DER SCHLAF, EIN BETRIEBSMODUS? - Annäherungen an ein aktuelles Forschungsfeld - De Gruyter

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   DER SCHLAF, EIN BETRIEBSMODUS?
   Annäherungen an ein aktuelles Forschungsfeld
   von STEFANIE STALLSCHUS

Jonathan Crary: 24 / 7. Schlaflos im Spätkapitalismus,          dass der Schlaf seine bisherige Funktion als große Pause
Berlin (Wagenbach) 2014                                         bereits verloren habe.2 Den Auftakt bildete das ­Gemälde
                                                                Arkwright’s Cotton Mills (1782) des englischen Malers
Matthew Fuller: How to Sleep. The Art, Biology and Culture
                                                               ­Joseph Wrights, das mit der Nachtarbeit in einer Baum-
of Unconsciousness, London u. a. (Bloomsbury) 2018 (E-Book)
                                                                wollspinnerei aus den Anfängen der Industrialisierung
Fabian Goppelsröder: Aisthetik der Müdigkeit, Zürich           die historische Dimension der Ausweitung der Arbeits-
(Diaphanes) 2018                                               zeit aufzeigte. Die eigentliche Ausstellung bestand aus
                                                               medienkünstlerischen Arbeiten, die dystopische Szena-
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Schlafen ist ein physiologisches Grundbedürfnis. Erst
                                                               rien eines beschleunigten und maximal kontrollierten
                                                               Lebens ohne Rückzugsmöglichkeiten entwarfen. Schlaf
in jüngster Zeit hat es vermehrt als soziale Praxis und        ist nur mehr eine andere Art von Betriebszustand.
Kulturtechnik Beachtung gefunden. Bezeichnend für                  Mit diesen Thesen folgen beide Ausstellungen ei-
diese veränderte Perspektive sind zwei jüngere Themen-         nem Forschungstrend, der vor etwa zwei Jahrzehnten
ausstellungen der zeitgenössischen Kunst, die beide            eingesetzt hat. Bis dahin war der Schlaf so gut wie kein
nach den Auswirkungen einer hyperproduktiven und               Thema der Geistes- und Sozialwissenschaften, trotz der
technisch vernetzten Lebensweise fragten. Die Ausstel-         Hinwendung zur Körpergeschichte in den 1970er Jahren
lung Sleeping with a Vengeance, Dreaming of a Life (2019) im   und transdisziplinärer Ansätze der Historischen Anthro-
Kunstverein Stuttgart widmete sich dem Schlaf und da-          pologie in den 1980er Jahren.3 Das änderte sich um die
mit verbunden dem Träumen als letzter Barriere gegen           Jahrtausendwende durch eine Arbeit des US -amerikani-
eine beschleunigte Gesellschaft und ihren Druck, per-          schen Historikers A. Roger Ekirch, der bei Quellenstu-
manent zu produzieren und zu konsumieren.1 Folglich            dien auf einen vom Acht-Stunden-Schlaf abweichenden
entwickelten die künstlerischen Arbeiten eine politische       Schlafrhythmus aufmerksam geworden war.4 Mit seiner
Perspektive auf die konkreten Bedingungen des Schlafs          These vom zweiphasigen Nachtschlaf, der eine längere
und zeigten sein widerständiges Potenzial auf: etwa als        wache Phase mitten in der Nacht beinhaltete und in Tei-
passive Verweigerung von Produktivität, als Störfaktor         len E­ uropas vor der Zeit der Industrialisierung verbreitet
im öffentlichen Raum oder als Quell der Träume vom             war, erschütterte er die normierende Vorstellung eines
besseren Leben. Die ebenfalls 2019 im Somerset House           ‹natürlichen› Schlafverhaltens. Die Folge war ein rasan-
London eröffnete Ausstellung 24 / 7. A Wake-Up Call for        tes Wachstum der Forschungsarbeiten zum Schlaf. Aus-
Our Non-Stop World dagegen vermittelte den Eindruck,           gehend von der Geschichtswissenschaft und Soziologie

