Zukunftsmarkt Raumfahrt - Chancen und Handlungsempfehlungen für Baden-Württemberg - Baden-Württemberg 2021 - LR BW
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Zukunftsmarkt Raumfahrt Chancen und Handlungsempfehlungen für Baden-Württemberg Baden-Württemberg 2021
Seite 2 Zukunftsmarkt Raumfahrt THESEN 1. Die Digitalisierung treibt die Raumfahrtindustrie in die Transformation zum Hersteller von Se- rienprodukten (New Space und New Space 2.0). 2. Die neuen Satelliten revolutionieren den Markt der digitalen Dienstleistungen mit Beiträgen zum wirtschaftlichen Wachstum, der Nachhaltigkeit, dem Umweltschutz und der Ressour- ceneffizienz. 3. Nach aktuellen Prognosen wird der Raumfahrtmarkt von 260 Mrd. US$ in 2018 auf 2700 Mrd. US$ im Jahre 2040 wachsen und sich damit dem geschätzten Marktvolumen der globalen Au- tomobilindustrie von 3800 Mrd. US$ im Jahre 2030 angleichen. 4. Als global Player, Träger eines ganzheitlichen Kompetenzprofils und einer starken Forschung hat die Raumfahrtindustrie in Baden-Württemberg gute Chancen, an der Marktentwicklung entscheidend zu partizipieren. 5. Der steigende Anteil an der Marktentwicklung gründet auf a) Wachstum der etablierten Raumfahrtindustrie, b) Wachstum durch neue Firmen (Start-ups), c) Wachstum durch industrielle Quereinsteiger und d) Wachstum durch agile Technologieentwicklung. 6. Durch die erfolgreiche Teilnahme an der Marktentwicklung kann die Raumfahrt einen ent- scheidenden Beitrag zu den Transformationsprozessen im Land leisten. 7. Dazu ist die Erweiterung der Unterstützung des Landes Baden-Württemberg in den folgenden Handlungsfeldern unabdingbar: a) Schaffung des Raumfahrtforschungsprogramms Baden-Württemberg für eine wachs- tumsorientierte und agile Raumfahrtindustrie, b) Schaffung von neuen fiskal- und ordnungspolitischen Rahmenbedingungen für New Space 2.0 in Baden-Württemberg und c) Ausbau der politischen Einflussnahme auf nationaler und europäischer Ebene. Baden-Württemberg, im Februar 2021 Forum Luft- und Raumfahrt Baden-Württemberg e. V. Lenkungskreis Integrated Digital Research Platform for Affordable Satellites (IRAS)
Seite 3 Zukunftsmarkt Raumfahrt Die Bedeutung der Raumfahrt für Baden-Württemberg D ie Raumfahrt ist in eine neue Phase ihrer Ent- schung, Lehre und Industrie genießt höchste Anerken- wicklung eingetreten. Sie kann durch eine ex- nung bei Raumfahrtagenturen und Partnern auf der gan- ponentiell ansteigende Nutzung von Raum- zen Welt. Angesichts massiv steigender Investitionen in fahrtsegmenten und ihrer Daten für diverse Anwendun- die Raumfahrt, speziell aus dem Privatsektor, bemühen gen charakterisiert werden, die verschiedene Produkte sich momentan viele Regionen weltweit, in Europa und und Dienstleistungen für Massenmärkte adressieren. auch in Deutschland, um den Erhalt ihrer gewachsenen Spätere Generationen werden sie vermutlich als die Pha- Stellung und um weitere Marktanteile. Dafür werden in se der Verschmelzung der Informations- mit der Raum- massivem Umfang Förderprogramme auf den Weg ge- fahrttechnologie definieren. Der Paradigmenwechsel in bracht, um die Attraktivität der Region in der Lehre und der Raumfahrt wird dabei durch zahlreiche Akteure in- Forschung und vor allem die Wettbewerbsfähigkeit der ner- und außerhalb der eigentlichen