Eine neue Kultur für die künftige UB Zürich: Mehr Handlungsspielraum und Kompetenzen für die Mitarbeitenden - B.I.T. online
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INTERVIEW 325 Eine neue Kultur für die künftige UB Zürich: Mehr Handlungsspielraum und Kompetenzen für die Mitarbeitenden Ein Interview mit Professor Dr. Rudolf Mumenthaler, Gründungsdirektor der neuen Universitätsbibliothek Zürich Der Aufbau der neuen UB Zürich ist ein großes Change-Projekt. Gründungsdirektor Professor Dr. Rudolf Mumenthaler sprach über seine Ideen und Aufgaben mit b.i.t.online-Chefredakteur Dr. Rafael Ball, Direktor der ETH-Bibliothek Zürich. Herr Mumenthaler, Sie sind seit Beginn dieses Jah- mit denen sie sich in dieser Umstellung zurechtfin- res Direktor der UB Zürich. Wie haben Sie sich in die- den. ser neuen Position eingefunden? ❱ Rudolf Mumenthaler ❰ Lassen Sie mich zunächst ei- In welcher Organisationskultur würden Sie diesen ne Besonderheit vorausschicken: Ich bin Direktor ei- großen Wurf gerne gestalten? ner Bibliothek, die es so noch gar nicht gibt. Der Start- ❱ Rudolf Mumenthaler ❰ Wir haben bei den for- schuss für die neue Organisation fällt am 1. Januar schungsnahen Dienstleistungen die erste Umset- 2022. Bis dahin bin ich Mitarbeiter beim Projekt Auf- bau der Universitätsbibliothek Zürich. Als sogenann- ter Gründungsdirektor bin ich zunächst mit dem Auf- «Die Zentralbibliothek Zürich ist seit 1914 eine öffentlich-rechtliche bau der Strukturen und den Stellenbesetzungen etc. Stiftung, die heute zu 80 Prozent durch den Kanton und zu 20 Prozent beschäftigt und hier, denke ich, bin ich gut angekom- durch die Stadt Zürich finanziert wird. men. Ich wusste im Voraus, es ist ein großes Projekt Die Rechtsgrundlagen der ZB sind der Gründungsvertrag zwischen und eine große Herausforderung. Da es ein Verände- dem Kanton Zürich und der Stadt Zürich aus dem Jahr 1910, die Statu- rungsprojekt ist, erfordert es auch viel Kommunikati- ten und die Bibliotheksordnung. Als Universitätsbibliothek ist die ZB ein wichtiger Teil der universi- on. Entsprechend habe ich viele Kontakte aufgenom- tären Bibliotheksinfrastruktur. Wir erwerben und sammeln wissen- men und zahlreiche Gespräche über die künftige Aus- schaftliche Literatur mit dem Fokus auf die geistes- und sozialwissen- richtung geführt. Gleich in den ersten Wochen habe schaftlichen Fachgebiete: In Absprache mit der Universität Zürich stel- ich 35 Bibliotheken besucht und auch mit Institutslei- len wir so Wissen für Studium, Forschung und Lehre zur Verfügung. tungen und Mitarbeitenden gesprochen, und da habe Für die Studierenden der UZH bietet die ZB zudem einen attraktiven ich den Eindruck, gut angekommen zu sein. Lernort im Zentrum des Hochschulgebiets mit über 600 Arbeitsplätzen. Die ZB nimmt eine Partnerrolle gegenüber der Universität Zürich ein Der Aufbau der neuen UB Zürich ist ein riesiges und arbeitet auf der Basis von Kooperationsmodellen und Leistungsver- Change-Projekt, bei dem die verschiedensten wis- einbarungen mit ihr zusammen. senschaftlichen Kulturen zusammenkommen. Für die Bevölkerung der Stadt und des Kantons Zürich bieten wir viele ❱ Rudolf Mumenthaler ❰ Ja, das ist richtig. Wir haben Dienstleistungen an. Unsere Schulungen und Führungen geben vielfäl- verschiedene Kulturen, eine Hauptbibliothek, eine tige Einblicke in unsere Bestände, leisten aber auch