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entwickelte sich ein interdisziplinärer Diskurs,                      als Notwendigkeit qua Natur wahrgenommen
der den Schlaf, über die Sphäre des Privaten                          wird. Dies drückt sich etwa in der Bezeichnung
hinaus, als ein wissenschaftshistorisches, kul-                         ‹Schlafmodus› für die temporäre Deaktivie-
turelles und politisches Phänomen behandelt.5                              rung technischer Geräte aus: «Der Begriff
    Bis heute wird vor allem der schmale Es-                                  eines energiesparenden Bereitschafts-
sayband 24 / 7. Schlaflos im Spätkapitalismus                                   zustands lässt den umfassenderen Sinn
rezipiert, den der amerikanische Kunsthisto-                                    von Schlaf zum bloß verzögerten oder
riker Jonathan Crary 2013 vorgelegt hat und                                     verminderten Zustand der Funktions-
der nach seinem Erscheinen auf Englisch in                                     fähigkeit und Verfügbarkeit werden»
zahlreiche weitere Sprachen übersetzt wurde.6                             (S. 18). Welche Folgen eine künstliche, total
Die beiden eingangs erwähnten Ausstellungen                          illuminierte Welt hat, erläutert der Autor in einer
können in gewisser Weise als praktische Umsetzung           faszinierenden Interpretation von Andrej Tarkowskijs
von Crarys Thesen aufgefasst werden, auch wenn sie          Film Solaris (SU 1972), in dem die Bewohner_innen an
eigenständige Schwerpunkte entwickeln und die künst-        chronischer Schlaflosigkeit leiden und entsprechend
lerischen Arbeiten davon unabhängig betrachtet wer-         kognitive Kontrollverluste erfahren (S. 23 f.).
den können. Der Erfolg des Buches lässt sich mit dem            In dieser beängstigenden Welt ist es die digitale Tech-
Anspruch erklären, größere politische Zusammenhänge         nik, gepaart mit kapitalistischer Verwertungslogik, wel-
aufzuzeigen. Darüber hinaus dürften die scharfe Pole-       che die Instrumente zur Kontrolle, Disziplinierung und
mik und die kulturkritische Haltung gegenüber der Ge-       Regulierung des Individuums bereitstellt. Argumentiert
genwart dazu beigetragen haben, dass Schlafprobleme         wird mit verschiedenen militärischen Forschungsprojek-
über den Gesundheitsbereich hinaus als Symptom eines        ten zur Manipulation von Schlafbedürfnissen (S. 9 ff.).
beschleunigten Lebens wahrgenommen werden. Expli-           Zudem wird ein historischer Bogen geschlagen von der
zit spannt der Autor eine Verbindung zur Digitalisierung    Nachtarbeit bei künstlichem Licht in den frühkapitalis-
der Lebenswelt und zum Wandel der Mediennutzung.            tischen Fabriken bis zur massenhaften Verbreitung des
                                                            Fernsehens und der daraus folgenden Vereinnahmung
                                                            vormals anders genutzter Zeiten und Räume (S. 69 ff.).
    Der Schlaf, eine radikale Unterbrechung                 Schließlich wird nach Auswegen aus der umfassenden
Es ist ein düsteres Bild der US -amerikanischen Gesell-     inneren Kapitalisierung durch die Social Media gefragt,
schaft, das Jonathan Crary in seinem Essay entwirft.        in der die Konsumierenden sich selbst zum Konsumob-
Seine Kapitalismuskritik zielt auf die Destruktivität ei-                                 jekt werden (S. 87). Die the-
nes globalen polit-ökonomischen Systems, das seine                                              oretische Analyse sieht
Produktivität nicht nur räumlich, sondern auch zeit-                                            die Gemeinsamkeit die-
lich immer weiter ausdehne, um schließlich auch das                                             ser verschiedenartigen
Individuum in die ununterbrochene Tätigkeit der                                                          Phänomene in
Märkte und Informationsnetze einzupassen. Diese
neue soziale Realität wird von ihm als «Non-stop-
Lebenswelt des 21. Jahrhunderts» (S. 14) oder auch
als «24 / 7-Welt» (S. 15) bezeichnet, in der das Ar-
beiten, Konsumieren und Kommunizieren ohne
Pause und Unterbrechung zum Normalzustand
geworden sei. Wie andere Autor_innen vor ihm
problematisiert Crary also den Zusammenhang von
Zeitstrukturen und ökonomischen Disziplinierungs-
techniken sowie die daraus folgende Entfremdung,
wenn das eigene Leben zur leeren Betriebsamkeit ohne
Geschichte und Zukunft wird (S. 15). Damit verändert
sich auch der Stellenwert des Schlafs, der nicht mehr

