen gro-       stellen einzelner Teilbereiche werden die gezielte
bem Kernbeton und feiner Vorsatzschale, dies ist       Ableitung des Hang- und Oberflächenwassers so-
auf die geringe Verzahnung untereinander zu-           wie die Abdichtung der Stützmauerrückseiten ge-
rückzuführen. Erfreulicherweise sind die tieferlie-    gen Hangwasser wesentlicher Bestandteil der In-
genden Mauerbereiche im Vergleich dazu stabil          standsetzungsmaßnahmen sein.
und kompakt, mit der Ausnahme einiger weniger          Hinsichtlich der gärtnerischen Ausstattung gilt es,
ermittelter Hohlräume.                                 vernachlässigte Gartenräume wie zum Beispiel
Mittels Dünnschliffanalyse konnte in Zusammen-         den ehemaligen „Golfplatz“ wieder erfahrbar zu
arbeit mit der Materialprüfanstalt Stuttgart Ettrin-   machen. Dringend erforderlich ist es vor allem, die
gitbildung im Porenraum des groben Kernbetons          Wege mit wassergebundenen Decken fach- und
nachgewiesen werden. Die Entstehungsursache            denkmalgerecht neu aufzubauen sowie die Beet-
wird derzeit untersucht, man vermutet, dass Aus-       kompartimente auf den Terrassen in ihrem ur-
waschungen aus dem Beton, der Bodenverfüllung          sprünglichen Umfang wiederherzustellen. Beim
oder Pflanzendünger für die Bildung des Treibsal-      Sommerflor bestehen dagegen Spielräume für ei-
zes verantwortlich sein könnten.                       ne pflegeextensive und dem heutigen Geschmack

                                                                                                                      10 2017 ausgeführte
                                                                                                                      Notsicherung.

                                                                      Denkmalpflege in Baden-Württemberg   3 | 2020   151
11 Schaden: Ausbruch
Betonwerkstein.

                        gemäße Bepflanzung. Wünschenswert wäre es au-             Oskar Haffner: Die Kurorte und Sommerfrischen Ba-
                        ßerdem, die letzten Exemplare an Jungfernreben            dens und des gesamten Schwarzwaldes. Ein Führer
                        zu erhalten und den Bestand zu ergänzen, wobei            für Ärzte und Heilbedürftige, 12. Auflage, Freiburg im
                        Rankgerüste helfen könnten, Schäden an den Stütz-         Breisgau 1911.
                        mauern zu vermeiden. Der oktogonale Brunnen               Barbara Bauer: Sanagarten. Kleinod der Gartenkunst
                        auf der unteren Terrasse müsste wieder aktiviert          und Zeugnis St. Blasiens glamouröser Vergangenheit
                        und der Garten in Anlehnung an die historischen           als Weltkurort, online unter: https:// www.sanagar-
                        Vorbilder, aber ohne diese zu kopieren, wieder mö-        ten.de/ Archiv/
                        bliert werden. So könnte der Terrassengarten des
                        Sanatoriums St. Blasien heute nicht nur dem Kur-          Praktischer Hinweis
                        gast sondern auch den Bürgerinnen und Bürgern
                        und allen Besuchern der Stadt zum Wohle und zur           Viele Bilder und Informationen zum Kulturdenk-
                        Erholung dienen.                                          mal auf der Website des Fördervereins Sanagarten
                                                                                  e. V.: www.sanagarten.de
                        Literatur und Quellen
                                                                                  Glossar
                        Hannes Rother: „Sanagarten“ Gartendenkmalpfle-
                        gerisches Gutachten, unveröffentlichtes Manuskript,       Ettringitbildung
                        Karlsruhe 2018.                                           Ettringit ist ein Mineral, das nach seinem ersten Fundort
                        Friedrich Grüner: Unveröff. Untersuchungsbericht der      Ettringen in der Eifel benannt wurde. Chemisch han-
                                                                                  delt es sich um Calciumaluminatsulfat. Es entsteht als
                        Materialprüfanstalt Stuttgart, Südschwarzwald St. Bla-
                                                                                  erstes Kristallisationsprodukt beim Aushärten sulfathal-
                        sien: Untersuchung von Mörtelproben der Mauern            tiger Zemente oder nachträglich bei der Reaktion von
                        aus dem Sanatoriumsgarten, 29. 08. 2018, Landes-          sulfathaltigem Wasser mit Zement. Die beim Ettringit-
                        amt für Denkmalpflege, Restaurierungsarchiv.              wachstum (Kristallisation) entstehenden Drücke kön-
                        Joanna Flawia Figiel: Beton, Kunststein, Stuck: Firma     nen vom Porenraum ausgehend den Beton zerstören.
                        Brenzinger und ihre Konkurrenten, in: Augustiner-
                        museum Freiburg, Jugendstil in Freiburg, Freiburg
                        2001.                                                     Volkmar Eidloth
                        Sanatorium St. Blasien (Hrsg.): Sanatorium St. Blasien.   Petra Martin
                        Heilanstalt für Lungenkranke in St. Blasien im süd-       Karin Schinken
                        lichen badischen Schwarzwald. 800 Meter ü. d. M.,         Landesamt für Denkmalpflege
                        div. Auflagen, Freiburg im Breisgau 1914, um 1930,        im Regierungspräsidium Stuttgart
                        um 1935.                                                  Dienstsitz Esslingen