Hilfe beim Suchen große eigenständige rechtswissenschaftliche Biblio und Finden unserer Medien. Ausstellungen in der Schatzkammer und im Turicensia-Themenraum, Lesungen und zahlreiche weitere Veran- thek und viele Institutsbibliotheken mit sehr unter- staltungen vertiefen dieses Angebot. In ihren reichen kulturhistori- schiedlichen Kulturen, von Naturwissenschaften bis schen Sammlungen bewahrt die ZB Zürcher Kulturerbe vom Mittelalter hin zu Geisteswissenschaften. Das ist eine spezielle bis in die Gegenwart und stellt es für Forschung und Öffentlichkeit zur Herausforderung. Ich habe mir für die neue UB vorge- Verfügung. Sie sammelt und erschliesst auch die aktuellen Zeugnisse stellt – und wir haben das schon teilweise vorgespurt, über Zürich, von Zürcher Autorinnen und Autoren und aus Zürcher dass wir uns in gewissen Teilen und Bereichen ganz Verlagen so vollständig wie möglich.» gezielt agil organisieren wollen. Die Liaison Librarians (Quelle: Ausschnitte der website der ZB Zürich: sollen weitgehend selbst gesteuert agieren können. https://www.zb.uzh.ch/de/ueber-uns/die-zb-zeigt-profil) Wir suchen auch entsprechende Tools und Methoden, www.b-i-t-online.de 24 (2021) Nr. 3 online Bibliothek. Information. Technologie.
326 INTERVIEW zung angedacht, indem wir nicht zu stark strukturie- kus auf Geisteswissenschaften und es ist beabsich- ren, sondern Verantwortlichkeiten definieren, damit tigt, dass wir trotz der doppelten Struktur möglichst die Mitarbeitenden ihre Expertenfunktionen wirklich schlank gemeinsam die Dienstleistungen für die Uni- auch wahrnehmen können. Mich treibt jetzt noch die versität erbringen können. Es wird Bereiche geben, Frage um, inwiefern schaffen wir es, das als Grund- da werden Mitarbeitende der UB und der ZB gemein- kultur in die UB einzubringen, also als Expertinnen- sam in einer Struktur arbeiten. und Experten-Organisation so zu arbeiten, dass die Leute vor Ort auch den Handlungsspielraum und die Das hört sich sehr herausfordernd aber auch span- Kompetenzen haben, um Entscheidungen treffen zu nend an. Zur Position der ZB kommen wir später können, ob im Team oder allein. Ich hoffe, dass wir noch. Zunächst aber noch einmal zur Neuorganisa- hier die richtigen Methoden finden, um zielgerichtet tion. Sie hatten schon die sechs Bereichsbibliothe- vorgehen und die Wünsche vor Ort aufnehmen zu ken genannt, die zusammengeführt werden und den können. Ich möchte gerne, dass wir flexibel sind und Kern der Universitätsbibliothek bilden. Bevor wir auf schnell agieren können. Ich glaube, dafür braucht es die einzelnen Teilbibliotheken zu sprechen kommen, eine spezielle Organisationskultur und die möchte ich die zahlreich an der Universität vertreten waren und gerne an der UB schaffen. vielleicht auch noch sind, eine Frage zur Autonomie der Bereichsbibliotheken. Wie groß soll die Autono- Als Gründungsdirektor haben Sie ja nicht nur be- mie dieser sechs Bereichsbibliotheken innerhalb der sondere Schwierigkeiten und besondere Heraus- neuen UB der Universität Zürich sein? forderungen zu meistern, sondern auch die große ❱ Rudolf Mumenthaler ❰ Meine Idee ist, dass diese Chance, ein neues Bibliothekssystem zu gestalten. Bereichsbibliotheken einen größeren Handlungsspiel- Wir sind gespannt. Die Universität Zürich hatte ja bis- raum erhalten und Kompetenzen haben, um zielgrup- her, so habe ich es verstanden, ein