Branche getrieben. Industrie für die Raumfahrt zu steigern. Langjährige ‟ Kostengünstige Satelliten und Satellitenkonstellationen erweitern das Leistungsspektrum orbitaler Dienste, wie Baden-Württemberg beheimatet z. B. das Monitoring des Klimawandels und die Beobach- 40 % der Beschäftigten in der tung lokaler Umweltbedrohungen wie Waldbrand und Raumfahrtindustrie in Deutsch- Umweltschäden. Sie schaffen die Voraussetzung für land. Smart Farming mit effizientem und nachhaltigem Wasser - und Düngemitteleinsatz in der Landwirtschaft mit gerin-raumfahrtspezifische Förderprogramme in Bremen und ger Bodenbelastung und dem Schutz der Biodiversität. Bayern und der Aufbau einer neuen Fakultät für Luft- und Die flexibel über Satellitendienste gesteuerte Flugfüh- Raumfahrt an der TU München mit dem Ziel, der Univer- rung erlaubt die Reduktion fossiler Brennstoffe und da- sität Stuttgart den Rang als Europas größte Fakultät für mit der Emissionen. Behörden und Organisationen mit Luft- und Raumfahrt und Geodäsie abzulaufen, stellen Sicherheitsaufgaben (BOS) profitieren von Sicherheits- eine große Gefahr für Baden-Württemberg dar. Es ist und Verteidigungstechnologien mit Synergien in der Erd- nicht ausreichend, sich auf das Alleinstellungsmerkmal beobachtung sowie einer sicheren und flexiblen Satelli- eines ganzheitlichen Kompetenzprofils im Lande zu ver- tenkommunikation ebenso, wie ein von terrestrischer lassen. Der massive Kompetenz- und Infrastrukturaufbau Infrastruktur unabhängiger, mit Satellitenbildern unter- im Umfeld und die digitale Vernetzung der überregiona- stützter Katastrophenschutz. Die prognostizierte Kosten- len Partner lassen den Wettbewerbsdruck massiv anstei- degression von Satellitendiensten lässt die Satellitenkom- gen. Es drohen Talentabwanderung in Forschung und munikation zudem als Ergänzung des Breitbandausbaus Lehre und bestenfalls Stagnation in der Industrie. Dies im ländlichen Raum entstehen. wäre eine fatale Entwicklung in einem enorm wachsen- den, chancenträchtigen globalen Raumfahrtmarkt. Um In diesem Kontext ist die Raumfahrt als ein wichtiges Baden-Württemberg als Raumfahrtstandort mit globaler Infrastrukturelement zu verstehen, ähnlich wie es Stra- Geltung und entsprechendem Marktanteil zu erhalten, ßen-, See- und Flugverbindungen in vergangenen Jahr- besteht daher dringender politischer Handlungsbedarf. hunderten zum Ausbau von Handelswegen waren. Nur wird damit nicht der Transport von materiellen Gütern Der baden-württembergische Raumfahrtsektor beheima- realisiert, sondern die Gewinnung und die Übertragung tet ca. 5000 Beschäftigte und bildet damit 40 Prozent von Informationen und Daten in einer zunehmend digita- aller Beschäftigten der deutschen Raumfahrtindustrie ab. lisierten und global agierenden Wissens- und Informati- In Baden-Württemberg befinden sich Niederlassungen onsgesellschaft. Neben diesen Themen spielt die Gewin- einer Reihe von großen, weltweit im Raumfahrtbereich nung und die Übertragung von Informationen und Daten agierenden Unternehmen, wie Airbus Defence & Space, in einer zunehmend digitalisierten und global agierenden ArianeGroup, Hensoldt, Thales Alenia Space, Te- Wissens- und Informationsgesellschaft eine entscheiden- sat-Spacecom und Rockwell Collins. Darüber hinaus ver- de Rolle. fügt der Wirtschaftsstandort über zahlreiche KMU, wie AZUR SPACE, Advanced Space Power Equipment, Space- Baden-Württemberg ist, national, europäisch und inter- Tech, von Hoerner & Sulger, Astos Solutions und Johann national betrachtet, ein bedeutender Raumfahrtstandort. Maier, die kritische Technologien beherrschen und viel- Das exzellente, historisch gewachsene Netzwerk an For-