                  152   Denkmalpflege in Baden-Württemberg 3 | 2020
Symbole ihrer Zeit
Architektonische Relikte des Tankstellenbaus
von den Anfängen bis in die 1950er Jahre in
Baden-Württemberg
In der aktuellen Diskussion über die zukünftigen Antriebstechniken des Autos
und der damit verbundenen notwendigen Umstrukturierung und Neuausrich-
tung von Tankstellen lohnt es sich, einen Blick zurück in die äußerst bewegte
Historie dieser Bauaufgabe zu werfen. Ein Forschungsprojekt an der Fakultät
für Architektur und Stadtplanung der Universität Stuttgart befasst sich gegen-
wärtig mit der architektonischen Entwicklung der Tankstelle und ihren kon-
struktiven Leistungen unter Betrachtung der sich dabei wandelnden Symbol-
haftigkeit. Insbesondere die Zeitspanne zwischen Moderne, nationalsozialis-
tischer Herrschaft und Nachkriegszeit offenbart aus architektonischer und
konstruktiver Sicht Erstaunliches. Einige aus dieser Phase in Baden-Württem-
berg erhalten gebliebene, jedoch von der Allgemeinheit kaum beachtete Tank-
stellenbauten bekannter zeitgenössischer Architekten zeigen die hohe künstle-
rische, technische und wissenschaftliche Bedeutung dieser mit dem Siegeszug
des Automobils eng verbundenen Bauaufgabe.
Franz Arlart

Die Bedeutung der Tankstelle bis zur                    risierung des Automobils entstanden einzelne
Massenmotorisierung in der Nachkriegs-                  Benzinbürgersteigsäulen, dezentral in den Städten
zeit                                                    verteilt, und später auch die ersten Klein- und
                                                        Großtankstellen mit mehreren Zapfsäulen.
„Das Auto ist ein Gegenstand mit einfacher Funk-        Insbesondere gilt das Dach im Tankstellenbau als
tion (es soll fahren) und von vielfältiger Bestim-      das charakteristische Gestaltungsmerkmal, wel-
mung (Bequemlichkeit, Widerstandsfähigkeit,             ches viele Architekten und Ingenieure vor neue
Aussehen), das die Großindustrie vor die zwin-          technische Herausforderungen stellte, aber auch
gende Notwendigkeit gestellt hat, Standardlö-           zu neuen ästhetischen Formfindungen führte. Die
sungen zu finden. […] So ist zur bestehenden Stan-      Überdachungskonstruktion wurde zum kühnen
dardlösung das Streben nach Perfektion, nach ei-        Designobjekt. In den 1920er bis 1930er und in den
ner über den rohen praktischen Gesichtspunkt            1950er bis 1960er Jahren wurde eine besondere
hinausgehenden Harmonie getreten, was nicht             Leichtigkeit und Offenheit in Form von beinahe flie-
nur Perfektion und Harmonie, sondern Schönheit          gend anmutenden Dächern erzielt. Die Platzierung
bewirkt hat. […] Dies adelt das Auto!“                  und Gestaltung der Dachstützen, die trotzdem
Diese Feststellungen Le Corbusiers aus dem Jahr         eine gute Erreichbarkeit der Zapfsäulen gewähr-
1922 in „Vers une architecture“ gelten auch für         leisten sollten, wurde somit zur entscheidenden
Bauten, die unmittelbar mit dem Automobil in Ver-       Aufgabenstellung für Architekten und Ingenieure.
bindung stehen. Einen solchen Ort, dem architek-        Neben typisierten Bauten, bei denen die verschie-
tonisch eine besondere Bedeutung zukam und der          denen Einzelmodule miteinander kombinierbar
bisher wissenschaftlich kaum in seiner über das ver-    waren und je nach Bedarf zu einem Gesamtbau ad-
gangene Jahrhundert aufblühenden Gestaltungs-           diert werden konnten, sind zahlreiche Werke nam-
vielfalt untersucht worden ist, stellt die Tankstelle   hafter Architekten und Ingenieure im Tankstellen-
dar.                                                    bau bekannt. Hierzu zählen Peter Behrens, Hans
Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts konnte man          Poelzig, Arne Jacobsen, Mies van der Rohe, der
Benzin und andere Treibstoffe vornehmlich in Apo-       Bauhausabsolvent Karl Schneider oder auch be-
theken erwerben. Erst mit der steigenden Popula-        kannte Stuttgarter Architekten wie Paul Bonatz,

                                                                       Denkmalpflege in Baden-Württemberg   3 | 2020   153
1 Reichsautobahn-
tankstelle Stuttgart Süd,
Nordseite von Carl
August Bembé, 1938.