BESPRECHUNGEN                                                                            207
STEFANIE STALLSCHUS

der ökonomischen Aneignung der persönlichen freien            Dem Autor kommt das Verdienst zu, erstmals eine
Zeit durch das Kapital.                                       medienwissenschaftlich relevante Perspektive auf den
    So bedroht der Schlaf aktuell auch erscheinen mag,        Schlaf entwickelt zu haben, eine Auseinandersetzung
so ist er doch eine der letzten verbleibenden Bastionen       mit dem Schlaf als konkretem Phänomen bleibt er al-
der Freiheit, so eine der zentralen Thesen des Buches         lerdings schuldig.
(S. 16). Erstens sei der Schlaf in einer 24 / 7-Welt Inbe-
griff einer Beständigkeit des Sozialen, denn als «der
privateste, verletzlichste Zustand, der allen gemeinsam           Das Unbewusste des Unbewussten
ist, ist der Schlaf zu seiner Aufrechterhaltung wesent-       Hier setzt der britische Kultur- und Medienwissenschaft-
lich abhängig von der Gesellschaft» (S. 27). Und zwei-        ler Matthew Fuller mit seinem Buch How to Sleep. The Art,
tens, diese Denkfigur erinnert stark an Ernst Bloch,          Biology and Culture of Unconsciousness an. In 50 überwie-
eröffnet der Schlaf ein Fenster zum Traum, in dem ein         gend kurzen, lose miteinander verbundenen Kapiteln
anderer Entwurf der Zukunft seinen Anfang nehmen              unternimmt er den Versuch, über die übliche defizitäre
kann (S. 106 f.).                                             Betrachtung des Schlafs als einer minderen Version des
    Die Kritik bei Erscheinen des Essays richtete sich        Wachzustands hinauszugelangen (Kap. 2, Abs. 3). Die-
zumeist gegen den alarmistischen Stil und den kultur-         sem Ansatz liegt eine doppelte Kritik zugrunde: Einer-
pessimistischen Grundton des Autors. Zudem wurde              seits wird die philosophische Tradition bemängelt, die
moniert, dass Crary die aktuellen Forschungsarbeiten          Sein und bewusstes Denken identisch gesetzt habe, so-
zum Schlaf ignoriert habe.7 Warum das so ist, lässt sich      dass der Schlaf zur Negativfolie des Wachbewusstseins
relativ leicht erklären. Crary interessiert sich nicht in     werden musste (Kap. 1). Andererseits stehen aktuellere
erster Linie für den Schlaf, denn, wie er in einem Inter-     sozialwissenschaftliche Ansätze in der Kritik, sofern sie
view formuliert:                                              den Zusammenhang zwischen Gesellschaft und Schlaf
                                                              gleich einer Einbahnstraße in nur eine Richtung ver-
   Schlaf ist ja nur ein Bild. Mir geht es grundsätzlich um
                                                              laufend betrachten. Auf diese Weise fokussierten sie
   das Wegfallen inaktiver Zeit. Das betrifft auch die Aus-
                                                              sich auf die Zwänge der Lebenswelt und die sozialen
   beutung natürlicher Ressourcen oder die Landwirt-
                                                              Normen in ihren Auswirkungen auf das Schlafverhalten,
   schaft, wo unablässig ökologische wie menschliche
                                                              während der Schlaf selbst weiterhin als Zustand reiner
   Bedürfnisse nach Ruherhythmen aufgehoben und
                                                              Passivität und primitives körperliches Bedürfnis ge-
   verletzt werden. Wir erleben eine Bioderegulierung.8
                                                              wertet würde (Kap. 10). Hier wird die Kritik des Autors
                                                              an der Position Jonathan Crarys deutlich, der zwar die
                                                              zunehmende Instrumentalisierung des Schlafs beklagt,
                                                                             ohne jedoch die kulturellen Vorannah-
                                                                                 men und Abwertungen grundsätzlich
                                                                                   in Frage zu stellen (Anm. 42).
                                                                                         Wie aber kann eine theoreti-
                                                                                     sche Auseinandersetzung mit dem
                                                                                     Schlafen gelingen? Wie wird das
                                                                                     anspruchsvolle und paradox er-
                                                                                     scheinende Projekt einer «reflex­
                                                                                     ive theory of non-thought» (Kap.
                                                                                     3, Abs. 6) bzw. einer Untersuchung
                                                                                     des Schlafs als «the unconscious of
                                                                                    the unconscious» (Kap. 7, Abs. 2)
                                                                                    umsetzbar? Fuller entwickelt in
                                                                                   seinem Buch zwei Strategien,
                                                                                  um diesem grundsätzlichen Pro­
                                                                                 blem des Zugriffs auf einen opaken,