Seite 4 Zukunftsmarkt Raumfahrt fach ebenfalls weltweiten Marktzugang haben. Die der sechs DLR-Institute mit Forschungsarbeiten zu Laser- Schwerpunkte der baden-württembergischen Raumfahrt- technologien, in-Orbit-Detektion von Weltraummüll, Ver- branche liegen insbesondere beim Bau von Satelliten und brennungssimulation, Werkstoffen und Leichtbau - alle- Geräten für Wissenschaft, Erdbeobachtung, optische Sys- samt Schlüsseltechnologien für die Raumfahrtindustrie. teme mit hoher Leistungsfähigkeit (High Performance Darüber hinaus entsteht in Ulm das DLR-Institut für Optics), Radarsysteme, Cybersicherheitslösungen, Tele- Quantentechnologien in einem Technologiefeld, das be- kommunikation und Navigation. Ebenso decken die tech- reits heute in der Raumfahrt eine bedeutende Rolle nologischen Kompetenzen der Unternehmen die Schlüs- spielt. Ferner sind eine Vielzahl an außeruniversitären selelemente Trägerraketen und orbitale Infrastrukturen Forschungseinrichtungen (z.B. Fraunhofer Gesellschaft) ab. Abgerundet wird dies durch Kompetenzen beim Sa- mit für die Raumfahrt bedeutsamen Forschungsthemen tellitenbetrieb und den wirtschaftlich stark wachsenden in Baden-Württemberg vertreten. Die Raumfahrtindustrie Bereichen der Satelliten-Datenauswertung und -vertrieb. kann dadurch von der Expertise aus verschiedenen Berei- Zudem ist der Dienstleistungssektor stark aufgestellt, chen profitieren (z. B. Solarforschung, Produktionstech- darunter Software für den Entwurf von Raumfahrzeugen nologie, Digitalisierung und künstliche Intelligenz). und zur Missionsplanung. Im Hinblick auf den sich wandelnden Raumfahrtmarkt Weiterhin beheimatet der Raumfahrtstandort Baden- kann dieses Umfeld zum Schlüsselfaktor für die Raum- Württemberg eine exzellente Forschungslandschaft, die fahrtbranche in Baden-Württemberg werden: Das ‟ Knowhow aus anderen Branchen und bestehenden Netz- Effizienter Technologietransfer als werken kann für die lokale Raumfahrtindustrie nutzbar Schlüsselfaktor zum Erfolg gemacht werden. Als Beispiele sind hier die traditionell starke Forschung im Bereich Automobilproduktion zu mit interdisziplinären Kompetenzen sowohl im Bereich nennen sowie aktuelle Initiativen im Bereich des maschi- der Raumfahrtforschung als auch in anderen relevanten nellen Lernens – hier insbesondere das „Cyber Valley“, Themen insgesamt zur Stärkung des Raumfahrtstandorts das eine Vielzahl an universitären und außeruniversitären beitragen kann. Neben der Universität Stuttgart und der Forschungseinrichtungen zum Thema der künstlichen Fakultät für Luft- und Raumfahrttechnik und Geodäsie, Intelligenz vernetzt. Konkrete Beispiele für effizienten die einen großen Teil der Raumfahrtfachkräfte in Technologie Transfer und interdisziplinäre Zusammenar- Deutschland ausbildet, sind Forschungseinrichtungen, beit verschiedener Forschungseinrichtungen sind das wie die Institute des Deutschen Zentrums