Fishing for significance - Mag.a Antonia Griesbacher 8. Februar 2018 Tag der Mathematik - mug Graz
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Fishing for significance Mag.a Antonia Griesbacher 8. Februar 2018 Tag der Mathematik 08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher 1
Klinische Studien für Dummys
Studie
Studie planen
durchführen
Daten Daten
auswerten aufbereiten
05
p < 0,
p-Werte
berechnen
p ≥ 0,
05
08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher
2Eine Katze, die sich in den Schwanz beißt óFebruar 2014, George Cobb, emeritierter Mathematikprofessor postet in einem Forum óQ: „Why do so many colleges and grad schools teach p = 0.05?“ A: „Because that‘s still what the scientific community and journal editors use.“ Q: „Why do so many people still use p = 0.05?“ A: „Because that‘s what they were taught in college or grad school.“ 08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher 3
Statistische Tests und
Modellierung
08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher 4Von deskriptiver Statistik zur
Inferenzstatistik
óZiel: Aussagen über Gesamtpopulation
óIn Realität: Daten von der Gesamtpopulation oft nicht
vorhanden
óLösung: Ziehe Stichprobe und triff Aussagen über die
Gesamtpopulation
óFragestellungen:
òÜberprüfung von Hypothesen
òUntersuchung von Zusammenhängen zwischen
Variablen
08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher 5Teilbereiche der Inferenzstatistik
Inferenzstatistik
Schätzen Testen Modellieren
08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher 6Wann werden statistische Tests
verwendet?
óZiel: Überprüfung einer Hypothese über die Population
anhand einer Stichprobe
óKlassische Fragestellungen:
òLiegen Messwerte im Schnitt über oder unter einem
Grenzwert?
òLiegt ein Anteilswert über oder unter einem Wert?
òUnterscheiden sich zwei oder mehr Gruppen
hinsichtlich eines Merkmals?
òFolgen die Daten einer bestimmten Verteilung?
òGibt es zwischen zwei Merkmalen einen
Zusammenhang?
08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher 7Grundidee eines Tests óStatistischer Test ist ähnlich „Beweis durch Widerspruch“ óStelle Hypothese auf und gehe vom Gegenteil aus („Angenommen meine Hypothese stimmt nicht“) óBeispiel: „In der Schweiz gibt es mehr RaucherInnen als in Italien“ Aber angenommen, der Anteil an RaucherInnen wäre in beiden Ländern gleich hoch óBetrachte Ergebnis der Stichprobe óWenn der Anteil gleich hoch ist, wie wahrscheinlich ist dann das Ergebnis der Stichprobe? óWenn Wahrscheinlichkeit gering ist, dann ist Anteil der RaucherInnen wohl doch nicht gleich hoch (und die ursprüngliche Hypothese ist untermauert) 08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher 8
Fiktives Beispiel
Rauchen N-Rauchen
Ist das ein klarer Beweis, dass
Schweiz 29 % 71 % die SchweizerInnen mehr
Italien 28 % 72 % rauchen?
Rauchen N-Rauchen
Ist das ein klarer Beweis, dass
Schweiz 75 % 25 % die SchweizerInnen mehr
Italien 25 % 75 % rauchen?
Rauchen N-Rauchen
Schweiz 3 1 …immer noch ein Beweis?
Italien 1 3
08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher 9Aufbau eines statistischen
Testverfahrens
óFormuliere Hypothesen
òH0: Nullhypothese
òH1: Alternativhypothese – die soll bewiesen werden!
óLege Irrtumswahrscheinlichkeit α fest (oft 5% - ist reine
Konvention!)
óBerechne Testgröße (auch: Teststatistik) aus den Daten der
Stichprobe
òTestgröße hat immer etwas mit der Fragestellung zu tun
(Unterschied zwischen Mittelwerten/Anteilen etc.)