                            Paul Schmitthenner, Wilhelm Tiedje, in den 1950er     einem großzügig verglasten Kassenhaus und ei-
                            und 1960er Jahren insbesondere Lothar Götz, Paul      nem weit ausladenden dünnen Flugdach auf
                            Stohrer, Werner Luz und viele weitere.                schlanken Stützen liegen in den USA und wurden
                                                                                  in Deutschland von den dem Ideengut des Bau-
                            Symbol der Moderne                                    hauses verpflichteten Architekten weiterentwi-
                                                                                  ckelt. Zum Ende der Weimarer Republik entwi-
                            Viele Vertreter der klassischen Moderne in den        ckelte sich die Tankstelle somit zum avantgardisti-
                            1920er Jahren waren von Maschinen, ihrer Kon-         sches Großstadtsymbol und Sinnbild für das „Neue
                            struktion und der damit verbundenen Zweckform         Bauen“. Nach der Machtergreifung der National-
                            begeistert. Insbesondere die zur Fortbewegung         sozialisten zeigte sich allgemein eine dogmatische
                            entwickelten Maschinen, wie das Dampfschiff           Abkehr von den Ideen der funktionalistischen Re-
                            oder das sich immer mehr in der Gesellschaft ver-     formbewegung des „Internationalen Stils“. Für
                            breitende Automobil wurden zum Vorbild visio-         zweckgebundene Industriebauten, zu denen auch
                            närer und wegweisender Architekturen. Somit ver-      die Tankstelle als notwendiges technisches Zube-
                            wundert die große Bedeutung der Bauaufgabe            hör zum Verkehr zählte, war es dennoch bis etwa
2 Grundriss und Ansicht
                            Tankstelle für die progressiv denkenden Architek-     in die Mitte der 1930er Jahre gestattet, nach den
Reichsautobahntankstelle    ten jener Zeit nicht. Für diesen gänzlich neuen, in   Prinzipien der Moderne zu bauen. Dies bezieht sich
Stuttgart Süd (Nordseite)   Form und Konstruktion geschichtlich nicht vorge-      folglich auch auf die frühen Reichsautobahntank-
von Carl August Bembé,      prägten Bautypus galt es eine adäquate Identität      stellen.
1938.                       zu finden. Die Ursprünge der Großtankstelle mit       Carl August Bembé, Architekt und Assistent am
                                                                                  Lehrstuhl von Paul Bonatz, entwarf 1936 einen
                                                                                  Tankstellen-Typenbau für die damals noch junge
                                                                                  Reichsautobahn, der vornehmlich an der Strecke
                                                                                  Bruchsal-Frankfurt gebaut wurde. Dieser serielle
                                                                                  Entwurf wurde in etwas abgewandelter Form auch
                                                                                  an der Anschlussstelle Stuttgart Süd, der heutigen
                                                                                  Ausfahrt Plieningen, errichtet (Abb. 1, 2). Wie in
                                                                                  der Anfangszeit üblich, stand die Tankstelle im
                                                                                  Dreieck zwischen Auf- und Abfahrtspur. Die Ge-
                                                                                  staltung der modernen, in Stahlbau errichteten
                                                                                  Tankstation mit einem halbrund vorschwingenden,
                                                                                  bandartig verglasten Tankwarthaus und einer fili-
                                                                                  granen, flügelförmig auskragenden Überdachung
                                                                                  auf dünnen Stützen, die zwei Tankinseln schützt,
                                                                                  zeigt dabei deutlich Anlehnung an die städtische
                                                                                  Großtankstelle der 1920er Jahre. Gemäß den Prin-
                                                                                  zipien des Neuen Bauens wurde hier mit den da-
                                                                                  mals modernsten Bautechniken und -materialen
                                                                                  ein zukunftsweisender Bau geschaffen, der dem
                                                                                  Stellenwert des Automobils formal gerecht wer-
                                                                                  den sollte. In den 1960er Jahren wurde die Tank-
                                                                                  stelle im Zuge der Umgestaltung der Anschluss-
                                                                                  stelle abgerissen.

                      154   Denkmalpflege in Baden-Württemberg 3 | 2020
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