für Luft- und vom Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungs- Raumfahrt (DLR) von großer Bedeutung. In Lampoldshau- bau Baden-Württemberg geförderte Projekt „Integrated sen verfügt das DLR auf dem Gebiet der Entwicklung und Digital Research Platform for Affordable Satellites“ (IRAS) des Betriebs von Raketentriebwerksprüfständen über und das Technologie Transfer Zentrum Lampoldshausen einmalige Kompetenzen in Europa und forscht an Raum- (TTZ). fahrtantrieben der Zukunft. In Stuttgart befassen sich drei Herausforderungen für die Raumfahrt- industrie in Baden-Württemberg Z usätzlich zur klassischen Raumfahrt entwickelt Im Satellitensegment rechnet man mit Wachstumsraten sich vor allem getrieben durch die Digitalisierung von mehr als 15 Prozent pro Jahr. Euroconsult prognosti- und Kommerzialisierung ein neuer Raumfahrt- ziert, dass alleine bis 2028 pro Jahr ca. 990 Satelliten in ‟ markt („New Space“). Das Zusammenspiel von Classic Space und New Space eröffnet ein sehr hohes Wachs- Im Jahr 2040 entwickelt sich der tumspotenzial. Marktanalysen gehen von einem Wachs- globale Satellitenmarkt auf das Ni- tum von 260 Mrd. US$ in 2018 auf 2700 Mrd. US$ im veau der internationalen Automobil- Jahre 20401 aus. Damit nähert sich der Raumfahrtmarkt industrie. dem Marktvolumen der globalen Automobilindustrie von 2755 Mrd. US$ im Jahr 2020 und prognostizierten 3800 den Orbit gebracht werden und dass dabei 75 Prozent Mrd. US$ im Jahre 20302 an. der Wertschöpfung bei der Herstellung und 25 Prozent 1 Quelle: BDI Grundsatzpapier Zukunftsmarkt Weltraum, 18.10.2019 2 Quelle: McKinsey, 2019
Seite 5 Zukunftsmarkt Raumfahrt beim Transport ins All liegt. Bei der kommerziellen dert dies auch eine neue Kultur der Zusammenarbeit Dienstleistung geht man von einer Marktentwicklung von zwischen Forschung und Industrie auf der Basis von neu- 121 Mrd. US$ in 2016 auf ca. 460 Mrd. US$ in 2030 aus, en, sicheren digitalen Kooperationsplattformen inklusive ohne Einbezug von Satellitenrundfunk (TV). Die Raum- digitalem Schutz der Eigentumsrechte. Zusätzlich bedarf fahrtindustrie und speziell die Satellitenindustrie wandelt es die Adaption jeweiliger Prozesstechniken damit insbe- sich vom Hersteller von hochwertigen Unikaten hin zur sondere KMU entsprechende Kostenrahmen erfüllen können. ‟ Im Projekt IRAS arbeiten For- Baden-Württemberg hat dieser Entwicklung in den letz- schung und Industrie gemeinsam ten Jahren Rechnung getragen und mit der Förderung an Technologien für Satelliten der der Entwicklung einer digitalen Technologieplattform für Generation New Space 2.0 Satelliten „IRAS“ einen Nucleus für die enge Zusammen- arbeit zwischen Forschung und Industrie geschaffen. In- Serienentwicklung und -fertigung von Satelliten, deren nerhalb des Projektes ergänzen sich Erfahrungen und Transport ins All und den vor allem darauf aufbauenden Kompetenzen aus der Luft- und Raumfahrt (Deutsches datengetriebenen Dienstleistungen. Immer kürzere Tech- Zentrum für Luft- und Raumfahrt, DLR), der Ausbildung nologiezyklen werden zu einem Austausch von Satelliten- und Lehre (Universität Stuttgart, IRS) sowie der Produkti- generationen in kürzeren Kadenzen führen und damit zu onsforschung (Fraunhofer Gesellschaft, FhG) auf hervor- einer weiteren Dynamisierung des