eher zweischich- pengerecht auch spezifische Dienstleistungen entwi- tiges Bibliothekssystem und wie wir von Ihnen und ckeln und anbieten zu können. Gleichzeitig schauen den Planungen der Universität lesen und gehört ha- wir aber auch, dass eine gewisse Einheitlichkeit in ben, wollen Sie ein einschichtiges oder funktional den Grundlagenbereichen wie beispielsweise der Be- einschichtiges System etablieren und die Instituts-, nutzungsordnung besteht. Dafür haben wir Rahmen- Fakultäts- und Teilbibliotheken zusammenführen. konzepte erarbeitet und verschiedene Querschnitts- Könnten Sie uns diese Ideen erläutern? aufgaben angedacht, die dann fachbezogen solche ❱ Rudolf Mumenthaler ❰ Wir gehen von der aktuellen übergreifenden Themen wie Nutzungsfragen, Katalo- Situation aus mit drei größeren Bibliotheken, der HBZ gisierung oder Kurier für alle Bereichsbibliotheken ko- Naturwissenschaften, der HBZ – Medizin Careum ordinieren. So wollen wir einen einheitlichen Auftritt und der Bibliothek Rechtswissenschaften, die als Be- gewährleisten, damit die Nutzenden sich zurechtfin- reichsbibliotheken zusammen mit zentralen digitalen den und nicht einen Dschungel, sondern klare Rege- Diensten einen Kern der zukünftigen Organisation bil- lungen vorfinden. Dafür sind solche Querschnittsauf- den werden. Zusätzlich haben wir mehr als 30 Ins- gaben gedacht. Das wird durchaus auch etwas kri- tituts- und Fakultätsbibliotheken, die bis jetzt direkt tisch wahrgenommen, denn man weiß, dass genau den Instituten und Fakultäten angegliedert waren, an diesen Stellen Konflikte auftreten könnten. Wich- aber jetzt herausgelöst und in die gemeinsame Or- tig ist, miteinander zu sprechen, wenn Probleme auf- ganisation überführt werden. Insgesamt wollen wir treten. Logischerweise wird es an diesen Schnittstel- sechs Bereichsbibliotheken etablieren, drei haben wir len eine gewisse Konkurrenz um Ressourcen geben, mehr oder weniger schon, und aus den Instituts- und denn unsere Mittel sind nicht unbeschränkt. So sehe Fakultätsbibliotheken in den Geistes- und Sozialwis- ich die Verbindung von zielgruppenspezifischer Aus- senschaften sollen drei neue Bereichsbibliotheken prägung in den Bereichsbibliotheken, die zusammen- entstehen. Thematisch und geographisch wollen wir gefasst werden über gemeinsame übergeordnete di- sie so zusammenfassen, dass es zwei Bereichsbib- gitale Dienste und Querschnittsaufgaben. liotheken mit Schwerpunkt an der Philosophischen Fakultät im Zentrum geben wird und eine mit dem In der Presse war zu lesen, dass an der Universität Fokus Sozialwissenschaften am Campus Oerlikon. Ei- Befürchtungen geäußert wurden, dass ihre Teilbiblio- ne wichtige zusätzliche Rahmenbedingung sieht vor, thek entmachtet oder aufgelöst wird. Sie befürchte- dass wir sehr eng mit der Zentralbibliothek (ZB) zu- ten, dass die Vor-Ort-Versorgung eingeschränkt wird. sammenarbeiten sollen und dürfen. Die ZB ist tradi- Herr Mumenthaler, wie gehen Sie dort vor? Wird die tionell auch eine Universitätsbibliothek mit dem Fo- große Zahl von Bibliotheken erhalten bleiben? Wenn online 24 (2021) Nr. 3 Bibliothek. Information. Technologie. www.b-i-t-online.de