òOft fließt auch Streuung der Daten mit ein
òTestgröße ist eine Zufallsgröße mit bestimmter Verteilung
08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher 10Aufbau eines statistischen
Testverfahrens
óBerechne p-Wert: „Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit
für die berechnete Testgröße oder ein noch extremeres
Ergebnis unter der Annahme, dass H0 gilt? “
óWenn p-Wert unter α liegt à H0 verwerfen, H1
annehmen à das Ergebnis ist signifikant
óWenn p-Wert über α liegt à H0 beibehalten
óp-Wert ist abhängig von
òder Stärke des beobachteten Effekts (≙Testgröße)
òGröße der Stichprobe
òMessgenauigkeit in den Daten
08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher 11Beispiel Gauß-Test
óZiel: Vergleich des Mittelwerts mit Grenzwert
óVoraussetzung:
òDaten sind (annähernd) normalverteilt
òStandardabweichung ist bekannt (à realistisch?)
óHypothesen
òH0: µ ≥ µ0 H 0: µ ≤ µ 0 H 0: µ = µ 0
òH1: µ < µ0 H 1: µ > µ 0 H 1: µ ≠ µ 0
óTestgröße
$# − &'
!= ~ ,(0,1)
(/ * Standardfehler des
Mittelwerts
08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher 12Beispiel Gauß-Test
óAbfüllanlage für Getränke
óMaschine füllt im Mittel 0,515 l ab mit einer
Standardabweichung von 0,005 l.
óMonatlich wird anhand einer Stichprobe getestet, ob
sich die mittlere Abfüllmenge von 0,515 l verändert hat.
Wenn ja, wird nachjustiert.
óH0: µ = 0,515 H1: µ ≠ 0,515
óStichprobe n = 20:
òMittelwert 0,5134 l à Abweichung 0,0016 l
óBerechnung der Testgröße
$ (
%&' ",-./0&",-.-"
ò!" = = = −1,431
)/ + ",""-/ 1"
08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher 13Beispiel Gauß-Test
óBerechnung des p-Werts:
òP(|Z| > 1,431) = 0,1524 = 15,24%
òW‘kt, für eine Testgröße unter Gültigkeit von H0, die
mindestens so extrem ist wie 1,431 beträgt 15,24%
òD.h. W‘kt, dass eine völlig intakte Maschine eine
Stichprobe mit durchschnittlicher Abweichung von
0,0016 l produziert, beträgt 15,24%
óTestentscheidung
ò15,24% > α = 5%
òErgebnis ist statistisch nicht signifikant
òH0 wird beibehalten
ñ gehen davon aus, dass Maschine in Ordnung ist
ñ d.h. es wird NICHT nachjustiert
08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher 14Beispiel Gauß-Test óTestgröße Z ist standardnormalverteilt óα = 5% 08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher 15
Statistische Modellierung
óBeziehung zwischen Zielvariable Y (abhängige
Variable) und unabhängigen, erklärenden Variablen
Xi
óXi können metrisch oder kategoriell sein!
óz.B. Lineares Modell mit n erklärenden Variablen
! "# , … , "& = ( ) + ( # "# + ⋯ + ( & "& + ,
β … unbekannte Modellkoeffizienten
ε … Fehlerterm (Zufallselement) ~ N(0,s)
08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher 16Lineare Regression
Regressionsgerade
/ = 23 + 25 6
0
Y Vorhersagewert +*
intercept c
+ − +* = 8 (Residuum)
d
b0
c/d = b1 … Anstieg beobachteter Wert +
X
08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher 17Aufgaben der Modellierung óFinde Koeffizienten à Parameterschätzung óTesten, ob Modell signifikant ist (ANOVA): “Wird die Vorhersage durch das Modell verbessert im Vergleich zum Raten (z.B. Mittelwert) oder einem anderen Modell?” óTesten auf signifikante Modellkoeffizienten: “WELCHE Xi sind nützlich für die Vorhersage?” óVorhersage von neuen Beobachtungen auf Grundlage von erklärenden Variablen 08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher 18
Nichts ist wirklich sicher 08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher 19
Auf den Punkt gebracht
„All models are wrong,
but some are useful.“
George E. P. Box (britischer Statistiker)
08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher 20Die Krux mit dem Beweis
Frage: Ab wann habe ich mit meiner Schätzung / meinem
Test etwas bewiesen?