Marktes. Treiber sind ragende Weise. Die Einrichtungen forschen gemeinsam insbesondere Mega-Konstellationen wie Starlink, One- mit allen wichtigen Raumfahrtfirmen des Landes an neu- Web oder Kuiper. en Technologien für Satelliten der Generation „New Die Schlüsselherausforderungen von New Space und der Space 2.0“ und entwickeln zudem gemeinsam eine digi- folgenden Generation New Space 2.0 für die baden- tale, Blockchain geschützte, datenzentrierte Forschungs- württembergischen Raumfahrtunternehmen sind die und Entwicklungsplattform der Zukunft, um einen sub- Kommerzialisierung mit kürzeren Produktzyklen, der ho- stanziellen Anteil des zukünftigen Marktvolumens für he Innovationsdruck, die bedarfsorientierte Forschung Baden-Württemberg zu sichern. Hier wurden eine tech- und Entwicklung sowie der schnelle Transfer von neuen nologische Basis und ein Netzwerk geschaffen, die es nun Technologien in die Anwendung. Neben dem Einbezug konsequent weiterzuentwickeln gilt. von Technologien aus anderen Industriesektoren erfor- Die Chance für eine überdurchschnittliche Partizipation der Raumfahrtindustrie Ba- den-Württembergs am rasanten Wachstum von Classic Space und New Space 2.0 setzt die erfolgreiche Entwicklung in den folgenden vier Bereichen voraus: a) Wachstum der etablierten Raumfahrtindustrie über die Erweiterung und Transformation der existierenden Raumfahrtindustrie „Classic Space“ in eine agile „New Space 2.0“. Damit insbesondere die Zulieferindustrie respektive KMU und deren manufakturähnliche Produktionsbetriebe auf eine Serienfertigung umstellen kön- nen, müssen diese entsprechende Produktionstechniken und Prozesse adaptieren. b) Wachstum durch neue Firmen über die Schaffung eines Ökosystems für eine florierende Start-up-Kultur zur Entwicklung neuer Marktteilnehmer in Baden-Württemberg sowie digitale Finanzierungsmethoden (Digital Fi- nance), die als Beschleuniger für Innovationen agieren. c) Wachstum durch Quereinsteiger über die Motivation und Unterstützung des Markteintritts branchenfremder Unternehmen, die Produkte aus anderen Branchen für New Space 2.0 anbieten. d) Wachstum durch agile Technologieentwicklung über eine kontinuierliche, gemeinsame Forschung zwischen Industrie, Universitäten und Forschungseinrichtungen und einem effizienten Technologietransfer. Diese vier Entwicklungslinien bieten nicht nur die Möglichkeit für etablierte und neue Raumfahrtunternehmen an der globalen Marktentwicklung der Raumfahrt substantiell zu partizipieren. „Raumfahrt als Infrastruktur“ bietet zudem Akteuren aus stagnierenden oder rückläufigen Industriezweigen eine neue Perspektive, sich in einem globalen Volu- menmarkt zu entwickeln.
Seite 6 Zukunftsmarkt Raumfahrt Handlungsempfehlungen D ie beschriebenen Entwicklungsszenarien der globalen Raumfahrt lassen das außergewöhnliche Potenzial der Raumfahrtforschung und der Raumfahrtindustrie erkennen. Das prognostizierte Wachstum bietet für Baden-Württemberg eine große Chance, wirtschaftliche Risiken bedrohter und rückläufiger Industrieberei- che zu kompensieren. Die Voraussetzung, um an dem prognostizierten rasanten Marktwachstum der Raumfahrt zu partizipieren, ist die erweiterte politische Unterstützung mit den folgenden drei prioritären Handlungsfeldern: 1. Schaffung des Raumfahrtforschungsprogramms