INTERVIEW 327 Zur Person Rudolf Mumenthaler (1962) hat sein Amt als Direktor der neuen Universitätsbibliothek Zürich (UBZH) im Januar 2021 angetreten. Er kommt von der Zentral- und Hochschulbiblio- thek Luzern, deren Direktor er von August 2017 bis Dezem- ber 2020 war. Davor lehrte er bis Juli 2017 fünf Jahre lang an der HTW Chur (FH Graubünden) als Professor für Bibliotheks- wissenschaften. Seine beruflichen Interessen gelten dem modernen Management von Bibliotheken und der Nutzung neuer Technologien für Bibliotheken und bibliothekarische Aufgaben. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Change Management, Innovationsmanagement, digitalen Strategien, Trend- und Nutzerforschung für Bibliotheken. In Netzwer- ken mit Kolleginnen und Kollegen untersucht und erprobt Mumenthaler digitale Bibliotheken, die Bereitstellung von E-Books, die Anwendung Sozialer Medien für bibliothekari- sche Zwecke sowie die Nutzung von Mobiltechnologien. Er en- schaften studiert. 1996 wurde er von der Universität Zürich gagiert sich durch Vorträge und Publikationen für die Verbrei- mit einer Arbeit über Schweizer Gelehrte im russischen Za- tung gewonnener Erkenntnisse, vielfach auch ehrenamtlich, renreich zum Dr. phil. promoviert. 1997 bis 2012 arbeitete er unter anderem in Fachkommissionen, Advisory Boards und an der ETH-Bibliothek Zürich, leitete dort bis 2008 die Spezial Vereinen. Die bibliothekarische Gemeinde kennt ihn als Ge- sammlungen und ab 2009 den Bereich Innovation und Marke- stalter experimenteller Workshops wie Zukunftswerkstätten, ting. In dieser Zeit bildete er sich 2004 und 2005 an der Uni- Maker Spaces oder Library Labs auf Fachkonferenzen. versität Freiburg zum Thema Management von nicht gewinno- Rudolf Mumenthaler hat an der Universität Zürich Allgemei- rientiert arbeitenden Organisationen weiter. 2009 absolvierte ne Geschichte mit Schwerpunkt Osteuropäische Geschich- er eine Weiterbildung am Leadership Institute for Academic te, Russische Sprache und Literatur sowie Politische Wissen- Librarians an der Harvard Graduate School of E ducation. ja, wie organisieren Sie die Einbindung dieser Biblio- einzelne Person sitzt, die für sich die Medien bearbei- theken, auch ihrer Ressourcen und Konzepte in die tet. Mit dem Poolen sollen größere Einheiten entste- eigentliche Universitätsbibliothek? Welche Modelle hen, die sich ergänzen, aushelfen, wo auch größere haben Sie, welche Ideen, die Bibliotheken einigerma- Pensen möglich sind. In diesem Bereich streben wir ßen friedvoll in diese Grundidee einer großen Biblio- eine Professionalisierung an. Als weitere Idee soll ein thek der Universität Zürich zu integrieren? Nutzungsdienst für die gesamte Bereichsbibliothek ❱ Rudolf Mumenthaler ❰ Es hat am Anfang recht zuständig sein. Auf diese Weise sollen Standorte großen Widerstand gegeben. Es ging in diesem Zu- mit einer betreuten Theke und Standorte ohne sammenhang um einen in diesem Projekt vorgese- Theke mit einer Selbstausleihe, Selbstverbuchung, henen Neubau. Mit dem Forum UZH soll 2027/28 Rückgabeautomaten usw. entstehen. Insofern wird es ein neues Gebäude nah am Zentrum entstehen. In da schon Veränderungen geben. Gleichzeitig nehme diesem Forum soll mit einer Bereichsbibliothek die ich in den Gesprächen mit den Instituten deren Hälfte der Institutsbibliotheken der Philosophischen Sorge wahr, dass die Dienstleistungen abgebaut Fakultät zusammengeführt werden. Da gab es gro- oder verschlechtert werden. Ich versuche dann im ße Ängste nicht nur seitens der Bibliotheken, son- konkreten Gespräch zu klären, dass wir das Gegenteil dern