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DER SCHLAF, EIN BETRIEBSMODUS?

der menschlichen Wahrnehmung                                         Arbeiter_innen- bis zur Occupy-Bewegung
nicht direkt zugänglichen Unter-                                      erzählt (Kap. 3, 33). Diese vielgestaltigen
suchungsgegenstand beizukom-                                           Details fügen sich allmählich zu einem
men. Zum einen konzeptuali-                                             schlüssigen Bild zusammen, das die
siert er das Phänomen mithilfe                                           These von der gestaltenden Kraft des
des kritischen Posthumanis-                                               Schlafens untermauert. Dennoch wird
mus. Er löst das Schlafen aus der                                          der große Anspruch, die komplexen
binären Logik heraus und definiert                                          Wechselwirkungen zwischen materi-
es als einen komplexen Prozess der                                           ellen, sozialen, politischen und tech-
Wechselwirkungen zwischen biophysi-                                           nischen Dimensionen des Schlafens
kalischen und biochemischen Vorgängen                                         im Sinne einer Ökologie zu verdeut-
in den Körpern, sozialen Mustern, Umge-                                        lichen, nicht eingelöst. Auch wären
bungen und technischen Entwicklungen                                           genauere und kritischere Einord-
(Kap. 5 und 13). Insofern verspricht er,                                    nungen von Forschungsinteressen
eine Ökologie des Schlafens zu entwerfen.                            bisweilen hilfreich, etwa wenn das Bild ei-
Die zweite Strategie zielt darauf, die Me-                           ner «Symphonie der Oszillatoren» aus der
diatisierungen und Repräsentationen des                              neurowissenschaftlichen Schlafforschung
Schlafens als Wissensformen auszuwerten.                             übernommen wird, ohne deren Anwendun-
Gerade weil die Schlaferfahrung nur vermit-                          gen in der pharmazeutischen Industrie zu
telt zugänglich ist, lassen die zahlreichen                          erläutern (Kap. 13).
kulturellen Formen der Aufzeichnung, der
Gestaltung und der Darstellung des Schlafens
Rückschlüsse darauf zu, wie das Zusammen-                                Erziehung zur Müdigkeit
spiel körperlicher, sozialer und technischer Fak-                    Auch dem Essay Aisthetik der Müdigkeit von Fa-
toren konkret abläuft.                                               bian Goppelsröder liegt eine grundsätzliche
    Auf dieser Grundlage erschließt das Buch                         Kritik an Crarys Buch zugrunde. Der Philo-
eine Fülle von Gegenständen, um anhand dieser                      soph Goppelsröder greift dessen Eingangsthe-
Mediatisierungen das Schlafen als eine produkti-              se auf, dass der Schlaf als körperliches Bedürfnis in
ve Fähigkeit in den Blick zu nehmen. Dabei liegt die      der 24 / 7-Welt unter Druck geraten sei und tendenziell
Qualität weniger in den historischen Details, die durch   immer stärker manipuliert und unterdrückt werde. Er
andere Forschungsarbeiten bekannt sind, sondern in        bezweifelt allerdings, dass es deshalb der Schlaf sei,
der Auswahl und Zusammenstellung der Beispiele.           der zur Disposition stehe. Liegt es doch in der Logik
Relativ naheliegend ist die Betrachtung der naturwis-     der digitalen Optimierung, wie er am Beispiel medizini-
senschaftlichen Schlafforschung mit ihren Schlafla-       scher Operationen mithilfe des Da-Vinci-Systems oder
boren und Schlafexperimenten von den 1920er Jahren        implantierter RFID -Chips darlegt, dass der Mensch
bis in die Gegenwart. Erst mit dem technischen Appa-      als zentrale Intelligenz des auf ihn bezogenen techno-
ratus der Schlafforschung und seinen Aufzeichnungs-       ökologischen Systems erhalten bleibt. Es ist der kont-
möglichkeiten wird der Rhythmus zum Schlüssel der         rollierte Schlaf, der durch Selbstquantifizierung und
Erkenntnis, dass Schlafen und Wachen einen einheit-       individuelle Anpassung an die Vernetzung angestrebt
lichen Prozess bilden (Kap. 5, 6, 9, 13, 16, 17). Schon   werde, um die Leistung des Systems zu erhalten und
weniger selbstverständlich ist die Beschäftigung mit      zu verbessern (S. 24 – 33). Deshalb sei das eigentliche
Architektur und Design als Gehäuse des Schlafens          Ziel dieser Entwicklung die Abschaffung eines weniger
oder die historische Betrachtung nächtlicher Requisi-     eindeutigen, eines weniger produktiven Zustands zwi-
ten (Kap. 46). Außerdem werden Beispiele unter an-        schen ­Wachen und Schlafen (S. 35). Die quälende und
derem aus der Literatur (Kap. 4), dem Film (Kap. 28),     lähmende Müdigkeit sei im Unterschied zum Schlaf, der
der zeitgenössischen Performancekunst (Kap. 43) so-       sich als Körpertechnik durchaus flexibilisieren lasse, so-
wie der Geschichte des Schlafs als Protestform von der    wohl Reaktion auf die gesellschaftlich aufgezwungene