GAR NIE!
ABER:
Wenn das Ergebnis einer statistischen Aus-wertung
eine geringe Irrtumswahrscheinlichkeit hat, wird die
Ergebnis als „Beweis“ angesehen.
08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher 21Type I und Type II error
(α- und β-Fehler)
aus: P. Ellis: The Essential Guide to Effect Sizes
08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher 22Fehlertypen und Power
óStatistische Tests sind immer mit Vorsicht zu genießen!
óα-Fehler: H1 angenommen, aber H0 wäre richtig
óβ-Fehler: H1 konnte nicht „bewiesen“ werden, obwohl
sie korrekt ist
óPower einer Studie
òWahrscheinlichkeit beim vorhandenen Design der
Studie auch tatsächlich eine korrekte H1 nachweisen zu
können
óPower eines Tests (Teststärke): Die Fähigkeit eines
Tests, bei korrekter H1 ein signifikantes Ergebnis zu
liefern
08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher 23Im Nachhinein ist‘s leichter
óHypothesen, α-Level, Power für geplante Analysen
müssen IM VORHINEIN festgelegt werden
óÄndern von z.B. Hypothesen im Nachhinein führt zu
verzerrten Ergebnissen!
óBeispiel (© H.P. Stüger): Cowboy in Texas!
òSchieße auf Scheune mit Revolver
òMale um Einschusslöcher die Zielscheibe
òGib mit deinen Schießkünsten im Saloon an!
08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher 24Relevant oder nicht, das ist hier die
Frage
óViele Fehlschlüsse bei Ergebnissen von statistischen
Auswertungen möglich:
ò„Das Ergebnis ist signifikant! Hurra, wir haben etwas
bewiesen!“
ò„Mist. Das Ergebnis ist nicht signifikant. Unsere
Hypothese wahr wohl falsch.“
óp-Wert wird beeinflusst von
òGröße des Effekts
òStichprobengröße
óFolgen:
òn sehr groß à sogar minimale Effekte signifikant
òn sehr klein à auch große Effekte nicht signifikant
08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher 25p-Werte wo man nur hinsieht
óMultiples Testen:
òBetrifft Untersuchungen mit vielen Variablen, wo viele
statistische Tests durchgeführt werden
òProblem: Signifikante Ergebnisse treten auf, obwohl H1
falsch ist
òWahrscheinlichkeit für falsch pos. Ergebnis: 0,05
òWahrscheinlichkeit von mind. 1 falsch positivem
Ergebnis bei Tests von 10 falschen H1:
P(mind. 1 falsch pos. Erg.) = 1 – P(kein falsch pos. Erg) =
1 – 0,9510 = 0,401 ≈ 40%!