es ging auch darum, dass Institute ihre Umge- im Sinn haben: Durch die Bündelung wollen wir neue bungen verlassen und in diesen Neubau umziehen Dienstleistungen oder bestehende Dienstleistungen müssen. Mit der Konkretisierung des Projekts durch verbessert anbieten können. Beispielsweise soll die bekannten Architekten Herzog & de Meuron hat ein Kurier zwischen der ZB und den Standorten der sich die Situation etwas entkrampft. Weiterhin ha- Universitätsbibliothek Dokumente liefern, was heute ben wir vor, die Bereichsbibliothek 1 dezentral auf- noch schwierig ist. Ich hoffe so sichtbar zu machen, gestellt zu lassen an den Standorten, die wir heute dass es eine Verbesserung gibt und die Zufriedenheit haben. Wir werden allerdings den Betrieb ändern. Wir unserer Nutzerinnen und Nutzer gesteigert wird. In haben die Idee, z.B. die Medienbearbeitung zusam- den Gesprächen nehme ich viel Wohlwollen wahr, menzuführen, damit nicht an jedem Standort eine auch Kritik, aber grundsätzlich in konstruktiver Form, www.b-i-t-online.de 24 (2021) Nr. 3 online Bibliothek. Information. Technologie.
328 INTERVIEW die deutlich macht, man will zusammenarbeiten und unabdingbar und von großer Relevanz sind. Gibt es gemeinsam einen hohen Standard sicherstellen. klare Absprachen und Modelle für die Zusammen- arbeit mit Ihnen und dem Direktor der ZB? Sie hat- Das hört sich gut an und diese Ideen der „produc- ten angedeutet, dass Mitarbeiter gemeinsam geführt tion of scale“ bieten sich auch an und jeder Biblio- werden. Wollen Sie noch etwas näher ausführen, thekar, jede Bibliothekarin versteht das. Können Sie wie die Zusammenarbeit z.B. hinsichtlich Budgets, konkretisieren, welche Absprachen Sie hinsichtlich Erwerbungsabsprachen, aber auch Personal und der Finanzierung getroffen haben? Werden die Stel- Dienstleistungen in Zukunft aussehen wird? len bei Ihnen in einem zentralen Pool geführt, sind ❱ Rudolf Mumenthaler ❰ Das ist jedenfalls eine alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Teil- und spannende Frage. Die ZB ist eine Partnerin auf Au- Bereichsbibliotheken ab sofort Ihnen als Bibliotheks- genhöhe. Das ist aus Sicht der Universität vielleicht direktor unterstellt oder aber ist die Autonomie noch nicht das Naheliegendste. Es ist der rechtlichen Si- so, dass die Stellen von den Fakultäten bezahlt und tuation geschuldet. Die ZB ist eine Stiftung, die zwar auch organisiert werden? Wie sieht es mit der Me- hauptsächlich vom Kanton Zürich finanziert wird, dienfinanzierung aus? Gibt es einen einheitlichen aber auch von der Stadt. Sie hat einen zusätzlichen Literaturetat? Oder sind da doch dezentrale Mittel Auftrag. Soviel ich weiß, hat man relativ früh einmal von den Fakultäten vorhanden? Und die letzte Frage, angefangen, in die Richtung ZB wird UB zu denken. wird das Literaturbudget der Gesamt-Universitäts- Das wurde dann verworfen. Man sammelt nun par- bibliothek zentral von der Universitätsleitung verge- allel die Universitätsbibliotheken in einer eigenstän- ben und mit Ihnen verhandelt oder müssen Sie ein- digen Organisation und sorgt dafür, dass UB und ZB zeln mit allen Fakultäten verhandeln, wie es in einem reibungslos zusammenarbeiten. Das heißt, budget- zweischichtigen System üblich ist, und dort Gelder mäßig ist die ZB unabhängig, das wird über die Stif- einsammeln, die Sie zentral ausgeben können? tung und ihre Finanzierung