Baden-Württem- berg für eine wachstumsorientierte und agile Raumfahrtindustrie Forschung und Technologieentwicklung für die Raumfahrt wird im Lande Baden-Württemberg bislang diskontinuier- lich und projektorientiert gefördert. Dies genügt nicht mehr dem heutigen Innovationsdruck und der Dynamik der weltweiten Technologieentwicklung im Bereich der Satellitentechnologie und der daraus resultierenden vor allem digitalen Anwendungen. Um das Wachstumspotenzial für die Raumfahrtindustrie im Kontext der enormen globalen Marktentwicklung maximal zu nutzen, benötigt Baden-Württemberg ein fortlaufendes Raumfahrtforschungspro- gramm. Für den Weg des „Classic Space“ in eine wachstums- und serienproduktionsorientierte Raumfahrtindustrie „New Space 2.0 Baden-Württemberg“ sollte dieses auf den folgenden fünf Säulen aufbauen: a) Entwicklung von grundlegenden Technologien für Satelliten der Generation New Space 2.0, die wirtschaftlich und in kurzen Zyklen entwickelt, gebaut, betrieben und wieder zurückgeführt werden können. b) Aufbau und Ausbau neuer, wachstumsorientierter, produktionstechnischer Infrastruktur und Technologie mit Fokus auf digital voll integrierter, automatisierter Produktion. Hierbei soll die Wettbewerbsfähigkeit bei mittle- ren - und perspektivisch höheren - Stückzahlen ebenso ermöglicht werden, wie eine ressourceneffiziente und nachhaltige Fertigung von Raumfahrtsystemen. c) Entwicklung von digitalen Technologien inklusive Ansätzen aus den Bereichen maschinelles Lernen und KI für die Nutzung der aus dem Betrieb resultierenden Daten für neue digitale Dienstleistungen. d) Unterstützung des schnellen und effizienten Transfers der Forschungsergebnisse in die industrielle Anwendung, z. B. über Pilotprojekte und die Förderung von Start-ups. e) Ausbildung von Fachkräften sowie Raumfahrtexpertinnen und -experten, die mit dem bestmöglichen Wissen in den neuen Technologiefeldern die Grundlage für eine wachstumsorientierte und agile Raumfahrtindustrie in Baden-Württemberg darstellen. Das Raumfahrtforschungsprogramm muss finanziell so ausgestattet sein, dass eine prototypische Darstellung der Technologien realisiert werden kann und somit den Transfer in die Industrie effizient gestalten lässt. 2. Schaffung von neuen fiskal- und ordnungspolitischen Rahmenbedingungen für New Space 2.0 in Baden-Württemberg Um den maximalen Nutzen aus dem prognostizierten exponentiellen Wachstum der globalen Raumfahrt für Baden- Württemberg zu ziehen, müssen fiskal- und ordnungspolitische Rahmenbedingungen geschaffen werden, die sowohl als Wachstumstreiber für die eingesessene Industrie als auch als Attraktor für neue Firmen dienen. Wesentliche Ele- mente dazu sind: a) Förderung der Transformation der bestehenden Raumfahrtindustrie vor allem bei der Implementierung und beim Ausbau ihrer Infrastruktur, z. B. durch direkte Unterstützung vom Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg in Form von Förderprogrammen für den Transfer von Produktionstechnolo- gien in die Raumfahrtbranche, da es heute an Risikokapital und wesentlichen personellen, apparativen und inf- rastrukturellen Ressourcen fehlt. b) Steuerliche Entlastung und unbürokratische Unterstützung der Ansiedlung neuer Firmen mit neuen raumfahrt- relevanten Technologien und von Start-ups.