Alphafehler-Kumulierung
08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher 26Fishing for significance
© A. Griesbacher
08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher 27p-Werte sind umstritten óStatistische Inferenz ist in Fachkreisen umstritten óManche meinen, p-Werte sind grundsätzlich ungeeignet und produzieren viele falsche Ergebnisse ó"P values are a health hazard. The more of them you see on a computer printout, the less meaningful they are.“ (Wilkinson L: SYSTAT: The system of statistics. Evanston, Illinois: SYSTAT, Inc., 1986.) óManche sagen, dass falsche Ergebnisse vor allem dann zustande kommen, wenn Analysen von Personen durchgeführt werden, die nicht ausreichend statistisch gebildet sind. óDie Konvention einer Signifikanzgrenze von 5% ist komplett willkürlich! 08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher 28
Fehlschlüsse und ihre Folgen
óGlaubwürdigkeit der Statistik leidet
óPatientInnen mit schweren Leiden erlitten Schaden
óWissenschaftlerInnen bemühen sich vergeblich,
signifikante Ergebnisse zu reproduzieren
óDie Öffentlichkeit lernt, Studien nicht mehr zu trauen
(Stichwort „Fake News“)
(Berry, D.A.: „P-values are not what they‘re cracked up to be“, Supplementary Material
to the ASA‘s Statement on p-values“)
óPublikationsbias à Studien mit signifikanten
Ergebnissen werden eher publiziert
òMeta-Analysen können helfen, diesen Bias aufzudecken
08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher 29ASA‘s Statement on p-Values
ASA … American Statistical Association
Wasserstein, R.L. & Lazar, N.A., THE AMERICAN STATISTICIAN,
2016, VOL 70, NO. 2, 129 - 133
1. p-Werte zeigen an, wie inkompatibel die Daten mit einem
speziellen statistischen Modell sind
§ Ausgangslage H0
§ Wie gut passen H0 und Ergebnisse der Stichprobe zusammen?
§ Wenn p-Wert gering à verwerfe H0
2. p-Werte messen NICHT die Wahrscheinlichkeit, dass die
Nullhypothese richtig ist, oder die Wahrscheinlichkeit,
dass die Daten rein zufällig so zustande gekommen sind
08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher 30ASA‘s Statement on p-Values
3. Wissenschaftliche Schlussfolgerungen und
wirtschaftliche bzw. politische Entscheidungen sollen
nicht nur darauf basieren, ob ein p-Wert unter einem
bestimmten Grenzwert liegt.
§ WissenschaftlerInnen sollen nicht nur p-Werte
publizieren, sondern auch das Studiendesign, Qualität
der Messergebnisse, Gültigkeit der getroffenen
Annahmen für Modellierung etc.
4. Korrekte Inferenzstatistik erfordert vollständiges
Berichten und Transparenz
§ ALLE Studienergebnisse müssen in einer Publikation
enthalten sein, nicht nur jene, die signifikante
Ergebnisse liefern!
08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher 31ASA‘s Statement on p-Values
5. Ein p-Wert oder statistische Inferenz misst nicht die
Größe eines Effekts oder die Wichtigkeit eines
Resultats!
§ Kleine p-Werte sind nicht gleichbedeutend mit großen
oder wichtigen Effekten
§ Große p-Werte sind nicht gleichbedeutend mit
unwichtigen oder nicht vorhandenen Effekten
6. Nur für sich genommen bietet ein p-Wert kein gutes
Maß für einen Beweis für die Gültigkeit eines Modells
oder einer Hypothese
§ Ein großer p-Wert ist KEIN Hinweis darauf, ob die
Nullhypothese stimmt!
08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher 32Zusammenfassung 08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher 33
Fazit
óViele Menschen haben Probleme, Statistiken richtig zu
interpretieren
óStatistiken mit reinen p-Wert-Angaben sollen immer
hinterfragt werden
óStatistische Tests und statistische Modelle sind immer
mit einer gewissen Irrtums-wahrscheinlichkeit behaftet
óWichtig ist zu wissen, was p-Werte aussagen und vor
allem, was nicht!
Dazu ist statistisches Grundwissen
unabdinglich!
08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher 34Was Statistik ist ó„Statistik ist eine Wanderkarte. Wenn man sie zu sehen bekommt, ist sie von der Realität schon etwas überholt. Dennoch gibt sie Orientierung. Man muss sie mit Verstand lesen können, sonst geht man in die Irre.“ (M. Kruse) ó„Statistik ist für mich das Informationsmittel der Mündigen. Wer mit ihr umgehen kann, kann weniger leicht manipuliert werden. Der Satz: „Mit Statistik kann man alles beweisen“ gilt nur für die Bequemen, die keine Lust haben, genau hinzusehen.“ (E. Noelle- Neumann) 08.02.2018 Mag.a Antonia Griesbacher 35
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