BESPRECHUNGEN                                                                         209
STEFANIE STALLSCHUS

                                                                  Dekonstruktion die Passivität als eine alle Aktivi-
                                                                    tät durchziehende Kraft in den Blick zu nehmen
                                                                    (S. 86 f.). Ausführlich hat sich Blanchot vor die-
                                                                    sem Hintergrund der Müdigkeit gewidmet, weil
                                                                    sie das Neutrale prototypisch erfahrbar macht,
                                                                    indem sie als Übergang zwischen Schlafen und
                                                                    Wachen einen Zwischenraum des Weder-noch
                                                                     eröffnet (S. 90 ff.). In Anlehnung an Blanchots
                                                                     Wunsch, dorthin zurückzuwollen, wo eine Erfah-
                                                                     rung der Müdigkeit möglich sei, empfiehlt Gop-
                                                                    pelsröder ein Sensibilisierungstraining für das
                                                                 Dazwischen: eine Erziehung zur Müdigkeit (S. 101 f.).
                                                                Aus diesem Grund wendet sich der Autor in den
                                                            abschließenden Kapiteln den ästhetischen Praktiken
                                                            des Wartens und Gehens bzw. den Erfahrungen der
                                Daueraktivität als auch     Langsamkeit, Dehnung und Unschärfe zu. Konkrete
                             ein möglicher Ausweg aus       künstlerische Arbeiten, darunter eine urbane Inter-
der Überlastung (S. 36 – 39).                               vention des Hamburger Kollektivs LIGNA (S. 103 f.)
    Der Autor versucht folglich, die Schlaflosigkeit po-    sowie die Zerdehnung des Filmklassikers Psycho (USA
sitiv umzudeuten und theoretisch neu zu fassen. Auch        1960) in der viel beachteten Video-Installation (1993)
er kritisiert die Oppositionsstruktur in der Vorstellung    von Douglas Gordon (S. 121 f.), werden als Einübungen
von Tag und Nacht und bezieht sich auf die jüngere          in den müden Weltzugang beschrieben. Gegen Ende
Traumforschung, die den Übergang zwischen Wachen            sind es große Werke der romantischen Tradition, etwa
und Schlafen zunehmend fließend auffasst und damit          von Caspar David Friedrich und Novalis, die als perfor-
auch die Vorstellung eines einheitlichen Wachbewusst-       mative Vollzüge der müden Wahrnehmung gedeutet
seins in Zweifel zieht (S. 56). Doch wie lassen sich die    werden. Diese Rückbesinnung auf die Romantik wirft
negativen Konnotationen der Müdigkeit als Erschöp-          allerdings die Frage auf, inwiefern es der Aisthetik der
fung und Symptom psychischer Krisen abstreifen, wie         Müdigkeit tatsächlich gelingen kann, die binäre Logik
positive Ansatzpunkte zur Beschreibung gewinnen? Auf        zu überwinden. Denn für den romantischen Komplex
die Spur bringt ihn Sigmund Freuds methodische Wert-        künstlerischer Schlaflosigkeit und Nachtwache in Ab-
schätzung der «müden Wahrnehmung», weil sie eine            grenzung vom Vernunftdenken des Tages ist das Op-
Selbstbeobachtung des Träumens und der Ankunft des          positionsdenken zentral, auch die aktuellen Diskurse
Unbewussten ermöglicht (S. 67). Von hier aus werden         um die ästhetischen Praktiken des Klarträumens, der
weitere «müde Weltzugänge» in den Blick genommen            Langeweile etc. sind davon geprägt. Hier vermisst
(S. 73), wie das gedankliche Umherschweifen und das         man eine problematisierende Auseinandersetzung
Tagträumen (S. 77 ff.), die schon lange Gegenstände der     mit dem Forschungsstand.
ästhetischen Debatten um den Traum, die visuelle Kog-           Die drei Publikationen verfolgen sehr unterschied-
nition und Kreativitätstechniken sind.                      liche Anliegen vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen
    Die theoretische Grundlegung der Müdigkeit erfolgt      disziplinären Perspektive. In der Zusammenschau aber
in mehreren Kapiteln, die sich mit der Denkfigur des        wird deutlich, dass hier ein Forschungsfeld in Bewe-
Neutrums im französischen Poststrukturalismus ausei-        gung geraten ist und sich erste Konturen eines neuen
nandersetzen. Darunter ist die Aufwertung einer radi-       Zugriffs auf das Thema Schlaf abzuzeichnen beginnen.
kalen, affizierenden Passivität zu verstehen, wie sie von   Es ist demnach kein Zufall, dass alle drei Autoren das
Gilles Deleuze, Roland Barthes oder Maurice ­Blanchot       freiere Format des Essays wählen. Das begünstigt nicht
verfolgt wurde. Allen drei Autoren geht es nicht darum,     nur die Lesefreundlichkeit, sondern ermöglicht auch,
das alte Verhältnis von Aktivität und Passivität einfach    den Schlaf als einen für die Medienwissenschaft rele-
umzukehren, sondern in einer doppelten Geste der            vanten Gegenstand in der freien Auseinandersetzung