geregelt, während die UB ❱ Rudolf Mumenthaler ❰ Die Antwort ist ziemlich ihre Mittel direkt von der Universität bekommt. Man eindeutig: Es ist zentralisiert. Das Personal wird in hat ein gemeinsames Grundsatzpapier entwickelt einen gemeinsamen Pool überführt, alle Mitarbei- „Grundsatzfragen der Zusammenarbeit“. Darin ist tenden sind ab 1.1.2022 der UB Zürich unterstellt, festgeschrieben, wie wir die Zusammenarbeit regeln also mir. Die Erwerbungsbudgets werden komplett wollen. Vorgesehen ist, dass wir bei der Erwerbung an die UB übertragen. Dieses Verfahren läuft gera- für gewisse Fächer, vor allem geisteswissenschaftli- de und es ist anspruchsvoll, wie Sie sich vorstellen che, gemischte Teams haben mit den Liaison Librari- können. Wir erheben den Stand bezüglich Räume, ans, die gemeinsam für die Erwerbung und Informa- Personal, Sach- und Erwerbungsmittel, die dann von tionsversorgung zuständig sein werden. Man kann den Fakultäten und Instituten gegengeprüft werden. sich das so vorstellen, dass ein bisheriger Fachrefe- Es gibt noch Diskussionen, ob gewisse Stellen noch rent, eine bisherige Fachreferentin in der ZB mit ei- am Institut bleiben oder nicht. Wir beabsichtigen in nem Mitarbeitenden, vermutlich einem Fachreferen- den nächsten Wochen und Monaten die getroffenen ten oder Leiter/Leiterin einer kleinen Bibliothek der Vereinbarungen zu unterzeichnen. Diese schriftliche UB, zusammenarbeitet. Sie treffen dann Absprachen, Übereinkunft, dass die Mittel an die UB übertragen erstellen gemeinsam ein Konzept für die Erwerbung, werden, geht dann an die Universitätsleitung zur Ge- schauen, wer beschafft was, braucht es Mehrfach- nehmigung. Auf den Anfang nächsten Jahres werden exemplare, wo werden die dann aufgestellt usw. Das die Mittel dann 1 zu 1 übertragen. wird im Alltag eine sehr enge Zusammenarbeit ge- ben. Bei den elektronischen Medien, die ja finanziell Vielen Dank für diese klare Aussage. Das wird unse- besonders interessant und auch anspruchsvoll sind, re Leser sehr interessieren, weil es ein Modell ist, gibt es bereits eine Arbeitsteilung, dass die heuti- das in dieser Konsequenz nicht in jeder Universität ge Hauptbibliothek der Universität für die E-Medien realisiert wird. Ich würde jetzt gerne zurückkommen im naturwissenschaftlichen, medizinischen Bereich auf die ZB Zürich. Wir wissen, dass die Finanzierung zuständig ist, und die ZB für die E-Medien im geis- der ZB Zürich durch Kanton, Stadt und Universität teswissenschaftlichen Bereich. Das wird so bleiben, zu einer speziellen Situation, einer Stiftung geführt aber auch hier gibt es enge Absprachen, wer wel- hat. Unterstellungs- und Reporting-Verhältnisse sind che Lizenzen verhandelt und unter welchem Budget nicht ganz eindeutig, gleichzeitig ist die ZB eine leis- das laufen wird. Es geht noch weiter: Im Bereich for- tungsfähige Bibliothek mit tollen Beständen, die ge- schungsnahe Dienstleistungen ist es so, dass es an rade für die Geisteswissenschaften der Universität der Universität mit der Hauptbibliothek (HBZ) schon online 24 (2021) Nr. 3 Bibliothek. Information. Technologie. www.b-i-t-online.de