Seite 7 Zukunftsmarkt Raumfahrt 3. Ausbau der politischen Gestaltung auf nationaler und europäischer Ebene Um am wachsenden Markt maximal partizipieren zu können, benötigt die Raumfahrt in Baden-Württemberg stärke- re politische Unterstützung, nicht nur auf Landesebene, sondern auch auf Bundes- und europäischer Ebene. Die wichtigsten politischen Handlungsfelder sind: a) Verankerung der Raumfahrt und deren Unterstützung als zukunftsträchtige Wachstumsindustrie für Baden- Württemberg im Koalitionsvertrag und/oder im landespolitischen Gestalten als politische Signalwirkung. b) Starke politische Vertretung der Interessen der Raumfahrtindustrie Baden-Württembergs auf Bundes- (BMWi) und auf Europäischer Ebene (EU, ESA), vor allem in nationalen Förderprogrammen und europäischen Raum- fahrtprogrammen. c) Politische Unterstützung zur Initiierung von Raumfahrtaktivitäten und Technologietransfer insbesondere für KMU in Baden-Württemberg durch eine Raumfahrtkoordinatorin oder einen Raumfahrtkoordinator. New Space 2.0: Eine Erfolgsgeschichte made by Baden-Württemberg Vor allem getrieben durch die Digitalisierung durchläuft Die Raumfahrt ist nicht nur technisch in einer Übergangs- die globale Raumfahrt seit einigen Jahren eine rasante phase. Auch marktpolitisch findet ein Übergang von ei- Transformation von einem industriellen Nischenbereich nem durch nationale Politik dominierten Industriesektor hin zu einem Wachstumssektor, der es in den nächsten zu einem durch wirtschaftliche Rahmenbedingungen beiden Jahrzehnten mit der globalen Automobilindustrie getriebenen Markt statt. In dieser Transformationsphase aufnehmen wird. Das prognostizierte Wachstumspoten- benötigt die Raumfahrtforschung und die Raumfahrtin- zial bietet vor allem für raumfahrtstarke Länder wie Ba- dustrie mehr als bisher die lokale politische Unterstüt- ‟ den-Württemberg eine Chance, Arbeitsplätze und Wohl- stand zu erhalten. Dazu braucht es eine starke und nach- Baden-Württemberg hat die haltige förderpolitische Unterstützung durch ein Raum- Chance mit Hilfe der Raumfahrt fahrtforschungsprogramm in Baden-Württemberg. Nur eine prominente Rolle im Klima- dann schaffen es Forschung und Industrie, zusammen mit schutz und der Ressourceneffizi- den schnellen Entwicklungszyklen Schritt zu halten und maximal an der Transformation und dem Wachstum der enz einzunehmen. globalen Raumfahrt zu partizipieren. Fiskal- und ord- nungspolitische Unterstützung ist nötig, um das Wachs- zung, um sich im Markt positionieren zu können. Die er- tum der etablierten Raumfahrtindustrie zu fördern und weiterte politische Unterstützung durch die Landespolitik das Land Baden-Württemberg attraktiv für Neuankömm- auf Landes-, Bundes- und Europaebene ist eine conditio linge der Branche zu machen. Vor allem im Land gebore- sine qua non. Der Lohn der Unterstützung in allen drei ‟ genannten Bereichen ist nicht nur die wirtschaftliche Die Chancen durch die Raum- Entwicklung, sondern auch die Partizipation am Wachs- fahrt, gerade im Bereich der digi- tum. Baden-Württemberg hat die Chance, eine promi- talen Dienstleistungen und Pro- nente Rolle im Klimaschutz und der Ressourceneffizienz einzunehmen. Ein Schlüssel dazu ist die Raumfahrt: Erd- dukte, sind enorm. beobachtung, nachhaltige Landwirtschaft, Schutz der ne Start-ups müssen von diesem Support getragen wer- Biodiversität, weltraumgestützte Mobilität, effiziente den. Die Chancen im Bereich der digitalen Dienstleistun- Logistik, lückenlose Kommunikation und vieles mehr – gen und Produkte sind enorm, gerade dann, wenn neue New Space 2.0 made by Baden-Württemberg. digitale, Blockchain geschützte Finanzierungsmethoden (Space Financing) als Beschleuniger wirken.
Redaktion: LR BW - Forum Luft- und Raumfahrt Baden-Württemberg e.V. IRAS - Integrated Digital Research Platform for Affordable Satellites, Lenkungskreis Kontakt: LR BW Forum Luft- und Raumfahrt Baden-Württemberg e.V. Türlenstr. 2 70191 Stuttgart Tel.: +49 711/99 88 70 - 90 Fax: +49 711/99 88 70 - 69 info@lrbw.de | www.lrbw.de Bildquellen Titelseite: Pexels.com, Fotolia.com
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