                        210                                                                             Zf M 23, 2/2020
DER SCHLAF, EIN BETRIEBSMODUS?

mit Mediatisierungen, künstlerischen Werken und äs-
thetischen Praktiken zu entwickeln. Dabei bleibt vorerst
offen, wie weit die doppelte Dekonstruktion und die
Befreiung des Schlafs bzw. der Müdigkeit von der Nega-
tivität zu tragen vermag.
—
  1 Sleeping with a Vengeance, Dre-          6 In Deutschland nahm die
aming of a Life, kuratiert von Ruth       Bundeszentrale für politische
Noack, 19.10.2019 – 12.01.2020,           Bildung das Buch 2015 als
Württembergischer Kunstverein             Bd. 1550 in ihre Schriftenreihe
Stuttgart.                                auf und sorgte so für eine breite
  2 24 / 7. A Wake-Up Call for Our        Vermittlung des Themas.
Non-Stop World, kuratiert von ­Sarah         7 Hannah Ahlheim: Rezension
Cook, 31.10.2019 – 23.02.2020,            zu Jonathan Crary: 24 / 7. Schlaflos
Somerset House London, vgl.               im Spätkapitalismus, Berlin 2014,
Sarah Cook (Hg.): 24 / 7. A Wake-Up       in: H-Soz-Kult, 13.01.2015,
Call for Our Non-Stop World, Ausst.-      www.hsozkult.de/publicationreview/
Kat. Somerset House London,               id/reb-21649 (15.12.2019).
London 2019.                                 8 Jonathan Crary im Interview
  3 Vgl. die fehlenden Einträge zu        mit David Hesse: Schlaf ist ein
‹Schlaf› und ‹Traum› in: ­Christoph      ­Ärgernis für die Dauerkonsum­
Wulf (Hg.): Vom Menschen.                 kultur, in: Tages-Anzeiger, 18.9.2014
Handbuch Historische Anthropologie,       www.tagesanzeiger.ch/leben/
Weinheim, Basel 1997.                     gesellschaft/Schlaf-ist-ein-Aergerni/
  4 A. Roger Ekirch: Sleep We             (15.12.2019).
Have Lost: Pre-Industrial Slumber
in the British Isles, in: The American
Historical Review, Bd. 106, Nr. 2,
2001, 343 – 386; ders.: At Day’s
Close. Nights in Times Past, New
York, London 2005.
  5 Einen sehr guten orientie-
renden Überblick gibt Hannah
Ahlheim: Der Traum vom Schlaf im
20. Jahrhundert. Wissen, Optimie-
rungsphantasien und Widerständig-
keit, Göttingen 2018, 10 – 16.

BESPRECHUNGEN                                                                     211
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