INTERVIEW 329 seit Jahren eine Abteilung gibt, die sich zunächst mit Wir haben jetzt über Struktur, Organisation und Zu Open Access (OA) beschäftigt hat und vor drei Jah- sammenführung von Teilbibliotheken gesprochen. ren ausgebaut wurde zu Data Services und OA. In Als Gründungsdirektor einer neuen Universitätsbib- diesem Bereich, wo die UB schon so viel mitbringt, liothek haben Sie sicherlich auch inhaltliche Vorstel- wird die ZB Mitarbeiter/Mitarbeiterinnen delegieren, lungen, es ergeben sich auch ganz neue Möglich- die in diesem Team mitwirken. Das ist ein Prozess, keiten, mehr zentrale Dienstleistungen anzubieten. der gerade läuft. Da soll es also auch ein gemein- Was haben Sie sich inhaltlich vorgenommen, wo sames Team geben, das für die gesamte Universität werden Sie Schwerpunkte setzen als neuer Direktor für OA und Forschungsdatenmanagement zuständig der UB Zürich? Ist das Thema Bestand, Sammlung, sein wird. Collection noch ein Thema für Sie? Oder orientieren QURIA ® das LMS für die moderne Bibliothek • QURIA ist neu: entwickelt für die Herausforderungen der digitalen Öffentlichen Bibliothek. • QURIA ist (zukunfts-)sicher: von Axiell – dem europäischen Marktführer mit 35 Jahren LMS-Erfahrung. • QURIA ist global UND lokal: aus der Cloud, jetzt schon live in Deutschland, der Schweiz, Schweden und Norwegen… • QURIA macht Spass: 100% responsiv! Das LMS in der Hosentasche, im Home-Office, in der OpenLibrary… Wetten, dass Ihr LMS dagegen alt aussieht? Stellen Sie uns auf die Probe! CAFÉ So geht LMS aus der Cloud! Lesen Sie mehr unter www.axiell.com/de Axiell_Quria_tyska_180x257.indd 1 2021-04-19 12:56 www.b-i-t-online.de 24 (2021) Nr. 3 online Bibliothek. Information. Technologie.
330 INTERVIEW Sie sich stärker an Dienstleistungen und wenn ja, se bei der Datenvisualisierung unterstützen. Fortge- an welchen? schrittene Studierende und Doktoranden bekommen ❱ Rudolf Mumenthaler ❰ Bestand und Sammlung Hilfe im Umgang mit Daten, bei der Visualisierung sind immer noch ein Thema. Da werde ich auch öf- oder auch beim Einsatz von neuen Methoden im Be- ter darauf hingewiesen, dass Bestand und Samm- reich Didaktik. Solche Dinge sind in Vorbereitung, die lung gerade in der philosophischen Fakultät extrem wir dann auch entsprechend ins Portfolio der UB auf- wichtig sind und das respektiere ich auch. Es gibt nehmen werden. Fächer, die arbeiten nach wie vor mit Büchern, und da werden wir entsprechend die Information in der Lassen Sie uns zum Abschluss des Gesprächs noch Form besorgen, die sie brauchen. Gleichzeitig aber einmal auf eine andere Flughöhe gehen und die – und das ist das Aber, das dazukommt – ist es Ziel Bedeutung der UB Zürich für den Wissensplatz Zü- und auch Motivation hinter der ganzen Anstrengung, rich ansehen. Zürich ist eine wichtige Stadt in der Bibliotheksdienstleistungen auf einem internationa- Schweiz, wenn nicht sogar die wichtigste, wenn es len Standard anzubieten. Dieses Projekt zu stem- um Wissenschaft geht, um die Ausstrahlung nach men, ist ein Riesenaufwand, das macht man nicht, außen, die Internationalität. Wir haben leistungsfä- weil es lustig oder schick ist, sondern weil man ei- hige Universitäten und Hochschulen am Platz Zürich, nen Mehrwert schaffen will. Für die Universität Zü- Sie nannten schon die ETH. Sie selbst sind an der rich ist es wichtig, die aktuellen Entwicklungen im renommierten Universität Zürich. Es gibt zudem an- Bibliothekswesen aktiv mitzugestalten, das bedeutet erkannte und leistungsfähige Fachhochschulen der im Moment sicher im Bereich Forschungsdatenma- verschiedensten Art in Zürich. Wo sehen Sie den nagement, Forschungsunterstützung insgesamt und Platz der UB und was würden Sie gerne in Angriff Publikationsunterstützung. Open Science ist ein sehr nehmen in Zusammenarbeit mit den Partnern am großes Thema an der Universität, bei dem wir stän- Wissensplatz Zürich? dig gefragt sind, mitzuwirken und Dienstleistungen ❱ Rudolf Mumenthaler ❰ Meines Erachtens kann die mit zu entwickeln. Dann auch Innovation insgesamt. UB eine Rolle als Mitspieler, aber auch als treibende Das spricht mich natürlich auch persönlich an. Be- Kraft übernehmen. Ich denke, die Dynamik, die gerade sonders spannend finde ich die Pläne, sich im Be- entsteht, ist eine, die auch Ausstrahlung hat. Ich se- reich von Lernräumen weiter zu entwickeln und zu he vor allem Potenzial in der Weiterentwicklung. Wenn untersuchen, wie arbeiten Studierende, welche Un- wir Kräfte bündeln können, wenn wir uns zusammen- terstützung brauchen Forschende von der Bibliothek. tun können, dann entsteht ein Schwergewicht, das Inhaltlich ist ganz wichtig für mich, die Universitäts- im deutschen Sprachraum mindestens eine wichtige, bibliothek und die Universität, dass wir in diesem Be- wenn nicht zentrale Rolle spielen kann. Natürlich ent- reich auch mit den Partnern am Platz Zürich, auch stehen dann auch Synergie-Effekte bei den Dienstleis- mit der ETH-Bibliothek, natürlich gerne gemeinsam tungen, da muss man sich dann im Einzelfall anschau- aktiv sind und uns Gedanken machen über die Zu- en, ob man sich spezialisieren kann. Meiner Meinung kunft und auch konkrete Lösungen entwickeln. nach macht es Sinn, wenn man Schwerpunkte setzen kann und sich mit den anderen auch Dienstleistungen Wir kommen gleich noch auf die Bedeutung der UB und Infrastruktur teilen kann. Da sehe ich ein großes für den Wissensplatz Zürich zurück. Vielleicht haben Potenzial. Vielleicht ein Beispiel: Was die UB passiv Sie noch ein Beispiel eines konkreten Projektes für nutzen wird: Die ZB aber auch die ETH-Bibliothek ha- uns, das Sie anbieten wollen und das es bisher noch ben Digitalisierungszentren aufgebaut und betreiben nicht in den verschiedenen Bibliotheken der Univer- sie sehr erfolgreich und effizient. Ich würde mich jetzt sität Zürich gab. Gibt es etwas, wo sie sagen, jetzt in hüten, in der UB Ähnliches aufzubauen. Wenn wir Be- der neuen Struktur können wir dieses Innovations- darf haben, werden wir auf unsere Partner zukommen projekt in Angriff nehmen? und gerne ihre Infrastruktur und ihr Know-how mitnut- ❱ Rudolf Mumenthaler ❰ Ja, es gibt an und für sich zen für die Aufgaben der Universität. Dinge nicht zu laufend Entwicklungen, die nachher für die UB wich- tun, die andere schon besser machen, wäre für mich tig werden. Wir haben z.B. kürzlich den Digital Lib- auch ein Beispiel für das große Potenzial, das der Wis- rary Space entwickelt, ein Labor für neue Methoden sensplatz Zürich hat. im Sinn eines Scholarly Maker Space. Hier kann man Herr Mumenthaler, wir danken Ihnen für das Ge- neue Technologien für den Unterricht ausprobieren spräch und wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg und oder in der Forschung einsetzen. Es ist auch möglich, tolle Ideen bei Ihrer großen Aufgabe als Gründungs- Kontakt zu Fachleuten zu knüpfen, die beispielswei- direktor der UB Zürich. online 24 (2021) Nr. 3 Bibliothek. Information. Technologie. www.b-i-t-online.de
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